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Eine Frage noch ... Ein Podcast der Agenda Austria

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Eine Frage noch... Gespräche mit Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport. Ein Podcast der Agenda Austria.
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Wie geht es dem Humor, Harald Martenstein?

mercredi 20 septembre 2023Duration 31:20

Harald Martenstein gilt als einer der populärsten Kolumnisten im deutschen Sprachraum. Er schreibt seit vielen Jahren für die „Zeit“, seit Kurzem auch für die „Welt am Sonntag“. Sein Markenzeichen ist die feine Ironie, mit der er sich die Ereignisse auf der Welt – und vor allem im deutschen Teil der Welt – vorknöpft.  

Mit der Agenda Austria ist Harald Martenstein seit langem freundschaftlich verbunden. Zum 10. Geburtstag kam er deshalb nach Wien und hielt eine launige Festrede. Bei dieser Gelegenheit entstand auch der Podcast. 

Harald Martenstein kommt politisch von weit links. In seiner Jugend war er sogar Mitglied der DKP (Deutsche Kommunistische Partei). Mittlerweile gilt er mit seinen Ansichten links der Mitte als Störenfried. Was ist da passiert? „Aus meiner Jugend kenne ich ganz viele gestandene Linke, die heute ähnlich denken wie ich“, sagt Martenstein. „Wir post-68er waren ganz stark antiautoritär eingestellt. Bei uns galt noch das Ideal der Freiheit. Die Leute sollten leben dürfen, wie sie wollen. Heute haben wir es viel stärker mit einer autoritären Linken zu tun.“ Seine einstige Sympathie für den Kommunismus lasse sich damit aber nicht erklären, gibt Martenstein zu. Die beste Begründung dafür: „Ich war mit 17 nicht der große politische Durchblicker.“

Deutschland befinde sich derzeit auf einem sonderbaren Weg, findet der Kolumnist. Einerseits werde die Stärke dieses Landes, die industrielle Basis, von Teilen der Regierung regelrecht bekämpft. Und gesellschaftspolitisch sei eine neue Lust am Bespitzeln und Vernadern erkennbar. „Es gibt ungefähr 100.000 Meldestellen für sexistische, rassistische, antifeministische Bemerkungen oder Verhaltensweisen. Das macht mich fassungslos.“ Zumal es explizit um nicht strafrechtlich relevante Vorwürfe gehen soll. „Die Zeiten haben sich geändert, sind illiberal geworden.“ 

Letzteres wirke sich auch auf den Humor aus, meint Martenstein. Der einstige Late-Night-Talker Harald Schmidt habe den richtigen Zeitpunkt erwischt, um zu gehen. Stattdessen gibt es nun Jan Böhmermann – von dem der Kolumnist allerdings nicht viel hält: „Das ist die Art von Humor, die ich nicht mag. Auf dem Feldherrenhügel stehen und den Leuten sagen, was gut ist und was böse. Das Gegenmodell zu Böhmermann ist für mich Gerhard Polt. Böhmermann erreicht nur Gleichgesinnte. Was Polt macht, hat Wirkung auf die Leute, die gemeint sind.  

Und warum hält der Ex-Kommunist Martenstein beim Fest der wirtschaftsliberalen Agenda Austria eine Lobrede auf den Kapitalismus? „Die Leute werden sagen, jetzt ist er da angekommen, wo er hingehört.“ 

Harald Martenstein, 70 
Der gebürtige Mainzer gehört zu den populärsten Kolumnisten und Journalisten im deutschen Sprachraum. Seine Texte wurden vielfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis und dem Henri-Nannen-Preis. Martenstein hat auch mehrere Romane verfasst, sein bis dato jüngstes Werk („Wut“) erschien 2021.  

 

Braucht der Staat eine Schuldenbremse? (Christoph Schaltegger)

jeudi 29 juin 2023Duration 37:43

Die jüngsten Krisen haben im österreichischen Staatshaushalt tiefe Spuren hinterlassen. In nur drei Jahren stiegen die Schulden der Republik von 316 auf 361 Milliarden Euro. In der Schweiz gibt es seit mehr als 20 Jahren eine Schuldenbremse. 85 Prozent der Bevölkerung sprachen sich damals dafür aus, die Politiker zur Budgetdisziplin zu zwingen. Im Podcast der Agenda Austria erzählt der Ökonom Christoph Schaltegger, wie es dazu kam, wie die Schuldenbremse funktioniert und welche Effekte sie hat. 

 Die Schweizer Schuldenbremse sei relativ simpel gestrickt, sagt Schaltegger. „Es wird geschätzt, wie hoch die Einnahmen des kommenden Jahre sein werden. Läuft die Konjunktur gut, muss ein bisschen mehr eingenommen als ausgegeben werden. In einer Rezession ist es umgekehrt. Aber der Deckel muss eingehalten werden.“ 

Corona sorgte natürlich auch in der Schweiz zu stark erhöhtem Finanzbedarf. Wie vertrug sich das mit dem Ausgabenlimit? „Das Design der Schuldenbremse gibt die Möglichkeit, in gewissen Situationen das Limit zu erhöhen. Solche Ausgaben werden außerordentlich verbucht und müssen außerordentlich abgetragen werden.“ Auch das unterliege einem strengen Reglement. 

Die Schuldenbremse ist in der Schweiz nicht unumstritten. Einige Ökonomen sehen das Instrument seit je her kritisch. Die lange Zeit sehr niedrigen Zinsen hätten auch in seiner Heimat die Debatte befeuert, ob man beim Schuldenmachen nicht etwas großzügiger sein könnte, berichtet Christoph Schaltegger. Just Ende des Jahres 2019 stellte der Bundesrat eine Expertengruppe zusammen, die ausloten sollte, ob angesichts der komfortablen Zinsen und des Wirtschaftswachstums nicht mehr Spielraum für Ausgaben eröffnet werden solle. 

Nicht erst seit Corona ist spürbar, dass die Erwartungen der Bürger an den Staat enorm gestiegen sind. Kaum wird es schwierig, soll die Politik helfen. Wie kommen Regierungen da wieder heraus? Letztlich sei der Staat ja dafür da, in Krisen helfend einzugreifen, räumt Christoph Schaltegger ein. Nach seinem persönlichen Empfinden sei die Grenze zwischen Ausnahmesituationen und konjunkturell normalen Zeiten aber immer mehr verschwommen. „Heute ist praktisch Dauerkrise. Deshalb haben einzelne Gruppen immer die Möglichkeit, ihre speziellen Interessen zum Allgemeingut zu machen. Wenn das Schule macht, tun es alle. Das ist eine gefährliche, zersetzende Kraft in einer Demokratie.“ Arbeitgeber seien da übrigens um keinen Deut anders als Unselbständige. „Das habe ich als Ökonom früh gelernt: Die Unternehmen sind kein Hort des ordnungspolitischen Gewissens. Wenn ein Unternehmer merkt, dass er vom Staat profitieren kann, wird er das gerne tun“, sagt Schaltegger. 

Nach mehreren Zinserhöhungen durch die Europäische Zentralbank stellt sich die Frage, ob alle Euroländer ihre enormen Schulden langfristig noch bedienen können. Schaltegger sieht ein gewisses Risiko, dass es zu einer neuen europäischen Schuldenkrise kommen könnte. „Die Bruttoschulden einzelner Länder übertreffen bereits den Stand während des Zweiten Weltkriegs. Und bekanntlich gab es nach dem Krieg einige Staatsinsolvenzen.“

Christoph Schaltegger, 51

Der gebürtige Basler ist Professor für politische Ökonomie an der Universität Luzern und Direktor des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP). Er hat mehrere Bücher geschrieben, publiziert regelmäßig in der „Neuen Zürcher Zeitung“ und gehört zu den einflussreichsten Ökonomen des Landes. Am 19. Juni hielt er in der Agenda Austria einen Vortrag über die Schuldenbremse in der Schweiz.

Ist die Krise schon vorbei? (Christian Helmenstein)

jeudi 2 février 2023Duration 37:20

2022 wird als besonders schwieriges Jahr in Erinnerung bleiben, in dem scheinbar alles schief ging. Dennoch wuchs die Wirtschaft in Österreich um fast fünf Prozent, mehr als doppelt so stark wie in Deutschland. Auch die Aussichten für das laufende Jahr wurden zuletzt besser, mit einer tiefen Rezession rechnet kaum noch jemand. Warum läuft es jetzt doch besser als erwartet? 

Antworten auf diese und viele weitere Fragen gibt Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung, im aktuellen Podcast der Agenda Austria. Es bestehe derzeit tatsächlich Grund für „konjunkturelle Zuversicht“, meint der renommierte Volkswirt. „Die nächsten sechs Monate werden noch sehr schwierig werden. Aber der Aufschwung wird uns in der zweiten Jahreshälfte oder spätestens 2024 erwarten.“ 

Den Hauptgrund für die verbesserte Prognose sieht Helmenstein in den enormen staatlichen Hilfspaketen: „Damit konnte die Konjunktur soweit stabilisiert werden, dass wir in der Tat jetzt mit einer Stagflation rechnen können, nicht mehr mit einer Rezession. Wir haben uns Wirtschaftswachstum und Stabilität auf Kosten künftiger Generationen erkauft.“ Ein Konzept für die Zukunft sei das natürlich nicht. Würde man auf diesem Weg weitergehen, käme man irgendwann an die Grenzen des möglichen Verschuldungsgrades.   

Dass die Wirtschaft in Österreich zuletzt so viel besser lief als in Deutschland, erklärt der Ökonom vor allem mit dem unterschiedlichen Branchenmix. „Die deutsche Wirtschaft hat enorm unter der Schwäche der Autoindustrie gelitten, die schon seit 2018 anhält. Das haben wir in Österreich so nicht. Wir sind gut diversifiziert. Daneben haben wir auch noch einen starken Tourismus.“ Aber Deutschland werde sich bald wieder erfangen, glaubt Helmenstein. Nicht zuletzt dank einer neu durchstartenden Autoindustrie.  

Nicht eingetreten ist zum Glück auch der befürchtete Energienotstand. Niemand muss in einer kalten Wohnung sitzen, keine Fabrik wurde wegen Energiemangels dichtgemacht. Für Helmenstein liegt das an mehreren Faktoren: „Furcht kann ja auch ein guter Hinweisgeber für tragfähige Entscheidungen sein“, sagt er. „Das scheint mir passiert zu sein. Wir haben alles daran gesetzt, die Bezugsquellen zu diversifizieren. Eine Zeitlang kamen auch noch beträchtliche Mengen Gas aus Russland. Außerdem haben wir Glück gehabt; der Winter war bisher mild. Und schließlich zeigt sich, dass die Marktwirtschaft funktioniert. Die Preissignale wurden richtig verstanden, es kam zu Einsparungsmaßnahmen.“

Der herrschende Arbeitskräftemangel werde die Industrie wohl noch eine Zeitlang vor Probleme stellen. Doch auch in diesem Bereich setzt der Ökonom auf die Kraft des Marktes. Seit Jahren gebe es Klagen über zu geringe Produktivitätszuwächse. Der ausgedünnte Arbeitsmarkt sei jetzt ein guter Grund, sich diesem Thema zu widmen, erklärt Helmenstein im Podcast der Agenda Austria: „Innovative Unternehmerinnen und Unternehmer werden darüber nachdenken, wie sie die Produktivität ganz massiv steigern können. Dadurch entstehen auch neue Einkommensperspektiven für die Beschäftigten.“

Nur bedingt gute Nachrichten hat der IV-Ökonom, was die weitere Entwicklung der Inflation betrifft. „Wir werden nicht so schnell vom hohen Niveau herunterkommen. Die neuesten Prognosen sagen, dass wir in der Eurozone das Zwei-Prozent-Ziel nicht vor 2025 erreichen werden.“ Es könne aber auch länger dauern. Aus der Industrie kämen unterdessen bereits dämpfende Effekte. „Die Zuwachsraten bei den Industriegüterpreisen gehen schon deutlich zurück.“ 

Christian Helmenstein, 56

Der gebürtige Deutsche studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Köln und promovierte in Bochum. Er war am Institut für Höhere Studien tätig und ist seit 2004 Chefökonom der Industriellenvereinigung. Helmenstein leitet auch den unabhängigen internationalen Forschungsverbund Cognion, zu dem etwa das Economica Institut für Wirtschaftsforschung gehört.

Ist China ein Partner oder ein Feind? (Susanne Weigelin-Schwiedrzik)

jeudi 19 janvier 2023Duration 41:54

Die Zusammenarbeit mit China ist für den Westen zuletzt schwieriger geworden. Präsident Xi Jinping tritt enorm machtbewusst auf, und China verweigert sich den westlichen Sanktionen gegen Russland. Was sollte der Westen tun, falls China wirklich eines Tages im demokratischen Taiwan einmarschiert? Und wie ist der radikale Schwenk in der Coronapolitik zu interpretieren? 

Susanne Weigelin-Schwiedrzik war viele Jahre lang Sinologin an der Uni Wien und gilt als ausgewiesene Expertin für die chinesische Politik, Wirtschaft und Lebensart. Sie warnt im Podcast der Agenda Austria davor, die – letztlich erfolgreichen – Proteste chinesischer Bürger gegen die Covid-Politik falsch zu verstehen. Um mehr Freiheit in einem abstrakten Sinn oder gar um den Wunsch nach Demokratie sei es dabei nicht gegangen: „Die Leute haben gekämpft – aber vor allem darum, dass sie wieder arbeiten gehen und Geld verdienen können. Durch Null-Covid sind viele Menschen in eine Situation geraten, in der ihnen einfach das Geld ausging. Es gibt in China kein soziales Auffangnetz“, sagt Weigelin-Schwiedrzik. 

Die rigorose Pandemiebekämpfung habe verheerende wirtschaftliche Folgen gehabt und sei wohl hauptsächlich deshalb an ihr Ende gekommen, meint die Expertin. Überraschend daran sei höchstens der Zeitpunkt: „Die kommunistische Partei Chinas vermeidet gerne den Eindruck, dass Proteste auf der Straße ihre Entscheidungen beeinflussen.“

Die Taiwan-Frage sei für China zuletzt wichtiger geworden, weil diese nun auch eine geopolitische Dimension bekommen habe. Wieder gehe es letztlich darum, ob die USA ihre Hegemonie in dieser Region behaupten können. Vom Plan, die aus Sicht Chinas abtrünnige Provinz wieder zu einer von Peking gesteuerten Provinz zu machen, werde China sicher nicht abrücken, meint Weigelin-Schwiedrzik. „China will im Augenblick eine militärische Operation gegen Taiwan vermeiden. Alle wissen, dass eine solche höchst riskant wäre. Würde man das versuchen und nicht erfolgreich sein, könnte die Legitimation des gesamten Regimes in Frage gestellt werden. Stattdessen übt man jetzt Druck auf Taiwan aus. Ziel ist eine Spaltung der Eliten in Taiwan.“

Im Kampf gegen den Klimawandel sei China sicher nicht der zuverlässige Partner, den man sich wünschen würde, meint sie. „An erster Stelle steht für chinesische Unternehmer die wirtschaftliche Entwicklung.“ Deshalb werde man nicht freiwillig auf Geschäfte verzichten, nur um die globale CO2-Bilanz zu verbessern. Bei aller berechtigten Kritik plädiert Weigelin-Schwiedrzik aber dafür, auch die andere Seite zu sehen: „China hat ein sehr ausgefeiltes gesetzliches Instrumentarium für den Umweltschutz. Diese Gesetze werden auch immer wieder angewendet. Deshalb kommt es vor, dass plötzlich mehrere hundert Unternehmen plötzlich ihre Tore schließen müssen, weil ihre Produktionsweise nicht mit den Gesetzen im Einklang steht.“ Wie bei allen wichtigen Fragen wolle China auch beim Klimaschutz die Nummer eins werden. Einzelne Handlungen mögen diesem Ziel im Wege stehen, aber der Ehrgeiz sei durchaus vorhanden. 

Das mittelfristige geopolitische Ziel von Staatspräsident Xi Jinping sei ganz klar, meint die Sinologin: „China will im Zentrum der Weltpolitik stehen, als zweite Supermacht neben den USA. Dann könnte man sich, sozusagen unter Männern, auf eine Aufteilung der Welt einigen. Europa gehört übrigens zu den Regionen, in denen China gerne machen möchte, was es will.“

Susanne Weigelin-Schwiedrzik, 67, Die gebürtige Deutsche studierte Sinologie in Bonn und in Peking. Sie war Universitätsprofessorin in Heidelberg (1989 bis 2002) und in Wien (2002 bis 2022). Sie ist korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Rückblick 2022: War tatsächlich alles so schlecht in Österreich? (Franz Schellhorn)

jeudi 22 décembre 2022Duration 11:34

Von einer Krise in die nächste. Kaum ist Corona vorbei, stehen wir vor dem nächsten Problem: Hohe Preise, wohin man sieht. 2022 war ein turbulentes und krisenreiches Jahr in Österreich. Die enorme Inflation und die instabile Weltwirtschaftslage bekamen wir vielfältig zu spüren. Und trotzdem ist dieses Jahr die Wirtschaftsleistung in Österreich stärker gestiegen als gedacht. Also kann ja nicht alles schlecht gewesen sein, oder?

Die Nice & Naughty List der Agenda Austria zeigt, was sich im Jahr 2022 in Österreich positiv verändert hat und was eher ein Fail war. Der Direktor der Agenda Austria, Franz Schellhorn, zeigt auf, wo die Probleme in der österreichischen Wirtschaft liegen und was für eine bessere Zukunft getan werden sollte. 

In welchem Bereich Schellhorn eine eindeutige Herausforderung für das kommende Jahr sieht: „Das Pensionssystem muss sich ändern, damit die jungen Generationen ein System vorfinden, das sie bezahlen können. Das heißt, wir müssen einfach länger arbeiten. Nicht nur um den Arbeitskräftemangel zu entschärfen, sondern auch um das Pensionssystem stabil zu halten.“

Zur Person: Dr. Franz Schellhorn leitet seit Februar 2013 den in Wien ansässigen Think Tank Agenda Austria. Er studierte Handelswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien. Vor seinem Studium absolvierte er eine Bankausbildung bei der Creditanstalt, kehrte aber nach der Hochschule nicht in die Finanzwirtschaft zurück, sondern heuerte bei der Tageszeitung „Die Presse“ an, für die er 15 Jahre lange arbeiten sollte. Von 2004 bis 2013 leitete Franz Schellhorn das Wirtschaftsressort der „Presse“, ab dem Jahr 2011 fungierte er zudem als Mitglied der Chefredaktion. Während seiner Tätigkeit bei der „Presse“ schloss Franz Schellhorn im Jahr 2004 sein Doktoratsstudium ab.

Was läuft falsch in der Asylpolitik? (Melita Šunjić)

jeudi 8 décembre 2022Duration 42:12

Bis Jahresende wird Österreich wahrscheinlich mehr als 100.000 Asylanträge entgegengenommen haben – deutlich mehr als im Krisenjahr 2015. Wieder sind die Quartiere voll; Bund und Länder streiten über die Aufteilung der Flüchtlinge. Europa schafft es offenbar nicht, eine humane und zugleich funktionierende Asylpolitik zu gestalten.  

Seit 2015 habe sich tatsächlich kaum etwas verändert, sagt die langjährige UNHCR-Mitarbeiterin und Migrationsexpertin Melita Šunjić im Podcast der Agenda Austria. „Es ist substanziell nichts weitergegangen. Das verstehe ich nicht. Wenn ein System nicht funktioniert, kann man nicht trotzdem immer weiter das gleiche tun und andere Resultate erwarten. Da muss man, wie die Engländer sagen, out of the box denken, etwas anderes probieren.“ Die europäischen Dublin-Regeln haben nach Ansicht von Šunjić ausgedient: „Die Dublin-Verfahren dienen nur dazu, dem jeweils anderen das Problem umzuhängen.“ 

Šunjić plädiert seit langem für eine Neuaufstellung der EU-Asylpolitik, basierend auf Überlegungen des UNHCR. „Die Idee ist, dass es nicht 27 verschiedene Asylverfahren geben soll, sondern ein EU-Verfahren. Das soll dort abgewickelt werden, wo die Flüchtlinge ankommen, also an den Außengrenzen der EU.“  All jene, die Asyl bekommen, sollten dann auf die Mitgliedsländer verteilt werden. Bei den anderen könnte noch geprüft werden, ob sie für den europäischen Arbeitsmarkt geeignet seien. Wer auch diese Hürde nicht schafft, müsste in die Heimat zurückkehren. Der große Vorteil aus Šunjićs Sicht: „Die EU würde dann mit den Herkunftsländern die Abkommen zur Rückübernahme abschließen, nicht mehr die einzelnen Länder. Da hätte man eine viel bessere Verhandlungsmacht.“

An sich wäre jetzt die Zeit günstig, endlich ein Übereinkommen auf europäischer Ebene zu erreichen, meint die Expertin. Einstige Bremser in Osteuropa stünden seit Beginn des Krieges in der Ukraine selbst vor großen Problemen: „Die Visegrad- und die baltischen Staaten haben sich immer am meisten gegen einen Aufteilungsschlüssel gewehrt. Jetzt haben sie sehr viele ukrainische Flüchtlinge. Und siehe da: Plötzlich gibt es Interesse an einer Verteilung. Das wäre ein Moment für Brüssel, um noch einmal in Verhandlungen zu gehen.“ 

Am wichtigsten wäre es nach Šunjić Meinung, endlich zwei Kanäle zu schaffen – einen für jene, die tatsächlich Schutz suchen, einen anderen für jene, die einfach nur ihre Lebenssituation verbessern und arbeiten wollen. „Wir schaufeln jedes Jahr hunderttausende Menschen in ein teures, aufwändiges Asylverfahren, in das sie nicht hineinwollen und in das sie auch nicht hineingehören“, sagt Šunjić. 

Melita Šunjić war selbst ein Flüchtling; im Alter von zwei Jahren kam sie mit ihren Eltern aus dem heutigen Kroatien nach Österreich. In der eigenen Familie hat sie erlebt, dass viele Träume in der Fremde nicht in Erfüllung gehen. „Mein Vater war Maschinenbauingenieur. Aber er kam ohne Deutschkenntnisse nach Österreich, musste schnell Geld verdienen und hat hier dauerhaft als Lkw-Fahrer gearbeitet. Das ist ein recht typisches Flüchtlingsschicksal.“

Melita Šunjić, 67, wurde in Rijeka geboren und kam mit zwei Jahren nach Österreich. Sie studierte Publizistik und arbeitete zunächst als Journalistin. Unter anderem war sie Ressortleiterin Außenpolitik der „Wiener Zeitung“. Danach wechselte sie zum UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, wo sie leitende Pressesprecherin war und viele Krisenherde der Welt persönlich besuchte. Sie ist Gründerin der Agentur Transcultural Communication, die Regierungen und internationale Organisationen bei der Entwicklung von Kampagnen für Flüchtlinge und Migranten berät.

Was will die Generation Z? (Bernhard Heinzlmaier)

jeudi 24 novembre 2022Duration 38:16

Rosemarie Schwaiger spricht mit dem Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier

Wer heute jung ist, hat ein Imageproblem. Die sogenannte Generation Z sei arbeitsscheu und bequem, heißt es. Für den eigenen Komfort und eine gute Work-Life-Balance würden die Jungen gerne auf beruflichen Erfolg verzichten. Stimmt das? Nein, sagt der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier im Podcast der Agenda Austria. Jedenfalls stimme es nicht für alle: „Ich halte nichts von pauschalen Beurteilungen.“ 

Je nach der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schicht sei die Motivation völlig verschieden. Hochqualifizierte könnten sich heute eben aussuchen, wo sie arbeiten wollen. „Ich berate gerade das Bundesheer. Dort suchen sie IT-Fachleute. Die Bewerber kommen, legen ihre Forderungen auf den Tisch, und das Bundesheer sagt, ‚das können wir nicht machen, wir haben ein Schema‘. Also gehen die Leute wieder.“

So selbstbewusst sei aber nur ein kleiner Teil der jungen Generation, meint Heinzlmaier. Dem sehr großen Rest stellt er die Diagnose „risikoaverser Sicherheitstyp“. Wie äußert sich das? „Sie wollen einen sicheren Job und eine sichere Beziehung, in der Treue groß geschrieben wird. Sie wollen auch eine sichere Lebensumgebung, am liebsten ein Häuschen im Grünen etwas abseits der großen Städte. Es geht um Stabilität und Planbarkeit.“

Gesellschaftliche Umbrüche seien von dieser Generation folglich nicht zu erwarten. Heinzlmaier zitiert den deutsch-koreanischen Philosophen Byung-Chul Han: „In einer Gesellschaft, in der das Liken dominiert, kann es keine Revolution geben.“ Unter 30-Jährige sind mit der Social-Media-Kultur aufgewachsen und hätten gelernt, dass es gefährlich sein kann, sich zu exponieren. „Laut unserer neuesten Studie sagen zwei Drittel der unter 29-Jährigen, es ist besser, nicht alles zu sagen, was man sich denkt. 50 Prozent finden, man kommt weiter, wenn man sich anpasst und unterordnet.“ 

Völlig out ist laut Heinzlmaiers Studien auch die Rebellion gegen die eigenen Eltern – früher ein fixer Bestandteil des Erwachsenwerdens: „So eine enge Beziehung zwischen Kindern und Eltern wie heute gab es noch nie.“ Die Jungen ließen sich gerne leiten und lenken, sagt der Experte. „Sie sind nicht gerade süchtig nach Verantwortung.“ 

Heinzlmaier hat sich für die zwei großen Gruppen unter den Jungen tierische Metaphern ausgedacht: Die gut gebildete, privilegierte, international ausgerichtete Oberschicht firmiert als „Wachteln“. Alle anderen gelten als „Pinguine“ – sind also treu, vorsichtig, bescheiden. „Die große Mehrheit gehört zu den Pinguinen. Das sind bekanntlich Vögel, die nicht fliegen können“, erläutert Heinzlmaier. 

Bernhard Heinzlmaier, 62, hat Philosophie studiert und ist seit Jahrzehnten in der Jugendforschung tätig. Er ist Geschäftsführer der T-Factory Trendagentur mit Niederlassungen in Hamburg und Wien und Vorsitzender des Österreichischen Instituts für Jugendkulturforschung. Heinzlmaier lehrt an der FH Joanneum in Graz und an der FH Burgenland in Eisenstadt.

Kann es in diesem Krieg noch einen Sieger geben? (Markus Reisner)

jeudi 10 novembre 2022Duration 48:58

Rosemarie Schwaiger spricht mit dem Militärstrategen Markus Reisner

Mehr als acht Monate nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ist kein Ende in Sicht. Oberst Markus Reisner, Militärstratege beim Österreichischen Bundesheer, hat im Podcast der Agenda Austria schon vor fast einem halben Jahr einen langen, blutigen Krieg prophezeit. In der Neuauflage des Gesprächs muss er bei dieser Einschätzung bleiben: Ein Ende sei erst in Sicht, wenn eine Seite messbare militärische Erfolge erzielt habe, meint Reisner. „Das wäre die Voraussetzung, dass zumindest einer mit Verhandlungen beginnen muss. Solange es diese durchschlagenden Erfolge nicht gibt, wird der Krieg weitergehen.“

 Zuletzt habe die Ukraine zwar einige Städte wieder zurück erobert. Dennoch sei Russland längst nicht am Ende. „Das Paradoxe ist: Trotz der Erfolge auf dem Gefechtsfeld besteht für die Ukraine die Gefahr, in Nachteil zu geraten, weil es nicht gelingt, den russischen Angriffen auf die Infrastruktur etwas entgegenzuhalten“, analysiert Reisner.

 Einen Sieger kann es nach Ansicht des Experten nicht mehr geben: „Ich würde den Begriff Sieg in diesem Zusammenhang vermeiden“, sagt er. Dafür sei schon zu viel Schreckliches passiert. „Wir stehen vor den Trümmern der europäischen Sicherheitsarchitektur. Die Strategie der Russen ist jetzt offenbar, die Dinge, die sie nicht bekommen, zu zerstören. Und die europäische Bevölkerung ist Teil eines Wirtschaftskriegs, der auf jeden Fall zu einem Wohlstandsverlust führen wird.“ Er hoffe nur, dass der Konflikt regional einhegbar bleibe und beide Seiten an den Verhandlungstisch zurückkehren.  „Momentan sagt die Ukraine, wir wollen diesen Weg bis zum Schluss gehen. Die Frage ist, ob das so bleibt. Auch Russland sagt, wir wollen unsere Ziele erreichen, koste es, was es wolle. Vielleicht gibt es auch hier irgendwann die Einsicht, dass es sich nicht mehr ausgeht.“

 Anders als in der Öffentlichkeit vermittelt, sei die Kommunikation im Hintergrund wohl doch nicht gänzlich zum Stillstand gekommen – weder zwischen den Kriegsparteien, noch zwischen den USA und Russland: „Es gibt sicher Kontakte und Kommunikationskanäle. Der Beweis dafür ist der Umstand, dass ein Gefangenenaustausch zustande kam. Dafür musste kommuniziert werden. Das ist etwas, was uns beruhigen sollte.“ Bevor es zu einer atomaren Eskalation käme, würde man wohl doch noch zum Telefon greifen, ist Reisner überzeugt. 

 Über die Zahl der Opfer kann auch der Militärstratege nur spekulieren: „Wir müssen davon ausgehen, dass beide Seiten mehrere Zehntausend getötete Soldaten haben. Die endgültigen Zahlen werden wir wahrscheinlich nie erfahren. Und es geht ja nicht nur um die Soldaten, sondern auch um die Zivilisten. Allein in Mariupol sind tausende Menschen im Bombenhagel gestorben.“ Sorgen bereitet Reisner die auf beiden Seiten zu beobachtende Eskalation der Sprache. „Wir erleben eine Dehumanisierung des Gegners. Die Russen bezeichnen die Ukrainer nur noch als Faschisten, die Ukrainer sprechen umgekehrt von den Orks – in Anlehnung an den Herr der Ringe. Wir hatten ja eigentlich als Menschheit gedacht, wir hätten uns weiterentwickelt. Jetzt sehen wir, dass wir um nichts klüger geworden sind.“ 

 Wichtig wäre nun, wieder verstärkt auf Diplomatie zu setzen, meint Reisner. „Wir müssen uns die Möglichkeit offen halten, über Kommunikation zu ertasten, wann der eine bereit ist, auf den anderen zuzugehen. Wenn so ein Signal kommt, sollten wir es hören.“ 

Gibt es ein neues Leben nach der Pleite? (Damian Izdebski)

jeudi 27 octobre 2022Duration 42:50

Rosemarie Schwaiger spricht mit dem Unternehmer Damian Izdebski

Damian Izdebski war der Gründer und Chef des Computerhändlers Ditech. Nach Jahren mit enormem Wachstum und sehr positiver Medienresonanz schlitterte das Unternehmen 2014 in den Konkurs. Damian Izdebski war plötzlich nicht mehr Everybody´s Darling, sondern ein Pleitier. Diese Erfahrung sei hart gewesen, erzählt Izdebski im Podcast der Agenda Austria: „Ditech war unser Baby, unsere Leidenschaft, unser Lebenszweck. So ein Baby nach 15 Jahren zu Grabe zu tragen, ist kein schöner Moment.“  

Doch die Pleite war auch lehrreich. Der Unternehmer hält Vorträge über diese Zeit – und er hat ein Buch mit dem Titel „Meine besten Fehler“ geschrieben. Der Hauptgrund für die Insolvenz von Ditech seien die viel zu hohe Fremdkapitalquote und die starke Abhängigkeit von Kreditversicherern gewesen, sagt Izdebski. Schon im Sommer 2013 sei die Liquidität zusammengebrochen. Im Rückblick hätte sich die schwache Eigenkapitaldecke zwei Jahre vor der Pleite leicht erhöhen lassen, meint Izdebski heute: „Die Investoren standen damals Schlange. Wir wollten sie nur nicht.“ Weil es lange so gut lief, habe sich wohl eine Euphorie breit gemacht. „Ich glaube, wir haben mit dem Erfolg viele Probleme erschlagen. Wie man so sagt: In einem Taifun können auch Schweine fliegen.“

Damian Izdebski und seine damalige Frau Aleksandra zahlten einen hohen Preis – und zwar nicht nur finanziell. Die Reaktionen seines Umfelds seien für ihn emotional am härtesten gewesen, erzählt der Unternehmer. „Kurz vor der Insolvenz hatte ich in meinem Handy wahrscheinlich 1000 Leute gespeichert. Alles super Freunde, zum Teil langjährige Geschäftspartner. Ich war reflektiert genug, um zu wissen, dass es großteils die Freunde des Ditech-Eigentümers waren und nicht die von Damian. Trotzdem ist es sehr hart, zu erkennen, dass sich 90 bis 95 Prozent dieser Menschen in einer Sekunde von dir abwenden. Das bedeutet: Du rufst einen Freund oder Geschäftspartner an, und der hebt nicht mehr ab, auch nicht beim zweiten oder dritten Versuch.“ 

Doch Damian Izdebski rappelte sich wieder auf. Mit 10.000 Euro, die ihm sein bester Freund geborgt hatte, reiste er für ein paar Monate nach Kalifornien. Die Reaktionen dort hätten ihn enorm aufgebaut, sagt er heute:„In Österreich waren die 15 Jahre Erfolg sofort ausgeblendet und vergessen, es zählte nur mehr die Insolvenz. Für die Amerikaner war die gesamte Geschichte interessant.“ Deshalb habe er anschließend begonnen, das Buch zu schreiben und Vorträge über sein Scheitern zu halten: „Ich habe dieses Wissen sehr teuer bezahlt. Deshalb fände ich es schade, wenn ich es nicht teilen würde.“  

Ein Jahr nach der Pleite gründete Izdebski mit Hilfe von Investoren ein neues Unternehmen. Die „Techbold“ ist ein IT-Dienstleister und wächst ebenfalls stark. Ob es noch einmal so kolossal schief gehen könnte wie beim ersten Mal? Kein Unternehmer könne das ausschließen, meint Damian Izdebski, eine Erfolgsgarantie gebe es nie. Aber das Risiko sei bei ihm jetzt minimal. „Wir sind ganz anders finanziert und haben 85 Prozent Eigenkapital statt acht Prozent wie die Ditech.“ 

Damian Izdebski, 46 wurde in Polen geboren und war 15 Jahre alt, als seine Familie nach Österreich auswanderte. Er lernte Deutsch, machte die HAK-Matura und begann ein Studium der Wirtschaftsinformatik an der TU. Noch vor dem Abschluss gründete er Ditech, das er gemeinsam mit seiner damaligen Frau Aleksandra zu einem der größten IT-Handelsunternehmen machte. 2014 schlitterte Ditech in die Insolvenz. Damian Izdebski schrieb ein Buch über sein Scheitern und hält Vorträge – vor kurzem auch in der Agenda Austria. Sein neues Unternehmen, Techbold, hat sich auf IT-Dienstleistungen spezialisiert. 

Blackout – und was dann? (Herbert Saurugg)

jeudi 13 octobre 2022Duration 33:59

Rosemarie Schwaiger spricht mit dem Experten für Krisenvorsorge, Herbert Saurugg

Ein großflächiger länger andauernder Stromausfall wird nach Ansicht vieler Experten immer wahrscheinlicher. Unternehmen und öffentliche Institutionen treffen Vorbereitungen für den Ernstfall. Auch private Haushalte sollten gewappnet sein, wird empfohlen. Warum wurde das Blackout-Risiko zuletzt größer?

Herbert Saurugg ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge und Blackout-Experte. Im Podcast der Agenda Austria erklärt er, was die aktuelle Situation so gefährlich macht. Es gebe derzeit mehrere Probleme gleichzeitig: Ein Faktor sei der Strommarkt selbst, auf dem einzelne Anbieter „Eigenoptimierung“ betreiben würden. „Beim Übergang von einem Kraftwerk aufs andere wird versucht, auf beiden Seiten zu sparen. Dadurch entsteht eine Frequenzlücke“, sagt Saurugg.  Auch die Energiewende spiele eine Rolle: „Wenn ich weiß, dass im Stromversorgungssystem immer genauso viel produziert werden muss wie verbraucht wird, dann brauche ich bei sehr volatilen Energieträgern entsprechende Puffer- und Speichersysteme. Diese wurden bisher nicht ausgebaut, dafür gibt es auch noch keine technische Lösung.“ 

Nicht zuletzt fehle es an Infrastruktur, meint der Experte: „In Deutschland etwa war die Absicht, bis zum Atomausstieg drei bis vier große Leitungen von Nord nach Süd zu bauen, um den Windstrom zu transportieren. Die erste dieser Leitungen wird frühestens 2028 fertig sein, aber der Ausstieg erfolgt trotzdem.“ Auch die im Winter befürchtete Gasmangellage in Teilen Europas werde die Stromversorgung gefährden.

Dass bisher nichts Schlimmes passiert ist, sei keine Garantie für die Zukunft. In seiner Branche nenne man diesen Fehlschluss gerne die „Truthahn-Illusion“, erzählt Saurugg. „Der Truthahn gewinnt mit jeder Fütterung mehr Vertrauen zu seinem Besitzer. Der könne es ja nur gut mit ihm meinen, glaubt der Truthahn. Dummerweise fehlt dem Vogel die wichtigste Information: Dass die Fütterung nur dem Zweck dient, ihn eines Tages zu verspeisen.“ 


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