Bernie Sanders, Sheryl Sandberg, Paul Auster oder Frank-Walter Steinmeier: Sie alle waren schon auf den Bühnen der ZEIT zu Gast. Redakteurinnen und Redakteure sprechen regelmäßig vor Publikum mit Spitzenpolitikern und Wirtschaftsentscheidern, Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft, Sport und Gesellschaft. Die spannendsten Gespräche gibt es ab sofort als Podcast ZEIT BÜHNE. Durch die Folgen führt Roman Pletter, stellvertretender Leiter des Wirtschaftsressorts der ZEIT.
Der Podcast wird produziert von Pool Artists.
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Angela Merkel: Die AfD bei 20 Prozent? "Das ist echt nicht mehr meine Verantwortung"
Episode 48
Friday, February 7, 2025 • Duration 01:29:29
Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erneuert ihre Kritik an
den Anträgen zur Migrationspolitik von Friedrich Merz. Auch unter
schwierigen Bedingungen sollte es nicht dazu kommen, dass Mehrheiten mit
der AfD gebildet werden. Sie empfinde es nicht als richtig, "in einer
solchen Situation einfach zu schweigen" – und habe deswegen ihre Meinung
gesagt. Vorher informiert habe sie Merz darüber nicht. Merkel spricht
von einer Frage grundsätzlicher Bedeutung. Ansonsten mische sie sich
nicht in die Tagespolitik ein.
Von Kritik an ihrer Migrationspolitik fühle sie sich angesprochen, sagt
Merkel. "Von einer Bundeskanzlerin erwartet man, dass die irreguläre
Migration reduziert wird." Sie halte die Asyl- und Einwanderungspolitik
der vergangenen zehn Jahre – anders als Friedrich Merz – nicht für
"verfehlt" und verweist auf Grenzkontrollen zu Österreich und das
EU-Türkei-Abkommen. Man sei aber "noch nicht am Ende der Arbeit". Sie
frage sich auch, warum es so schwer sei, Ausreisepflichtige "zur
Ausreise zu bewegen" und warum zwei Drittel der Ausländerämter immer
noch nicht digitalisiert seien.
Den Aufstieg der AfD erklärt sich Merkel nach eigenen Angaben auch durch
den Streit zwischen CDU und CSU in der Migrationspolitik während ihrer
Kanzlerschaft. "Es ist nicht richtig gewesen, dass wir so viel
gestritten haben", sagt Merkel. Sie sagt aber auch: Als sie aus dem Amt
ausgeschieden sei, habe die AfD bei elf Prozent gelegen. Dass sie nun
bei mehr als 20 Prozent liege, sei "nicht mehr meine Verantwortung".
Am 26. November 2024 veröffentlichte Angela Merkel ihre Autobiografie
mit dem Titel "Freiheit", Verlag Kiepenheuer & Witsch, die sie zusammen
mit ihrer ehemaligen Büroleiterin Beate Baumann geschrieben hat. Zu
Kritik an ihrem Buch sagt sie: "Ich war halt langweilig." Das habe man
schon während ihrer Kanzlerschaft über sie gesagt. Dass sie ein
Enthüllungsbuch schreibe, in dem sie endlich mal "die Katze aus dem Sack
lasse", hätten vielleicht manche erwartet. Ihr sei es aber ein Anliegen
gewesen, zu beschreiben, wie Politik funktioniere, sagt Merkel.
Das Gespräch ist eine Aufzeichnung der Veranstaltung aus der Reihe "Eine
Stunde ZEIT mit …", die am 5. Februar im Deutschen Schauspielhaus in
Hamburg stattfand. Das Gespräch ist auch
als Videoaufzeichnung verfügbar, und man kann es als Wortlaut-Interview
auf ZEIT ONLINE lesen.
„Diese Demokratie muss jeden Tag erkämpft, bestätigt und verteidigt werden“
Episode 47
Friday, September 20, 2024 • Duration 01:28:13
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) rechtfertigt die deutschen
Waffenlieferungen in die Ukraine. „Ich bin auch kriegsmüde“ sagt er. Es
sei hässlich, mit Waffen umzugehen, „aber es ist notwendig, um unsere
Freiheit und unsere Sicherheit zu schützen“. Pistorius spricht auch über
den Zustand der Bundeswehr. Sein Ziel sei es, Personal in der Bundeswehr
zu halten und neues anzuwerben. Vor einigen Wochen hatte er gefordert,
einen verpflichtenden Fragebogen für junge Männer einzuführen, der die
Bereitschaft und Fähigkeit zum Dienst in der Bundeswehr erfassen soll.
„Ja ich brauche mehr Geld“, sagt er auf Nachfrage. Ein Grund sei unter
anderem, dass die Herstellung von Panzern und U-Booten Jahre dauere und
die Industrie daher finanzielle Planungssicherheit brauche.
Solch schwere Waffen würden „nicht irgendwo im Regal stehen und auf
Knopfdruck bestellt werden können“.
Auf die Frage, wer anstelle von Olaf Scholz als Kanzlerkandidat infrage
käme, sagt Pistorius: „Der Glaube, nur durch das Austauschen einer
einzigen Person in der gleichen Konstellation" würde ein großer Wechsel
kommen, sei falsch. So einer Erwartungshaltung könne niemand allein
gerecht werden, Politik sei eine Frage des Teamplay.
Er hoffe, dass die leisen Stimmen, die in der Mehrheit seien, den
lauten, demokratiefeindlichen Stimmen etwas entgegensetzen würden.
Pistorius sagte: "Unsere Demokratie muss jeden Tag erkämpft, bestätigt
und verteidigt werden.“
Das Gespräch ist eine Aufzeichnung der Online-Live-Veranstaltung aus der
Reihe "Eine Stunde ZEIT", die am 19. September 2024 vor Publikum in
Hamburg stattfand und auch als Videoaufzeichnung verfügbar ist.
Tsitsi Dangarembga: "Das Patriarchat in afrikanischen Gesellschaften hat sich verändert"
Episode 38
Thursday, March 16, 2023 • Duration 01:28:05
Die simbabwische Bestsellerautorin, Filmemacherin und
Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga ist eine der wichtigsten
Stimmen des afrikanischen Kontinents und setzt sich für Freiheitsrechte
in ihrer Heimat ein. In ihrem Buch Schwarz und Frau – Gedanken zur
postkolonialen Gesellschaft spannt die Autorin einen großen historischen
Bogen über die doppelte Unterdrückung, die Schwarzen Frauen begegnet –
durch rigide patriarchale Strukturen und die anhaltende Dominanz der
Weißen.
Im Gespräch mit Andrea Böhm, Politikredakteurin der ZEIT, beleuchtet
Dangarembga den Wandel des Patriarchats: Das kapitalistische System habe
das Patriarchat in afrikanischen Gesellschaften gewandelt – zunächst
basierte es auf Familienbeziehungen, später auf Besitz und Eigentum.
Im Sommer 2023 wird in Simbabwe gewählt. "Wir wissen, dass es bereits
Einschüchterung von Wählern gab", die Wahlkommission verhalte sich zudem
verfassungswidrig. "Diejenigen, die die Geschichte Simbabwes beleuchten,
kommen zunehmend zu dem Ergebnis, dass es noch nie eine freie und faire
Wahl in Simbabwe gab und sich dieser Trend wahrscheinlich weiter
fortsetzt."
Das Gespräch ist eine Aufzeichnung der Veranstaltung "Tsitsi
Dangarembga: Schwarz und Frau – Gedanken zur postkolonialen
Gesellschaft" vom 8. März 2023, die in Frankfurt am Main vor Publikum
stattfand und per Livestream übertragen wurde.
Irina Scherbakowa: "Ich glaube nicht an eine Demokratie mit Putin"
Episode 37
Tuesday, December 13, 2022 • Duration 50:37
Die Historikerin und Germanistin Irina Scherbakowa setzt sich seit
Jahrzehnten unermüdlich für die Demokratisierung der russischen
Gesellschaft und die Aufklärung der Verbrechen des Stalinismus ein. Sie
ist Mitbegründerin der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial,
die 2021 vom Obersten Gericht in Russland verboten wurde und am 10.
Dezember den diesjährigen Friedensnobelpreis erhalten hat. Irina
Scherbakowa wurde zudem am 4. Dezember mit dem Marion-Dönhoff-Preis für
internationale Verständigung und Versöhnung von der ZEIT, ZEIT-Stiftung
und Marion Dönhoff Stiftung ausgezeichnet.
Die Wirkung der Propaganda in Russland habe sie unterschätzt, räumt die
Menschenrechtlerin im Gespräch mit Anna Sauerbrey, außenpolitische
Koordinatorin der ZEIT, ein: "Der Staat kann alles machen, was er will."
Und: "Unser Regime ist unberechenbar geworden." Zwar seien viele,
darunter auch zahlreiche junge Menschen, auf die Straße gegangen, aber
bislang zu wenige.
Es sei sehr schmerzhaft zu sehen, wie in Russland jeden Tag immer mehr
"Inseln der Freiheit zusammenschrumpfen". Memorial werde sich jedoch
außerhalb Russlands neu gründen und sei unabhängig von der Liquidierung
weiter aktiv. Betrachte man die Geschichte, würden Diktaturen früher
oder später bestraft, so die Historikerin. Für Russland bedeute dies:
"Historisch gesehen gibt es diese Hoffnung."
Das Gespräch ist eine Aufzeichnung der Veranstaltung „Für Aufklärung und
Gerechtigkeit – Ein Gespräch mit Memorial-Gründerin Irina Scherbakowa“,
die am 5. Dezember im Helmut Schmidt Auditorium der Bucerius Law School
in Hamburg vor Publikum stattfand und per Livestream übertragen wurde.
Weitere Links zur Folge:
Marion-Dönhoff-Preis: Die Verlockung der Hoffnungslosigkeit
Menschenrechtsorganisation Memorial: Die Geschichtskämpferin
Russland: International isoliert
Chelsea Manning: "Meine Geschichte ist eine des Überlebens und der Identität"
Episode 36
Monday, December 5, 2022 • Duration 01:32:32
Zwölf Jahre nachdem Chelsea Manning geheime Militärdokumente auf
Wikileaks veröffentlichte, erscheint ihr Buch README.txt – Meine
Geschichte in Deutschland. Es erzählt von ihrem Einsatz für mehr
institutionelle Transparenz, die Rechenschaftspflichten der Regierung
und ihre Rechte als Transfrau. Mit diesem Buch wolle Chelsea Manning
ihre ganze Geschichte erzählen und davor bewahren, in Vergessenheit zu
geraten: "Die Geschichte, die ich erzählen wollte – und das ist meine
Geschichte – ist eine Geschichte des Überlebens und der Identität."
Im Gespräch mit ZEIT-ONLINE-Chefredakteur Jochen Wegner bezeichnet
Chelsea Manning die aktuelle Situation in den Vereinigten Staaten als
"alarmierend" – insbesondere für die LGBTQ-Community: "Wenn ich mir die
Indikatoren der Vereinigten Staaten im Vergleich zu jedem anderen Land
ansehe, sehe ich überall red flags und ein höheres Risiko für zivilen
Konflikt." Manning berichtet, dass sie täglich "organisierte politische
Gewalt" in den USA spüren könne und es würde "immer schlimmer".
Darüber hinaus beschreibt die ehemalige US-Geheimdienstanalystin, wie
unser informationsreiches Umfeld den Umgang mit geheimen Daten verändert
habe. Im Jahr 2022 habe man als Zivilist am eigenen Laptop mehr Zugang
zu Informationen, als sie es 2010 mit "dem gesamten
US-Geheimdienstapparat im Rücken" gehabt habe: "Mittlerweile ist die
Geschwindigkeit wichtiger als die Frage, ob die Information geheim
gehalten wurde oder nicht."
Das Gespräch ist eine Aufzeichnung der Veranstaltung Chelsea Manning
"README.txt – Meine Geschichte", die am 23. November in Hamburg vor
Publikum stattfand und per Livestream übertragen wurde.
Hier geht es zur Aufzeichnung der Veranstaltung mit Chelsea Manning.
Christian Lindner: "Ich habe eine skeptische Staatsfreundschaft"
Episode 35
Thursday, November 3, 2022 • Duration 01:24:06
Noch nicht mal ein Jahr ist Christian Lindner Bundesfinanzminister, aber
angesichts des russischen Angriffs auf die Ukraine und inmitten der
Energiekrise steht er vor einer Reihe schwieriger Herausforderungen: Wie
geht es mit den Atomkraftwerken weiter? Und wie sollen die Bürgerinnen
und Bürger entlastet werden?
Mit der Ampel-Koalition will Lindner nicht erneut über die Laufzeiten
der Atomkraftwerke diskutieren: "Es ist jetzt einfach mal entschieden,
da muss man auch sagen: Jetzt ist Ende." Er gehe davon aus, dass
Deutschland ab April auch ohne Atomkraft auskommen werde. "Wir tun auch
alles dafür, dass es dazu kommt." Er persönlich hätte jedoch
"sicherheitshalber noch eine Back-up-Lösung auf den Hof gestellt."
Im Gespräch mit Mariam Lau und Roman Pletter, DIE ZEIT, lobt Lindner
Olaf Scholz in der Krise für seinen "sehr klaren Kompass", seine große
Erfahrung und seinen Sachverstand – "auch wenn er jetzt nicht der
leidenschaftlichste Rhetoriker ist". Seine Führungsrolle nehme der
Kanzler "sehr gut wahr", die Zusammenarbeit sei sehr kollegial.
Der FDP-Chef sagt, er pflege eine "skeptische Staatsfreundschaft", ohne
staatsgläubig zu sein. Er hätte gerne einen Staat, der bei den "großen
Aufgaben" wie Infrastruktur oder äußere Sicherheit, "die man nicht
individuell stemmen kann, mit den Ergebnissen seiner Leistung wieder
überzeugt und auf der anderen Seite einen Staat, der uns im Alltag dort
in Ruhe lässt, wo wir ihn nicht brauchen".
Es wurde auch persönlich: Auf die Frage, was Lindner seinem 20 Jahre
jüngeren Ich raten würde, sagte der Finanzminister: "Mach alle Fehler
wieder genauso."
Das Gespräch ist eine Aufzeichnung der Veranstaltung "Eine Stunde ZEIT
mit Christian Lindner", die am 2. November in Berlin vor Publikum
stattfand und per Livestream übertragen wurde.
Friedrich Merz: "Wir haben den Höhepunkt unseres Wohlstands erreicht"
Episode 34
Friday, October 7, 2022 • Duration 01:12:43
Welche Verantwortung übernimmt die Union in der aktuellen Krise? Und
welche Themen möchte der CDU-Vorsitzende und Oppositionsführer Friedrich
Merz in den Vordergrund rücken? Im Podcast "ZEIT Bühne" spricht Merz
über die Ausgaben des Bundes in der Krise, den Umgang des Kanzlers mit
der Opposition – und seine neue Brille.
Im Gespräch, das die ZEIT-Journalistin Mariam Lau und ihr Kollege Roman
Pletter im Rahmen der Veranstaltung "Eine Stunde ZEIT" mit Merz am 6.
Oktober in Berlin vor Publikum führten, betonte er, in der aktuellen
Krise müsse man gezielt helfen. Einsparmöglichkeiten sehe er zum
Beispiel beim Bundeshaushalt. "Dieser Staat muss auch selber bereit
sein, sich mal an der einen oder anderen Stelle ein bisschen
zurückzunehmen, zumindest mal nicht weiter auszuweiten."
Eva Menasse: "Nichts davon ändert etwas an den Problemen, die wir haben"
Episode 33
Friday, August 19, 2022 • Duration 01:20:22
Im Gespräch mit Giovanni di Lorenzo bei der Langen Nacht der ZEIT am 2.
Juli äußert sich die preisgekrönte Schriftstellerin Eva Menasse über die
Antisemitismusvorwürfe an die documenta: Wie steht die Autorin dazu,
dass das umstrittene Werk des indonesischen Künstlerkollektivs Taring
Padi abgehängt wurde? Sie sagt: „Es ist mir wirklich egal. Man kann das
da hängen lassen, man kann’s abdecken, man kann’s zusammenrollen und
außer Landes schaffen. Nichts davon ändert etwas an den Problemen, die
wir haben.“ Die Aufregung darüber verstehe sie zwar, meint aber, dass
diese unverhältnismäßig sei gegenüber den Problemen mit echtem,
eliminatorischem Antisemitismus, den es in diesem Land immer noch gebe.
Menasse hebt weiter den Einfluss der Digitalisierung auf die
Gesellschaft hervor: „Mit dem Beginn der Digitalisierung ist die Welt
komplett verrückt geworden. Und ich glaube, ein Großteil des
gesellschaftlichen Zerfalls und der Wut, die in der Welt herrscht, und
dieser total binären Strukturen – bist du für mich oder gegen mich –,
der kommt direkt aus dieser technologischen Entwicklung.“ In den USA
könne man beispielsweise sehen, wie ein Land sich in zwei unversöhnliche
Hälfte geteilt habe.
Ricarda Lang und Michael Kruse: "Armut ist tatsächlich eine politische Entscheidung"
Episode 32
Friday, July 15, 2022 • Duration 01:15:22
In zwei kurzen Impuls-Vorträgen entwerfen Ricarda Lang und Michael Kruse
ihre Vorstellung von einem besseren Sozialstaat. Bevor sie, moderiert
von ZEIT-Redakteurin Anna Mayr, miteinander ins Gespräch kommen und dann
noch die zahlreich gestellten Publikumsfragen beantworten. Der
FDP-Politiker überrascht mit der Meinung, dass seine "Idealvorstellung
von einem Sozialstaat eigentlich wäre, dass wir ihn möglichst gar nicht
brauchen". Der Sozialstaat solle sich möglichst auf die Rolle des
"Enablers" beschränken, in einer Gesellschaft, in der "jeder seines
Glückes Schmied ist".
Ricarda Lang hingegen meinte, man müsse über den als etwas "schmuddelig"
geltenden Begriff "Armut" sprechen. Sie führt aus: "Warum reden wir
nicht gerne über Armut? Weil wir Armut immer noch häufig als
persönliches Problem verstehen, als ein persönliches Scheitern des
Einzelnen. Und meine Utopie eines Sozialstaates ist, dass wir genau
davon wegkommen. Denn aus meiner Sicht ist Armut kein Naturgesetz, es
ist auch kein persönliches Scheitern, sondern es ist tatsächlich eine
politische Entscheidung." Deshalb reiche es nicht, nur auf
Chancengleichheit zu schauen.
Der im ärmeren Hamburger Stadtteil Steilshoop aufgewachsene Michael
Kruse betont die Freiheit jedes einzelnen, sich seine eigenen Ziele zu
setzen und diese auch erreichen zu können. Beide sind sich einig, dass
faire Löhne gezahlt werden sollten. Und wenn das so wäre, sagt Ricarda
Lang, dann liefere, "niemand mehr in 15 Minuten dein Gorilla-Essen nach
Hause". Wolle man diesen Luxus weiterhin haben, "dann muss es gut
bezahlt sein und dann ist es vielleicht in dem Fall die paar Euro
teurer".
Das Gespräch mit Ricarda Lang und Michael Kruse, moderiert von Anna
Mayr, fand im Rahmen der achten Langen Nacht der ZEIT am Samstagabend,
2. Juli 2022, in Hamburg statt.
Robert Habeck: "Solidarität werden wir in Deutschland noch brauchen"
Episode 31
Monday, July 4, 2022 • Duration 01:16:51
Laut jüngsten Umfragen ist Robert Habeck beliebter als Bundeskanzler
Olaf Scholz. Dabei verfolgt er momentan eine umstrittene und gerade für
seine Partei schmerzhafte Politik: Um Deutschland angesichts des Krieges
in der Ukraine von russischer Energie unabhängig zu machen, ging der
Bundeswirtschafts- und Klimaminister Deals mit Katar ein. Wie plant
Habeck, die Versorgungssicherheit mit Energie in Deutschland
sicherzustellen? Und was wird geschehen, falls Russland Europa selbst
das Gas abdreht?
Habeck hält einen Lieferstopp von russischem Gas für möglich: "Dass das
ausgeschlossen ist, würde niemand, der bei Sinn und Verstand ist,
behaupten", so der Vizekanzler im Gespräch mit Mariam Lau und Roman
Pletter bei der Langen Nacht der ZEIT in Hamburg.
Um Versorgungsengpässen vorzubeugen, gebe es zwei Möglichkeiten:
"Entweder man gibt den Unternehmen Geld", das falle aber früher oder
später auf die Steuerzahler zurück. Oder man erlaube den Unternehmen,
die Preise direkt an die Kunden weiterzugeben. Das sei allerdings "ein
sehr, sehr scharfes Schwert, das wir noch nicht gezogen haben, weil wir
noch an anderen Möglichkeiten arbeiten, die vielleicht den Keil nicht so
scharf in die Gesellschaft treiben. Aber ausschließen kann ich das auch
nicht."
Europa habe sich seit Beginn des Ukraine-Krieges zum Positiven
verändert, findet Habeck. Es gebe "eine ganz große Solidarität, auch mit
der Ukraine, aber auch mit diesem Land". Habeck weiter: "Irgendwie ist
Europa stärker geworden." Auch Deutschland sei "vielleicht sogar ein
bisschen solidarischer geworden. Und ich glaube, ohne zu spoilern, von
der Solidarität werden wir noch ein ganzes schönes Stück brauchen im
nächsten halben Jahr oder Jahr."
Als Politiker sei es ihm wichtig, das Zuhören nicht zu verlernen, so
Habeck. Es sei "auch eine professionelle Deformation, die man auch
später bei einigen merkt, dass man immer glaubt, man muss derjenige
sein, der entscheidet. Und das wieder loszuwerden, ist auch was Gutes."