Wer ist nun besser: Kehlmann oder Kafka? Und was macht ein wirklich gutes Buch mit seinen Lesern und Leserinnen? Zweimal im Monat streiten und schwärmen wir über Bücher. Wir suchen aus der Fülle der Neuerscheinungen die interessantesten Bücher aus – mit Vorliebe solche, die uns selbst auf neue Gedanken gebracht haben. Es geht um neu erschienene Romane und Sachbücher und literarische Klassiker, die überraschende Schlaglichter auf die Gegenwart werfen.
Im Wechsel sprechen aus der ZEIT-Redaktion Adam Soboczynski und Iris Radisch über Belletristik sowie Maja Beckers und Alexander Cammann über Sachbücher.
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Führt zu viel Fitness zum Faschismus?
Episode 78
Saturday, October 3, 2026 • Duration 57:48
Die Frankfurter Buchmesse steht bevor – und die Oktober-Sachbuchfolge
von »Was liest Du gerade?« widmet sich viel diskutierten
Neuerscheinungen dieses Bücherherbstes. Maja Beckers und Alexander
Cammann sprechen über das neue Buch der amerikanischen Starhistorikerin
Jill Lepore, die auch in Frankfurt auftreten wird. Ihr Buch »Die
Regierung der Maschinen« erzählt die brandaktuelle Geschichte einer ganz
besonderen Idee, der technischen Steuerung der menschlichen Gesellschaft
seit 200 Jahren – nicht erst seit KI mit Chancen, Risiken und
Nebenwirkungen, viel Science-Fiction, verrückten Plänen und präzisen
Prophezeiungen. Man lernt: Die kalifornischen Tech-Bros hatten ihre
Vorgänger – und der Großvater Elon Musk kommt auch vor. Und: Die
Menschen haben durchaus noch Chancen, die Herrschaft der KI zu
verhindern.
Gefahren drohen momentan nicht nur von der Technik, sondern auch von den
Körpern: Die österreichische Sozialwissenschaftlerin Julia Ebner
präsentiert in ihrem Buch »Von Fitness zu Faschismus«, wie rechtsextreme
Männlichkeit nach wie vor auf Kampf und Muskeln setzt. Sie ist
eingetaucht in geheime Kampfsport-Szenen und Neonazi-Gruppen, schleust
sich undercover ein in Chatgruppen der Manosphere: Hier wird sich fit
gemacht gegen Demokratie und Feminismus – und der männliche Körper soll
zur Waffe werden.
Der Klassiker stammt diesmal von einem französischen Meisterdenker, der
am 15. Oktober 100 Jahre alt geworden wäre: Michel Foucault. Seine
Forschungen kreisten um Macht, Disziplinierung und Sexualität – und wie
das alles in der Moderne zusammenhängt. Aus seinem Nachlass ist das
Manuskript »Die Hermaphroditen« aufgetaucht und wir sehen, wie Foucault
in den 1970er-Jahren viele heutige Fragen über Identität und Sexualität
vorwegnahm – und ganz anders beantwortete.
Als Geheimtipp gibt es diesmal die packenden Memoiren der amerikanischen
Punk-Ikone Kathleen Hanna, die in »Rebel Girl« offenherzig aus ihrem
wilden Leben erzählt, sowie das originelle Neapel-Buch von Dieter
Richter, der die morbide italienische Metropole in 13 berühmten
Todesfällen porträtiert.
Das Team von »Was liest du gerade?« erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
- Jill Lepore: Die Regierung der Maschinen. Aufstieg und Fall des
Künstlichen Staates, C.H. Beck, 380 Seiten, 29,90 Euro
- Julia Ebner: Von Fitness zu Faschismus. Gefahren extremer
Männlichkeit, Aus dem Engl. von Daniel Beskos u.a., Suhrkamp, 296
Seiten, 22 Euro
- Michel Foucault: Die Hermaphroditen. Aus dem Französischen von
Andrea Hemminger, Suhrkamp, 154 Seiten, 26,90 Euro
- Kathleen Hanna: Rebel Girl. Mein Leben als Punk und Feministin,
Übersetzt von Nina Lieke, Kunstmann, 352 Seiten, 26 Euro
- Dieter Richter: Neapel sehen und sterben. Eine Geschichte in 13
Todesfällen, Wagenbach, 154 Seiten, 24 Euro
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»Das Leben der M«: Hat Natalie Portman keine Seele?
Episode 77
Saturday, September 19, 2026 • Duration 39:04
Am neuen Roman Das Leben der M von Rachel Cusk hat sich ein Streit über
die Grenzen der literarischen Freiheit entzündet. Denn die britische
Star-Autorin porträtiert eine Schauspielerin namens »M«, die stark an
Natalie Portman erinnert – und in dem Buch gar nicht gut wegkommt. Sie
habe kein authentisches Ich, heißt es. Das ist ein heftiger Angriff.
Aber stimmt er vielleicht?
Clemens J. Setz ist der Spezialist für die Einsamkeit im digitalen
Zeitalter. In den 19 Erzählungen seines neuen Erzählbandes Mein Leben
als Noiseband gibt es wieder viele Figuren, die reichlich entrückt und
ziemlich weird sind. Meist ist man hier in den dunkelsten Ecken des
Netzes unterwegs – und staunt, wie auch in dem neuen Buch des
Büchner-Preisträgers wieder aus den traurigsten und nerdigsten
Schicksalen grandiose Literatur entsteht.
Unser Klassiker ist die Erzählung Die Nase des genialen russischen
Autors des grotesken Humors Nikolai Gogol.
Bücher:
- Rachel Cusk: Das Leben der M. Aus dem Englischen von Eva Bonné.
Suhrkamp Verlag, 175 Seiten, 25 Euro
- Clemens J. Setz: Mein Leben als Noiseband. Suhrkamp Verlag, 383
Seiten, 26 Euro
- Nikolai Gogol: Der Mantel. Die Nase. Aus dem Russischen von Eberhard
Reissner. Reclam Verlag, 91 Seiten, 4,80 Euro
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Mieten wir uns zu Tode?
Episode 76
Saturday, September 5, 2026 • Duration 45:30
Wohnen ist zur Schicksalsfrage geworden und zu einer der größten
gesellschaftlichen Krisen, sagen Rolf Heinze und Sebastian Kurtenbach,
zwei renommierte Forscher in Sachen Stadtentwicklung, Wohnungswesen und
Immobilienwirtschaft. In dieser Folge diskutieren Maja Beckers und
Alexander Cammann über ihr Buch Die Wohnkrise. Wie sie Demokratie und
Zusammenhalt bedroht. Es geht um die wahren Ursachen der Wohnungskrise,
ihre vielfältigen Folgen und was die beiden Wissenschaftler zu ihrer
Lösung vorschlagen.
Außerdem sprechen die beiden über eines der meistdiskutierten Sachbücher
in diesem frühen Herbst: den Bestseller Deutschland 2033. Ein Szenario.
Der Journalist Justus Bender entwirft hier eine fiktive Zukunft, 2033,
in der die AfD in Deutschland an die Macht kommt. Wie krempelt sie das
Land um und was würde eine Kanzlerin Weidel bedeuten für Klima, Kultur
und Pressefreiheit? Ein Buch für alle, die sich fragen, ob man die AfD
mal machen lassen sollte, um sich selbst zu entzaubern. Spoiler: Nein.
Der Klassiker ist diesmal eine Premiere. Es ist nämlich zum ersten Mal
ein religiöser Text: Franz von Assisis Sonnengesang. Mit welchen
kirchlichen Konventionen brach dieser Text und warum ist er bis heute so
beliebt – in Form des absoluten Kirchenhits Laudato si oder
Pop-Referenzen von Donovan bis Mickie Krause.
Zum Schluss geben unsere Hosts wieder eine persönliche Empfehlung mit.
Maja Beckers empfiehlt allen, die diesen Sommer oder irgendwann einmal
durch Ruinen gelaufen sind, dieses Buch des Althistorikers Martin
Zimmermann: Versunkene Welten. Ruinenstädte in der Antike von Troja bis
Pompeji. Es erzählt davon, wie man früher in diesen Ruinen lebte, als
sie schon Ruinen waren, aber es noch keine neuzeitlichen Bestrebungen
gab, sie zu erhalten und zu besichtigen.
Alexander Cammann empfiehlt das neue Buch der Tausendsasserin Judith
Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist. Es
versammelt drei überraschende Essays über das Leben und seine
Materialien.
Das Team von Was liest du gerade? erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
- Rolf G. Heinze / Sebastian Kurtenbach: Die Wohnkrise. Wie sie
Demokratie und Zusammenhalt bedroht, Kiepenheuer & Witsch, 272
Seiten, 24 Euro
- Justus Bender: Deutschland 2033. Ein Szenario, CH Beck, 284 Seiten,
20 Euro
- Franz von Assisi: Sonnengesang, u.a. in: Franziskus von Assisi:
Sämtliche Schriften, Reclam, 379 Seiten, 9,80 Euro
- Martin Zimmermann: Versunkene Welten. Ruinenstädte in der Antike von
Troja bis Pompeji, CH Beck, 544 Seiten, 39,90 Euro
- Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt
gemacht ist, Suhrkamp, 176 Seiten, 24 Euro
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Valeria Gordeev erzählt vom Wahnsinn in Russland
Episode 75
Saturday, August 22, 2026 • Duration 54:50
Die neue Büchersaison verspricht ein fulminantes Comeback des großen
politischen Epochenromans in der deutschen Literatur. Wir sind
begeistert von Valeria Gordeev und ihrem aufsehenerregenden ersten Roman
Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle, der zwischen Moskau,
Kyjiw und Berlin ein atemberaubend komisches Gegenwartspanorama
entfaltet. Im Mittelpunkt stehen zwei Geschwister und ein
geheimnisvoller russischer Oligarch, der seine teuflischen Intrigen
spinnt. Lenins Leiche spielt dabei eine herausragende Rolle, die
Forschungen zur endgültigen Abschaffung des Todes, aber auch Putin, der
durch einen zwölfjährigen Varietékünstler ersetzt wird. Virtuos setzt
die Autorin die russische Literaturgeschichte des Absurden auf ihre
besondere Weise fort und parodiert dabei mit schwarzem Humor den
transhumanistischen Machbarkeitswahn unserer Gegenwart.
Außerdem sprechen wir über den neuen Roman von Shida Bazyar Die Lücken.
Der Romanheld ist ein fiktives Dorf im Hunsrück – Heimesbach. Die
Autorin lässt ihre migrantische Erzählerin tief in die Köpfe der noch
lebenden und schon verstorbenen Heimesbacher Bürgerinnen und Bürger
hineinsehen. So ergibt sich ebenfalls ein großes Zeitpanorama, das fast
hundert Jahre deutscher Geschichte umfasst und fragt: Was haben sich die
Heimesbacher dabei gedacht, als sie ihre jüdischen Mitbürger verfolgten,
Steine in ihre Häuser warfen und sie aus Heimesbach vertrieben? Und wie
gehen Migranten in Deutschland heute mit dieser viel zu lange
verdrängten Vergangenheit ihrer neuen Heimat um?
Unser Klassiker ist die Erzählung Ein schlichtes Herz von Gustave
Flaubert, deren unsentimentale Zärtlichkeit für die ungebildete, arme
Dienstmagd Félicité noch immer ergreifend ist.
Das Team von Was liest du gerade? erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Valeria Gordeev: Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle, S.
Fischer Verlag, 640 Seiten, 26,- Euro, erscheint am 26. August
Shida Bazyar: Die Lücken, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 512 Seiten, 25,-
Euro, erscheint am 3. September
Gustave Flaubert: Ein schlichtes Herz, in: Drei Erzählungen, übersetzt
von Elisabeth Edl, Hanser Verlag, 320 Seiten, 28,- Euro
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Gesellschaft der Klimaanlagen
Episode 74
Saturday, August 8, 2026 • Duration 48:26
Kühlschränke und Klimaanlagen haben das moderne Leben geformt: Wie wir
wohnen, wie wir arbeiten, was wir essen und welche Krankheiten wir
heilen können. Heute hängt die Moderne am Tropf der künstlichen Kälte
und das hochaktuelle Sachbuch »Kühle neue Welt« von Jan Eike Dunkhase
geht der Frage nach, wie es dazu kam und was das für die Zukunft
bedeutet. Befinden wir uns in einem Teufelskreis der Frische? fragen
sich Maja Beckers und Alexander Cammann in dieser Folge.
Außerdem sprechen sie über Sarah Diehls zauberhafte Beschreibungen der
Unterwasserwelt in ihrem Buch »Ins tiefe Blau«. Was lernt man beim
Tauchen über das Leben? Wie zieht man sein Bein aus dem Maul eines Hais?
Und warum sind die Vorfahren der Wale eigentlich vom Land zurück ins
Wasser gegangen? Diehl verwebt so geschickt Naturwissenschaft und
Kulturgeschichte mit ihren Erlebnisberichten, dass man gar nicht merkt,
wie viel man lernt und sofort lostauchen möchte.
Oder braucht man eigentlich etwas ganz anderes zum Denken, nämlich die
Großstadt? So in der Art behauptet es der Klassiker, den die beiden in
dieser Folge besprechen: »Die Großstädte und das Geistesleben«. Der
Berliner Philosoph Georg Simmel schrieb den legendären Aufsatz im Jahr
1903 und legte damit den Grundstein für die moderne Stadtsoziologie. Was
macht den Großstädter aus? Warum ist er eigentlich so blasiert? Nervt er
oder nervt die Stadt ihn? Maja Beckers und Alexander Cammann sprechen
darüber, wie aktuell die Thesen heute sind und warum es einer von ihnen
in Berlin so gut und der andere so gar nicht aushält.
Zum Schluss geben die beiden noch ihren persönlichen Geheimtipp.
Alexander Cammann empfiehlt das Büchlein »Der Bleistift« von Hanns
Zischler und Maja Beckers empfiehlt »Köln«, ein Stadtporträt aus vielen
Texten des Kölner Schriftstellers Navid Kermani.
Das Team von Was liest du gerade? erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Jan Eike Dunkhase: Kühle neue Welt. Wie Kühlschrank, Klimaanlage und
künstliche Kälte unser Leben und das Klima verändern, Reclam, 288
Seiten, 26 Euro
Sarah Diehl: Ins tiefe Blau. Was ich unter Wasser lernte. Gutkind, 288
Seiten, 25 Euro
Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben, Suhrkamp, 37 Seiten,
11 Euro
Navid Kermani: Köln. E Jeföhl, C.H. Beck, 175 Seiten, 23 Euro
Hanns Zischler: Der Bleistift, Residenz, 64 Seiten, 15 Euro
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Heinz Strunk und die Ehekrise
Episode 73
Saturday, July 25, 2026 • Duration 42:50
Eine Beziehung am Ende ihrer Laufzeit und eine gemeinsame Reise nach
Heidelberg. Auf den ersten Blick: keine gute Kombination. Der
Schriftsteller, Musiker, Moderator und Songwriter Heinz Strunk
porträtiert in seinem neuen Roman Memories of Heidelberg ein Paar
mittleren Alters mit großem Sinn für die Komik und Tragik des Lebens.
Wieso gehen Bertram und Isolde jeden Abend in dasselbe Restaurantschiff
auf dem Neckar? Warum werden sie dort so mies behandelt? Schweißt sie
der Schrecken, den sie dort erleben, wieder zusammen? In jedem Fall: ein
herrlicher, burlesker Sommerroman.
Michael Köhlmeier erzählt zum ersten Mal ausführlich über seine Kindheit
und Jugend. Sein großer Roman Mein privates Glück, der im August
erscheinen wird, handelt vom Aufwachsen in Coburg. Der kleine Junge lebt
hier mit seiner Schwester bei der Großmutter, da seine Mutter schwer
erkrankt war. Köhlmeier gelingt es meisterhaft, seine individuelle
Geschichte mit der trauma- und schuldbehafteten Nachkriegszeit zu
verbinden.
In unserem Klassiker beschäftigen wir uns mit der kleinen, aber sehr
spannungsreichen Erzählung Das dicke Kind von Marie Luise Kaschnitz.
Auch hier wird persönliche Erfahrung in Literatur verwandelt.
Bei Was liest du gerade? diskutieren Iris Radisch und Adam Soboczynski
zwei neue Romane, die nicht in den großen Metropolen Deutschlands
spielen – sondern in Heidelberg und Coburg.
Das Team von Was liest du gerade? erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
- Heinz Strunk: Memories of Heidelberg. Roman. Rowohlt Verlag,
Hamburg 2026. 176 Seiten, 23,00 EUR
- Michael Köhlmeier: Mein privates Glück. Roman. Hanser Verlag,
München 2026. 320 Seiten, 26,80 EUR. Erscheint am 18.08.2026
- Marie Luise Kaschnitz: Das dicke Kind und andere Erzählungen.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2002. 250 Seiten, 11,40 EUR.
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Wie viel Wagner steckt im Nationalsozialismus?
Episode 72
Saturday, July 11, 2026 • Duration 01:05:06
Er ist der umstrittenste Komponist überhaupt – Richard Wagner, glühend
verehrt und heftig verabscheut. Und er hat eine braune Weste, obwohl die
Nazis erst 50 Jahre nach seinem Tod an die Macht kamen: Hitlers
Lieblingskomponist war er, und der »Führer« förderte die Bayreuther
Festspiele kräftig. Die feiern in diesem Sommer ihren 150. Geburtstag
mit Prominenz und Fans – und in der neuen Sachbuchfolge von »Was liest
du gerade?« diskutieren Maja Beckers und Alexander Cammann das kritische
Buch des Musikwissenschaftlers Anno Mungen über den Wagner-Kult in
Deutschland 1933 bis 1945. Wie hat das NS-Regime Wagners Opern genutzt –
und kann man ihn heute mit diesem Wissen noch unbefangen hören?
Sommerzeit ist Reisezeit: Die Schriftstellerin Felicitas Hoppe ist die
große Reisende unter den heutigen Erzählern. In dem schmalen Band
»Reisen« erklärt sie, wie sie seit Jahrzehnten in der Welt unterwegs
ist, obwohl sie eigentlich immer eine Stubenhockerin war. Wir erfahren,
wie sie die Welt auf einem Containerschiff umrundet hat und warum die
Erfahrungen beim Reisen wichtiger sind als das, was man dabei lernt. Ein
Buch für unterwegs, mit dem man aber auch perfekt zu Hause bleiben kann.
Dort befindet sich wahrscheinlich auch der perfekte Ort zum Lesen oder
Podcasthören, um den diesmal unser Klassiker kreist: die Couchecke. Über
dieses besondere Interiorstück, seine Entstehung und gesellschaftliche
Bedeutung hat der Kunsthistoriker Martin Warnke 1979 einen klugen und
amüsanten Essay geschrieben. Maja Beckers und Alexander Cammann fragen
sich, ob man heute immer noch eine Couchecke in seinem Wohnzimmer haben
muss.
Als Geheimtipp haben sie diesmal ein Buch über Palmen und die deutsche
Künstlerkolonie Olevano bei Rom mitgebracht.
Kommen Sie gut durch den Sommer – natürlich mit guten Sachbüchern!
Das Team von »Was liest du gerade?« erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturhinweise:
- Anno Mungen: »Von Bayreuth nach Auschwitz«, Westend, 381 Seiten, 32
Euro
- Felicitas Hoppe: »Reisen«, Hanser Berlin, 128 Seiten, 20 Euro
- Martin Warnke: »Zur Situation der Couchecke«, in: »Warburgs
Schnecke«. Kulturwissenschaftliche Skizzen, Wallstein, S. 96–106
- Jutta Person: »Palmen«, Matthes & Seitz, 152 Seiten, 22 Euro
- Golo Maurer: »Olevano. Als ein paar romantische Aussteiger in
Italien die deutsche Kunst erfanden«, C. H. Beck, 384 Seiten, 29,90
Euro
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Liebe in Zeiten des Krieges
Episode 71
Saturday, June 27, 2026 • Duration 47:54
Bei Was liest du gerade? diskutieren Iris Radisch und Adam Soboczynski
zwei ganz neue Romane, die beide viel über die Liebe in unserer
Gegenwart erzählen – Alles Liebe von Ronja von Rönne und Trost von
Angelika Klüssendorf.
Ronja von Rönne erzählt von Menschen, die über ihren ganz persönlichen
Abgrund balancieren, schwere Krebserkrankungen ihrer nächsten Freunde
und Verwandten aushalten müssen und darüber aus der Bahn kippen. Oder
plötzlich feststellen, dass sie einander nicht mehr lieben, als gerade
ein Kind unterwegs ist. Obwohl es sich auf den ersten Blick um
Erzählungen handelt, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben,
ergibt sich am Schluss ein interessanter Zusammenhang. Die Erzählerin
aus der ersten Geschichte taucht in der letzten Geschichte als
Lokalreporterin wieder auf und verbindet alles. Wir fragen uns, geht
diese ungewöhnliche Konstruktion auf? Und passt der schwarze Humor der
Autorin zu dem schicksalsschweren Thema?
Angelika Klüssendorfs Roman Trost spielt 2022, dem ersten Jahr des
russischen Angriffskriegs, in Berlin und im Berliner Umland. Es sind
düstere und schicksalsschwere Tage, die man an der Seite einer
weitverzweigten Patchworkfamilie durchlebt. Leider verschwindet die
Hauptheldin schon nach wenigen Seiten nach einem Wespenstich auf einer
Intensivstation und der Rest ihrer bunt zusammengewürfelten Familie
kreist um diese schmerzende Leerstelle wie um eine untergegangene Sonne.
Wir diskutieren: Ist dies ein eindrückliches, großes
Gesellschaftspanorama aus dem ersten Berliner Kriegsjahr? Oder eher ein
heiter-makabres Nebenwerk einer bedeutenden Autorin?
Unser Klassiker ist einer der berühmtesten Kurzromane der Weltliteratur:
Ernest Hemingways Der alte Mann und das Meer. Die tragischen Tage
alleine auf hoher See, die hier erzählt werden, erinnern an das
besondere Verhältnis des Menschen zu allen Meeresbewohnern. Ein alter
Fischer, der ewig nichts gefangen hat, will es noch einmal wissen und
fährt weit hinaus. Der große Fisch, den er dann an der Angel hat,
liefert sich mit dem Alten einen erbitterten Zweikampf – aus dem fast
eine ergreifende Liebesgeschichte wird. Eine eiskalte Empfehlung für den
Strandkorb!
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Literaturhinweise:
Ronja von Rönne: Alles Liebe, dtv, 240 Seiten, 23 Euro (erscheint am 2.
Juli)
Angelika Klüssendorf: Trost, 208 Seiten, 24 Euro (erscheint am 3. Juli)
Ernest Hemingway: Der alte Mann und das Meer, diverse
Taschenbuchausgaben
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Mit Annette Dittert durch den Sommer
Episode 70
Saturday, June 13, 2026 • Duration 01:02:42
Warum ist das englische Königshaus mehr als bunter Boulevard, warum ist
Armut in Großbritannien so unsichtbar und wie lebt es sich eigentlich
auf einem Hausboot in London? Annette Dittert hat nach fast 20 Jahren
als Korrespondentin bei der ARD gekündigt und ein Buch geschrieben, mit
dem sie sich auf die Suche nach der Seele Großbritanniens begibt. Dear
Britain. Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens wurde sofort zum
Nummer-1-Bestseller und zur ersten Sachbuchempfehlung für den Sommer von
Maja Beckers und Alexander Cammann in dieser Folge. Ein persönliches,
unterhaltsames und selbst für Kenner noch lehrreiches Portrait dieses
wunderbaren, bisweilen skurrilen Landes.
Als Zweites empfehlen die beiden einen herausragenden
Nature-Writing-Titel: Die dänische Journalistin Lea Koorsgaard hat sich
vorgenommen, in einem Jahr alle Schmetterlingsarten Dänemarks zu sehen.
Das Jahr der Schmetterlinge, eine Erkundung dieser zarten Tiere,
Dänemarks und seiner Natur und eigentlich des Lebens an sich.
Und falls Sie nach Paris fahren, jemals dort waren oder irgendwann
hinwollen, sollte Ruth Zylbermans Rue Saint Maur 209 in ihren Koffer,
eine außergewöhnliche und wunderbar geschriebene Recherche über die
Bewohner eines Pariser Wohnhauses von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis
heute. Einen besonderen Fokus legt Zylberman auf die Zeit des Zweiten
Weltkrieges, in der jüdische Bewohner von hier aus deportiert wurden und
zu der Nazi-Kollaborateure und Retter, die jüdische Kinder versteckten,
hier unter einem Dach lebten.
Der Klassiker, den man diesen Sommer wunderbar gut lesen kann, ist Die
Alpen des berühmten Alpenforschers Werner Bätzing. Er hat sein extrem
erfolgreiches Buch von 1984 komplett überarbeitet und mehrere Kapitel
neu geschrieben, unter anderem das über die Zukunft der Alpen.
Hochaktuell und unterhaltsam – nirgendwo lernt man mehr über Europas
größtes Hochgebirge.
Und zuletzt geben Maja Beckers und Alexander Cammann auch wieder eine
persönliche Empfehlung: Das ist diesmal Shakespeares Schwestern. Wie
Frauen die Renaissance schrieben von Ramie Targoff und Ein Sommer mit
Goethe von Gustav Seibt. Auch diese beiden sind perfekter
Ferienlesestoff.
Literaturhinweise:
Annette Dittert: Dear Britain. Auf der Suche nach der Seele
Großbritanniens, Dumont, 256 Seiten, 24 Euro
Lea Koorsgaard: Das Jahr der Schmetterlinge, übersetzt von Kerstin
Schöps, Ullstein, 336 Seiten, 22,99 Euro
Ruth Zylberman: Rue Saint-Maur 209. Ein Pariser Wohnhaus und seine
Geschichten, Schöffling, 480 Seiten, 21,99 Euro
Werner Bätzing: Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen
Kulturlandschaft, C.H. Beck, 502 Seiten, 39,90
Gustav Seibt: Ein Sommer mit Goethe, C.H. Beck, 272 Seiten, 25 Euro
Ramie Targoff: Shakespeares Schwestern. Wie Frauen die Renaissance
schrieben, Insel, 431 Seiten, 28 Euro
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100 Jahre Ingeborg Bachmann: Vom Leben einer Frau in der Männergesellschaft
Episode 69
Saturday, May 30, 2026 • Duration 46:03
In der berühmten Erzählung »Michael Kohlhaas« von Heinrich von Kleist
wird der brave Pferdehändler aus Brandenburg zu einem gefürchteten
Terroristen, der verzweifelt um sein Recht kämpft. Aber wer ist Michaela
Kohlhaas? Sie ist die Heldin im aktuellen Roman der Leipziger
Schriftstellerin Heike Geißler. Michaela Kohlhaas verlässt ihre
bürgerliche Existenz, zieht mit einem Planwagen durch Deutschland und
kämpft für mehr Gerechtigkeit auf der Welt. Wir diskutieren in unserem
ZEIT-Bücherpodcast: Ist das eine gelungene Aktualisierung von Kleist?
Oder etwas völlig anderes? Und was hat es mit dieser modernen
Systemsprengerin auf sich?
Am 25. Juni wäre Ingeborg Bachmann hundert Jahre alt geworden. Wir
fragen uns: Warum lieben wir sie noch immer so sehr? Was hat sie uns zu
sagen? Und wir sprechen über eine ihrer autobiografischen Erzählungen:
»Drei Wege zum See«. Die Erzählung erschien ein Jahr vor ihrem Tod und
enthält all ihre großen Lebensthemen. Wie lebt eine Frau in der
Männergesellschaft? Wie schwer lastet die Vergangenheit auf uns? Warum
fühlte Bachmann sich überall wie eine Fremde?
Die italienische Schriftstellerin Fleur Jaeggy, heute 85 Jahre alt, war
eine enge Freundin von Ingeborg Bachmann. In einem ergreifenden kleinen
Erinnerungsbuch erzählt sie von den letzten Tagen ihrer Freundin. Und
sie erhebt schwere Vorwürfe gegen Bachmanns österreichische Familie und
die deutschen Freundinnen. Wir diskutieren über Jaeggys These: Hätte
Ingeborg Bachmann nach dem schweren Brandunfall 1973 in ihrer Wohnung in
Rom noch gerettet werden können? Die Wucht dieses kleinen Buches zeigt –
Bachmann lässt noch immer niemanden kalt.
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Literaturhinweise:
- Heike Geißler. »Michaela Kohlhaas«. Suhrkamp Verlag. 253 Seiten,
24,– Euro
- Fleur Jaeggy. »Die letzten Tage von Ingeborg Bachmann«. Suhrkamp
Verlag. 44 Seiten. 16,– Euro
- Ingeborg Bachmann. »Drei Wege zum See«. In: »Simultan«. Piper
Verlag. 224 Seiten. 11,– Euro
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