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Philipp Hübl – Dient Moral nur noch dem eigenen Image?14 Sep 202400:57:30
Die richtige Haltung ist heute ein Statussymbol, sagt der Philosoph Philipp Hübl. In seinem neusten Buch «Moralspektakel» schreibt er gegen Tugendprotzerei an und verteidigt dennoch universelle Werte. Ob das gut gehen kann? Eigentlich ginge es in der Moral um Werte und Normen und darum, was zu tun ist, um eine gerechtere Gesellschaft und Weltordnung zu erschaffen und friedlich zusammenzuleben. Doch wenn heute der Begriff «Moral» fällt, denken viele eher an die Frage, ob sich Kinder noch als Indianer verkleiden dürfen, ob man gendern muss und ob Denkmäler von Staatsmännern, die nachweislich in den Kolonialismus verstrickt waren, entfernt werden sollen. Viele dieser Fragen sind längst zur Symbolpolitik geworden, sagt der Philosoph und Bestsellerautor Philipp Hübl. Mit negativen Folgen: Die Wurzeln von Unrecht packe man mit solchen Debatten nämlich nicht an. Die Moral werde stattdessen zu einem Spektakel degradiert, in dem es den meisten mehr ums eigene Image statt um die Sache geht. Schüttet Hübl damit das Kind nicht mit dem Bade aus? Und welche Moral braucht es, wenn die Welt gerechter werden soll? Barbara Bleisch trifft den Philosophen, der in diesen Tagen mit dem Tractatus-Preis ausgezeichnet wird, zum Gespräch.
Florian Schroeder – Ein Satiriker will das Böse abschaffen31 Aug 202400:58:23
Satiriker und Philosoph Florian Schroeder weiss, wovon er spricht, wenn er über das Böse schreibt: Sein Vater war ein verurteilter Straftäter. Von der Kategorie des Bösen hält er dennoch wenig: Sie dämonisiert das Gegenüber, statt es zu verstehen. Ein Gespräch über Widersprüche, Wahnsinn und Humor. Wenn die Welt in schwarz und weiss eingeteilt wird, erlebt das Böse eine Renaissance. Und böse sind immer die anderen, sagt Florian Schroeder. Der bekannte Comedian, der so viele Menschen zum Lachen bringt, will das Böse verstehen und traf für sein Buch Psychologinnen, Sexualstraftäter, jugendliche Schläger und einen Mann, der ein Doppelleben führte. Schroeder plädiert für Nachsicht und ist sich sicher, dass niemand von Grund auf böse ist, sondern die Umstände es sind, die jemanden falsch handeln lassen. Doch soll und kann man wirklich jede Gräueltat verstehen? Heisst verstehen nicht fast schon entschuldigen? Und wie weit reicht sein Verständnis, wenn menschenverachtende Parolen verbreitet werden? Barbara Bleisch spricht mit Florian Schroeder über die Kunst des Verstehens und ihre Grenzen und darüber, was Comedy mit Verstehen zu tun hat.
Ian McEwan – Was ist ein gelungenes Leben?18 May 202400:58:18
Er ist ein Superstar der Literatur und seine Bücher liefern immer neuen Stoff für Hollywood: Ian McEwan, einer der bekanntesten Schriftsteller unserer Zeit, der die Abgründe menschlichen Lebens und Liebens schonungslos ausleuchtet und ihre ganze Widersprüchlichkeit zeigt. Vielfach verfilmt mit Stars wie Keira Knightley, Anthony Hopkins und Emma Thompson, begeistern McEwans literarische Werke seit Jahrzehnten ihr Publikum. Sie sind von der Ambivalenz der menschlichen Erfahrung geprägt und von den Lehren, die das Leben erteilt. So auch sein 2022 erschienenes und wohl persönlichstes Buch «Lektionen», das die ganze Bandbreite menschlichen Lebens abbildet und eng mit der Biografie des Briten verwoben ist. Am Ende bleibt immer die Frage: Was ist ein gelungenes Leben? Und gibt es das überhaupt? Als Schriftsteller äussert sich Ian McEwan oft politisch, wobei er auch die Sehnsucht kennt, sich angesichts der dramatischen Weltlage «ins Innere des Wals» zurückzuziehen, wie George Orwell schrieb und Ian McEwan es in seinem neusten Essay diskutiert. Darf man sich der politischen Verantwortung entziehen – und kann man es im digitalen Zeitalter überhaupt noch? Barbara Bleisch spricht mit Ian McEwan über Familiengeheimnisse und menschliche Schuld, über die Lasten und Freuden des Lebens und über sein Dasein als Schriftsteller.
Minenfeld Erziehung – Was Elternsein heute bedeutet11 May 202400:59:18
Will ich Kinder haben? Diese Frage belastet junge Menschen zunehmend. Und wenn das Kind dann da ist, fängt der Erziehungsstress an. Man möchte perfekte Eltern sein. Ein Gespräch über Elternschaft und Erziehung, mit der Philosophin Simone Miller und dem Erziehungsexperten Philipp Ramming. Erziehung heisst scheitern lernen. Davon ist Philipp Ramming überzeugt. Er ist langjähriger Kinder- und Jugendpsychologe und Erziehungsratgeber. Viele Eltern hätten heute zu hohe Erwartungen und würden ihre Kinder überbehüten, findet Ramming. Aber stimmt das? Was heisst es, gute Eltern zu sein? Und was ist eigentlich das Ziel von Erziehung? Über diese Fragen diskutiert Yves Bossart anlässlich des Muttertags mit Simone Miller, Philosophin, Journalistin bei Radio Deutschlandfunk Kultur und Mutter von zwei kleinen Kindern. Und mit Philipp Ramming, Kinder- und Jugendpsychologe und Vater von zwei erwachsenen Söhnen.
Extremismus auf dem Vormarsch – was tun gegen Radikalisierung?27 Apr 202400:58:19
Das Misstrauen gegen Politik, Medien und Wissenschaft wächst. Zugleich werden extremistische Positionen immer salonfähiger, von Rechtspopulismus bis zu Verschwörungstheorien. Was steckt dahinter? Yves Bossart spricht mit der Extremismus-Expertin Julia Ebner und dem Schriftsteller Karl-Heinz Ott. Julia Ebner berät zahlreiche Regierungen und Geheimdienste, die EU ebenso wie die UNO im Umgang mit Radikalisierung, Terrorismus und extremistischer Gewalt. Sie hat sich für ihre Recherchen monatelang inkognito unter Nenazis, Dschihadisten und Coronaleugner gemischt. Ebner meint, Radikalisierung sei längst kein Randphänomen mehr, sondern habe die Mitte der Gesellschaft erreicht, auch durch Soziale Medien wie TikTok oder Telegram. Karl-Heinz Ott befasst sich als Philosoph und Schriftsteller mit reaktionären Ideen und ihren Vordenkern, etwa mit dem einflussreichen Staatsrechtler Carl Schmitt, der als Kronjurist des Dritten Reiches gilt. Yves Bossart spricht mit den beiden Experten über den Aufstieg des Rechtspopulismus, über die zunehmende Radikalisierung der Gesellschaft und über mögliche Auswege.
300 Jahre Kant – Ist Aufklärung heute wichtiger denn je?20 Apr 202400:50:02
Vor 300 Jahren wurde der grösste Revolutionär des menschlichen Geistes geboren. Sein Name: Immanuel Kant. Seine Mission: Aufklärung. Seine Wirkung: weltverändernd. Der Philosoph Marcus Willaschek erklärt die Wichtigkeit Kants für die Krisenzeit. Ist die Würde des Menschen unantastbar? Was bedeutet es, wirklich selbstbestimmt zu handeln? Und leben wir eigentlich in einem Zeitalter der Aufklärung? Kernfragen des Werks von Immanuel Kant (1724-1804). Kants kritische Denkart prägt die Kultur bis heute tief: in Politik, Moral, Religion und Wissenschaften. Sie gibt selbst in kriegerischen Konflikten letzte Orientierung, wie etwa in der Ukraine oder im Nahen Osten. Andererseits scheinen die Ideale seiner Aufklärung derzeit besonders bedroht: durch Demokratiekrise, aufkommenden Fanatismus, aggressive Denkfaulheit. Sind Kants Einsichten am Ende nur wolkiges Gerede? Oder nicht doch der einzig vernünftige Weg für eine globalisierte Welt? Und wie kann es sein, dass einer der fortschrittlichsten Denker seiner Zeit dennoch rassistische Vorurteile lehrte? Was Mut zur Aufklärung wirklich bedeutet, und warum er gerade heute so wichtig ist, erkundet Wolfram Eilenberger zum 300. Geburtstag Kants im Gespräch mit dem Philosophen und Kant-Forscher Marcus Willaschek.
Raus aus der Produktivitätsfalle! Oder: Leistung neu denken13 Apr 202400:58:39
«Das war ein produktiver Tag!» Wer das sagt, blickt meist zufrieden auf sein Tagwerk. Doch was meint er damit genau? Heisst produktiv zu sein notwendig auch, etwas zu leisten? Und weshalb wird Produktivität in der modernen Arbeitswelt so oft zur Falle? Hans Rusinek und Hannah Schragmann sind beide jung, erfolgreich und ungemein produktiv: Beide haben einen Philosophieabschluss in der Tasche, haben Bücher über die moderne Arbeitswelt geschrieben und sind sowohl in der Wissenschaft als auch in der Privatwirtschaf tätig. Und beide sind der Ansicht: Arbeit und Leistung müssen angesichts der um sich greifenden Erschöpfung und der Klimakrise neu gedacht werden. Zentral dafür: Der Begriff der Produktivität. Während in der Wirtschaft damit meist Effizienzsteigerung gemeint ist, bedeutete «Produktivität» ursprünglich ein Schöpfen aus sich selbst, eine Form der Selbstwirksamkeit. Hannah Schragmann plädiert dafür, in der Arbeitswelt an diesen alten Begriff von Produktivität anzuknüpfen. Und Hans Rusinek, auch Fellow beim Club of Rome, begleitet Unternehmen auf ihrem Weg zu einer neuen Arbeitskultur. Ein erster Schritt für ihn: «Jours fixes» aus der Agenda verbannen und Freiräume schaffen für Vertiefung. Barbara Bleisch trifft die beiden jungen Philosophen zum Gespräch.
Megatrend Manifestieren – Welche Macht haben unsere Gedanken?06 Apr 202400:59:00
Durch Manifestieren sollen wir uns Liebe, Geld und Erfolg herbeiwünschen können, wenn wir nur fest daran glauben. Zahlreiche Prominente wie Jim Carrey oder Bella Hadid schwören darauf. Was steckt hinter dem spirituellen Trend? Alles nur Humbug? Oder ist Manifestieren vielleicht das «moderne Gebet»? Manifestieren funktioniert wie eine «Bestellung beim Universum». Man versucht durch die Kraft der Gedanken in die richtige Schwingung zu kommen und so das Gewünschte anzuziehen. Denn laut dem sogenannten «Gesetz der Anziehung» zieht sich Gleiches und Gleiches an. Plötzlich werden Traumpartner, Traumwohnung oder Traumgehalt zur Realität. Tiktok-Videos mit Manifestations-Anleitungen gehen viral, insbesondere unter jungen Menschen. Woher kommt dieses neue Bedürfnis nach Kontrolle und Transzendenz? Wo liegen die Grenzen zur Kunst des positiven Denkens? Und wo hört der Spass auf? Olivia Röllin und Yves Bossart sprechen mit Ann-Kristin Tlusty, Kulturwissenschaftlerin, Psychologin und Redakteurin «Zeit Online», mit Manuel Schmid, Theologe, Philosoph und Co-Leiter reflab.ch, und mit der Schauspielerin und Moderatorin Melanie Winiger, die regelmässig manifestiert und behauptet, so ihren Traummann gefunden zu haben.
Eva Menasse – Wider den Bekenntniszwang!30 Mar 202400:56:46
Die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse ist besorgt: Im Kontext der Debatte um den Gazakrieg sage man lieber nichts mehr über Israel, statt sich den Mund zu verbrennen. Diese Duckmäuserei führe aber nicht zu politischem Fortschritt, sondern zum Zerfall der Öffentlichkeit. Die Klage über das vergiftete Diskursklima gehört mittlerweile zum Grundbestand der Gegenwartsdiagnosen. Auch die vielfach preisgekrönte Bestsellerautorin Eva Menasse zeigt sich besorgt und warnt vor der Fragmentierung des öffentlichen Raums in einer Digitalmoderne, die von «Brachialvereinfachung» und «Hetzmeuten» dominiert sei. Als eine der Sprecherinnen des PEN Berlin ist sie insbesondere um die Kunst- und Meinungsfreiheit besorgt. Aberkannte Preise, abgesagte Ausstellungen und ausgeladene Gäste würden auf den ersten Blick das beruhigende Gefühl vermitteln, etwas gegen Antisemitismus, Rassismus oder Transfeindlichkeit getan zu haben. Gegen die Polarisierung bringe das jedoch nichts – im Gegenteil. Vielmehr sieht sie darin einen Bekenntniszwang am Werk, der Ausdruck sei des «würgenden Wunsches, auf der garantiert richtigen Seite zu stehen». Das Resultat: Symbol- statt Sachpolitik. Aber wo verlaufen die Grenzen der Redefreiheit? Und was lässt Menschen einander so missverstehen? Barbara Bleisch hakt nach.
Yascha Mounk – Identitätspolitik als Gefahr für die Demokratie?23 Mar 202400:57:32
Gesellschaftliche Debatten drehen sich zunehmend um Identität. Es geht um Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft und sexuelle Orientierung. Was ist von dieser Identitätspolitik zu halten? Und woher kommen ihre Grundideen? Darüber spricht Yves Bossart mit dem Politikwissenschaftler Yascha Mounk. Rechtspopulismus und Identitätspolitik hängen eng zusammen. Das meint der in den USA lehrende Politikwissenschaftler Yascha Mounk. In seinem neuen Buch «Im Zeitalter der Identität. Der Aufstieg einer gefährlichen Idee» analysiert er die Ursprünge und Auswirkungen dessen, was gerne als «woke» bezeichnet wird. Strömungen wie die Postmoderne, der Postkolonialismus und die «Critical Race Theory» hätten massgeblich dazu beigetragen, dass Kategorien wie Identität und Gruppenzugehörigkeit politisch wichtiger geworden sind, Wahrheit und Universalismus dagegen an Glaubwürdigkeit verloren haben. Mounk zufolge bedroht diese Entwicklung die liberale Demokratie, befeuert die gesellschaftliche Spaltung und schränkt die Redefreiheit ein. Aber stimmt das? Yves Bossart spricht mit dem in Deutschland aufgewachsenen Politikwissenschaftler über die Ursprünge und Folgen der Identitätspolitik.
«Digital Detox» – Das Smartphone, ein Gift?16 Mar 202400:58:55
Handyfreie Zonen, Apps für bildschirmfreie Zeiten, Digital Detox, um ganz zur Ruhe zu kommen. Haben wir einen schlechten Umgang mit unserem liebsten Spielzeug? Oder sind wir süchtig oder gar vergiftet? Der philosophische Stammtisch hakt nach. Als der Bestsellerautor Rolf Dobelli vor ein paar Jahren verkündete, er konsumiere keine News, ging ein Schrei der Entrüstung durch die Öffentlichkeit. Dabei plädierte er nicht für den totalen Rückzug, sondern für die Lektüre von Büchern und vertiefenden Hintergrundartikeln, um das Zeitgeschehen zu verstehen. Dass das pausenlose Scrollen durch News, Push-Nachrichten und TikTok-Videos uns nicht bildet, sondern ermüdet, ist längst erkannt. Nur steckt in unseren Smartphones mittlerweile unser halbes Leben. Bahnticket und Fahrplan, Zahlungsmittel und Kamera, Kalender und Adressbuch. Nur mal schnell schauen, ob man einen Schirm mitnehmen muss? Schon wieder zwanzig neue Mails entdeckt. «Reizüberflutung»: das neue Codewort. Brauchen wir digitale Manieren? Mehr Selbstkontrolle? Staatliche Regulierung? Oder gar «Digital Detox»? Und was verrät dieser Diskurs über unser Verhältnis zur Technologie? Am philosophischen Stammtisch diskutieren Wolfram Eilenberger und Barbara Bleisch mit Rolf Dobelli und dem Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.
Bayo Akomolafe – Wie wir aus der Krisenspirale herausfinden09 Mar 202400:57:15
Wenn wir die Klimakrise überstehen möchten, dann braucht es ein radikal neues Denken und Fühlen. Das meint der nigerianische Philosoph und Psychologe Bayo Akomolafe. Warum uns Spiritualität dabei helfen kann, die diversen Krisen ganz anders zu sehen, verrät er im Gespräch mit Yves Bossart. Menschen der Moderne sind in einer tödlichen Logik gefangen, die es zu durchbrechen gilt, meint Bayo Akomolafe. Der nigerianische Psychologe und international gefragte Redner glaubt, wir müssen einen neuen Umgang mit der Natur lernen, ihr wieder zuhören und uns berühren lassen. Dazu müssen wir die Natur und den Menschen neu denken, als vielschichtige Prozesse, die alle miteinander verbunden sind. Akomolafe bezieht sich dabei auf die westafrikanische Weisheitstradition der Yoruba, aber auch auf feministische Materialistinnen wie Donna Haraway, die starre Konzepte durchbrechen und Gegensätze überwinden möchte. Yves Bossart spricht mit dem spirituellen Denker über mögliche Auswege aus der krisenhaften Moderne und fragt, warum jeder Tod ein Neuanfang bedeutet.
Elke Heidenreich – Worin liegt das Glück des Älterwerdens?24 Aug 202400:57:10
Schmerzen, Einsamkeit, Abhängigkeit – Älterwerden kann hart sein. Aber das Alter schenkt auch Dankbarkeit und Zufriedenheit, meint die bekannte Literaturkritikerin Elke Heidenreich. Mit Yves Bossart spricht sie über ihr turbulentes Leben, über die allgemeine Weltlage und das Glück des Älterwerdens. Die «Literaturpäpstin» und Bestsellerautorin Elke Heidenreich hatte ein bewegtes Leben. Als Kind wurde sie von ihrer Mutter geschlagen und vernachlässigt. Hinzu kam eine schwere Lungenkrankheit. Die Bücher waren ihre Zuflucht, ihr Trost. Später überlebte sie eine Krebserkrankung und zwei Scheidungen. Heute schaut sie mit 81 Jahren auf ihr Leben zurück und empfindet vor allem eines: Dankbarkeit. Mit Yves Bossart spricht die vielfach preisgekrönte Literaturkritikerin, Autorin und Moderatorin über Zufriedenheit im Alter, über Einsamkeit, Affären und den Tod.
Dem Leiden eine Stimme geben – Carolin Emcke und Miriam Cahn02 Mar 202400:57:06
Krieg und Vertreibung sind grausam, erniedrigend, brutal. Wir sprechen kühl über Geostrategie, Gerechtigkeit und Grenzen – blenden die Schicksale der Menschen, die erfrieren, verhungern, ertrinken, aber allzu oft aus. Wie lässt sich das Grauen in Worte und Bilder fassen, wie zeigen, was geschieht? Beide arbeiten sich seit vielen Jahren an der Frage ab, wie der Entmenschlichung in unserer Welt aufrichtig und engagiert zu begegnen ist, und beide wurden für ihre Arbeit vielfach ausgezeichnet: Die Philosophin und Autorin Carolin Emcke und die Künstlerin Miriam Cahn. Cahn, die zu den weltweit bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen gehört, ergreift für die Entrechteten Partei, indem sie unermüdlich malt. Ihr Gemälde «Fuck abstraction!», das nach den Kriegsgräueln in Butscha entstanden ist, hat in Frankreich jüngst eine Debatte über die Grenzen der Kunstfreiheit ausgelöst. Denn Cahn zeigt die Brutalität von Krieg, Flucht und Unterdrückung ungeschönt und schonungslos. Emcke, unter anderem Friedenspreisträgerin und Autorin zahlreicher preisgekrönter Sachbücher, hat bereits in ihrer Zeit als Kriegsreporterin damit gerungen, dem Leiden schreibend eine Stimme zu geben. In ihrem in diesen Tagen erscheinenden Buch «Was wahr ist. Über Gewalt und Klima» denkt sie darüber nach, wie wir den einzelnen Menschen, die im Krieg zur wert- und namenlosen Masse werden, ihre Humanität zurückgeben können. Was treibt die beiden Frauen an, was eint sie? Glauben sie an die Kraft der Öffentlichkeit, wie lässt sich Empathie ihrer Meinung nach schulen und gibt es eine Pflicht zur Zeugenschaft? Barbara Bleisch trifft die beiden zum Gespräch.
Der Krieg in der Ukraine und die neue Weltunordnung24 Feb 202401:00:22
Vor zwei Jahren hat Russland die Ukraine überfallen. Die Bilanz ist verheerend, die Fronten verhärtet. Wie geht es weiter? Und was steht für den Westen auf dem Spiel? Ein Gespräch mit der Militärexpertin Florence Gaub und dem Slawisten und Osteuropa-Kenner Ulrich Schmid. Eine Zäsur sei das, eine Zeitenwende, so analysierten viele den Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022. Andere Stimmen, vor allem in Osteuropa, warnten schon viel früher. Denn Russland überfiel und besetzte 2008 Teile von Georgien und 2014 die Krim sowie Donezk und Luhansk. Tatsache ist: Der Krieg zieht sich in die Länge. Zehntausende Tote, zerstörte Städte, Millionen von Flüchtlingen. Die Bilanz ist verheerend. Putins Angriff auf die Ukraine sei auch ein Angriff auf den Westen, auf westliche Werte, betonen europäische Politikerinnen und Staatschefs unermüdlich. Doch was ist damit genau gemeint? Wie kämpft eine westliche Demokratie, in der über Klimakrise, Kaufkraft und Feminismus debattiert wird, gegen ein totalitäres Regime? Und welche Rolle spielen die grossen Player in der Zukunft: Die EU nach den Europawahlen im Juni? Die USA und damit auch die NATO nach einem allfälligen Wahlsieg Donald Trumps im Herbst? Und wären Europa, die EU, die Schweiz überhaupt für einen Krieg gerüstet? Über diese Fragen spricht Yves Bossart mit Florence Gaub, Politikwissenschaftlerin und Leiterin der Forschungsabteilung des NATO Defence College in Rom, und mit Ulrich Schmid, Slawist und Osteuropa-Kenner.
Josef Hader – Die Macht der Idiotie10 Feb 202400:58:42
Josef Hader ist einer der grössten Bühnenkünstler unserer Zeit. Kaum einen Preis, den der Kabarettist, Schauspieler und Regisseur nicht gewonnen hätte. Im Gespräch spricht er über die Kunst der Selbstentlarvung, heikle Lacher und das paradoxe Erbe der politischen Linken. Seit gut 40 Jahren ist der Österreicher Josef Hader im Namen der Satire unterwegs. Er hält sich und seinem Publikum den Spiegel vor, lotet gegenwärtige Abgründe aus und legt kulturbestimmende Verlogenheiten frei. Seine Strategie bezeichnete er dabei einmal als: «einfach jeden Scheiss raushauen». Doch auch diese Aussage ist mit Vorsicht zu geniessen, schliesslich nimmt Hader sich für sein Schreiben viel Zeit, geht geradezu perfektionistisch vor. Hader interessiert, wo sich das Politische im Privaten zeigt. Sein oft schwarzer Humor richtet sich nicht zuletzt gegen die Spassgesellschaft selbst. Wolfram Eilenberger fragt den Satiriker, an welchen Vorbildern er sich orientiert, warum seine moralisch verkommenen Bühnenfiguren den gleichen Namen tragen wie er selbst – und inwiefern sein jüngstes Programm auch als Abrechnung mit der Generation der 68er begriffen werden kann.
Gerald Knaus – Wie lösen wir die Migrationskrise?03 Feb 202400:59:09
Jedes Jahr sterben über tausend Menschen auf der Flucht im Mittelmeer. An den EU-Aussengrenzen werden Asylsuchende mit Zäunen und Gewalt zurückgehalten. Wie können wir Migration kontrollieren, ohne Gewalt und Tote? Darüber spricht Yves Bossart mit dem gefragten Migrationsexperten Gerald Knaus. Von «Asylchaos» ist die Rede. Rechtpopulistische Parteien feiern Erfolge, weil sie eine restriktive Asylpolitik fordern. Auch die EU hat ihre Migrationspolitik verschärft. Was passiert da gerade? Und wie könnte eine humane und gerechte Migrationspolitik aussehen? Der österreichische Sozialwissenschaftler und Migrationsforscher Gerald Knaus gilt als Vordenker des Migrationsabkommens der EU mit der Türkei von 2016. Er ist Gründungsmitglied der «European Stability Initiative» und berät heute zahlreiche Regierungen. Seine Kernforderung lautet: Wir brauchen Kontrolle, vereint mit Empathie. Grenzschutz ja, aber menschlich. Knaus möchte – wie derzeit einige EU-Länder – Asylverfahren aus Europa auslagern, in sichere Drittstaaten, mit denen Abkommen geschlossen werden. So würden Menschen ohne Chance auf Asyl die gefährliche Reise nach Europa gar nicht erst antreten. Aber: Ist das moralisch vertretbar?
Martin Puchner – Literatur für die Zukunft27 Jan 202400:58:07
Geschichten können vieles: berühren, sensibilisieren, mitreissen. Die Fünf-vor-zwölf-Rhetorik tut nichts davon, sagt Martin Puchner, Professor an der renommierten Harvard Universität. Wollen wir die Krisen unserer Zeit meistern, brauchen wir neue und bessere Erzählungen. Die Menschheit erzählt Geschichten, seit sie der Sprache mächtig ist. Erforscht man die Weltliteratur, erforscht man deshalb immer auch sich selbst. Für Martin Puchner, Professor für Literaturwissenschaft und Komparatistik an der renommierten Harvard Universität in den USA, liegen in diesen Zeugnissen die Schlüssel zum Verständnis heutiger Krisen. So ist bereits das Gilgamesch-Epos, das rund 4000 Jahre alt ist, eine Katastrophenerzählung, wie sie Hollywood nicht besser erzählen könnte. In der Bewegung der «Prepper», die sich zu Selbstversorgern ausbilden, um beim grossen Showdown zu überleben, erkennt Puchner die Wiederbelebung des Mythos von Noah, der sich und seine Lieben mit einer Arche rettete. In unseren Geschichten erkennen wir aber nicht nur uns selbst, mit Geschichten können wir uns auch neu erfinden. Die Frage ist bloss: Welche Narrative prägen die Zukunft – und welche Medien? Denken wir weit in die Zukunft, wird die Menschheitsgeschichte irgendwann ein leises Kräuseln auf dem Ozean der Ewigkeit gewesen sein. In Zeitkapseln werden heute Botschaften versteckt für Zivilisationen, die vielleicht nach uns kommen. Doch wird sie je jemand entziffern können – und vor allem: Warum wird das getan? Barbara Bleisch trifft den umtriebigen Harvard-Professor am Zürcher Philosophie Festival zum Gespräch.
Paul Feyerabend – Erkenntnis für freie Menschen!20 Jan 202400:58:53
Die wissenschaftliche Methode: gibt es nicht! Und auch keinen Erkenntnisfortschritt zu der Wahrheit. Höchste Zeit deshalb, die Naturwissenschaft basisdemokratisch zu regulieren! So der vor 100 Jahren geborene Philosoph Paul Feyerabend. Welche Bedeutung haben seine Thesen für unsere Gegenwart? Für viele ist er einer der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Für andere gilt der 1924 in Wien geborene Paul Feyerabend „als grösster Feind der Wissenschaft, ja als Vordenker heutiger Querdenker. Sich selbst bezeichnete Feyerabend, langjähriger Professor an der ETH Zürich, als erkenntnistheoretischen Anarchisten und Pluralisten. Mit Werken wie „Wider den Methodenzwang oder „Erkenntnis für freie Menschen stieg er in den 1970er Jahren vom kalifornischen Berkeley aus zu einer Ikone linker Gegenkultur auf. Und er wirkte mit seinen genialen Polemiken und Performances über Jahrzehnte als lebendig gewordener Alptraum akademischer Philosophie. Zum 100. Geburtstag des 1994 in der Schweiz verstorbenen Selbstdenkers spricht Wolfram Eilenberger mit dem Zürcher Wissenschaftshistoriker Michael Hagner über die Wichtigkeit von Feyerabends Impulsen für unsere wissenschaftsdurchdrungene Gegenwart.
Mirjana Spoljaric Egger – IKRK-Präsidentin auf heikler Mission13 Jan 202401:00:32
Mit Mirjana Spoljaric Egger steht seit Herbst 2022 zum ersten Mal eine Frau an der Spitze des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Ihr Amt hat die ehemalige Spitzendiplomatin in einer Zeit multipler Krisen angetreten. Barbara Bleisch trifft die gewiefte Verhandlerin zum Gespräch. Das IKRK mit Sitz in Genf hat Tradition. Im 161. Jahr ihres Bestehens steht die Hilfsorganisation, deren Auftrag der Schutz des humanitären Völkerrechts ist, vor gewaltigen Herausforderungen. Not, Leid und Elend nehmen weltweit zu, nicht zuletzt aufgrund der Klimakrise. Mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine hat das IKRK die grösste Mission in seiner Geschichte zu bewältigen. Auch im Krieg in Israel und Gaza ist die Organisation gefordert mit der Übergabe befreiter Geiseln, dem Besuch von Gefangenen und dem Transport von Hilfsgütern. Der Bedarf an finanziellen Mitteln ist in den letzten Jahren stark angestiegen und Präsidentin Mirjana Spoljaric Egger sah sich gezwungen, kurz nach Amtsantritt Budgetkürzungen und Entlassungen anzukündigen. Wie führt man in der Krise, wenn der Druck von innen und aussen zunimmt? Wie lässt sich noch an das humanitäre Völkerrecht glauben, wenn es selbst von Grossmächten mit Füssen getreten wird? Und lässt sich mit gutem Gewissen mit Kriegsverbrechern verhandeln, um Zugang zu Gefangenen und Opfern zu erhalten? Barbara Bleisch trifft die ehemalige Mitarbeiterin der UNO und Spitzendiplomatin zum Gespräch.
Thomas Fuchs – Macht uns die Gesellschaft krank?06 Jan 202400:59:28
Immer mehr Menschen klagen über Erschöpfung, Ängste und Depressionen – auch angesichts der krisenhaften Weltlage. Wie können wir unsere Psyche besser schützen? Und wo muss sich die Gesellschaft verändern? Yves Bossart im Gespräch mit dem Psychiater und Philosophen Thomas Fuchs. Viele Menschen sind erschöpft, weil sie die natürlichen Kreisläufe des Lebens missachten, meint der Philosoph und Psychiater Thomas Fuchs. Wir sollten wieder lernen, die Rhythmen der Natur und des eigenen Körpers wahrzunehmen. Thomas Fuchs hat Medizin, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte studiert und ist seit 2010 Karl-Jaspers-Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie in Heidelberg. Yves Bossart spricht mit ihm über die psychischen Belastungen der Gegenwart und darüber, was die Digitalisierung damit zu tun hat, warum junge Frauen besonders darunter leiden und was mögliche Auswege aus Erschöpfung und Entfremdung sein könnten.
Jane Goodall – Ein Leben für die Schimpansen30 Dec 202300:59:52
Jane Goodalls Biografie ist filmreif: Schon als kleines Mädchen träumte sie davon, zu den Menschenaffen in den Dschungel zu ziehen. Ohne ein Studium in der Tasche, schaffte es die junge Britin, zur berühmtesten Primatenforscherin der Welt zu werden. Barbara Bleisch trifft sie zum Gespräch. Da das Geld der Familie nicht reichte, war ein Studium ausgeschlossen. Stattdessen wurde Jane Goodall Sekretärin. Als sie eine Freundin nach Kenia einlud, packte sie ihre Koffer. Durch eine Reihe glücklicher Zufälle lernte sie dort den bekannten Anthropologen Louis Leakey kennen, der sie als seine Sekretärin einstellte und ihr Talent fürs Studium von Tieren erkannte. So verschlug es die völlig unerfahrene Goodall mit 26 Jahren nach Gombe in Tansania und sie erforschte über viele Jahre hinweg das Leben der Schimpansen. Aus dem Mädchen aus London wurde eine weltbekannte Forscherin und UN-Friedensbotschafterin. Mit ihrer Stiftung unterstützt sie den Schutz der Schimpansen und kämpft gegen die Armut vor Ort, denn Goodall hat früh erkannt: Tier- und Umweltschutz ist immer auch Einsatz für soziale Gerechtigkeit. Barbara Bleisch trifft die Grande Dame der Primatenforschung zum Gespräch über Träume und Durchhaltevermögen, über Menschen und Affen und über die Zukunft unseres Planeten.
Axel Hacke – Kommen wir heiter weiter?23 Dec 202300:58:46
Axel Hacke möchte ein heiterer Mensch sein, tut sich aber schwer damit. Das überrascht insofern, als der Bestsellerautor sein Publikum seit Jahrzehnten erfolgreich mit heiteren Geschichten unterhält. Im Gespräch mit Barbara Bleisch geht er der Heiterkeit als Lebenshaltung auf den Grund. An sich würde man gern gelassen und gutgelaunt durchs Leben gehen. Doch angesichts der vielen Krisen unserer Zeit fa?llt das vielen derzeit schwer oder scheint sogar unangebracht. Der vielfach preisgekrönte Kolumnist und Schriftsteller Axel Hacke denkt in seinem neuen Bestseller «Über die Heiterkeit» daru?ber nach, wie es gelingen kann, in eine zärtliche Distanz zu sich und zur Welt zu treten, die Raum lässt für Entkrampfung. Heiterkeit ist für Hacke nicht zu verwechseln mit brüllendem Lachen, Witzeerzählen und Schenkelklopfen. Vielmehr geht es ihm um eine Haltung der Gelassenheit, wie sie schon in der antiken Philosophie als Mittel der Lebenskunst angepriesen wurde, und um die Einsicht: Wir Menschen sind einander in unserem Bemühen, durchs Leben zu kommen, alle gleich. In der Sternstunde Philosophie fragen wir, wie es gelingt, heiter zu bleiben, ohne sich über alles lustig zu machen, und dem Leben seine Schwere zu nehmen, ohne in Zynismus abzugleiten. Dabei zeigt sich: Heiter geht es tatsächlich weiter!
Das Leben umarmen – Mit Freud und Leid23 Aug 202401:29:34
Ein Kuss, ein Erfolg, ein Lottogewinn: Das Leben kann pures Glück sein. Doch auch das Gegenteil gehört dazu: Verlust, Krankheit und Tod. Wie aber hängen Freud und Leid zusammen? Und wie weiter nach dem Schicksalsschlag? Eine «Sternstunde der Nacht» zum Auf und Ab des Lebens. Das Leben ist oft beides: Himmel und Hölle zugleich. Da sind all die Kriege, das Elend, die Katastrophen. Gleichzeitig gibt es diese wundervollen Glücksmomente: das Lächeln eines Kindes, die neue Liebe, ein medizinischer Durchbruch. Wie hängen diese Gegensätze des Lebens zusammen? Braucht es Leid, um wahres Glück zu empfinden? Und wie verändern Schicksalsschläge den Blick auf das eigene Leben, auf die Welt als Ganzes? Olivia Röllin und Yves Bossart begeben sich auf die Achterbahn des Lebens und sprechen in der Sendung «Sternstunde der Nacht» mit ihren Gästen über Freud und Leid, unverhofftes Glück und tragische Schicksalsschläge. Gäste: – Thomas Zurbuchen, Astrophysiker und ehemaliger Wissenschaftsdirektor der Nasa; – Verena Kast, Psychologin und Psychoanalytikerin; – Werner van Gent, Korrespondent und ehemaliger Kriegsreporter; – Dabu Bucher, Sänger von Dabu Fantastic; – Susanne Schmetkamp, Philosophin und Ethikerin; – Farah de Tomi, Auswanderin und Tierschützerin; und – Alex Oberholzer, Filmkritiker und Buchautor.
Sofi Oksanen – Jeder Krieg ist ein Krieg gegen Frauen16 Dec 202300:57:25
Als eine der wichtigsten literarischen Stimmen der Gegenwart schreibt die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen nicht nur Romane. Sie ist auch eine Chronistin der sowjetischen Gewalttaten in Osteuropa. Vor allem gegen Frauen. Wie nun wieder in Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine. Mit dem Roman «Fegefeuer» hat sich Sofi Oksanen 2010 auf die literarische Landkarte Europas gesetzt. Seitdem ist sie zu einer der wichtigsten Stimmen der Gegenwartsliteratur geworden. Dass es so weit kam, ist keineswegs selbstverständlich. Als „post-koloniale Autorin beschäftigt sich Oksanen mit der Geschichte der von der einstigen Sowjetunion beherrschten und unterjochten Nationen Osteuropas. Allen voran jener Estlands. Von dort stammt Oksanens Mutter. In schonungsloser Drastik wirkt sie als Chronistin der Gewalt gegen Frauen in Zeiten der Besatzung und des Krieges. So wie aktuell in der Ukraine, auf die sie sich in ihrem neusten Buch «Putins Krieg gegen die Frauen» konzentriert. Wolfram Eilenberger spricht mit der finnischen Star-Autorin über Familientraumata, die Generationen nachwirken, die nordische Faszination für das Dunkle und die Frage, weshalb sich an den Rändern Europas derzeit einmal mehr das Schicksal des gesamten Kontinents entscheidet.
Peter Kirchschläger – Eine Ethik für das KI-Zeitalter!09 Dec 202300:58:11
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz verletzt Menschenrechte. Dennoch gibt es bis heute keine spezifischen KI-Gesetze. Der Schweizer Ethiker Peter Kirchschläger fordert eine globale Überwachungsbehörde zum Schutz aller Menschen vor KI. Gespräch über die gefährlichste Technologie unserer Zeit. Nach Elon Musk ist Künstliche Intelligenz «potenziell gefährlicher als die Atombombe». Dennoch ist sie mittlerweile überall frei im Einsatz. KI leitet unseren Alltag, beeinflusst unsere Entscheidungen, dringt in unsere Privatsphäre ein. Auch in der Schweiz ohne jede spezifische rechtliche Regulierung. Inwiefern gefährdet Künstliche Intelligenz die Menschenrechte? Sind gar die Grundlagen der Demokratie in Gefahr? Und wenn ja, wie lässt sich diese Technologie zukünftig einhegen? Erst kürzlich legten 18 Staaten erste Regeln für den Umgang mit KI fest. Rechtlich bindend sind auch sie bislang nicht. Der in Luzern lehrende Theologe und Philosoph Peter Kirchschläger geht deshalb weiter. Er fordert eine globale Überwachungsbehörde für KI-Technologien. Und findet mit diesem Impuls immer breiteres Gehör, auch bei der UNO. Welchen ethischen und rechtlichen Regeln gelten müssen, um den Menschen vor den Gefahren der KI zu schützen, erklärt Peter G. Kirchschläger im Gespräch mit Wolfram Eilenberger.
Sabine Hossenfelder – Steht die Zukunft schon fest?02 Dec 202300:56:42
Die deutsche Physikerin Sabine Hossenfelder erreicht mit ihren Erklärvideos auf YouTube ein Millionenpublikum. Sie stellt Fragen wie: Ist alles nur Materie? Gibt es die Zeit? Und: Ist unser Wille wirklich frei? Ein philosophisches Gespräch über die Grundlagen der Physik. Die Zeit ist bloss eine Illusion. Die Vergangenheit existiert noch immer. Und die Zukunft steht bereits fest. Mit solchen Behauptungen begeistert die Physikerin Sabine Hossenfelder auf YouTube ihre zahlreichen Follower. Wenn sie Albert Einstein erklärt, dann kommen alle mit. Hossenfelder kritisiert aber auch die gegenwärtige Physik und meint, die Suche nach der einen, wahrhaft schönen Weltformel sei vergebens: Das Universum ist nicht schön, sondern hässlich. Zudem solle man endlich aufhören, am CERN in Genf nach weiteren Teilchen zu suchen. Man könne nur scheitern. Yves Bossart spricht mit der ebenso populären wie umstrittenen Physikerin über den gegenwärtigen Stand des Irrtums und fragt: Was war nochmal der Sinn von allem?
Liberalismus – Welche Freiheit wollen wir?25 Nov 202300:58:21
Die Freiheit hat derzeit einen schweren Stand. Weltweit kämpfen Autokraten gegen die liberale Demokratie. Gleichzeitig erklingt in Krisenzeiten der Ruf nach einem starken Staat und nach mehr Verzicht. Hat der Liberalismus ausgedient? Yves Bossart im Gespräch mit dem Philosophen Michael Festl. In allen Parteiprogrammen, von der rechten SVP über die wirtschaftsfreundliche FDP bis zur linken SP, steht der Wert der Freiheit weit oben. Doch alle Parteien verstehen etwas anderes darunter – ebenso wie unter dem Begriff «liberal». Was also ist liberal? Wie hängen wirtschaftlicher und politischer Liberalismus zusammen? Und wie könnte ein Liberalismus für das 21. Jahrhundert aussehen – angesichts von Kriegen, Klimakrise, Migration und Rechtspopulismus? Über diese Fragen spricht Yves Bossart mit dem Philosophen Michael Festl, der meint: Der Liberalismus müsse sich neu erfinden – und sich gleichzeitig auf seine Wurzeln besinnen. Festl ist Professor im Bereich Philosophie an der Universität St. Gallen und beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der Geschichte des politischen Liberalismus.
Sarah Bakewell – Humanisten leben erfüllter!11 Nov 202300:57:48
Was ein gutes Leben ausmacht? Frei denken, furchtlos forschen, handelnd hoffen. Mit anderen Worten: als überzeugte Humanistin durchs Leben gehen. Das sagt die englische Denkerin und Bestsellerautorin Sarah Bakewell. Gespräch über eine Philosophie wahrer Menschlichkeit. Was braucht es, um gegenwärtigen Krisen geistig zu begegnen? In Zeiten religiöser Konflikte, medialer Revolutionen, neuer Technologien und auch pandemischer Bedrohungen? Bereits vor mehr als 700 Jahren stellten sich Menschen diese Fragen mit neuer Dringlichkeit. Und hoben von Norditalien mit dem Humanismus eine neue Denktradition aus der Taufe. In deren Zentrum sollten nicht mehr theologische Dogmen stehen, sondern der freie, einsichtsreiche Mensch – seine einzigartigen Talente, Techniken und Sehnsüchte. Die britische Schriftstellerin Sarah Bakewell, Autorin weltweit gefeierter Werke wie «Das Café der Existenzialisten» sowie «Das Leben Montaignes» sieht in der Tradition des Humanismus den Schlüssel zu einer besseren Zukunft: selbstbestimmt, verantwortungsvoll, nachhaltig, emanzipatorisch. Der Titel ihres aktuellen Werkes lautet deshalb «Wie man Mensch wird – Auf den Spuren der Humanisten». Im Gespräch mit Wolfram Eilenberger entwickelt sie, welche rettenden Einsichten Humanisten für unsere Gegenwart bereithalten.
Woher kommt der Hass gegen die Hässlichkeit?04 Nov 202300:59:49
Zu dick, zu alt, zu dunkel, zu haarig: Wer nicht der Norm entspricht, wird gemobbt und diskriminiert. Schönheit hingegen verspricht Erfolg und Anerkennung. Doch wer definiert, was schön ist? Und welche Machtstrukturen stecken hinter dem Hass gegen die Hässlichkeit? Frisch gespritzt und neu gepolstert: Im Pro-Kopf-Vergleich gehört die Schweiz zu den führenden Ländern, was Schönheitseingriffe betrifft. Und je mehr Menschen mitmachen, desto verbindlicher wird die Selbstoptimierung. Die Künstlerin Moshtari Hilal und die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner zeigen auf, wie viel Politik in unseren Schönheitsidealen steckt und fordern mehr Widerstand: Wir sollten nicht die eigenen Körper kritisieren, sondern das System, die Säulen, auf denen die Schönheitsindustrie fusst: Kapitalismus, Patriarchat, Kolonialismus und Rassismus. Doch wie sähe eine solche Schönheitsrevolution aus? Wie gelänge eine inklusivere Gesellschaft, die keine Hässlichkeit mehr braucht? Und was spricht eigentlich gegen Schönheits-OPs? Über diese Fragen spricht Yves Bossart mit Moshtari Hilal, Künstlerin und Autorin des Buches «Hässlichkeit», und mit Elisabeth Lechner, Kulturwissenschaftlerin und Autorin des Buches «Riot, dont diet! – Aufstand der widerspenstigen Körper».
Omri Boehm, lässt sich ohne Hass über Nahost sprechen?28 Oct 202300:58:32
Die Terrorattacke der Hamas wird einhellig verurteilt. Gerade bei westlichen Intellektuellen wird sie aber teilweise von einem «ja, aber» sekundiert, was wiederum für Empörung sorgt. Wie lässt sich über die Situation in Nahost sprechen und ist ein Weg aus dieser Spirale des Hasses überhaupt möglich? Das Grauen, das die Hamas-Terroristen mit ihrer unglaublich brutalen Attacke gegenüber unschuldigen Israelis angerichtet haben, ist kaum in Worte zu fassen, und das Reden darüber fällt schwer. Der Angriff wird in aller Schärfe verurteilt, einige schieben jedoch ein «ja, aber» nach, wollen den Terror kontextualisieren und verweisen auf die humanitäre Katastrophe im Gaza. Droht damit eine Verharmlosung, gar Rechtfertigung, und lässt sich das «akut Böse» überhaupt kontextualisieren? Andererseits: Lässt sich Terror losgelöst von einem Kontext beurteilen? Warum scheint es gerade so schwer, diskursiv zu trennen zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus, und wann ist diese Fähigkeit zur Differenzierung abhandengekommen? Wie kann ein Ausbruch aus dem Denken der Vergeltung hin zur Vergebung gelingen, wenn Unrecht und Schuld so tief eingegraben sind? Zu Gast ist der deutsch-israelische Philosoph Omri Boehm, Professor an der renommierten New School for Social Research in New York, der die Zweitstaatenlösung als definitiv gescheitert bezeichnet und der 2020 in seinem Buch «Israel – Eine Utopie» eine binationale Republik auf dem Gebiet des heutigen Israels und Palästina vorgeschlagen hat. Mit Omri Boehm sprechen Barbara Bleisch und Wolfram Eilenberger.
Eine andere Demokratie wagen? Der Philosophische Stammtisch21 Oct 202300:56:13
Der Rückhalt für die Demokratie scheint zu schwinden. Selbst im Musterland Schweiz. Die Wahlbeteiligung sinkt, die Skepsis an demokratischen Verfahren wächst. Und mit ihr die populistische Wut. Was tun, um unsere Demokratien zu stärken? Müssen wir Volksherrschaft zukünftig neu denken? Am 22. Oktober wählt die ganze Schweiz ein neues Parlament. Die ganze Schweiz? Nein, nur diejenigen Einwohnerinnen und Einwohner unseres Landes, die stimm- und wahlberechtigt sind. Also weder die Ausländerinnen und Ausländer noch die 16- und 17-Jährigen. Und auch nicht die wachsende Zahl derjenigen, die gar nicht wählen oder abstimmen. Zur Urne gehen damit weniger als die Hälfte aller Menschen, die in der Schweiz leben. Und das nennen wir dann Volksentscheid? Ist das noch zeitgemäss? Gerecht? Vernünftig? Welche Wege führen aus der Krise westlicher Demokratien: Von Populismus bedroht. Und oft auch zu mutlos in notwendigen Entscheidungen? Siehe Klimawandel. Wäre es besser, das Los entscheiden zu lassen, wer in der Volksvertretung sitzt? Sollten wir, wie viele europäische Länder um uns herum, Bürgerräte einführen? Hat die Demokratie ihren Zenit gar überschritten? Oder bleibt sie nach wie vor die schlechteste aller Regierungsformen, abgesehen von allen anderen, wie Winston Churchill es einst formulierte? Barbara Bleisch und Wolfram Eilenberger diskutieren diese Schlüsselfragen der Gegenwart mit der deutschen Historikerin Hedwig Richter und dem Schweizer Philosophen Francis Cheneval.
Sind wir zu moralisch, Hanno Sauer?07 Oct 202300:57:48
Hanno Sauer, Philosophieprofessor in Utrecht, sorgt mit seinem Buch «Moral. Die Erfindung von Gut und Böse» gerade für Furore. Vielleicht, weil das Thema so polarisiert? Barbara Bleisch fragt den Jungstar der Philosophie, ob wir es mit der Moral gerade übertreiben. Die Entwicklung der menschlichen Moral hat schon viele Denker beschäftigt: Allen voran natürlich Friedrich Nietzsche in seiner «Genealogie der Moral», aber auch Yuval Noah Harari oder Rutger Bregman. Hanno Sauer, der sich gerade als neuer Star der öffentlichen Philosophie entpuppt, hat mit seinem neuen Buch eine weitere umfangreiche Globalgeschichte unserer Werte und Normen vorgelegt. Am interessantesten liest sich das Buch, wenn es um die neueste Geschichte geht. Sauer gibt sich nämlich trotz überreizter Debatten über «Wokeness», «Tugendterror» und «Moralismus» versöhnlich: Die Polarisierung in unserer Gesellschaft hält er lediglich für eine «Sortierung». Im Grossen und Ganzen seien wir uns über die zentralen moralischen Werte einig. Wirklich? Barbara Bleisch hakt nach und analysiert mit dem jungen Professor die moralische Grammatik unserer Gegenwart.
Suizid – Sünde oder Freiheit?30 Sep 202301:06:08
Weltweit sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Gewalt. Ihre Schicksale sind jedoch oft unsichtbar, das Thema ist Tabu. Für viele ist der Suizid eine Sünde gegen Gott oder zumindest Symptom einer Krankheit. Andere sehen im «Freitod» den ultimativen Akt menschlicher Autonomie. Der Philosoph Walter Benjamin bezeichnete den Suizid als die «Quintessenz der Moderne». Wenn der «Selbstmord» keine Sünde mehr ist gegen Gott, wird er dann zum letzten Akt des freien Willens? Wann aber ist ein Suizidwunsch wirklich frei – und wann bloss das Symptom einer Notsituation oder einer Krankheit wie der Depression? Und welche Verantwortung hat man gegenüber den Hinterbliebenen? Philosophie und Theologie beschäftigen sich seit jeher mit diesen schwierigen Fragen am Lebensende, mit dem Verhältnis von Freiheit und Tod. Die Sendungen «Sternstunde Philosophie» und «Sternstunde Religion» widmen sich darum gemeinsam dem Tabuthema Suizid: Olivia Röllin besucht das Kriseninterventionszentrum (KIZ) in Winterthur und Yves Bossart spricht mit der evangelischen Theologin Dorothee Arnold-Krüger und dem Philosophen und Mediziner Matthias Bormuth.
Rache – der Ursprung der Moral?29 Jun 202400:55:46
Und, an wem haben Sie sich zuletzt gerächt? Über Rache spricht man nicht gern. Dennoch ist sie überall. Auch und gerade in unseren modernen Gesellschaften. Der Philosoph Fabian Bernhardt spricht über die wahre Macht der Rache – und ihre entscheidende Bedeutung für die gegenwärtige Politik und Moral. Kein Mensch, der sie nicht schon einmal verspürt hätte: die Lust, sich an jemandem zu rächen. Für eine erlittene Kränkung, Ungerechtigkeit, Zurücksetzung. Doch wehe, man wagt es, die Gerechtigkeit tatsächlich in eigene Hände zu nehmen. Kein Gefühl wird konsequenter geschmäht als die Rache. Sie gilt als blind, asozial, zerstörerisch. Tatsächlich, so analysiert der Philosoph Fabian Bernhardt in seinem Buch «Rache – Über einen blinden Fleck der Moderne», zeichnen sich unsere modernen Gesellschaften durch eine Tabuisierung der Rache aus. Doch hat Rache nicht auch gute Seiten? Wäre der Drang, sich zu rächen, gar der Ursprung moralischen Empfindens? Wie sähe eine menschliche Existenz aus, die ganz auf Rache verzichten wollte? Erleben wir derzeit, durch Krieg und Populismus, gar eine Rückkehr der Rache in den politischen Diskurs? Wenn ja, mit welchen Folgen, Gefahren, Möglichkeiten? Im Gespräch mit Wolfram Eilenberger legt Fabian Bernhardt die wahre Macht und Bedeutung der Rache für unser Zusammenleben frei.
Dieter Thomä – Produktives Stören bringt die Welt voran23 Sep 202300:59:22
Niemand mag Störungen. Fahrleitungsstörungen oder Störgeräusche sind ebenso unbeliebt wie «Klimakleber», die den Strassenverkehr stören. Der Philosoph Dieter Thomä sagt aber: Störmomente gehören nicht nur zum Leben, sondern bringen uns manchmal entscheidend weiter. Doch was macht Störung produktiv? Angesichts komplexer und krisenbehafteter Zeiten keimt in vielen der Wunsch nach einer möglichst störungsfreien Welt, nach reibungslosen Abläufen und vertrauten Schemen. So verständlich der Wunsch, so verfehlt ist er, sagt Dieter Thomä, bis vor kurzem Professor für Philosophie an der Universität St. Gallen. In seinem Buch «Puer Robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds» hat er sich bereits 2016 intensiv mit der Figur des Querdenkers, Aufwieglers und Querulanten befasst. Für ihn gehören diese Figuren zu jeder Ordnung und namentlich zur Demokratie. Politische Aufbrüche der Moderne werden selten vom Zentrum der Macht, sondern meist von den Rändern her angestossen – nicht zuletzt von Menschen mit Ideen, die als verrückt abgestempelt wurden. Letztlich ist auch die Philosophie in ihrem Ursprung nichts anderes als der Versuch, Bisheriges zu stören und an den Grundfesten unserer Überzeugungen zu rütteln. Doch wann ist der Sand im Getriebe produktiv – und wann wirkt er einfach nur zersetzend? Barbara Bleisch hakt nach.
Corine Pelluchon – Hoffnung angesichts der Klimakrise?02 Sep 202300:58:33
Die Folgen des Klimawandels und der Naturzerstörung machen vielen Angst. Wie schafft man es, trotz Klimakrise hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken? Und wie könnte eine ökologisch nachhaltige Welt aussehen? Darüber spricht Yves Bossart mit der französischen Philosophin Corine Pelluchon. Hoffnung ist das Gegenteil von Optimismus, findet die französische Philosophin und Professorin Corine Pelluchon. Wahre Hoffnung entstehe aus Verzweiflung. Nur dann sei ein radikaler Neuanfang möglich, meint Pelluchon, die selbst jahrzehntelang unter Depressionen litt. Angesichts der Klimakrise fordert sie ein neues Verhältnis zur lebendigen Natur, zu Erde, Tier und Mensch: weg von der Herrschaft, hin zu mehr Wertschätzung. Der Mensch sei ein Stück Natur, inmitten von Natur, und als solcher abhängig und verletzlich. Diese Demut helfe der Menschheit, sich neu zu erfinden. Wie eine solche ökologische Revolution aussehen könnte, warum es dafür eine neue Aufklärung braucht und was das alles mit Tod und Transzendenz zu tun hat, darüber spricht die bekennende Veganerin mit Yves Bossart.
Lorraine Daston – Die Regeln unseres Lebens26 Aug 202300:55:41
Keiner mag sie. Doch in Wahrheit prägen sie unsere gesamte Existenz: Regeln. Ohne sie gäbe es keine Wissenschaft, keinen Staat, keine Sprache, kein Sport. Gespräch mit der Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston über die Notwendigkeit von Regeln – und die Befreiung, sie immer wieder zu brechen. Auch wenn sie meist nerven: Regeln sind die wahren Retterinnen unserer Welt. Ohne sie könnten wir weder denken noch sprechen. Weder spielen noch kochen. Gäbe es weder Mathematik noch Kunst. Über das scheinbar allmächtige Netz von Regeln, das der Mensch über die Wirklichkeit wirft, hat Lorraine Daston ein Leben lang nachgedacht. Und als eine der bedeutendsten Wissenschaftshistorikerinnen der Gegenwart nun eine Weltgeschichte der Regeln geschrieben. Ihre Einsichten und Fragen führen direkt ins Herz unserer Gegenwart: Welchen Regeln gehorcht künstliche Intelligenz – welchen gerade nicht? Gibt es für jede Regel eine Ausnahme? Was unterscheidet eine Faustregel von Faustrecht, was Fakten von Fake News? Und ist der Mensch am Ende das einzige uns bekannte Wesen, das Regeln immer wieder selbstbestimmt überschreitet, bricht, gar revolutioniert? Im Gespräch mit Wolfram Eilenberger legt Daston die Tiefenstrukturen unseres Daseins frei – und befördert gleichzeitig höchst irreguläre Einsichten ans Licht.
Miranda Fricker – Wissen und Macht01 Jul 202300:59:51
Sprache ist mächtig: Sie prägt unsere Wahrnehmung, zementiert Machtverhältnisse und kann Beziehungen verändern. So kann eine Entschuldigung eine Freundschaft retten. Miranda Fricker hat Bahnbrechendes beigetragen zur Frage, wie Sprache und Wissen die Welt verändern. Dass Wissen und Macht einander beeinflussen und durchdringen, ist keine neue Einsicht. Die Philosophie hat aber lange gebraucht, um die ethischen Konsequenzen dieser Einsicht zu verstehen. Miranda Frickers Buch «Epistemische Ungerechtigkeit. Macht und die Ethik des Wissens» hat 2007 für Furore gesorgt. Die einflussreiche Philosophin, Professorin an der New York University, zeigt darin auf, dass wir über ein Sprachrepertoire verfügen müssen, um gewisse Missstände überhaupt erst anprangern zu können. Solange etwa «Stalking» als Begriff nicht existierte, gelang es den Opfern nicht, deutlich zu machen, was sie bedroht. Dabei hängt es nicht zuletzt davon ab, wer spricht, ob wir ihm oder ihr Glauben schenken: So würden wir einer randständigen Person in schmutzigen Kleidern kaum glauben, wenn sie erzählt, sie sei bestohlen worden. Stereotype und Vorurteile tragen so zu Missständen bei, die wir erst erkennen, wenn wir genau über Sprache, Wissen und Macht nachdenken. Worte sind aber auch mächtig, wenn es darum geht, Missstände wieder zu beheben. Ein Dank oder eine Entschuldigung zur rechten Zeit können alles verändern. Barbara Bleisch trifft eine der faszinierendsten Philosophinnen unserer Zeit zum Gespräch.
Severin Dressen – Warum es Zoos geben muss24 Jun 202300:57:13
Sind Zoos Stätten der Vergangenheit oder Ausdruck einer tierfreundlicheren Zukunft? Gegen alle ethischen Bedenken betont Severin Dressen, Direktor des Zoo Zürich, die Notwendigkeit zoologischer Gärten für Artenvielfalt und Wildtierschutz. Gespräch über einen Ort, an dem sich die Geister scheiden. Die Frage nach dem Zoo wird immer kontroverser diskutiert. Denn wo die einen den Wert des Zoos für Bildung und Artenschutz hervorheben, fragen andere kritisch: Wie lässt es sich rechtfertigen, Wildtiere wie Elefanten, Giraffen oder Menschenaffen lebenslang ihrer Bewegungsfreiheit zu berauben? Sie in Gehegen, oft auch noch Käfigen, als Objekte des Staunens zu präsentieren? Mit ihnen weltweit vernetzten Tauschhandel zu betreiben? Was spricht aus ethischer und ästhetischer Perspektive gegen einen Zoobesuch – was dafür? Für Severin Dressen, Direktor des Zoo Zürich, ist die Antwort klar. Als Leiter einer der führenden und innovativsten Einrichtungen weltweit, verteidigt er die Bedeutung und den Wert von Zoos für das Leben aller Wildtiere auf diesem Planeten: als Orte der Begegnung, der Faszination, der Bewahrung von Artenvielfalt und zunehmend auch der Forschung. Wie sich das moderne Verhältnis von Tier und Mensch in der Geschichte des Zoos spiegelt, welche neuen Formen artgerechter Haltung gerade entstehen und auch, ob der Planet Erde im Zeitalter des Anthropozäns zu einem riesigen Zoo zu werden droht, erkundet Wolfram Eilenberger im Gespräch mit Severin Dressen.
Dipesh Chakrabarty – Wie lange ist unser Planet noch bewohnbar?17 Jun 202300:57:01
Die Menschen leben wie kleine Parasiten auf der Erde: Sie saugen die Natur aus, mit fatalen Folgen. Der indische Historiker Dipesh Chakrabarty fordert darum radikales Umdenken, weg von der menschlichen Perspektive. Yves Bossart spricht mit ihm über Bakterien, Biodiversität und Bagger. Der indische Historiker Dipesh Chakrabarty spricht lieber von der «Bewohnbarkeit der Erde» als von «Nachhaltigkeit». Er plädiert für eine Dezentrierung des Menschen in der Natur und für ein Denken in unmenschlichen Zeiträumen. Schliesslich sei der Mensch im «Anthropozän» längst zur bestimmenden Kraft des Planeten geworden: Jeden Tag sterben etwa 150 Arten aus – Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen. Überschwemmungen, Waldbrände und Dürren bedrohen den Lebensraum nicht nur von Menschen. Die Folgen sind Migration, Kriege, Ressourcenknappheit. Chakrabarty argumentiert, dass der Klimawandel eine neue Ära der menschlichen Geschichte eingeleitet hat, die er als «planetarisches Zeitalter» bezeichnet. Seine Forderung: Wir müssen ganz neu über den Menschen und die Natur nachdenken, wenn wir als Spezies eine Zukunft haben wollen. Wie das geht, darüber spricht er mit Yves Bossart.
Adom Getachew: Werden wir den Kolonialismus je überwinden?10 Jun 202300:59:58
Das 20. Jahrhundert war jenes der Dekolonisierung. Die jungen Nationalstaaten mussten aber bald feststellen, dass ihr Kampf um Gleichberechtigung hinter den hehren Idealen zurückblieb. Adom Getachew erzählt in einem preisgekrönten Buch packend von diesen Kämpfen, die bis ins Heute reichen. Von William Faulkner stammt der bekannte Satz: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Das stimmt vielleicht für wenig so sehr wie für die Kolonialgeschichte, in deren Zuge Menschen versklavt und geknechtet wurden und Kulturen und Landschaften geplündert. Bis heute kämpfen wir mit dem Vermächtnis einer blutigen Geschichte, die unter anderem Grossteile Afrikas verarmt und zerrüttet zurückgelassen hat. Angetreten waren die antikolonialen Denker jener Zeit allerdings mit hehren Idealen und grossen Visionen für eine neue Weltwirtschaftsordnung und ein geeintes Afrika. In ihrem mehrfach preisgekrönten Buch «Die Welt nach den Imperien» zeichnet die äthiopisch-amerikanische Politikwissenschafterin Adom Getachew, Professorin an der Universität in Chicago, diese Geschichte packend nach – und entwirft aus dem historischen Vermächtnis eine Vision eines «postkolonialen Kosmopolitismus». Barbara Bleisch trifft die junge Wissenschaftlerin zum Gespräch und fragt nach, was globale Gerechtigkeit heute bedeutet und wie mit den Statuen von Kolonialherren zu verfahren ist.
Was spricht noch für die Ehe? Der Philosophische Stammtisch27 May 202300:58:56
Veraltet, patriarchal, einengend, ungerecht. Gerade aus feministischer Sicht wird immer wieder für die Abschaffung der Ehe argumentiert. Angesichts hoher Scheidungsraten hat auch der Absicherungsaspekt weitgehend ausgedient. Was spricht noch für die Ehe? Die Diskussion am Philosophischen Stammtisch. Die Ehe ist nach wie vor beliebt. Im letzten Jahr haben sich in der Schweiz über 40000 Personen das Ja-Wort gegeben. Das überrascht angesichts der Tatsache, dass die Scheidungsrate nach wie vor hoch ist, zwei von fünf Ehen gehen auseinander. Verheiratete sind in der Schweiz steuerlich sogar im Nachteil. Vielleicht überwiegt die Aussicht, rechtlich abgesichert zu sein – gerade auch, wenn Kinder im Spiel sind? Oder sind wir hoffnungslos romantisch? Der Grund liegt viel mehr im Patriarchat, ist die Politologin Emilia Roig überzeugt. Die Ehe gehört für sie abgeschafft. Liebe und Freundschaft können gefeiert und versprochen werden – doch dazu bedarf es weder Kirche noch Staat. Spricht tatsächlich noch etwas für die Ehe – vielleicht gerade der Umstand, dass wir sie heute freier wählen können denn je? Am Philosophischen Stammtisch diskutieren Barbara Bleisch und Wolfram Eilenberger mit der Politologin Emilia Roig und der Philosophin Svenja Flasspöhler.
Boris Cyrulnik – Trauma und Resilienz20 May 202300:59:15
Das Leben des französischen Neurologen und Psychiaters Boris Cyrulnik begann mit einem Trauma: Seine Eltern wurden von den Nazis getötet. Er selbst entkam mit sechs Jahren nur knapp dem Tod. Heute ist der 85-Jährige ein international gefragter Experte, wenn es um Traumata und Resilienz geht. Boris Cyrulnik hat eine bewegende Biografie. Als er fünf Jahre alt ist, werden seine Eltern deportiert und in den Konzentrationslagern von Auschwitz umgebracht. Er selbst kann sich verstecken, entkommt nur knapp dem Tod und wächst als Waisenkind bei Pflegefamilien und in diversen Pflegeheimen auf. Dieses frühe Trauma prägt sein gesamtes Leben und auch seine wissenschaftliche Forschung als Neuropsychiater und Professor in Toulon. Boris Cyrulnik ist heute 85 Jahre alt, seine Bücher sind Bestseller, und er gilt als einer der wichtigsten Experten, wenn es um Resilienz geht, um die Fähigkeit, besonders belastende, traumatische Erfahrungen zu überstehen – und manchmal sogar an ihnen zu wachsen. Yves Bossart spricht mit ihm über seine Biografie, über den Umgang mit Traumata, über das Rätsel der Resilienz und die Wurzeln des Fanatismus.
Muttersein: Natürlich kompliziert!13 May 202300:59:22
Wir alle haben eine, und etwa die Hälfte von uns könnte eine werden: eine Mutter! Die Entscheidung für oder gegen ein Kind ist – gerade für Frauen – mit Erwartungsdruck, Zweifeln und dem Gefühl der Überforderung verbunden. Und mit den bewusst kinderlosen Frauen hadert die Gesellschaft. Wir sind aber alle Geborene, zur Welt Gebrachte, wie Hannah Arendt es betonte, als Möglichkeit zum Neuanfang und letztlich zum politischen Handeln. Die Frage, ob man Nachwuchs will, wiegt schwer. Es ist aber weniger eine biologische Entscheidung als eine soziale: Es geht um ein Leben in Gemeinschaft, um Sinn, Glück, Selbstverwirklichung und Verantwortung. Zum Muttertag denken wir nach über Mutterschaft und Kindsein, über die komplizierte Frage, ob wir selber Kinder wollen und warum Elternschaft ein Wagnis ist. Unsere Mutter prägt uns wie kaum eine andere Figur im Leben. Doch was prägt Mütter in ihrem Verhältnis zu ihren Kindern? Und wie entscheiden heute Frauen, ob sie Mütter werden wollen? Eine wichtige Rolle spielt dabei die eigene Kindheit und die Beziehung zu unseren eigenen Müttern. Aber auch gesellschaftliche Erwartungen – denn Mütter stehen unter Beobachtung, Tag für Tag. Und noch viel stärker jene Frauen, die sich für ein Leben ohne Kinder entscheiden und trotzdem rundum glücklich sind. Ein philosophisches Gespräch zum Muttertag mit Johanna Dürrholz, FAZ-Redakteurin und Autorin («Die K-Frage»), Sarah Diehl, Publizistin und Autorin («Die Uhr, die nicht tickt») und Catherine Newmark, Philosophin, moderiert von Barbara Bleisch.
Wie kommen wir zur Ruhe?22 Jun 202400:59:14
Endlich Urlaub: einen Gang runterschalten, durch den Wald wandeln, dem Meeresrauschen lauschen. Die Sehnsucht nach Ruhe scheint derzeit ein geradezu gesellschaftsprägender Wunsch. Wie kommt das? Und was macht wahre Ruhe aus? Die Diskussion am Philosophischen Stammtisch. Nichts ist schöner, als endlich seine Ruhe zu haben: vor dem zerzausten Alltag, der permanenten Überforderung, den Anforderungen und Wünschen der anderen. Gerade in der Urlaubszeit gilt Ruhe mittlerweile als eigentliches Erholungsziel. Doch wo wird sie am besten gefunden oder erlangt? Und was wäre eigentlich das Gegenteil von Ruhe: Lärm? Hektik? Selbstverlust? Wo die einen ihre Ruhe mit unberührter Natur und terminlosen Tagen verbinden, streben andere durch Meditation und Yoga nach Sammlung und Seelenruhe. Welche Verbindung, wenn überhaupt, besteht zwischen innerer und äusserer Ruhe? Sind wahrhaft ruhige Menschen die wachsten und handlungsstärksten von allen? Oder hat totale Ruhe nicht immer auch etwas von Leere, Sinnlosigkeit, gar Todesnähe? Inmitten einer in neue Unruhe geratenen Welt diskutieren Barbara Bleisch und Wolfram Eilenberger diese Fragen mit der Kolumnistin und Bestsellerautorin Nina Kunz sowie Marcel Steiner, Theologe und Zen-Lehrer.
Norbert Bolz: Lob des alten weissen Mannes06 May 202300:58:23
Klimakatastrophe, Kriege, Kolonialverbrechen. Für alle Übel kennt unsere Gegenwart einen Schuldigen: den alten weissen Mann. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz widerspricht entschieden und stimmt im Streitgespräch mit Wolfram Eilenberger ein Loblied auf traditionell «männliche» Tugenden an. Klassisch «männliche» Tugenden haben es derzeit nicht leicht. Vor allem nicht solche, die mit dem «alten Europa» und seinen «weissen» Eliten verbunden sind. Denn die globale Zukunft, sie soll vor allem weiblich sein. Divers. Empathisch. Konsensorientiert. Für den Medienwissenschaftler Norbert Bolz ist das eine gefährliche gesellschaftliche Einbahnstrasse. Anstatt vor der Political Correctness und der woken Cancel Culture einzuknicken, plädiert er dafür, alles, wofür der «alte weisse Mann» in Wahrheit stehe, unbedingt zu bewahren und zu beschützen. Als konservativer Publizist sieht Bolz die westlichen Demokratien und ihre Universitäten gar in einen «kulturellen Bürgerkrieg» verwickelt, in dem eine von linker Seite aus propagierte Technologiefeindlichkeit und Traditionsvergessenheit die Grundlagen unserer demokratischen Systeme gefährden. Im Streitgespräch mit Wolfram Eilenberger legt Norbert Bolz seine Vision eines kommenden Konservatismus dar, mit dem sich seiner Meinung nach die offene Gesellschaft verteidigen – und die Klimakrise bewältigen liesse.
Schöne neue Arbeitswelt?29 Apr 202300:59:24
Die Arbeitswelt wandelt sich: flexible Arbeitszeiten, flache Hierarchien, agile Teams. Doch viele fühlen sich überfordert, sind erschöpft. Wie sollen wir unsere Unternehmen für die Zukunft aufstellen? Yves Bossart spricht mit der Leadership-Expertin Heike Bruch und dem Philosophen Martin Ebeling. Wir müssen die Arbeitswelt neu denken. So lautet das Mantra vieler Unternehmensberatungen. Die Welt sei dynamisch, unsicher und komplex. Um attraktiv und konkurrenzfähig zu sein, brauche es maximale Flexibilität, geteilte Verantwortung, flache Hierarchien und mobiles Arbeiten. Doch was, wenn die Angestellten überfordert und ausgelaugt sind? Welches Menschenbild liegt der Forderung nach Selbstorganisation und Selbstführung zugrunde? Was bedeutet Unternehmensethik in der heutigen Zeit, wo nach Beispielen wie dem aktuellen CS-Debakel Unternehmensführung nochmals ganz neu gedacht werden muss? Und was haben die Lehren antiker Philosophen mit modernem Management zu tun? Unter der Leitung von Yves Bossart diskutieren Heike Bruch, Professorin für Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Leadership an der Universität St. Gallen, und Martin Ebeling, Philosoph und Leiter des Business Programms von der «School of Life» in Berlin.
Wer rettet den Kapitalismus vor sich selbst?22 Apr 202300:59:29
Bankenkrise, Klimakrise, Schuldenkrise – eine zufällige Häufung oder eine veritable Systemkrise? Immer öfters erklingt der Ruf nach einer radikalen Neuorientierung, ja nach einer Abschaffung des Kapitalismus. Ist die Forderung berechtigt oder naiv? Ein Streitgespräch. Der Kapitalismus war in Vielem ein Segen: Er hat Demokratie und Wohlstand gebracht und Millionen von Menschen aus der Armut gehievt. Darin sind sich die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann und die Politikphilosophin Katja Gentinetta einig. Gentinetta sieht deshalb keinen Anlass, den Kapitalismus aufzugeben. Zwar macht die Klimakrise deutlich, dass man mit den Ressourcen schonender umgehen muss. Gentinetta vertraut dazu aber auf Innovationskraft, Effizienzsteigerung und grünes Wachstum. Herrmann, deren Buch Das Ende des Kapitalismus die Bestsellerlisten gestürmt hat, ist dagegen pessimistisch: Der Kapitalismus beruhe auf Wachstum, und Wachstum sei zwingend gekoppelt an fossile Energien. Alternative Energien seien nicht früh genug in ausreichendem Mass vorhanden, um die grüne Wende ohne grundlegenden Systemwandel herbeizuführen. Alles eine Frage des Vertrauens in die menschliche Innovationskraft also? Oder in die Lektionen der Geschichte? Zeigt nicht das CS-Debakel, dass man grundsätzlich über Systemfragen reden muss? Barbara Bleisch trifft die beiden Expertinnen zum Streitgespräch
Das Orakel der Gene – Mit Gentests zum besseren Leben?15 Apr 202300:58:39
Pränataltest, Neugeborenen-Screening, Gentherapie: Die Genetik macht schnelle Fortschritte. Die Wissenschaft weiss immer mehr und kann immer mehr verändern. Doch soll sie die Gene und damit das Leben so stark designen? Ein Gespräch über Möglichkeiten und Grenzen der Optimierung. Die Gene wissen vieles über die Menschen, und die Menschen wissen immer mehr über die Gene. Mithilfe von Gentests lässt sich ermitteln, ob ein werdendes Kind Anomalien aufweist oder wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass man im Alter an Darmkrebs erkranken wird. Insbesondere im Bereich der vorgeburtlichen Kontrolle wird immer mehr getestet. Man kann aber auch ins Erbgut eingreifen, es verändern und den werdenden Menschen optimieren. All dies wirft ethische Fragen auf. Zum Beispiel jene, wie man ein gelingendes Leben definiert. Yves Bossart spricht mit der medizinischen Genetikerin Isabel Filges und der Medizinethikerin Claudia Wiesemann über den Umgang mit neuen Möglichkeiten, über das Recht auf Nichtwissen und den zunehmenden Bedarf an genetischer Beratung.
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