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TitlePub. DateDuration
Folge 1305: ALIEN ROMULUS – Same same but different23 Aug 202400:13:42
Nachdem Disney die Rechte an 20th Century Fox erworben hatte, war ja automatisch aus jeder Alien-Königin eine Disney-Prinzessin geworden. Und es war klar, dass Disney das wertvolle Alien-Franchise nicht brachliegen lassen würde. Vor diesem Hintergrund entstand ALIEN: ROMULUS von Fede Alvarez. Nachdem ALIEN: COVENANT und PROMETHEUS unter einer Überdosis Mythologie, Religion und Philosophie litten, hat sich Alvarez für eine ganz einfache Geschichte entschieden. Ganz klar orientierte sich Alvarez am ersten ALIEN von Scott und ALIENS von Cameron: Eine eher einfache, klare Handlung, eine kleine Gruppe, die ums Überleben kämpft und Androiden, die mal mehr mal weniger hilfreich sind. Auf jeden Fall ein solider, funktionierender Science-Fiction-Horror. Solide auch die Leistung von Hauptdarstellerin Cailee Spaeny, die wir vor kurzem in CIVIL WAR bewundern durften.

In der ersten Hälfte des Films empfand ich die vielen Zitate und Anspielungen auf die ersten beiden Filme als augenzwinkernde Hommage, in der zweiten Hälfte wirkte die häufige Übernahme bekannter Elemente eher wie übertriebender Fan-Service. Mich hat das abgelenkt: ein spannender Moment verliert an Spannung, wenn mein Unterbewusstsein sich gerade gruseln will aber mein Wachbewusstsein sagt: „Das ist doch X aus Y!“ Trotz solcher Schwächen ist Alvarez viel näher an der Qualität der Sigourney-Weaver-Ära als an den Alien-vs-Predator-Filmen. Im Podcast direkt nach dem Kino sprechen wir über Zitate, dünnes Eis und stellen Vergleiche mit PREY an. Am Mikrofon: Hendrik, Tom und Thomas.
Folge 1304: DEADPOOL & WOLVERINE - Ziemlich beste Feinde13 Aug 202400:08:00
Für hartgesottene Fans der Marvel-Comics ist die Hassliebe zwischen Deadpool und Wolverine ebenso bekannt wie beliebt. In den beiden Deadpool-Kinofilmen wurde zwar viel auf Wolverine angespielt, aber er war kaum zu sehen. Der dritte Teil schließlich erfüllt die Wünsche der Fans (und von Deadpool, respektive Ryan Reynolds): Durch Multiversumszeitlinienschnickschnack treffen die beiden endlich aufeinander. Kämpfe zwischen den beiden sind ja nicht nur extrem blutig sondern schon in sich eine Parodie, denn beide regenerieren ja sofort wieder – es kann also etwas länger dauern mit dem gegenseitigen Abschlachten.

Die beiden ersten Filme haben sich ganz auf Deadpool konzentriert und Reynolds konnte den anarchistischen, dekonstruierenden Deadpool-Humor komplett ausleben. Im dritten Teil ist Deadpool erstmal nur ein langweiliger Autoverkäufer (mittlerweile trauriger Single), und als er endlich wieder als Held unterwegs ist, teilt er sich die Bühne mit Wolverine. Nicht schlecht, aber anders. Nach meinem Gefühl hätte es ruhig mehr anarchischen Humor geben können und dafür ein paar Cameos weniger (der Film ist bis zum Bersten voll davon). Ich will nicht spoilern, aber es gibt eine Menge abgefahrener Cameos, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Unter dem Strich: zwei sehr gut aufgelegte Hauptdarsteller, genug Gags und abgefahrene Einfälle (die nekrophile erste Actionszene!) und mehr Meta-Spaß und Marvelselbstverarsche, als man beim ersten Mal anschauen komplett mitschneiden kann. Großer Spaß – vorausgesetzt man mag kaputten, geschmacklosen Pubertätshumor. Mögen wir 🙂 Direkt nach dem Film am Mikrofon: Harald und Thomas.

P.S. Im vierten Teil bitte wieder mehr Morena Baccarin!
Folge 1295: Hayato Kawai SECRET: A HIDDEN SCORE feat. Rene, Marcel und Andras (NipponConnection2024)09 Jul 202400:08:34
Tragische Romanzen sind nicht mein Genre, andererseits wollte ich unbedingt die Hauptdarstellerin sehen: Kotone Furukawa. Ihr Charisma trägt diesen Film, bei dem schnell klar ist, wohin die romantische Reise geht: Die schöne junge Frau ist krank, da ist ein junger Mann, eine tragische Liebe … SECRET: A HIDDEN SCORE geht dabei keinem Klischee aus dem Weg. Grundsätzlich ist der Film genau das, was er sein will: Ein Herzschmerztränendrücker mit schönen Menschen und schöner Mode. Im Podcast gehen wir unterschiedlich hart mit diesem Genrefilm ins Gericht. Andras erinnert sich daran, dass er das taiwanesische Original von 2007 gesehen hat, weiß aber nicht mehr, ob der ursprüngliche Film auch schon so schmalzig war. Aber es ist gibt auch eine positive (weibliche) Stimme zu dieser japanischen Romanze, trotz der Klischees und der Vorhersehbarkeit. Am Mikrofon habe ich direkt nach dem Film: Rene und Marcel von den Abspannguckern, Andras und eine junge Dame, deren Name ich leider vergessen habe.
Folge 1205: DIE DREI MUSKETIERE - D’ARTAGNAN – Degenduelle im Dunklen23 Apr 202300:11:04
Die Farbpalette ist vielfältig: Sie reicht von Erdbraun, Graubraun, Weinrotbraun, Schlammbraun, Sandbraun bis hin zu aufregendem Schwarzbraun. In Kombination mit dem Verzicht auf Schweinwerfer auch nachts und im Regen hat der Film einen ganz besonderen Look. Erkennen kann man allerdings nicht viel, geschweige denn die Charaktere im Gewusel auseinanderhalten. Aber bei den Musketieren kommt es ja nicht drauf an, wer zum König gehört und wer zum Kardinal …

Die neue Verfilmung erinnert an DER PAKT DER WÖLFE, erreicht aber weder optisch noch dramaturgisch dessen Klasse. Überhaupt ist diese Version nicht sorgfältig gedreht, auch das schönste Bild wird spätestens nach fünf Sekunden geschnitten und vielen Einstellungen sieht man an, dass nicht bis zum optimalen Take gedreht wurde. Eher ein TV-Zweiteiler als ein Kinoereignis. Im Podcast direkt nach dem Film reden die Üblichen Verdächtigen über verschenkte Stars, fragen uns nach der Motivation der Neuverfilmung, vermissen Stative und stellen Vergleiche an mit der großartigen Lester-Version von 1973. Am Mikrofon: Johanna, Heidi, Martin, Hendrik und Thomas.
Folge 1204: BORN IN FLAMES - Riot-Girls nach der Revolution16 Apr 202301:02:22
Frauen sind immer noch das benachteiligte, oft sogar unterdrückte Geschlecht. Würde eine linke Revolution, eine linke Politik daran etwas ändern? Diese Frage wollte Lizzie Borden vor 40 Jahren mit BORN IN FLAMES beantworten. Der Film ist ein Punk-Science-Fiction, genauer eine Near Future-Dystopie: BORN IN FLAMES zeigt die USA, zehn Jahre nach einer linken Machtübernahme. Für die Frauen hat sich kaum etwas verbessert, immer noch werden sie mit der Bedrohung durch Vergewaltigung, mit Care-Arbeit und den Kindern alleine gelassen. Wenn sie einen Job haben, werden sie von den Männern als Konkurrenz abgelehnt. Und wenn die Frauen protestieren, verlieren sie ihre Job.

Lizzie Borden zeigt in ihrer rauhen, körnigen Mockumentary, eine Frauen-Armee, die überlegt, ob sie zu den Waffen greifen soll. Erzählt wird in Bruchstücken, unter anderem mit Ausschnitten aus den TV-Nachrichten, die offenbar von „der Partei“ kontrolliert werden und in mitreißenden Moderationen von feministischen Piratenradios. BORN IN FLAMES ist kraftvoll und rauh, redet Klartext und stellt die Kernfrage zur Debatte: Mit welchen Mitteln kann die notwendige Änderung der Verhältnisse herbeigeführt werden? Kluger, eigensinniger, ruppiger und sehr sehenswerter Film. Im Podcast reden wir über den fünfjährigen Entstehungsprozess, die guerilla-artige Umsetzung, über Universalismus, die RAF, Penisse und Putenfleisch, Kathryn Bigelow und vor allem über die Frage: Wie geht es nach der Revolution weiter?

Zitat aus dem feministischen Untergrundradio:Honey: „We are the children of the light and we will continue to fight. Not against the flesh and blood; but, against the system that names itself falsely. For we have stood on the promises far too long now. That we can all be equal – under the cover of a social democracy. Where the rich get richer and the poor just wade in their dreams.“
Folge 1203: DUNGEONS & DRAGONS - EHRE UNTER DIEBEN10 Apr 202300:08:12
Was wollen wir vom Popcornkino? Spannung, Abenteuer, ganz unterschiedliche Charaktere, mit denen wir uns identifizieren und eine große Portion Humor. Was wollen wir von Fantasy? Schwerter, Prinzessinnen, Zauberer, Verliese und Drachen, genau Dungeons & Dragons. DUNGEONS & DRAGONS: EHRE UNTER DIEBEN ist ein weiterer Anlauf, das legendäre Spiel auf die Leinwand zu bringen – und diesmal passt alles. Vor allem die Helden: Zauberer, die Schwierigkeiten mit dem Zaubern haben, Diebe und Krieger, die vielleicht nicht ganz ehrlich sind, aber „das Herz am richtigen Fleck“ haben, gespielt von einem sehr gut gecasteten Ensemble. Chris Pine, Michelle Rodriguez und Hugh Grant liefern die Gags und Pointen sicher ab. Fantasy als einfallsreiche Action-Comedy statt als düsteres Epos – davon wollen wir gerne mehr. Am Mikrofon direkt nach Kino und bester Laune: Gabriele, Harald, JCK, Tom und Thomas.
Folge 1202: DIE KAIRO-VERSCHWÖRUNG - Adam, König, As, Spion07 Apr 202300:15:32
Es beginnt auf einem Fischerboot. Adam (Tawfeek Barhom) ist mit seinem Vater unterwegs. Aber er verlässt seine Familie und studiert als Stipendiat an der bedeutenden al-Azhar-Universität in Kairo. Kaum angekommen erlebt er, wie der Groß-Imam stirbt und der Machtkampf um seine Nachfolge ausbricht. Ibrahim (Fares Fares) vom Geheimdienst wirbt Adam als neuen Spion an, nachdem sein Vorgänger erstochen worden war. In der ersten Hälfte bangen wir um Adam und fürchten, dass er die Intrigen nicht überleben wird. In der zweiten Hälfte des Films erleben wir, wie Adam lernt, das Geheimdienstspiel besser zu spielen als seine Auftraggeber und Widersacher …

Tarik Saleh hätte diesen Film nicht in Ägypten drehen können – der Film darf dort auch nicht gezeigt werden. Die zum Teil beeindruckenden Bilder der Universität wurden in der Süleymaniye-Moschee in Istanbul gedreht. Zum ersten Mal sehen wir einen Geheimdienstthriller mitten in einer islamischen Universität, spannend und paranoid wie ein John le Carre-Roman. Das aber ist auch seine Schwäche: Wie die klassischen Spionage-Thriller spielen hier Männer Machtspiele, Intrige folgt auf Intrige, Verrat auf Verrat, keiner behält seine Integrität, nicht jeder behält sein Leben. Wer sich dafür nicht begeistern kann, wird es schwer haben in diesen Film einzutauchen und sich mit den Protagonisten zu identifizieren. Direkt nach dem Film stehen Bettina, Katharina und Thomas in der Eiseskälte vor dem Kino und debattieren leidenschaftlich über die Stärken und Schwächen des Films.
Folge 1201: JOHN WICK KAPITEL 4 - Der Buster Keaton des Actionkinos06 Apr 202300:11:21
Das vierte Kapitel liefert, was von einem JOHN WICK-Film zu erwarten ist: Große Bilder, sehr viel Liebe zum Detail, extrem kompetentes Gun Fu. Bei fast drei Stunden Laufzeit – fast durchgehend nicht enden wollende Kampfszenen und Schusswechsel – ermüdet der geneigte Zuschauer und fragt sich: Ist das noch Hochglanz-Actionkino oder ist schon ein Let’s Play auf Speed? Die Set Pieces folgen aufeinander wie Level in einem Game, eine Szene in Vogelperspektive gedreht, verstärkt diesen Eindruck.

John Wick, der weniger Sätze hat als Harald hier in einer Podcastepisode, ist ein Schmerzensmann: Jeder Kampf bedeutet weitere Blessuren und Verletzungen. Er ist wie Herakles, der unendliche viele Augias-Ställe auszumisten hat, wie Sysiphus, der versucht mit seinem Stein den Montmatre hinauf zu kommen. Keanu Reeves ist zum Buster Keaton des Action-Kinos geworden: Stoisch geht er seinen Weg, wer auch immer auf ihn schießt oder auf ihn einsticht. Und aus dieser Perspektive betrachtet ist das möglicherweise ein wirklich guter Film. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Gabriele, Uwe, Harald, Tom und Thomas.
Jubiläumsfolge 1200: PETERLOO – Die Verteidigung der Vorherrschaft – feat. Molo30 Mar 202302:26:46
Wir gehen zwei Jahrhunderte zurück: Grossbritannien 1819. Eine Kundgebung, geplant von der Manchester Patriotic Union Society. 80.000 unbewaffnete Menschen, die gegen die Getreidezölle und für eine Parlamentsreform demonstrieren. Wichtigster Sprecher: Henry Hunt. Doch die lokalen Behörden haben beschlossen, die Versammlung vor der Rede aufzulösen und die Anführer zu verhaften. Dafür waren 600 Husaren, 120 Yeomanry-Kavalleristen und zwei Sechspfünder-Kanonen sowie mehrere hundert Infanteristen und Polizisten bereitgestellt. 120 Kavalleristen drangen mit gezogenem Säbel auf die Menge ein, um zu den Rednern durchzudringen. Henry Hunt (im Film gespielt von Rory Kinnear) und mehrere andere Personen, darunter Journalisten, wurden verhaftet. Als die Menge Widerstand leistete, griffen die Husaren ein. Dabei wurden 15 Menschen getötet, darunter ein Baby, etwa 600 wurden verletzt von Säbelhieben und Schlagstöcken. Nach einer Viertelstunde war das Massaker vorbei. Und da niemand diese Geschichte auf die Leinwand bringen wollte, hat es 2018 Mike Leigh getan. Und da niemand den Film wahrgenommen hat, haben molosovsky und Thomas von SchönerDenken sich intensiv mit PETERLOO auseinandergesetzt.

Zitieren wir Ruth Rach vom Deutschlandfunk: “Der Tag ist heiß und sonnig. Zwischen 60.000 und 100.000 Menschen marschieren in Richtung St. Peters Field. Männer, Frauen, Kinder. Sie kommen aus ganz Nordengland. Die Leute tragen Sonntagskleidung. Den Marsch haben sie wochenlang eingeprobt, denn er soll wohl geordnet verlaufen. Und friedlich. Niemand ist bewaffnet. Musikbands begleiten sie auf dem Weg. Die Menschen tanzen, singen, tragen Spruchbänder. Sie wollen Parlamentsreformen, einen eigenen Abgeordneten in Westminster und niedrigere Getreidezölle. Dann rückt die Kavallerie vor, zusammen mit Infanteristen und Polizisten. Freiwillige Soldaten – von lokalen Fabrikanten und Geschäftsleuten finanziert – ziehen ihre Säbel, attackieren die Menschenmenge. Wahllos. Brutal. Sie wollen die Hauptredner verhaften. Die Kundgebung endet mit einem Blutbad. Mindestens 15 Menschen werden getötet, bis zu 700 verletzt.”

Die totgeschwiegene Geschichte von Peterloo führt Ungleichheit vor, brutalen Klassismus, eine den herrschenden Klassen dienende Justiz, die Paranoia des Konservatismus und die Geburt des Raubtierkapitalismus. Mike Leigh zeigt uns in seinem hochspannenden, sehr fein beobachtenden und perfekt inszenierten Film ein Schulfernsehen auf Speed, erklärt, bewegt und haut Molo und Thomas vom Stuhl – spätestens als der in Waterloo traumatisierte ehemalige Soldat Joseph (David Moorst) wieder auf britische Soldaten trifft. Ein episches, ein olympisches, ein maßstabsetzendes Meisterwerk.

Einen großen Dank an unseren wunderbaren und klugen Gast molosovsky für die spannende Diskussion und die gemeinsame Liebe zu diesem Meisterwerk! Bitte beachtet auch am Ende Molos Literaturhinweise zur Vertiefung der Hintergründe. Und Danke an Euch Zuhörer:innen für Eure Geduld und Aufmerksamkeit.

PETERLOO ist die zweite Folge einer geplanten gemeinsamen Trilogie mit molosovsky über Filme, die sich mit der politischen und sozialen Geschichte des 19. Jahrhunderts beschäftigen. In der ersten Folge widmeten wir uns dem herausragenden THE NIGHTINGALE der Meisterregisseurin Jennifer Kent.
Folge 1199: THE ORDINARIES - Die Welt hinter den Bildern28 Mar 202300:12:57
Paula lebt in der Filmwelt, zwischen Hauptrollen, Nebenrollen, Fehlbesetzungen, Jump-Cuts, Voice Over und Outtakes. Eine streng hierarchische Welt, in der die Hauptrollen an der Spitze der Pyramide leben – alles dreht sich um sie, ihre Herzen geben die Musik vor. Das will die 16-jährige Paula (Fine Sendel) als Tochter eines getöteten Hauptrollenvaters auch und steht als Schülerin an der Schule für Hauptfiguren kurz vor dem Abschluss. Aber es fehlt ihr etwas zum überzeugenden Durchbruch. Da sie aus den wenigen Sätzen ihrer Nebenrollenmutter nichts über ihren Vater erfahren kann, begibt sie sich auf die Suche nach ihm. Vielleicht ist er noch am Leben. Ihre Suche führt sie in die verbotene Unterwelt der geächteten Outtakes …

Regisseurin Sophie Linnenbaum spielt in ihrem Debüt ihre wunderbare Filmwelt großartig aus, so viele Ideen und Anspielungen, so viele verrückte, liebevolle Details, so viel Witz (die singende FDP-Familie mit „Emotionen! Emotionen!“). Und gleichzeitig ist THE ORDINARIES ein fast brutal schonungsloser Film über eine Klassengesellschaft, die einen Aufstieg verhindern will, ein tonnenschweres Sozialdrama über Armut und Privilegien, Ausgrenzung und den Traum davon, eine eigene Geschichte zu haben und selbst im Rampenlicht zu stehen. Dazu ein beeindruckendes Ensemble, besonders Fine Sendel als Paula und Jule Böwe als ihre Mutter sind herausragend. Das alles tritt uns in einer traumhaften Szenerie entgegen, die unglaublich atmosphärisch und einfallsreich ist. Ein unglaublich origineller, kluger, schöner, lustiger, unendlich trauriger Film. Vielleicht der beste deutsche Film seit VICTORIA, überlegt Hendrik nach dem Film und würde ihn am liebsten nochmal sehen. Im Saal gab es Applaus – auch von uns. Am Mikrofon direkt nach dem Film sehr euphorisch: Katharina, Kathrin, Hendrik und Thomas.
Folge 1198: DAS BLAU DES KAFTANS - Die diskrete Macht der Liebe22 Mar 202300:09:12
Halim (Saleh Bakri) ist Schneider, ein Meister seines traditionellen Handwerks – er näht wunderschöne Kaftane, jede einzelne Verzierung von Hand. Zärtlich und behutsam geht er mit den edlen Stoffen um und die Kamera folgt ihm dabei. Zart und behutsam ist auch die Liebe zwischen Halim und seiner ebenso resoluten wie charismatischen Frau Mina (Lubna Azabal), sie ist sein Gegenpol, sein Fels, seine große Liebe – und sie weiß, dass Halim homosexuell ist und sich in den Lehrling Youssef (Ayoub Missioui) verliebt hat. Aber die Liebe dreier Menschen überwindet die Hindernisse, gibt Raum für zartes Glück und für Hoffnung über den Tod hinaus.

Maryam Touzanis meisterhaftes Kammerspiel ist wunderschön in seinen Farben und Bildern, sie zeigt Marokko und die Medina als Schauplatz vollkommen frei von jedem kolonialen Orientblick. Das eigentliche Wunder des Films ist das herausragende Schauspielensemble, das Touzanis Bühne nutzt, um uns ganz nah an eine diskrete, zarte und so machtvolle Liebe heranzuführen. Im Podcast reden wir begeistert über Seide, Mandarinen, über die liebevolle Darstellung der Figuren und über den sinnlichen und feinstofflichen Zauber dieses Films. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Katharina, Johanna und Thomas.
Folge 1197: 65 - Leise sein. Weitergehen.19 Mar 202300:10:34
Manchmal kann es so einfach sein: Ein Pilot stürzt mit seinem Raumschiff auf einem unbekannten Planeten ab. Außer ihm überlebt nur ein Kind. Jetzt heißt es schnell einen Weg finden, um diesen unwirtlichen Ort voller extrem gefährlicher Raubtiere wieder zu verlassen. Der Twist, der schon im Filmtitel steckt: Der Planet ist die Erde vor 65 Millionen Jahren, bevölkert von Dinosauriern, die zwei Humanoide liebend gerne als Snack zwischendurch verspeisen möchten. Aber ganz so leicht sind die beiden Überlebenden dann doch nicht zu töten. Saurier, Action, Ausstattung – alles sehr solide, sehr fokussiert. Es bleibt über die angemessene Filmlänge ordentlich spannend und Adam Driver und Ariana Greenblatt spielen überzeugend zurückhaltend, es wird nicht viel und vor allem kein Blödsinn geredet. Das ist mehr als genug, um einen wirklich unterhaltsamen SF-Kino-Abend zu garantieren. Hinter dem Film stecken übrigens Scott Beck und Bryan Woods, die auch schon den ebenfalls unkomplizierten A QUIET PLACE geschrieben hatten. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Hendrik, Tom und Thomas.
Folge 1196: BROKER: „Wenn ich morgen aufwache, werde ich an diesen Film gerne zurückdenken.“14 Mar 202300:08:19
Die schlechte Nachricht: Der Film ist sehr lange und er ist sehr langsam erzählt. Die gute Nachricht: Der Film ist sehr lange und er ist sehr langsam erzählt. Möglicherweise dauert es eine Weile, bis man sich sich mit Kore-edas Zeit synchronisiert hat. Dann aber ist man tief drin in einer ruhigen und damit wunderbar nachvollziehbaren Entwicklung der Charaktere. Da ist Sang-Hyun, eigentlich hat er eine Wäscherei, und manchmal vermittelt er gegen eine dicke Provision Babys, die er mit Dong-soo aus der Findelkinderablage eine Kirche stiehlt. Ein notorischer Lügner – aber nicht wirklich ein schlechter Mensch. Da ist So-young, die junge Mutter, die vor ihrer eigenen Vergangenheit flieht.

Alle haben Narben in BROKER und halten nicht viel von sich selbst. Und alle sind dabei neue Rollen und neue Verantwortungen zu finden, als sie zu einer Familie zusammengewürfelt werden, denn die Mutter eines der gestohlenen Babys schließt sich ihnen an und ein Junge, der aus dem Heim davon gelaufen ist. Eine Familie, die der Zufall zusammengefügt hat, und deren Mitglieder anfangen füreinander da zu sein. Die Polizei ist dieser kleinen Schicksalsgemeinschaft auf den Fersen und nicht nur die Polizei. Ein Roadmovie mit großartigen Details und wenig Dramaturgie, sehr feinem Gespür für die Figuren, für ihre Zweifel und ihre Hoffnungen. Kore-eda eben. Diesmal auf Koreanisch. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Birgit, Peter und Thomas.
Folge 1294: Kahori Higashi BELONGING (NipponConnection2024)09 Jul 202400:08:19
Folge 1294 – In BELONGING (Toritsukushima) schlüpfen Verstorbene in Gegenstände, die Ihnen etwas bedeuten, um in der Nähe ihrer Lieben bleiben zu können. Eine junge Frau zum Beispiel wechselt nach ihrem Unfalltod in eine Tasse, die ihr und ihrem Mann besonders wichtig war. Aus der Tassenperspektive erlebt sie, wie das Leben für den jungen Witwer weiter geht. Die Vorstellung, dass Dinge belebt sind, ist der japanischen Kultur sicher näher als unserer, aber die Idee ist auch für uns berührend. Regisseurin Kahori Higashi hat mit BELONGING einen Roman ihrer eigenen Mutter verfilmt.

So ganz glücklich sind wir aber direkt nach der Vorführung nicht mit diesem Episodenfilm. Das liegt auch daran, dass die stärkste Episode gleich den Anfang macht, dort ist die Bindung an die Protagonisten am stärksten. Insgesamt schwankt der Film in seiner Intensität, bleibt unentschieden im Tonfall. Im Podcast direkt nach dem Film fragen wir uns, ob BELONGING zu wohlfühlig für das ernste Thema ist? Oder ob er tröstlich ist und wir sind einfach nicht das richtige Publikum? Und wir erinnern uns (nach vielen Jahren) an einen anderen Episodenfilm, den wir auf Nippon Connection gesehen haben und der uns nachhaltig beeindruckt hat: SKETCHES OF KAITAN CITY. Am Mikrofon direkt nach dem Kino: Hendrik und Thomas.
Folge 1195: THE FABELMANS - Steven Spielbergs Sentimental Journey07 Mar 202300:09:34
Ein Spielbergfilm ist ein Spielbergfilm ist ein Spielbergfilm. Es beginnt schon damit, dass vor dem Film Spielberg auftaucht und ein paar warme Worte zu seinem Film sagt. Eine Überraschung und keine positive. Der Film über Sam Fabelman (Gabriel LaBelle), seine Mutter (Michelle Williams) und seine ersten Schritte als Filmemacher ist manchmal berührend, manchmal etwas oberflächlich, er ist wunderbar inszeniert, gedreht und geschnitten, lustig und absolut berechenbar. Er ist nicht subtil, nicht herausfordernd, nicht riskant. Und vielleicht wäre das auch zuviel verlangt von einem braven Jungen, der einen Film über seine eigene Mutter dreht. Sehenswert, schön, sentimental. Und immerhin mit David Lynch als John Ford. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Heidi, Johanna, Katharina, Bettina und Thomas.
Folge 1194: TAR - Das Ich, die Macht und das verräterische Herz04 Mar 202300:15:35
Das „Meisterwerk“-Etikett findet gefühlt in jeder zweiten Filmkritik zu TÁR. Zurecht? Im Mittelpunkt steht Lydia Tár, Komponistin und Dirigentin von Weltruf, auf dem Gipfel ihres Ruhmes und ihrer Macht. Sie dirigiert die Berliner Philharmoniker, spielt Mahlers Fünfte für die Deutsche Grammophon ein, veröffentlicht ein Buch – für diese Exposition lässt sich Todd Field Zeit. Ein fast dokumentarisch wirkender Einstieg, sehr schön für alle, die sich auch nur ein bisschen für klassische Musik interessieren. Aber vom Gipfel aus droht der Absturz: Ganz langsam steigert Todd Field die Bedrohung, die Schatten der Vergangenheit werden sichtbar, Überempfindlichkeit und Paranoia wachsen. Vor allem sehen wir, wie Lydia Társ kalter Narzissmus ihre Arbeit und ihre Ehe gefährdet …

Wie moralisch ist TÁR? Nicht leicht zu beantworten. Ist Tár charismatisches Genie oder narzisstisches Monster? Oder beides? Was hat sie sich zu schulden kommen lassen? Abgesehen von einem Egoismus, der einem manchmal die Sprache verschlägt und mangelnder Diplomatie in der Diskussion mit Studierenden und ihrer offensichtlichen Bevorzugung einer begehrenswerten Cellistin. Es ist vor allem ihre Entscheidung, die Karriere einer ehemaligen Mitarbeiterin, einer Cellistin, zu zerstören, die auf sie zurückschlägt.

Im Film kommt trotz der Länge keine Langeweile auf – Thomas hätte sich TAR auch als 10-teilige Serien angeschaut (Peter hätte den Film aber gerne um eine Stunde gekürzt). Field gelingt ein besonderer Realismus: Field und Blanchett erwecken mit Lydia Tár eine umfassende Figur zum Leben in einer ebenso komplexen wie interessanten Welt. Mit ihrer Ehefrau (Nina Hoss), ihrer Assistentin (Noemie Merlant) und einem unterlegenen Konkurrenten (Mark Strong) hat Tár starke Partner und Gegner. Sehr gut und sehr sehenswert, aber das „Meisterwerk“-Etikett würden wir nicht aufkleben. Im Podcast direkt nach dem Film reden wir über Edgar Allan Poe, über filmische Regelbrüche, rückwärts erzählte Dekonstruktionen, Oscar-Chancen und die Hölle. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Heidi, Johanna, Katharina, Peter und Thomas.
Folge 1193: RESONANCE: A SELECTION OF JAPANESE ANIMATED SHORTS feat. DieMelanie und Lucas Barwenczik (NipponConnection2022)26 Feb 202300:06:33
Ein Highlight des Nippon Connection Filmfestivals ist jedes Jahr die Zusammenstellung der interessantesten japanischen Animationskurzfilme von Dr. Catherine Munroe Hotes. Cathy hat ganz unterschiedliche Kunstwerke zusammengestellt, die mit ganz unterschiedlichen Techniken arbeiten. Im Podcast direkt danach unser erster Eindruck von den Kurzfilmen. Am Mikrofon: Die Melanie, Lucas, Hendrik und Thomas.Ausführliche Informationen gibt es auf Cathys Blog Nishikata Eiga.
Folge 1192: OKABRE PLAYS A PAGE OF MADNESS feat. Lucas Barwenczik (NipponConnection2022)25 Feb 202300:07:07
Als das Nippon Connection Filmfestival 2022 sich langsam dem Ende näherte, schauten wir uns die Band OKABRE an. Sie vertonten den japanischen Filmklassiker A PAGE OF MADNESS von Teinosuke Kinugasa aus dem Jahr 1926 neu. Dem experimentellen und sehr interessant wirkenden Film konnten wir nicht wirklich folgen, aber wir haben uns ganz der elektronischen Musik und der Atmosphäre hingegeben. Am Mikrofon nach diesem ungewöhnlichen Event: Lucas Barwenczik und Thomas.
Folge 1191: ANT-MAN AND THE WASP: QUANTUMANIA – In der lila-violetten Gummizelle23 Feb 202300:12:00
Nach dem ersten ANT-MAN-Film hatten viele die Pym-Familie und vor allem Scott (Paul Rudd) ins Herz geschlossen. Das fand alles auf erfrischend kleiner Bühne statt – und das lag nicht nur an der Ameisengröße. Allein Scott und seine Freunde waren der perfekte Comic Relief aus der Wirklichkeit. Das ist jetzt endgültig vorbei. Nach einem kurzen Auftakt in der realen Welt geht es in die riesige lila-violette Gummizelle der Quantenebene. In dieser computerspielartigen Welt wirken die Bedrohungen nicht überzeugend und darum ist QUANTUMANIA vor allem eines: Egal. Das ist so als hätte man sehr viel Ahoibrause im Mund, während Handpuppen Glückskeks-Weisheiten raushauen, die besser auf die Rückseite eine Shampoo-Flasche gepasst hätten. Da können auch die sehr guten Darsteller nichts retten. Mit dieser themenlosen und bedeutungslosen Art von Geschichten rückt der Superhelden-Ermüdungsbruch immer näher. Direkt nach dem Kino am Mikrofon: Johanna, Gabriele, Hendrik, Harald, Tom und Thomas.
Folge 1190: WOMEN TALKING / DIE AUSSPRACHE - Gegen die Gewalt15 Feb 202300:18:55
Mit einem Betäubungsmittel für Vieh wurden die Frauen einer Mennonitengemeinde narkotisiert und vergewaltigt. Als die Opfer sich äußern, erklären die Ältesten (Männer), dass es der Teufel gewesen sei oder dass die Frauen sich wichtig machen wollten. Bis die Täter erwischt und verhaftet werden. Als alle Männer in die Stadt gehen, um für die Täter Kaution zu zahlen, werden die Frauen aufgefordert, den Tätern zu verzeihen – ansonsten müssten sie die Gemeinde verlassen und würden nicht in das Himmelreich einkehren. Die Frauen treffen sich zu einer Aussprache, ob sie bleiben und den Männern verzeihen sollen, ob sie bleiben und kämpfen sollen oder ob sie die Gemeinde verlassen sollen. Eine ausgewählte Gruppe von Frauen trifft sich ohne Wissen der Männer zu einer Aussprache – sie haben einen Tag sich zu entscheiden.

Nur selten verlässt der Film die Scheune, in denen die Frauen diskutieren. Bildung ist ihnen verboten, sie brauchen den jungen Lehrer der Gemeinde (Ben Whishaw), um Protokoll zu führen, da sie weder lesen noch schreiben können. Aber sie wissen, dass sie die Gewalt nicht länger ertragen können, dass sie zu Mörderinnen werden, wenn die Männer zurückkommen. Gegenseitige Vorwürfe und Solidarität, Wut, Rachefantasien und Geduld durchziehen die Gespräche. Katharina und Thomas sind nach dem Film noch sehr berührt. Der Schmerz der Frauen, ihre Verzweiflung und ihre Kraft werden fühlbar und am Ende hat das Publikum Angst vor den Männern, die zurückkommen werden. Sarah Polley schafft es, die Übergriffe nicht zu zeigen, überhaupt (außer dem Lehrer) keine Männer zu zeigen – sie konzentriert sich ganz auf die Gesichter und Stimmen der Frauen. Nicht ganz – Katharina und Thomas hätten auch gerne auf die Filmmusik, die angedeutete Liebesgeschichte und die Offstimme verzichtet. Es hätte den Film noch eindrücklicher gemacht, als er ohnehin schon ist.
Folge 1189: EIN MANN NAMENS OTTO - „Ich bin nicht unfreundlich!“09 Feb 202300:06:17
Otto ist ein Pedant, er ärgert sich über falsch sortierten Müll, hässliche kleine Hunde, Autofahrer, die sich nicht an Regeln halten. Und Otto ist alt, einsam, verbittert und am Ende seiner Kraft. Aber dann platzt die hochschwangere Marisol in sein Leben, mit zwei süßen Töchtern und einem trotteligen Mann. Grumpy oder nicht, Otto wird in Marisols turbulentes Leben hineingezogen. Aber besonders emotional wird der Film, wenn wir mitgenommen werden in Ottos Vergangenheit, seine verstorbene Frau Sonja kennenlernen und Zeuge werden einer ebenso komischen wie traurigen Liebesgeschichte. Vielleicht ist EIN MANN NAMENS OTTO nicht besonders originell und innovativ, aber wunderbares Gefühlskino – die beiden alten Romantiker Tom und Thomas haben auf jeden Fall den Otto in sich entdeckt, viel gelacht und noch mehr geweint. Im Podcast direkt nach dem Film reden Tom und Thomas vor allem über Tom Hanks und haben dabei gar nicht über die Szene mit dem Clown gesprochen: Da konnten wir Otto besonders gut verstehen.

Der Film ist ein Remake von „Ein Mann namens Ove“ von Hannes Holm aus dem Jahr 2015, zugleich eine Adaption des gleichnamigen Romans von Fredrik Backman aus dem Jahr 2012.
Folge 1188: Tatsushi Omori UNDER THE STARS feat. Lucas und Andras (NipponConnection2022)07 Feb 202300:18:45
Das Drama UNDER THE STARS von Tatsushi Omori reisst viele Themen an: Im Mittelpunkt steht das Mädchen Chichiro (Mana Ashida), deren Eltern einer Sekte angehören und mit einem Waschlappen auf dem Kopf an energetisch aufgeladenes Wasser glauben. Chihiro ist in einem schwierigen Prozess zwischen Ablösung und Bindung, Ablehnung und Versöhnung. Auch in der Schule ist es durch Mobbing des Lehrers schwierig. Bei Thomas hat die Darstellung der Sekte als eher dämlich aber auch eher harmlos etwas getriggert und einen offenbar sehr empfindlichen Punkt berührt – er sieht hier das große Problem, dass der Film Sekten gegenüber keine Haltung zeigt. Das hat Lucas ganz anders wahrgenommen. Wer die Nerven hat, fast 20 Minuten meinungsstarken Streit zwischen Lucas und Thomas zu hören, bitte, hier ist die Gelegenheit. Zwischendurch und am Ende findet Andras immerhin in diesem Schlagabtausch moderierende Worte. Wir haben den Film auf Nippon Connection 2022 gesehen. Und keine Bange: Die heftige Diskussion hat das freundschaftliche Verhältnis zwischen Lucas und Thomas nicht getrübt :-)
Folge 1187: Nobuhiro Doi WE MADE A BEAUTIFUL BOUQUET Kuckucksei-Folge mit Johannes und Lucas (NipponConnection2022)06 Feb 202300:13:08
Ein junger Mann (Masaki Suda) und eine junge Frau (Kasumi Arimura) verpassen beide den letzten Zug, lernen sich kennen, haben den gleichen Popkulturgeschmack und verlieben sich. Nach einer unbeschwerten Zeit folgt die Realität – er will in seinem Job Karriere machen und Salaryman werden, sie glaubt weiter an Romantik und Selbstverwirklichung. Aus der romantischen Komödie wird ein Beziehungsdrama. Der Film lässt dabei Raum, beiden Partnern zu folgen, sich ein eigenes Bild zu machen und denkt die RomCom zuende – bis zur Trennung. Lucas und Johannes haben den Film auf Nippon Connection 2022 gesehen und haben diese Kuckucksei-Folge direkt nach dem Film aufgenommen. Kuckucksei-Folge, weil diese SchönerDenken-Episode ganz ohne SchönerDenken entstanden ist. Das ist schon unsere vierte Kuckucksei-Folge – damit haben wir wohl das Nippon Connection-Podcast-Spiel endgültig durchgespielt :-) Vielen Dank an Lucas und Johannes! <3
Folge 1186: Kensaku Kakimoto PARASITE IN LOVE feat. Malte, Lucas, Steffen und Johannes (NipponConnection2022)05 Feb 202300:11:50
Ein junger Mann und eine junge Frau mit unterschiedlichen psychischen Krankheiten, die ein Zusammenleben eigentlich unmöglich machen, verlieben sich. Die Ursache: ein Parasit, der die Anziehung auslöst. Eine Manga-Verfilmung, die immer dann überzeugt, wenn sie überdreht in der Darstellung und in den Spezialeffekten. Kensaku Kakimotos Film ist Liebesgeschichte, Science-Fiction, Drama und Komödie, schlingert aber unentschlossen durch seine Themen. Das zentrale Thema wird nicht auserzählt: Ist die Liebe nur eine chemische Reaktion, nur eine parasitäre Krankheit? Und würde sie das weniger wahr machen? Schwierig ist vor allem, dass wir als Zuschauer hier in die Situation kommen über Menschen mit psychischen Krankheiten zu lachen. Dafür ist der Film aber einfach zu grob gestrickt. Wir haben den Film mit gemischten Gefühlen auf Nippon Connection 2022 gesehen und direkt nach dem Film waren am Mikrofon: Malte (SneakyMonday), Steffen (Vilmferrückt), Lucas (Longtake), Johannes (Untersicht) und Thomas.
Folge 1293: Appleton/Sharp THE J-HORROR-VIRUS feat. Daniel Haberkorn (NipponConnection2024)08 Jul 202400:09:39
Diese Dokumentation von Sarah Appleton und Jasper Sharp hatte ich mir im Programm von Nippon Connection 2024 ausgesucht, weil ich mich kaum mit J-Horror auskenne. Für mich bestand J-Horror aus langen schwarzen Haaren und weißbleicher Haut. Ich hatte Fragen und der Film hat viele beantwortet: Woher kommen die J-Horror-Filme? Mit welchen Filmen begann es? Was ist eigentlich ein J-Horror-Film und was nicht? Und welche Wirkung hatten diese Filme? Was erschreckt die Japaner und was erschreckt die Amerikaner?

Fast alle wichtigen Regisseure des klassischen J-Horrors kommen zu Wort, Ausschnitte aus kaum zugänglichen Filmen wurden gezeigt. Ein enormer Rechercheaufwand muss in J-HORROR-VIRUS stecken. Für die Hardcore-Fans des Genres ist vielleicht nicht viel Neues dabei, für alle anderen gibt es eine Menge Augenöffner und eine solide filmgeschichtliche Einordnung. Im Podcast direkt nach dem Film im Frankfurter Regen habe ich Daniel vom Filmpodcast Altstadtkino am Mikrofon. Wir reden über unvollendete Menschen, über Vorläufer in den 1950er Jahren und viel über CURE von Kiyoshi Kurosawa (obwohl dieser Film gar kein J-Horror im engeren Sinne ist).
Folge 1185: Yujiro Harumoto A BALANCE feat. Lucas, Johannes und Andras (NipponConnection 2022)04 Feb 202300:13:13
Yuko (Kumi Takiuchi) ist eine junge Journalistin, die eine Reportage dreht über Mobbing an einer Schule, eine Schülerin und ein Lehrer haben sich getötet, es geht um sexuellen Missbrauch, Drohungen, Lügen und Vertuschungen. Ihre Suche nach der Wahrheit kollidiert mit der Vorgabe der Redaktion, quotenwirksam Schuldige an den Pranger zu stellen. Eine wahrheitsgemäße Darstellung der Geschehnisse spielt für den Sender keine Rolle. Und niemand kommt auf die Idee, dass Täter öffentlich gemacht werden müssen. Yuko, die wirkt als wolle sie die Welt retten, gerät immer mehr ins Schlingern, je näher sie der Wahrheit kommt. Regisseur Yujiro Harumoto setzt diese Geschichte in langen Einstellungen und mit viel Handkamera in Szene, er lässt die Uhren laut ticken. Das lässt nicht nur die erzählte Zeit spürbar werden, sondern auch die Länge des Films (153 Minuten). Beim ersten Schauen nicht überzeugend. Direkt nach dem Film am Mikrofon: Lucas Barwenczik (Longtake), Johannes, Andras und Thomas.
Folge 1184: Shinichiro Ueda POPRAN feat. Matthias und Lucas (NipponConnection2022)03 Feb 202300:10:28
Ein Mann steht eines Tages ohne seinen Penis da. Sein bestes Stück hat sich selbstständig gemacht und fliegt blitzschnell durch die Lüfte. Nur sechs Tage bleiben, um den Penis wieder einzufangen. In erster Linie eine Metapher darauf, wenn man sein „mojo“ verloren hat – dann geht es zurück in die eigene Vergangenheit, um sich über sich selbst und die eigenen Fehler klarzuwerden. Dann erst kann es gelungen, den blitzschnellen Penis einzufangen. Im Grunde ist es eine japanische Komödienversion von Dickens‘ Weihnachtsgeschichte. Wir haben viel gelacht über Shinichiro Uedas neuen Film, aber vermissen natürlich den formalen Spielwitz von Uedas ONE CUT OF THE DEAD. Wir haben den Film auf NIPPON CONNECTION 2022 gesehen. Direkt nach dem Film am Mikrofon: Lucas Barwenczik, Matthias und Thomas.
Folge 1183: DECISION TO LEAVE (DIE FRAU IM NEBEL) Unerfüllte Sehnsucht01 Feb 202300:12:41
Ein Krimi, ein film noir, eine Liebesgeschichte, ein Melodram, eine Komödie, voller Bezüge zum US-Schwarzweisskino der 1940er und 1950er Jahre – und doch ist Park Chan-wooks Film etwas ganz eigenes, etwas einzigartiges. Typisch für einen film noir ist die Kombination des Polizisten, der versucht das Richtige zu tun, und der charismatischen femme fatale, die unter Verdacht steht. Der Polizist Hae-jun (Park Hae-il) glaubt, dass die Witwe Seo-rae (Tang Wei) ihren Mann ermordet hat. Während er der Wahrheit näher kommt, kommt er auch der aus China stammenden Seo-rae immer näher. Die kleinen Gesten, die Wortwechsel, die koreanisch-chinesischen Sprachspiele, die Perspektiven – Chan-wooks Inszenierung ist einfallsreich und überraschend und gibt der Geschichte eine enorme Intensität.

Im Podcast direkt nach dem Film sind die Üblichen Verdächtigen sehr beeindruckt und diskutieren über Ameisen auf der Kameralinse, über grafische, konstrastreiche Bilder, über das Flimmern zwischen den Genres, über brillante, komische Momente, über eine enorme emotionale Präsenz, über die großartigen Darsteller, über die Inszenierung und Mehrdeutigkeit des Essens und des Kochens, über die Liebe zu allen Figuren, über Handcreme, Bratäpfel und Jackentaschen. Alle wollen den Film noch einmal sehen. Am Mikrofon direkt nach dem Film vor dem Capitol-Kino: Katharina, Johanna, Heidi und Thomas.
Folge 1182: BABYLON – IM RAUSCH DER EKSTASE: Die Anspruchsarschbombe von Hollywood27 Jan 202300:14:09
Niemand ist so verrückt, einen Film über die Magie des Films zu machen, wenn der Film selbst keinen Hauch Magie verströmt. Niemand würde sich selbst so überschätzen, einen Kinofilm zu drehen mit dem Anspruch jetzt das allerletzte, finale, letztgültige Schlusswort zum Thema Kino zu verkünden. Dieser Niemand ist Damien Chazelle. Es ist aufregend, Chazelle zuzuschauen, wie sein Film an den Ambitionen seines Regisseurs zerbricht.

Worum geht? Zwischen großen Parties, die mit viel zu vielen und daher wirkungslosen nackten Brüsten und wackelnden Popos bevölkert sind, gibt es eine unaufgeräumte Handlung um vier Protagonisten: einen Stummfilmstar a la Douglas Fairbank, der am Tonfilm scheitert, eine junge, wilde, drogensüchtige Schauspielerin, die an sich sich selbst scheitert, einen begnadeten farbigen Trompeter, der nicht schwarz genug ist und einen mexikanischen Tausendsassa, der sich in die falsche Frau verliebt.

Statt den Zwischentönen dieser interessanten Figuren Raum zu geben, werden sie immer wieder von großem Getöse und Massenszenen zur Seite geschoben, wie die zarte Annäherung zweier Frauen, die von einem Riesenrüpel mit dem Schrei „Arschbombe“ rüde auseinandergedrängt werden. Immer, wenn die Geschichte zart und besonders wird, lässt jemand die Hose herunter, springt Margot Robbie hysterisch und mehr oder weniger nackt durchs Bild oder es wird mit einer Schlange gekämpt oder mit einem Alligator oder jemand kotzt literweise dem Gastgeber eines eleganten Empfangs ins Gesicht.

Es ist schade um wunderbare, einzelne Szenen, um witzige Einfälle, um Küsse vor dem Sonnenuntergang. Diese Glanzlichter verblassen auch zwischen den Dialogen, in denen voller Pathos aber ohne Sinn über den Zauber des Kinos geraunt wird. Eher ein Film für Hollywood als ein Film über Hollywood. Im Podcast direkt nach dem mehr als drei Stunden langen Film reden wir über gelungene und misslungene Elemente, über Spaß, Irritation und Frustration im Zuschauerraum, über Musik, die (findet zumindest Thomas) leider genauso einfallslos und melancholisch-monoton ist wie in LA LA LAND, über die Notdurft eines Elefanten und Schuhcreme. Am Mikrofon vor dem Kino spät in der Nacht: Bettina, Uwe, Hendrik, Tom und Thomas.
Folge 1181: LAST OF THE WOLVES feat. Matthias und Lucas (#Japanuary2023 NipponConnection2022)22 Jan 202300:04:58
Thomas hatte große Erwartungen, denn der Vorgänger BLOOD OF WOLVES hatte überzeugt. Den Nachfolger LAST OF THE WOLVES haben wir auf Nippon Connection 2022 gesehen und waren direkt nach dem Film etwas ersoffen im (Film-)Blut. Der Film ist einfallsreich in der expliziten Gewaltdarstellung, hat starke Darsteller:innen und ist sehr gut inszeniert. Er ist aber auch verworren in seiner Handlung zwischen den verfeindeten Yakuzas und braucht zwischendurch sogar erklärende Texttafeln. Über die kraftvolle Erfüllung der Genre-Anforderungen hinaus hat der Film keine Bedeutung, die wir beim ersten Sehen hätten erkennen können. Direkt nach dem Film am Mikrofon: Lucas Barwenczik, Matthias und Thomas.Diese Episode erscheint als Beitrag im Japanuary 2023.
Folge 1180: HOLY SPIDER - Ein Mörder wird als Held gefeiert21 Jan 202300:15:51
In einer Gesellschaft, in der Frauen nur eine Lebensberechtigung haben, wenn sie die Gesetze der Männer ohne Abweichung befolgen, in einer solchen Gesellschaft wird einem psychopathischen Serienmörder applaudiert, der Prostituierte ermordert. In der als heilig bezeichneten Stadt Mashhad ist Saeed in der Nacht mit seinem Motorrad unterwegs und lauert auf seine Opfer. Die Journalistin Rahimi (beeindruckend: Sahra Amir Ebrahimi) will die Wahrheit über den Spinnenmörder herausfinden und erkennt schnell, dass die Polizei keine große Hilfe ist. Auch bei den Polizisten gelten die Opfer nur als wertlose Junkies und Huren. Als „wertlos“ bezeichnet ein Polizist auch die Journalistin, als er sie in ihrem Hotelzimmer belästigt. Rahimi geht als Lockvogel selbst auf die Straße, bis der Spinnenmörder tatsächlich mit seinem Motorrad vor ihr auftaucht …

Viel stärker als die Thrillerhandlung brennen sich die Szenen ein, die den iranischen Gottesstaat als frauenverachtendes Unrechtsregime zeigen: Frauen dürfen für sich allein kein Hotelzimmer buchen, sie dürfen nicht ohne Kopftuch gesehen werden und wenn sie als Journalistin arbeiten, sind sie ständig Anfeindungen ausgesetzt. Intensiv wird Abbasis Film nach der Festnahme des 16-fachen Mörders: religiöse Gruppen unterstützen den Mörder offen, es gibt Demonstrationen, die ihn als Helden feiern und seine Freilassung fordern, auch viele Menschen in der Nachbarschaft solidarisieren sich mit dem Mörder. Saeed wird sogar eine Befreiung versprochen, nachdem er zum Tode verurteilt wurde.

Abbasis Film beruhrt auf einer wahren Begebenheit und er beschönigt nichts, er zeigt die Verzweiflung und Drogensucht der Prostituierten, er zeigt unangenehm ausführlich die Banalität des Mörders, der sich selbst einredet, einen göttlichen Auftrag zu erfüllen. Die Stadt ist ebenso schmucklos wie die einfache Wohnung, in die Saeed seine Opfer lockt, um sie dann mit ihrem eigenen Kopftuch zu erdrosseln. Nur das nächtliche Mashhad glitzert, aber wenn man genau hinschaut, zeigt uns Abbasi dabei das Netz, das der Spinnenmörder über die Stadt gelegt hat.

Das ernste Thema und die sehr starken Darsteller lenken davon ab, wie sorgfältig und atmosphärisch dicht die Inszenierung ist – und wie großartig der Soundtrack von Martin Dirkov und das Sounddesign sind. Im Podcast direkt nach dem Kino sprechen Johanna und Thomas über die intensive Darstellung des religiös-fanatischen Mörders, über die Situation der Frauen im Iran, über die Unterstützer des Mörders und über ein Bild, das Johanna nicht vergessen wird: Der Mörder auf dem Motorrad, auf dem Rücksitz das bereits ermordete Opfer – mit einem Strick an den Rücken des Mörders gebunden.

„Ich komme aus dem Iran. Dort bin ich geboren und aufgewachsen. Ich muss keine Puppenhausversion des Iran machen. Der Ort, den wir betrachten, Maschhad, ist wie viele dieser größeren Metropolen im Nahen Osten. Sie haben sich in unscheinbare Industriestädte verwandelt, halb Favela, halb Betonwüste mit einigen historischen Gebäuden […]. Sie finden diese Orte in der Türkei, in Jordanien und wahrscheinlich an vielen anderen Orten.“
Regisseur Ali Abbasi über Mashhad

Von Ali Abbasi haben Johanna und Thomas bereits den sehr sehenswerten Film BORDER besprochen.
Folge 1179: Keisuke Yoshida: INTOLERANCE feat. Patrick Torma journalistenfilme.de (#Japanuary2023)19 Jan 202300:30:56
Zum ersten Mal bei SchönerDenken zu Gast: Patrick Torma, Journalist, Blogger und Podcaster – zurecht berühmt geworden mit journalistenfilme.de. Wir sprechen über Keisuke Yoshidas INTOLERANCE, den wir auf Nippon Connection 2022 gesehen haben. Der Film hat einen nachhaltigen Eindruck auf Patrick und Thomas gemacht. Es geht um eine Schülerin, die von den Mitschülern ignoriert und vom cholerischen Vater nicht verstanden wird. Als sie im Supermarkt verdächtigt wird, etwas geklaut zu haben, flieht sie in Panik, der junge Marktleiter wie der Teufel hinter ihr her. Ihre panische Flucht endet in einem grausamen und tödlichen Verkehrsunfall. Der bärbeißige Vater will den Schuldigen zur Rechenschaft ziehen. Auch die anderen Kleinstadtbewohner und vor allem die anreisende Sensationspresse will einen Schuldigen an den Pranger stellen: eine der Unfallfahrerinnen gerät ins Visier, vor allem aber der junge Marktleiter.

Mit Patrick diskutiert Thomas über die Rolle der Presse, die 24 Stunden am Tag die Beteiligten verfolgt, über das Ausschlachten von Wut und Trauer der Betroffenen, über sinnentstellende, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate und über das Anstacheln der öffentlichen Hysterie. Irgendwann zieht die Pressemeute weiter, für ihr Verhalten werden die Sensationsjournalisten nicht zur Rechenschaft gezogen. Patrick und Thomas reflektieren eigene berufliche Erfahrungen, dass Konflikte Auflage und Quote bringen. Begeistert sind beide von Arata Furuta als von Wut und Trauer zerfressener Vater. Diese Episode erscheint als Beitrag im Japanuary 2023.
Folge 1178: UNRUH - Maximal entschleunigtes Kino16 Jan 202300:11:03
Anarchie bedeutet, eine herrschende Ordnung in Frage zu stellen, denn Herrschaft ist keine Legitimation. Und wenn die Ordnung keinen Sinn macht, wird sie nicht als Ordnung akzeptiert. Für die Uhrmacherinnen 1877 im Berner Jura bedeutet es, eine Krankenversicherung für Frauen und Kinder selbstverwaltet aufzubauen, es bedeutet, den gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu fordern. Für den russischen Anarchisten Pyotr Kropotkin bedeutet es, von Behörden und Firmen komplett unabhängig eine sehr genaue Karte vom Berner Jura anzufertigen, open street map sozusagen. Dass diese Karte aufgehängt wird, ist der Action-Moment des Films, dass Josephine Gräbli erklärt, wie eine Unruhe in einer Uhr funktioniert, ist sozusagen der erotische Höhepunkt dieses Schweizer Films, der zweite Film von Cyril Schäublin. Sein Konzept für UNRUH ist ebenfalls anarchistisch. Er beansprucht nicht die Deutungshoheit über die Geschichte als historische Wahrheit und er beansprucht nicht die Deutungshoheit über den Blick der Zuschauer. Er lässt uns diese Freiheit, gibt uns Totalen dieser Welt, in der die handelnden Figuren klein und oft am Rande gesucht und gefunden werden müssen. Schäublin verzichtet auf ein Narrativ, er gibt uns Mosaikstücke, einzelne Szenen, einzelne Dialoge, aus denen sich eine Idee abzeichnet. Die Idee, dass es eine Welt geben könnte, die vernünftiger und gerechter wäre als der Kapitalismus und freier als der Sozialismus. Johanna und Thomas haben im Palatin in Mainz eine Aufführung gesehen, die durch die Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung freien Eintritt hatte – in Anwesenheit des Regisseurs, dessen Urgroßmütter selbst Uhrmacherinnen in der Schweiz waren.
Folge 1177: TRIANGLE OF SADNESS - "Über den Wolken!"07 Jan 202300:15:21
Wir hatten es schon vor dem Film geahnt, dass Geld Macht bedeutet. Und dass der Kapitalismus soziale Gerechtigkeit und Würde zum Frühstück frisst. Also keine neuen Erkenntnisse in Ruben Östlands Komödie TRIANGLE OF SADNESS. Aber die Superreichen und Schönen, den Irrsinn von extremem Überfluss und Oberflächlichkeit so vorgeführt zu bekommen, ist natürlich ein großer Spaß. Spätestens wenn das Kapitänsdinner bei sehr schwerer See stattfindet und die allermeisten Gäste ihre Austern mit Kaviar nicht mehr bei sich behalten können. Aber es kommt noch schlimmer, viel schlimmer, die Verhältnisse ändern sich und jede und jeder muss seine Rolle neu finden. Im Podcast sprechen wir über starke Darsteller:innen, politische Zitate, Matriarchat und Verzicht auf Subtilität und erklären, was das „Dreieck der Traurigkeit“ eigentlich ist. Was wir im Podcast vergessen haben zu erwähnen: Wie grandios Iris Berben mit den immer gleichen drei Worten eine riesige Bandbreite an Emotionen abdeckt. Am Mikrofon direkt nach dem Film: Kathrin, Johanna, Heidi, Katharina und Thomas.
Folge 1176: THE BANSHEES OF INISHERIN - Vom Ende einer Freundschaft05 Jan 202300:21:41
Die Hölle, das sind die Anderen. Die Anderen auf einer kleinen, armen irischen Insel 1923. Patrick und Colm sind ewig schon befreundet, als Colm (Brendan Gleeson) dem jüngeren Padraic (Colin Farrell) die Freundschaft kündigt. Ohne ersichtlichen Grund, naja, weil Padraic langweilig ist und Colm sich nur noch auf das Komponieren konzentrieren will, um wenigstens etwas musikalische Unsterblichkeit zu bekommen. Und Colm meint es ernst: Er droht sich jedes Mal einen Finger abzuschneiden, wenn Padraic ihn anspricht. Und man kennt irische Inselbewohner schlecht, wenn man glaubt, Colm würde das nicht durchziehen. Die Situation eskaliert und gerät außer Kontrolle, als ein kleiner Esel ins Spiel kommt … Vielleicht geht es aber gar nicht so sehr um Freundschaft und um Padraic, vielleicht geht es einfach um die tiefe Verzweiflung von Colm. Vielleicht ist die Freundschaft zu Padraic der erste Finger, den sich Colm abschneidet.

Martin McDonagh, der als Regisseur mit IN BRUGES und THREE BILLBOARDS OUTSIDE EBBING, MISSOURI bereits Kultstatus erreicht hat, bietet uns hier eine düstere, tragikomische Geschichte, die mit schwarzem Humor vom Scheitern sozialer Beziehungen erzählt: Von der Ladenbesitzerin, die lieber die Welt brennen sieht als auf Klatsch zu verzichten, vom menschenverachtenden Polizisten, der seinen Sohn misshandelt, von eben diesem verzweifelten Sohn Dominic (Barry Keoghan), der unglücklich verliebt ist und von der einzigen Person auf der Insel, die noch bei klarem Verstand ist: Patricks Schwester Siobhan (Kerry Condon). Jenseits der exzellenten Schauspieler:innen und der gelungenen Inszenierung der verschrobenen Menschen in einer kargen Welt, übertönt das Leiden von Padraic, Colm und Dominic dröhnend den schwarzen Humor des Films. Das Ende lässt offen, ob sich die Spirale bis in den Tod weiter drehen wird.

Direkt nach dem Film am Mikrofon ist Johanna sehr zufrieden und eher gut gelaunt, während Thomas nur an abgeschnittene Finger denkt und an Colms (und Dominics) Verzweiflung, die viel größer und dunkler ist als die Irische See.
Folge 1292: Yuchun Su INCH FORWARD feat. Daniel Haberkorn (NipponConnection2024)07 Jul 202400:09:00
Der Film beginnt mit dem Blick auf die Zuschauer, die ein Kino betreten, sich ihre Plätze suchen. Und soviel können wir vorwegnehmen: Der Film endet auch damit, dass wir eben diese Zuschauer nach dem Film sehen, wie sie das Kino wieder verlassen (oder aufgeweckt werden müssen). Den Film, den die Zuschauer sehen, sehen wir nicht. Aber wir sehen, wie der Film entsteht: Eine Independent-Regisseurin hat genaue Vorstellungen, aber die kleine Produktion muss das schmale Budget einhalten, es müssen die richtigen Schauspieler gefunden werden, es gibt unendlich viele kleine und große Probleme und unendlich viele Entscheidungen zu treffen. Sich zu entscheiden – das ist die Achillesferse der jungen Regisseurin. Dazu kommen noch private Verwicklungen.

 Wir lernen: Filmemachen ist wie das Leben: Es geht ständig etwas schief, man muss Entscheidungen treffen ob man will oder nicht, man hofft, man verzweifelt und irgendwie geht es dann doch. Im Podcast direkt nach dem Film reden wir über die sehr gute Hauptdarstellerin Nairu Yamamoto, über den Meta-Charakter dieses Films im Film und mutmaßen die Bedeutung des Filmtitels. Am Mikrofon vor dem Kinosaal: Daniel Haberkorn vom Filmpodcast Altstadtkino, Hendrik und Thomas.
Folge 1175: POWWOW: Das Filmblogger-Filmpodcaster-Frühstück (Nippon Connection 2022)23 Dec 202200:17:56
Es ist eine der wunderbaren Traditionen von Nippon Connection, dass sich die Blogger und Podcaster freitags zu einem Frühstück treffen – zum sogenannten Powwow. 2020 und 2021 konnte das Festival nur online stattfinden (war dabei aber sehr erfolgreich), 2022 konnten wir endlich wieder nach Frankfurt kommen und uns sehen. Wie immer nehmen wir beim Frühstück eine Vorstellungsrunde auf, bei der jede und jeder von den Highlights des bisherigen Festivals berichtet. Viel Spaß beim Hören! In den Kapitelmarken kann man sehen, wer 2022 dabei war:

00:00 Start/Begrüßung
00:23 Die Melanie
00:55 Johannes (Untersammlung)
02:34 Fang Yi
03:11 Lucas (Longtake)
06:03 Helena (Sneaky Monday / bedroom disco)
06:54 Malte (Sneaky Monday / bedroom disco)
08:43 Daniel (Altstadtkino)
13:22 Andras
15:04 Thomas (SchönerDenken)
17:55 Ende

Über diese Filme haben wir gesprochen:Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken
Folge 1174: AVATAR - THE WAY OF WATER – Das blaue Wunder16 Dec 202200:13:57
Selten hat bei einem Film die Vorerwartung so haargenau getroffen wie hier:
1. Die Story wird eher dünn sein, vielleicht sogar dünner als beim ersten AVATAR. Check.
2. Man muss sich den Film auf jeden Fall in 3D auf der großen Leinwand anschauen, denn die Illusion wird beeindruckend sein. Check.
Und damit ist eigentlich schon fast alles gesagt. Etwas genauer gesagt: Die Story ist kaum vorhanden: Mann flieht mit seiner Familie, Mann wird von seinem Feind eingeholt, Mann muss sich dem Kampf stellen, Vater-Sohn-Konflikte werden angedeutet. Fertig. Mehr ist nicht da. Gefühle gibt es nur auf einer Klischee-Ebene.

Die Feinde sind fast ohne den Hauch einer Schattierung blutrünstige, geldgeile, schwerbewaffnete Söldner und Unternehmer, die indigene Völker, deren Lebensraum und intelligente Meeresbewohner vernichten – also wir. Und die Guten sind sexy Indianerschlümpfe – jetzt in der schwimmfähigen Variante. Über deren Kultur, über deren Vergangenheit erfahren wir nichts – sie sind einfach nur unsere Projektion der edlen Wilden, naturverbunden, naiv, ein klein bisschen doof. So wie wir es uns vorstellen. Keine Schrift, keine Tempel, keine Eigenschaften, die fundamental anders wäre als bei Erdbewohnern. Das ist kein Worldbuilding, das ist eine blau angemalte Stereotypenmaschine. Dazu kommt in den wenigen Dialogen ein gelinde gesagt konservatives Weltbild an die Oberfläche („Der Vater ist der Beschützer“) und der Held ist immer noch der White Saviour, der schon wieder die edlen Wilden anführen muss. Das ist unoriginell, ideenlos, altbacken.

Trotzdem eine grandiose Kino-Erfahrung: In dem Moment, in dem wir unter die Wasseroberfläche gehen, findet eine Immersion statt, die jedem anderen computergenerierten Film um ein Jahrzehnt voraus ist: Die 3D-Effekte sind meisterhaft erarbeitet und durchgeführt, jede Lichtstimmung im Wasser, vor allem jede Bewegung der Tiere ist in jeder Sekunde absolut authentisch. Das ist – wie Guilermo del Toro gesagt haben soll – „Nation Geographic Under The Sea“ auf Speed. Ein Science-Fiction-Whalewatching, bei dem einem der Mund offensteht. Die Filmerzählung ist eine Bankrotterklärung, das Filmspektakel ist ein Meilenstein. Im Podcast direkt nach dem Film sind Gabriele, Johanna, Axel, Tom und Thomas am Mikrofon sehr unterschiedlicher Meinung.
Folge 1173: VIOLENT NIGHT - "Das meiste machen die Rentiere"09 Dec 202200:07:43
David Harbour hat uns in diesen Film gelockt und er ist großartig. David Harbour, nicht der Film. Einige Pointen kommen sehr gut, gerade auch die aus DIE HARD und HOME ALONE geklauten Gags. Aber aus der vielversprechenden Prämisse wird nicht herausgeholt, was möglich gewesen wäre – vor allem der Spagat zwischen zu süßer Weihnachtsromantik und expliziter Gewalt lässt Tom und Thomas direkt nach dem Kino fragen: Für welche Zielgruppe ist der Film gedacht? Die Idee stammt von den Drehbuchautoren Pat Casey und Josh Miller schon aus den 1990er Jahren: Der Pitch unter dem Titel DIE HARD SANTA war bestimmt überzeugender als der Film. Nach vier Weihnachtsbier kann man bestimmt über die Schwächen hinwegsehen und sich ganz auf David Harbour konzentrieren. Denn der ist Sahne. Wie immer.
Folge 1172: SHE SAID - Das Ende der Unantastbarkeit06 Dec 202200:14:54
Es ging nicht nur darum einen Vergewaltiger zu stoppen, einen sehr erfolgreichen Mann, der seine Macht ausgenutzt hat, um junge Frauen, die von ihm abhängig waren, zu belästigen, auszunutzen, sich an ihnen zu vergehen und ihre Leben zu zerstören. Es ging auch auch darum, das System aufzudecken, dass diesen Mann über Jahrzehnte geschützt hat – ein System von Drohungen und Schweigeverträgen, an dem viele beteiligt waren, Mitarbeiter, der Vorstand seiner Firma, Detektive und Anwälte. Und wer sich wehrte, dessen Karriere war vorbei. Alle, die es versucht hatten, waren daran gescheitert, die Wahrheit über den unantastbaren Hollywood-Mogul Harvey Weinstein zu veröffentlichen. Erst den beiden Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor ist es gelungen – ihre Recherche in der New York Times und der Mut der Frauen, die ihre Geschichte erzählt haben, beendete das frauenverachtende System Weinstein.

Maria Schraders Film konzentriert sich auf die langwierige, harte Arbeit, auf die Recherche, auf die Arbeit der Journalistinnen, die Geduld, die Rückschläge, die Zweifel, die unzähligen Telefonate. Dabei entwickelt der Film eine sogartige Wirkung: Während auf der Bildebene nur zwei Frauen hin und her laufen und telefonieren, steigt die Spannung immer weiter und erreicht Höhepunkte, wenn ein Stapel Papier auf einen Tisch gelegt wird oder ein Handy auf einem Tisch zurückgelassen wird. Der Film zeigt das Aufeinandertreffen völlig verschiedener Vorstellungen. Während die Monstrosität Weinsteins für ein mitleidloses, ausbeutendes, toxisches Patriarchat steht, verkörpern die Journalistinnen eine gleichberechtigte Welt, in der Frauen Top-Jobs haben und darin brillant sind und ihre Ehemänner versuchen, ihnen den Rücken freizuhalten.

Maria Schrader hat den richtigen Weg gefunden, diese Geschichte zu erzählen und einen großen Journalistinnenfilm geschaffen. Das finden – fast – alle der Üblichen Verdächtigen. Im Mainzer Programmkino Capitol dabei und direkt nach dem Film am Mikrofon waren: Heidi, Bettina, Kathrin, Johanna, Katharina und Thomas.
Folge 1171: GLASS ONION - Ein neues Knives Out Mystery25 Nov 202200:10:39
Rian Johnson ist es gelungen mit KNIVES OUT das Agatha-Christie-Konzept ins 21. Jahrhundert zu übersetzen: clever, flott, witzig und eine tolle Bühne für starke Schauspieler:innen. Der zweite Teil, GLASS ONION, wiederholt das Konzept des ersten Teils: Der großartige Daniel Craig als Benoit Blanc, ein Verbrechen, alle Anwesenden mit Mordmotiv und Gelegenheit, diesmal sogar wie einst in DAS BÖSE UNTER SONNE auf einer Insel, abgeschnitten vom Rest der Welt. Statt aber die Zeit um 100 Jahre zurückzudrehen wie Kenneth Brannagh in seinen Agatha-Christie-Neuverfilmungen, gelingt es Rian Johnson, typische Figuren unserer Gegenwart aufzustellen und zu sezieren: ein Elon-Musk-ähnlicher Milliardär, ein Twitch-Influencer, kognitiv eingeschränkte Promis, Politiker auf dem Weg nach oben. Mit dem ersten Teil kann GLASS ONION nicht ganz mithalten, aber das ist immer noch exzellente Unterhaltung – ein wunderbarer Filmabend. Am Mikrofon direkt nach dem Film diskutieren Johanna, Harald, Tom und Thomas über Paul McCartneys Gitarre, über Kate Hudsons Blicke, über Zielgruppen und dritte Teile.
Folge 1170: AMSTERDAM - Die beste Zeit unseres Lebens18 Nov 202200:11:06
Es gibt viele Gründe, die gegen den Film AMSTERDAM sprechen: die langen Dialoge, die auch das erklären, was man schon gesehen und verstanden hatte. Dazu die zusätzlichen Erklärungen durch die Off-Stimme des Erzählers und dass der Film zu oft gegen die Regel „Show. Don’t tell.“ verstößt. Es ist rätselhaft, warum der Film sich dennoch so gut anfühlt. Vielleicht liegt es am beeindruckenden Ensemble: Chris Rock, Anya Taylor-Joy, Zoe Saldana, Mike Myers, Michael Shannon, Timothy Olyphant, Taylor Swift, Matthias Schoenaerts, Alessandro Nivola, Rami Malek und Robert De Niro – und das sind nur die Nebenrollen. In den Hauptrollen: Christian Bale, Margot Robbie und John David Washington. Vielleicht liegt es auch an der Bildstimmung, die an Wes Anderson erinnert, vielleicht an den Gesangseinlagen der Veteranen. Man möchte den Film auf jeden Fall noch einmal schauen – und sich wieder zurücklehnen und lächeln.

Dabei geht es im Film (nach einer wahren Begebenheit) um Leben und Tod: Zwei Soldaten und eine Krankenschwester freunden sich im Ersten Weltkrieg an, eine Freundschaft, die alle Gefahren überdauern wird. Sie helfen sich gegenseitig aus der Patsche und geraten dabei in eine riesige Verschwörung, die angesichts der aktuellen Politik in den Vereinigten Staaten erschreckend aktuell anmutet. Um zu verstehen, was das mit Glasaugen, Vogelbeobachtung und Sterilisierungen zu tun hat, sollte ins Kino gehen. Im Mainzer Programmkino Palatin dabei und direkt nach dem Film am Mikrofon waren: Heidi, Bettina, Kathrin, Hendrik und Thomas.
Folge 1169: DER HAUPTMANN - Vollmacht von ganz oben. Ganz oben.15 Nov 202200:16:30
Die monströsen Verbrechen im Dritten Reich aus der Täterperspektive zu zeigen, das war die Absicht von Robert Schwentke. Er erzählt die weitgehend wahre Geschichte eines Gefreiten, der fahnenflüchtig oder versprengt, hinter der Front in einem Koffer eine Hauptmannsuniform findet, sich als Offizier mit Befehl vom Führer persönlich ausgibt und im Chaos der letzten Kriegstage andere Soldaten unter sein Kommando bringt. Mit herrischem Auftreten verhindert er, dass er kontrolliert wird. Aber aus der Köpenickiade wird ein absurdes Abschlachten. Den falschen Hauptmann (Max Hubacher) verschlägt es in einer Sammellager von Gefangenen. Dort beginnt er willkürlich oder als Standgericht Gefangene zu erschießen oder erschießen zu lassen.

Grotesk, erschreckend, erschütternd sind die Schwarzweissbilder von Robert Schwentke, dabei fast zu schön. Der Hauptmann wird immer sicherer und grausamer, seine Männer verlieren ihre Gewissensbisse, wenn sie welche hatten oder fallen in einen Blutrausch. Im Podcast direkt nach dem Film vor dem Kino diskutieren Bettina und Thomas, wie der Film geworden wäre, wenn Frederick Lau den falschen Hauptmann gespielt hätte, über Distanz durch Schwarzweiss, über die Illusion von Regeln und Ordnung und über die Enden des Films. Sie sind sich dabei sicher, dass sich die Verbrechen dieses selbsternannten Schnellgerichts unter ähnlichen Bedingungen wieder ereignen können. Zumindest in Deutschland.

Gesehen haben wir den Film auf dem Filmfestival FILMZ in Mainz 2022 und spoilern ausnahmsweise.
Folge 1168: BLACK PANTHER - WAKANDA FOREVER – Das Tabu von Tod und Trauer13 Nov 202200:14:01
Der tragische Tod von Chadwick Boseman hat eine große Karriere beendet, als sie gerade richtig angefangen hatte. Millionen Zuschauer hatten sich darauf gefreut, den so talentierten und so charismatischen Schauspieler in den nächsten Jahrzehnten in vielen Hauptrollen zu sehen. Auch Kevin Feiger und Ryan Coogler hatten mit ihm und Black Panther großes vor. Sie haben sich gegen eine Neubesetzung der Rolle entschieden und eine neue Geschichte konzipiert, eine Geschichte, wie es sie im Unterhaltungskino selten gibt, über Trauer, Wut, Verzweiflung, Rache, über den Tod und über den Versuch neu zu beginnen. Dabei zeigt der Film immer wieder eine Ernsthaftigkeit und eine Schwere in der Trauer um Back Panther/T’Challa, dass man den Eindruck hat, die Trauer um Chadwick Boseman ist in diesen Film eingeflossen. Das haben wir nicht erwartet. Und wir haben auch nicht erwartet, dass der Film sich so klar und unüberhörbar mit Kolonialismus und der politischen Realität der Ressourcenkriege auseinandersetzt. Wir haben nicht gerechnet mit der Leichtigkeit, mit der der Film zu 98 Prozent auf weiße Darsteller verzichtet oder damit, dass fast alle klugen und fast alle kämpfenden Charaktere schwarze Frauen sind. Es war verdammt an der Zeit. Repräsentation ist wichtig, so viel wichtiger als die meisten weißen Zuschauer denken, für die bisher fast alle Filme gemacht worden waren.

Shuri, T’Challas Schwester, kann ihren Bruder nicht retten, der in den ersten Minuten des Films an einer unbekannten Krankheit stirbt. Während die Trauer Shuri (Letitita Wright) und Königin Ramonda (phänomenal: Angela Bassett) belastet, versuchen alle Staaten an das Vibranium zu kommen und hoffen, dass Wakanda ohne den Schutz des Black Panther sich nicht wehren kann. Aber die eigentliche Gefahr kommt aus dem Meer und das wollen wir hier nicht spoilern. Im Podcast direkt nach dem Film versuchen Johanna, Tom und Thomas sich zu erklären, warum der Film so gelungen ist und so einen tiefen Eindruck hinterlassen hat – obwohl eigentlich einige Dinge gar nicht gehen: Ein Held hat alberne Flügelchen am Fuß wie eine Hermes-Parodie, die Songs sind eine Ethnowellnesszumutung (aber der Score ist super!) und wer zur Hölle ist auf die Idee gekommen, „Wakanda Forever“ ins Deutsche am besten mit „Wakanda über alles!“ zu übersetzen? Aber das alles macht dem Film nichts aus. Das ist so gutes Kino, wie ein Mainstreamsuperheldenunterhaltungsfilm es nur sein kann.
Folge 1167: CRIMES OF THE FUTURE - Ins eigene Fleisch geschnitten03 Nov 202200:17:58
Ohne Zweifel ein schöner, visuell kraftvoller Film mit einem großartigen Score von Howard Shore und beeindruckenden Schauspielern. Aber es ist völlig unklar, was uns Cronenberg sagen will mit seinem Film über eine Welt ohne Schmerzen und Infektionen, eine Welt, in der Operationen der neue Sex sind. Ohne eine Figur, die eine Brücke in diese Welt bietet, bleibt der Film kühl und distanziert: Mord einer Mutter an ihrem eigenen Kind bildet den Auftakt, ein Verbrechen, das in der in der Welt des Films wenig Aufregung verursacht. Was bedeutet die Selbstverstümmelung, was bedeuten die Mutationen? Ist ein Plastik essendes Kind eine Botschaft über unsere eigene plastikverseuchte Welt? Viele Fragen, wenig Relevanz. Diese Bodyhorror-Perle wirkte auf uns direkt nach dem Film wie aus der Zeit gefallen, schön, aber ohne Bedeutung. Am Mikrofon direkt nach dem Kino mit dem ersten Eindruck: Kathrin, Hendrik, Tom und Thomas.
Folge 1166: BLACK ADAM - Eine filmische Abrissbirne28 Oct 202200:06:20
Warum? Warum haben wir uns diesen Film angetan? Wir hätten es besser wissen müssen. Wir und DC, das wird nichts mehr. Dwayne The Rock Johnson hat über Jahre viel investiert, um diese Rolle zu übernehmen. Aber das ganze Drehbuch ist ein einziger dramaturgischer Auffahrunfall: Die ersten 10 Minuten sind sterbenslangweiliges „Tell Don’t Show“. Black Adam lag 4.600 Jahre begraben. Mit dem Zauberwort Shazam wird er wieder mit seinen Superkräften ausgestattet. Dann taucht die „Justice Society“ auf, mit einer Parodietruppe (ich kann es nicht anders nennen), die Black Adam unter Kontrolle bringen will. Motivation der Figuren? Charakter? Entwicklung? Fehlanzeige. Die wenigen Pointen sind eher lauwarm und oft auffallend schlecht gesetzt. Lediglich Sarah Shahis Figur einer resoluten Professorin, die den Superhelden die Leviten liest, kann überzeugen. An den Darsteller:innen (Dwayne Johnson, Pierce Brosnan, Sarah Shahi, Djimon Hounsou, Viola Davis, Henry Cavill) hat es nicht gelegen. Es wird einen weiteren BLACK ADAM geben. Er kann nicht schlechter werden. Aber vielleicht begräbt man die Idee auch besser wieder für die nächsten 4.600 Jahre. Im Podcast brauchen Tom, Peter und Thomas nur wenige Minuten für diesen Film.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken

Black Adam
USA 2022, 125 Min., Regie: Jaume Collet-Serra
Folge 1291: Shojiro Nishimi PHOENIX REMINISCENCE OF FLOWER feat. Rene und Marcel (NipponConnection2024)24 Jun 202400:07:09
Der Film ist ein Zusammenschnitt der Serie PHOENIX in Spielfilmlänge und spannt einen weiten Bogen über mehr als tausend Jahre von einer Auswanderergeschichte auf den unwirtlichen Planeten Eden, über Begegnungen mit Außerirdischen bis zum düsteren Schicksal der Erde – und der Menschheit. Dabei springt der Film nicht nur in der Handlung sondern auch zwischen Erwachsenenfilm und Kinderfilm. Unser Feedback ist gemischt. Thomas hat direkt nach dem Kino Rene und Marcel von den Abspannguckern und Hendrik am Mikrofon.
Folge 1165: SOLARIS - Der Mensch braucht nur den Menschen24 Oct 202200:23:23
Wir suchen da draußen im Kosmos intelligente Außerirdische, einen zweiten Planeten – oder Gott. Aber wir werden uns nur selbst finden – und wenn wir eine fremde Intelligenz finden, werden wir sie nicht verstehen. Stattdessen wird sie uns spiegeln, unsere innersten Ängste, unsere Erinnerungen aus uns herausholen. Genau das beschreibt Stanislaw Lem in seinem Roman SOLARIS und Tarkovsky in seiner Verfilmung 1972: Die Männer aus der Station werden mit Verkörperungen ihres Unterbewussten konfrontiert, Doppelgänger, die nur wissen, was in der Erinnerung lag, Doppelgänger, die leben und atmen und unsterblich sind. „Gäste“ nennen die Wissenschaftler sie. Der Psychologe Kris Kelvin (Donatas Banionis) wird auf die Station geschickt, um zu entscheiden, was zu tun ist. Aber es geht ihm wie den anderen Männern. Aus seiner Erinnerung taucht seine ehemalige Freundin Hari auf, die sich nach der Trennung getötet hatte. Jetzt will Kris es besser machen, aber Hari ist genauso verzweifelt wie in seiner Erinnerung …

Direkt nach dem Film reden Johanna (die den Film zum ersten Mal gesehen hat) und Thomas über lange Kameraeinstellungen und noch längere Straßen in Akasaka (Tokio), über Kleider, die man aufschneiden muss, über männliche Perspektiven und die Verarbeitung gescheiterter Beziehungen, über verdichtete philosophische Gespräche (wo ist Daniel Brockmeier, wenn man ihn braucht?), beeindruckendes Raumstationsdesign, noch beeindruckenderes Kostümdesign und Foreshadowing durch Orgelmusik. Gesehen haben wir den Film in der digital restaurierten Fassung im russischen Original mit deutschen Untertiteln im Kommunalen Kino in Mainz, dem Cinemayence.
Folge 1164: BOHNENSTANGE - Keine Heilung21 Oct 202200:17:30
Zwei Frauen in Leningrad haben den Krieg überlebt, eine als Soldatin, eine als Krankenschwester – beide sind versehrt und tragen mehr oder weniger sichtbare Narben. Ija, dünn und sehr groß (daher der Spitzname Bohnenstange), kümmert sich um den kleinen Sohn ihrer Freundin Mascha. Aber sie ist überfordert und erst spät versteht man als Zuschauer ihre Anfälle und ihre Krankheit. Auch die, die den Krieg überlebt haben, sterben, nicht für jeden gibt es eine Zukunft. Und manchmal ist der Tod gnädiger als das Leben. Maschas Kind stirbt und Ija soll ein neues Kind für Mascha auf die Welt bringen. Das soll die beiden traumatisierten Frauen aus ihrer Verzweiflung herausführen und alles heilen. Wir wissen aber, dass es keine Heilung gibt. Regisseur Kantemir Balagow findet für diese düstere Geschichte überraschend farbenfrohe Bilder oder zeigt einmal nur Stiefel statt Menschen, um uns nicht mit Gesichtern abzulenken. Starke Regie und wirklich beeindruckende Darstellerinnen, vor allem Wiktoria Miroschnitschenko als Bohnenstange Ija und Wassilissa Perelygina als ihre Freundin Mascha. Im Podcast direkt nach dem Film reden Johanna und Thomas über toxische Beziehungen, bekleidete Sexszenen und nackte Frauen, stilles Leid und Inzidenzmusik. Gesehen haben wir den Film im Kommunalen Kino in Mainz, dem Cinemayence.

Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken
Musik von Johannes Klan

Bohnenstange (Dylda)
R 2019, 137 Min., Regie: Kantemir Balagow
Folge 1163: TAUSEND ZEILEN - zu schön, um wahr zu sein17 Oct 202200:19:28
Es war klar, dass Michael Bully Herbig nicht der geeignetste Regisseur ist, um aus dem Skandal um Claas Relotius einen hochwertigen Thriller wie SHATTERED GLASS oder SPOTLIGHT zu erschaffen. Aber es ist dann doch erschreckend, wie leicht und seicht Bully hier eine harmlose Familienkomödie um einen der größten Journalistenskandale der letzten 50 Jahre bastelt. Worum geht es? Juan Romero (aka Juan Moreno) arbeitet mit dem preisgekrönten Überfliegerreporter Lars Bogenius (aka Claas Relotius) und stellt fest, dass an Bogenius Geschichte etwas nicht stimmt. Er recherchiert und stößt auf ein riesiges Lügengebäude. Aber die Chefs der Chronik (aka Der Spiegel) wollen nicht auf ihn hören. Also gräbt Romero tiefer …

Herbig verzichtet auf den Thrill der Geschichte – die potentielle Spannung der schrittweisen Enthüllung wird verschenkt, stattdessen konzentriert sich Herbig auf die zum Teil gelungene Ebene der Familienkomödie. Auch das Niveau von SCHTONK als Mediensatire oder der kluge Witz der Komödien von Adam McKay werden überhaupt nicht erreicht. Im Podcast direkt nach dem Film grübelt Bettina über die Hintergründe von Claas Relotius und die Schuldfrage nach und erinnert an den Skandal um LOVE MOBIL. Thomas bleibt hartleibig: Für Relotius/Bogenius gibt es keine Entschuldigung – nicht zu lügen ist die Kernkompetenz, die Grundvoraussetzung für die Arbeit als Journalist:in. Was im Film wahr ist und was für den Film erfunden worden ist, bleibt dann auch noch völlig unklar. Danke an Bettina und Johanna, die im strömenden Regen vor dem Palatin ausgeharrt haben – alles für den Podcast!Text und Podcast stehen unter der Creative Commons-Lizenz BY-NC-ND 4.0
Quelle: SchönerDenken
Musik von Johannes Klan

Tausend Zeilen
D 2022, 93 Min., Regie: Michael Bully Herbig
© My Podcast Data