Explore every episode of the podcast Podcast - Deutsch
| Title | Pub. Date | Duration | |
|---|---|---|---|
| Im Gespräch mit ... Matthias Riedl | 20 Aug 2024 | 00:45:00 | |
Vielleicht ist das größte Rätsel der Gegenwart, dass die entscheidenden, lebensprägenden Dinge sich unbewusst einhausen – in einem solchen Maße, dass man nicht einmal mehr zur Kenntnis nimmt, dass die eigene Lebensführung nicht auf bewusste Entscheidungen zurückgeht, sondern den Gewohnheiten geschuldet ist. Das altgriechische díaita bezieht sich folglich nicht auf die Ernährungsweise, sondern ganz allgemein auf die Lebensführung – wovon die Diäten, die wir unseren Abgeordneten gönnen, einen Widerschein liefern. Umgekehrt läuft der Gedanke, dass man die Lebensführung von der Ernährung abkoppeln kann, ja, dass diese eine Art Sondersphäre darstellt, auf eine Form der Verdrängung hinaus. Dass die großen Lebensmittelkonzerne sich dies zunutze gemacht haben, indem sie die Konsumenten mit geschmacksverstärkten, überzuckerten, billig hergestellten und durchweg kommodifizierten Lebensmitteln beliefern, mag der Logik des Kapitalismus geschuldet sein, erstaunlicher ist, dass auch die Medizin, die mit den fatalen Auswirkungen des täglichen junk foods zu tun hat, die Lebensführung ihrer Patienten aus dem Blick verloren hat. Ein Grund dafür ist gewiss die Spezialisierung, die den Wissenschaftsphilosophen Nicholas Murray Butler zu der treffenden Beobachtung veranlasst hat: Ein Experte ist jemand, der immer mehr über immer weniger weiß, bis er alles über nichts weiß. (Nicholas Murray Butler) Weil auf diese Weise der Patient (als ganzheitliches Wesen) aus dem Blick gerät, sind die Mediziner rat- und hilflos, was die Ausbreitung der Zivilisationskrankheiten anbelangt, oder wie man vielleicht eher sagen müsste: der Konsumkrankheiten. Denn zunehmend betreffen diese nicht bloß die fortgeschrittenen Alterskohorten, sondern auch Jüngere, ist es nicht selten, dass bereits Kinder unter Rheuma, Diabetes und Bluthochdruck leiden. Um dem entgegenzuwirken, hat der Diabetologe Matthias Riedl in den 90er Jahren das medicum Hamburg gegründet und später eine Fernsehsendung ins Leben gerufen, die, in höchst populärer Form, versucht, die Konsumenten daran zu erinnern, was sie tagtäglich zu sich nehmen – und welch fatale Wirkungen dieser wohlige Konsumismus auf ihre Gesundheit hat. Hat man im Marketing die Heldenreise C.G. Jungs auf den Konsumenten übertragen, so besteht die „Küchenpsychologie“, die Matthias Riedl gemeinsam mit seinen Kollegen, den »Ernährungs-Docs« anwendet, darin, die betreffenden Personen zu ermutigen, ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen, sich gesund und bewusst zu ernähren. Nun ist eine solche Lebensveränderung, die man neumodisch „Selbstwirksamkeit“ nennen mag und die ein Mediziner wie Matthias Riedl als „artgerechte Ernährung“ bezeichnet, schon seit Kant die Aufgabe aller Aufklärung gewesen: die Befreiung des Menschen aus seiner »selbst verschuldeten Unmündigkeit«. Und ist das wirklich so schwierig? Vielleicht, und hier mag das Missverständnis aller Volksbeglücker gewesen sein, beginnt diese Befreiung nicht damit, dass man sich in irgendwelche Ideologien versteigt, sondern dass der erste Schritt in die Mündigkeit den Betreffenden in die eigene Küche hineinführt. Also dann, guten Appetit! Matthias Riedl fokussierte sich nach anfänglicher journalistischer Arbeit auf die Medizin und leistete hier, mit der Gründung des medicum Hamburg, Pionierarbeit. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er durch die TV-Serie “Die Ernährungs-Docs” bekannt, welche die in der praktischen Arbeit gewonnenen Einsichten in einem erfolgreichen Fernsehformat umsetzte. Von Mattias Riedl sind erschienen: Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Mathias Brodkorb | 26 Jul 2024 | 01:23:14 | |
Es ist schon eine Weile her, dass die alte Punk-Parole (»legal, illegal, scheißegal!«) sich Laut machte, gleichwohl scheint sich auch unsere classe politique in einer großen Verwirrung zu befinden, was den Geist der Gesetze anbelangt. Anders jedenfalls ist nicht nicht zu erklären, dass man im Jahr 2021 ein Vergehen namens Verfassungsschutz-relevante Delegitimierung des Staates ersann - und zudem, anders als ehedem, da man sich auf staatsfeindliche Gruppierungen fokussiert hatte, nun auch noch Einzelpersonen zu Beobachtungsobjekten macht. Was aus derlei unscharfen Rechtbegriffen erwächst, die auch Vorfälle »unterhalb der Strafbarkeitsschwelle« erforschen, lässt dunkle Erinnerungen an Orwell’sche Gedankenverbrechen und ein obrigkeitsstaatliche Denken aufkommen. Dass nun ausgerechnet jene Institution, deren Aufgabe es doch wäre, das Vornehmste dieses Staatsgebildes, nämlich seine Verfassung zu schützen (und zwar auf die diskreteste Art und Weise), sich als Akteur ins Tagesgeschehen einmischt und munter ihre Weisheiten in die Welt hinaustweeted, ist einigermaßen irritierend – umsomehr als derlei auf den bürgerlichen Tod der Beobachtungsobjekte hinauslaufen kann. Und so zitiert Mathias Brodkorb Toqueville, der schon im 19. Jahrhundert die Logik des Cancelns als ›Vervollkommnung des Despotismus‹ begriffen hat: Du wirst dein Bürgerrecht behalten, aber es wird dir nicht mehr nützen (…). Du wirst weiter bei den Menschen wohnen, aber deine Rechte auf menschlichen Umgang verlieren. (…) Gehe hin in Frieden, ich lasse dir das Leben, aber es ist schlimmer als der Tod.‹ Die Beobachtungen, die Mathias Brodkorb (seines Zeichens Sozialdemokrat und Ex-Finanzminister der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern) in seinem Buch Gesinnungspolizei im Rechtsstaat zusammengetragen hat, sind durchaus verstörend. Dabei ist eine der großen Stärken, dass Brodkorb sich nicht nur mit den Beobachtungsobjekten des Verfassungsschutzes, rechts wie links, ausgetauscht hat, sondern auch mit Mitarbeitern des Verfassungsschutzes selbst. War letzteres nur unter konspirativen Bedingungen möglich, so bezeugen diese Innenansichten, dass auch langjährige Mitarbeiter der Entwicklung ihrer eigene Behörde höchst kritisch gegenüberstehen können. Mathias Brodkorb, studierter Philosoph und Gräzist, hat sich, bevor er im Kabinett Sellering in Mecklenburg-Vorpommern zunächst Kultur-, dann Finanzminister wurde, vor allem dem Kampf gegen Rechts verschrieben. Derzeit ist er als Kolumnist für das Magazin Cicero tätig. Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Alles und Nichts III | 25 Apr 2024 | 00:16:25 | |
Wir sind bei den Geistern und haben uns mit ihnen eingeschlossen in den Schneewittchensarg der symbolischen Systeme, in dem der Tod am Leben und das Leben tot ist, in dem die Verheißung des Lebens, die organische Faktizität des Körpers, auf die symbolische Faktizität der digitalen Maschine übertragen worden ist. Schnneewittchensarg Reichsparteitag Nullachtfuffzehn Organisierte Verantwortungslosigkeit Marktpenetration Gesellschaftskörper Ausstattungsidentität Vorherige Kapitel Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Michael Andrick | 18 Apr 2024 | 01:23:31 | |
Mögen die Klagen über die Einbuße an Liberalität und Toleranz, ja, über die Probleme der Cancel Culture unterdessen Legion sein, bleibt die grundsätzlichen Frage, was es mit der Hypermoralität auf sich hat, zumeist unerhellt. Genau hier aber setzt Michael Andrick an, der in seinem jüngst erschienenen Buch Im Moralgefängnis das Leben daselbst einer gründlichen, philosophisch unterfütterten Untersuchung unterzieht. Der große Vorzug dieses Zugangs ist, dass er sich aller Wertung enthält und sich stattdessen mit den Eigendynamiken und Konsequenzen der moralischen Aufladung beschäftigt. Genau dies aber macht die Gefahren deutlich, die damit verbunden sind. Ein Zuviel von jenem Moralin (das schon Nietzsche antizipiert hat) erzeugt Moralitis – und diese wiederum schlägt sich als Vergiftung des öffentlichen Diskurses nieder. Michael Andrick ist Philosoph, Kolumnist und im Brotberuf Manager bei einem großen Unternehmen. Seit 2021 schreibt er für die Berliner Zeitung eine monatliche Philosophische Kolumne. Seine beiden Bücher Im Moralgefängnis sowie Erfolgsleere wurden weithin rezipiert. Von Michael Andrick sind erschienen Themenvwerwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Alles und Nichts II | 14 Apr 2024 | 00:12:52 | |
Hydra ist die Tochter des Typhon, des Vaters aller Monster, und der Echidna, der Mutter aller Monster. Sie bewohnt den lernäischen Sumpf. Hier bewacht sie ein unterseeisches Tor, das zur Unterwelt führt. Ihr Blut ist giftig, selbst die Spuren, die sie hinterlässt, sind giftig. Die Griechen sagten, sie habe mehr Köpfe, als die Vasenmaler malen konnten. Schlägt man einen ab, wachsen zwei wieder nach. Hydra Draculas Vermächtnis Kernspaltung Pandemie Im Arbeitsspeicher Vorherige Kapitel Vorherige Kapitel Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Alles und Nichts I | 07 Apr 2024 | 00:19:47 | |
Am Anfang war die Null und die Null war bei Gott und Gott war die Eins. Die Null und die Eins waren im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dieselben gemacht und ohne dieselben ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihnen war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis und die Finsternis hat’s nicht begriffen. 1 Boole und die Formel 2 Im Dark Room der Geschichte 3 God is a DJ 4 Alles wird Schrift 5 Unendliche Potenz Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Dirk Höfer | 05 Apr 2024 | 00:32:07 | |
Ein Gespräch mit Dirk Höfer ist schon deswegen nichts Ungewöhnliches, weil wir seit langer Zeit freundschaftlich verbunden sind, zusammen gearbeitet, darüber hinaus ein Buch miteinander geschrieben haben: Alles und Nichts. Ein Pandämonium digitaler Weltvernichtung. Und weil dies fast eine Dekade zurückliegt, lässt sich die Unterhaltung als ein post mortem auffassen, ein Rückblick auf eine gemeinsame Erkundungsreise, die insofern ungewöhnlich ist, als sie sich auf das Unpersönlichste bezieht, das man sich vorstellen kann. Was das ist? Eine mathematische Formel, jene Formel zudem, die unserer digitalen Welt zugrundeliegt: x=xn Nun gehört es zu den Sonderbarkeiten unserer Zeit, dass zwar jedermann mit der Boole’schen Logik vertraut ist und die Booleans zu den Grundbausteinen der Programmierung gehören, dass aber ihr Urheber ebenso wie die gedankliche Begründung dieser Formel im Dunkeln liegen. Dass selbige selbst den Angehörigen der Programmiererzunft unbekannt ist, war die Verwunderung, die zu dem gemeinsamen Buchprojekt geführt hat. Nun hätte man sich anheischig machen können, dem Stifter dieser Formel, George Boole, der sie in seinen 1854 erschienenen Laws of Thought dargelegt hat, ein Denkmal zu setzen – aber eine solche philologische Ehrenrettung wäre doch, so berechtigt sie sein mag, an dem Rätsel selbst vorübergegangen. Der Frage nämlich, wie es möglich sein kann, dass eine Gesellschaft, welche die Beiträge all ihrer Geistesgrößen, ja selbst der bescheidensten Geister, penibel dokumentiert, manche ihrer tragenden Säulen übersehen will. Dies ist umso erstaunlicher, als man es bei der Digitalisierung ja nicht mit einer Orchideenwissenschaft zu tun hat, sondern mit einer nicht-enden-wollenden Serie von Erschütterungen, welche lange für stabil, ja für unumstößliche gehaltene Gewissheiten schleift. Genau das war der blinde Fleck, den wir in endlosen Gesprächen (und großer Weinseligkeit) versucht haben einzukreisen − woraus das Projekt erwuchs, diese Formel, und mit ihr ein gesellschaftliches Unbewusstes, ins Licht zu rücken. Nun hat das Buch einige Übersetzungen erfahren, gleichwohl ist es immer noch so, dass die Formel − als symbolische Form begriffen – ein philosophischer Fremdkörper geblieben ist. Und deswegen werden in den nächsten Wochen die einzelnen Buchkapitel den Lesern von ex nihilo als Audiostücke zugänglich gemacht. Und was zu Dirk Höfer zu sagen ist? Nach dem Studium der bildenden Kunst – und einem wachsenden Zweifel am Kunstbetrieb – war er lange Zeit als Redakteur bei Lettre International tätig. Seit 2014 ist er Übersetzer und widmet sich, als großer Connaisseur der Naturhistorie und der Anthropologie, ungewöhnlichen Literaturprojekten. Er übersetzte unter anderem Edward Abbey, Anna Lowenhaupt Tsing, François Augiéras und Nick Land. Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Vom Marsch durch die Institutionen | 23 Mar 2024 | 00:52:55 | |
here is a link to the English presentation text Das folgende Video ist die Visualisierung eines Vortrages, den ich im Jahr 2018 im Konzertsaal des Deutschlandfunks in Köln gehalten habe. Der Redakteur, der mich zu diesem Vortrag zum 50jährigen Jubiläum der Studentenrevolte eingeladen hatte, hatte mein kleines Büchlein zur Kulturrevolution von 68 gelesen – und so wurde die zahlreiche, betagte Zuschauerschar, die sich dort eingefunden hatte, um ihre ewige Jugend zu feiern, mit einer höchst ungewöhnlichen Geschichtsdeutung konfrontiert. Was mich um 2007 herum veranlasst hatte, mich diesem Thema zuzuwenden, war eine große Irritation, die sich im Laufe meiner Zeitreisen in die Kulturgeschichte zu einem regelrechten Verdacht ausgewachsen hatte: nämlich dass eine jede Gesellschaft sich über ihre Fundamente im Unklaren ist. Und dass selbst eine aufgeklärte Epoche, statt sich der nüchternen Realitätsschau zu widmen, sich in einen heroischen Gründungsmythos hinein flüchtet, war eine Einsicht, die sich bei der Beschäftigung mit den historischen Quellen von 1967 geradezu aufdrängte. In diesem Sinne war die Studentenrevolte weniger Ursache denn Symptom – und zwar eines, das an den tatsächlichen Triebkräften des Gesellschaftswandels vorübergegangen war, großspurig, enthusiastisch und zeitvergessen. Was meine bedauernswerte Zuschauerschar mit einer wahrhaft deprimierenden Einsicht konfrontierte: Stell dir vor, es war Revolution, aber niemand war da! Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Thomas Druyen | 21 Feb 2024 | 01:06:46 | |
Wie verpasst man die Zukunft? Vielleicht am besten dadurch, dass man sich gar nicht erst auf sie einlässt. Es ist dieser Vermeidungsimpuls, dem sich Thomas Druyen entgegenstemmt, indem er das klassische Aus-der-Vergangenheit-Lernen invertiert und den Bezugsrahmen stattdessen auf das Künftige richtet. Nicht die Tradition ist die Richtschnur, sondern die Frage, inwieweit sich eine erwünschte Zukunft realisieren lässt – eine Umkehrung, die im digitalen Zeitalter nachgerade eine Gedankennotwendigkeit darstellt. Oder wie Steve Jobs es in schöner Kürze gesagt hat: Der Computer ist die Lösung. Was wir brauchen, ist das Problem. Der Weg wiederum, der Thomas Druyen in die Zukunft geführt hat, war in mancherlei Hinsicht durchaus ungewöhnlich. Er begann mit der simpel anmutenden Frage, was denn eigentlich Vermögen ist. Urplötzlich fand sich der junge Professor in einem Themengebiet, welches ihn mit der Welt der Superreichen und einem blinden Fleck der soziologischen Forschung konfrontierte – eine Aufgabe, der er sich in zahllosen Interviews unterzog und die zur Gründung des Institutes für Vermögenskultur und Vermögenspsychologie führte. Dass diese Institution bei ihrer Gründung mit den Briefen junger Frauen überhäuft wurde (à la „Wie angelt man sich einen Millionär?“), war ein großartiger Beleg dafür, dass und in welchem Maße die Vermögenspsychologie noch immer ein gesellschaftliches Rätselbild darstellt. An der Sigmund Freud-Universität jedoch wandte sich Druyen zunehmend der Frage der Zukunftsgestaltung zu, genauer: den tiefen Problemen, welche die Zukunft der Digitalisierung für das sicherheitsorientierte, deutsche Mindset darstellt. Denn was gestern als Erfolgsrezept galt, mag heute eher ein Hindernis darstellen, wenn es nicht gar der Vorbote nahenden Unheils ist. Im Angesicht jener digitalen Umwälzung (die man gemeinhin mit dem Epitheton des Disruptiven belegt) ist die Umkehrung des Zeithorizonts ein intellektueller Akt, der das Denken davor bewahrt, sich mit der Diagnose eines wie auch immer gearteten Post zu begnügen (sei es nun postmoderner, postdemokratischer oder postfaktischer Provenienz). Thomas Druyen lehrt Vermögenspsychologie und Vermögenskultur an der Sigmund-Freud Privatuniversität in Wien und ist Vorstand des Instituts für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement. Bücher Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Yascha Mounk | 16 Feb 2024 | 00:52:31 | |
Man könnte Yascha Mounk einen Spezialisten des Grenzganges nennen, hat er sich doch – mit großem Geschick und intellektuellem Mut – auf schwierigste Themen eingelassen: die Frage der Migration, den Zerfall der Demokratie in den Zeiten des Populismus, das Schwinden des Gemeinsinnes im Neoliberalismus. In diesem Sinne, unerschrocken und maßvoll zugleich, hat er sich mit seiner Identity Trap (auf Deutsch: Im Zeitalter der Identität) an die Entzauberung jener sonderbare Identitätsideologie gemacht, die im Versuch vergangenes Unrecht wettzumachen sich in die ärgsten Widersprüche verstrickt hat – oder wie Mounk es nennt: die in eine Identitätsfalle hineingetappt. ist Und weil man hier das, was man doch beseitigen möchte, hinterrücks wiederauferstehen lässt, führt die Erinnerung an das weiße Privileg und der strategische Essentialismus der Identitätspolitik nicht selten dazu, dass man die rassische Segregation zum Leben erweckt. Damit aber ist das Kostbarste beerdigt, was der Liberalismus hervorgebracht hat: nämlich die Idee des Universalismus. Mag dieser in der Geschichte ein nicht zur Gänze eingelöstes Versprechen gewesen sein, so bleibt er doch ein erstrebenswertes Ideal, ein Ideal zudem, das einen sehr viel offeneren Weltblick gestattet als ein Denken, das sich im Ressentiment und in Tribalismen verliert. Nun ist das Bashing der gegnerischen Position Yascha Mounks Sache nicht. Vielmehr verfährt er wie ein Anatom, der seinen Gegenstand sorgfältig zerlegt – und dem es vor allem um das Verständnis der Sache geht. Folglich zeichnet sein Buch das Entstehen dieser Ideologie nach, hat er neben dem Recycling Foucault’scher Diskursbruchstücke auch die Rolle der sozialen Medien im Blick. Und genau das macht das Gespräch über seine Identity Trap zu einem intellektuellen Vergnügen. Yascha Mounk ist Acssociate Professor of the Practice of International Affairs an der Johns Hopkins University in Washington, D.C. Im Jahr 2020 gründete er Persuasion, ein Online-Magazin, das sich der Verteidigung der liberalen Werte verpflichtet fühlt. Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Michael Seemann (Audio) | 09 Feb 2024 | 01:40:45 | |
Michael Seemann ist ein Kind der Netzkultur, ein Blogger und Podcaster der ersten Stunde – der 2010 unter dem schönen Titel ctrl+verlust einen Blog für die FAZ startete und dann in Eigenregie weiterführte. Als gefragter Redner bei den einschlägigen Konferenzen, aber auch als Experte bei Bundestagsanhörungen, rechnet sich Seemann selbst der digitale Bohème zu. Nichtsdestotrotz ist er überaus ernsthaft, was die politischen und untergründigen Implikationen der Netzkultur anbelangt. Dies hat zu einem Nachdenken über die Macht der Plattformen angeregt und seinen Blick auf den sich abzeichnenden Krypto-Hype geschärft. Und so ist (neben einer Videopremiere bei ex nihilo) ein höchst anregendes Gespräch über die Bitcoin-Blase, den Netzwerkeffekt und den Kontrollverlust der klassischen Institutionen entstanden. Höchst apart auch der Auftritt eines neuen Mitbewohners aus dem Hause Seemann, einen kleinen spanischen Hund, der die Aufmerksamkeit seines Herrchen einforderte. Von Michael Seemann sind als Buchpublikationen erschienen: Themenverwandte Gespräche Ein Video zu Robert Metcalfe und der Frage des Netzwerkeffekts Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Robert Pfaller | 26 Jan 2024 | 01:02:17 | |
Hat sich die Gesellschaft im Zuge der sexuellen Revolution ihrer Hemmungen entledigt, in einem solchen Maße, dass auch der Trash Factor zu einer vergnüglichen Angelegenheit werden kann, hat sich in den letzten Jahren eine merkwürdige Verschiebung ereignet. Urplötzlich nämlich hat die Scham die öffentliche Bühne erobert. Nicht bloß ist das shaming, in den sozialen Medien zumal, zu einer verbreiteten Praxis geworden, zudem spricht man von Flug-, Fleisch- oder Plastikscham. Die sonderbarste Volte aber findet sich in der Fremdscham, die im Zeichen des cringe zur Signatur einer ganzen Jugend geworden ist. Nicht ganz zufällig bemerkt Robert Pfaller dazu: So schämen sich immer mehr Menschen für immer mehr Dinge, die es entweder zuvor nicht gab oder mit denen sie früher vielleicht ohne Bedenken und ohne schmerzliche Konsequenzen gelebt hätten; ja sogar für Dinge und Handlungen, auf die sie – wie beim Tragen von Pelzmänteln, im Besitz eines Hauses oder beim Verpacken von Geschenken – früher wohl stolz gewesen wären. Mag die Scham eine Form der postmodernen Allgegenwart angenommen haben, so stehen die Theorien dazu auf höchst wackligen Füßen. Genau dies ist der Grund, warum Robert Pfaller sich dieses Themas angenommen und ein Buch geschrieben hat, das Zwei Enthüllungen über die Scham verspricht. Es ist der höchst anregende Versuch, jenseits von Anthropologie und klassischer Psychoanalyse die Frage der Scham in den Blick zu bekommen. Und dies wiederum führt, wie könnte es anders sein?, zu höchst vergnüglichen Betrachtungen zu Cary Grant und zu einem eingefrorenen Clint Eastwood-Paket. Robert Pfaller lehrt Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz. Mit einem psychoanalytischen Blick begabt, hat er eine Reihe von Büchern veröffentlicht, die sich kritisch mit Gegenwartsphänomen auseinandersetzen – der Infantilisierung der Politik beispielsweise. Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Andreas Schulte | 08 Jul 2024 | 01:26:15 | |
Von Bertolt Brecht stammt die sonderbare Verszeile: »Was sind das für Zeiten, wo /Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!«. Stand dies Gedicht unter dem Titel An die Nachgeborenen, so mutet es sonderbar an, dass das Gespräch mit einem Forstwirt, genauer: einem Dr. forest., bei dem es wirklich nur um Bäume geht (vulgo: die Nachhaltigkeit), gleich ins Politische ausgreifen muss. Dass dem dennoch so ist, hat damit zu tun, dass die grüne Nachhaltigkeitsideologie sich längst in die Abgründen der politischen Romantik hinein verirrt hat – und ein zunehmend paternalistisches, autoritäres Staatsverständnis an den Tag legt. Von daher verwundert es nicht, dass Andreas Schulte, ein Urgrüner, der lange Zeit in der Entwicklungshilfe tätig war, wenig Positives zur zeitgemäßen Nachhaltigkeitsideologie zu sagen hat – nicht zuletzt, weil ihr Zeithorizont dem politischen Situationismus geopfert worden ist. Oder wie Schulte dies in ein Motto übersetzt hat: If Ideology is master, you reach disaster faster! Nach Aufenthalten in Bolivien und Indonesien, wo er die forst- und holzwirtschaftliche Fakultät an der Mulawarman University aufbaute, folgte Schulte dem Ruf der Universität Münster und übernahm ab 2003 den Lehrstuhl für Waldökologie, Forst- und Holzwirtschaft. Parallel bautet er das Start-Up Wald-Consult Ltd. auf, das internationale Anlegern dabei unterstützt, auf ähnlich nachhaltige Art und Weise zu investieren, wie es bereits Jakob Fugger im späten Mittelalter gelungen ist. Mag dessen gigantisches Vermögen im Laufe der Jahrhunderte den Zeitläuften zum Opfer gefallen sei, so erfreuen sich die Bewohner der Fuggerei noch heute der Früchte dieser Weitsicht (zum Preis einer Jahreskaltmiete von 0,88 € und täglich drei Gebeten). In diesem Sinn ist Nachhaltigkeit kein leeres Wort – geschweige denn, ein ideologischer Prügel, den man nach Belieben gegen seine politischen Feinde einsetzt. Vielmehr ist daran die Ermahnung geknüpft, dass der Wald eine hochkomplexe Kulturlandschaft ist, in der Ökonomie, Ökologie und die eigene Lebenspraxis in ein generationsübergreifendes Gleichgewicht übersetzt werden muss. Hier der Link zu Andreas Schultes Cum Tempore-Website Videos von Andreas Schulte Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Guillaume Paoli (Audio) | 13 Jan 2024 | 01:25:10 | |
Guillaume Paoli ist ein überaus anregender Gesprächspartner, schon deswegen, weil er über das seltene Vermögen verfügt, die Wendungen des Spätkapitalismus in ihrer ganzen psychischen Abgründigkeit zu entziffern. Und weil er, anders als die meisten postmodernen Zeitgenossen, auf seiner Entfremdung beharrt, ist er niemals auch nur in Versuchung geraten, den neoliberalen Kurzschlüssen Folge zu leisten. Ganz im Gegenteil. Denn als die gesellschaftlichen Selbstoptimierer die Ich-AG ins Leben riefen, begann Paoli über die Notwendigkeit einer gründlichen Demotivation nachzudenken – eine geistige Intervention, die den selbsternannten Demotivationstrainer die Bewegung der glücklichen Arbeitslosen und das Persönlichkeitsideal des Müßiggangsters ins Leben rufen ließen. Von 2008 bis 2013 hatte Guillaume Paoli im Leipziger Centraltheater die Rolle eines Hausphilosophen inne - was den unruhigen Geist indes nurmehr noch in seiner Bestimmung bestärkte. Und weil Guillaume Paoli sich nicht scheut, gesellschaftliche Dunkelzonen ins Auge zu fassen, hat er sich auch der französischen Gelbwestenbewegung angenommen – eine Analyse, die schon deswegen bemerkenswert ist, weil diese Protestbewegung unter dem Slogan „Ihr denkt ans Ende der Welt, wir ans Ende des Monats“ etwas Präzedenzloses in die Welt gesetzt hat: eine Art Flashmob, eine situationistische Volksbewegung. Nimmt man all diese Dinge zusammen, könnte man Guillaume Paoli als Anthropologen des Spätkapitalismus begreifen. Von daher ist es kein Zufall, dass seine letzte Publikation sich damit beschäftigt, das Verhältnis von Geist und Müll zu sondieren - weswegen eine philosophische Unterhaltung mit ihm fast notwendig auf eine Form der geistigen Mülltrennung hinausläuft. Hat man ihm deswegen eine allzu pessimistische Weltsicht unterstellt, war unser Gespräch von einer großen Leichtigkeit - ja, von einer Heiterkeit, die ganz vergessen lässt, dass man sich durchaus dunkler Fragen annehmen muss. Von Guillaume Paoli sind u.a. erschienen Themenverwandte Gespräche Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Wolfgang Herles | 20 Dec 2023 | 01:08:24 | |
Wenn in einem der wunderbaren Gespräche mein Gesprächspartner mich mit der Aussage überrascht hat, er sei ein Zeitgenosse Shakespeares, so könnte diese Verwirrung der Maßstäbe (Fair is foul, and foul is fair!) als Leitmotiv über der Unterhaltung stehen, die ich mit Wolfgang Herles geführt habe – war sie doch ganz dem Rätseln darüber gewidmet, wie jemand, der tief in der Mitte der Gesellschaft beheimatet war, sich plötzlich in der Randständigkeit wiederfinden konnte. Oder wie Wolfgang Herles in einem Stoßzeufzer selbst artikuliert: „Ich habe mich wie ein Fisch im Wasser gefühlt. Aber jetzt habe ich das Gefühl, als hätte man mir das Land unter dem Arsch weggezogen.“ Für Wolfgang Herles liegt die Ursache dieser Entfremdung in der Entstehung der Berliner Republik, die Konsens nur dadurch herzustellen vermochte, dass sie auf die Errungenschaften des offenen Diskurses verzichtete (was der Leiter des Sendeformats „Bonn direkt“ mit einer Zwangsversetzung in die Kultur bezahlen musste). Nun ist dem, nach eigenem Bekunden, „geborenen Skeptiker“ nichts mehr zuwider als der schweigende Konformismus – und so versteht sich Herles jüngstes Buch als Anstiftung zu einer bürgerlichen Revolution – und trägt den leicht ironischen Titel „Mehr Anarchie, die Herrschaften!“. Nun mag der deutsche Untertanengeist ein Grund für die Anpassungsbereitschaft des Publikums sein, aber ein zweiter ist gewiss die Stromlinienverformung der Öffentlichkeit, der Herles vor einiger Zeit sein Buch „Die Gefallsüchtigen“ gewidmet hat – und weil dies ein wiederkehrendes Motiv auf ex nihilo ist, geht die Unterredung der Frage nach, welche psychosozialen Auswirkungen die Quote auf die Öffentlichkeit gehabt hat und worin die Verwerfungen bestehen, die uns zu Zeitgenossen Shakespeares machen. Wolfgang Herles war als Journalist und Frontmann der Sendung „Bonn direkt“ ein Chronist der Bonner Republik, später dann Talkshowmoderator und Leiter verschiedener Kultursendungen (von den „aspekten“ , den „Schrifttypen“ bis hin zum „Blauen Sofa“). Von Wolfgang Herles sind u.a. folgende Bücher erschienen Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Matthias Küntzel | 14 Dec 2023 | 00:44:02 | |
Gelegentlich kann es passieren, dass die Welt aufwacht und begreift, dass sie eine andere geworden ist – und zweifellos reiht sich der 7. Oktober in die Liste jener Tage ein, die unser Bild von der Welt verändert haben. Anderseits lässt die Plötzlichkeit eines solchen Schocks darauf schließen, dass man sich zuvor einem langen Schlaf hingegeben haben muss. Matthias Küntzel jedoch ist, was derlei Wachträume und das Sich-in-falscher-Sicherheit-Wiegen, anbelangt, eine rühmliche Ausnahme. Denn auch wenn es politisch nicht opportun gewesen sein mag, hat ihn sein Nachdenken über 9/11 doch dazu geführt, sich Gedanken über den muslimischen Antisemitismus zu machen. Die Einsichten, zu denen ihn diese Beschäftigung geführt hat, sind in höchstem Maße beunruhigend. Denn sie führen in die Untiefen des deutschen Antisemitismus hinein. Denn der Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, der zugleich der Lehrer und Förderer Jassir Arafats war, war ein Vertrauter Hitlers und ein großer Anhänger des deutschen Holocaust. Und dass er, der 1946 als Kriegsverbrecher angeklagt wurde, zum Führer der Palästinenser werden und in dieser Funktion die friedliche Zwei-Staaten-Lösung hintertreiben konnte, markiert den Beginn jener Tragödie, die bis beute andauert. Was an der Karriere dieses Mannes am merkwürdigsten ist, ist weniger sein atavistisch-apokalyptisches Weltbild, als der Umstand, dass ihn das deutsche Radio zu einem Radiostar gemacht hatte. So wurde der erstarkende muslimische Antisemitismus aus Berlin koordiniert, genauer: aus dem sechzig Kilometer südlich gelegenen Zeesen, wo ein Kurzwellenrundfunksender die arabische Welt mit antisemitischen Propagandasendungen überzog - ein Dauerfeuer, das in einer weitgehend noch immer analphabetischen Gesellschaft jene unselige Wirkung entfaltete, der wir heute in Israel, aber auch in Europa fassungslos gegenüberstehen. Matthias Küntzel, der seine Karriere als wissenschaftlicher Mitarbeiter der ersten Grünenfraktion im deutschen Bundestag begann, hat sich als Historiker intensiv mit dem nahen Osten, aber vor allem mit der Geschichte des islamischen Antisemitismus beschäftigt. Er zählt mit Jeffrey Herf zu den wenigen, die dieser politisch doch so brisanten Frage eine historische Untersuchung haben angedeihen lassen. Von Matthias Küntzel sind u.a. erschienen: Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Michael Wolffsohn (Audio) | 17 Oct 2023 | 01:20:31 | |
Michael Wolffsohn ist ein unendlich geduldiger, höflicher Mensch – weswegen es ihm gar nicht schwer fällt, seinen eilends in Gedankensprüngen vorpreschenden Gesprächspartner freundlich darin zu erinnern, dass er, Wolffsohn, nur ein „Barfußphilosoph“ sei. Was aber, in Anbetracht jenes großen Projekts, das er sich mit seiner anderen jüdischen Weltgeschichte vorgenommen hat, vor allem eine große Untertreibung ist. Denn Wolffsohn führt seinen Leser in einer tour d’horizon durch epochenübergreifende Geschichtsräume hindurch, genauer: er führt ihn in jene Katakombenwelt, in der man der jüdischen Minorität nur eine ›Existenz auf Widerruf‹ zugestanden hat. Und dieser Blick bringt eine Reihe von überraschenden Einsichten mit sich, die umso überzeugender sind, als Wolffsohn in keinem Augenblick der Versuchung übermäßiger Moralisierung erliegt. Letztlich begreift er den Antisemitismus vor allem als gesellschaftliches Selbstzerstörungsprogramm – ganz im Sinne Tocquevilles, der sich mit diesem Satz von seinem Führer Napoleon trennte: »Das war schlimmer als ein Verbrechen, das war eine Dummheit.« Wenn der Antisemitismus unterdes eine unheimliche Salonfähigkeit angenommen hat, ja, wenn ein großer Teil der französischen Juden ihre Heimat verlassen hat, so ist dies nicht nur ein Beleg dafür, dass in der Gegenwart erneut dunkle Wolken aufziehen, es lässt vor allem an der Rationalität der Zeitgenossen zweifeln. Aber weil bei Wolffsohn trotzdem allem das Lebensbejahende überwiegt, kann dem Stoßseufzer »Der Mensch ist ein schreckliches Wesen« nur ein großes Gelächter nachfolgen. Und so war das Gespräch mit ihm, auch wenn es die dunkelsten Seiten der Geschichte nicht ausgespart hat, von einer wunderbaren Leichtfüßigkeit. Michael Wolffsohn, Historiker und Publizist, lehrte von 1981 bis 2012 Neuere Geschichte an der Universität der Bundeswehr München. Von Michael Wolffsohn sind unter anderem erschienen Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 18 | 10 Oct 2023 | 00:52:00 | |
Das Schlusskapitel der Philosophie der Maschine beschäftigt sich mit der Frage, welche Konsequenzen die Wahrnehmung der Maschine für die Philosophie hätte – und reagiert damit auf jene Erschütterung, die bereits Heidegger heimgesucht hat, als er nach der Konfrontation mit dem Denken eines Kybernetikers wie Gotthard Günther einen kleinen Aufsatz mit dem Titel schrieb: »Das Ende der Philosophie und die Aufgabe des Denkens«. Worin also besteht die Aufgabe des Denkens, wenn die Philosophie zuende ist? Und es ist genau diese Frage, welche erklärt, warum meiner Philosophie nun eine Psychologie der Maschine nachfolgt. Zum Nachhören hier der Link zur Publikation bei Matthes & Seitz Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 17 | 25 Sep 2023 | 01:02:25 | |
Ungeheuer der Vernunft. Anders als das Freud'sche Unbewusste, das eine biologische Grundausstattung darstellt – die »Urhorde in uns«, wie es bei Freud heißt –, ist die Maschine ein ausgelagertes Unbewusstes, eine Größe, die sich mit jedem Schreibakt wiederholt, mit jedem Geldstück ihren Besitzer wechselt, sich in metaphorischer Form auf andere Bereiche überträgt und schließlich in den Institutionen, Praktiken und Glaubensvorstellungen einer Gesellschaft zu pulsieren beginnt. Da sich das Buch dem Ende zuneigt, kommt die Grundthese in Sicht (die zugleich das Leitmotiv der “Psychologie der Maschine” darstellt) - nämlich dass die Maschine als ein historisches Unbewusstes aufzufassen ist, das seinerseits ein kollektives Gedankengeflecht, ein Psychotop aufspannt. Zum Nachhören hier der Link zur Publikation bei Matthes & Seitz Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 16 | 09 Sep 2023 | 00:53:03 | |
Der Druck der Chips ist für die Moderne, was die Gutenberg’sche Drucktechnik für die Schreibtechniken des Mittelalters war: der Augenblick, da die Einbildungskraft freigesetzt wird. Auf die gleiche Weise, wie sich das Aleph-Zeichen aus der Natur herauslöst, löst sich der von der Software aufgespannte virtuelle Raum von allen Begrenzungen der Materialität Das Kapitel erzählt die Geschichte, die gemeinhin in der Blackbox der Abstraktion einfach verschwindet - und dass man hier nicht der Maschine, sondern höchst sonderbaren, eigensinnigen Menschen begegnet (wie Ada Lovelace, die als “Braut der Wissenschaft” sich berufen fühlte, “künftigen Generationen einen Calculus des Nervensystems zu hinterlassen”. Zum Nachhören hier der Link zur Publikation bei Matthes & Seitz Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Susan Neiman (Audio) | 04 Sep 2023 | 01:16:57 | |
Dass in der einst von Habermas aufgerufenen neuen Unübersichtlichkeit die Verhältnisse so durcheinander geraten sind, dass die Prophezeiungen der Macbeth-Hexen zum alltäglichen Grundrauschen geworden sind (Fair is foul, and foul is fair), ist ein Umstand, der die Philosophie auf den Plan ruft - in diesem Falle die amerikanische Philosophin Susan Neiman, die ein Buch mit dem Titel Links ist nicht woke verfasst hat. Darin geht sie den philosophischen Wurzeln dieses Denkens nach, das sich als progressiv gebärdet, aber, wenn man seinen philosophischen Wurzeln auf den Grund geht, tatsächlich einer eminent reaktionären Denkrichtung zum Durchbruch verhilft. Dass Michel Foucault (oder genauer: sein posthumer Schatten) zum spiritus rector des woken Denkens geworden ist, hat sich herumgesprochen; sehr viel dunkler hingegen ist, dass auch der Kronjurist des Nationalsozialismus, Carl Schmitt, als Souffleur unter dem Bühnenboden der Gegenwart hockt. Was diesen beiden Geistern gemein ist, ist, dass sie sich, jeder auf seine Weise, ganz der Macht verschrieben haben. Das sich der eine (Foucault) als Dämonologe, der andere (Schmitt) als Apologet gebärdet, verschlägt dabei nicht viel – denn die Fokussierung auf die Macht lässt das Gesellschaftgetriebe als eine Art verdeckten Bürgerkrieg erscheinen. In das gleiche Horn stößt die in den letzten Jahren zu Ansehen gekommene Evolutionspsychologie, die das Weltgeschehen auf die eigennützigen Gene reduziert. Es ist ein besonderer Verdienst Susan Neimans, dass sie sich dieser verdeckten Grundlagen angenommen hat. Denn ihr gelingt, woran der zeitgemäße Liberalismus scheitert, dort jedenfalls, wo er in der moralische Empörung über die moralische Empörung, über Wokistan und die Cancel Culture verharrt. - Damit die Zuschauer sich dem Lektüre-Genuss dieses Buches überlassen, dreht sich das Gespräch mit Susan Neiman vor allem um die Frage, welcher Art das Befremden war, dass sie, die sich zeitlebens als Linke verstanden hat (»Das Herz schlägt links«) zur Kritik an Denke Wokistans veranlasst hat. Tatsächlich ist das woke Ressentiment, das der Aufklärung, dem Universalismus und dem Fortschritt den Prozess machen will, vielleicht am präzisesten als Ausdruck einer geistigen Atomisierung zu sehen, als begriffsloser Kampf gegen eine verlorene Zukunft, ein Unbehagen in der Moderne. Oder wie Susan Neiman selber sagt: Gibt man die Aussicht auf einen Fortschritt aber auf, wird Politik zum reinen Machtkampf. Susan Neiman, die als Schülerin von John Rawls tief in der politischen Philosophie beheimatet ist, ist Direktorin am Einstein Forum in Potsdam. Sie hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht, die sich um die Frage der Aufklärung, das Böse und die Frage der deutschen Holocaust-Aufarbeitung drehen. Von Susan Neiman sind u.a. folgende Bücher erschienen: Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Thomas Mayer (Audio) | 04 Sep 2023 | 01:42:04 | |
Wenn es in der Ökonomie den Konterpart des Kriegsphotographen gäbe, so könnte man Thomas Mayer einen ›Physiognomen des Crashs‹ nennen, nicht zuletzt auch deswegen, weil seine Biografie ihn mehrfach ins Auge des Sturms hineingeführt hat. Nach dem Berufseinstieg ins Kieler Instituts für Weltwirtschaft gelangte der junge Volkswirt zum Internationalen Währungsfond, danach zu Goldman Sachs und zu Salomon Brothers, wo er beobachten konnte, wie Nobelpreisträger und mit Preisen geadelte Genies den LTCM-Fonds in gigantische Verluste hineinstürzten. Nach diesem Vorspiel, dem die Dotcom-Blase nachfolgte, konnte Mayer als Chief European Economist und Co-Head of Global Economics der Deutschen Bank in London beobachten, wie sich die Subprime-Krise aufbaute und schließlich explodierte – ein Vorgang, der für ihn so etwas wie ein „persönlicher Weckruf“ war. Zum Chefvolkswirt der Deutschen Bank Gruppe avanciert, ließ er der Krise eine Reihe von tiefsinnigen Betrachtungen und Büchern folgen. Und obschon Mayer noch immer der Sozialphilosophie des Friedrich von Hayek anhängt, kommt er nicht umhin, dem Gros seiner Zunftgenossen eine Form des Wirklichkeitsverlustes zu bescheinigen, welcher im Wortsinn zu einer Entwertung der Werte geführt habe. Den Grund dafür sieht er in dem Vertrauen in das Financial Engineering, der irrigen Hoffnung, dass sich die radikale Unsicherheit einfach aus der Welt herausrechnen ließe. Und weil ihn sein Nachdenken längst über die Grenzen des Wirtschaftens hinausgeführt hat (und zunehmend Philosophen oder Soziologen seine Texte bevölkern), gestaltet sich ein Gespräch mit ihm wie ein Rundflug über die Zeiten und Gesellschaftsgebilde hinweg. Thomas Mayer leitet nach seinem Ausscheiden aus der Deutschen Bank das Flossbach von Storch Research Institute, die Denkfabrik des Vermögensverwalters Flossbach von Storch AG. Zugleich bekleidet er eine Honorarprofessur an der Universität Witten-Herdecke. Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 15 | 24 Aug 2023 | 00:48:30 | |
Das Kapitel beschäftigt sich mit jenem sonderbaren geistigen Raum der Moderne, den der Dichter Novalis in der Innenwelt verortet hat (“Nach innen geht der geheimnisvolle Weg”), der sich historisch aber der Veränderung des Schriftbegriffs verdankt. Hat sich im Transsubstantiationswunder des Mittelalters die Oblate zum Leib Christi, der Wein zu seinem Blut verwandelt, verwandelt sich die Welt, unter Strom gesetzt, zu einem globalen Schriftkörper. Und von hier führt der Weg zu jenem Schreckgespenst des Panoptikums, das in der Gestalt des totalen Überwachungsstaates uns noch heute beschäftigt. Warum die Mühe, den Ursprung der Kybernetik auf das 18. Jahrhundert zurückzuführen? Nur deswegen, weil Benthams Überwachungsapparatur den Preis markiert, der für eine symbolische Ordnung zu entrichten ist: dass sich der Einzelne zur öffentlichen Figur verwandelt, dass er – symbolisch gesprochen – von jenem Schock getroffen wird, den der Abbé Nollet seinen Mönchen zugefügt hat. Zum Nachhören hier der Link zur Publikation bei Matthes & Seitz Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Alles und Nichts IX | 01 Jul 2024 | 00:08:36 | |
Das Vorhaben Booles, den Repräsentanten aus der Mathematik zu entfernen, hat sich in einem sehr viel größeren Maßstab bewahrheitet, als sein Verfasser sich dies hat ausmalen können. Denn mit dem Code der Repräsentation ist ein über mehrere Jahrhunderte ausbuchstabierter Gedankenkontinent brüchig geworden. Unsere Vorstellung davon, was Schrift, Geld, Arbeit, Wissen ist, was Reproduktion, Natur, Körper, Herrschaft oder Politik – der ganze Kontinent unseres Denkens und unseres historischen Selbstbewusstseins muss an dieser Formel zerschellen.
Vorherige Kapitel Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Ulrike Ackermann (Audio) | 15 Aug 2023 | 00:51:51 | |
Wenn ein extraterrestrischer Anthropologe ausgeschickt worden wäre, das auskühlende Freiheitspathos der westlichen Welt zu studieren, so würde er über kurz oder lang Ulrike Ackermann begegnen – gehört sie im deutschen Sprachraum doch zu den wenigen, die, mit einem feinen Gespür für Widersprüche und kognitive Dissonanzen begabt, die illiberalen Tendenzen des Zeitgeistes früh dingfest gemacht haben – ein Sensorium, das sie zur Gründung des John Stuart Mill-Instituts geführt hat, jenes Säulenheiligen der Freiheit, der wusste, dass man sich nicht gebildet nennen kann, »bevor man nicht nur die besten Argumente der eigenen Seite, sondern auch die besten Argumente der gegnerischen Seite gelernt hat«. Nun muss ein Gespräch über die Fröste der Freiheit, zumal wenn es von zwei Boomern geführt wird, notwendig in eine Verwunderung darüber einmünden, welch sonderbaren Wendung des Anything goes der Popkultur genommen hat – aber tatsächlich besteht die Kunst darin, Gesellschaftsprozesse sine ira et studio, mit äußerster Coolness zu analysieren. Nach einer langen publizistischen Karriere lehrte Ulrike Ackermann Freiheitsforschung und -lehre an der SRH Hochschule Heidelberg. Seit seiner Gründung 2009 leitet sie das John Stuart Mill Institut. Von Ulrike Ackermann sind u.a. erschienen: Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Axel Bojanowski (Audio) | 11 Aug 2023 | 00:53:35 | |
Redet man über den Klimawandel, ist man unweigerlich mit der Frage konfrontiert, wie sich in einer aufgeklärten, säkularen Gesellschaft ein apokalyptisches Denken breit machen und ein Diskurs sich hat herausbilden können, welcher der ›Leugner‹ und absoluter Gewissheiten bedarf. In jedem Fall greift die Rede über das Wetter, sofern sie allein den Meteorologen überlassen bleibt, viel zu kurz, gilt es die Rolle der Medien in den Blick zu nehmen. In Anbetracht dieses Sachverhalts drängte sich der Gedanke nachgerade auf, Axel Bojanowski zum Gespräch darüber zu bitten. Denn als studierter Meereskundler und Paläoklimatologe hat Bojanowski ein Vierteljahrhundert Wissenschaftsjournalismus hinter sich – für Geo, Zeit, Nature, Spiegel, Bild der Wissenschaft – und seit 2020 für Die Welt. Und weil Axel Bojanowski ein überaus umgänglicher Zeitgenosse ist, haben wir uns in einem langen Gespräch darüber unterhalten, auf welche Weise eine Frage, die doch vor allem technischer wie wissenschaftlicher Lösungen bedürfte, in einen regelrechten Katastrophismus, ja nachgerade eine Form der Katastrophenbegeisterung hat hineinführen können. Herausgekommen ist ein Gespräch, das ohne Eifer, ohne Zorn, sich dieser merkwürdigen Wahrnehmungsverzerrung zugewandt ist. Es ist kein Zufall, dass man sich dabei weniger über die Details des Klimawandels austauscht (den doch niemand in Abrede stellen will, schon gar nicht Bojanowski) und stattdessen auf die blinden Flecke der Debatte zu sprechen kommt: das Desinteresse, dass man den konkreten Lösungen zuteil werden lässt, die geradezu religiöse Erregung, welche sich der Disputanten bemächtigt, zuguterletzt das erstaunliche Beharren auf geistiger und moralischer Suprematie (welche dazu führt, dass man Opponenten wie Bojanowski kurzerhand von der Bühne verweisen möchte: Aus den Augen, aus dem Sinn!) Was kurzfristig ein Gewinn sein mag, ist auf lange Sicht jedoch eine große Gefahr. Denn schon Joseph de Maistre hat gewusst, dass der Weg in die Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist. Nimmt man die Zwänge in den Blick, welche die Journalisten in der Aufmerksamkeitsökonomie ausgesetzt sind, wird sichtbar, dass hier gruppendynamische Prozesse am Werk sind. Verabschieden sich die Gemäßigten aus der Debatte, rüsten sich die Aktivisten just in dem Maße, in dem sie die Bindung ans Reale verliert, in phantasmatischer Form auf. Was die Frage auf den Plan ruft: Frage: Könnte es sein, dass sich hier ein zeitgemäßer Donquixotismus anbahnt – eine moralische Panik, der es weniger um die Zukunft u tun ist, als um den Kampf gegen die Riesen, die übermächtigen Monster? Aber wenn dem so wäre, so entbehrte diese postmoderne göttliche Komödie nicht einer gewissen Ironie. Dass man mit Windmühlen gegen Windmühlen anreitet. Axel Bojanowski, dessen Homepage sich hier findet, hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht. Auf seinem Substack Blog Klimawandel-Hintergründe äußert er sich regelmäßig zu fachlichen Fragen, die den Klimawandel betreffen. Derzeit arbeitet er an einem Buch zum Thema. In der Welt sind kürzlich erschienen: Der lange Kampf der Umweltbewegung gegen die Menschen Der zweifelhafte Kampf der Klimaschützer-Elite um gesellschaftliche Hoheit Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 14 | 04 Aug 2023 | 00:30:36 | |
Das Kapitel beschäftigt sich mit der Entdeckung der Elektrizität im 17. Jahrhundert, die nicht nur den Schriftbegriff, sondern auch die Idee der Gesellschaft radikal transformiert. Haben die Zeichen des Alphabets über der Welt geschwebt wie der Geist Gottes über den Wassern, so dringt nun die elektromagnetische Schrift in jeden Körper ein und verwandelt ihn – zur leibhaftigen Letter. Will man die Geschichte der Digitalisierung verstehen, so ist das Verständnis dieses epistemische Risses geradezu unerlässlich. Zum Nachhören hier der Link zur Publikation bei Matthes & Seitz Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 13 | 17 Jul 2023 | 00:36:42 | |
Europa, der einzige Kontinent, der sich selbst seinen Namen verliehen hat. Das Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, auf welche Weise die universale Maschine (obwohl ein zutiefst europäisches Projekt) die Welt erobert hat. Gerade der Kulturvergleich macht den Preis deutlich, der für die Nutzung einer Maschine zu entrichten ist. So fragt der von christlichen Missionaren erzogene Herrscher des Kongo, Mvemba Nzinga (1456–1543), als er mit dem administrativen Regelwerk konfrontiert wird, das die portugiesischen Eroberer für ihre Res publica christiana vorgesehen haben, seinen Gewährsmann Balthasar Castro: »Castro, welche Strafe ist für denjenigen vorgesehen, der in Portugal seinen Fuß auf den Boden setzt?«. Nimmt man die in der symbolischen Ordnung verborgene Gewaltdrohung, wird durchaus verständlich, warum beispielsweise die chinesische Hochkultur diesen Preis lange nicht zu entrichten gewillt war. In dem Maße jedoch, in dem sich die Maschine globalisiert, ist diese Möglichkeit nicht mehr gegeben – und so beeilen sich die Völker (wie in der japanischen Meiji-Revolution sichtbar), sich die Kultur der Maschine zu introjizieren. Zum Nachhören hier der Link zur Publikation bei Matthes & Seitz Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 12 | 27 Jun 2023 | 00:55:03 | |
Das Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, in welcher Form die universale Maschine eine epistemische Gewalt darstellt - eine Sozioplastik, welche die ihr unterliegenden Gesellschaften zwangsläufig in eine bestimmte Ordnung hineinpresst. Lange bevor Columbus zur Atlantik-Überquerung aufbrechen wird, ist das Europa des Mittelalters schon die Neue Welt, die es in Amerika suchen und finden wird. Zum Nachhören hier der Link zur Publikation bei Matthes & Seitz Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 11 | 06 Jun 2023 | 00:33:02 | |
Erinnern wir uns daran, dass die machina mundi, wie der Deus ex Machina, von oben einfliegt, verwundert es nicht, dass sich der Schauplatz des Maschinendiskurses dorthin verlagert, wo um die Politik des Himmels gestritten wird. Es ist das aufstrebende Christentum, welches die Frage der Maschine aufnimmt – auf eine Weise freilich, die anmutet wie ein Palimpsest, ein wieder und wieder abgeschabtes, stets neu beschriebenes Pergament. Das Kapitel beschäftigt sich mit dem Paradox, dass ausgerechnet die christliche Welt (die sich vom antiken Materialismus zu lösen versucht) zum Katalysator der Maschinenwelt wird - über den Umweg der Universalschrift und des Himmelfahrtskommandos der unbefleckten Empfängnis. Und diese ist eine Bewegung, die fast notwendig in den Kathedralenbau, die Gründung der Universitäten und die Buchgesellschaft der Renaissance einmündet. Zum Nachhören hier der Link zur Publikation bei Matthes & Seitz Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Philipp Hübl | 27 May 2023 | 02:25:54 | |
Man könnte Philipp Hübl einen Post-Metaphysiker nennen, einen Philosophen, der die ideologische Hornbrille abgelegt und sich stattdessen der Empirie anvertraut hat. Dieser datengetriebene Ansatz freilich führt in ein Paradoxon hinein, und zwar insofern, als der Zugang ins Menschlich-Allzumenschliche fast notwendig in die Abgründe des Sozialen hineinführt, in all das, was sich nicht in ein kohärentes Weltbild auflösen lässt. Und nicht zufällig ist sein erstes größeres Werk, Der Untergrund des Denkens betitelt, einer „Philosophie des Unbewussten“ gewidmet. Bewaffnet mit den Waffen der Sozialpsychologie scheut sich Hübl nicht, in vermintes Terrain vordringen – und dies auf so entspannend unaufgeregte und nüchterne Weise, wie es einem Philosophen wohl ansteht. Und weil man sich mit ihm wunderbar über die Blüten der postmodernen Gesellschaft unterhalten kann (über Tribalismus, Pretendians und Moralhochstapelei), erfährt der Hörer, wie der Philosoph beim Warten auf das sich erhitzende Bügeleisen lernt, wie es ist, mit dem Bügeleisen zu philosophieren – und wie der Philosoph die Massenseele, das nervöse Datenbündel des Großstädters, in sich entdeckt hat. Philipp Hübl lehrte als Junior-Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Stuttgart, danach an der Universität der Künste, Berlin. Von Philipp Hübl sind (u.a.) erschienen Verwandte Themen Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Christoph Türcke | 14 May 2023 | 01:44:25 | |
Christoph Türcke ist der seltene Fall eines Theologen, der die Bahn des Philosophen eingeschlagen hat – und sich dabei mit dem Verdrängten, mit Nietzsche, Freud und der Frage des Geldes auseinandergesetzt hat. Und das ist ein Glücksfall. Denn seine religiöse Musikalität erlaubt ihm höchst überraschende Einblicke in die zeitgenössische Kreditordnung, die er auf das Menschenopfer zurückführt. Und weil ihn all seine Gedankenfiguren – da ist er dem Theologen in sich treu geblieben – zum alten Adam zurückführen, zieht er dem Gespräch über die Glaubenskrise des Spätkapitalismus die Frage vor, was denn Glauben heute sein kann. Christoph Türcke lehrte von 1995 bis 2014 als Professor für Philosophie an der Lepiziger Hochschule für Buchkunst und Grafik. Von ihm sind u.a. erschienen: Themenverwandt Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 10 | 01 May 2023 | 00:39:31 | |
Das Kapitel beschäftigt sich mit der Geburt von Metaphysik und ewiger Verdammnis, der Entstehung jener sonderbaren Geisteshaltung, die in der Religionswissenschaft als Gnosis firmiert. Dass man die Erde zu einem Jammertal verwandelt, ist in diesem Sinne eine dialektische Notwendigkeit. Die Kultur wird zur Engelmacherin. Wenn das reine Zeichen den Vorschein der Ewigkeit darstellt, stellt sich die Frage, warum man noch immer mit der Hinfälligkeit des Irdischen zu tun hat. Warum nicht gleich ewig leben? Zum Nachhören hier der Link zur Publikation bei Matthes & Seitz Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Konrad Paul Liessmann | 26 Apr 2023 | 01:34:18 | |
Sich mit Konrad Paul Liessmann über Bildung zu unterhalten, heißt, dass man sich über die Theorie des Rennrads Gedanken machen muss – und darüber, ob die Philosophie als eine Form des geistigen Bodybuildings zu betrachten ist. Tatsächlich gibt es im deutschsprachigen Raum wohl keinen anderen Philosophen, der sich wie er, gleich in mehreren Büchern, der Problematik der Bildung angenommen hat – und dies auf gleichermaßen scharfzüngige, überraschende wie erhellende Weise. Nur in einer Hinsicht gilt es Kritik anzumelden. Denn wenn er das Vorwort seines Buches Bildung als Provokation mit der Lebensweisheit unterlegt, Warum es so unangenehm ist, gebildeten Menschen zu begegnen, so ist der Bewohner einer stattlichen Bibliothek (von 20. 000 Büchern immerhin) eine ganz wunderbare Ausnahme – war es ein intellektuelles Vergnügen, mit ihm gemeinsam einen Streifzug durch die Bildungslandschaft zu unternehmen. Konrad Paul Liessmann, Professor der Philosophie, lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Universität Wien. Von Konrad Paul Liessmann sind zuletzt erschienen: Themenverwandte Gespräche Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Alexander Bogner | 21 Jun 2024 | 01:07:04 | |
Mögen die Experten ein unverzichtbarer Teil der zeitgenössischen TV-Talkshow-Spektakel sein, so ist die Heraufkunft dieser Spezies doch ein merkwürdiges Faktum, umsomehr, als sich in ihrem Schlepptau ein neuartiger Typ des Experten befindet, der Ethiker nämlich, der sich als Fachmannfrau in ethischen Grenzbezirken umtut. Genau diesem unzertrennlichen Duo hat Alexander Bogner seine soziologische Forschung gewidmet – eine Forschungsentscheidung, der die Wirklichkeit in Gestalt von diversen Gesellschaftsumbrüchen nachgefolgt ist. Wer erinnert sich nicht an die Corona-Krise, in der eine ganze Armada von Experten die Bühne betrat, stets mit dem philosophischen Schatten im Rücken, dem Ethiker nämlich, der im Namen irgendeines nationalen Ethikrates die politische Entscheidung mit der entsprechenden Weisheit garnierte? Konnte sich die Politik auf diese Weise aus der Verantwortung stehlen (und zugleich zu präzedenzlosen Selbstermächtigungsakten schreiten), ist evident, dass man es hier, aller schönen Worte zum Trotz, mit einer hochproblematischen Gemengelage zu tun hat, die nicht selten auf das hinausläuft, was man eine „organisierte Verantwortungslosigkeit“ nennen könnte. Schon aus diesem Grund ist ein Gespräch mit Alexander Bogner ein großer Gewinn. Abgesehen davon, dass man erfährt, dass die Ethik der Philosophie das Leben gerettet habe, gerät die Figur des Experten in den Blick – nicht als Lösung, sondern als Problem, das einer soziologischen Analyse bedarf. Alexander Bogner lehrte nach diversen Forschungsaufenthalten an der Universität Innsbruck. Seit 2019 ist er Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie. Von Alexander Bogner sind erschienen Verwandte Themenbereiche Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 9 | 11 Apr 2023 | 00:52:44 | |
Mit den reinen, beseelten Zeichen entsteht die Vorstellung einer anderen Welt: Reiner Geist, Ewigkeit, Platonische Körper. Demgegenüber ist die wirkliche Welt Höhle, Unterwelt, ein Schattenreich, in dem Scheinexistenzen nur den Widerschein ihrer Bestimmung aufhuschen sehen: den Abglanz des Wahren, Guten und Schönen. Das Kapitel erzählt von der Geburt der Philosophie - und davon, wie das Denken fortan im Kreis zu laufen beginnt: Das, was die Philosophie als Sein oder Wesen betrachtet, ist die Kunst, im Kreis der universalen Maschine zu laufen. En kyklos paidein. Aber wie wir wissen, ist noch immer jede Enzyklopädie alphabetisch geordnet. Zum Nachhören hier der Link zur Publikation bei Matthes & Seitz Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 8 | 26 Mar 2023 | 00:31:10 | |
Das Kapitel beschäftigt sich mit der Geburt der pythagoräischen Mathematik - oder genauer: damit, auf welche Weise die Mathematiker dem Delir der Unendlichkeit verfallen. Karneval. Jedes mathematische Kalkül hat eine merkwürdige karnevaleske Seite, in jenem altmodischen Sinne, da man dem Leben das Fleisch entzieht. So wie die Töne der Musik vom Klangkörper abstrahieren, löst sich die Formel von der Realität, stülpt ihr ein Regelsystem auf, in dem das Oberste zuunterst, das Unterste zuoberst steht. Zum Nachhören Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Karl-Heinz Brodbeck | 23 Mar 2023 | 01:34:22 | |
Mit Karlheinz Brodbeck über Geld zu reden, bedeutet, dass man sich zwangsläufig über die blinden Flecke der Ökonomie unterhält. Das mag daran liegen, dass man es hier mit einem Denker zu tun hat, der ein großes Sensorium für die Philosophie, aber auch für den Buddhismus an den Tag legt – weswegen das Gespräch, wie zwangsläufig, immer auch Fragen berührt, welche die Weisheit der „Wirtschaftsweisen“ einem Härtetest unterziehen, ja, liebgewordene Gedankenfiguren (wie Risiko, Produktivitität, Mehrwert) in ein philosophisches Säurebad tauchen. Mag sein, dass es an dieser Horizontweiterung liegt, mag sein, dass hier die Liebe zum Free Jazz eine Rolle spielt – in jedem Fall hat sich unserem Gespräch (wie beim Stühlerücken oder der Levitation) ein magischer Hintergrundsklang hinzugemischt. Karl Heinz Brodbeck lehrte bis zu seiner Emeritierung Volkswirtschaftslehre, Statistik und Kreativitätstechniken an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurth und an der Hochschule für Politik München. Neben Fachaufsätzen gehört zu seinen großen Werken die gut tausendseitige Herrschaft des Geldes, ein Buch zu den fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie und die kürzlich erschienene Phänomenologie des Geldes. Dass seine Bücher, vollkommen ungewöhnlich für die Zunft, mehrere Auflagen erlebt haben, zeigt, dass hier ein ganz eigener, unter Ökonomen einzigartiger Ton angeschlagen wird. Die letzten Gespräche Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Nahlah Saimeh | 12 Mar 2023 | 01:06:33 | |
Wenn das Leben farbig wird, so rührt dies von den Zwischentönen her, dem, was, zwischen Schwarz und Weiß oszilliert. Und deswegen ist der beste Gesprächspartner, mit dem man über die Abgründe der menschlichen Psyche nachdenken kann, jemand, der diese Spannung selbst in sich trägt. Und schon aus diesem Grund war ich höchst fasziniert, Nahlah Saimeh, die sich als forensische Psychiaterin einen Namen gemacht hat, in einem Kontext zu sehen, der nichts mit ihrer Profession, der Begutachtung von Mördern zu tun hat: im Felde der Kunst. Und weil das Doppelleben einen stereometrischen, ganzheitlichen Blick auf die Dinge erlaubt, ist eine Unterhaltung herausgekommen, in der sich die langjährige Berufserfahrung der Forensikerin artikuliert, aber keineswegs an den Grenzen der Disziplin halt machen muss. Ganz im Gegenteil: Dort, wo sie überschritten werden, begreift man, dass das Böse nicht das ganz Andere, Fremde und Unsägliche ist, sondern eine Abgründigkeit, die in jedem einzelnen Einzelnen liegt. Oder wie Nahlah Saimeh es in einem Buchtitel selbst genannt hat: das liebe Böse. Von Nahlah Saimeh sind zuletzt folgende Bücher erschienen: Themenverwandte Gespräche Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Klaus Vondung | 06 Mar 2023 | 00:56:42 | |
Wie gestaltet sich ein Gespräch über die Apokalypse? Wie könnte es anders sein? Heiter. Denn wenn man sich nicht im mysterium tremendum ergeht, in Heulen und Zähneklappern, zeigt sich, dass die Apokalypse ein intellektuell höchst anregendes Feld ist – und weil man sich hier keine göttliche Offenbarung, sondern Aufklärung über die sonderbaren Windungen der menschlichen Psyche erhofft, ist der Literaturwisseschaftler Klaus Vondung ein idealer Gesprächspartner. Ihm verdankt sich die Apokalypse in Deutschland, die zu einem Standardwerk avanciert ist, und weil ihn das Thema nicht losgelassen hat, hat er dieser frühen Schrift ein Alterswerk nachfolgen lassen: Apokalypse ohne Ende. Der Kultur- und Literaturwissenschaftler Klaus Vondung lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Universität Siegen. Gastprofessuren führten ihn nach Houston, Osaka und Hangzhou. Zu seinen letzten Publikationen zählen: Themenverwandte Gespräche und Texte Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Hans Ulrich Gumbrecht | 26 Feb 2023 | 01:04:35 | |
Wenn Hans Ulrich Gumbrecht zu den Ausnahmeerscheinungen seiner Zunft gehört, so deswegen, weil man es mit einem Intellektuellen zu tun bekommt, der keine Zukunfts-Berührungsfurcht kennt – weswegen er für die FAZ und die NZZ lange eine Außenposten dargestellt hat: Unser Mann im Silicon Valley. Dabei geht der Ausgangspunkt unseres Gesprächs weit in die Geschichte zurück: zu seiner Studie über den antiken Athleten, den er als medialen Halbgott dingfest gemacht hat – wobei sich die Frage stellt, ob dieser Figur ein Auslaufmodell ist und von Influencern wie Kim Kardashian abgelöst wird. Und so wandert unser Gespräch von einem zum anderen – bis es zwangsläufig die offene Frage der Gegenwart berührt: nämlich was er mit der Staatlichkeit in den Zeiten der Digitalisierung auf sich hat. Hans Ulrich Gumbrecht, emeritierter Professor der Stanford University, hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht. Zuletzt sind erschienen: Themenverwandte Gespräche: Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 7 | 23 Feb 2023 | 00:43:11 | |
Das Kapitel erzählt davon, wie sich die Maschine, als Sozioplastik, der Antike einschreibt - wie sie zum Persönlichkeitsideal wird und als geprägte Freiheit schließlich die sozialen Verhältnisse bestimmt. Fortan opfert man nicht mehr den Göttern, sondern der Polis. Nicht zufällig ist die Steuer der einzige Bereich, in dem wir heute noch davon sprechen, Opfer darbringen zu müssen. Zum Nachhören Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Uwe Kolbe | 20 Feb 2023 | 01:51:58 | |
Wie läuft eine Verabredung ab, wenn sie sich um vier Jahrzehnte verspätet? Tatsächlich ist dies der Ausgangspunkt des Gesprächs mit dem Lyriker Uwe Kolbe: eine Verabredung, die im Jahr 1983 in Ost-Berlin hätte stattfinden sollen, ein Email, das viele, viele Jahr später in meinem Email-Postfach aufgetaucht ist (über Charles Babbage und seine Idee, dass man soetwas wie eine »Bibliothek der Luft« stiften könne) – und schließlich, beim Schreiben meiner kleinen Éducation sentimentale, der Gedanke, dass man aus einer schönen, anthropologischen Distanz auf die verflossene Zeit zurückschauen könnte. Entstanden ist ein Werkstattbericht – in dem die Lyrik nicht den Platz des Ornamentalen einnimmt, sondern als Denken, nein, als als eine Urform der Poiesis und des Machens erscheint – was Uwe Kolbe in einer charakteristischen Interjektion zu Gehör bringt: Zack! Oder wie es in einem seiner Gedichte heißt: Mir steht nur der Brand zu Gebot. Und genau diese nicht einzuhegende Energie ist es, die das Gespräch durchpulst – und in eine große Heiterkeit einmündet. Uwe Kolbe lebt in Dresden – und galt als junger Mann als lyrisches Wunderkind. Nachdem er früh Bekanntschaft mit dem Mix aus Zensur und Privilegien machen konnte, mit dem der sozialistische Staat seine Dichter traktierte, wechselte er schließlich auf die andere Seite. Die Wiedervereinigung erlebte er als Dozent des germanistischen Departments in Austin, Texas. Nach Europa zurückgekehrt, begann ein lyrisches Wanderleben. Neben Gedichten machte er mit einem Buch über Brecht, dann einem Roman über den Stasi-Vater auf sich aufmerksam. Die Anzahl der Preise, die er für seine lyrische Arbeit erhalten hat, ist viel zu zahlreich, um sie hier wiederzugeben. Also folgt eine Auswahl seiner letzten Werke und der Link auf seinen Wikipedia-Eintrag. Von Uwe Kolbe sind erschienen (Auswahl) Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 6 | 04 Feb 2023 | 00:31:43 | |
Das sechste Kapitel erzählt, wie sich das phallische Zeichen der Stiergottheit in eine alphabetische Type verwandelt. Aber wo beginnt diese Geschichte? Dort, wo der Gott in Stiergestalt die Europa nach Kreta entführt? Oder im Labyrinth des Dädalus, wo die Alphabestie und Mythengestalt ihrer Auslöschung harrt? Zum Nachhören Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 5 | 26 Jan 2023 | 00:31:00 | |
Im fünften Kapitel geht es um das Paradox, dass der Gedächtniskunst (ars memoria) die Kunst des Vergessens hinzugesellt ist (ars oblivionis) - was erklären mag, warum die Anfänge der abendländischen Kultur im Dunkeln liegen oder, je nachdem, als »das griechische Wunder« deklariert werden. Die Einsicht, dass das alphabetische Zeichen nicht nur das ist, was es notiert, sondern auch das, was es vergessen macht. Zum Nachhören Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Alles und Nichts VIII | 19 Jun 2024 | 00:12:45 | |
Im Unterschied zu den anderen Formen der Wiederkehr des Verdrängten scheint das Digitale, als Technologie, die Geisterwelt gewissermaßen technisch wiederzubeleben. Die scheinbar abgespaltene Geisterwelt wird zu einer Größe, die archiviert, verwaltet, belebt, manipuliert und ausgesaugt werden kann. Wer über die gespenstisch generierten Daten verfügt, wird die Köpfe der Menschen beherrschen. Digitaler Animismus Psychopompos Ubiquitätsmärchen Drohnenfantasie Infinite Gegenwart Vorherige Kapitel Vorausgegangene Kapitel Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Geert Lovink | 20 Jan 2023 | 01:19:22 | |
Wie nennt man einen Avantgardisten, der in die Jahre gekommen ist? Vielleicht ist das egal, denn die Frage, die der Netzaktivist Geert Lovink an die Welt gestellt hat, hat sich bis heute heute keineswegs erledigt – ganz im Gegenteil. Tag für Tag wird klarer, dass die Welt der Internets keine künstliche Hinterwelt darstellt, sondern eine soziale Plastik, die unser tägliches Leben formatiert – auf eine Weise, die den Akteuren, auch manchem Digital Native gar nicht bewusst sein mag. Und weil dies so ist, hat sich die Fragestellung, welche den jungen Geert Lovink zum Studium der Politikwissenschaften und der Massenpsychologie bewegte, nicht erledigt – ja, kann man sie als das Leitmotiv seines Denkens und Handelns auffassen. In Geert Lovink findet sich jemand, der als Netzaktivist, als Kurator, Zeitungsmacher, als Gründer des Institute of Network Cultures an der Amsterdamer University for Applied Sciences, schließlich als Hochschullehrer selbst die Geschichte des Netzes begleitet, beobachtet und analysiert hat. Mag sein, dass hier die eine oder andere Beobachtung mit einer tiefen Ernüchterung einhergeht. In jedem Fall erzählt sein schönes Buch Sad by Design – das in der deutschen Übersetzung den Titel „Digitaler Nihilismus“ trägt – von einem großen, massenpsychologischen Feldexperiment, dem die Theorie abhanden gekommen ist. Und genau deswegen kommen wir im Gespräch immer wieder auf diese unerledigte Frage zurück: Was ist das Netz, wenn wir es nicht als Medium, sondern als soziale Plastik betrachten? Die vorausgegangenen Gespräche Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Hans von Storch | 14 Jan 2023 | 01:02:20 | |
Zweifellos, Hans von Storch ist ein ungewöhnlicher Zeitgenosse. Warum? Weil man es hier nicht nur mit einem Klimatologen von Weltrang zu tun hat, der seit 1999 Associate Editor des „Journal of Climate“ der American Meteorological Society ist und 2006 vom amerikanischen Repräsentantenhaus zur Wahrscheinlichkeit eines anthropogenen Klimawandels befragt wurde (was er bejahte), sondern mit einem Hardcore-Wissenschaftler, der in Kooperation mit Soziologen und Kulturwissenschaftlern die Grenzen der eigenen Disziplin untersucht hat. Dies hat sich in Büchern wie Klima Wetter Mensch (gemeinsam mit Nico Stehr), oder der Publikation Die Klimafalle: Die gefährliche Nähe von Politik und Klimaforschung niedergeschlagen. Dieser Spagat ist schon deswegen wunderbar, weil ein Gespräch mit ihm nicht in Ansätzen Gefahr läuft, sich in irgendwelche Verstiegenheiten hinein zu verlieren. Und will man ihn auf ein unbekanntes Terrain locken, gibt er einem sogleich zu verstehen, dass da bei ihm nichts, aber auch gar nichts klingelt – eine Bescheidenheit, die dem, was er sagt, nur umso mehr Gewicht verleiht. Der sonderbarste Aspekt an Hans von Storch jedoch ist, dass er sich als Pionier des deutschen Donaldismus hervorgetan hat – und mit großer Verve die intellektuellen Reize des Anavarsums studiert hat, von anas, lateinisch: die Ente. Und weil Entenhausen überall ist, beginnt unser Gespräch im Paralleluniversum des Donald Duck, dieser Ente wie du und ich. Die vorausgegangenen Gespräche Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Im Gespräch mit ... Niko Paech | 30 Dec 2022 | 02:06:52 | |
Niko Paech gilt als der führende Degrowth-Propagandist Deutschlands und hat den schillernden Begriff der Postwachstumsökonomie geprägt. Paech lehrt als Professor der pluralen Ökonomie an der Universität Siegen. Im Jahr 2012 veröffentlichte er die Streitschrift Befreiung vom Überfluss, dann einen Gesprächsband mit Erhard Eppler (Was Sie da vorhaben, ist eine Revolution), zuletzt, gemeinsam mit Manfred Folkers: All you need is less). Und obwohl seine Schrumpfungskur all meinen Überzeugungen zuwiderläuft, ist gleichwohl ein überaus anregendes Gespräch zustande gekommen - was ja der ganze Sinn dieser Gesprächsreihe ist. Die bisherigen Gespräche Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||
| Philosophie der Maschine 4 | 26 Dec 2022 | 00:29:58 | |
Das Kapitel erzählt von der Herkunft des Zeus-Gottes, der ursprünglich ein Zeus metallon war, eine metallurgische Gottheit. Was die schöne Bemerkung Jacques Lacans untermauert: Die Götter sind aus dem Feld des Realen. Schwindel des Proteus. Schwindel der Kunst. Dass sich hinter jeder Realisierung ein Universum verworfener Möglichkeiten auftut: all die möglichen Welten, die sich nicht realisiert haben. Zum Nachhören Get full access to Ex nihilo - Martin Burckhardt at martinburckhardt.substack.com/subscribe | |||