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TitlePub. DateDuration
Folge 80 - Abitur 2026 Leistungskurs12 May 202600:18:17

In diesem Jahr war eine Aufgabe im Niedersächsischen Deutsch-Abitur die Interpretation und literaturgeschichtliche Einordnung von Arno Holz' Gedicht 'Durch die Friedrichstraße'. Ich skizziere dafür in dieser Folge einen groben Erwartungshorizont.

Folge 79 - Yakoov Barzilai - Gedichte zur Shoah 27 Jan 202600:23:33

In dieser Folge zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus geht es um Texte des jüdischen Dichters Yakoov Barzilai.Teufelswerk„Mir ist es langweilig im Himmel”, sagte Gott.Im Jahre 1943Und gab den Engeln ein Zeichen.Und die ließen hinunter Jakobs Leiter.Und Gott stieg hinab, auf die Erdkugel, die er schuf.Verkleidet als JudeMit Schläfenlocken und Bart ging er zwischen den LeutenAuf dem Umschlagplatz von WarschauEr trug einen gelben Stern, um sich kenntlich zu machenAls er eingepfercht wurde in den ViehwaggonVersuchte er zu entkommen„Ich bin Gott!”, schrie erSeitdem ist er spurlos verschwunden ...Feuer auf dem PlatzUnd damals in diesem verfluchten Jahrhundertsagte er in der Nacht — Es werde TagUnd zündete den Platz anUnd alle Augen richteten sich auf die BilderUnd alle Ohren lauschten den StimmenUnd da — es wuchs ein Berg auf dem PlatzEin Berg von BüchernErhabener als die Gipfel des HimalayasHundert Millionen Worte zusammengekauertZwischen den BlätternBestehend aus Buchstaben dünnen und dickenRunden und eckigenUnd das Feuer erfasste die BuchstabenUnd sie weinten und stöhntenAber ihr Flehen blieb vergeblichUnd auf dem Platz wie in der SteinzeitEine Horde Menschen tanzend um das FeuerGanz langsam brannten die GedichteZeile für ZeileUnd alle Wörter erstickten im RauchSechs Tage brannten die WorteAm siebten Tag erlosch das FeuerUnd als das letzte Buch gestorben warBreitete sich Dunkelheit über den ganzen Platz aus.WandertruppeAls der letzte Vorhang fielNach der großen VorstellungIn TheresienstadtWurden die Schauspieler fortgeschicktIn ein anderes TheaterNach AuschwitzDort führten sie das Stück „Der Duft von Senf“ aufIn der tausendsten VorstellungAlle wichtigen PersönlichkeitenFüllten die ManegeGott saß in der ersten ReiheIn der MitteUnd klatschte in die HändeVoller BegeisterungDanach —Ein Vorhang aus Rauch.Mein Vater wird das Brot nicht mehr segnenNicht in diesem JahrhundertUnd nicht in dem NächstenUnd nicht in dem 25. JahrhundertUnd nicht in dem 30. JahrhundertUnd vielleicht nie wird man entdeckenEine Getreideart, die besser istAls das deutsche Getreide,das hervorragend ist.Es wird kein Wissenschaftler geboren werdenUnd kein Genie gefunden werdenUnd es wird nicht emporsteigen ein BegabterUnd kein Landwirt wird heranwachsenDerJeder für sichUnd alle zusammenEinen organischen Dünger erfinden werdenDer besser istAls mein Vater.ErgiebigerAls mein GroßvaterUnd frischerAls mein OnkelSie düngen seitdem und bis heuteDen deutschen Weizen in seiner fruchtbaren ErdeEs wird nicht segnenMein VaterDas BrotEs wird nicht zu hören seinMeines Großvaters EssenssegenUnd auch mein OnkelWird nicht auf seinem Bauch kriechenUm zu danken für eine SchaleRote BeeteDie du eintauschtestGegen eine BleikugelHerr Gott im HimmelKönig der SchalenDie mein OnkelNicht verdient hatGott der Liebe,der meinen Großvater nicht liebteGott des VerzeihensDer meinem Vater nicht verziehen hatGott der Welt,Wen hast Du erschaffen nach deinem Ebenbild?Nur die NachkommenDer BösenOder hast du auch mich erschaffen?

*zwei Gedichte kann ich hier nicht abdrucken, da die Shownotes auf 4000 Zeichen begrenzt sind.

KHM 11: Brüderchen und Schwesterchen, Märchen vorgelesen21 Oct 202500:17:09

Eines der bekanntesten Geschwistermärchen neben Hänsel und Gretel, das in frühen Fassungen genau den Titel des Märchens dieser Folge hatte. Jedoch ist 'Brüderchen und Schwesterchen' kein ganz so rundes Märchen wie Hänsel und Gretel, obwohl ähnliche Elemente vorkommen: eine böse Stiefmutter, eine Hexe, eine Mangelsituation zu Beginn und ein großer Überfluss am Ende. Im Mittelteil gibt es aus heutiger Sicht aber stilistische Schwächen: da hat die Hexe ihre Tochter als falsche Königin ausgegeben. Doch was weiter? Missbraucht sie diese Macht? Täuscht sie den König erfolgreich oder durchschaut er die List? All dies wird nicht geschildert. Stattdessen liegt der Fokus dann auf der Wiedergängerin der 'rechten Königin', die von Hexe und einäugigem Hexenbalg getötet wurde und schließlich - durch göttliche Intervention? - wieder zum Leben erweckt wird, um mit dem Bruder ein glückliches Leben fristen zu können.

KHM 10: Das Lumpengesindel, Märchen vorgelesen12 Oct 202500:05:41

Das Lumpengesindel ist ein typischer Tierschwank, das eine klare Moral am Ende enthält und die Zuhörer gut unterhält. Dieser situative Dick-und-Doof-Humor kommt nicht nur bei Kindern gut an.

KHM 9: Die zwölf Brüder, Märchen vorgelesen05 Oct 202500:15:12

Ein wenig bekanntes, verwinkeltes Märchen, das sich heute liest, wie eine Kompilation bekannter Märchenmotive. Da schwingt etwas Schneewittchen mit und etwas von den sieben Raben bzw. sechs Schwänen.

KHM 8: Der wunderliche Spielmann, Märchen vorgelesen27 Sep 202500:07:53

Ein kurzes Märchen über einen wunderlichen Spielmann, den wir heute vor allem als bösartig und tierfeindlich lesen.

KHM 7: Der gute Handel, Märchen vorgelesen05 Sep 202500:11:15

Held dieses Märchens ist ein dummer Bauer, der am Ende doch noch Glück hat.

Eine weitere Figur im Text ist ein Jude, dessen Darstellung mit antisemitischen Klischees (hier vor allem Raffgier und Falschheit) behaftet ist. Der Jude wird dafür letztlich heftig bestraft, der dumme Bauer, der noch dazu lügt, hingegen sogar belohnt. Diese Darstellung ist historisch bedingt und ich distanziere mich ausdrücklich von ihr. Klischees und Vorurteile wie diese, die sich in einen Text einschreiben, sind für uns wichtige Zeugnisse einer früheren Epoche und sie gehören genauso zu Grimms Märchen, wie die bekannteren und liebgewonnenen Texte. Wer Märchen wie dieses seinen Kindern vorliest, sollte den Anlass nutzen, um über Vorurteile und Antisemitismus ins Gespräch zu kommen.

KHM 6: Der treue Johannes, Märchen vorgelesen29 Aug 202500:22:14

Eine unwahrscheinliche Geschichte, in der drei Raben eine nicht unwichtige Rolle spielen und Kinder zeitweise geköpft werden ... Am Ende bleiben aber viele Fragen offen: Wer hat da eigentlich drei Attentate auf das Königspaar verübt? Und warum wundert sich niemand darüber? Alles egal: Hauptsache, man ist treu bis in den Tod!

KHM 5: Der Wolf und die sieben jungen Geißlein, Märchen vorgelesen22 Aug 202500:08:07

Ein uraltes Tiermärchen, das aus einer Fabel hervorgegangen ist, die schon in der Antike erzählt wurde. Damals gab es nur ein Geißlein, das sich nicht an den Rat der Mutter gehalten und den Wolf eingelassen hat. Zur Strafe für den mangelnden Gehorsam der Mutter gegenüber verbleibt das arme Tier auch im Wanst des Wolfs ... Nicht so bei den Grimms, wo das Gute obsiegt!

KHM 4: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen, Märchen vorgelesen15 Aug 202500:25:20

In der Frühfassung unter dem Titel 'Gut Kegel und Kartenspiel' ist dieses Schwankmärchen eine Parodie auf das christliche Motiv der Mutproben in Qualnächten. Dabei harren Ritter zur Buße nachts aus, auch wenn sie von Wesen des Jenseits belangt werden. In diesem Märchen werden diese Elemente ins Makabre gesteigert.

KHM 3: Marienkind, Märchen vorgelesen08 Aug 202500:14:04

Ein wenig bekanntes Märchen mit stark religiöser Färbung über Sünde und Vergebung. Kein sehr typisches Märchen im Sinne eines Prototyps, aber dennoch mit einigen Merkmalen versehen, die wir aus anderen Texten kennen: Die dreimalige Wiederholung z. B.

KHM 2: Katze und Maus in Gesellschaft, Märchen vorgelesen01 Aug 202500:08:25

Ein Tiermärchen, das - z. T. mit anderem Personal (etwa Wolf/Fuchs) - weit verbreitet ist und eher im Sinne einer Fabel oder eines Schwanks funktioniert, denn als prototypisches Märchen.

KHM 1: Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich, Märchen vorgelesen29 Jul 202500:11:11

'Der Froschkönig' steht in den Kinder- und Hausmärchen an erster Stelle und gehört nicht zuletzt deswegen zu den bekanntesten Märchen überhaupt. Auf den Kuss der Prinzessin, die den Frosch verwandelt, wartet man in dieser Fassung aus letzter Hand aber vergebens ... dafür hat ein Diener einen seltsamen Auftritt: Der eiserne Heinrich, der hier fast wie ein Fremdkörper wirkt, sich aber über die Entstehungsgeschichte des Textes mit herausentwickelt hat, wenngleich er in vielen späteren Fassungen wegrationalisiert wurde.

Was sind Märchen?28 Jul 202500:16:24

Wie definieren Literaturwissenschaftler eigentlich Märchen?

Diese Frage soll geklärt werden, bevor die Lesung der 200 Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm auf diesem Kanal beginnt.

Über die Zukunft der Lyrikschule27 Jul 202500:07:18

Die Lyrikschule hat noch nicht dicht gemacht!


In der Zukunft sollen wieder neue Folgen erscheinen, allerdings nicht mehr ausschließlich zu lyrischen Texten!

Folge 78 - Queere Lyrik - August von Platen26 Jun 202400:32:01

Diese Folge ist dem Pride Month entsprechend queerer Lyrik gewidmet und zeichnet anhand ausgewählter Sonette August von Platens einige typische homoerotische Denk- und Gefühlsmuster nach.


August von Platen: Die Sonette - Männerschwarm-Verlag

https://www.maennerschwarm.de/buch/die-sonette/



Folge 77 - Die Kühe sind schuld (Odile Kennel)17 Apr 202400:24:07
In dieser Folge geht es um ein Gedicht, das die Mechanismen im Umgang mit der Klimakrise offenlegt. Außerdem wird ein neuer methodischer Zugang zu Lyrik vorgestellt. Die Kühe sind schuld Die Kühe sind schuld  am Schlamm am Schlamassel am maßlosen Regen, hinterlassen Paarhuferspuren im All im allgegenwärtigen Klima, killen den Himmel, die wahren Sünder, heißt es, seien die Kühe. Doch die wissen von nichts. Verlangen nicht viel: Wollen nur grasen, weiche Nasen ins Grün drücken, das ihnen blüht, in Ruhe muhen, Ruhe vor Fliegen, in Ruhe auf Wappen posiern, Almen bevölkern und tiefere Wiesen als Schlumpen mit Artgenossinnen schunkeln, Färse sein, Milchkuh ja, auch mal heilig, aber vor allem: äsen, mahlen, vier Mägen hegen, rülpsen und schließlich acht bis zehn Fladen am Tag fabriziern. Doch heißt es: Der Bock ist die Kuh, die Mist baut, wenn sie verdaut, sie ist wahnsinnig schädlich fürs Atmosphärische auf der Methanebene gänzlich passé. Und sind die Kühe nicht auch schuld an der Krise? Wir dekretieren das elfte Gebot: Die Abschaffung der Kühe tut Not.
Folge 76 - Weihnachten (Rilke, Storm, Loriot)22 Dec 202300:22:54

Weihnachten ist die Zeit der Besinnung, die Zeit der Kinder, auch eine melancholische Zeit und nicht zuletzt eine Zeit der absurden Rituale und nervenaufreibenden Familienfeiern. Anhand von drei Gedichten sollen Schlaglichter auf diese Zeit geworfen werden, wenngleich es sich nicht um die ganz typischen Weihnachtsgedichte 'unterm Tannenbaum' handelt.


Rainer Maria Rilke

Das Karussell
Jardin du Luxembourg
Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.
Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.
Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.
Und dann und wann ein weißer Elefant.
Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber –.
Und dann und wann ein weißer Elefant.
Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil –.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel ...


Theodor Storm

Weihnachtslied

Vom Himmel bis in die tiefsten Klüfte
ein milder Stern herniederlacht;
vom Tannenwalde steigen Düfte
und kerzenhelle wird die Nacht.


Mir ist das Herz so froh erschrocken,

das ist die liebe Weihnachtszeit!

Ich höre fern her Kirchenglocken

mich lieblich heimatlich verlocken

in märchenstille Herrlichkeit.

Ein frommer Zauber hält mich wieder,

anbetend, staunend muß ich stehn;

es sinkt auf meine Augenlider

ein goldner Kindertraum hernieder, ich fühl's, ein Wunder ist geschehn.



Loriot

Advent


Es blaut die Nacht. Die Sternlein blinken.

Schneeflöcklein leis’ niedersinken.

Auf Edeltännleins grünem Wipfel

häuft sich ein kleiner weißer Zipfel.

Und dort, vom Fenster her durchbricht

den dunklen Tann' ein warmes Licht.

Im Forsthaus kniet bei Kerzenschimmer

die Försterin im Herrenzimmer.

In dieser wunderschönen Nacht

hat sie den Förster umgebracht.

Er war ihr bei des Heimes Pflege

seit langer Zeit schon sehr im Wege.

So kam sie mit sich überein:

Am Niklasabend soll es sein.

Und als das Rehlein ging zur Ruh',

das Häslein tat die Augen zu,

erlegte sie - direkt von vor'n

- den Gatten über Kimm' und Korn.

Vom Knall geweckt rümpft nur der Hase

zwei-, drei-, viermal die Schnuppernase.

Und ruhet weiter süß im Dunkeln,

Derweil die Sternlein traulich funkeln.

Und in der guten Stube drinnen,

da läuft des Försters Blut von hinnen.

Nun muß die Försterin sich eilen,

den Gatten sauber zu zerteilen.

Schnell hat sie ihn bis auf die Knochen

nach Waidmanns Sitte aufgebrochen.

Voll Sorgfalt legt sie Glied auf Glied

- was der Gemahl bisher vermied -

Behält ein Teil Filet zurück,

als festtägliches Bratenstück.

Und packt zum Schluss - es geht auf vier -

die Reste in Geschenkpapier.

Da dröhnt's von fern wie Silberschellen.

Im Dorfe hört man Hunde bellen.

Wer ist's, der in so tiefer Nacht

im Schnee noch seine Runde macht?

Knecht Ruprecht kommt mit gold’nem Schlitten

auf einem Hirsch herangeritten!

»He, gute Frau, habt ihr noch Sachen,

die armen Menschen Freude machen?«

Des Försters Haus ist tief verschneit,

doch seine Frau steht schon bereit:

»Die sechs Pakete, heil'ger Mann,

's ist alles, was ich geben kann!«

Die Silberschellen klingen leise.

Knecht Ruprecht macht sich auf die Reise.

Im Försterhaus die Kerze brennt.

Ein Sternlein blinkt:

Es ist Advent.

Folge 75 - Krieg dem Kriege (Kurt Tucholsky)08 Dec 202300:21:42

In der heutigen Folge soll erneut ein pazifistisches Gedicht im Mittelpunkt stehen. Es ist nicht das erste auf diesem Kanal, was zeigt, wie wichtig mir das Thema ist. Wichtig einerseits und andererseits erschütternd, wie wenig der Mensch dazuzulernen scheint, wie blindwütig er sich anschickt, munter die alten Fehler zu wiederholen und zu wiederholen und zu wiederholen. Das tut aber der Größe dieses Textes, der keinesfalls blind, sondern geradezu hellsichtig zu nennen wäre, keinen Abbruch!



Krieg dem Kriege

Sie lagen vier Jahre im Schützengraben.
Zeit, große Zeit!
Sie froren und waren verlaust und haben
daheim eine Frau und zwei kleine Knaben,

weit, weit –!


Und keiner, der ihnen die Wahrheit sagt.
Und keiner, der aufzubegehren wagt.
Monat um Monat, Jahr um Jahr …
Und wenn mal einer auf Urlaub war,

sah er zu Haus die dicken Bäuche.

Und es fraßen dort um sich wie eine Seuche
der Tanz, die Gier, das Schiebergeschäft.
Und die Horde alldeutscher Skribenten kläfft:
„Krieg! Krieg!

Großer Sieg!

Sieg in Albanien und Sieg in Flandern!“
Und es starben die andern, die andern, die andern …
Sie sahen die Kameraden fallen.
Das war das Schicksal bei fast allen:

Verwundung, Qual wie ein Tier, und Tod.

Ein kleiner Fleck, schmutzigrot –
und man trug sie fort und scharrte sie ein.
Wer wird wohl der nächste sein?
Und ein Schrei von Millionen stieg auf zu den Sternen.

Werden die Menschen es niemals lernen?

Gibt es ein Ding, um das es sich lohnt?
Wer ist das, der da oben thront,
von oben bis unten bespickt mit Orden,
und nur immer befiehlt: Morden! Morden! –

Blut und zermalmte Knochen und Dreck …

Und dann hieß es plötzlich, das Schiff sei leck.
Der Kapitän hat den Abschied genommen
und ist etwas plötzlich von dannen geschwommen.
Ratlos stehen die Feldgrauen da.

Für wen das alles? Pro patria?


Brüder! Brüder! Schließt die Reihn!
Brüder! das darf nicht wieder sein!
Geben sie uns den Vernichtungsfrieden,
ist das gleiche Los beschieden

unsern Söhnen und euern Enkeln.

Sollen die wieder blutrot besprenkeln
die Ackergräben, das grüne Gras?
Brüder! Pfeift den Burschen was!
Es darf und soll so nicht weitergehn.

Wir haben alle, alle gesehn,

wohin ein solcher Wahnsinn führt –
Das Feuer brannte, das sie geschürt.
Löscht es aus! Die Imperialisten,
die da drüben bei jenen nisten,

schenken uns wieder Nationalisten.

Und nach abermals zwanzig Jahren
kommen neue Kanonen gefahren. –
Das wäre kein Friede.


                            Das wäre Wahn.

Der alte Tanz auf dem alten Vulkan.

Du sollst nicht töten! hat einer gesagt.
Und die Menschheit hörts, und die Menschheit klagt.
Will das niemals anders werden?
Krieg dem Kriege!

                        Und Friede auf Erden.

Folge 74 - Dann gibt es nur eins (Wolfgang Borchert)22 Nov 202300:09:28

Im strengen Sinne ist der Text natürlich kein Gedicht, auch wenn er sich durch eine ausgeprägte Sprachrhythmik und hohe Bildlichkeit auszeichet. Ich möchte dieses Manifest des Pazifismus aber gerne mit allen Hörer:innen teilen und hoffe, dass der Text bei allen einen so bleibenden Eindruck hinterlässt, wie bei mir. In der Folge bleibt es bei der Rezitation - ohne jeden Kommentar, denn der ist überflüssig!

Folge 73 - Wie rezitiere ich ein Gedicht?29 Oct 202300:30:54

Am Beispiel von Johannes R. Bechers Gedicht "Ballade von den dreien" erkläre ich, wie man vorgeht, um ein Gedicht vorzutragen.


Ballade von den dreien


Der Offizier rief: „Grabt den Juden ein!"
Der Russe aber sagte trotzig: „Nein!"


Da stellten sie den in das Grab hinein.
Der Jude aber blickte trotzig: „Nein!"
Der Offizier rief: „Grabt die beiden ein!"
Ein Deutscher trat hervor und sagte: „Nein!"


Der Offizier rief: „Stellt ihn zu den zwein!
Grabt ihn mit ein! Das will ein Deutscher sein!"


Und Deutsche gruben auch den Deutschen ein...



Folge 72 - Rainald Grebe II06 Oct 202300:38:28

In der zweiten Folge zu Rainald Grebe geht es schwerpunktmäßig um seinen genresprengenden Roman 'Global Fish' von 2006. Hier gibt es keine klare Abgrenzung von Epik, Lyrik oder Dramatik - in den Roman sind immer wieder kleine Gedichte und Lieder, die der Autor auch vertont hat, eingebaut.


Ein zentraler Reflexionstext des Romans ist das folgende Gedicht:


An Deck machte ich mir Gedanken

Führte Selbstgespräche zum Thema: Worum geht es.

Es geht doch darum, sagte ich laut,

wenn ich mich unbeobachtet fühlte,

darum, wirklich was zu erleben.

Darum geht es.

Nicht nur oberflächlich, so und so, hier und da,

sondern wirklich zu erleben,

was unter die Haut geht wie ein Tattoo.

 

Ich will mit Frauen aus fünf Kontinenten schlafen,

alle Drogen ausprobieren, die es gibt,

dann sehr gesund leben,

enthaltsam wie ein Heiliger,

dass ich alt werden kann

wie Goethe oder Nelson Mandela.

Lernen, schaffen, hinterlassen,

Familie, Kinder, Enkel,

Kunst, Wissenschaft und Leben,

den ganzen Globus kennen und den Mond.

Wirklich gebildet will ich werden,

ein Bild von einem Menschen,

mein Leben, sagte ich laut,

wird ein langer Entwicklungsroman

und auf dem Buchrücken steht:

Dieser Junge hat sich sehr gut entwickelt.


Weitere Lieder werden in der Folge angespielt. Ich verweise aber gerne erneut auf den reichen Fundus an weiteren Aufnahmen, die auf Youtube zu finden sind.

Folge 71 - Politische Lyrik (Bürger, Gellert, Fontane, Grass)26 Sep 202300:48:23

Wie funktionieren politische Texte? Was sind ihre Strategien? Das wird in dieser Folge an 4 Beispielen gezeigt.


Die ersten beiden Texte sind von Gottfried August Bürger (der Bauer an seinen durchlauchtigen Tyann) und Christian Fürchtegott Gellert (das Kutschpferd). Ich kann sie hier leider nicht vollumfänglich zitieren, da die Shownotes auf 4000 Zeichen begrenzt sind.

Dafür aber im Folgenden die anderen beiden Texte in ganzer Länge:


Theodor Fontane

Berliner Republikaner (um 1841)
     Berliner Jungen scharten sich
Vor einiger Zeit allabendlich
Nicht weit vom Kupfergraben
Und sangen gottserbärmlich:

„Wir brauchen keenen Kenig nich,

Wir wollen keenen haben!“
     Da endlich packt ein Fußgendarm
Nicht eben allzuzart am Arm
Den allergrößten Jungen,

Und spricht: „He, Bursch, juckt dir das Fell,

Du Tausendsapperments-Rebell?
Was hast du da gesungen?“
     Doch der Berliner comme il faut
Erwidert: „Hab Er sich nicht so,

Und laß Er sich begraben;

Wozu denn gleich so ängstiglich,
Wir brauchen keenen Kenig nich,
Weil wir schon eenen haben!“


Günter Grass

Was gesagt werden muss (2012)

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.
Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?
Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.
Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.
Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.
Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.
Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

Folge 70 - Abitur 2023 Niedersachsen Teil 204 Aug 202300:35:10

In diesem zweiten Teil wird die Lyrikaufgabe aus dem Nachschreibepool für Niedersachsen 2023 besprochen. Außerdem teste ich in dieser Folge ChatGPT als Interpretationsassistenten auf Herz und Nieren.


Erich Kästner

Das Eisenbahngleichnis

 

Wir sitzen alle im gleichen Zug
und reisen quer durch die Zeit.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir fahren alle im gleichen Zug.
Und keiner weiß, wie weit.

Ein Nachbar schläft, ein andrer klagt,
ein dritter redet viel.
Stationen werden angesagt.
Der Zug, der durch die Jahre jagt,
kommt niemals an sein Ziel.

Wir packen aus, wir packen ein.
Wir finden keinen Sinn.
Wo werden wir wohl morgen sein?
Der Schaffner schaut zur Tür herein
und lächelt vor sich hin.

Auch er weiß nicht, wohin er will.
Er schweigt und geht hinaus.
Da heult die Zugsirene schrill!
Der Zug fährt langsam und hält still.
Die Toten steigen aus.

Ein Kind steigt aus, die Mutter schreit.
Die Toten stehen stumm
am Bahnsteig der Vergangenheit.
Der Zug fährt weiter, er jagt durch die Zeit,
und keiner weiß, warum.

Die erste Klasse ist fast leer.
Ein feister Herr sitzt stolz
im roten Plüsch und atmet schwer.
Er ist allein und spürt das sehr.
Die Mehrheit sitzt auf Holz.

Wir reisen alle im gleichen Zug
zur Gegenwart in spe.
Wir sehen hinaus. Wir sahen genug.
Wir sitzen alle im gleichen Zug
und viele im falschen Coupé.


Franz Kafka

Im Tunnel

Wir sind, mit dem irdisch befleckten Auge gesehn, in der Situation von Eisenbahnreisenden, die in einem langen Tunnel verunglückt sind, und zwar an einer Stelle, wo man das Licht des Anfangs nicht mehr sieht, das Licht des Endes aber nur so winzig, dass der Blick es immerfort suchen muss und immerfort verliert, wobei Anfang und Ende nicht einmal sicher sind. Rings um uns aber haben wir in der Verwirrung der Sinne oder in der Höchstempfindlichkeit der Sinne lauter Ungeheuer und ein je nach der Laune und Verwundung des Einzelnen entzückendes oder ermüdendes kaleidoskopisches Spiel. Was soll ich tun? oder: Wozu soll ich es tun? sind keine Fragen dieser Gegenden.

Folge 69 - Abitur 2023 Niedersachsen - Teil 104 Jun 202300:29:26

Das Niedersächsische Deutschabitur ist geschrieben und kontrolliert - jetzt ist wieder Zeit für Lyrikschule! Und aus gegebenem Anlass werfen wir einen Blick auf eben jene Lyriktexte, die das Abitur bereithielt. Ein moderner und ein klassischer Text sollen verglichen werden. Beide haben ein lyrisches Subjekt im Zentrum, das nach der Stille und Abgeschiedenheit einsamer Orte sucht. Warum? Bleibt spekulativ. Ist das die große Kunst, ist das der Maßstab, an dem sich ein Abitur bemessen lässt? Wir werden sehen ...


Helga M. Novak

HÄUSER

 

Landschaft Erde Natur

alles weiblich

dahin will ich gehen

wo es trostlos ist

dahin will ich gehen

wo nichts ist

Natur und unangetastet

und werde in aller Stille

ein Haus bauen

ein Haus beziehen

und werde es – ungeliebt

und unfähig zu lieben –

mit meiner maßlosen

Liebe entzünden

auch diese Nacht geht vorbei

und keiner kommt

und reißt meine Zäune ein

siehst du die gelbe verrostete Bank

auf der werde ich sitzen

wenn ich nicht weiter weiß

also für immer wie eine

der die Augen übergegangen sind

 

Nikolaus Lenau

Einsamkeit

 

Wild verwachsne dunkle Fichten,

Leise klagt die Quelle fort;

Herz, das ist der rechte Ort

Für dein schmerzliches Verzichten!

 

Grauer Vogel in den Zweigen!

Einsam deine Klage singt,

Und auf deine Frage bringt

Antwort nicht des Waldes Schweigen.

 

Wenn’s auch immer schweigen bliebe,

Klage, klage fort; es weht,

Der dich höret und versteht,

Stille hier der Geist der Liebe.

 

Nicht verloren hier im Moose,

Herz, dein heimlich Weinen geht,

Deine Liebe Gott versteht,

Deine tiefe, hoffnungslose!

Folge 68 - Großstadtlyrik (Paul Boldt, Peter Fox, Rainald Grebe)07 Apr 202300:57:21

Die Phänomene der Großstadt sind seit der Literaturepoche des Expressionismus fester Bestandteil der deutschen Lyrik. Häufig wird die Großstadt negativ bewertet, aber es gibt auch Ambivalenzen, insbesondere in zeitgenössischen Texten. Ich führe das an Paul Boldts Klassiker "Auf der Terrasse des Café Josty" vor und vergleiche dieses mit "Schwarz zu Blau" von Peter Fox und "Aufs Land" von Rainald Grebe.



Auf der Terrasse des Café Josty


Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll
Vergletschert alle hallenden Lawinen
Der Straßentrakte: Trams auf Eisenschienen,
Automobile und den Menschenmüll.
Die Menschen rinnen über den Asphalt,
Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Stirne und Hände, von Gedanken blink,
Schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.
Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
Und lila Quallen liegen - bunte Öle;
Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen. –
Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,
Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.

Folge 67 - geburtsanzeige (Hans Magnus Enzensberger)10 Mar 202300:34:50

Dass wir nicht frei sind im Leben, ist kein Gedanke der Neuzeit. Aber Enzensberger dekliniert die Unfreiheit des Menschen in seinem Gedicht geburtsanzeige so radikal durch, wie kaum ein anderer und zeigt, dass der Mensch von der Wiege bis zur Bahre ein determiniertes Wesen ist. Ihm werden Religion, ökonomische Zwänge und gesellschaftliche Verpflichtungen oktroyiert. Ob man sich dagegen wehren kann? Wer weiß ... vielleicht, indem man Lyrik liest. 



geburtsanzeige


wenn dieses bündel auf die welt geworfen wird

die windeln sind noch nicht einmal gesäumt

der pfarrer nimmt das trinkgeld eh ers tauft

doch seine träume sind längst ausgeträumt

es ist verraten und verkauft


wenn es die zange noch am schädel packt

verzehrt der arzt bereits das huhn das es bezahlt

der händler zieht die tratte und es trieft

von tinte und von blut der stempel prahlt

es ist verzettelt und verbrieft


wenn es im süßlichen gestank der klinik plärrt

beziffern die strategen schon den tag

der musterung des mords der scharlatan

drückt seinen daumen unter den vertrag

es ist versichert und vertan


noch wiegt es wenig häßlich rot und zart

wieviel es netto abwirft welcher richtsatz gilt

was man es lehrt und was man ihm verbirgt

die zukunft ist vergriffen und gedrillt

es ist verworfen und verwirkt


wenn es mit krummer hand die luft noch fremd begreift

steht fest was es bezahlt für milch und telefon

der gastarif wenn es im grauen bett erstickt

und für das weib das es dann wäscht der lohn

es ist verbucht verhängt verstrickt


wenn nicht das bündel das da jault und greint

die grube überhäuft den groll vertreibt

was wir ihm zugerichtet kalt zerrauft

mit unerhörter schrift die schiere zeit beschreibt

ist es verraten und verkauft.

Folge 66 - Under der linden (Walther von der Vogelweide)04 Feb 202300:21:30

Walther von der Vogelweide ist fraglos der bekannteste deutsche Minnesänger und wenn in der Schule bereits ein Text von ihm gelesen wird, dann am ehesten wohl das 'Lindenlied'. Doch warum eigentlich? Was zeichnet diesen Text aus, dass er sich als kanonisch etablieren konnte?


Große Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse):

https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg848/0256/image,info


Under der linden

Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
Dâ muget ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.

Ich kam gegangen
zuo der ouwe:
dô was mîn friedel komen ê.
Dâ wart ich empfangen,
hêre frouwe,
daz ich bin saelic iemer mê.
Kuster mich? wol tûsentstunt:
tandaradei,
seht wie rôt mir ist der munt.

Dô het er gemachet
alsô rîche
von bluomen eine bettestat.
Des wirt noch gelachet
inneclîche,
kumt iemen an daz selbe pfat.
Bî den rôsen er wol mac,
tandaradei,
merken wâ mirz houbet lac.

Daz er bî mir laege,
wessez iemen
(nu enwelle got!), sô schamt ich mich.
Wes er mit mir pflaege,
niemer niemen
bevinde daz, wan er und ich.
Und ein kleinez vogellîn:
tandaradei,
daz mac wol getriuwe sîn.

Folge 65 - Kitsch vom Computer? (ChatGPT)27 Jan 202300:20:53
Kann ein Computer Kunst erzeugen? Lesen wir in Zukunft nicht mehr Goethe, Brecht und Kaléko, sondern KI-Kunst? In dieser Folge teste ich einige Befehle mit der gerade ziemlich heiß diskutierten KI 'ChatGPT'. Ich empfehle hier, auch das Youtube-Video anzusehen, da dort auch KI-generierte Bilder zu sehen sein werden! Link: https://youtu.be/S7e0-S5XdrM Zwei der Gedichte, die die KI mir geliefert hat - jeweils der erste Versuch (!): "Verloren in Gedanken" Ich sitze hier allein, in Dunkelheit gehüllt, umgeben von Worten, die ich einst liebte. Doch jetzt erfüllen sie mich nur noch mit Schmerz, denn sie erinnern mich an die Liebe, die ich verlor. Ich durchblättere Seiten voller Poesie, die einst mein Herz zum Schwingen brachten. Doch jetzt sind sie nur noch Erinnerungen an eine Liebe, die für immer verloren ist. Ich suche Trost in Worten, die ich einst verstand, doch jetzt scheinen sie nur noch leer und sinnlos. Ich bin verloren in Gedanken, die mich quälen, seit ich dich verlor. Ich schreibe meine eigenen Worte, um meine Trauer auszudrücken, meine Sehnsucht nach Liebe, die ich nie wieder finden werde. Aber vielleicht, irgendwann, wird die Poesie mich wieder trösten, und ich werde meine Wunden heilen und meine Seele wieder finden. "Lost in Thought" Alone I sit in darkness drear, Surrounded by the words I hold dear. But now they bring me only pain, Reminding me of love in vain. I flip through pages of poetry, Once filled my heart with ecstasy. But now they're just a memory Of love that's lost, eternally. I seek solace in words I knew, But now they seem so hollow too. Lost in thought, I'm feeling blue, Since losing you, my heart's askew. I write my own, to express My sorrow, my loneliness, My longing for love, I confess, But it's a love I'll never possess. Perhaps one day, the poetry Will bring me solace, set me free, And I'll heal my wounds, you'll see, And find my soul, eventually.  
Folge 64 - Siebenmal mein Körper (Robert Gernhardt)13 Jan 202300:23:55

Robert Gernhardt wird gerne in die Tradition Wilhelm Buschs gestellt und das zurecht, hat er mit diesem doch den satirischen Tonfall und die Doppelbegabung als Dichter und Zeichner gemein. Man verkennt Gernhardt aber, wenn man ihn darauf reduziert. Sein Werk kennt auch existenzielle Themen, wie am Beispiel zweier Gedichte zum Thema 'Körper' gezeigt werden soll.


Siebenmal mein Körper

Mein Körper ist ein schutzlos Ding,
wie gut, daß er mich hat.
Ich hülle ihn in Tuch und Garn
und mach ihn täglich satt.

Mein Körper hat es gut bei mir,
ich geb' ihm Brot und Wein.
Er kriegt von beidem nie genug,
und nachher muß er spein.

Mein Körper hält sich nicht an mich,
er tut, was ich nicht darf.
Ich wärme mich an Bild, Wort, Klang,
ihn machen Körper scharf.

Mein Körper macht nur, was er will,
macht Schmutz, Schweiß, Haar und Horn.
Ich wasche und beschneide ihn
von hinten und von vorn.

Mein Körper ist voll Unvernunft,
ist gierig, faul und geil.
Tagtäglich geht er mehr kaputt,
ich mach ihn wieder heil.

Mein Körper kennt nicht Maß noch Dank,
er tut mir manchmal weh.
Ich bring ihn trotzdem übern Berg
und fahr ihn an die See.

Mein Körper ist so unsozial.
Ich rede, er bleibt stumm.
Ich leb ein Leben lang für ihn.
Er bringt mich langsam um.



Noch einmal: Mein Körper

Mein Körper rät mir:
Ruh dich aus!
Ich sage: Mach ich,
altes Haus!

Denk aber: Ach, der
sieht´s ja nicht!
Und schreibe heimlich
dies Gedicht.

Da sagt mein Körper:
Na, na, na!
Mein guter Freund,
was tun wir da?

Ach gar nichts! sag ich
aufgeschreckt,
und denk: Wie hat er
das entdeckt?

Die Frage scheint recht
schlicht zu sein,
doch ihre Schlichtheit
ist nur Schein.

Sie läßt mir seither
keine Ruh:
Wie weiß mein Körper
was ich tu?

Folge 63 - Rainald Grebe I31 Dec 202201:06:04

Rainald Grebe ist seit vielen Jahren einer meiner Lieblingsautoren. In dieser Folge stelle ich den Theater- und Liedermacher, aber auch den Romanautor Grebe vor und werfe ein paar Schlaglichter auf einige meiner liebsten Lieder von ihm.


Auf Youtube finden sich die meisten Songs von Grebe, es lohnt zu stöbern!

Außerdem sei auf seine Homepage mit aktuellen Terminen verwiesen: https://rainald-grebe.de/

Zum vertieften Weiterlesen empfehle ich die folgenden Aufsätze:


Tilman Venzl (2022): »Sehnsucht nach einer geordneten Welt«. Rainald Grebes Lob der Ratlosigkeit - https://textpraxis.net/tilman-venzl-sehnsucht  

Tilman Venzl (2021): Der flexible Mensch auf hoher See. Zu Rainald Grebes Roman Global Fish - https://hrcak.srce.hr/file/394458

Johannes Thiele (2017): Rainald Grebe im Deutschunterricht.

Johannes Thiele (2018): Kunst in der Schwebe [samt Interview mit Grebe] - http://litlog.uni-goettingen.de/kunst-in-der-schwebe/

Gerrit Lembke (2010): Poetik der Einebnung: Zur Amalgamierung von Raum und Zeit in den Liedern Rainald Grebes. "Zeitmaschine" und "Guido Knopp" - https://www.academia.edu/8344027/Poetik_der_Einebnung_Zur_Amalgamierung_von_Raum_und_Zeit_in_den_Liedern_Rainald_Grebes_Zeitmaschine_und_Guido_Knopp_2010_


Folge 62 - Zur Frage der Reinkarnation (Enzensberger)06 Dec 202200:21:25
Hans Magnus Enzensberger ist gestorben und aus diesem Grund lassen wir seine Texte aufleben. Gerade der Text 'Zur Frage der Reinkarnation' offenbart uns einige ganz entscheidende Facetten, wenn es um Enzensbergers Denken, um sein Verhältnis zur Natur und zur Menschheit geht.

Enzensberger

Zur Frage der Reinkarnation

Die Fliege stört mich.
Ich betrachte die Fliege,
beschreibe sie,
wie sie die Taster rührt,
die dreigliedrigen,
dicht gefiederten Fühler,
wie sie sucht, saugt, schöpft
mit den fleischigen Endlippen
ihres Rüssels. Die Flügel,
aschgrau geädert,
glänzend geschuppt,
flimmern im Licht.
Tarsen 1, Klauen, Borsten
zittern vor Energie.
Mit den zweimal viertausend Linsen
ihrer riesigen Augen
betrachtet sie mich.
Wie behaart sie ist!
Es stört sie nicht,
dass ich sie beschreibe.
Der anderen Fliege, hier,
auf meinem Tisch, im Bernstein,
die keinen von uns gestört hat,
gleicht sie aufs Haar, aufs Haar.
Wie ist sie zurückgekehrt,
nach aberhundert Millionen
Geschlechterfolgen?
Vollkommen unverändert vibriert
ihr schwarz gewürfelter Hinterleib.
Sie stört mich.
Ich verscheuche sie –
diese, nicht jene Fliege.
Bei ihrer nächsten Wiederkehr
wird niemand mehr dasein,
um zu beschreiben,
wie die Fliege der Fliege gleicht.
Es stört mich nicht,
dass kein Mensch dasein wird,
um sie zu verscheuchen.



Brockes

Die kleine Fliege

Neulich sah ich, mit Ergetzen,

Eine kleine Fliege sich,

Auf ein Erlen-Blättchen setzen,

Deren Form verwunderlich

Von den Fingern der Natur,

So an Farb′, als an Figur,

Und an bunten Glantz gebildet.

Es war ihr klein Köpfgen grün,

Und ihr Körperchen vergüldet,

Ihrer klaren Flügel Paar,

Wenn die Sonne sie beschien,

Färbt ein Roth fast wie Rubin,

Das, indem es wandelbar,

Auch zuweilen bläulich war.

Liebster Gott! wie kann doch hier

Sich so mancher Farben Zier

Auf so kleinem Platz vereinen,

Und mit solchem Glantz vermählen,

Daß sie wie Metallen scheinen!

Rief ich, mit vergnügter Seelen.

Wie so künstlich! fiel mir ein,

Müssen hier die kleinen Theile

In einander eingeschrenckt,

durch einander hergelenckt

Wunderbar verbunden seyn!

Zu dem Endzweck, daß der Schein

Unsrer Sonnen und ihr Licht,

Das so wunderbarlich-schön,

Und von uns sonst nicht zu sehn,

Unserm forschenden Gesicht

Sichtbar werd, und unser Sinn,

Von derselben Pracht gerühret,

Durch den Glantz zuletzt dahin

Aufgezogen und geführet,

Woraus selbst der Sonnen Pracht

Erst entsprungen, der die Welt,

Wie erschaffen, so erhält,

Und so herrlich zubereitet.

Hast du also, kleine Fliege,

Da ich mir an die vergnüge,

selbst zur Gottheit mich geleitet.

Folge 61 - Vorbereitung (Johannes R. Becher)04 Nov 202200:22:00

Heute geht es um Johannes R. Becher, einen der wichtigsten Dichter der frühen DDR. Wie wurde er zu dem Schriftsteller, der Schreiben und Politik als untrennbar begriff? In dieser Folge blicken wir auf einen frühen Text von ihm, in dem schon der Keim für die spätere Entwicklung in Bechers Biografie zu sehen ist.



Vorbereitung

Der Dichter meidet strahlende Akkorde.
Er stößt durch Tuben, peitscht die Trommel schrill.
Er reißt das Volk auf mit gehackten Sätzen.

Ich lerne. Ich bereite vor. Ich übe mich.
Wie arbeite ich – hah leidenschaftlichst! –
Gegen mein noch unplastisches Gesicht –:
Falten spanne ich. Die Neue Welt
(– eine solche: die alte, die mystische, die Welt der Qual austilgend –)
Zeichne ich, möglichst korrekt, darin ein.
Eine besonnte, eine äußerst gegliederte, eine geschliffene Landschaft schwebt mir vor,
Eine Insel glückseliger Menschheit.
Dazu bedarf es viel. (Das weiß er auch längst sehr wohl.)

O Trinität des Werks: Erlebnis Formulierung Tat.
Ich lerne. Bereite vor. Ich übe mich.

… bald werden sich die Sturzwellen meiner Sätze zu einer unerhörten Figur verfügen.
Reden. Manifeste. Parlament. Das sprühende politische Schauspiel. Der Experimentalroman.
Gesänge von Tribünen herab vorzutragen.

Menschheit! Freiheit! Liebe!

Der neue, der Heilige Staat
Sei gepredigt, dem Blut der Völker, Blut von ihrem Blut, eingeimpft.
Restlos sei er gestaltet.
Paradies setzt ein.
– Laßt uns die Schlagwetter-Atmosphäre verbreiten! –
Lernt! Vorbereitet! Übt euch!

Folge 60 - D-Zug (Gottfried Benn)23 Sep 202200:20:05

Am Ende des Sommers überkommt uns häufig ein gewisses Gefühl der Melancholie. Wir halten fest an den Eindrücken, die wir erlebt haben. Auf besonders kunstvolle Weise hat Gottfried Benn diesen Moment in Worte gebannt.


D-Zug

Braun wie Kognak. Braun wie Laub. Rotbraun.

                                                  Malaiengelb.

D-Zug Berlin - Trelleborg und die Ostseebäder. –


Fleisch, das nackt ging.

Bis in den Mund gebräunt vom Meer.

Reif gesenkt. Zu griechischem Glück.

In Sichel-Sehnsucht: wie weit der Sommer ist!

Vorletzter Tag des neunten Monats schon! –


Stoppel und letzte Mandel lechzt in uns.

Entfaltungen, das Blut, die Müdigkeiten,

Die Georginennähe macht uns wirr. –


Männerbraun stürzt sich auf Frauenbraun:


Eine Frau ist etwas für eine Nacht.

Und wenn es schön war, noch für die nächste!

Und dann wieder dies Bei-sich-selbst-sein!

Diese Stummheiten. Dies Getriebenwerden!


Eine Frau ist etwas mit Geruch.

Unsägliches. Stirb hin. Resede.

Darin ist Süden, Hirt und Meer.

An jedem Abhang lehnt ein Glück. –


Frauenhellbraun taumelt an Männerdunkelbraun:


Halte mich! Du, ich falle!

Ich bin im Nacken so müde.

O dieser fiebernde süße

Letzte Geruch aus den Gärten. –


Folge 59 - Die drei Lesungen des Gesetzes (Peter Handke)16 Sep 202200:19:12

Ist das ein Gedicht? Kann Juristerei Lyrik sein? Und was hat das mit der  68er-Revolution zu tun? Diese Fragen werden im Zusammenhang mit Peter  Handkes Text gestellt und beantwortet.  


Die drei Lesungen des Gesetzes

1.

Jeder Staatsbürger hat das Recht – Beifall

seine Persönlichkeit frei zu entfalten – Beifall

insbesondere hat er das Recht auf:

Arbeit – Beifall

Freizeit – Beifall

Freizügigkeit – Beifall

Bildung – Beifall

Versammlung – Beifall

sowie auf Unantastbarkeit der Person – starker Beifall

2.

Jeder Staatsbürger hat das Recht – Beifall

im Rahmen der Gesetze seine Persönlichkeit frei zu entfalten – Rufe: Hört! Hört!

insbesondere hat er das Recht auf Arbeit entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen – Unruhe, Beifall

auf Freizeit nach Maßgabe seiner gesellschaftlich notwendigen Arbeitskraft –Zischen, Beifall, amüsiertes Lachen, Unruhe

auf Freizügigkeit, ausgenommen die Fälle, in denen eine ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist und der Allgemeinheit daraus besondere Lasten entstehen würden schwacher Beifall, höhnisches Lachen, Scharren,Unruhe

auf Bildung, soweit die ökonomischen Verhältnisse sie sowohl zulassen als auch nötig machen Rufe, Türenschlagen, höhnischer Beifall

auf Versammlung nach Maßgabe der Unterstützung der Interessen der Mitglieder der Allgemeinheit Lärm, vereinzelte Bravorufe, Protestklatschen, Rufe wie: Endlich! oder: Das hat uns noch gefehlt!, Trampeln, Gebrüll, Platzen von Papiertüten

sowie auf Unantastbarkeit der Person – Unruhe und höhnischer Beifall.

3.

Jeder Staatsbürger hat das Recht, im Rahmen der Gesetze und der guten Sitten seine Persönlichkeit frei zu entfalten, insbesondere hat er das Recht auf Arbeit entsprechend den wirtschaftlichen und sittlichen Grundsätzen der Allgemeinheit – das Recht auf Freizeit nach Maßgabe der allgemeinen wirtschaftlichen Erfordernisse und den Möglichkeiten eines durchschnittlich leistungsfähigen Bürgers – das Recht auf Freizügigkeit, ausgenommen die Fälle, in denen eine ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist und der Allgemeinheit dadurch besondere Lasten entstehen würden oder aber zur Abwehr einer drohenden Gefahr für den Bestand der Allgemeinheit oder zum Schutz vor sittlicher und leistungsabträglicher Verwahrlosung oder zur Erhaltung eines geordneten Ehe-, Familien- und Gemeinschaftslebens das Recht auf Bildung, soweit sie für den wirtschaftlich-sittlichen Fortschritt der Allgemeinheit sowohl zuträglich als auch erforderlich ist und soweit sie nicht Gefahr läuft, den Bestand der Allgemeinheit in ihren Grundlagen und Zielsetzungen zu gefährden –das Recht auf Versammlung nach Maßgabe sowohl der Festigung als auch des Nutzens der Allgemeinheit und unter Berücksichtigung von Seuchengefahr, Brandgefahr und drohenden Naturkatastrophen sowie das Recht auf Unantastbarkeit der Person.

Allgemeiner stürmischer, nicht enden wollender Beifall.

Folge 58 - Märchen (Drewing, Heym, Morgenstern, Löns)02 Sep 202200:25:32

Märchen im Gedicht - geht das? Ist das kein Widerspruch? Und wenn es das gibt, handelt es sich dann einfach um klassische Märchen in Versform oder gibt es noch andere Möglichkeiten, mit der Gattung Märchen zu spielen? Diese Frage soll an vier Texten verfolgt werden.


Ingrid Herta Drewing

Märchen

Die Märchen, die wir lieben,
das Leben nimmt sie fort,
und alles, was geblieben,
ist der Erinnerung Hort.

Doch auch das stille Hoffen,
es werde eines wahr.
Die Pforte ist noch offen,
das Kind in uns sieht's klar.

Noch immer wacht es schauend,
beglückt, wenn Zauber winkt,
und uns, dem Guten trauend,
ein Märchenschluss gelingt


________

Georg Heym

Das Märchen

Es brandet die Nacht um den schweigenden Wald.
Sie umkost die Wiesen vom Mond betauet.
Ein Raunen und Rauschen und Singen erschallt,
Da hat das Märchen die Welt erschauet.

Zwei Schmetterlingsflügel am Rücken
So schwebt's hinaus in die finstere Welt.
Es will die Menschen beglücken.

Es kommet in die rauchende Stadt,
Auf dem Markt herrscht geschäftig Gewimmel,
Gar bald das Volk sie erblicket hat.

Es treibet mit ihm seinen Spaß,
Beschmutzt ihm den glänzenden Flügelstaub,
Zerbricht ihm das Krönchen aus klingendem Glas.

Da hat es sich tief im Walde verborgen.
Du findst es beim Vollmondschein am Bach,
Der Menschheit blieb die Vernunft und die Sorgen.


________

Hermann Löns

Märchen

Am Heidehügel geht ein Singen,
Ein leises Singen her und hin,
Da wiegt in einer goldenen Wiege
Ihr Kind die Zwergenkönigin.

Ich denke an das alte Märchen,
Es liegt mein Kopf in deinem Schoß,
Dein Mund singt mir ein Wiegenliedchen,
Und meine Augen werden groß.

Mein Herz, das ist so still und selig,
Ein goldener Traum darüber fliegt,
Es liegt in einer goldnen Wiege,
Die langsam hin und her sich wiegt.



Der Text 'Märchen' von Christian Morgenstern ist für die ShowNotes leider etwas zu lang.

Folge 57 - Wie und wozu Gedichte lesen? (Goethe, Brecht, Radisch, Enzensberger)26 Aug 202200:30:01

Soll man Gedichte analysieren oder nicht? Gibt es Alternativen dazu? Und was gilt für den Unterricht? Das sind die Fragen für die heutige Folge, bei deren Beantwortung ich mich auf namhafte Größen im Literaturbetrieb stütze.


Johann Wolfgang von Goethe

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben

Gedichte sind gemalte Fensterscheiben!
Sieht man vom Markt in die Kirche hinein,
Da ist alles dunkel und düster;
Und so siehts auch der Herr Philister.
Der mag denn wohl verdrießlich sein
Und lebenslang verdrießlich bleiben.

Kommt aber nur einmal herein!
Begrüßt die heilige Kapelle;
Da ists auf einmal farbig helle,
Geschicht und Zierat glänzt in Schnelle,
Bedeutend wirkt ein edler Schein,
Dies wird euch Kindern Gottes taugen,
Erbaut euch und ergetzt die Augen!



Außerdem:

Bertolt Brecht: "Über das Zerpflücken von Gedichten"

Iris Radisch: "Nie wieder Versfüßchen"

Hans-Magnus Enzensberger (unter Pseudonym als Andreas Thalmayr): Vorwort zu "Das Wasserzeichen der Poesie" 

Folge 56 - Der Taucher (Friedrich Schiller)08 Jul 202200:23:59

Eine der bekanntesten Balladen Schillers ist Thema dieser Folge. Da der Text für die Shownotes zu lang ist, kann er hier nachgelesen werden:

https://de.wikisource.org/wiki/Der_Taucher


Der Tauchenichts

» Wer wagt es, Knappersmann oder Ritt,
zu schlunden in diesen Tauch?
Einen güldenen Becher habe ich mit,
den werf ich jetzt in des Meeres Bauch!
Wer ihn mir bringt, ihr Mannen und Knaben,
der soll meine Tochter zum Weibe haben!«
Der Becher flog.
Der Strudel zog
ihn hinab ins greuliche Tief.
Die Männer schauten,
weil sie sich grauten,
weg. - Und abermals der König rief:
» Wer wagt es, Knippersmann oder Ratt,
zu schlauchen in diesen Tund?
Wer's wagt - das erklär ich an Eides Statt ­
darf küssen meins Töchterleins Mund!
Darf heiraten sie. Darf mein Land verwalten!
Und auch den Becher darf er behalten!«
Da schlichen die Mannen
und Knappen von dannen.
Bald waren sie alle verschwunden - - ­Sie wußten verläßlich:
die Tochter ist gräßlich! ­
Der Becher liegt heute noch unten. . .

Folge 55 - Wie wenig nütze ich bin (Hilde Domin)01 Jul 202200:17:55

Manchmal überkommt uns das Gefühl, dass wir und unser Handeln folgenlos, unwichtig und irrelevant sind. Schon im Sisyphus-Mythos kommt diese Idee zum Tragen. Hilde Domin, die Dichterin des Dennoch, widmet sich im heutigen Text genau dieser Erfahrung und setzt ihr eine kleine trotzige Hoffnung entgegen. 


Wie wenig nütze ich bin


Wie wenig nütze ich bin,
ich hebe den Finger und hinterlasse
nicht den kleinsten Strich
in der Luft.

Die Zeit verwischt mein Gesicht,
sie hat schon begonnen.
Hinter meinen Schritten im Staub
wäscht der Regen die Straße blank
wie eine Hausfrau.

Ich war hier.
Ich gehe vorüber
ohne Spur.
Die Ulmen am Weg
winken mir zu wie ich komme,
grün blau goldener Gruß,
und vergessen mich,
eh ich vorbei bin.

Ich gehe vorüber -
aber ich lasse vielleicht
den kleinen Ton meiner Stimme,
mein Lachen und meine Tränen
und auch den Gruß der Bäume im Abend
auf einem Stückchen Papier.

Und im Vorbeigehn,
ganz absichtslos,
zünde ich die ein oder andere
Laterne an
in den Herzen am Wegrand.

Folge 54 - Römische Brunnen (C.F. Meyer, Rainer Maria Rilke) 24 Jun 202200:33:40

Was macht ein formvollendetes Gedicht aus? Und warum inspirieren gerade römische Brunnen zwei so hochkarätige Autoren wie C.F. Meyer und Rilke? Diesen Fragen soll heute nachgegangen werden.


Conrad Ferdinand Meyer

Der römische Brunnen
(7. Version, 1882)

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt 

Er voll der Marmorschale Rund, 

Die, sich verschleiernd, überfließt 

In einer zweiten Schale Grund; 

Die zweite gibt, sie wird zu reich,

Der dritten wallend ihre Flut,

Und jede nimmt und gibt zugleich

Und strömt und ruht.



Rom: Springquell 

(1. Version, 1860)

Es steigt der Quelle reicher Strahl

Und sinkt in eine schlanke Schal'.

Das dunkle Wasser überfließt

Und sich in eine Muschel gießt.

Es überströmt die Muschel dann

Und füllt ein Marmorbecken an.

Ein jedes nimmt und gibt zugleich

Und allesammen bleiben reich,

Und ob's auf allen Stufen quillt,

So bleibt die Ruhe doch im Bild




Der Brunnen

(2. Version, 1862)

In reichem Strahle steigt der Quell

Und sinkt in eine Muschel hell,

In eine breite Schale gießt

Die Muschel, was zu viel ihr ist,

Es überströmt die Schale dann

Und füllt ein Marmorbecken an,

Und alle Stufen bleiben reich,

Denn jede gibt und nimmt zugleich,

Und wenn es allenthalben quillt,

So ist es doch ein ruhig Bild.


Der Brunnen

(4. Version, 1865)

In einem römischen Garten

Verborgen ist ein Bronne,

Behütet von dem harten

Geleucht der Mittagssonne,

Er steigt in schlankem Strahle

In dunkle Laubesnacht

Und sinkt in eine Schale

Und übergießt sie sacht.

Die Wasser steigen nieder

In zweiter Schale Mitte

Und voll ist diese wieder,

Sie fluten in die dritte:

Ein Nehmen und ein Geben,

Und alle bleiben reich,

Und alle Fluten leben

Und ruhen doch zugleich



Rainer Maria Rilke

Römische Fontäne


Borghese


Zwei Becken, eins das andre übersteigend
aus einem alten runden Marmorrand,
und aus dem oberen Wasser leis sich neigend
zum Wasser, welches unten wartend stand,

dem leise redenden entgegenschweigend
und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand,
ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend
wie einen unbekannten Gegenstand;

sich selber ruhig in der schönen Schale
verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,
nur manchmal träumerisch und tropfenweis

sich niederlassend an den Moosbehängen
zum letzten Spiegel, der sein Becken leis
von unten lächeln macht mit Übergängen.

Folge 53 - Ironisierung der Romantik (Heinrich Heine)27 May 202200:17:46

Der Umbruch von einer Epoche zur nächsten ist selten so gut zu beobachten wie in Heines ironisch-romantischen Gedichten. Die Literatur der 'Kunstperiode' wird damit begraben. Ihr folgt eine kurze aber intensive Zeit politischer Lyrik, zu deren Vordenkern Heine gehört.


Das Fräulein stand am Meere

Das Fräulein stand am Meere
Und seufzte lang und bang,
Es rührte sie so sehre
Der Sonnenuntergang.

Mein Fräulein! sein Sie munter,
Das ist ein altes Stück;
Hier vorne geht sie unter
Und kehrt von hinten zurück.


Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Thräne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben Dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
     Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöthen;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –
     Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpreßt,
Und uns wie Hunde erschießen läßt –
     Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulniß und Moder den Wurm erquickt –
     Wir weben, wir weben!

Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht,
Wir weben emsig Tag und Nacht –
Altdeutschland, wir weben Dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch,
     Wir weben, wir weben!


Altes Kaminstück

Draußen ziehen weiße Flocken
Durch die Nacht, der Sturm ist laut;
Hier im Stübchen ist es trocken,
Warm und einsam, stillvertraut.

Sinnend sitz ich auf dem Sessel,
An dem knisternden Kamin,
Kochend summt der Wasserkessel
Längst verklungne Melodien.

Und ein Kätzchen sitzt daneben,
Wärmt die Pfötchen an der Glut;
Und die Flammen schweben, weben,
Wundersam wird mir zu Mut.

Dämmernd kommt heraufgestiegen
Manche längst vergeßne Zeit,
Wie mit bunten Maskenzügen
Und verblichner Herrlichkeit.

Schöne Fraun, mit kluger Miene,
Winken süßgeheimnisvoll,
Und dazwischen Harlekine
Springen, lachen, lustigtoll.

Ferne grüßen Marmorgötter,
Traumhaft neben ihnen stehn
Märchenblumen, deren Blätter
In dem Mondenlichte wehn.

Wackelnd kommt herbeigeschwommen
Manches alte Zauberschloß;
Hintendrein geritten kommen
Blanke Ritter, Knappentroß.

Und das alles zieht vorüber,
Schattenhastig übereilt -
Ach! da kocht der Kessel über,
Und das nasse Kätzchen heult.

Folge 52 - Die Welt unser Traum (Hermann Hesse) ***mit Gast***20 May 202200:33:30

Gibt es eine Welt außerhalb unseres Geistes - oder ist vielmehr jeder Einzelne der Schöpfer seines eigenen Universums, seiner eigenen Realität. Diesen Gedanken hat Hermann Hesse kunstfertig in Verse gebannt. Mit meinem Gast für diese Folge, Jan-Henrik Flecke, spreche ich über die Deutungsmöglichkeiten dieses philosophisch-lyrischen Textes. Gerade für Jugendliche enthält er spannende Botschaften, ist aber eigentlich in jedem Alter mit Gewinn zu lesen. Genau das zeichnet große Literatur aus.


Hermann Hesse

Die Welt unser Traum


Nachts im Traum die Städt‘ und Leute,

Ungeheuer, Luftgebäude,

Alle, weißt du, alle steigen

Aus der Seele dunklem Raum,

Sind dein Bild und Werk, dein eigen,

Sind dein Traum.


Geh am Tag durch Stadt und Gassen,

Schau in Wolken, in Gesichter,

Und du wirst verwundert fassen:

Sie sind dein, du bist ihr Dichter!

Alles, was vor deinen Sinnen

Hundertfältig lebt und gaukelt,

Ist ja dein, ist in dir innen,

Traum, den deine Seele schaukelt.

Durch dich selber ewig schreitend,

Bald beschränkend dich, bald weitend,

Bist du Redner und Hörer,

Bist du Schöpfer und Zerstörer.

Zauberkräfte, längst vergeßne,

Spinnen heiligen Betrug,

Und die Welt, die unermeßne,

Lebt von deinem Atemzug.

Folge 51 - Abitur 2022 - Der Luftschiffer (Karoline von Günderrode)13 May 202200:22:03

Im Abitur 2022 wurde dieser Text nebst einer Vergleichsaufgabe zu Hoffmanns "goldenem Topf" im Leistungskurs geprüft. Wir erschließen die inhaltlichen und formalen Spezifika des Gedichts und außerdem lernen wir noch das ein oder andere über die Ballonfahrt!


Der Luftschiffer

Gefahren bin ich in schwankendem Kahne

Auf dem blaulichen Oceane,

Der die leuchtenden Sterne umfließt,

Habe die himmlischen Mächte begrüßt.

War, in ihrer Betrachtung versunken,

Habe den ewigen Aether getrunken,

Habe dem Irdischen ganz mich entwandt,

Droben die Schriften der Sterne erkannt

Und in ihrem Kreisen und Drehen

Bildlich den heiligen Rhythmus gesehen,

Der gewaltig auch jeglichen Klang

Reißt zu des Wohllauts wogendem Drang.

Aber ach! es ziehet mich hernieder,

Nebel überschleiert meinen Blick,

Und der Erde Grenzen seh' ich wieder,

Wolken treiben mich zurück.

Wehe! Das Gesetz der Schwere

Es behauptet nur sein Recht,

Keiner darf sich ihm entziehen

Von dem irdischen Geschlecht.



Interessantes zur Ballonfahrt:

https://www.planet-wissen.de/technik/luftfahrt/ballons/index.html

Folge 50 - Abitur 2022 - Sonett XXVII (Johann Diedrich Gries)06 May 202200:21:09

Das Abitur liegt auf dem Tisch! Und Lyrik war auch dabei. Wir beginnen mit dem Text des Grundkurses in Niedersachsen - der Leistungskurs folgt.

Der recht unbekannte Autor Gries legt ein Sonett vor, das sich mit dem Wesen des Menschseins befasst.



Sonett XXVII


Ein Mensch zu seyn, ward Wenigen gegeben;

Die Meisten sind zum Sterben nur geboren;

Sie sind sich selbst, sie sind der Welt verloren,

Ihr ganzes Seyn ein nichtiges Verschweben.


Dir aber flammt die Brust von höherm Streben,

Ein würdig Loos hast du dir selbst erkoren.

Kühn dringst du zu des Lebens fernsten Thoren,

Willst von der Nacht das dunkle Siegel heben.


Geh’, forsche, kämpfe, fleug in steten Siegen

Dem Ziele nach, erobre dir das Wahre;

Nichts sey, was dir geheim und ferne bliebe!


Doch kann ein Wissen auch dem Herzen gnügen?

Ein Opfer sey’s auf würdigem Altare

Der, die da Alles nimmt und giebt — der Liebe.

Folge 49 - (Anti)Kriegsgedichte (von Logau, Gryphius, Kästner, Biermann, Ausländer)29 Apr 202200:28:31

Das Thema Krieg beflügelte die Autoren und Autorinnen seit jeher zu schrecklich-großartigen Texten. Diese Folge stellt eine kleine Auswahl barocker Texte und Texte des 20. Jahrhunderts vor, die eine klare Linie gegen den Krieg fahren.  


Friedrich von Logau

Des Krieges Buchstaben

Kummer, der das Mark verzehret,

Raub, der Hab und Gut verheeret,

Jammer, der den Sinn verkehret,

Elend, das den Leib beschweret

Grausamkeit, die Unrecht lehret,

Sind die Frucht, die Krieg gewähret.


Andreas Gryphius

Thränen des Vaterlandes - Anno 1636

Wir sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn ganz verheeret!

Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun /

Das vom Blut fette Schwerdt / die donnernde Carthaun /

Hat aller Schweiß / und Fleiß / und Vorrath auffgezehret.

Die Türme stehn in Glutt / die Kirch ist umgekehret.

Das Rathauß liegt im Grauß / die Starcken sind zerhaun /

Die Jungfern sind geschändt / und wo wir hin nur schaun /

Ist Feuer / Pest und Tod / der Hertz und Geist durchfähret.

Hir durch die Schantz und Stadt / rinnt allzeit frisches Blutt.

Dreymal sind schon sechs Jahr / als unser Ströme Flutt /

Von Leichen fast verstopft / sich langsam fortgedrungen.

Doch schweig ich noch von dem / was ärger als der Tod /

Was grimmer denn die Pest / und Glutt und Hungersnoth /

Das auch der Seelen Schatz / so vilen abgezwungen.


Erich Kästner

Verdun, viele Jahre später

Auf den Schlachtfeldern von Verdun
finden die Toten keine Ruhe.
Täglich dringen dort aus der Erde
Helme und Schädel, Schenkel und Schuhe.

Über die Schlachtfelder von Verdun
laufen mit Schaufeln bewaffnete Christen,
kehren Rippen und Köpfe zusammen
und verfrachten die Helden in Kisten.

Oben am Denkmal von Douaumont
liegen zwölftausend Tote im Berge.
Und in den Kisten warten achttausend Männer
vergeblich auf passende Särge.

Und die Bauern packt das Grauen.
Gegen die Toten ist nichts zu erreichen.
Auf den gestern gesäuberten Feldern
liegen morgen zehn neue Leichen.

Diese Gegend ist kein Garten,
und erst recht kein Garten Eden.
Auf den Schlachtfeldern von Verdun
stehn die Toten auf und reden.

Zwischen Ähren und gelben Blumen,
zwischen Unterholz und Farnen
greifen Hände aus dem Boden,
um die Lebenden zu warnen.

Auf den Schlachtfeldern von Verdun
wachsen Leichen als Vermächtnis.
Täglich sagt der Chor der Toten:
„Habt ein besseres Gedächtnis!"


Wolf Biermann

Soldat, Soldat

Soldat Soldat in grauer Norm
Soldat Soldat in Uniform
Soldat Soldat, ihr seid so viel
Soldat Soldat, das ist kein Spiel
Soldat Soldat, ich finde nicht
Soldat Soldat, dein Angesicht
Soldaten sehn sich alle gleich
Lebendig und als Leich

Soldat Soldat, wo geht das hin
Soldat Soldat, wo ist der Sinn
Soldat Soldat, im nächsten Krieg
Soldat Soldat, gibt es kein Sieg
Soldat, Soldat, die Welt ist jung
Soldat Soldat, so jung wie du
Die Welt hat einen tiefen Sprung
Soldat, am Rand stehst du

Soldat Soldat in grauer Norm
Soldat Soldat in Uniform
Soldat Soldat, ihr seid so viel
Soldat Soldat, das ist kein Spiel
Soldat Soldat, ich finde nicht
Soldat Soldat, dein Angesicht
Soldaten sehn sich alle gleich
Lebendig und als Leich


Folge 48 - John Maynard (Theodor Fontane)01 Apr 202200:21:54

Eine der bekanntesten deutschen Balladen spielt nicht in Deutschland und wer genauer hinschaut findet heraus: nicht einmal die Ideen stammen von Fontane selbst. In dieser Folge wird die spannende Geschichte eines Textes nachvollzogen und bis in die Gegenwart getragen.


John Maynard.

John Maynard!

    „Wer ist John Maynard?“

„John Maynard war unser Steuermann,
Aushielt er bis er das Ufer gewann,

Er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,

Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
              John Maynard.“

              *     *     *
    Die „Schwalbe“ fliegt über den Erie-See,
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Schnee,

Von Detroit fliegt sie nach Buffalo –

Die Herzen aber sind frei und froh,
Und die Passagiere, mit Kindern und Frau’n
Im Dämmerlicht schon das Ufer schau’n
Und plaudernd an John Maynard heran

Tritt alles: „Wie weit noch, Steuermann?

Der schaut nach vorn und schaut in die Rund’:
„Noch dreißig Minuten … Halbe Stund’.“

    Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei –
Da klingt’s aus dem Schiffsraum her wie Schrei,

„Feuer“ war es, was da klang,

Ein Qualm aus Kajütt’ und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.

    Und die Passagiere, buntgemengt,

Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt,

Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht,
Am Steuer aber lagert sich’s dicht,
Und ein Jammern wird laut: „Wo sind wir? wo?“
Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo,

Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,

Der Kapitän nach dem Steuer späht,
Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
„Noch da, John Maynard?“

„Ja, Herr. Ich bin.“

„„Auf den Strand. In die Brandung.““
                   „Ich halte drauf hin.“
Und das Schiffsvolk jubelt: „Halt aus. Halloh.“
Und noch zehn Minuten bis Buffalo.

„„Noch da, John Maynard?““ Und Antwort schallt’s

Mit ersterbender Stimme: „Ja, Herr, ich halt’s“
Und in die Brandung, was Klippe was Stein,
Jagt er die „Schwalbe“ mitten hinein,
Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.

Rettung: der Strand von Buffalo.

*     *     *
    Das Schiff geborsten. Das Feuer verschweelt.
Gerettet alle. Nur Einer fehlt!

              *     *     *
    Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell’n
Himmelan aus Kirchen und Kapell’n,

Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,

Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Zehntausend folgen oder mehr
Und kein Aug’ im Zuge, das thränenleer.

    Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,

Mit Blumen schließen sie das Grab,

Und mit goldner Schrift in den Marmorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
    „Hier ruht John Maynard. In Qualm und Brand,
    Hielt er das Steuer fest in der Hand,

Er hat uns gerettet, er trägt die Kron’,

Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
              John Maynard.“

Folge 47 - Abschied von der Jugend (Anette von Droste-Hülshoff)25 Mar 202200:21:25

Verpasste Gelegenheiten könnte der alternative Titel dieses Gedichts sein. Anette von Droste-Hülshoff beklagt das Ende der Jugendzeit und all die nicht gemachten Erfahrungen. Am Ende wendet sie den Blick verhalten-hoffnungsvoll in die Zukunft.


Abschied von der Jugend


Wie der zitternde Verbannte

Steht an seiner Heimat Grenzen,

Rückwärts er das Antlitz wendet,

Rückwärts seine Augen glänzen,

Winde, die hinüberstreichen,

Vögel, in der Luft beneidet,

Schaudernd vor der kleinen Scholle,

Die das Land vom Lande scheidet;


Wie die Gräber seiner Toten,

Seine Lebenden, die süßen,

Alle stehn am Horizonte,

Und er muß sie weinend grüßen;

Alle kleinen Liebesschätze,

Unerkannt und unempfunden,

Alle ihn wie Sünden brennen

Und wie ewig offne Wunden;


So an seiner Jugend Scheide

Steht ein Herz voll stolzer Träume,

Blickt in ihre Paradiese

Und der Zukunft öde Räume,

Seine Neigungen, verkümmert,

Seine Hoffnungen, begraben,

Alle stehn am Horizonte,

Wollen ihre Träne haben.


Und die Jahre die sich langsam,

Tückisch reihten aus Minuten,

Alle brechen auf im Herzen,

Alle nun wie Wunden bluten;

Mit der armen kargen Habe,

Aus so reichem Schacht erbeutet,

Mutlos, ein gebrochner Wandrer,

In das fremde Land er schreitet.


Und doch ist des Sommers Garbe

Nicht geringer als die Blüten,

Und nur in der feuchten Scholle

Kann der frische Keim sich hüten;

Über Fels und öde Flächen

Muß der Strom, daß er sich breite,

Und es segnet Gottes Rechte

Übermorgen so wie heute.

Folge 46 - Sehnsucht (Joseph von Eichendorff)11 Mar 202200:18:01

Eichendorffs Gedicht gilt heute als Inbegriff der Romantik. Dabei ist es erst ganz am Ende der Epoche veröffentlicht worden, wie sie heute in der Regel datiert wird. In dieser Folge wird geklärt, warum dieser Text eine so starke kanonische Wirkung hat und natürlich, wie er inhaltlich und formal beschaffen ist. 


Sehnsucht


Es schienen so golden die Sterne,

Am Fenster ich einsam stand

Und hörte aus weiter Ferne

Ein Posthorn im stillen Land.

Das Herz mir im Leib entbrennte,

Da hab' ich mir heimlich gedacht:

Ach wer da mitreisen könnte

In der prächtigen Sommernacht!


Zwei junge Gesellen gingen

Vorüber am Bergeshang,

Ich hörte im Wandern sie singen

Die stille Gegend entlang:

Von schwindelnden Felsenschlüften,

Wo die Wälder rauschen so sacht,

Von Quellen, die von den Klüften

Sich stürzen in die Waldesnacht.


Sie sangen von Marmorbildern,

Von Gärten, die über'm Gestein

In dämmernden Lauben verwildern,

Palästen im Mondenschein,

Wo die Mädchen am Fenster lauschen,

Wann der Lauten Klang erwacht,

Und die Brunnen verschlafen rauschen

In der prächtigen Sommernacht. -

Folge 45 - Das Sonett und der Sonetten-Krieg (August Wilhelm Schlegel und Goethe)04 Mar 202200:23:38

In dieser Folge geht es um das Sonett an sich, die Frage nach seiner ungebrochenen Popularität und einem poetologischen Streit im 19. Jahrhundert, der zwischen Klassik und Romantik geführt wurde.


Das Sonett (August Wilhelm Schlegel)


Zwei Reime heiß' ich viermal kehren wieder,

Und stelle sie, getheilt, in gleiche Reihen,

Daß hier und dort zwei eingefaßt von zweien

Im Doppelchore schweben auf und nieder.


Dann schlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder

Sich freier wechselnd, jegliches von dreien.

In solcher Ordnung, solcher Zahl gedeihen

Die zartesten und stolzesten der Lieder.


Den werd' ich nie mit meinen Zeilen kränzen,

Dem eitle Spielerei mein Wesen dünket,

Und Eigensinn die künstlichen Gesetze.


Doch, wem in mir geheimer Zauber winket,

Dem leih' ich Hoheit, Füll' in engen Gränzen.

Und reines Ebenmaß der Gegensätze.


_______________________


Das Sonett (Goethe)


Sich in erneutem Kunstgebrauch zu üben,

Ist heil'ge Pflicht, die wir dir auferlegen:

Du kannst dich auch, wie wir, bestimmt bewegen

Nach Tritt und Schritt, wie es dir vorgeschrieben.


Denn eben die Beschränkung läßt sich lieben,

Wenn sich die Geister gar gewaltig regen;

Und wie sie sich denn auch gebärden mögen,

Das Werk zuletzt ist doch vollendet blieben.


So möcht' ich selbst in künstlichen Sonetten,

In sprachgewandter Maßen kühnem Stolze,

Das Beste, was Gefühl mir gäbe, reimen;


Nur weiß ich hier mich nicht bequem zu betten,

Ich schneide sonst so gern aus ganzem Holze,

Und müßte nun doch auch mitunter leimen.


_______________


Natur und Kunst (Goethe)


Natur und Kunst sie scheinen sich zu fliehen,

Und haben sich, eh' man es denkt, gefunden;

Der Widerwille ist auch mir verschwunden,

Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.


Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen!

Und wenn wir erst in abgemess'nen Stunden

Mit Geist und Fleiß uns an die Kunst gebunden,

Mag frei Natur im Herzen wieder glühen.


So ist's mit aller Bildung auch beschaffen:

Vergebens werden ungebundne Geister

Nach der Vollendung reiner Höhe streben.


Wer Großes will muß sich zusammenraffen;

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,

Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Folge 44 - Sie sagt im Gehen (Rudolf Borchardt) ***mit Gast***25 Feb 202201:05:40

"Der bedeutendste unbekannte Dichter des 20. Jahrhunderts" - so beschreibt mein erster Gast, Matthias Richter, den Autor Rudolf Borchardt. In dieser Folge geht es um das widersprüchliche Leben und Schaffen dieses Dichters und um ein Liebesgedicht, das Vergänglichkeit, Sehnsucht und das existenziell-kindliche Verlangen nach dem Stillstehen der Zeit thematisiert.


IX. Sie sagt im Gehen

Gedicht von Rudolf Borchardt

Nur dort die Wiese noch,
 Dahinter den Steg!
Lieber Himmel, daure doch
 Nur aus für einen Weg!

Sagen, was mich drängt, zu gehen
 Noch zu gehn, ist bald geschehen:
Wir gehn Hand in Händen
 Und grade soll sichs enden.

Andre Tage werden sein ?
 Lieber Mond, du wirst sie bringen;
Lieber Wind, nur diesen rein
 Laß zu Ende mir gelingen.

Schütte deine Wolke fern,
 Lieber Wind, verzieh!
Für Lupin und für Luzern
 Brauchts Regen dort wie hie,

Aber dort dauerts,
 — Scheints oder schauerts —
Weil alles hier zu Ende ist.
 Lieber Himmel, gönn die Frist!

Liebe Wolke, regne nicht,
 Laß scheinen, laß scheinen.
Laß dem Abende sein Licht,
 Wir haben nur den einen,

Einen einzigen ganz und gar ?
 — Verhalte den Flug! —
Atemzug, Atemzug,
 Daure mir ein Jahr!

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