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#222 Thomas Leibfried #NieWiederIstJetzt29 Aug 202400:44:34

#NieWiederIstJetzt. Hier könnte dieser Text enden, denn das Wichtigste ist gesagt. Diesem Slogan haben sich seit Jahresbeginn mehrere Millionen Menschen in Deutschland angeschlossen und für die Demokratie demonstriert. #NieWiederIstJetzt ist auch der Name der am schnellsten wachsenden Gruppe auf dem Business-Netzwerk LinkedIn, gegründet von Thomas Leibfried, dem Gast dieser Episode.  

Das kommt dabei heraus, wenn ein politisch denkender Mensch abends im Büro überlegt, wie man sich mit ein paar Gleichgesinnten vernetzen kann. Wobei „Gleichgesinnte“ hier nur meint: Menschen, die ebenfalls mit beiden Beinen fest auf demokratischem Boden stehen. Unter den heute annähernd 20.000 Mitgliedern der LinkedIn-Gruppe ist das volle Spektrum der demokratischen Positionen abgebildet. Das gehört zu den Erfahrungen, die hier wirklich erstaunen. Der rechte Rand will uns immer wieder glauben machen, unsere Gesellschaft sei gespalten, sei ein Irrgarten von Sprech- und Denkverboten und kaum zum Dialog fähig. Aber kaum sind die Demokratiefeinde nicht an Bord, ist der Dialog plötzlich gar nicht mehr so schwierig, auch zwischen unterschiedlichsten Positionen. Ein gemeinsames Fundament hilft ganz offensichtlich.

Lange galt es als gesetzt: Im professionellen Kontext spricht man nicht über Politik. Das ist offensichtlich Geschichte. Thomas und Michael diskutieren, wie sich diese Regel ins Gegenteil verkehrt oder besser: korrigiert hat. Haltung ist inzwischen nicht nur möglich, sie ist nötig. Spannend wird es, wenn sie auch kostet: Schicke ich den Handwerker mit einem eindeutigen Tattoo wieder weg, wenn dafür das Dach ein halbes Jahr nicht gemacht ist? Lasse ich die Stelle weiter vakant, wenn die Bewerber:innen nicht zweifelsfrei auf dem Boden des Grundgesetzes stehen? Und wie gehe ich als Großkonzern mit der Tatsache um, dass ich in der Belegschaft statistisch genau so viele AfD-Wähler:innen haben werde, wie sie in der Gesamtbevölkerung zu finden sind?

Thomas weist im Gespräch auf den Zeitverzug hin. Es ist gut, dass Demokrat:innen sich jetzt vernetzen. Die Feinde der Demokratie haben hier einen Vorsprung. Diesen werden wir nicht ohne Weiteres und gar nicht schnell aufholen. Umso wichtiger, heute anzufangen.

Dem Team von Carls Zukunft ist es an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass unsere Brandmauer stabiler steht denn je. Niemand von uns würde jemals die AfD wählen. Wir nehmen keine Aufträge von Nazis an und kooperieren nicht mit ihnen. Da gibt es nichts zu diskutieren. Wer mit Nazis reden will, sollte besser bei der Staatsanwaltschaft arbeiten oder Richter:in sein; das ist eine gute Gesprächsgrundlage.

Zu Gast: Thomas Leibfried, Head of RPO - Diversity Council Mitglied für 50+ / Demokrat, Gründer der LinkedIn Gruppe "NieWiederIstJetzt"

#221 Laura Gebhardt - Ortskontrollfahrt Mobilität22 Aug 202400:37:02

Auf zur Ortskontrollfahrt – welches Verkehrsmittel darf es denn sein? Für Laura darf es gerne das Fahrrad sein. Schnell, unabhängig, sportlich - und am Zielort muss niemand einen Parkplatz suchen. Laura Gebhardt ist Mobilitätsforscherin am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Ihr wichtigstes Learning aus zahlreichen Projekten: Mobilität ist kein technologisches Problem. Es geht nicht um Batteriekapazität und Reichweite. Es ist auch kein moralisches oder vorrangig regulatives Problem. Zentral sind die Bedürfnisse der Nutzer:innen - und die sind komplex.

Wer eine zukunftsfähige Mobilität realisieren will, muss zunächst genau zuhören. Da tauchen Themen wie Gewohnheit auf: Selbst wenn der Mensch täglich im gleichen Stau steht – sind die eigenen Abläufe erst einmal auf das Auto ausgerichtet und hat der Kaffeebecher seinen festen Platz, wird es auch morgen wieder das Auto sein. Die Mobilitätsexpertin Katja Diehl hat herausgearbeitet, wie viele Menschen täglich das Auto nutzen, obwohl sie gar nicht gerne fahren. Und dennoch …

Angst ist ein weiteres Thema. Laura hat erlebt, wie in einem Projekt der traditionelle Bus durch einen On-Demand-Bus ersetzt wurde. Der fährt immer dann, wenn er gebraucht wird, aber eben nicht mehr um 19 nach, so wie früher immer. Das löst Ängste aus, ausreichend noch so intelligente neue Lösungen scheitern zu lassen.

Wo würde Laura anfangen, auf einer grünen Wiese? Bei der Mobilität selbst. Denken und planen wir Mobilität, bevor wir Wohnhäusern, Gewerbeimmobilien und Büroräumen ihren Platz zuweisen. So entstehen die Räume, die wir oft vermissen, wenn es daran geht, zukunftsfähige Mobilität zu realisieren. Und wenn denn noch ein Wunsch frei wäre? Kilometerlange, echte Fahrradstraßen, so wie in Holland, Frankreich und Dänemark. Das muss der Mensch nicht einmal mehr erfinden.

Zu Gast: Dr. Laura Gebhardt, Wissenschaftlerin in der Abteilung Mobilität und Urbane Entwicklung des DLR-Instituts für Verkehrsforschung in Berlin

#212 Ralf B. Wehrspohn – Innovation im Plattenbau20 Jun 202400:45:08

Im Grunde wollen ja alle Innovation. Innovation ist wahnsinnig attraktiv. Wenn es aber ans Risiko geht, dass es dabei zu tragen gilt, werden viele wieder zurückhaltend. Für die Wirtschaft, für die Gesellschaft insgesamt, wird das schnell zum Problem. Dieses Phänomen sehen wir vor allem bei den echten Ungewissheiten, wo nicht nur die Lösung unklar ist, sondern auch die Rahmenbedingungen, sagt Ralf Wehrspohn. Ralf ist Physiker und treibt das Thema Innovation, bei Fraunhofer und darüber hinaus.

Zehn neue Wege stehen zur Wahl, mindestens neun werden scheitern - wer trägt das Risiko für Innovationen? Der Staat? Einzelne Unternehmen? Investoren? Anstatt uns gegenseitig mit solchen Fragen lahmzulegen, sollten wir lieber auf Kooperationen setzen. Ralf macht sich für symbiotische Innovationen stark. Am Beispiel des Lithiums: Wer das begehrte Metall aus dem Erz gewinnen will, erzeugt gewaltige Mengen Abraum. In klassischer Sicht: Ein teures Problem. In Symbiose: Wertvoller Ausgangsstoff für die Bauindustrie. Schon wird Entwicklung günstig und sicher. Wer dann auch noch Recycling-Ströme mitdenkt, ist schon fast bei er Kreislaufwirtschaft angekommen.

Das Prinzip ist nicht neu. Jeder Chemiepark beruht auf genau diesem Prinzip, hier Stoffverbund genannt. Diese Netzwerk halten die Chemieindustrie am Leben und am Standort. Dennoch, so Ralf, müssen wir gezielt stärker in solchen Verbünden denken. Niemand gewinnt die Innovation allein.

Das Prinzip trägt auch im gesellschaftlichen Kontext. Ralf berichtet von Projekten im Kontext Demografie, die er begleitet. Die Zahl älterer Menschen, die im Alltag Hilfe benötigen, wird absehbar in den kommenden Jahren stark steigen. Private Pflege für alle scheidet schon aus Kostengründen als Modell für alle aus. Wie aber dann? Man nehme eine traditionelle Großwohnsiedlung - auch Plattenbau genannt - und verwandele sie in eine stabile Lebenswelt, mit MVZ, Pflegedienst, entsprechenden Technologien im Haus und Integration der Krankenkasse. Schon ist die Symbiose entstanden, in der der Erfolg des einen zur Voraussetzung des Erfolgs des anderen wird.

Das Beispiel zeigt: Was uns fehlt, ist vielfach das Zutrauen in Kooperationen. Geld jedenfalls ist genug im System, sagt Ralf (und erwartet Widerspruch…). Wenn überhaupt, müssen wir lernen, Geld anders zu verteilen. Weg von starren Meilenstein-basierten Projektplänen, die nur bei inkrementellen Innovationen hilfreich sind. Da, wo es um das wirklich Neue geht, brauchen wir die systematischen Tugenden, die wir von Universitäten schon lange kennen: Kluge Menschen, stabile Grundfinanzierung, attraktive Ziele. Und auf geht es.

Zu Gast: Prof. Dr. Ralf B. Wehrspohn, Innovator, Gründer, Wissenschaftsmanager, Universitätsprofessor, Dochsager.

#122 Jörg Alt – Die Kunst des Widerstands29 Sep 202200:35:12

Diese Woche in der Zukunft: 

Ein zorniger Mann im Gespräch. Jörg Alt ist Priester, Sozialwissenschaftler und seit vielen Jahr Aktivist für eine bessere, für eine gerechtere Welt. Sein jüngstes Buch heißt „Widerstand! Gegen eine Wirtschaft, die tötet“. Und nach Jahrzehnten des gelehrten Lebens, klebt er sich inzwischen mit dem „Aufstand der letzten Generation“ in Nürnberg an die Straße. 

Warum ist jemand bereit ins Gefängnis zu gehen? Jörg ist erfrischend klar: Den Weg über Argumente, kluge Bücher und gewichtige Diskussionen hat er ausführlich beschritten, ohne relevantes Ergebnis. Obendrein musste er sich aktuell belehren lassen, welche Wirkung Kipppunkte haben und wie wenig Zeit wir wirklich haben, die schlimmsten Folgen der Klimakrise abzumildern. 

Dann also kleben und mit den Polizisten diskutieren, denen der Einsatz gegen einen gestandenen Priester offensichtlich auch unangenehm war. Der Staatsanwaltschaft erging es offenbar ähnlich. Nachdem Jörgs Verfahren – im Unterschied zu den Verfahren gegen die anderen Aktivisten – vorzeitig eingestellt werden sollte, hat er genau gegen diese Einstellung geklagt. Gleiches Unrecht für alle. Radikal, auch da ist Jörg klar, sind diejenigen, die Öl in das „Weiter so“ gießen. 

Wir stehen uns offenbar selbst im Weg. Wir haben alle Mittel und Wege, um die Klimakatastrophe zu verhindern, doch wir tun es nicht. Es gibt Länder in Europa, die ein „Essen retten“-Gesetz haben und so die Lebensmittelverschwendung reduziert haben. Wir nicht. Wir könnten das 9-Euro Ticket problemlos weiterlaufen lassen. Wir könnten eine Milliarde Liter Sprit durch das Tempolimit einsparen. Einfache Schritte, die getan werden könnten, wenn nicht eine der Regierungsparteien dem permanent im Weg stehen würde. Warum können wir den Wandel nicht als positiv erkennen und gestalten? Wir warten, bis die Klimakrise da ist, um sie erst dann zu bekämpfen. Doch dann …

Anfang Oktober eröffnet der Jesuitenorden ein Zentrum in Nürnberg namens Ukama. Hier sollen genau diese Debatten einen Ort finden, die es braucht, damit wir den Wandel gestalten. Damit wir die schlichte Frage ins Zentrum rücken: Was macht für uns ein gutes Leben aus? SUV und Schottergarten – oder doch eher Gesundheit, Familie, Glück? Von dort aus will er der professionellen Kommunikation radikalen Bewahrer in Politik und Konzernen etwas entgegensetzen. 

Zu Gast in dieser Woche:

Jörg Alt, Priester, Sozialethiker, Sozialwissenschaftler, Aktivist, Jesuit. Sein jüngstes Buch heisst „Widerstand! Gegen eine Wirtschaft, die tötet“.      

Twitter: @JoergAltSJ

Das neue Zentrum: Ukama: Zentrum für Sozial-Ökologische Transformation. Am 1. Und 2. Oktober 2022 findet der Eröffnungskongress statt.

#121 Globaler Klimastreik: Die große Zukunftsdebatte22 Sep 202200:36:42

Diese Woche in der Zukunft: 

Wir haben die Hoffnung, eine neue Normalität zu entwerfen, eine bessere Normalität. Wir werden zurückschauen und uns wundern. Mit diesem Gedanken schließt Verena Kantrowitsch von Pschologists for Future die große Zukunftsdebatte im Podcast. 

Für den 23. September haben zahlreiche Organisationen erneut zum globalen Klimastreik aufgerufen. Ein großes Statement für eine andere Zukunft. Sicher offen, unbestimmt, im Einzelnen strittig, aber: Anders. Wir nehmen das Thema auf und diskutieren: Lohnt es sich, für das Kima zu streiken? Eine Analyse in fünf Schritten. 

  1. Ist es notwendig, für das Klima zu streiken? Oder haben wir längst alles, was wir brauchen, um der Klimaerwärmung Einhalt zu bieten? Technologisch ist sicher viel einsatzfähig, allein der Wille zur Umsetzung?
  2. Ist es angemessen, für das Klima zu streiken – oder ist das Mittel zu radikal?
  3. Ist es zielführend, für das Klima zu streiken? Oder ist der Streik ein unzureichendes Mittel, um die Klimakrise abzumildern? Brauchen wir andere, drastischere, wirkungsvollere Mittel?
  4. Stiftet der Klimastreik eine ganz neue Gemeinschaft und wirkt damit auf diese Weise über den eigentlichen Tag hinaus?
  5. Ist es erfolgversprechend, für das Klima zu streiken?

Entstanden ist eine große Zukunftsdebatte mit zahlreichen bemerkenswerten Stimmen und relevanten Aussagen. In den vergangenen Wochen und Monaten haben sich zahlreiche namhafte Persönlichkeiten bei „carls zukunft der woche“ zum Komplex der Klimakrise geäußert. Ihre Gedanken, Thesen, Fragen und Forderungen sind Teil dieser Zukunftsdebatte bei „carls zukunft der woche“

Zu Gast in dieser Woche:

Verena Kantrowitsch, Psychologists4future, Psychologin: #109 Verena Kantrowitsch - Mut und Optimismus für die Klimakrise

Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group, Botschafter für 100% Erneuerbare Energien, Mitglied des Deutschen Bundestages 1998-2013, Autor des Entwurfs des EEG 2000: #119 Hans-Josef Fell – Das Ende der fossilen Energiekonzerne

Özden Terli, Meteorologe und Wetter-Moderator im ZDF. @TerliWetter: #117 Özden Terli – Wenn der ZDF-Wettermann zum Klima spricht

Reinhard Steurer, Universität für Bodenkultur Wien, Professor für Klimapolitik. Auf Twitter: @ReiSteurer 05: Review 2021: Reinhard Steurer – Das Scheitern der Klimapolitik

Jule Darwig, Ärztin, Health for Future : #111 Jule Darwig – Es wird heiß!

Dr. Alexander Grevel, Vorstandsmitglied Klimaliste Deutschland, seit einigen Monaten aktiv bei der Gruppe „Aufstand der letzten Generation“: #108 Alexander Grevel – Der Aufstand der Letzten Generation

Prof. Dr. Stefan C. Aykut, Universität Hamburg, Professur für Soziologie, insbesondere ökologische Krisen und Konflikte: #91 Stefan C. Aykut – Warum es nicht genügt, Recht zu haben

Jan Hegenberg, Autor von „Weltuntergang fällt aus“, Gründer des Blogs Graslutscher.de, freier Autor, Factchecker, Facebook-Trolljäger: #115 Jan Hegenberg - Der Graslutscher sagt: Weltuntergang fällt aus

#120 Markus Stelzmann – Die erfolgreiche Organisation der Zukunft15 Sep 202200:44:05

Diese Woche in der Zukunft:

Meinen wir Transformation und Wandel in Unternehmen ernst? Also wirklich? Und wieviel "New Work" bleibt doch an der Oberfläche, im Arbeitskreis, wird nie wirksam? Tele Haase, hoch spezialisierter Steuergerätehersteller in Wien, nennt es nicht New Work, sondern sinnvolle Arbeit, hat aber schon vor zehn Jahren den Schritt hin zu einem demokratischen Unternehmen gemacht - und ist heute wirtschaftlich erfolgreicher denn je. Markus Stelzmann ist selbst aus der Rolle des Geschäftsführers herausgetreten; nicht nominell, aber faktisch. Im Gespräch mit Michael beschreibt er die Lernreise seines Unternehmens.

Die Teams entscheiden über Produkte, Preise, Vertrieb. Nicht leichtfertig, aber umso sachkundiger. Jede:r bei Tele soll den Mut haben, die eigene Aufgabe überflüssig machen zu wollen, und das Vertrauen, dass sich eine neue Aufgabe bei Tele finden wird.

Wer das ernsthaft will, der muss Kompetenzen schaffen. Bei Tele können alle Mitarbeiter zumindest die Grundlagen der Bilanz lesen. Transparent und zugänglich sind die Zahlen ohnehin. Also lernen alle Stück für Stück, unternehmerisch zu denken. Und wer sich ausgründen will, wie schon mehrfach geschehen, wird zum B2B-Partner von Tele - alle profitieren.

Stichwort "ernsthaft": Wer sich den Tele-Kosmos als Bällebad mit viel Tagesfreizeit vorstellt, muss sich wahrscheinlich selbst vom Gegenteil überzeugen. Die Mitarbeiter:innen selbst regulieren die Kultur - und trennen sich durchaus auch von denen, die nicht passen.

Für die erfolgreiche Organisation gibt es keine Blaupausen mehr, keine Schablonen, die wir nur auf die eigene Organisation übertragen müssten. Tele übersetzt das: Experimentieren, lernen, machen, ändern - und wieder von vorn.

Tele ist inzwischen ein Lernort geworden. Hier lernt die Organisation. Hierher kommen Menschen und Teams und probieren sich aus. So viele, dass Markus inzwischen einen Spielplatz dafür eingerichtet hat, den "Organisation Playground".

Diese Woche zu Gast:

Markus Stelzmann, Gesellschafter und Geschäftsführer von Tele Haase und Organisation Playground

#119 Hans-Josef Fell – Das Ende der fossilen Energiekonzerne08 Sep 202200:38:18

Diese Woche in der Zukunft:

An die Arbeit! Hans-Josef Fell kämpft seit Jahrzehnten für die Energiewende. Und er ist schnell auf 180: Es droht schlicht das Ende der menschlichen Zivilisation. Das Ende von dem, was uns lieb ist. Die schlechte Nachricht: Wir haben kaum noch Zeit, das abzuwenden. Die gute Nachricht: Wir haben es in der Hand. 

Hans-Josef gilt als einer der Väter der Energiewende. Präzise: Der inzwischen abgewürgten Energiewende und aus seinem Ärger über das Scheitern der Politik und die Strategien der großen Energiekonzerne macht er keinen Hehl. Immer noch finden sich die Argumente, erneuerbare Energien sein nicht ausreichend, zu volatil, seien zu teuer. Argumente, mit den uns die Öl- und Atomkonzerne den Kopf vernebeln, sagt Hans-Josef. Die alten Energien Kohle, Öl und Atom, die sind zu teuer. 

Die Erkenntnis tut weh, aber: Wir haben kaum noch Zeit. Das Zeitfenster, das wir haben, um uns zu aktivieren, schließt sich - und es schließt sich schnell. Klimaneutralität ist nicht genug. Wir müssen auf allen Ebenen davon ablassen, Emissionen freizusetzen. In der Energiewirtschaft, in der Industrie, in der Landwirtschaft. Angesichts von 420 ppm Treibhausgasen in der Atmosphäre haben wir a) kaum noch Zeit für den Turnaround und dürfen b) im Grunde keine zusätzlichen Treibhausgase mehr freisetzen. 

Wie schaffen wir das? Die großen Konzerne werden es nicht richten. Die Macht dieser Konzerne wird es in zehn Jahren ohnehin nicht mehr geben - und wir haben keinen Grund für Mitleid. Wir können es schaffen, wenn jede:r etwas tut. Keinen Atomstrom mehr bezieht. Seine Mobilität verändert. Und vor allem: In erneuerbare Energien investiert, Genossenschaften gründet, den Bürgermeistern und Stadtwerken Druck macht. Stück für Stück brechen wir so die Macht der Konzerne und können schon 2030 bei 100% erneuerbaren Energien sein. 

Zu Gast in dieser Woche:

Hans-Josef Fell, Präsident der Energy Watch Group, Botschafter für 100% Erneuerbare Energien, Mitglied des Deutschen Bundestages 1998-2013, Autor des Entwurfs des EEG 2000

#118 Bob Blume – Normale Schule ist radikal anders!01 Sep 202200:46:16

Diese Woche in der Zukunft: 

Bob Blume ist Lehrer und Blogger, Autor und Bildungsinfluencer, kurzum: Er ist Lehrer mit Leidenschaft und streitet für eine gute Schule. Bob sagt: Gute Schule ist ganz leicht. Wir brauchen Personal, Raum, Zeit und Ressourcen. Mehr nicht. Im Sinne einer verbindlichen Flexibilität können Schulen sich damit zu einem Bildungsort entwickeln. Denn drunter geht es nicht: Schule muss attraktiv sein, ein Ort, an den alle gerne kommen wollen, Schüler:innen, Lehrkräfte und zahlreiche weitere Experten. Das ist das einzige „normal“, das wir an der Schule noch akzeptieren wollen. 

So sieht eine Schule für heute und morgen aus: Konzentration auf grundlegende Kompetenzen in den ersten fünf Jahren: Lesen, Schreiben, Rechnen, Reden, Coden. Gleitzeit für alle. Die Lehrer:innen werden Mentor:innen; ihre Aufgabe ist es, Lernprozesse zu begleiten und zu unterstützen. Noten gibt es keine, nur die Stufen: nicht bestanden, bestanden, mit Auszeichnung. Statt Abiturzeugnis schickt die Schule Empfehlungsschreiben an ausgewählte Universitäten. Und weil Schule mehr ist als angewandte Berufsvorbereitung, bereitet die Schule auch auf alles das vor, was Menschen nach Feierabend mit Leidenschaft tun. 

Das, da sind Bob und Michael sich schnell einig, wollen wir von jetzt an eine „normale Schule“ nennen. Die Entwicklung und in Teilen radikale Veränderung, das muss das Normale sein. Der Rest, der sich nicht bewegt, darf in unseren Augen nicht die Norm sein; nennen wir es rückständig, verstaubt, eingeschlafen, ganz nach Belieben. 

Eine solche neue normale Schule sollte auch kaum Schwierigkeiten haben, ausreichend Lehrkräfte anzuziehen und auf Dauer für die wunderbare Aufgabe von Schule zu begeistern: Kinder bei der Entwicklung zu unterstützen und in ihnen das Gefühl wachsen zu sehen: Mir steht die Welt offen. Wovon wir uns guten Gewissens verabschieden können, ist das Bild des allwissenden Lehrers, der möglichst viel Wissen in möglichst knapper Zeit in die Schülerhirne bringt. Herr Lehrer, muss ich mir das aufschreiben oder kommt das in der Klausur gar nicht dran? 

In der Folge kommen Bob und Michael auch auf Micha Pallesche zu sprechen, den Leiter der Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe. Er war in Folge 75 „Digitale Bildung ist möglich“ hier im Podcast zu Gast. 

Zu Gast in dieser Woche:

Bob Blume, Lehrer, Bestseller-Autor, Blogger und Bildungsinfluencer, @blume_bob

Buch: “10Dinge, die ich an der Schule hasse” 

#117 Özden Terli – Wenn der ZDF-Wettermann zum Klima spricht25 Aug 202200:38:10

Diese Woche in der Zukunft:

Wer heute noch Hitzewellen und Dürre in Europa mit spielenden Kindern im Freibad bebildert, macht sich der unterlassenen Berichterstattung schuldig. Die Klimakrise ist real, wir müssen auf null Emissionen runter und das schnell. Ein Gespräch mit Özden Terli, Meteorologe und Wettermann im ZDF. 

Özden gehört zu den Journalisten, die immer wieder zur besten Sendezeit darauf hinweisen, wo wir die Auswirkungen der Klimakrise bereits heute erleben. Persönlich erhält er dafür ausschließlich positives Feedback. In den sozialen Medien hingegen wird er dafür immer wieder hart angegangen. Özden wehrt sich und veröffentlicht diese Anwürfe - auch um deutlich zu zeigen, dass man sich wehren kann. 

Ist das Aktivismus statt Journalismus? Özden sagt: Im Gegenteil. Wir laufen auf derzeit eine 3 Grad-Welt zu. Stefan Rahmsdorf hat kürzlich anschaulich beschrieben, was das praktisch bedeutet. Wer das Papier noch kennt, findet es hier. Die Zeit die uns noch bleibt, um diese 3 Grad-Welt abzuwenden, ist Goldstaub. Wir dürfen sie nicht verschwenden mit Diskussionen über Technologieoffenheit oder die Laufzeit von Atomkraftwerken. Das sind Nebelkerzen derer, die einen wirksamen Klimaschutz verhindern wollen. 

Wer ist hier eigentlich radikal? Özden Terli sagt ganz klar: Die Radikalen, das sind die, die den Klimaschutz verzögern und verhindern. Diejenigen hingegen, die ein sofortiges Umdenken einfordern, die protestieren und sich auf die Straße kleben, die sind nur vermeintlich radikal. Radikal ist ein weiter so. 

Wir sind alle Aktivisten: Entweder setzen wir uns für einen schnellen Wandel im großen Maßstab ein. Dann sind wir Aktivisten einer 1,5 Grad-Welt. Oder wir blockieren diesen Wandel oder bremsen ihn durch Nichtstun. Dann sind wir Aktivisten für eine 3 Grad-Welt. Öden zitiert damit Prof. Sebastian Seiffert, der in Folge 55 Gast hier in „carls zukunft der woche“ war.

Schaut Özden Terli optimistisch in die Zukunft? Er wünschte, er könnte. Özden plädiert für einen realistischen Blick - und da ist derzeit nichts zu erkennen, das uns optimistisch stimmen könnte. Das zu ändern, ist unsere Aufgabe. Da ist zum einen das eigene Verhalten. Aber viel wichtiger noch: Es geht um den Wandel im großen Maßstab. Also schreiben wir unseren örtlichen Politikern, den Managern der ortsansässigen Firmen, allen Multiplikatoren, die wir kennen und erreichen können. 

Zu Gast in dieser Folge: Özden Terli, Meteorologe und Wetter-Moderator im ZDF. @TerliWetter

Rahmsdorf-Papier: Stefan Rahmstorf – Klima und Wetter bei 3 Grad mehr

Eine Erde, wie wir sie nicht kennen (wollen)

#116 Sylvia Lier – Das 9€-Ticket als Einstieg in die Mobilität der Zukunft: Einfach, günstig, integrativ.18 Aug 202200:36:28

Diese Woche in der Zukunft: 

Die Mobilität der Zukunft ist einfach. Und sie ist vernetzt. Gut ist: Wir müssen es nur tun. Und noch besser: Wir tun es schon. Das 9€-Ticket ist im Kern eine Vorform dessen, was gute Mobilität der Zukunft ausmacht. Sagt Sylvia Lier, langjährige Führungskraft in Sachen #Kfz-Flottenmanagement und #ÖPNV. Sylvia ist Expertin für multimodale Personenmobilität. Ihr Bild: Eine App regelt meine Mobilität, samt Echtzeitdaten und Tickets – unabhängig von Verkehrsmittel und konkretem Betreiber. Wenn wir wollten, könnten wir das direkt realisieren.

Sylvia war in ihrer Karriere verantwortlich für Mobilität auf Reifen wie für solche auf Eisenbahn- wie auf Straßenbahnschienen. Ihr Fazit: Wir brauchen das alles. Der Mix macht es – und zukunftsfähige Mobilität entsteht, wo das vielfältig Vernetzte so einfach zur Verfügung steht, dass niemand mehr vor dem Fahrkartenautomaten verzweifelt, sondern alle ihren jeweils aktuell besten Mix angeboten bekommen. 

Die Betonung liegt auf „alle“. Auch wenn wir vielfach das eigene Auto mit Freiheit verbinden, tatsächlich schließt es Millionen Menschen aus: Kinder, Alte, körperlich Eingeschränkte, Menschen ohne Führerschein, Menschen, die sich das Autofahren schlicht nicht leisten können. Hinzu kommen auch noch die, die das Auto heute nur nehmen, weil ihnen irgendeine Alternative fehlt. Kurzum: Der Fokus auf das Auto lässt große Teile der Bevölkerung aus dem Blick. Mobilität der Zukunft darf genau das nicht. 

Was fehlt uns, um eine zukunftsfähige Mobilität umsetzen? Mut, sagt Sylvia. Einfach machen. Technologisch sind die Herausforderungen im Wesentlichen schon gelöst. Es geht nur um das Tun, dann haben wir in weniger als zehn Jahren integrierte Mobilität, flächendeckend, integriert und integrierend. 

Zu Gast in dieser Woche: Sylvia Lier, Mobilitätsexpertin, war Geschäftsführerin bei Leaseplan, im DB-Konzern und bei den Düsseldorfer Stadtwerken 

#115 Jan Hegenberg - Der Graslutscher sagt: Weltuntergang fällt aus11 Aug 202200:36:45

Diese Woche in der Zukunft: 

Jan Hegenberg schreibt über die Klimakrise, was wir tun können und was wir tun müssen, um sie abzumildern. Zumindest so weit abzumildern, dass wir gut leben können. Sein Credo: Wir können das. Wir werden unser Leben dafür verändern müssen, allerdings nicht mit Verzicht und Einschränkung. Der Wandel im Zuge der Klimakrise wird im besten Fall die Erderhitzung verlangsamen, sie ermöglicht uns auch ein angenehmeres Leben.

Das Buch von Jan trägt den Titel „Weltuntergang fällt aus“. Er sagt: Wir sind es so gewohnt, uns auf die Probleme zu konzentrieren, dass wir darüber die Lösungen vergessen, die längst da sind. Um unserem Optimismus auf die Sprünge zu helfen, hat er sein Buch geschrieben. Dabei hat er es auf die zahlreichen weit verbreiteten Irrtümer abgesehen, denen wir immer und immer wieder auf den Leim gehen. Beispiel: Mit der Verkehrswende wird alles mühsamer, wenn wir nicht mehr überall mit dem Auto hinfahren dürfen. Selbe Entwicklung, positives Framing: Unsere Städte werden sauberer und leiser, wir haben mehr Platz, es wird eleganter und günstiger.

Zweites Beispiel: Erneuerbare Energien und die Angst vor den windstillen Nächten im Winter - in denen wir massenhaft Energie brauchen, aber weder wind noch Solar anspringen. Jan hält dagegen: Diese Ausnahmen gibt es - und haben längst Instrumente. Wir können grünen Sommerstrom nutzen, um Wasserstoff zu speichern und künstliches Ethanol zu erzeugen. Wir verfügen mit unserem Gasnetz längst über die Infrastruktur, es zu speichern und zu transportieren. Teuer? Klar, aber so selten, dass das nicht weiter ins Gewicht fällt.

Die Klimawende ist für Jan vergleichbar mit der industriellen Revolution: Am Anfang stand die Erfindung der Dampfmaschine und erst in der Folge hat sich gezeigt, was auf einmal alles möglich ist. Ähnlich erwartet er es hier: Was wird auf einmal möglich, wenn zumindest einigenorts Energie im Überfluss zur Verfügung steht? Welche Produkte können wir dann erzeugen, welche Prozesse umsetzen? Wir werden erleben, wie sich die globalen Kräfte verschieben, wenn Länder, die heute eher arm sind, auf einmal Energie ohne Ende bieten können.

In Summe: Der Weltuntergang fällt aus. Wir haben jeden Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen.

Zu Gast in dieser Woche:

Jan Hegenberg, Autor von „Weltuntergang fällt aus“, Gründer des Blogs Graslutscher.de, freier Autor, Factchecker, Facebook-Trolljäger

Buch: Jan Hegenerberg – Weltuntergang fällt aus – Verlag KOMPLETT-MEDIA – Preis 22,00 €

#114 Carina Frei - Female Empowerment04 Aug 202200:35:19

Diese Woche in der Zukunft:

“Boost your performance, not your boobs.” Carina Frei ist Autorin und Keynote-Speakerin, Female Empowerment ist ihr Thema. In Seminaren und Coachings unterstützt sie Frauen bei ihrer Entwicklung. Frauen wie Männer haben gelernt, Frauen mit dem male gaze, dem männlichen Blick zu betrachten und zu bewerten. Carinas Credo: Es liegt an den Frauen selbst, aktiv zu werden und an ihrer Lage etwas zu verändern. 

Für Carina wird der Unterschied zwischen Männern und Frauen bei der Karriere sichtbar – und änderbar. Während Männer Räuberleitern bilden und sich gegenseitig auf dem Weg nach oben unterstützen, greifen Frauen viel zu häufig auf anerzogene Muster von Neid und Konkurrenz zurück und ziehen sich auch noch gegenseitig herunter. Die einen kommen hoch – die anderen halten sich mit blabla auf. Hier ins Handeln zu kommen, da beginnt für Carina Female Empowerment. 

Der Unterschied zwischen Männern und Frauen beginnt schon in der Sprache. Männer sagen an, Frauen bitten um Entschuldigung. Man versuche einmal, für die eigene Tochter ein T-Shirt zu kaufen mit Superhelden statt Glitzer. Carina hängt jedes Mal beim Einkaufen die coolen NASA-Shirts aus der Jungsabteilung in die Mädchenabteilung um. Es ist das Thema der Bikini-Figur: Muss ich erst fragen, ob ich es mir erlauben kann? Oder hat nicht jede eine Bikini-Figur, die einfach im Bikini an den Strand geht? 

Carinas zunächst eher pessimistische Einschätzung: Wir befinden uns auf dem Weg zurück, was die gleichberechtigte Position von Frauen in Gesellschaft und Beruf betrifft. Der Abbau von Frauenrechten in den USA ist nur ein Beispiel, allerdings muss ja Europa gar nicht verlassen, um ganz ähnliche Entwicklungen festzustellen. Umso mehr, sagt Carina, dürfen Frauen sich nicht in unterschiedliche Gruppierungen und Feminismen aufsplitten lassen. Das nützt nur der alten Welt.

Zu Gast in dieser Woche: Carina Frei, Keynote Speaker und Autorin – #ALPHAWOMAN - www.carinafrei.com

#113 Verena Ziegler – Deep Tech Mode28 Jul 202200:30:52

Diese Woche in der Zukunft: 

Die Modeindustrie Platz aus allen Nähten und produziert immer weiter vor sich hin. Es gibt zu wenig Innovation und zu wenig Digitalisierung im Modebusiness. Wir müssen über unseren Modekonsum sprechen. Jeder kennt es: Der Kleiderschrank quillt über und es muss wieder aussortiert werden. Gut, dass sich seit 160 Jahren in der Modeindustrie, kaum etwas geändert hat. Also, einfach so weiter wie bisher, oder? Unsere Kleidung ist der zweitgrößte umweltverschmutzer weltweit. Es muss sich also etwas ändern, wenn wir die Kurve der Klimakrise nach unten korrigieren wollen. Wir sprechen über die Zukunft von Mode, Technologie und Forschung. Genauer gesagt: OpenDress und wie wir besser mit unserem Modekonsum umgehen können.

Verena Ziegler ist Co-founder und CEO von OpenDress, das Unternehmen hat eine Technologie entwickelt, die sich BEAWEAR nennt. Mit dieser Software kann man in online Shops einen 3D-Scan seines Körpers, einfach zuhause, vor seiner eigenen Kamera machen. Die Kleidung bleibt bei dem Scan einfach an und dann wird sich einmal im Kreis gedreht, dreimal die Hacken zusammengeschlagen und schon entsteht der „Digitale Zwilling“ der zu den Maßen des eigenen Körpers passt. Ab jetzt wird nur noch die Kleidung im Onlineshop angezeigt, die exakt passt.

Wenn wir uns die Retoure Quoten ansehen, dann werden bis zu 75 % aus Gründen der Passform zurückgeschickt. Was für eine Katastrophe, wenn wir jetzt über unsere Umwelt nachdenken. Stellen wir uns einmal vor, wie wir in Zukunft shoppen gehen, alles online, versteht sich. Wir können unseren Digitalen Zwilling einfach alles anprobieren lassen, senken somit die Retouren und lassen genauer Produktionsbedingungen zu. Hier geht es um Deep Tech: Tiefliegende Informationen entnehmen und somit die Produktion anpassen. Die Unternehmen wissen in Zukunft wie Ihre Kunden aussehen, das ist dann fast so, als würde man einen Laden betreten und freundlich grüßen.

Beawear digitalisiert den komplizierten weg des Vermessens und Erstellen eines Schnittmusters. Am Ende bleibt die Nähleistung und damit auch Handwerkliche Kompetenzen vor Ort. Denn die großen Produktionen bleiben durch die Software aus. Produziert wird dann in nachhaltigen Microfactorys die regional vor Ort sind.

Zu Gast in dieser Woche:

Verena Ziegler ist Co-founder und CEO von BEAWEAR - OpenDress

#Timecodes zur Folge:

• Begrüßung

• 1:24 Technologie

• 4:30 Online-Shopping

• 10:21 Digitalisierung der Modeindustrie

• 14:25 Microfactorys

• 24:35 Neue Handwerkskultur

#211 Christian Vollmann – Deine beste Chemiestunde jemals.13 Jun 202400:47:44

Kann eine neue Chemie die Welt retten? Jedenfalls kann sie die Welt grundlegend verändern. Grünes Methanol, Kohlenstoff, Katalyse sind die Stichworte. Wenn dieser Wandel gelingt, ist das mindestens einen Nobelpreis wert, sagt Christian Vollmann. Er ist einer der Gründer von C1 und diese Woche zu Gast bei Michael.

Doch der Reihe nach: Kohlenstoff ist der grundlegende Baustein unseres Wohlstands. Seit Jahrhunderten nutzen wir ihn, um Kunststoffe, Treibstoffe und eine Vielzahl von Produkten herzustellen, die unseren Alltag prägen. Genommen haben wir diesen Kohlenstoff hauptsächlich aus fossilen Quellen - Öl, Gas und Kohle - und am Ende landet er in der Atmosphäre als CO2. Davon landet dort so immer mehr, die Folgen sind bekannt. Entnehmen wir den Kohlenstoff hingegen aus der Luft und nutzen diesen dann für Produkte oder Treibstoffe, entsteht ein Kreislauf. In der Atmosphäre landet immer nur das CO2, das vorher schon dort war.  

Wie kommen wir an diesen Kohlenstoff? Der menschengemachte Elektroweg ist noch in Entwicklung. Aber nehmen wir doch Pflanzen. Wann immer die Sonne scheint, gewinnen sie Kohlenstoff aus der Luft, um damit zu wachsen. Damit ist der Kreislauf schon fast geschlossen. Aber wie werden Pflanzen zu Ausgangsstoffen der chemischen Industrie, wie zu Treibstoff? Indem wir aus ihnen Methanol erzeugen. Einfachen Alkohol, den, der blind macht. Damit schließen wir den Kohlenstoff-Kreislauf. Nutzen wir dafür erneuerbare Energien, ist das Methanol grün.

Bislang ist das Verfahren aufwändig, schwerfällig, wenig flexibel und braucht große Mengen Energie. Hier kommt C1 mit ihrer neuen Chemie ins Spiel. Geht der Plan auf, können sie in drei Jahren die erste kommerziell taugliche Produktion in Betrieb nehmen.

Der Bedarf ist gigantisch. Schifffahrt, Langstreckenflugzeuge und chemische Produktion. Überall, wo es um die stoffliche Nutzung von Kohlenstoff geht - oder sich Antriebe nicht elektrifizieren lassen. (Das schließt Autos ausdrücklich aus. Wer immer noch an eFuels in Autos glaubt, muss wirklich noch einmal in den Chemie-Unterricht. Ganz vorne anfangen).

Das Team von C1 revolutioniert auf diesem Weg die etablierten Verfahren in der Chemieindustrie. Wie? Erläutert Christian. Sie wollen dreimal so schnell sein. C1 hat eine neue chemische Methode zur Katalyse entwickelt, die effizienter und weniger energieintensiv ist als bisherige Verfahren. Nicht im Labor, sondern im Rechner. Sie verändern das Ziel: Es geht um viele kleine und mittlere Anlagen, nicht unbedingt die großen. Und bei Erfolg werden wir binnen 15 Jahren die verfügbaren Pflanzenquellen alle erschlossen haben. Bis dahin muss der Elektroweg funktionieren, Kohlenstoff direkt aus der Luft zu gewinnen. Und diesen Erfolg, den brauchen wir.

Zu Gast: Christian Vollmann, Founder and CEO C1 Green Chemicals AG

#112 Matthias Dersch – Die Zukunft des Fußballs21 Jul 202200:38:12

Diese Woche in der Zukunft: 

Der Zuschauer reibt sich verwundert die Augen. Die Zuschauerin auch. Die EM der Frauen zeigt einen Fußball, der einen erheblichen Qualitätssprung gemacht hat. Matthias Dersch, Reporter beim kicker, sagt: Einer der Gründe für diese Verwunderung ist: Es schaut normalerweise keiner hin. Die Entwicklung läuft längst. Wenn es eine Zielgruppe für attraktiven, schnellen und hochwertigen Fußball gibt, die gleichzeitig weder Ronaldos Millionengage noch eine WM in Katar wollen: Frauenfußball hat das Potenzial, in diese Lücke zu stoßen und damit ein Stück Zukunft zu werden. 

Bei aller fundierten Kritik: Die Blase Fußball wird nicht platzen. Die Stadien der WM in Katar werden voll sein, auch mit deutschen Fans. Die Spieler werden weiterhin auf ihre Profile bei FIFA achten, weil sie wissen, dass daran die Anzahl der verkauften Trikots mit dem eigenen Namen hängt. Allerdings hat sich der Fußball längst in mehrere, ganz unterschiedliche Welten aufgespalten. Der jüngste Versuch, eine kleine, teure europäische Liga aufziehen, ist zwar noch krachend gescheitert. Allerdings fragt Matthias, ob es nicht ehrlich wäre, die ohnehin bestehende Spaltung auch anzuerkennen. Bayern München und Greuther Fürth haben gerade in einer Liga gespielt – und eben doch nicht. 

Der Fußball der Zukunft wird nicht mehr schneller werden, er wird sich vor allem professionalisieren. Nachwuchsstars, die ihr Leben tatsächlich 24/7 der Profi-Disziplin unterordnen. Vereine, die die letzte Million nicht für einen weiteren mittelmäßigen Stürmer ausgeben, sondern für Physio, Koch und Mentaltrainer. Und dann noch einen Data Scientist einstellen und einen Experten für die Kommunikation der komplexen Erkenntnisse aus den Daten an jeden einzelnen Spieler. 

Geht die Schere im Fußball in den kommenden Jahren weiter auseinander? Matthias hofft: nein. Und erwartet: ja. 

Zu Gast in dieser Woche:

Matthias Dersch, Reporter kicker mit den Schwerpunktthemen BVB Dortmund und Nationalmannschaft

#Timecodes zur Folge:

• Begrüßung

• 01:50 EM der Frauen

• 10:00 Wann platzt die Blase?

• 17:01 / 28:09 Technologie

• 20:10 Finanzen

#111 Jule Darwig – Es wird heiß!14 Jul 202200:32:15

Diese Woche in der Zukunft:

Eine Folge im Angesicht einer möglicherweise historischen Hitzewelle in Mitteleuropa: Wie bestimmt die Temperatur unsere Zukunft, unser Leben, unsere Gesundheit? Michael Carl im Gespräch mit Jule Darwig, Ärztin in Aachen und eine Stimme bei Health for Future. Jule sagt: Hitze diskutiert nicht. Es gibt eine Grenze, bis zu der wir leben und überleben können - und darüber eben nicht mehr. Das ist auch keine Frage von Veranlagung und Training. Wir gewöhnen uns nicht an Hitze. Hitze ist eine Grenze.

Werden wir dann eines Tages Hitzeopfer in der Tagesschau zählen wie wir das von Corona kennen? Jule reagiert fast verwundert. Diese Zählung läuft bereits. Das ist Realität heute, nicht düstere Zukunftsprognose. In Phasen großer Hitze gibt es mehr Herzinfarkte und dergleichen. Deutschland ist von dieser Entwicklung sogar besonders stark betroffen. Ein guter Teil der Bevölkerung ist alt und damit empfindlicher. Ein Großteil der Bevölkerung wohnt in der Stadt, die heißer ist als das Land. Auch ist die Durchschnittstemperatur in Deutschland stärker gestiegen als im globalen Mittel. Wer einen Beleg sucht, muss nur in eine beliebige Notaufnahme gehen. Bei Hitze sind die voll - mit Menschen, die unter Hitze leiden. 

Wie kann es sein, dass wir das so konsequent ausblenden? Jule verweist auf den Mind-Behaviour-Gap, wissenschaftlich gut erforscht. Wir wissen, was richtig wäre, und tun es nicht. Bei Hitze liegt es auch daran, dass die Vorbereitungen in den Kommunen so schlecht sind. Es liegen kaum Hitzeaktionspläne vor, das Gesundheitssystem wird nicht auf Hitzestress vorbereitet. Bei steigender Temperatur lässt unsere Leistungsfähigkeit massiv nach; auch das lässt sich nicht wegtrainieren. Das gilt auch für Krankenhauspersonal und lähmt das Gesundheitssystem zusätzlich, gerade in Phasen erhöhten Bedarfs. Vielen Ärzten:innen fehlt es auch an Wissen, wie zum Beispiel Medikamente unter Hitze anders dosiert werden müssen, damit sie noch wirken. 

Am Schluss ganz praktisch: Trinken, viel trinken, Wasser trinken. Jede Stunde. Kopf bedecken und bei Hitze Anstrengung meiden. Und, das betont Jule: Gegen die Hitze kommen wir nicht an, aber die Klimakrise können wir verlangsamen. 

Zu Gast in dieser Woche: Jule Darwig, Ärztin, Health for Future

#110 Lucas Fuhrmann – Veganes Leder: Wenn die Kuh nicht aus der Haut fahren muss07 Jul 202200:28:25

Diese Woche in der Zukunft: 

Käse, der nicht aus der Kuh kommt. Fleisch, das nicht auf der Weide gestanden hat. Fisch, der nicht im See gefangen wurde. Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft bringen ein biobasiertes Ersatzprodukt nach dem nächsten hervor. Wobei: Ersatz? Lucas Fuhrmann ist einer der Gründer von LOVR und produziert ein veganes Leder aus pflanzlichen Reststoffen. Vor wenigen Jahren wäre unser heutiges Thema noch der Öko-Spinnerei-Ecke zugeordnet worden. Heute sprechen wir über Forschung und Innovation. 

Wobei die Fragen schon beim Namen beginnen: LOVR ist leather-like, oil-free, vegan, residue-based. Aber ist es Leder? Lucas tut sich ein wenig schwer damit. Die Menschen brauchen aber einen Vergleich, um sich Dinge vorstellen zu können. LOVR also, irgendwie Leder. Lucas rechnet damit, die ersten Produkte noch dieses Jahr auf dem Markt zu bringen. Bis dahin muss die Namensfrage geklärt sein. 

LOVR ist flach, biegsam und stabil. Mit dem Material könnten Sessel bezogen werden, Jacken oder Schuhe entstehen, aber auch Fußboden und Wandbeläge neu gedacht werden. Lucas sagt: hierbei sollten ganz klar die üblichen Grenzen gesprengt werden, die wir mit Leder verbinden. 

Also kann LOVR mehr als das klassische Kuhleder? In der Abriebsfestigkeit auf jeden Fall, mit LOVR kann Opa viel länger auf seinem Sessel rumrutschen als auf klassischem Leder. Der Gedanke, der die drei LOVR Gründer aber leitet, ist die Circular Econnomy. Es geht den Unternehmern in erster Linie um die Nachhaltigkeit ihres Produktes. 

Sieben Jahre Forschung stecken in dem Material – die braucht es offensichtlich, wenn ein Produkt rundum nachhaltig aus regionalen Reststoffen hergestellt werden will. Den Großteil dieser Reststoffe machen hierbei, übrig gebliebene Materialien der Hanfproduktion aus.

Zu Gast in dieser Woche:

Lucas Fuhrmann, Co-Founder & CEO von LOVR 

#109 Verena Kantrowitsch - Mut und Optimismus für die Klimakrise30 Jun 202200:37:54

Diese Woche in der Zukunft: 

Unsere Psyche und die Krise – oder: Woher nehmen wir den Mut, die Klimakrise optimistisch anzugehen? Verena Kantrowitsch ist Psychologin und eine der Sprecherinnen von Psychologists for future, kurz Psy4F. Michael diskutiert mit ihr, wie wir positiv nach vorne schauen können und damit handlungsfähig werden – auch wenn die Perspektiven in der Klimakrise gar nicht rosig sind; im Gegenteil. 

Verena macht sich für Balance stark. Seien wir pessimistisch in der Analyse und optimistisch in der Strategie. Wir brauchen die Haltung des Herzchirurgen: Wenn er in einer komplizierten Operation zu der Erkenntnis kommt, dass der Patient nur 10% Überlebenschance hat, legt er seine Werkzeuge ja auch nicht beiseite, sondern streng sich besonders an. 

Viele Menschen haben das Gefühl, allein doch nichts ausrichten zu können. Verena hält dem entgegen: Schon reden hilft. Stück für Stück steigt die Awareness für das Thema Klimaschutz; irgendwann läuft das Fass über und jemand Neues kommt ins Handeln. Ähnlich ging es Verena selbst, als sie wieder einmal eine Gruppe Fridays auf der Straße protestieren sah. 

Die Psyche des Menschen kann gut und schnell mit Gefahren umgehen. Allerdings sind wir auf kurzfristige Gefahren und Risiken gepolt. Langfristige Entwicklungen haben wir nicht in gleicher Weise im Blick; dafür brauchen wir Struktur. Ohne eine Rentenversicherung würden wir weit weniger wahrscheinlich für später vorsorgen, ohne den Zwang einer Krankenversicherung möglicherweise auch hier nichts absichern. Brauchen wir einen institutionellen Zivilisationsschutz? Jedenfalls wüssten wir dann, was zu tun wäre, anstatt über #VerbrennerAus und Tempolimit zu streiten. 

Erlauben wir uns Geduld auf dem Weg zur eigenen Lösung. Verena ist überzeugt, dass nahezu jede:r ein Feld finden kann, auf dem es leicht fällt, Mut zu fassen und sich der Einsatz für Klimaschutz richtig anfühlt. Verenas wichtiger Hinweis zum Schluss: Bleiben wir nicht allein. Suchen wir Austausch, Dialog, Verbündete. Letzten Endes finden wir einen Weg, den Klimaschutz nicht nur ernst zu nehmen, sondern auch tatsächlich Spaß daran zu haben. 

Zu Gast in dieser Woche:

Verena Kantrowitsch, Psychologists4future, Psychologin

#108 Alexander Grevel – Der Aufstand der Letzten Generation23 Jun 202200:37:27

Diese Woche in der Zukunft: 

Der Aufstand der Letzten Generation läuft. Er heizt die Debatte um Klimaschutz auf; das ist auch genau die Absicht. Ist das angemessen? Zielführend? Oder doch nur störend? Sprechen wir mit einem der ersten, die mit Sekundenkleber auf Asphalt für ihre Zukunft streiten.

Diese Folge beginnt mit einem Tweet von @AlexanderGrevel: „Liebe Menschen, vor ein paar Monaten (Februar 2022) habe ich meine Doktorarbeit an der Uni Freiburg erfolgreich abgeschlossen. Nun fängt ein neuer Lebensabschnitt an: ab dem 18. Juni werde ich mit @AufstandLastGen in #Beriln in den friedlichen zivilen Widerstand gehen, weil ich überzeugt bin, dass wir aufgrund des knappen Zeitfenster die Möglichkeiten für Klimastreiks und Petitionen ausgeschöpft haben…“ 

Dr. Alexander Grevel hat Chemie studiert, in Biologie promoviert und hat seine akademische Laufbahn abgebrochen, um als Aktivist für schnelle und drastische Maßnahmen zum Klimaschutz zu kämpfen. Er ist seit einigen Monaten aktiv bei der Gruppe Aufstand der letzten Generation, die gerade eine weitere Aktionswelle gestartet haben. Alexander geht mit ungefähr 200 Menschen in Berlin auf die Straße, um zu stören – und mit dieser Störung auf die Forderungen der „Letzten Generation“ hinzuweisen. Der Schlüssel ist der Sekundenkleber, mit dem sich die Aktivisten auf Straßen kleben und damit den Verkehr dort lahmlegen, wo es besonders weh tut. Die Störung ist Programm. 

Warum die Drastik? Radikal wäre es, nichts zu tun, so Alexander. Das Zeitfenster, in dem wir noch nennenswertes unternehmen können, ist nicht mehr lange offen. Danach, so Alexander, wird unsere Welt von Hunger, Wasserknappheit, Flucht und Kriegen bestimmt sein. Im Moment steuern wir geradewegs darauf zu. 

Ist diese Aktionsform gerechtfertigt? Was bringt Menschen dazu diese Aktionsform zu wählen? Sie werden angebrüllt, geschlagen, von der Fahrbahn gezerrt. Alexander sagt: Die Störung ist absolut notwendig. Und die Letzte Generation hat Zulauf: Im vergangenen halben Jahr hat die Gruppe sich von 25 auf 200 Menschen vergrößert und mit jeder Störung werden es mehr. Die Menschen werden aufmerksam und sprechen darüber, gerade weil sie in ihrem Alltag blockiert werden.

Aber ist das was die Gruppe tut radikal? Oder ist es radikal nichts zu tun? Der Generalsekretär der vereinten Nationen, António Guterres sagt, die wahren Radikalen sind die Regierungen, die einfach so weiter machen, wie sie das seit Jahrzehnten machen. 

Parallel bereitet Alexander die Gründung einer neuen linken Partei vor. Das ehrgeizige Ziel: Der Einzug in den Bundestag bei der kommenden Bundestagswahl. 

Was ist Eure Meinung zum Protest der Letzten Generation? Schreibt es uns auf LinkedIn, YouTube oder Twitter!

Zu Gast in dieser Woche: Dr. Alexander Grevel, Vorstandsmitglied Klimaliste Deutschland, seit einigen Monaten aktiv bei der Gruppe „Aufstand der letzten Generation

#107 Katharina Reuter – Nachhaltigkeit radikaler denken16 Jun 202200:32:52

Diese Woche in der Zukunft:

Was wissen wir alle noch nicht über Nachhaltigkeit? Katharina Reuter sagt: Wir sind uns immer noch nicht der Dramatik unserer Situation bewusst. Dass Nachhaltigkeit ein Thema ist, haben inzwischen viele verstanden. Unternehmer:innen ohnehin, aber auch Verbände. Aber mit welcher Drastik wir an die Kerngeschäfte unserer Unternehmen, an die Regularien unserer Gesellschaft und unser Konsumverhalten ranmüssen, ist doch noch nicht überall präsent. Hinter der Fassade begegnet Katharina immer noch und immer wieder die Annahme, im Kern könne doch noch eine Weile alles im Wesentlichen so bleiben wie es ist und immer schon war. Überraschung: Kann es nicht. Katharina sagt: Das dürfen wir schon aus purem Selbstschutz nicht tun. 

Wie können wir jetzt also ein Gespür für diese Dringlichkeit herstellen? Ganz offensichtlich eine der Kernfragen. Ein Tankrabatt hilft jedenfalls nicht …. Spannend ist auf jeden Fall unsere Sprache. Warum nennen wir das eine Banane und das andere Biobanane – anstatt von Banane und Pestizidbanane zu sprechen? Unser Bild von Normalität steht in Frage. Das neue Normal braucht auch neue Begriffe. Was wäre denn ein attraktiver Begriff, den wir statt „Ressourceneffizienz“ verwenden könnten? Wer einen Vorschlag hat, immer her damit. 

Schauen wir in die Zukunft: Wenn wir es in zehn Jahren geschafft haben werden, uns schnell genug in Richtung Nachhaltigkeit zu verändern – wo stehen wir dann? Katharina sagt: Hoffentlich haben wir dann endlich unsere Prioritäten sortiert, haben in unseren Strategien und Zielsystemen verankert, dass Nachhaltigkeit gleichberechtigt neben unternehmerischem Erfolg steht. Ökologie, Soziales und der Profit eines Unternehmens können nicht mehr über oder untereinander vorkommen. Katharina betont: Wir haben nicht mehr die Wahl, einfach so weiterzumachen wie bisher, also sollten wir alle radikaler denken und nicht darauf warten, dass es jemand vor uns tut. 

Eine offene Frage: Warum lassen wir uns immer noch Diskussionen von gestern aufnötigen? Ein Erklärungsansatz: Während die weit überwiegende Mehrheit von Unternehmen längst verstanden hat, dass die Transformation zu mehr Nachhaltigkeit zwar radikal, aber der Weg zum Erfolg ist, hängen die klassischen Verbände vielfach hinterher und warten noch auf den letzten, der noch in seiner alten Welt hängt. Vielleicht brauchen wir neue Verbände?

Zu Gast in dieser Woche:  

Katharina Reuter, CEO des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft (BNW)

#106 Eric Eller - Vertrauen auf Herz und Nieren geprüft09 Jun 202200:36:16

Vertrauen ist die zuversichtliche Entscheidung für Verletzlichkeit. So sagt es Eric Eller, Psychologe und Autor des Buches "Vertrauensarchitektur". In dem Band gibt er einen guten und umfassenden Überblick zur Forschung: Was ist Vertrauen im Unternehmenskontext? Warum vertrauen wir? Wie kommen wir auf die Idee, uns auf ein Gegenüber einzulassen, von dem wir Entscheidendes nicht wissen - und dennoch glauben, dass die gemeinsame Beziehung tragen wird? Eric hat sich mit Thema zu einem Verfechter des Vertrauens entwickelt. Er fragt: Bis hinunter zur einzelnen Telko - was tun wir, um Vertrauen zu fördern?

Die wichtigste Botschaft: Vertrauen ist fundamental. Parallel dazu die gute Nachricht: Wir können etwas tun, um Vertrauen zu fördern. Allerdings ist das keine Frage der Anstrengung, sondern viel eher eine der Rahmenbedingungen. Der Kontext zählt. Wie ist meine Arbeitsumgebung, wie der Umgang mit mir als Kunde? Laden Sie mich ein, Vertrauen zu testen?

Als Framework schlägt Eric den Dreischritt Wollen - Können - Einschätzen vor. Ich gebe Vertrauen als Ergebnis einer freien Entscheidung. Ich werde das nur tun, wenn ich die Möglichkeit habe, Vertrauen zu schenken. Und das setzt wiederum voraus, dass ich die Lage beurteilen und einschätzen kann. Dann finde ich den Einstieg in positive Feedbackschleifen und das Vertrauensniveau kann wachsen.

Ein ganz praktisches Problem: Im Kontext Nachhaltigkeit fehlen häufig die Verstärkungseffekte dieses dritten Schritts. Es ist eben nicht sinnlich erfahrbar, ob der Paketdienstleister meiner Wahl seine CO2-Emissionen tatsächlich kompensiert oder nicht. Das lässt sich kaum ausgleichen; die eigene nachvollziehbare Erfahrung führt zu ganz anderen Zuwächsen des Vertrauens als abstraktes Wissen über Zertifikate und Reports.

Was ist die Alternative zu Vertrauen? Verweigerung oder Kontrolle. Beides keine attraktiven Modelle, weder im eigenen Unternehmen noch zum Beispiel in der Kundenbeziehung.

Zu Gast: Dr. Eric Eller, Psychologe und Autor des Buches "VertrauensArchitektur: Wie Vertrauen entsteht und wie Unternehmen die richtigen Kund:innenerlebnisse dafür schaffen"

#105 Florian Kunze – Irrtümer über Digitalisierung, Demografie & Diversity02 Jun 202200:38:13

Diese Woche in der Zukunft: 

Diese Folge räumt mit einer Reihe von grundlegenden Irrtümern zur Zukunft der Arbeit auf. Florian Kunze leitet das „Future of Work Lab“ an der Uni Konstanz und forscht über die großen Drei Ds: Digitalisierung, Demografie und Diversity. Drei Themen, bei denen wir immer wieder Annahmen begegnen, die sich bei genauerer, sprich: wissenschaftlicher Betrachtung, als Irrtum herausstellen. 

Digitalisierung, logisch, brennt aktuell. Wer hier gestalten will, muss schnell handeln. Florian hat in seinem Lab die Veränderungen im Zuge der Corona-Krise untersucht. Sein klares Ergebnis: Der Wandel bleibt. Wir werden keine flächendeckende Rückkehr zu alten Arbeitswelten sehen, schon gar nicht mit Zwang. Wer seine Mitarbeiter:innen zur Rückkehr ins Büro zwingt, muss mit einem Rückgang von Motivation und Produktivität von 12% rechnen. Übersetzt: Jeder achte Mitarbeiter wird zwar noch bezahlt, leistet aber nichts mehr. 

Noch ist es einfach, ins Gestalten zu kommen. Lediglich 20% der Unternehmen gehen das Thema mobiles und hybrides Arbeiten derzeit aktiv und konstruktiv an. Florians Empfehlung: Wenn schon nicht bei den ersten 20%, sei wenigstens bei den ersten 21% dabei. Einfacher wird es nicht, sich einen enormen Vorsprung bei der Gewinnung von Fach- und Führungskräften zu verschaffen. 

Ein Irrtum zur Demografie: Ältere Generationen kommen mit der digitalen Arbeitswelt nicht zurecht. Eine verbreitete Annahme, die keiner Untersuchung standhält. 

Der Irrtum zur Diversität: Diverse Teams seien erfolgreicher. Das mag noch so oft in Sonntagsreden behauptet werden, allein: Belegen lässt es sich nicht. Es mag gute normative Gründe geben, mehr Diversität in Unternehmen zu holen. Gerechtigkeit, Fairness, Teilhabe, etc. Florian geht sogar so weit: Schaffen wir einen Alibi-Posten für eine Führungskraft, der dann aber wiederum niemand Gehör schenkt, schaffen wir die Vielfalt also nur zum Schein, richten wir in den Unternehmen sogar mehr Schaden an, als wenn wir ausschließlich homogene Teams beschäftigen würden. 

Ergänzung, Diskussion, Widerspruch gerne bei Twitter, LinkedIn, YouTube!

Zu Gast in dieser Woche: 

Florian Kunze, Professor für Organisational Studies am Fachbereich Politik- und Verwaltungswissenschaft der Universität Konstanz. Er leitet das Konstanz Future of Work Lab.

@Profkunze

#104 Oliver Voigt & Sven Damm - Es gibt keinen Fachkräftemangel26 May 202200:34:14

Diese Woche in der Zukunft: 

Eine Folge direkt von unserem diesjährigen Future Camp „Zukunft der Arbeit“ in den portugiesischen Bergen. Ein hier intensiv diskutiertes Thema: Der Fachkräftemangel. Genauer: Warum wir glauben, dass wir einen haben, und was tatsächlich dahintersteckt. Natürlich: Etliche Unternehmen suchen neue Mitarbeiter:innen und finden sie nicht. Was bis vor kurzem noch ein Phänomen bestimmter Branchen und einzelner Regionen war, greift um sich. Überall Fachkräftemangel. Michael Carl im Gespräch mit den People & Culture-Spezialisten Oliver Voigt und Sven Damm. 

Das Angenehme im Unangenehmen: Wenn der Fachkräftemangel schuld ist, dass mein Unternehmen keine Mitarbeiter:innen findet, haben wir einen externen Faktor. Um den sich dann auch jemand Externes kümmern sollte, die Politik zum Beispiel. Oder die IHK. Und alle demografischen Indikatoren weisen ja auch darauf hin, dass die Annahme eines solchen Mangels plausibel ist. 

Gegenrede: Es sind vor allem die Grenzen unseres eigenen Denkens, die unseren Talentpool beschränken. Vergrößern wir den Pool, in dem wir suchen, können wir auch wieder aus dem Volleren schöpfen. Anstatt schnell einen externen Mangel verantwortlich zu machen, so der Appell des Zukunftscamps, könnten wir uns auch den unangenehmen Fragen stellen: Warum soll denn ein neuer Mitarbeiter bei uns arbeiten wollen? Was können wir der einen Kandidatin bieten, dass sie sich für uns entscheidet? Geld natürlich, aber noch wichtiger bei Themen der Kultur, der Entwicklung, der Zusammenarbeit, etc. 

Oder wir schauen gleich auf die vorhandenen Mitarbeiter:innen. Eine kurze Abwägung der Zahlen: Bis jemand Neues wirklich produktiv ist, vergeht alles in allem fast ein Jahr. In der Zeit können wir fast jede:n interne:n Mitarbeiter:in auch zu neuen Aufgaben hin entwickeln. Wenn wir denn wollen.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Der „War for Talents“ ist ganz real. Das kriegerische Sprachbild ist zwar wohl etwas martialisch, aber der Wettstreit um die besten und geeignetsten Mitarbeiter ist ganz handfest – und muss höchste Priorität genießen. Nur eines ist wichtiger für den Erfolg eines Unternehmens, als die richtigen Talente zu gewinnen: Talente halten.

Die Phase, in der Unternehmen gelernt haben, sich auf ihre Kunden einzurichten, geht ihrem Ende zu. Das können wir, dafür haben wir die Tools, die Methoden und die Daten. Jetzt geht es darum, diese Kenntnisse auf Mitarbeiter:innen anzuwenden. Wer heute noch glaubt, ein einzelnes jährliches Mitarbeitergespräch würde ausreichen, um die einzelnen im Team wirklich zu kennen, darf sich an den Gedanken gewöhnen: Das reicht nicht. 

Zu Gast in dieser Woche:

Sven Damm, Gründer und CEO von Brainswork

Oliver Voigt, VP HR Data, Analytics & Workforce Management, Nets Group

#103 Axel Kaiser – Aus der Traum von Zahnpasta19 May 202200:47:07

Diese Woche in der Zukunft:

Im normalen Leben betreibt er mit seinem Bruder ein Dentallabor und macht Kronen und Brücken. Gelernt hat er Automechaniker. Seine Leidenschaft gilt dem Fragen stellen. So kam Axel Kaiser dazu, Tabletten für die Zahnpflege herzustellen, Denttabs. Axel sagt: In zehn Jahren wird es keine Zahnpasta mehr geben. Und wer jetzt Angst vor Karies und Faktur bekommt, der sei beruhigt. Axel sagt: Das ist gut so, denn nahezu alles, was wir über das Zähneputzen zu wissen glauben, ist schlicht falsch. 

Die Frage, mit der die Reise zu den Denttabs begann, war: Warum ist eigentlich Wasser in der Zahnpasta? Zumal wir wegen des Wassers in der Paste eine ganze Reihe anderer Stoffe brauchen, von denen wir nicht wollen, dass sie sich über die Jahre im Körper ansammeln. Das führte zu den ersten Denttabs. Die Tablette war also zuerst da. Aus den Erfahrungen der Nutzer hat Axel dann gelernt, dass wir mit dem meisten, was wir über Zahnpflege wissen, falsch liegen. Anders gesagt: Was das eigentliche Potenzial der Tabletten ist. Bei DM wurden sie gelistet, weil die Verpackung kompostierbar ist. Egal, Hauptsache, es geht voran. 

Das Richtige tun. Um diesen Begriff kreist das Gespräch zwischen Michael und Axel. Ob das Projekt mit den Denttabs sich durchsetzt, ist noch offen. Ob es richtig ist, daran hat Axel keinen Zweifel. Er sagt: Jede:r von uns es in der Hand, selbst loszugehen und Fragen zu stellen. Dinge genau verstehen zu wollen. Und dann seine Schlüsse draus zu ziehen. Warum aber tun wir das oft nicht? Warum kommt niemand anderes in der Zahn-Branche auf die Idee, das WIssen über Zähneputzen zu hinterfragen und neue Lösungen zu entwickeln? Es ist doch nicht so, als wären alle in der Branche inkompetent. Im Gegenteil. 

Das ist der unternehmerische Erfolg: Nach vielen Jahren hört dir einer zu. Wenn ich ein gutes Produkt habe und ich das Leuten erklären kann, dann wird sich auch der wirtschaftliche Erfolg einstellen. Nicht immer. Aber so herum muss es sein. Auch wenn es fast 20 Jahre dauert, bis dieser Erfolg sich einstellt, wie bei Axel. Woher nimmt er seine Ausdauer? Aus seiner Arbeit. Axel betont: Wenn das, was ich an Arbeit mache, nicht Teil meines Lebens ist und ich keine tiefe innere Beziehung dazu habe, dann mache ich das nicht. Deshalb brauche ich auch keine Work-Life-Balance. 

Zu Gast in dieser Woche: Axel Kaiser, Gründer von Denttabs, mit Leidenschaft im Vorstand von BNW - Bundesverband Nachhaltige Wirtschaft

#210 Holger Schüttrumpf & Jörn Birkmann – Viel zu nah am Wasser gebaut06 Jun 202400:46:41

Schon wieder Hochwasser. Ein Jahrhundertereignis, ebenfalls: Schon wieder. Oben auf der Welle schwimmt die Zukunftsfrage: Können wir uns eigentlich an ein neues Klima anpassen? Im Gespräch sind gleich zwei Experten für Hochwasser und Katastrophenmanagement. Holger Schüttrumpf leitet das Institut für Wasserbau an der RWTH Aachen, Jörn Birkmann das Institut für Raumordnung an der Universität Stuttgart. Beide gemeinsam begleiten im Projekt KAHR den Wiederaufbau an der Ahr. KAHR steht für Klima-Anpassung, Hochwasser-Resilienz. Und genau darum dreht sich dieser Podcast: Können wir aus Katastrophen lernen und uns anpassen? Und wenn ja, was bedeutet das?

Holger und Jörn betonen: Wir brauchen differenzierte Sicherheit. Krankenhäuser und Feuerwehren müssen auch unter extremen Bedingungen möglichst lange funktionieren. Weg von der Hafenkante damit, oder gleich auf Stelzen. Und muss man das Umspannwerk unbedingt dorthin bauen, wo es zufällig gerade flach ist, also ins Flusstal? Die beiden sind sehr deutlich: Wir werden nicht jedes Eigenheim genauso schützen können. Zumal Sicherheit zu einem beweglichen Ziel wird. Wo ist denn nun HQ100 - also das Gebiet in dem wir statistisch einmal pro hundert Jahre mit Überschwemmung rechnen? Schätzen wir das in zehn Jahren anders ein? Und wo dokumentieren wir das eigentlich? Wir bräuchten so etwas wie einen Hochwasser-Pass. Jörn beklagt, dass wir zwar groß darin sind, Faltblätter zu erstellen, um Informationen breit zu streuen. Aber wenn es an die Baugenehmigung geht, dann spielen Katastrophenthemen keine Rolle mehr.

Es ist trügerisch zu glauben, dass die Erfahrungen aus der Vergangenheit auch die Lösungen für die Zukunft bieten. Wir wissen im Grunde, wie resilient bauen geht. Wir tun es nur nicht. Dabei würden schon kleine Maßnahmen helfen. Keller einen Meter höher, ein paar Stufen oder eine Rampe zur Tür. Den Strom nicht in den Keller. Und die Ölheizung? Die ist insgesamt ein Problem: Schwimmt der Tank auf, wird das Haus zum Sondermüll, das Nachbarhaus meist auch und die Natur drum herum …

Insgesamt sind wir langsam. Vor zehn Jahren wurde das Nationale Hochwasserschutzprogramm aufgelegt. 168 Maßnahmen. Davon sind genau neun umgesetzt und abgerechnet. Neun. Dabei lohnt sich Prävention, gerade finanziell. Anpassung war lange ein Thema, um das die Klimadiskussion einen Bogen gemacht hat. Niemand wollte den Eindruck erwecken, wir könnten uns weniger um Klimaschutz bemühen, weil wir uns ja anpassen könnten. Außerdem ginge die Anpassung doch vor allem kleine Inselstaaten in der Südsee etwas an. Inzwischen wissen wir: Wir brauchen beides: Klimaschutz und Anpassung. Das gilt gerade beim Wasser: Wir brauchen es und müssen uns zu gleich davor schützen.

Beide sind sich im Fazit einig: An die großen Trends können wir uns anpassen. Also zum Beispiel die zunehmend ungleiche Verteilung der Niederschläge übers Jahr ausgleichen. Bei den Extremen geht das nicht, jedenfalls nicht zu 100%. Wir wissen nämlich nicht: Wie extrem kann ein Extrem werden? Wir haben technische Grenzwerte, die aber nichts darüber aussagen, ob dieser Grenzwert überschritten wird und wie oft. Wir müssen lernen, das zu akzeptieren: Wir können nicht alle Extreme abpudern. Wir können Todesopfer weitgehend vermeiden, aber Schäden? Nein. Dafür haben wir viel zu dicht und viel zu nah am Wasser gebaut.

Zu Gast:

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Holger Schüttrumpf, Lehrstuhl und Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft (IWW) RWTH Aachen University

Univ.-Prof. Dr.-Ing. Jörn Birkmann, Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung (IREUS) Universität Stuttgart

BMBF-Projekt KAHR für Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen: Klima-Anpassung, Hochwasser und Resilienz

#102 Ralf Lanwehr – Warum alle deine Ratgeber zu Führung Altpapier sind12 May 202200:40:00

Diese Woche in der Zukunft: 

Sprechen wir über Führung. Irgendwer muss doch schließlich dafür sorgen, dass Unternehmen, Organisationen, Teams sich entwickeln – kurzum: Ein Stück Zukunft schaffen. Schauen wir also auf die Führungskraft. Was braucht sie, um gestalten zu können? Was, um Transformation auszulösen? Ralf Lanwehr ist Wirtschaftspsychologe (und vieles andere mehr). Er forscht zu Führung, um mehr zu haben als nur ein Bauchgefühl aus dem Bahnhofsbuchhandel. Im Podcast erzählt Ralf, was wir zu Führung wissen können, wie wir Unfug von Evidenz unterscheiden und ob wir Charisma lernen können. 

Ralf sagt: Unterschiedliche Führungsstile sind nicht an sich besser oder schlechter. Es kommt auf den Kontext an. In einer akuten Krise kann ein autoritärer Führungsstil sehr wirkungsvoll sein, den dann auf Dauer niemand ertragen wollen würde. Ralf arbeitet viel mit Fußballvereinen; man schaue sich nur einmal an, welche Trainer kurzfristig vor dem Abstieg retten und welche nachhaltigen Erfolg aufbauen können. 

Was zum Beispiel wenig über den Erfolg von Führungskräften sagt: Selbstsicherheit. Ralf coacht sehr erfolgreiche Führungskräfte, deren emotionale Instabilität eine Quelle sehr sensibler Wahrnehmung ist. 

Ralf hat in Studien empirisch zeigen können, wie sich Charisma-Training positiv auswirken kann. Eine gute Nachricht: Wenn wir schon Aussehen und Stimme nur wenig beeinflussen können, die sich aber enorm auf die Charismatik auswirken, so können wir charismatisches Verhalten doch lernen. Es gibt Hoffnung. 

Regelrecht ärgerlich wird Ralf, wenn es an schlechte Informationen und lausige Bücher geht. Viel von dem, was in Bestsellerlisten steht, hat vielleicht für den einzelnen Autor funktioniert. Aber gilt das auch für andere? Hier sind seine drei wichtigsten Empfehlungen für substanzielle Literatur über Führung. Wer also im Sommer noch nichts weiter vorhat:

1. Amy C. Edmondson – Die angstfreie Organisation: Wie Sie psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz für mehr Entwicklung, Lernen und Innovation schaffen

2. Asam Grant – Think Again: The Power of Knowing What You Don't Know

3. Chip Heath, Dan Heath – Switch: How to change things when change is hard

Wir leben mittlerweile in einer Welt, in der die Menschen alles hinterfragen und das ist auch gut so. Aber verändern sich eigentlich die Mechaniken von Führung oder bleiben sie gleich und wir müssen sie lediglich neu justieren? Ralf beantwortet diese Frage aus dem Bauch heraus: Compliance und zumindest eine gewisse Produktivität werden ja nicht unwichtig. Gleichzeitig wird aber die Flexibilität immer wichtiger, um die steigende Zahl von Konflikten aufnehmen zu können. Wir brauchen mehr Kreativitätsrollen in unserer heutigen Führung und mehr Mut zur Umsetzung.

Die Welt ist eine andere, in der keiner mehr den Checker – kann alles und alle andern können nichts – und seinem Kollegen Teflon Billy, an dem jede Kritik abperlt, braucht. In dieser Welt will keiner mehr arbeiten, weil sie mit Sicherheit nicht innovativ ist. Wir brauchen Führung, die offen zu ihren Fehlern steht und Verletzlichkeit zeigt. Mehr Menschlichkeit ist auch in der Führung und der Transformation gefragt. 

Zu Gast in dieser Woche: Ralf Lanwehr, Psychologe, Data Scientist, Professor für Management an der FH Südwestfalen und seit über 20 Jahren als Berater tätig. 

#101 Anna Yona – Nachhaltigkeit ist nicht genug05 May 202200:39:15

Diese Woche in der Zukunft: 

In dieser Folge könnten wir wunderbar über Schuhe reden, immerhin hat Anna Yona gemeinsam mit ihrem Mann „Wildling Shoes“ gegründet und sehr schnell sehr erfolgreich gemacht. Machen wir aber nicht. Wir sprechen über Größeres. Anna nennt es „Re:generation“ und sagt: Nachhaltigkeit ist nicht mehr genug, die Zeit des Bewahrens ist vorbei. Jetzt geht es darum, einen positiven Beitrag zu leisten, gerade als Unternehmen.

Wer nur den Schaden minimieren will, den die eigene Produktion, die Logistik, die Energieversorgung anrichten, wird am Ende genau das: Schaden anrichten. Vielleicht weniger, aber Schaden eben doch. Darum kann es auch nicht ausreichen, mit noch so hübschen Zertifikaten zu belegen, welchen Emissionsstandards irgendein Zulieferer am anderen Ende der Welt folgt. Das ist gut, aber eben nicht so gut, wie es sein könnte. Anna will tiefer bohren: Wie können wir mit unserem Unternehmen einen echten Beitrag dazu leisten, die Welt ein Stück besser zu machen, ökonomisch, ökologisch und sozial?

Diese Frage haben alle Teams bei Wildling auf der Agenda: Können wir diese Farbe positiv beziehen – oder bieten wir sie gar nicht erst an? Bei HR liegen die Themen nahe, aber was heißt Impact für die Buchhaltung? Es gibt keine Grenze der Verantwortung, es gibt keine offenen Fragen über Partner, es gibt nur ein transparentes Glashaus in dem alle, jede noch so kleine Rolle im Prozess, gemeinsam sitzen.

Insgesamt sieht Anna sich mit ihrer Suche nach dem positiven Beitrag als Teil einer globalen Bewegung. Das Ziel, so stellt sie lapidar fest, kann gar nicht radikal sein: Eine menschenfreundliche Welt. Der Weg dahin könnte wahrscheinlich gar nicht radikaler sein. Aber was wäre die Alternative?

Andererseits: Wer einfach nur Schuhe kaufen will, bekommt sie auch. 

Zu Gast in dieser Woche:

Anna Yona, Gründerin und CEO von wildling shoes

#100 Thomas Klindt - Ist das Recht als internationale Ordnung abgeräumt?28 Apr 202200:41:00

Diese Woche in der Zukunft:

Spoiler: Keine Party zur 100sten Folge. Uns ist nicht nach butschi-butschi-alles-rosa-Talk mit einem noch so originellen KI-Blockchain-Quanten-Enthusiasten. Der russische Krieg in der Ukraine sitzt in Gestalt einer Flüchtlingsfamilie auf dem Sofa. Und zugleich hat die russische Aggression eine ganze Reihe vermeintlich sicherer Grundlagen unserer gedanklichen Weltordnung abgeräumt, beginnend mit der Kraft des Völkerrechts und der Geltung längst geschlossener Verträge.

Zur Jubiläumsfolge ein Gespräch mit einem der Lieblingsgäste aus den ersten hundert Folgen: Thomas Klindt, Jurist und Rechtsanwalt. Michael und Tom diskutieren, ob das Völkerrecht nur ein Recht für sonnige Tage ist. Haben wir uns einlullen lassen von der Vorstellung, einen stabilen Rahmen etabliert zu haben, obwohl die russische Regierung schon lange und sehr sichtbar krass dagegen verstößt? Georgien, Tschetschenien, die Krim waren alle schon da.

Was aber sollen wir denn sonst tun, wenn nicht Verträge unterschreiben? Eine nochmalige reine vertragliche Zusicherung wird die Ukraine nicht brauchen. Alles nötige war in der NATO-Russland-Akte von 1997 schon festgehalten. Wir haben es allerdings mit einem Gegenüber zu tun, der uns wie Feinde behandelt.

Eine weitere Gewissheit entpuppt sich als Frage. Gilt das Völkerrecht als Grundlage friedlicher Zusammenarbeit global? Oder haben wir es vielmehr mit partikularen Interessen zu tun? Haben wir uns überhoben mit dem Anspruch darauf, dass diese Art zu Leben und zu Regieren die Allseligmachende ist? Auch wenn wir das für uns glauben, bleibt es doch unsere Perspektive. Sind die Menschenrechte, so unverhandelbar sie für uns sind, möglicherweise gar nicht weltweit in die kulturelle Genetik der Völker eingegangen. Auch wenn wir die Menschenrechte nur universell denken können, müssen wir hinnehmen, dass das Konzept der Menschenrechte nicht so universell anerkannt ist. Andere wollen anderes - hart, aber hinzunehmen.

Eine Folge der großen Fragen. Gemeinsames Nachdenken von Tom Klindt und Michael Carl.

Zu Gast in dieser Woche: Dr. Thomas Klindt, Jurist und Rechtsanwalt, Partner bei Noerr, Professor an der Universität Bayreuth

Akademie Nachhaltigkeit: #8 Urban Planning mit Florian Michaelis23 Apr 202200:33:17

Die carls zukunft Akademie Nachhaltigkeit. Dein Crashkurs zum Thema in acht Folgen Podcast. Rund um Nachhaltigkeit und die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit der Schlüssel zu erfolgreichem unternehmerischem Handeln in der Zukunft ist. 

Glückwunsch, wenn Du bis hierher schon die ersten sieben Folgen gehört hast. Heute runden wir die Akademie einer Folge rund um die Stadt der Zukunft ab. Wie können wir sie nachhaltig planen, errichten und wieder abbauen? Wie wir in Zukunft unseren eigenen Wohn- und Lebensraum einfach von einer Stadt in die andere mitnehmen werden, das habe ich mit Florian Michaelis besprochen. Folge acht der Akademie Nachhaltigkeit.

Zu Gast in dieser Woche:

Florian Michaelis, Gründer und CEO von Urban Beta

Akademie Nachhaltigkeit: #7 Fachkräftemangel mit Martin Wittau22 Apr 202200:29:25

Die carls zukunft Akademie Nachhaltigkeit. Dein Crashkurs zum Thema in acht Folgen Podcast. Rund um Nachhaltigkeit und die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit der Schlüssel zu erfolgreichem unternehmerischem Handeln in der Zukunft ist. 

In den ersten sechs Folgen hast du schon gelernt, wie Nachhaltigkeit Ziele, Wettbewerb, Finanzen und Prozesse prägt und welche Leidenschaft sie freisetzen kann. Folge sieben nimmt die Menschen im Unternehmen in den Blick. Martin Wittau von der Bundesvereinigung Nachhaltigkeit zeigt in dieser Folge, wie ein konsequent auf Nachhaltigkeit ausgerichtetes Unternehmen sich auch im Battle um Fachkräfte, Nachwuchskräfte, Arbeitskräfte leichter tut.

Zu Gast in dieser Woche: Martin WittauBundesvereinigung Nachhaltigkeit e.V., Twitter: @MartinWittau und @BVNGberlin

Akademie Nachhaltigkeit: #6 Bauen mit Christine Lemaitre21 Apr 202200:37:14

Wir haben die Zeit nicht mehr, noch mehr Fehler zu machen. Jetzt ist die Zeit, im Bau konsequent auf Nachhaltigkeit zu setzen. Wenn wir Themen wie die Klimakrise, die Materialknappheit, den Lebenswert unserer Städte überhaupt in den Griff bekommen wollen, müssen wir an den Bau ran. Das Wissen und die Materialien dafür sind alle da. Was fehlt, ist das Wollen, die Verantwortung, die Vernetzung. Christine Lemaitre, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen, sagt: Wir brauchen neue Allianzen am Bau.

Nachhaltiges Bauen fängt mit vielen Fragen an: Für wen baue ich? Wieviel? Warum baue ich? Warum hier? Wie ist der Kontext? Planung und Konzeption sind die weit größeren Hebel als nur der Austausch von Materialien von Beton zu Holz. Daran arbeiten sich heute alle ab, sagt Christine, ist ja auch so schön sichtbar. Aber wir müssen zu einer ganzheitlichen Planung hinkommen. Das Problem: Bauen ist sehr intransparent. Darum hat die DGNB Kriterien für nachhaltiges Bauen entwickelt, um den Grad der Nachhaltigkeit messbar und sichtbar zu machen. 

Zentral ist der Gedanke der Suffizienz. Über Jahre haben wir nach dem Motto „Viel hilft viel“ gebaut. Kipp noch eine Lage Beton drauf, soll ja halten. Dieses Denken müssen wir umdrehen, nur noch das Material einsetzen, das wir wirklich für den Zweck brauchen. 

Christines Perspektive: Was wir in Zukunft nicht mehr sehen werden, ist dieses 08/15. One size fits all, VerMcDonalisierte Archtitektur. Wir können keine Quartiere hochbetonieren, keine Glastürme in die Wüste setzen. Wir müssen ausdifferenzieren - und wir müssen reden. Nachhaltigkeit beginnt dort, wo alle Beteiligten weit vor Baubeginn zusammenkommen und gemeinsam überlegen, was jede:r tun kann. Und „alle Beteiligten“ schließt alle ein. Nicht nur alle Planer und Ausführer, sondern auch die Betreiber, die Landschaftsarchitekten, die Rückbauunternehmer und Entsorger. Wir brauchen andere Allianzen für die Nachhaltigkeit.

Zu Gast in dieser Woche: Dr. Christine Lemaitre, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen

Akademie Nachhaltigkeit: #5 Finance mit Martin Bausen20 Apr 202200:35:30

Die carls zukunft Akademie Nachhaltigkeit. Dein Crashkurs zum Thema in acht Folgen Podcast. Rund um Nachhaltigkeit und die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit der Schlüssel zu erfolgreichem unternehmerischem Handeln in der Zukunft ist. 

In dieser fünften Folge lernst du, warum die langjährige Hausbank deines Unternehmens dir schon sehr bald neue Fragen stellen wird, sehr präzise neue Fragen zur Nachhaltigkeit deines Geschäftsmodells, deiner Produktion und deines Standorts. Die Finanzaufsicht wird zu einem der sehr humorlosen und unnachgiebigen Treiber der Transformation zu mehr Nachhaltigkeit, diskutiere ich in dieser Folge mit Martin Bausen von der GLS-Bank.

Zu Gast in dieser Woche:

Martin Bausen, GLS Bank, Teamleiter Spezial- und Gemeinschaftsfinanzierungen.

Akademie Nachhaltigkeit: #4 Tourismus mit Hubertus Wichmann19 Apr 202200:39:44

Die carls zukunft Akademie Nachhaltigkeit. Dein Crashkurs zum Thema in acht Folgen Podcast. Rund um Nachhaltigkeit und die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit der Schlüssel zu erfolgreichem unternehmerischem Handeln in der Zukunft ist. 

In dieser vierten Folge machen wir den Praxischeck im Tourismus. Du lernst in dieser Folge, wie Du Kunden und Kundinnen in die Entwicklung nachhaltiger Geschäftsmodelle einbeziehst. Hubertus Wichmann ist Destinationsentwickler. Er erlebt, wie gerade durch das Unfertige, durch den gemeinsamen Lernprozess zwischen Mitarbeiter:innen, Gästen und dem Umfeld des Urlaubsortes eine Verbindung wächst, die tragfähiger ist als jedes Last-Minute-Schnäppchen.

Zu Gast in dieser Woche:

Hubertus Wichmann, Destinationsentwickler, Hotelbetreiber, Koch. www.bionaturresort.com

Akademie Nachhaltigkeit: #3 Businessplan mit René Schmidpeter18 Apr 202200:40:15

Die carls zukunft Akademie Nachhaltigkeit. Dein Crashkurs zum Thema in acht Folgen Podcast. Rund um Nachhaltigkeit und die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit der Schlüssel zu erfolgreichem unternehmerischem Handeln in der Zukunft ist. Folge 3. Dies ist einer der Gedanken, die sich durch alle Podcasts dieser Akademie ziehen: Ohne konsequent auf Nachhaltigkeit zu setzen, wird es schwer mit dem Erfolg.

In dieser Folge lernst du, wie wir im Kontext Nachhaltigkeit über unsere Ziele nachdenken müssen. Wie wir uns verabschieden müssen von einem Wettbewerbsdenken, bei dem eine:r immer nur auf Kosten der anderen gewinnen kann. Professor Schmidpeter zeigt in dieser Folge: Wir haben es mit neuartigen Herausforderungen zu tun - und entweder wir gewinnen alle - oder niemand.

Zu Gast in dieser Woche: Professor Dr. René Schmidpeter lehrt Nachhaltiges Management an der Internationalen Hochschule München und leitet das Institut für nachhaltige Unternehmenstransformation www.m3trix.de, wenn er nicht gerade ein Buch über Nachhaltiges Wirtschaften und CSR schreibt. 

Akademie Nachhaltigkeit: #2 Gourmet mit Patrick Diehr17 Apr 202200:38:07

Die carls zukunft Akademie Nachhaltigkeit. Dein Crashkurs zum Thema in acht Folgen Podcast. Rund um Nachhaltigkeit und die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit der Schlüssel zu erfolgreichem unternehmerischem Handeln in der Zukunft ist.

In dieser zweiten Folge geben wir der Leidenschaft für Nachhaltigkeit ihren Raum. Und der Kulinarik. Und dem Strandkohl. Du lernst, wie ein Unternehmer sein Geschäftsmodell konsequent neu denkt und von Grund auf nachhaltig aufstellt. Der Unternehmer ist Patrick Diehr, Gastronom aus Leidenschaft und wer sich von Patricks Begeisterung für die nachhaltige Transformation nicht anstecken lässt, der … naja, hält einen Big Mac wahrscheinlich auch für ein kulinarisches Erlebnis. 

Zu Gast in dieser Woche:

Patrick Diehr, Koch, Gastronom und Caterer. Patrick ist der Gründer von Elementum Catering. Auf der Webseite findet sich auch der Film zu den sieben Geboten von Elementum. www.koch-fabrik.com

#209 Andreas Knie – Wir sind kein Autoland30 May 202400:44:56

Wie bitte? Deutschland, kein Autoland? Andreas Knie diagnostiziert: Deutschland war ein Fahrradland. Ein Motorradland. Das Auto wurde für einen Österreicher erfunden, von den Amerikanern in Masse produziert, in zahlreichen anderen europäischen Ländern viel stärker verbreitet - bis Hitler kam und das Auto zum Symbol für Fortschritt und Technologie erhob. Damit begann eine nachholende Modernisierung. Erst in den 70ern im Westen und in den 90ern im Osten kam Deutschland auf das Niveau anderer Länder. Andreas Knie ist Mobilitätsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professor für Soziologie an der TU Berlin. Er sagt: Die Nachhol-Dynamik wirkt bis heute und prägt unser irrationales Verhältnis zu Auto und Mobilität.

Warum tun wir uns so schwer, eine Mobilität zu denken - oder gar zu realisieren, die nicht das Auto in den Mittelpunkt stellt? Andreas schildert, mit welchem Mindset Politik und Verwaltung Verkehr planen. Im Verkehrsministerium gibt es am Ende nur eine Wahrheit: Was fehlt, sind Straßen. Und Brücken. Und noch mehr Straßen. Denn es gibt Lücken, überall Lücken. Daher müssen wir bauen, bauen, bauen. Als wäre Mobilität wie Wasser: Es kommt, es fließt, es wird immer mehr  - und da kann man auch gar nichts tun, als es immer wieder in die richtigen Bahnen zu lenken - und die Bahnen ständig zu vergrößern. Wer Fakten, Wissenschaft, Empirie dagegen hält, erntet ein beherztes „Glaube ich nicht“. Andreas’ Fazit: Wir werden von Ideologen regiert.

Dabei gibt es Wandel, nur eben nicht in der Politik. Die Mehrheit der Autofahrenden hat die Strecken reduziert, vor allem aus Klimaschutz-Gründen. Und wenn die CDU im Wahlkampf plakatiert: „Hände weg vom Auto!“, dann sieht Andreas die Debatte auf dem richtigen Weg. Wenn das Auto nicht mehr selbstverständlich ist, sondern begründet und verteidigt werden muss, dann kann etwas neues entstehen.

Das Narrativ der Technologie Auto ist auserzählt. Freiheit und Wohlstand waren seine Themen, Vernetzung und Teilhabe. Fun fact: Die Scheidungsrate korreliert mit der Anzahl der Autos; Beweglichkeit wirkt. Das neue Narrativ der Mobilität: Autos schaden uns mehr als sie uns nützen. In einer vernetzten Mobilität der Zukunft reichen 25% der heutigen Autos, um ohne Einschränkungen mobil zu sein. Der Rest steht herum, raubt Platz, dominiert unser Bild von Straßen, Städten und Raum. In Berlin allein sind das 900.000 Fahrzeuge. Einfach überflüssig. Aber wir glauben immer noch, uns würde etwas weggenommen, wenn Parkplätze entfallen (Übersetze: Wenn wir Raum für Menschen gewinnen), Fahrspuren aufgehoben werden (Fahrradfahrende sicher unterwegs sein können), etc. Es ist ein Prozess. Und er wird dauern. Aber er ist nicht mehr aufzuhalten. In 15 Jahren, so die Einschätzung von Andreas, werden unsere Städte anders aussehen als heute. Eben doch kein Autoland.

Zu Gast: Prof. Dr. Andreas Knie, Leiter der Forschungsgruppe "Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung" am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung - WZB, Professor für Soziologie an der TU Berlin

Akademie Nachhaltigkeit: #1 Design mit Daniela Bohlinger16 Apr 202200:39:21

Die carls zukunft Akademie Nachhaltigkeit. Dein Crashkurs zum Thema in acht Folgen Podcast. Rund um Nachhaltigkeit und die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit der Schlüssel zu erfolgreichem unternehmerischem Handeln in der Zukunft ist.

In dieser ersten Folge lernst du, warum Nachhaltigkeit eine Frage des Designs ist. Nicht Design im oft missverstandenen Sinne von Aussehen. Es geht nicht um die Farbe der Recyclingtonne, um rosa oder blau. Sondern Design im Sinne der Gestaltung und Funktion. Wie gestalten wir industrielle Produkte so, dass sie nachhaltig funktionieren. Wie die Prozesse, die Kultur, das Management, die Unternehmen. Daniela Bohlinger verantwortet das Thema Sustainability Design bei BMW. Und wer denken sollte, im Großkonzern könne sich nichts bewegen, der hat Daniela noch nicht getroffen.

Zu Gast in dieser Woche: Daniela Bohlinger, Head of Sustainability Design bei BMW, Professor at practice für Sustainability, Universität Umea, Schweden.

#91 Stefan C. Aykut – Warum es nicht genügt, Recht zu haben14 Apr 202200:37:55

Diese Woche in der Zukunft:  

„Listen to the Science!“ Die Klimaforschung ist sich einig. Der jüngste IPCC-Report lässt nun wirklich keinen Zweifel mehr. Und doch geschieht: Wenig bis nichts, jedenfalls zu wenig, gemessen an Paris und erst recht an „der Wissenschaft“. Eine Frusterfahrung für Aktivist:innen und auf ersten Blick erstaunlich: Warum reicht es nicht aus, Recht zu haben? Zumal, wenn man selbst doch wirklich Recht hat. Manno! Stefan C. Aykut forscht als Soziologe über ökologische Konflikte. Er sagt: Kein Wunder – Recht haben reicht nicht aus. Was aber reicht dann?  

Stefan stellt Fragen: Sind wir wirklich so sicher, Recht zu haben? Am Beispiel der Klimakrise: Im Befund wohl schon, aber bei den konkreten Maßnahmen? Er analysiert: Es ist das eine, im wissenschaftlichen Diskurs einen breiten Konsens zu erzeugen. In der praktischen Umsetzung Rückenwind zu erfahren, ist etwas völlig anderes. Politik handelt nicht einfach, Politik wird zum Handeln getrieben. In der Sphäre der Politik geht es um Koalitionen, um Kompromisse, um Macht und Mehrheiten – und sehr schnell auch um die schlicht anmutende Frage: Was ist denn nun ein gutes Leben? 

Die klimaschädliche Wirkung des Fliegens zu analysieren, ist das eine. Die Frage, ob es zu einem guten Leben gehört, ferne Länder per Flugzeug zu bereisen, eine völlig andere. Und schon ist sie auf dem Tisch: Die Diskussion um Verzicht. Stefan und Michael diskutieren im Podcast, dass sich dieses Dilemma nur durch einen Blick in die Zukunft auflösen lässt: Wie wollen wir künftig gut leben?  

Anfang 2022 hat der Film „Don’t look up!“ viel Aufmerksamkeit erzeugt und den Konflikt zwischen Recht haben einerseits und dem Scheitern einer angemessenen Antwort andererseits stark zugespitzt. Stefan weist auf die Lücke hin: Solange wir uns nur als Opfer dieses Konflikts verstehen, als Zuschauer, als einzelne, solange wir nicht Bewegungen bilden und so Kraft erzeugen, führt am Scheitern kaum ein Weg vorbei.  

Stefan gehört zu den Autor:innen des Papers “It’s not enough to be right! The climate crisis, power, and the climate movement”. Eine Handreichung für alle, die den Wandel treiben wollen, frei zum download unter: https://www.ingentaconnect.com/content/oekom/gaia/2021/00000030/00000004/art00006;jsessionid=6jm58me7l07fl.x-ic-live-02 

Der Gast in dieser Woche: 

Prof. Dr. Stefan C. Aykut, Universität Hamburg, Professur für Soziologie, insbesondere ökologische Krisen und Konflikte 

#90 Nachhaltigkeit hands on: Bau – Florian Michaelis07 Apr 202200:32:30

Diese Woche in der Zukunft: 

Nachhaltigkeit im Bau fängt am hinteren Ende an: Kann ich die Materialien später wieder auseinandernehmen, sie neu zusammensetzen, neue hinzufügen oder alte abstoßen? So eine zentrale Aussage von Florian Michaelis, Gründer und CEO von Urban Beta aus Berlin und Kiel. Florian ist angetreten, Planen und Bauen komplett neu zu denken. Mobilien statt Immobilien, flexible Häuser, Nachhaltigkeit ist hier kein optionales Extra, es ist der Grundsatz.

Urban Beta hat dafür ein System entwickelt, das wie Lego funktioniert. Wir fangen mal an zu bauen und stellen erste Räume hin. Am Beispiel Einfamilienhaus. Wir starten mit schmalem Budget, also klein. Es kommen zwei Kinder – bauen wir an. Die Kinder ziehen aus – bauen wir wieder ab. Die Treppe wird schwierig – bauen wir um. Die Baumaterialien sind von Anfang an darauf ausgelegt, auch nach Jahrzehnten noch immer neue Kombinationen zu ermöglichen. Beton und Verbundwerkstoffe aller Arten haben hier schlechte Karten. 

Denken wir uns eine Stadt, die so entsteht – und schon sind wir beim Konzept „Neighborhood on demand“. Denn warum sollte ich meinen Raum, der mir gehört und temporär in einen größeren Bau integriert ist, nicht mitnehmen, wenn ich von Berlin nach München ziehe? Die eingebaute Flexibilität ist der große Schlüssel zur Nachhaltigkeit im Bau. 

Wenig überraschend: Florian rechnet vor, dass diese Art, nachhaltig zu bauen, auf Verbundwerkstoffe zu verzichten, dauerhafte Flexibilität zu ermöglichen, nicht nur ökologisch sinnvoller ist, mehr sozialen Gestaltungsspielraum ermöglicht, sondern auch ökonomisch lohnender ist. Da sind sie wieder, die drei Säulen der Nachhaltigkeit: Ökologie, Ökonomie und Soziales. 

Zu Gast in dieser Woche:

Florian Michaelis, Gründer und CEO von Urban Beta

#89 Nico Rose - Sinn und Glück bei der Arbeit31 Mar 202200:44:36

Diese Woche in der Zukunft:

Ein Gespräch über Sinn und Glück bei der Arbeit. Wo finde ich einen Sinn und wer ist dafür zuständig, dass ich glücklich bin? Und heißt es jetzt eigentlich TGIF oder TGIM? Thank God it’s Friday … or Monday? Besonders Hochqualifizierte erleben unter der Woche mehr Zufriedenheit als am Wochenende, ganz offensichtlich eine Frage von Rahmen und Strukturen. Nico Rose hat gerade seine Professur für Wirtschaftspsychologie aufgegeben und sich als Handlungsreisender für Sinnangebote selbstständig gemacht. 

Wer ist eigentlich dafür zuständig, dass ich bei der Arbeit glücklich bin? Natürlich: In gewisser Weise jede:r im System. Nico ermutigt Führungskräfte zu verstehen, dass sie nicht nur eine Verantwortung für Ziele und Aufgaben haben, sondern auch eine emotionale Verantwortung für das System haben. Darum ist es eine wichtige Fähigkeit von Führungskräften, sich nach einem richtigen ärgerlichen Meeting schnell wieder zu neutralisieren. In Netzwerkanalysen kann man zeigen, und zwar noch bis ins vierte und fünfte Glied der Kette, wie sich die schlechte Laune von Führungskräften verbreitet. 

Nico sagt: Wir brauchen mehr Führung. Gleichzeitig haben wir immer noch Menschen in Führungspositionen, die gar nicht führen wollen. Menschen, die sich vor Führung drücken. Menschen, die als Micromanager führen. Oder auch Menschen, die mehr Lust haben, selber anzupacken, als dass sie durch andere wirken wollen. So erging es ihm selbst nach mehr als zehn Jahren Management im Konzern, als er merkte: Ich will lieber selber machen. 

Wie entstehen nun aber Glück und intrinsische Motivation, gerade in Veränderungen? Was wir nicht können: Kontrollieren, welche Botschaften ankommen. Menschen machen sich ihr eigenes Bild, deuten und interpretieren ihr Umfeld neu, wenn sie merken, dass ihre alten Muster nicht mehr greifen. Wie können wir dann als Unternehmen, als Führungskraft dafür sorgen, alle im Unternehmen auf ein neues Ziel auszurichten? Nico sagt: Das wirkungsvollste, das ich als Führungskraft tun kann, ist: Das eigene Team einzuladen, meine Musterbildung zu teilen. Die auch nicht fertig oder endgültig ist. Die sich im Dialog überprüfen und verbessern lässt. Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, diesen Prozess möglichst frühzeitig zu starten. Nicos Eindruck: Wir wissen doch ohnehin aus dem eigenen Leben, dass wir nicht immer den letzten Durchblick haben. Wer soll uns im Unternehmen glauben, dass es gerade da so sein sollte?

Sinn entsteht, indem wir drüber reden. Und dort, wo wir keinen Sinn vorfinden, machen wir Menschen uns einen. Ob wir nun Jesus auf der Toastscheibe sehen oder etwas anderes - ohne Sinn können wir uns nicht orientieren. Das Ergebnis guter Führung ist, dass man zu den großen Themen des Unternehmens - Was machen wir hier? Wer sind unsere Kunden? Was ist unsere Strategie? - zu einer geteilten Bedeutung kommt, zu einem gemeinsamen Sinn.  

Die andere Seite der Medaille: Demotivation - wächst gern dort, wo Vertrauen fehlt. Dabei ist Vertrauen der beste Transaktionskostenkiller. Überall da, wo ich nicht vertraue, muss ich mich absichern, Verträge schließen, Zeitmanagementsysteme installieren, Kontrollen durchführen und bezahlen. Und Kontrolle hat einen Preis, genauer: zwei: Einen für die Stechuhr und die Leute, die sie bedienen. Dazu kommt ein psychologischer Preis: Ich erlebe, dass mir nicht vertraut wird. Das ist wenig motivierend. Je mehr ich durch Verdauen regeln kann, desto weniger Stechuhrmechaniker brauche ich. 

Zu Gast in dieser Woche:

Dr. Nico Rose, selbstständig als Handlungsreisender für Sinnangebote, Autor zahlreicher Bücher zu Führung, Positiver Psychologie und Sinn.

#88 Carsten Mumm – Ein neuer Generationenvertrag24 Mar 202200:48:02

Diese Woche in der Zukunft:

Ein neuer Generationenvertrag muss her. Und zwar schnell. Natürlich werden wir länger arbeiten. Natürlich über Steuern oder Beiträge mehr in die Rentenkasse einzahlen – und weniger herausbekommen. Aber diese Stellschrauben der Vergangenheit reichen nicht mehr. Spätestens 2030 ist die Decke zu kurz. Bis dahin muss der neue Generationenvertrag stehen, sagt Carsten Mumm, Chefvolkswirt der Privatbank Donner und Reuschel, im Podcast. 

Ein wichtiger Treiber der Entwicklung: Die Demographie. Der demographische Wandel ist kein harmloser Wandel. Vor uns steht eine ausgewachsene demographische Krise. #WirSindDieKrise

Wir müssen also an die Grundlagen ran. Zuallererst: Was ist Arbeit? Arbeit ist das, was der Gesellschaft zugutekommt. Das ist etwas anderes als Beitragsjahre zählen. Das Zeitalter schematischer Bemessung von Beitragsjahren und Rentenhöhe geht zu Ende. Leistungen für die Gesellschaft und persönliche Belastungen sind individuell hoch unterschiedlich. Gleichzeitig kann es nicht das Ziel sein, dass jede:r solange arbeitet, bis er:sie nicht mehr kann. Niemand soll mit 70 noch auf dem Bau schuften müssen. Volle Belastung bis zur Erschöpfung für alle kann nicht das Ziel sein, eher im Gegenteil: Wir sollten lernen, Berufsleben so zu gestalten, dass die Belastung möglichst gering ist. 

Carsten sieht alle Generationen in der Pflicht. Die heutigen Neu-Rentner müssen den Jungen das Fachkräfteproblem lösen. Mit 67 einen Cut machen und sich nur noch um die Blumen kümmern, das können wir uns nicht erlauben. Alle Generationen müssen sich einbringen. 

Der Druck aus den Unternehmen könnte sich hier als hilfreich erweisen. Der allgegenwärtige Fachkräftemangel macht es attraktiv, die Mitarbeiter:innen länger in den Unternehmen zu halten – zumal viele Menschen länger arbeiten und sich sinnvoll einbringen wollen.

Was haben jüngere Menschen davon, einen neuen Generationenvertrag auszuhandeln? Carsten weist darauf hin: Nicht zuletzt, weil die ältere Generation in der Mehrheit ist, kommen wir um ein Miteinander gar nicht umhin. 

Der praktische Hinweis zum Schluss: Wir haben selber vorzusorgen. Der Details sind viele, die Basics schlicht: 20 € im Monat machen schon einen Unterschied, übersetzt: Einen Cappuccino Grande pro Woche bei Starbucks lassen, stattdessen konsequent früh anfangen, Aktien kaufen, liegen lassen. Über die Jahre sind Schwankungen in Kurs und Wert eher hilfreich als riskant. 

Zu Gast in dieser Woche:

Carsten Mumm, Chefvolkswirt Privatbank Donner & Reuschel.

Youtube/Twitter

#87 Katja Diehl – #autokorrektur17 Mar 202200:39:29

Diese Woche in der Zukunft: 

Katja Diehl streitet für eine andere Mobilität im Land. Genauer: Katja streitet dafür, dass jede:r im Land bessere Möglichkeiten hat, die eigene Mobilität frei zu gestalten. Und das heißt: Wir müssen über die Privilegien des Autos sprechen. Und da der Mensch die eigenen Privilegien immer nur besonders schwierig wahrnimmt, braucht eine Wende der Mobilität auch eine Schule der Wahrnehmung. Ein Feedback, das Katja auf ihr Buch bekommt, lautet: Vor deinem Buch habe ich die vielen Autos in meiner Stadt gar nicht gesehen. Jetzt stehen sie überall. Das Buch heißt „Autokorrektur – Mobilität für eine lebenswerte Welt“. Katja war in der Review 2021: Katja Diehl – Mobilität mit #autokorrektur schon einmal als Streiterin für eine andere Mobilität hier im Podcast. Jetzt kehrt sie als Bestsellerautorin zurück. 

Der blinden Flecken sind viele. Eine Auswahl: Alle fahren Auto. Dabei können 13 Millionen Erwachsene kein Auto nutzen. Alle wollen Auto fahren. Dabei nutzt ein erheblicher Anteil der Autofahrer:innen das Fahrzeug nur, weil die Alternativen schlechter sind, nämlich zu teuer, zu unsicher, zu gefährlich oder gar nicht vorhanden. Alle freuen sich, Auto fahren zu können. Nein, s.o. 

Katja sagt: Wer Auto fahren will, soll das auch bitte tun. Wir sollten nur parallel die gleichen Möglichkeiten schaffen für die, die nicht Auto fahren wollen oder können. Also Radinfrastruktur, gerade auf dem Land. Gefühlte und tatsächliche Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr. Eine Verlagerung der Subventionen weg vom Autoverkehr hin zu allen Menschen, die Mobilität suchen und brauchen. 

Katja reflektiert im Podcast auch darüber, wie ihr Geschlecht die Wahrnehmung ihrer Arbeit prägt. Heiner Monheim hatte hier im Podcast vor einigen Wochen gefordert, 90% der Autos in Deutschland zu verschrotten – im Interesse lebenswerterer Städte und einer geschmeidigeren Mobilität. Katjas Eindruck: Solche drastischen Forderungen dürfe sie als Frau gar nicht formulieren, das werde ihr nicht zugestanden. 

Zu Gast in dieser Woche:

Katja Diehl, Aktivistin, Autorin, Netzwerkerin. Ihr Buch „Autokorrektur – Mobilität für eine lebenswerte Welt“ ist erhältlich im Buchhandel des Vertrauens. 

#86 Ralf Fücks – Der Preis unserer Freiheit10 Mar 202200:36:48

Diese Woche in der Zukunft: 

Die kommenden Jahre werden von einem neuen Systemkonflikt zwischen autoritären Mächten und liberalen Demokratien geprägt sein. Dabei stehen wir ganz praktisch vor der Frage: Welchen Preis sind wir bereit, für unsere Freiheit zu bezahlen? Anlässlich des russischen Kriegs in der Ukraine eine Folge über die Zukunft von Krieg und Frieden. Die alte Weltordnung des Friedens, mehr erhofft als gewachsen seit den 90er Jahren, war nie vollendet. Aber wie die künftige Weltordnung aussehen wird, ist noch nicht ausgemacht, sagt Ralf Fücks, einer der Gründer und Köpfe des Zentrums liberale Moderne. 

Vor uns liegt ein Zeitalter wachsender Turbulenzen und Spannungen. Die Frage ist, ob wir zurückfallen in eine Phase politischer, wirtschaftlicher und militärischer Rivalität von großen Machtblöcken, in der große Mächte sich auf Kosten anderer durchsetzen wollen. Zwei Mächte sind auf dem Plan: China und Russland treten revisionistisch auf und wollen eine neue nach ihren Vorstellungen schaffen, sind dabei von Gewaltbereitschaft geprägt. 

„Frieden schaffen ohne Waffen“ schlägt sich gerade den Kopf an der Wirklichkeit blutig. Wir gehen in eine sehr konflikthafte Welt und wir müssen alles daransetzen, diese Konflikte so einzuhegen, dass sie nicht militärisch ausgetragen werden. Das heißt auch, dass wir unsere eigene Verteidigungsfähigkeit so stärken müssen, dass wir andere abschrecken können, die auf Gewalt als das Mittel der Politik setzen. Wer militärisch erpressbar ist, ist auch politisch erpressbar. 

Gewaltbereite Mächte müssen gezwungen werden zu akzeptieren, dass sie nicht mit kriegerischen Mitteln durchkommen, dass sie sich auf politische und rechtliche Spielregeln und eine Zivilisierung von Konflikten einlassen müssen. Die Konflikte werden wir nicht aus der Welt schaffen können, schon gar nicht die Konflikte mit Mächten, die völlig andere Wertvorstellungen haben. Die russische Führung wie auch die chinesische Führung haben mit all dem, was für uns die Essenz liberaler Freiheit und Demokratie ausmacht, nicht viel am Hut: Das reicht von Meinungsfreiheit über unabhängige Gerichte, politischem Pluralismus, Gewaltenteilung bis hin zu Menschenrechten. Von diesem neuen Systemgegensatz wird die Welt in den kommenden Jahren immer stärker geprägt sein. Dafür müssen wir uns wehrhaft zeigen, um diesen Konflikt zu zivilisieren. Wir müssen Diplomatie erzwingen. 

Ist Freiheit zu verwundbar – gerade weil sie freiheitlich ist? Die Frage geht zuallererst an uns selbst, sagt Ralf. Wie wertvoll sind uns unsere zivilisatorischen Fortschritte? Sind wir bereit, Opfer zu bringen für die Verteidigung der Freiheit?

Wir müssen bereit sein, einen Preis für die Verteidigung der Demokratie zu zahlen, zuhause und international. Nach Ralfs Einschätzung ist das der Kern der Debatte um einen Importstopp für russisches Gas. Sind wir bereit, diesen Preis zu zahlen, auch wenn es hart wird? Oder sind wir dazu nicht bereit – und lassen die Ukrainer diesen Preis mit ihrem Leben bezahlen? Eine schwierige Abwägung. In der Ukraine tobt ein Kampf, der uns unmittelbar betrifft, nämlich um die künftige europäische Ordnung. Fallen wir in das Recht des stärkeren zurück oder verteidigen wir eine Ordnung, die auf dem Völkerrecht beruht, auf der Anerkennung von Grenzen, auf dem Selbstbestimmungsrecht von Völkern? Wenn wir nicht bereit sind, diese Ordnung heute zu verteidigen, dann könnte es sein, dass wir künftig einen sehr viel höheren Preis bezahlen müssen: Den Preis unserer Freiheit. Zu welchen Opfern sind wir notfalls bereit gegenüber einer aggressiven Macht, die Europa jetzt herausfordert? Indem wir jeden Tag mehrere 100 Millionen € für russisches Gas und Öl an Russland zahlen, sind wir hier mit verantwortlich. 

Der Konsens einer weltweiten Ordnung ist einseitig aufgekündigt. Putin ist nicht singulär; hinter dem aktuellen Krieg steht der Konflikt zwischen autoritären Mächten und liberalen Demokratien. China, Russland, Iran akzeptieren universalistische Werte nicht mehr, die zum Beispiel in der Charta der UN, in völkerrechtlichen Normen und Verträgen festgelegt sind, wie dem Pariser Klimaabkommen. Der Konsens ist aufgekündigt. Und wir stehen im Konflikt darüber, wie die Weltordnung künftig gestaltet werden soll. 

Zu Gast in dieser Woche:

Ralf Fücks, Gründer und Kopf des Zentrum liberale Moderne, gemeinsam mit Marieluise Beck. Zuvor war Ralf Fücks 21 Jahre Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung. 

#85 Abt Notker – Ohnmacht und Menschlichkeit in Zeiten des Krieges03 Mar 202200:27:37

Diese Woche in der Zukunft: 

Außergewöhnliche Zeiten erfordern besondere Podcastfolgen. Aus Anlass des russischen Kriegs in der Ukraine ein Gespräch über unsere Angst und Ohnmacht, über das Gebot der Menschlichkeit und den Erhalt unserer optimistischen Haltung. Zu Gast ist Abt Notker aus dem Kloster St. Ottilien, lange Jahre als Abtprimas oberster Repräsentant der Benediktiner.

Abt Notker sagt: Wir müssen unsere Angst konfrontieren. Die Ängste müssen raus, wir sollen darüber sprechen. Indem wir uns Raum geben, die Angst zu äußern, nehmen wir uns die Freiheit, ins Handeln zu kommen. Gerade weil ich weiß, dass die Welt nicht perfekt ist, lasse ich mich nicht niederziehen. Ob die Angst uns unsere positive Grundhaltung nehmen kann, hat auch mit unseren Erwartungen zu tun. Abt Notker sagt: Bei mir gehört zum glücklichen Leben auch, dass ich Unangenehmes aushalten kann. 

Wir erleben den russischen Krieg in der Ukraine als ein schreckliches Ereignis, das uns machtlos macht. Eine Erfahrung der Ohnmacht. Abt Notker sagt: Der Gedanke, wir könnten alles kontrollieren und als Menschheit auch moralisch immer besser werden, führt in die Irre. Wir haben so vieles im Leben nicht in der Hand. Hinzu kommt ein weiteres: Wollen wir wirklich den russischen Aggressoren auch die Herrschaft über unsere Emotion geben? Oder sagen wir: Ihr wollt meine Angst, aber Ihr bekommt sie nicht?

Was gebietet die Menschlichkeit angesichts dieser Krise? Flüchtlinge aufzunehmen, aber auch ganz alltäglich aufeinander zu achten. Wenn jemand zu viel Angst hat, sollen wir einander zuhören, einander Gelegenheit geben, das Herz auszuschütten, dann kommen wir wieder ins Handeln. 

Zu Gast in dieser Woche:

Abt Notker, Benediktinermönch aus St. Ottilien, u. a. 16 Jahre als Abtprimas oberster Repräsentant der Benediktiner weltweit. 

#84 Wir machen mal die Energiewende klar – Christoph Ostermann24 Feb 202200:39:56

Diese Woche in der Zukunft: 

Machen wir mal eben die Energiewende klar. Wird die Energielandschaft in zehn Jahren anders aussehen als heute? Das wissen wir noch nicht. Aber sie muss. Sagt Christoph Ostermann, Gründer und langjähriger CEO von Sonnen und damit ein Wegbereiter für erneuerbare Energien in Deutschland. 

In wenigen Jahren sollten wir bei 100% erneuerbaren Energie sein. Auf diesem Weg haben wir kein Innovationsproblem, sondern ein Installationsproblem. Die Energiewende hängt vor allem daran, dass wir schneller genehmigen und bauen. Dass wir es überhaupt wollen. Stichwort Windräder: Es rechnet sich, sie aufzustellen und zu betreiben. Punkt. Aber doch bitte nicht in meinem Garten… Und am Ende hängt die Energiewende auch daran, ob wir überhaupt ausreichend Handwerker haben, um alle die notwendigen Arbeiten auszuführen. 

Aus aktuellem Anlass bei Christoph nachgefragt: Sind Atomkraft und Gas nachhaltig? Lächerlich. 

Wird Energie am Ende mehr kosten? Wahrscheinlich ja, nimmt Christoph an. Ob das allerdings auch volkswirtschaftlich höhere Kosten sind, oder ob nur die Transparenz steigt, also die unmittelbaren Kosten steigen, aber die steuerfinanzierten Subventionen sinken? Das ist noch offen. Eine Vollkostenrechnung für die Stromerzeugung steht noch aus. Jedenfalls, sagt Christoph, war es ein cleverer Taschenspielertrick der Gegner erneuerbarer Energien, die EEG-Umlage direkt auf den Strompreis aufzuschlagen. So wird eine Sichtbarkeit von Mehrkosten erzeugt, die letztlich nur eine scheinbare ist. Schon heute ist Strom aus erneuerbaren Quellen günstiger. 

Können wir überhaupt 100% erneuerbar? Wir haben womöglich nicht genug Räume in Deutschland, nicht die klimatischen Bedingungen, sind zu dicht besiedelt und haben große Belastungsspitzen. Da wird es schwierig, allein aus uns heraus erneuerbar zu werden. Christoph sagt, wir müssen das Thema international denken, mindestens europäisch, wenn nicht global. 

Parallel wird sich die Branche weiter wandeln, hin zu dezentraler Versorgung, Netzwerken und Prosumern. Die Zeit der großen Konzerne muss dabei nicht vorbei sein. Sie haben die Chance, auch in einer neuen Energiewelt eine Rolle zu spielen. Christoph ist sich nur nicht sicher, ob die Konzerne schnell genug sind. Der Druck für die Großen ist groß. Was sie gemacht haben und konnten, ist: Nichts zu tun; damit bloß nichts falsch läuft. Vor weniger als zehn Jahren haben die Energieriesen das Thema Solar noch für irrelevant erklärt. Inzwischen hat Shell Christophs Unternehmen Sonnen gekauft, weil auch einem Konzern wie Shell klar ist, dass er den Wandel einleiten muss, dass es sonst kein Überleben gibt. Es darf hier, sagt Christoph, auch keine Berührungsängste geben. Jeder, der was tut und nicht nur redet, muss am Tisch der Energiewende willkommen sein. 

Um Versorgungssicherheit zu gewährleisten, werden wir die künftige Energielandschaft am absoluten Minimum ausrichten müssen, das wir immer brauchen. Ein Ergebnis: Wir werden meistens viel zu viel Strom haben. Viel zu viel. Unser europäisches Leben wird das nicht grundlegend ändern, sagt Christoph. Aber das ist vor allem eine gute Nachricht für die vielen Entwicklungs- und Schwellenländern, die heute noch nicht umfassend elektrifiziert sind. Das bringt Wohlstand in Regionen, die ihn heute noch nicht haben. 

Zu Gast in dieser Woche:

Christoph Ostermann, Investor und Unternehmer, Vorreiter der erneuerbaren Energie in Deutschland, Gründer und langjähriger CEO von Sonnen

#83 Nachhaltigkeit hands on: Gastronomie - Patrick Diehr17 Feb 202200:37:18

Diese Woche in der Zukunft:

Diese Folge macht Appetit. Und wer auch nur die Spur einer Kochleidenschaft in sich trägt, wird sofort in die Küche wollen. Und ganz nebenbei erleben wir ein Lehrstück in Sachen Nachhaltigkeit. Inspiration mit Sahne, sozusagen. Veganer Sahne, versteht sich.

Patrick Diehr ist Koch, Gastronom und Caterer im schönen Schleswig-Holstein. Sein jüngstes Baby ist Elementum Catering, ein weitest möglich nachhaltiger Catering Service. Kochen ohne Strom, Recycling auf allen Ebenen, konsequent regionale Produkte, Gemüse wird im Keller gelagert und in der Asche gegart, die Geräte sind alle schon gebraucht und werden wieder verwendet, die Gäste sortieren den Müll selbst, Tische und Stühle - bis hin zur Visitenkarte hat Patrick mit seinem Team jedes Detail angefasst und einen Weg gesucht, wie er das nachhaltiger anbieten kann. Hier gibt es keine Hochglanz-Visitenkarten mehr, sondern einen Kohlestempel auf ein Stück Pappe. Die Berufsbekleidung kommt als Recycling von der Bundeswehr. Oder das T-Shirt wird mit Kreidespray beschriftet. Alles in allem 95% weniger CO2-Ausstoß.

Die Begeisterung, die Gänsehaut, mit der Patrick von seinem Produkt erzählt, muss man hören. Und sich anstecken lassen. Kochen ohne Zitrone? Wer sich in der Natur auskennt, kann frühreife Johannisbeeren nutzen. Fleur de sel kann auch von der Kieler Förde kommen. Fermentierte Bohnen machen auch in Schleswig-Holstein eine Sojasauce. Und Strandkohl! Strandkohl schmeckt wie Broccoli, einfach ernten bitte.

In jedem Garten stehen jede Menge Pflanzen, die wir essen können, sagt Patrick. Er sagt auch: Wir sind am Anfang eines Weges, wir müssen lernen, lernen, lernen. Auch voneinander – das Konzept von Elementum ist ausdrücklich zur Nachahmung empfohlen. Einfach anrufen, Patrick hilft beim Kopieren.

Zu Gast in dieser Woche:

Patrick Diehr, Koch, Gastronom und Caterer. Patrick ist der Gründer von Elementum Catering. Auf der Webseite findet sich auch der Film zu den sieben Geboten von Elementum. www.koch-fabrik.com
#208 VersicherungsFan Daniel Feyler - über die sinnvolle Zukunft eines schlechten Geschäfts23 May 202400:39:26

Daniel Feyler ist bekennender Versicherungsfan, seit Jahren in der Branche tätig, Schwerpunkt Startups und Innovationen. Er sagt: Das Prinzip Versicherung ist sinnvoll und extrem zukunftsfähig, wenn es auch in der Regel ein schlechtes Geschäft ist. Versicherungen gleichen Schäden aus, sie nehmen dafür Prämien - und machen Gewinn. Für die Versicherten also immer ein schlechtes Geschäft. Allerdings an der richtigen Stelle auch ein notwendiges. Daniels Faustregel zur Bestimmung des eigenen Risikos: Würde dich der Schaden in den Ruin treiben oder könntest du ihn zähneknirschend selbst begleichen? Das eine bitte versichern, das andere nicht. Das Haus gegen Feuer absichern, aber das Handy …?

Vor wenigen Jahren pflegte die Versicherungsbranche noch eine bunte, etwas poppige Vorstellung ihrer Zukunft, in der wir alle auf dem Handy oder auf der Uhr irgendwelche fancy Versicherungen abschließen, die tief in Berlin-Mitte von ein paar Hipstern im Startup-Hub einer ansonsten eher behäbigen Versicherung erdacht wurden. Daran glaubt wohl kaum ein Mensch mehr. Es ist ja auch kein Versicherer aus dem Markt gedrängt worden. Soweit hat die Disruption schon mal nicht funktioniert. Andererseits hat die InsurTech-Welle der Mitte der 10er Jahre bei den Versicherungen enorme Investitionen in IT ausgelöst. Daniel betont, dass es diese ohne die InsurTechs wahrscheinlich nicht gegeben hätte.

Und die InsurTechs selbst? Viele InsurTechs sind hart mit der Realität in Kontakt gekommen. Daniel sieht hier vor allem die Regulatorik wirken. Vor wenigen Jahren noch als Geißel beklagt, hat sie sich für die Versicherungen auch als Schutz erwiesen, als Barriere gegen Disruption von außen. Fast alle IsurTechs, die selber als Versicherer Kunden gewinnen wollten, haben ihr Geschäftsmodell inzwischen umgestellt und arbeiten in Kooperation mit den Versicherern. Die InsurTechs sind vielfach ausgelagerte Technologiezentren der etablierten Großen geworden.

Die zentrale Zukunftsfrage der Versicherung ist technologiegetrieben. Die intelligente Analytik wird immer feiner, die Bewertung einzelner Risiken immer genauer. Versicherungen können immer präziser bestimmen, welches „gute“ Risiken sind und welche nicht. Kurzfristig verbessert das die Bilanz. Langfristig kann das Prinzip Versicherung damit dem eigenen Erfolg zum Opfer fallen. Stabilität, Sicherheit und Gemeinschaft machen das Prinzip der Versicherung aus. Wenn Gemeinschaft irgendwann darin besteht, dass nur noch bestimmte Einzelrisiken versicherbar sind (und das auch noch diejenigen sind, die kaum ein tiefes Risiko darstellen), höhlt sich die Versicherungswirtschaft selbst aus. Lösung? Offen.

Zu Gast: Daniel Feyler, Co-Founder und Gesellschafter des InsurTechs ePrimus und investiert als Business Angel in weitere InsurTechs.

#82 Nachhaltigkeit hands on: Tourismus – Hubertus Wichmann10 Feb 202200:38:59

Diese Woche in der Zukunft: 

Ohne Nachhaltigkeit wird es in zehn Jahren keinen nennenswerten wirtschaftlichen Erfolg mehr geben, auch im Tourismus nicht. Im Gespräch bei Michael Carl ist Hubertus Wichmann, Destinationsentwickler und Tourismus-Praktiker. Er sagt: Nachhaltigkeit ist kein Verzicht, sondern ein Gewinn – für Gäste, für Hoteliers, für touristische Orte. Mit Michael Carl hat er darüber gesprochen, wie der Weg zu mehr Nachhaltigkeit ganz praktisch aussieht.

Die erste Erfahrung: Nachhaltigkeit ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Lernprozess. Hubertus erlebt immer wieder, dass gerade die Gäste es schätzen, wenn Hotels ihre Lernprozesse transparent machen, konkrete Schritte zu mehr Nachhaltigkeit einfach im Echtbetrieb testen und lernen. Das genaue Gegenstück zu einer allzu glatten Perfektion oder einer allzu harten Prozessoptimierung. Außerdem sind gerade die Gäste eine Quelle für neue Ideen, die sich gerne in kreative Prozesse einbeziehen lassen. 

Der zweite Schritt: Einfach machen. Hubertus beschreibt, wie Kreislaufwirtschaft ganz konkret wird. Nachhaltigen Kaffee beziehen und selber mahlen; das Kaffeemehl dient anschließend als Nährboden für die hauseigene Pilzzucht, bevor es im dritten Schritt als Dünger im Garten ausgebracht wird. Mit Brauchwasseranlagen hat er den Wasserverbrauch in einer Anlage von 120 Liter auf elf Liter pro Kopf und Tag gesenkt. Die Nachhaltigkeit beginnt schon im Bau, bei der Auswahl der Materialien und der Bauweise. 

Für Hubertus ist der nächste Schritt der entscheidende: Nachhaltiger Tourismus führt nicht zu isolierten Hotelprojekten an irgendwelchen Orten. Wirklich nachhaltiger Tourismus bezieht auch das gesamte soziale Umfeld der Destination mit ein. Was sind die Bedürfnisse, was die Stärken einer Kommune? Was sind die Ergebnisse von Bürgerworkshops vor Ort? Natürlich, viele Kommunen wollen vom Tourismus leben. Die zentrale Frage dabei aber ist: Wie? 

Nachhaltiger Tourismus sieht entsprechend an jedem Ort anders aus. Beteiligungsprozesse können immer wieder auch dazu führen dass sich ein Projekt an einem Ort nicht realisieren lässt. Eine freundliche Umschreibung für die Perspektive, dass die großen standardisierten touristischen Zentren in den kommenden Jahren massive Schwierigkeiten bekommen werden. 

Kann das schiefgehen? Ja, sagt Hubertus. Wenn wir den ersten Schritt nicht gehen. Letztlich handelt es sich bei der Nachhaltigkeit im Tourismus um eine Frage des Mindsets. Der entscheidende Schritt ist nicht der abschließende, große, sondern der erste, kleine. So geht Nachhaltigkeit. 

Zu Gast in dieser Woche:

Hubertus Wichmann, Destinationsentwickler, Hotelbetreiber, Koch. www.bionaturresort.com

#81 Eva Maria Welskop-Deffaa – Die Caritas und die Zukunft der Arbeit03 Feb 202200:19:46

Diese Woche in der Zukunft: 

Arbeit wandelt sich, schnell und grundlegend. Aber wohin? Eva Maria Welskop-Deffaa, frisch gewählte Präsidentin des Caritasverbands, beschreibt Arbeit vor allem als Beziehung: Beziehung zum Produkt, zum Team, zum Kunden, zum Rohstoff, zu den Räumen. Auf jeder dieser Ebenen wirken sich Globalisierung und Digitalisierung aus. Kurzum: Arbeit wandelt sich auf allen Ebenen, ob wir wollen oder nicht. Und: Ob wir können oder nicht. Die Zukunft der Arbeit ist viel eher eine Frage des Müssens. So wie auch die Caritas es in der Pandemie erlebt hat. Aus dem Plan, digitale Tools in der Pflege in Ruhe und wohl bedacht einzuführen, wurde an vielen Stellen die Notwendigkeit, schnell Lösungen umsetzen zu müssen. Das setzt das System insgesamt unter Stress, schafft Unruhe und strengt an. 

Insgesamt, so Evas Einschätzung, brauchen wir vor allem Zeit, um die Arbeit der Zukunft zu gestalten. Wir werden diese Zeit allerdings nicht bekommen. Was wir daher brauchen, ist Resilienz. Denn das Thema Arbeit wird immer wichtiger werden. Wir werden in zehn Jahren noch mehr als heute eine Arbeitsgesellschaft sein, das müssen wir gestalten. 

Die Caritas hat auf vielen Ebenen mit einem Mangel an Fachkräften zu tun. Eine gute, zukunftsfähige Arbeit ist nötig, wird diesen Mangel aber nicht beheben können, sagt Eva. Zwar können wir uns mit dem Mangel nicht arrangieren, wir werden ihn aber auch kaum beheben können. Schließlich ist der Mangel überall: In der Pflege, in der Medizin, auf den Baustellen, in der öffentlichen Verwaltung etc. Darum müssen wir den Kreis größer ziehen, dürfen nicht zulassen, dass so viele Menschen im Alter auf Hilfe angewiesen sind. Wir müssen uns fragen, wer wie wohnt, wer wen persönlich unterstützen kann. Die Frage der Zukunft der Arbeit lässt sich nur beantworten, wenn wir auch soziale Aspekte in den Blick nehmen. 

Alles das ist kein Grund, den Optimismus aufzugeben, sagt Eva. Gefragt sind Zukunftsmut und Zukunftskunst. Zukunftsmut als Charaktereigenschaft von Führungskräften, Zukunftskunst als Fähigkeit von Institutionen und Organisationen, die eigene Zukunft zu gestalten. Denn wenn das Leben gut gewesen ist, dann wird es voll Arbeit gewesen sein. Der Gedanke ist schon vor weit mehr als 2000 Jahren formuliert worden, auf hebräisch. Psalm 90, lohnt die Lektüre. 

Zu Gast in dieser Woche:

Eva-Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin Deutscher Caritasverband e.V.

#80 Heiner Monheim – Tempolimit für Züge27 Jan 202200:33:26

Diese Woche in der Zukunft: 

Wir brauchen ein Tempolimit für Züge. Ein Satz mit Symbolkraft. Oder vielleicht besser: Ein Tempolimit im Denken? Denn darum geht es Verkehrs- und Stadtplanungslegende Heiner Monheim: Ein neues Denken über Mobilität und Verkehr. Heiner Monheim hat ADFC und VCD mit gegründet und streitet seit vielen Jahren für eine bessere Mobilität.  

Natürlich: Niemand will, dass schnelle Züge auf den neuen Hochgeschwindigkeitsstrecken langsamer fahren. Unser Problem ist nur, dass wir den Fokus falsch legen. Heiner fordert: Statt auch nur eine weitere neue Hochgeschwindigkeitsstrecke zu bauen, sollten wir uns um die Revitalisierung zahlloser stillgelegter Strecken kümmern. Der Gewinn für uns alle entsteht nicht durch einen zusätzlichen langen Tunnel. Der Gewinn entsteht, wenn endlich auch in der Breite alle Züge 120 km/h fahren können. Und viel mehr davon. Interregios im 30-Minuten-Takt. 

Die Verkehrswende ist keine Magie. Heiner und Michael diskutieren einfache Learnings: 1. Wenn es lediglich um Umdenken geht, können wir heute anfangen. 2. Wir setzen die falschen Prioritäten. Das müssen wir ändern. 3. Die Verkehrswende ist ein großer positiver Schritt hin zu viel mehr Freiheit und Lebensqualität. Und 4.: Wer heute anfangen will, der engagiere sich kommunal. Genau dort liegt der große Hebel. 

Die Prioritäten, die wir setzen, haben auch mit unserer Wahrnehmung zu tun. Wir richten die Mobilität in der Stadt auf das Auto aus, dabei haben 40% der Haushalte in der Stadt gar kein Auto. Auf dem Land sind das übrigens auch 20% … Noch eine interessante Beobachtung: Die Strecken zwischen 0-5 km und zwischen 5-20km machen 3/4 des Verkehrs aus. Hier müssen wir ansetzen und Lösungen finden, dann lohnt es auch. Stattdessen sind wir fixiert auf die Langstrecken, Autobahnen und Fernzüge, auf die große Reichweite, auf die hohe Geschwindigkeit. Wir arbeiten uns am Sonderfall ab. 

An einem lässt Heiner keinen Zweifel: Wir müssen die Anzahl der Autos reduzieren. Und zwar erheblich, um rund 90%. Heiner hat berechnet: 4 Mio Autos reichen völlig aus, um den Bedarf an individueller motorisierter Mobilität zu decken. Die übrigen 44 Mio. Autos, die heute in deutschen Straßen geparkt sind, sollten wir recyceln und verschrotten. Die einzigen Autos, die überall auf den Straßen rumstehen sollten, sind bobbycars.

Eine zentrale Botschaft von Heiner: Eine neue Mobilität ist kein Verzicht, im Gegenteil: Sie ist ein Gewinn. Ein Gewinn an Zeit, wenn Eltern ihre Kinder nicht mehr überall hinfahren müssen, weil Straßen zu gefährlich sind. Ein Gewinn an Gesundheit und Wohlbefinden, durch weniger Lärm, sauberere Luft, mehr Platz für Bäume in der Stadt. Ein Gewinn an Geld, denn wir subventionieren die heutige Mobilität über die Maßen.

Zu Gast in dieser Woche:

Heiner Monheim, Geograph und Stadtplaner, Professor emer. der Universität Trier, Mitbegründer ADFC und VCD

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