«52 beste Bücher» widmet sich Woche für Woche einer herausragenden literarischen Neuerscheinung. Die Sendung richtet sich an alle Liebhaberinnen von Literatur und literarischer Debatte und an jene, die neugierig sind auf Begegnungen mit Autoren und Literaturkritikerinnen.
Leitung: Esther Schneider
Redaktion: Franziska Hirsbrunner, Annette König, Michael Luisier, Felix Münger, Rainer Schaper, Britta Spichiger, Luzia Stettler, Nicola Steiner, Susanne Sturzenegger, Julian Schütt
Redaktionsassistenz: Anna von Tobel, Kira Capraro
Kontakt: literatur@srf.ch
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52 Beste Bücher kompakt: Pedro Lenz und Dorothee Elmiger
Sunday, July 11, 2021 • Duration 31:29
Während der Ferienzeit bis zum 8. August präsentieren wir Highlights der Sendung «52 Beste Bücher». In kompakter Form gibt es Auszüge zu hören aus den Gesprächen mit Autorinnen und Autoren über wichtige Bücher der vergangenen Monate. Unsere heutigen Gäste: Pedro Lenz und Dorothee Elmiger.
Weitere Themen:
- 52 Beste Bücher kompakt: Mit Pedro Lenz
- 52 Beste Bücher kompakt: Mit Dorothee Elmiger
«Blues in C. Journal eines Jahres» von Alberto Nessi
Sunday, July 4, 2021 • Duration 35:16
Im Frühling vor einem Jahr stand alles still. Die Schweiz befand sich im Corona-Ausnahmezustand. Alberto Nessi hat in dieser Zeit Tagebuch geschrieben. Er sinniert drin über die Natur, über unsere Gesellschaft und den Tod. Ein Fazit: Nur die Literatur und die Fantasie können uns retten.
Alberto Nessi beginnt sein Journal mit einem Traum. Eine Ärztin eröffnet ihm, dass er sehr schwer an Corona erkrankt ist. Das war ganz zu Beginn der Pandemie, als ihn die Bilder aus Norditalien erschütterten. Die überfüllten Spitäler, die sterbenden Menschen. Alberto Nessi schreibt über sein Ängste aber auch über das, was die Pandemie an Positivem bringt. Dazu gehören Momente der Stille, die Spaziergänge, die Zeit, die er in seinem Garten im Tessinerdorf Bruzella verbringt. Er macht sich in diese ersten vier Monate der Pandemie auch Gedanken über unsere Gesellschaft. Fragt sich, ob wir nach der Pandemie einfach weitermachen wie bisher oder ob ein Umdenken stattgefunden hat. Werden die Menschen der Umwelt mehr Sorge tragen und solidarischer miteinander umgehen?
Esther Schneider unterhält sich mit Alberto Nessi über seine Fragen, seine Hoffnungen und über das Tagebuchschreiben.
Buchhinweis:
Alberto Nessi. Blues in C. Journal eines Jahres. Aus dem Italienischen von Maja Pflug. Limmat Verlag, 2021.
Weitere Themen:
- Interview mit Alberto Nessi im Originalton (Italienisch)
«Der Wod» von Silvia Tschui
Sunday, May 2, 2021 • Duration 41:49
Ein Familienroman mit einem Kriegsgott schon im Titel: In «Der Wod» entzaubert Silvia Tschui das Familienglück. Es endet in Missbrauch und anderen Desastern.
Der Familienstammbaum ist der einzige Ruhepol im Buch. Darauf ist alles schön friedlich geordnet und an seinem richtigen Ort. Sonst aber beherrschen Krieg und Missbrauch die Familie, die Silvia Tschui in ihrem neuen Roman «Der Wod» schildert. Die einzelnen Mitglieder tun einander Schreckliches an, verlieren und verfolgen sich, suchen Ersatzfamilien in einer Freimaurerloge, in der Kirche oder bei den Hells Angels.
Kaum eine Schweizer Autorin erzählt rasanter als Silvia Tschui in «Der Wod», angetrieben von dem germanischen Kriegsgott, den sie als Titelheld gewählt hat. Wir tauchen tief ins 20. Jahrhundert ein, in die Epoche des Nationalsozialismus und der hektischen Nachkriegsjahre, springen zwischen Deutschland und der Schweiz hin und her. Silvia Tschuis Figuren scheitern oder machen Karriere in der Druckerei- oder Uhrenbranche oder im Geheimdienst. Und als es einmal zu einer Familienfeier in herrschaftlicher Umgebung am Zürichsee kommt, endet sie blutig und mit Herzinfarkt.
Buchhinweis:
Silvia Tschui. Der Wod. Rowohlt, 2021.
«Levys Testament» von Ulrike Edschmid
Sunday, April 25, 2021 • Duration 43:28
«Levys Testament» ist eine Geschichte aus dem Leben der Autorin, deren Anfang im linksradikalen Milieu der 70er und Schluss in der Preisgabe eines Familiengeheimnisses liegt. Ein Gespräch mit Ulrike Edschmid über London, das Selbstverständnis des Aussenseiters und über Charlie Watts in der U-Bahn.
Als junge Frau besucht die Ich-Erzählerin ein politisches Filmfestival in London. So entflieht sie dem damaligen Westberlin, wo sie wegen des plötzlichen Untertauchens ihres früheren Lebenspartners (beschrieben im Erfolgsroman «Das Verschwinden des Philip S.») unter polizeilicher Beobachtung steht. In London gerät sie in die militante Hausbesetzerszene im East End und lernt ihren langjährigen Freund und Partner kennen, den sie im Roman immer nur «den Engländer» nennt. Vierzig Jahre später – das Paar geht längst getrennte Wege – klingelt «beim Engländer» das Telefon. Eine ihm bisher unbekannte Cousine seines Vaters meldet sich und führt ihn in ein Familiengeheimnis ein, das ihm seine eigene Herkunft ganz neu und ganz anders erklärt als bisher bekannt.
Ulrike Edschmid hat jetzt diese Geschichte aufgeschrieben und zu einem gekonnt poetischen Roman gemacht, wie man es von ihren früheren Werken – ebenfalls zu tatsächlich erlebten Begebenheiten – in bester Erinnerung hat. Im Gespräch mit Michael Luisier erzählt die Schriftstellerin von der Entstehungsweise des Textes und dem Verarbeiten von Erlebten zu Literatur, vom «Engländer» und seinem Umgang mit einer ganz anderen und neuen Identität, von gemeinsamen Reisen und einer grossen Theaterkarriere und vom Zusammenleben mit einem leidenschaftlichen Tottenham Hotspur-Fan auch dann, wenn man sich gar nicht für Fussball interessiert.
Buchhinweis:
Ulrike Edschmid. Levys Testament. Suhrkamp Verlag, 2021.
«Tage des Vergessens» von Yvonne Zitzmann
Sunday, April 18, 2021 • Duration 39:27
Sieben Probanden nehmen in «Tage des Vergessens» an einer Studie teil: sie alle wollen eine Erfahrung in ihrem Kopf löschen. Die Autorin bezieht sich dabei auf Experimente in der DDR. Luzia Stettler spricht mit Yvonne Zitzmann über Menschenversuche und den Wert von Erinnerungen.
Eine aussereheliche Affäre, die Schuldgefühle eines KZ-Überlebenden, der Verlust der Heimat, das Trauma eines frühen Missbrauchs: In fast jedem Leben gibt es schlimme Erfahrungen, mit denen man sich nicht länger belasten möchte. Wie verheissungsvoll also das Versprechen von Pillen, die im Gedächtnis gezielt gewisse Erinnerungen ausradieren können!
Im Roman «Tage des Vergessens» begleiten wir sieben ausgewählte Personen, die sich freiwillig für eine Studie zur Verfügung stellen: Eine Woche lang müssen sie täglich – unter Aufsicht von Forschungsleiter Marian Wechsler – eine Pille einnehmen. Doch bereits nach wenigen Tagen läuft das Experiment völlig aus dem Ruder.
Dieser packende und sprachlich überzeugende Debütroman basiert auf Forschungen, die in der DDR-Zeit von westlichen Pharmakonzernen durchgeführt wurden. Yvonne Zitzmann geht der Frage nach: was ist wissenschaftlich und medizinisch noch verantwortbar? Und ist ein Leben, in dem die Erinnerungen an ganze Jahrzehnte plötzlich fehlen, wirklich noch sinnstiftend?
Buchhinweis:
Yvonne Zitzmann. Tage des Vergessens. Müry Salzmann Verlag, 2021.
«Magdalenas Sünde» von Romana Ganzoni
Sunday, April 11, 2021 • Duration 49:45
Vor den Augen ihrer Verehrer zwickt und quetscht die Verkäuferin Magdalena die Törtchen im Schaufenster der Bäckerei. Ein Sado-Maso-Spiel mit Süssigkeiten? Im Roman «Magdalenas Sünde» der Schweizer Autorin Romana Ganzoni geht es um Begehren, um sexuelle Dominanz und um das Sterben.
Magdalena hat soeben gierig ihren achten Berliner – das zuckrige, mit Konfitüre gefüllte Gebäck - verschlungen. Magdalena lebt in Zürich. Ihr Name ist symbolbeladen. Wohl nicht zufällig. Magdalena ist eine Ex-Prostituierte. Jetzt arbeitet sie als Verkäuferin in einer Bäckerei und sie steckt in Schwierigkeiten. Sie leider unter der sadomasochistischen Beziehung zu einem älteren und narzisstisch veranlagten Schriftsteller. Zudem liegt ihr Vater im Sterben. Soweit die Ausganglage. Der zweite Roman der Engadiner Autorin Romana Ganzoni ist einerseits eine beklemmende Geschichte über sexuelle Obsessionen, über Scham und Schuld. Andererseits erzählt er von Freundschaft und Fürsorge. Es sind Bilder, Stimmungen und Emotionen, die den Ton in diesem kurzen Roman angeben. Ein Roman, in dem vieles im Ungewissen bleibt, wo die Fantasie die Realität überblendet. Was Romana Ganzoni zu dieser Magdalena-Figur inspiriert hat, erzählt sie in der Sendung «52 Beste Bücher» auf Radio SRF 2 Kultur.
Buchhinweis:
Romana Ganzoni. Magdalenas Sünde. Telegramme Verlag, 2021.
«Vom Aufstehen» von Helga Schubert
Sunday, April 4, 2021 • Duration 42:26
Weltkrieg, deutsche Teilung, Stasi, Wende: In «Vom Aufstehen» macht die 81-jährige Helga Schubert ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte erfahrbar. Die deutsche Autorin erzählt von quälenden Prägungen und seelischen Verletzungen – und zeigt, dass man trotz allem inneren Frieden finden kann.
Ihr letztes Buch veröffentlichte Helga Schubert vor knapp 20 Jahren. Im vergangenen Jahr gewann sie mit einem autobiografischen Text über die schmerzhafte Beziehung zu ihrer Mutter den Bachmann-Preis.
Die preisgekrönte Geschichte erzählt von einer Mutter, die von ihrer 1940 geborenen Tochter Dankbarkeit dafür verlangt, dass sie sie nicht abgetrieben hat. Oder dass sie das Kleinkind in den letzten Kriegswochen, als die Rote Armee näher rückte und die Familie floh, nicht einfach dem Feind überliess.
Der preisgekrönte Text ist die letzte Erzählung im nun erschienenen Erzählband «Vom Aufstehen». Die Autorin tastet sich darin assoziierend und suchend durch ihr Leben, in das sich die Historie der letzten acht Jahrzehnte eingeschrieben hat.
Dabei macht Helga Schubert auch die Umstände fassbar, die ganz anders waren als heute. Und sie zeigt, dass «in der Welt der Menschen nichts einfach gut oder böse ist».
Diese Einsicht, das schildert dieses lebenskluge Buch eindringlich, ist der Anfang davon, Frieden zu finden. Mit sich und mit der Welt – selbst dann, wenn grässliche Erinnerungen es als unmöglich erscheinen lassen.
Buchhinweis:
Helga Schubert. Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten. dtv, 2021.
«Über Menschen» von Juli Zeh
Sunday, March 28, 2021 • Duration 44:44
Im Roman «Über Menschen» hält Juli Zeh als erste deutsche Literatin der coronageplagten Gesellschaft den Spiegel vor: Sie zeigt, wie unterschiedlich Leute auf Ausnahmesituationen reagieren. Luzia Stettler spricht mit Juli Zeh über militante Klimaschützer und naive Stadtflüchtige.
Robert hat in Greta Thunberg eine Ikone gefunden: der Umwelt-Aktivist wird zunehmend militant. Als dann Corona kommt und die meisten Berufstätigen ins Homeoffice zwingt, hält es Freundin Dora mit diesem selbstgerechten Besserwisser unter einem Dach kaum noch aus. Genervt verlässt sie die gemeinsame Wohnung in Berlin-Kreuzberg und flieht aufs Land.
In Brandenburg hat sie schon vor dem Lockdown ein verlottertes Anwesen gekauft. Und während sie einerseits ihren Job als Werbetexterin erfüllt und ihre originellen Ideen via Zoom-Konferenzen darlegt, versucht sie andererseits, den verwilderten Garten mit der Hacke zu domestizieren. Aber das Unkraut ist nicht das einzige Übel, mit dem sie da in der Provinz draussen fertig werden muss.
Mit präziser Beobachtungsgabe und grossem psychologischem Gespür zeigt Juli Zeh, was die Verunsicherung in Pandemie-Zeiten mit Menschen macht. Die Stärke ihres Romans besteht genau darin, dass sie dabei voll der Kraft des Erzählens vertraut und nicht der Versuchung erliegt, eigene Meinungen abzugeben. Im Gegenteil: Ihr Buch macht Mut, Vorurteile loszulassen.
Buchhinweis:
Juli Zeh. Über Menschen. Luchterhand Verlag, 2021.
«Die nicht sterben» von Dana Grigorcea
Sunday, March 21, 2021 • Duration 43:29
In ihrem neuen Roman «Die nicht sterben» holt Dana Grigorcea Graf Dracula aus der Gruft und entdeckt allerlei Vamprisches im postkommunistischen Rumänien.
Dana Grigorcea ist eines der «Kommunistenkinder», von denen in ihrem neuen Roman «Die nicht sterben» die Rede ist. 1979 in Bukarest geboren, fiel ihre Kindheit noch in die bleierne Endzeit des Ceausescu-Regimes. Die damalige Sprach- und Geschichtslosigkeit verschwand nicht einfach mit der politischen Wende.
Auch der Vampirismus verschwand nicht mit dem Ende des blutrünstigen Diktators Nicolae Ceausescu, der sein Volk ausgesaugt hatte. Neue politische Vampire traten auf, die sich als gute Patrioten sahen und krampfhaft versuchten, grosse Traditionen und mythische Gestalten auszugraben. Unter anderem auch den mit Transsilvanien verbundenen Dracula-Mythos. Der Tourismusminister höchstpersönlich plante einen gigantischen Dracula-Park, der mit viel Korruption und zwielichtigem Geschäftsgebaren realisiert werden sollte, aber schliesslich am Widerstand aus der Bevölkerung scheiterte.
Von diesem Vampirismus und dem Weiterleben der vielen Untoten in Rumänien erzählt der Roman «Die nicht sterben» von Dana Grigorcea sehr spannungsvoll und mit poetischer Kraft. Sie zeigt, was mit einer Gesellschaft geschieht, die lieber schlechte Geister der Vergangenheit weckt, als sich der Gegenwart zu stellen. Insofern ist es ein Roman, der weit über Rumänien hinaus aktuell ist.
Buchhinweis:
Dana Grigorcea. Die nicht sterben. Penguin Verlag, 2021.
«Journal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie» von Carolin Emcke
Sunday, March 14, 2021 • Duration 41:49
Als Donald Trump gewählt wurde, schrieb die Philosophin und Publizistin Carolin Emcke zum ersten Mal Tagebuch. Als Corona ausbrach, nahm sie den Faden wieder auf. «Journal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie» ist berührender Rückblick auf ein bewegtes Jahr und Denkanstoss für eine ungewisse Zukunft.
Wird uns das Virus in ein dystopisches Dasein stürzen? Oder wird es uns anspornen, das Beste aus uns herausholen? Wird sich unser Blick auf die Welt weiten? Oder igeln wir uns noch mehr ein? Werden wir zu mehr Verantwortung finden? Oder werden wir, «wenn das da vorbei ist», hedonistischer und rücksichtsloser leben denn je?
Carolin Emcke veröffentlichte ihr Tagebuch zuerst in Form von Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung, vom 23. März bis zum 29. Mai 2020. Im November 2020 versah sie es mit einem ausführlichen Postskriptum. Zusammengenommen bilden die Einträge einen Fundus an Fragen, die uns noch lange beschäftigen werden.
Carolin Emcke im Gespräch mit Franziska Hirsbrunner im Rahmen des SRF-Kultur-Programmschwerpunkts «Mutig in die Zukunft – Geschichten vom Gelingen».
Buchhinweis:
Carolin Emcke. Journal. Tagebuch in Zeiten der Pandemie. S. Fischer Verlag, 2021.