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TitreDateDurée
Bandscheibenprolaps27 Sep 202600:39:08

🧠 Bandscheibenprolaps: Rückenschmerz richtig einordnen


Rückenschmerzen sind häufig – ein klinisch relevanter Bandscheibenvorfall deutlich seltener. Entscheidend sind immer Beschwerden, neurologischer Befund und Bildgebung im Zusammenhang. Ein auffälliges MRT allein ist keine Operationsindikation.


🔎 Grundlagen und typische Symptome


Bei einem Bandscheibenprolaps tritt Material des Nucleus pulposus durch den Anulus fibrosus aus. Häufig betroffen sind die Segmente L4/5 und L5/S1.


Hinweise auf eine Radikulopathie:

• einschießender, brennender oder elektrisierender Schmerz ins Bein oder in den Arm

• Taubheit, Kribbeln oder Sensibilitätsstörungen

• Kraftminderung und Reflexabschwächung

• Schmerzverstärkung bei Husten, Niesen oder Pressen


Nicht jeder Rückenschmerz ist ein Bandscheibenvorfall: Unspezifischer Kreuzschmerz ist wesentlich häufiger.


🚨 Red Flags: neurologischer Notfall


Sofortige MRT-Diagnostik und dringliche wirbelsäulen- bzw. neurochirurgische Mitbeurteilung bei:

• neuer Blasenentleerungsstörung, Harnverhalt oder Inkontinenz

• Mastdarmstörung oder neuer sexueller Funktionsstörung

• Reithosenanästhesie

• rasch zunehmender oder funktionell relevanter Parese

• Zeichen einer zervikalen Myelopathie, etwa Gangstörung, Hyperreflexie oder Feinmotorikverlust


Ein Konus-Kauda-Syndrom ist ein absoluter Notfall. Auch Schmerzrückgang bei zunehmender Lähmung ist ein Alarmzeichen.


🩺 Neurologische Untersuchung: der Kern der Diagnostik


Dokumentiert werden Sensibilität, Kraft, Reflexe, Gangbild und Wurzeldehnungszeichen – immer seitenvergleichend.


Wichtige Orientierung:

• L3/L4: Hüftbeugung und Kniestreckung, Patellarsehnenreflex

• L5: Fuß- und Großzehenhebung, Hackengang

• S1: Plantarflexion, Zehengang, Achillessehnenreflex


Merke: Ein mediolateraler Prolaps auf Höhe L4/5 betrifft meist die darunter verlaufende Wurzel L5.


🖥️ Bildgebung gezielt einsetzen


Bei akutem Rückenschmerz ohne neurologische Defizite und ohne Red Flags ist ein sofortiges MRT meist nicht erforderlich.


MRT-Indikationen:

• relevante radikuläre Symptomatik

• schwere oder progrediente neurologische Ausfälle

• Verdacht auf Konus-Kauda-Syndrom oder Myelopathie

• Planung interventioneller oder operativer Maßnahmen


💊 Therapie: Mobilität ermöglichen


Ohne Notfallzeichen ist die konservative Behandlung der Regelfall:

• schmerzadaptierte Bewegung statt längerer Bettruhe

• kurzfristige Analgesie, z. B. NSAR oder Metamizol bei passenden Voraussetzungen

• Opioide nur kurzzeitig bei immobilisierenden Schmerzen und unter Monitoring

• Physiotherapie, Belastungsaufbau und aktive Rehabilitation


Systemische Glukokortikoide sowie Gabapentin oder Pregabalin sind bei akuter Radikulopathie nicht routinemäßig angezeigt.


💉 Interventionen und Operation


Eine periradikuläre Therapie kann bei anhaltenden, mobilisationshemmenden radikulären Schmerzen erwogen werden – unter strenger Indikationsstellung und bildgesteuerter Durchführung.


Absolute Operationsindikationen:

• Konus-Kauda-Syndrom

• Rückenmarkskompression mit Myelopathie

• rasch progrediente oder relevante motorische Ausfälle


Bei persistierenden, klar korrelierenden radikulären Beschwerden kann nach erfolgloser konservativer Therapie eine Operation sinnvoll sein. Sie beschleunigt häufig die Schmerzreduktion, langfristig sind die Ergebnisse jedoch oft mit konservativer Therapie vergleichbar.


🏃 Prognose und Prävention


Die Prognose ist meist gut. Viele Prolapse bessern sich konservativ, extrudierte oder sequestrierte Vorfälle können teilweise resorbiert werden.


Praktisch wichtig:

• regelmäßig aktiv bleiben und Rumpfkraft aufbauen

• Belastungen dosiert steigern

• Lasten kontrolliert und körpernah bewegen

• Rauchen reduzieren bzw. beenden

• bei Adipositas Gewicht und allgemeine Belastbarkeit verbessern


🎯 Take-home


Behandle nicht das MRT, sondern den Menschen: Klinik, neurologischer Befund und Bildgebung müssen zusammenpassen. Red Flags erkennen, neurologisch sauber untersuchen und Mobilität früh fördern.

Akute Rückenschmerzen26 Sep 202600:58:03

🩺 Kernaussage

Akute Rückenschmerzen sind häufig und meist unspezifisch. Entscheidend sind eine sorgfältige Anamnese, fokussierte Untersuchung und die Suche nach Red Flags. Ohne Warnzeichen und relevante neurologische Defizite ist eine sofortige Bildgebung meist nicht erforderlich.


🔎 Praktisches Vorgehen in der Erstvorstellung

Anamnese:

• Beginn, Auslöser, Schmerzverlauf und Belastungsabhängigkeit

• Lokalisation und Ausstrahlung: pseudoradikulär oder radikulär?

• Neurologie: Taubheit, Kraftverlust, Fersen-/Zehengang, Blasen- oder Mastdarmstörungen

• Allgemeinsymptome: Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust, Abgeschlagenheit

• Vorerkrankungen: Tumor, Osteoporose, Immunsuppression, entzündlich-rheumatische Erkrankung

• Medikamente: Glukokortikoide, Antikoagulanzien, Immunsuppressiva, bereits eingenommene Analgetika

• Psychosoziale Faktoren: Stress, Schlaf, Angst vor Bewegung, Schonverhalten, berufliche Belastung


Untersuchung:

• Inspektion, Gangbild, Schonhaltung, Hautveränderungen

• Palpation: paravertebraler Hartspann versus lokaler Wirbelkörperklopfschmerz

• Beweglichkeit der Wirbelsäule

• Neurologischer Status: Sensibilität, Kraft, Reflexe, Lasègue-/Bragard-Test

• Bei Bedarf Untersuchung von Hüfte und Iliosakralgelenk


🚩 Red Flags und Notfälle

Warnzeichen für spezifische oder gefährliche Ursachen:

• Relevantes Trauma, Osteoporose oder langfristige Glukokortikoidtherapie

• Tumoranamnese, B-Symptomatik, progredienter Nacht- oder Ruheschmerz

• Fieber, Infektrisiko, intravenöser Drogenkonsum, Immunsuppression

• Lokalisierter Wirbelkörperklopfschmerz

• Neue oder zunehmende Paresen, sensible Ausfälle, Reflexasymmetrien

• Reithosenanästhesie sowie Blasen-, Darm- oder Sexualfunktionsstörungen


Bei Verdacht auf Cauda-equina-Syndrom, spinalen epiduralen Abszess, Spondylodiszitis, relevantes Hämatom oder vaskulären Notfall: sofortige notfallmedizinische Abklärung.


🖼️ Bildgebung und Labor

Bei unspezifischem Kreuzschmerz ohne Red Flags ist frühe Bildgebung meist nicht hilfreich. Zufallsbefunde können verunsichern und Schonverhalten verstärken.


Gezielte Diagnostik bei begründetem Verdacht:

• MRT: neurologische Defizite, Cauda-equina-Syndrom, Tumor, Infektion, entzündliche Ursachen

• Röntgen/CT: Frakturverdacht und knöcherne Fragestellungen

• Blutbild, CRP, ggf. Blutkulturen bei Infektions-, Entzündungs- oder Tumorverdacht


🚶 Therapie bei unspezifischem Rückenschmerz

• Aufklären, beruhigen ohne zu bagatellisieren

• Bewegung und Alltag möglichst fortführen

• Bettruhe vermeiden; allenfalls kurze Entlastung für wenige Stunden

• Wärme, Entspannung und dosierte Aktivierung können unterstützen

• Physiotherapie oder manuelle Therapie als Hilfe zur Aktivierung, nicht als dauerhafte passive Lösung


💊 Schmerztherapie: kurz und risikoangepasst

Ziel ist ausreichende Schmerzlinderung für Bewegung, Schlaf und Alltag – nicht zwingend Schmerzfreiheit.


• NSAR häufig erste Wahl, sofern keine Kontraindikationen bestehen

• Bei gastrointestinalem Risiko Protonenpumpeninhibitor ergänzen

• Keine Kombination mehrerer NSAR

• Metamizol kann eine Alternative sein; über Agranulozytose-Warnzeichen aufklären

• Paracetamol ist bei unspezifischem Kreuzschmerz meist wenig wirksam

• Muskelrelaxanzien nur kurzzeitig und ausgewählt; Sedierung beachten

• Opioide sind keine Routineoption und nur in Ausnahmefällen kurz, niedrig dosiert und eng kontrolliert

• Benzodiazepine, Gabapentinoide, Antidepressiva und systemische Glukokortikoide nicht routinemäßig bei unkompliziertem Kreuzschmerz


🧠 Chronifizierung verhindern

Rückenschmerz folgt einem biopsychosozialen Modell. Relevante Faktoren sind Angst, Katastrophisieren, Stress, Schlafstörungen, Depressivität, Arbeitsbelastung und passives Schonverhalten


✅ Take-home-Message

Der Rücken ist bei unspezifischem Schmerz meist nicht „kaputt“. Bewegung ist in der Regel sicher. Gute Medizin bedeutet: Red Flags erkennen, unnötige Diagnostik vermeiden, Schmerzen kurzfristig behandeln und Selbstwirksamkeit fördern.

Karpaltunnelsyndrom25 Sep 202600:31:44

🖐️ Karpaltunnelsyndrom: Kurzüberblick


Das Karpaltunnelsyndrom ist die häufigste Kompressionsneuropathie der oberen Extremität. Ein erhöhter Druck im Karpaltunnel schädigt den Nervus medianus – zunächst oft reversibel, bei längerem Verlauf auch mit axonalem Schaden.


🔍 Typische Beschwerden

- Nächtliches Kribbeln, Taubheit oder brennende Schmerzen

- Betroffen: Daumen, Zeige-, Mittel- und radiale Ringfingerhälfte

- Kleinfinger typischerweise ausgespart

- Besserung durch Ausschütteln oder Reiben der Hand

- Beschwerden auch bei Autofahren, Telefonieren, Radfahren oder gebeugtem Handgelenk

- Ausstrahlung in Unter- oder Oberarm möglich: nicht vorschnell als zervikale Ursache werten


⚠️ Warnzeichen einer fortgeschrittenen Schädigung

- Dauerhafte Sensibilitätsstörung

- Kraftverlust, Fallenlassen von Gegenständen, Feinmotorikstörung

- Schwäche von Daumenabduktion und Opposition

- Thenaratrophie als relevantes Spätzeichen


Merke: Eine Schwurhand spricht nicht für ein Karpaltunnelsyndrom, sondern für eine schwere proximale Medianusläsion.


🧠 Anatomie und Risikofaktoren

Im Karpaltunnel verlaufen Nervus medianus und Beugesehnen unter dem Retinaculum flexorum. Risikofaktoren sind unter anderem:

- Schwangerschaft, Adipositas, Diabetes mellitus, Hypothyreose

- Rheumatoide Arthritis, Sehnenscheidenentzündungen, Arthrose, Trauma

- Dialysepflichtigkeit und ATTR-Amyloidose

- Repetitive Belastung, kräftiges Greifen und Vibrationsexposition


Bei beidseitigem Befall, insbesondere mit kardialen oder neurologischen Hinweisen, an ATTR-Amyloidose denken.


🩺 Untersuchung

Immer beide Hände vergleichen:

- Inspektion: Thenaratrophie, Narben, Hautveränderungen

- Sensibilität im Medianusgebiet prüfen

- Daumenabduktion gegen Widerstand und Opposition testen

- Provokationstests: Hoffmann-Tinel, Karpalkompressionstest, Phalen-Zeichen


Diese Tests stützen den Verdacht, sind aber weder beweisend noch sicher ausschließend.


⚡ Diagnosesicherung

Die Elektroneurografie (ENG) ist der zentrale Baustein:

- Verzögerte sensible oder motorische Latenzen des Nervus medianus

- Vergleich mit Nervus ulnaris hilfreich

- EMG bei Verdacht auf axonale Schädigung, z. B. bei Thenaratrophie


Wichtig: Eine pathologische ENG ohne Beschwerden ist allein keine Operationsindikation.


🧩 Differenzialdiagnosen

- Diabetische oder andere Polyneuropathie

- Zervikale Radikulopathie, besonders C6/C7

- Pronator-teres-Syndrom

- Rhizarthrose

- Thoracic-Outlet- oder Skalenus-Syndrom

- Andere periphere Nervenläsionen


💊 Konservative Therapie

Bei milden, überwiegend nächtlichen Beschwerden ohne Ausfälle:

- Konsequente nächtliche Handgelenksschiene in Neutralstellung

- Kurzzeitig NSAR bei Schmerzen, unter Beachtung von Kontraindikationen

- Ausgewählt: kurzzeitige systemische oder lokale Glucocorticoidtherapie

- Lokale Infiltration nur durch erfahrene Behandelnde, idealerweise sonografisch gesteuert


Analgetika und Cortison lindern Symptome, beseitigen aber nicht die Ursache der Kompression.


🔧 Operation

Indikationen für eine zeitnahe Dekompression:

- Persistierende Beschwerden trotz angemessener konservativer Therapie

- Dauerhafte sensible Defizite

- Motorische Ausfälle

- Thenaratrophie


Bei der Karpaldachspaltung wird das Retinaculum flexorum durchtrennt und der Nervus medianus entlastet. Offene und endoskopische Verfahren verfolgen dasselbe Ziel.


📈 Prognose

Mehr als 80 Prozent der operierten Betroffenen erleben eine relevante Besserung. Nächtliche Parästhesien können früh nachlassen, Sensibilität und Kraft erholen sich häufig langsamer. Bei langer Beschwerdedauer oder axonalem Schaden kann eine Thenaratrophie bestehen bleiben.


✅ Take-home-Message

Nächtliche Parästhesien im Medianusgebiet plus Ausschüttelphänomen sind hochverdächtig. ENG sichert die Diagnose und hilft bei der Schweregradeinschätzung. Bei motorischen Defiziten oder Thenaratrophie sollte die operative Dekompression nicht verzögert werden.

Nervus-ulnaris-Lähmung24 Sep 202600:27:30

🩺 Nervus ulnaris: Klinik, Lokalisation und Therapie


Der Nervus ulnaris (Ellennerv; C8–Th1) ist besonders druckgefährdet – vor allem am Ellenbogen im Sulcus nervi ulnaris („Musikantenknochen“) und am Handgelenk in der Guyon-Loge.


🔍 Leitsymptome

- Kribbeln, Brennen oder Taubheit am Kleinfinger und an der ulnaren Hälfte des Ringfingers

- Schwäche beim Fingerspreizen und -zusammenführen

- Ungeschicklichkeit, verminderte Griffkraft, Fallenlassen von Gegenständen

- Atrophie des ersten Zwischenfingerraums oder des Hypothenars

- Krallenstellung von Ring- und Kleinfinger bei fortgeschrittener Lähmung


🧠 Anatomisch wichtige Engstellen

- Ellenbogen: Sulcus-nervi-ulnaris- bzw. Kubitaltunnelsyndrom

- Handgelenk: Guyon-Logen-Syndrom

- Hohlhand: isolierte Läsion des tiefen motorischen Ulnarisastes möglich


📍 Lokalisation durch Sensibilität und Motorik

- Ellenbogen/proximale Läsion: palmare und dorsale Sensibilität am ulnaren Handrand häufig betroffen; zusätzlich Schwäche von Flexor carpi ulnaris und ulnarem Flexor digitorum profundus.

- Guyon-Loge: dorsale Sensibilität meist erhalten, da der dorsale Hautast bereits am Unterarm abgeht.

- Tiefer Ast in der Hohlhand: vorwiegend motorische Ausfälle bei oft erhaltener Sensibilität.

- Ulnarisparadox: Distale Läsionen können eine ausgeprägtere Krallenhand verursachen als proximale Läsionen.


✋ Klinische Untersuchung

- Inspektion: erster Zwischenfingerraum, Hypothenar, Krallenhand

- Sensibilität palmar und dorsal im Seitenvergleich

- Fingerabduktion und -adduktion gegen Widerstand

- Froment-Zeichen: Beugung des Daumenendgelenks beim Festhalten eines Papiers spricht für Adductor-pollicis-Schwäche.

- Jeanne-Zeichen: Überstreckung im Daumengrundgelenk

- Hoffmann-Tinel-Zeichen am Kubitaltunnel

- Bei proximalem Verdacht: Ulnardeviation im Handgelenk sowie Endgelenkbeugung von Ring- und Kleinfinger testen.


⚠️ Warnzeichen und Notfälle

Zeitnahe neurologische sowie handchirurgische/unfallchirurgische Abklärung bei:

- progredienter motorischer Schwäche

- sichtbarer Muskelatrophie

- Krallenhand

- rascher Verschlechterung

- frischer Schnittverletzung an Handgelenk oder Hohlhand mit neurologischem Ausfall


Vor Lokalanästhesie oder Wundversorgung neurologischen Ausgangsbefund dokumentieren.


🧪 Diagnostik

- Elektroneurografie: Objektivierung, Schweregrad und Lokalisation

- Nervensonografie: Nervenauftreibung, Luxation, Ganglion oder andere Raumforderungen

- MRT bei komplexen oder tiefer gelegenen strukturellen Ursachen


🛠️ Behandlung

Bei milden Kompressionsneuropathien:

- Druck auf Ellenbogen bzw. Handballen vermeiden

- starke und anhaltende Ellenbogenbeugung reduzieren, besonders nachts

- Polsterung, Lagerungsschiene oder Ellenbogenorthese

- Ergonomische Anpassungen bei Arbeit, Sport und Radfahren


Analgetika können Schmerzen lindern, behandeln aber keine mechanische Kompression. Bei motorischen Ausfällen, Atrophie, auffälliger Elektroneurografie, persistierenden Beschwerden oder Raumforderung ist eine operative Dekompression zu prüfen.


🎯 Take-home-Message

Taubheit am Kleinfinger plus schwache Fingerspreizung ist hochverdächtig für eine Ulnarisläsion. Dorsale Sensibilitätsstörungen sprechen eher für eine Läsion proximal der Guyon-Loge. Motorische Ausfälle, Atrophie oder Trauma sind zeitkritische Warnzeichen.

Nervus-radialis-Lähmung23 Sep 202600:26:37

🎙️ Nervus-radialis-Läsionen: Fallhand richtig lokalisieren


Der Nervus radialis ist der zentrale Strecknerv der oberen Extremität. Entscheidend für Klinik, Diagnostik und Therapie ist die Läsionshöhe: Je proximaler die Schädigung, desto umfassender die motorischen Ausfälle.


🧠 Anatomie kompakt

• Ursprung: Fasciculus posterior des Plexus brachialis, Segmente C5–Th1

• Verlauf: Axilla → Sulcus nervi radialis am Humerusschaft → Ellenbeuge

• Motorik: Trizeps, Handgelenk-, Finger- und Daumenstrecker; Brachioradialis

• Sensibilität: radialer Handrücken, besonders erste dorsale Zwischenfingerfalte zwischen Daumen und Zeigefinger

• Aufteilung am Ellenbogen:

– Ramus profundus / Nervus interosseus posterior: motorisch

– Ramus superficialis: rein sensibel


🔎 Die wichtigsten Läsionsmuster


Hohe Läsion in der Axilla

• Schwäche der Ellenbogenstreckung durch Trizepsbeteiligung

• Ausfall von Handgelenk- und Fingerstreckung

• Klassische Fallhand

• Sensibilitätsstörung am radialen Handrücken möglich


Läsion im Sulcus nervi radialis

• Typisch bei Humerusschaftfraktur oder Drucklähmung („Parkbanklähmung“)

• Trizeps meist erhalten oder nur gering beeinträchtigt

• Fallhand mit eingeschränkter Handgelenk- und Fingerstreckung

• Sensibilität kann betroffen, aber auch erhalten sein


Interosseus-posterior-Syndrom / Supinatorlogen-Syndrom

• Läsion des tiefen motorischen Astes

• Keine klassische Fallhand: Handgelenksextension meist erhalten

• Ausfall der Fingergrundgelenk- und Daumenstreckung

• Handgelenkstreckung ggf. mit Radialabweichung

• Keine Sensibilitätsstörung


Cheiralgia paraesthetica / Wartenberg-Syndrom

• Kompression des Ramus superficialis

• Kribbeln, Brennen oder Taubheit am radialen Handrücken

• Keine motorischen Ausfälle

• Mögliche Auslöser: enge Uhren, Armbänder, Verbände, Schienen oder Handschellen


✋ Klinische Untersuchung

• Inspektion: Fallhand, Fingerhaltung, Atrophie, Hämatome, Druckstellen

• Trizeps: Ellenbogenstreckung gegen Widerstand

• Brachioradialis: Ellenbogenbeugung in Mittelstellung

• Handgelenksextension: gegen dorsalen Widerstand prüfen

• Fingerstreckung: besonders in den Grundgelenken testen

• Daumenstreckung und -abspreizung prüfen

• Sensibilität beidseits vergleichen – Schlüsselareal: erste dorsale Zwischenfingerfalte

• Reflexe: Brachioradialisreflex (C5/6), Trizepssehnenreflex (C7/8)


🚨 Wichtige Differenzialdiagnosen

• C7-Radikulopathie: oft Nackenschmerz, zusätzliche nicht-radiale Muskelschwächen

• Plexus-brachialis-Läsion: breiteres Ausfallmuster

• Zentrale Parese, z. B. Schlaganfall: erhöhter Tonus und weitere neurologische Zeichen


🩻 Diagnostik und Trauma

Bei Frakturen und nach Reposition, Gipsanlage oder Operation immer Durchblutung, Motorik und Sensibilität dokumentieren. Ein neu aufgetretenes Defizit ist ein Warnsignal.


ENG und EMG helfen bei unklarer Lokalisation, fehlender Besserung und Prognoseeinschätzung. Denervierungszeichen sind oft erst nach 2–3 Wochen sicher nachweisbar. Ultraschall oder MRT können Kompression, Neurom oder Nervenunterbrechung darstellen.


🩹 Therapie und Prognose

• Druckentlastung, Schonung und Anpassung komprimierender Hilfsmittel

• Bei Fallhand: dynamische Extensionsschiene zur Funktionsverbesserung und Kontrakturprophylaxe

• Frühzeitig Physio- und Ergotherapie

• Operative Abklärung bei offenen Verletzungen, Nervenunterbrechung, Einklemmung, progredientem Defizit oder ausbleibender Erholung


Eine Neuropraxie kann sich innerhalb von Tagen bis Wochen erholen. Bei axonaler Schädigung dauert die Regeneration oft Monate; als Orientierung gilt etwa 1 mm Nervenwachstum pro Tag.


💡 Merksatz

Fallhand = proximale Radialisläsion.

Fingerstreckschwäche bei erhaltener Handgelenksextension = Nervus-interosseus-posterior-Läsion.

Reine Sensibilitätsstörung am radialen Handrücken = Ramus-superficialis-Läsion.

Nervus-medianus-Lähmung22 Sep 202600:26:20

🎙️ Läsionen des Nervus medianus erkennen


Der Nervus medianus ist zentral für Pronation, Fingerbeugung, Daumenopposition und die Sensibilität der radialen Hand. Diese Folge vermittelt klinische Muster zur Lokalisation von Medianusläsionen.


🧠 Anatomie & Funktion

• Ursprung: Plexus brachialis, Segmente C6–Th1

• Motorik: Pronation, Beugung von Daumen/Zeigefinger, Thenarmuskulatur und Daumenopposition

• Sensibilität: Daumen, Zeige-, Mittel- und radiale Ringfingerhälfte

• Nervus interosseus anterior: rein motorischer Ast für Flexor pollicis longus, radialen Flexor digitorum profundus und Pronator quadratus


📍 Proximale Medianusläsion

Läsionen am Oberarm, in der Ellenbeuge oder proximalen Unterarm können nach Trauma, Fraktur, Luxation, Schnittverletzung oder Kompression auftreten.


Klinische Zeichen:

• Schwurhand beim Versuch des Faustschlusses

• Unzureichende Beugung von Daumen, Zeige- und meist Mittelfinger

• Mögliche Pronationsschwäche

• Thenarparese, eingeschränkte Opposition und langfristig Thenaratrophie

• Sensibilitätsstörung einschließlich radialer Hohlhand möglich


Merksatz: Schwurhand beim Faustschluss = proximal an Medianusläsion denken.


✋ Distale Läsion & Karpaltunnelsyndrom

Beim Karpaltunnelsyndrom bleiben die langen Fingerbeuger erhalten – die Faustbildung ist möglich.


Typische Beschwerden:

• Nächtliche Parästhesien, „eingeschlafene“ Hand, Besserung durch Ausschütteln

• Taubheit oder Brennen im Medianusgebiet

• Beschwerden bei Autofahren, Telefonieren oder Handgelenksflexion

• Schwache Daumenabduktion und Opposition, im Verlauf Thenaratrophie


Wichtig: Die Sensibilität über dem Thenar bleibt beim klassischen Karpaltunnelsyndrom häufig erhalten, da der Ramus palmaris vor dem Karpaltunnel abgeht.


🤏 Interosseus-anterior-Syndrom

Die isolierte Läsion des Nervus interosseus anterior ist rein motorisch.


• Keine Sensibilitätsstörung

• Schwäche der Beugung im Daumen- und Zeigefingerendgelenk

• Gestörter Spitzgriff mit auffälligem Pinch Sign

• Beim „OK“-Zeichen entsteht statt eines runden O eher eine abgeflachte oder dreieckige Form


Differenzialdiagnose: Beugesehnenverletzung oder -ruptur.


🔎 Strukturierte Untersuchung

• Inspektion: Thenaratrophie, Narben, Schwellung, Hämatom, Seitenvergleich

• Daumenabduktion gegen Widerstand testen

• Opposition prüfen: Daumenkuppe zur Kleinfingerkuppe

• Faustschlussprobe: Schwurhand?

• Pinch Sign: rundes O zwischen Daumen und Zeigefinger

• Sensibilität besonders an Zeige- und Mittelfingerkuppe prüfen

• Bei Karpaltunnelverdacht: Hoffmann-Tinel- und Phalen-Zeichen


⚡ Diagnostik & Red Flags

Elektroneurografie und Elektromyografie helfen bei unklarer Lokalisation, motorischen Defiziten oder OP-Planung.


Bei Trauma mit Fraktur, Luxation, offener Verletzung, Durchblutungsstörung, rascher Schwellung oder Kompartmentsyndromverdacht ist eine dringliche unfall- bzw. handchirurgische Beurteilung erforderlich.


🩺 Therapieprinzipien

• Karpaltunnelsyndrom: zunächst häufig nächtliche Handgelenksschiene in Neutralstellung

• Kortikosteroidinjektion nur durch erfahrene Behandelnde

• Thenarparese, Atrophie oder anhaltende Defizite: operative Dekompression zeitnah erwägen

• Akute Nerven- oder Sehnenverletzung: frühzeitige chirurgische Abklärung


🧩 Die wichtigsten Merksätze

• Schwurhand beim Faustschluss → proximale Medianusläsion

• Nächtliches Kribbeln und Taubheit ohne Schwurhand → Karpaltunnelsyndrom

• Pinch Sign bei intakter Sensibilität → Nervus-interosseus-anterior-Syndrom

Meniskusruptur21 Sep 202600:34:02

Meniskusrisse zählen zu den häufigen Ursachen belastungsabhängiger Knieschmerzen. Entscheidend ist die Einordnung: traumatischer Riss oder degenerative Veränderung? Ein MRT-Befund allein ist keine Operationsindikation.


🔬 Anatomie & Funktion


Innen- und Außenmeniskus verteilen Last, verbessern die Gelenkkongruenz und schützen den Knorpel. Besonders wichtig sind die zirkulären Kollagenfasern zur Aufnahme von Umfangsspannungen („Hoop-Stresses“).


• Innenmeniskus: weniger beweglich, häufiger verletzt

• Periphere Red-Red-Zone: gut durchblutet, bessere Heilung

• Zentrale White-White-Zone: avaskulär, schlechte Heilungschancen

• Grundsatz: So viel funktionelles Meniskusgewebe wie möglich erhalten


⚠️ Rissformen mit Relevanz


• Korbhenkelriss: disloziertes Fragment, Risiko einer echten Gelenkblockade

• Wurzelläsion: biomechanisch fast funktioneller Meniskusverlust, erhöhtes Arthroserisiko

• Radiär-, Lappen-, Horizontal- und Longitudinalrisse: Therapie abhängig von Lage, Stabilität und Beschwerden


🏃 Traumatisch oder degenerativ?


Traumatisch typisch: junges, zuvor beschwerdefreies Knie; Drehtrauma unter Belastung; akuter Erguss; Sportverletzung.


Degenerativ typisch: zunehmendes Alter, schleichende Beschwerden, keine klare Verletzung, Gonarthrose oder Achsfehlstellung. Degenerative Risse sind häufig Zufallsbefunde im MRT.


🩺 Untersuchung & Warnzeichen


Wichtige Fragen: Unfallmechanismus, Erguss, Schnappen, Instabilität und vollständige Streckfähigkeit.


Klinisch relevant:

• Gelenkspaltdruckschmerz

• Schmerzen bei Rotation

• wiederkehrender Erguss

• Streckdefizit oder echte Blockade


Meniskustests wie McMurray, Apley oder Steinmann sind Puzzleteile – kein Test beweist oder widerlegt einen Riss sicher.


🚨 Dringliche Konstellationen


Nach Drehtrauma mit blockiertem Knie oder fehlender Streckfähigkeit: Verdacht auf dislozierten Korbhenkelriss. Zeitnahe orthopädisch-unfallchirurgische Abklärung organisieren, keine gewaltsamen Bewegungsversuche.


Immer an Begleitverletzungen denken: besonders vorderes Kreuzband, Kollateralbänder, Knorpel und Frakturen. Durchblutung, Motorik und Sensibilität prüfen.


🖼️ Bildgebung


Röntgen dient nach relevantem Trauma vor allem dem Frakturausschluss. Die MRT beurteilt Rissmorphologie, Lokalisation sowie Band-, Knorpel- und Knochenverletzungen.


Merke: Nicht das MRT behandeln, sondern Beschwerden, Funktion und klinischen Befund.


🏋️ Therapie


Degenerative, stabile und nicht blockierende Läsionen: zunächst konservativ.

• Belastungssteuerung und Analgesie

• aktive Physiotherapie

• Quadrizeps-, Hüft- und Koordinationstraining

• Gewichtsmanagement bei Bedarf


Traumatische, reparable Risse: Meniskusnaht bevorzugen, besonders bei frischen peripheren Longitudinal- oder geeigneten Korbhenkelrissen sowie Wurzelläsionen.


Ist eine Naht nicht möglich, erfolgt eine sparsame partielle Meniskektomie: nur instabile, symptomatische Anteile entfernen.


🦿 Nachbehandlung


Nach Teilresektion meist frühe Mobilisation und Belastung nach Schmerz. Nach Meniskusnaht längere Schutzphase mit Orthese, Teilbelastung und limitierter Beugung – abhängig von Riss und OP-Technik.


🎯 Take-home-Messages


• Echte Blockade und Streckdefizit ernst nehmen.

• Degenerativer MRT-Riss bedeutet nicht automatisch Operation.

• Meniskusverletzungen nie isoliert betrachten.

• Meniskuserhalt schützt langfristig den Knorpel: Naht vor Resektion, wenn möglich.

Bandverletzungen des Kniegelenks20 Sep 202600:44:20

🦵 Bandverletzungen des Kniegelenks


Akut geschwollenes und schmerzhaftes Knie nach relevantem Trauma = potenzieller Kniebinnenschaden, bis eine relevante Verletzung plausibel ausgeschlossen ist.


🎯 Unfallmechanismus als diagnostischer Schlüssel


- Drehtrauma bei fixiertem Fuß, Valgus und Rotation: Verdacht auf vordere Kreuzbandruptur (VKB)

- Anprall auf proximale Tibia bei gebeugtem Knie, „Dashboard“-Mechanismus: hintere Kreuzbandruptur (HKB) mitdenken

- Schlag gegen die Knieaußenseite: Innenbandverletzung

- Schlag gegen die Knieinnenseite oder Varustrauma: Außenband- und posterolaterale Verletzung

- Valgus-Rotationstrauma: an Unhappy Triad denken – VKB, Innenband und Meniskus


🚨 Red Flags in der Akutversorgung


- Fehlstellung oder Verdacht auf Kniegelenkluxation

- Durchblutungsstörung, fehlende Pulse, zunehmende Schwellung

- Sensibilitätsstörung oder Fußheberparese: Nervus peroneus prüfen

- Blockiertes Knie bzw. echtes Streckdefizit: Meniskus-Korbhenkelriss oder freier Gelenkkörper möglich

- Instabilität in voller Streckung: Hinweis auf komplexe Multiligamentverletzung

- Rascher Erguss innerhalb weniger Stunden: Hämarthros und intraartikuläre Verletzung wahrscheinlich


🩺 Klinische Untersuchung


Immer Seitenvergleich, Durchblutung, Motorik und Sensibilität distal dokumentieren. In der Akutsituation können Schmerz, Erguss und Muskelanspannung Bandtests falsch negativ machen.


- VKB: Lachman-Test ist am sensitivsten; weicher oder leerer Anschlag typisch

- HKB: hintere Schublade, Tibial-Step-off, Gravity-Sign und aktiver Quadrizepstest

- Innenband: Valgusstress bei 20–30° Flexion und in Streckung

- Außenband/posterolaterale Ecke: Varusstress und Außenrotationstest

- Laterale Instabilität: gezielt nach Kreuzband-, Peroneus- und posterolateraler Verletzung suchen


🖼️ Bildgebung


- Röntgen: Frakturen, knöcherne Ausrisse, Achsabweichung und Gelenkinkongruenz ausschließen

- Segond-Fraktur: stark mit VKB-Ruptur assoziiert

- MRT: zentrale Diagnostik bei Band-, Meniskus-, Knorpel- und Kapselverletzungen

- Sonografie: Ergussnachweis, ersetzt aber keine MRT

- Punktion: bei ausgeprägtem schmerzhaftem Erguss erwägen; Fettaugen weisen auf knöcherne bzw. osteochondrale Verletzung hin


❄️ Akuttherapie


Schmerztherapie, Hochlagerung, intermittierende Kühlung mit Hautschutz und frühzeitige funktionelle Mobilisation. Orthese bzw. Teilbelastung abhängig vom Verletzungsmuster. Bei relevanter Immobilisation individuelle Thromboseprophylaxe prüfen.


🏥 Therapieprinzipien


- VKB-Ruptur: konservative Rehabilitation bei geringer Instabilität bzw. niedrigem Belastungsanspruch; Rekonstruktion bei funktioneller Instabilität, Giving-Way, hohem Sportanspruch oder Begleitverletzungen

- HKB-Ruptur: isoliert und geringgradig häufig konservativ mit spezieller HKB-Orthese und Quadrizepstraining; Operation bei höhergradiger oder kombinierter Instabilität

- Innenband: meist konservativ mit Orthese, kontrollierter Mobilisation und Physiotherapie

- Außenband/posterolaterale Ecke: häufiger komplex; bei deutlicher Instabilität oft operative Versorgung nötig


🏃 Rehabilitation und Return to Sport


Die Rehabilitation ist entscheidend – nicht allein die Operation. Frühzeitige volle Streckung, Abschwellung, Kraftaufbau, Koordination und neuromuskuläres Training stehen im Mittelpunkt.


Rückkehr zu Pivot- und Kontaktsport meist frühestens nach 9 Monaten, häufig nach 9–12 Monaten. Maßgeblich sind Kraftsymmetrie, Beweglichkeit, Stabilität, Hop-Tests, Beschwerdefreiheit und sportartspezifische Belastbarkeit.


💡 Take-home


- HKB bei Dashboard-Mechanismus aktiv suchen.

- Posterolaterale Verletzungen nicht übersehen: Sie können eine Kreuzbandplastik gefährden.

- Wiederholtes Giving-Way erhöht das Risiko für Meniskus-, Knorpelschäden und posttraumatische Gonarthrose.

- Strukturierte Rehabilitation entscheidet wesentlich über Alltag, Sportfähigkeit und Langzeitprognose.

Beckenringfrakturen: Stabilität und Blutung im Fokus19 Sep 202600:37:13

🦴 Beckenringfrakturen: Stabilität und Blutung im Fokus


Bei jeder relevanten Beckenverletzung zwei Fragen parallel beantworten:

• Ist der Beckenring mechanisch stabil?

• Besteht eine relevante Blutung mit hämodynamischer Instabilität?


Entscheidend für die Stabilität ist der hintere Beckenring.


🧠 Anatomie und Instabilität


Der Beckenring besteht dorsal aus Sakrum, Iliosakralgelenken und kräftigen Bandstrukturen, ventral aus Schambeinen und Symphyse.


• Hinterer Ring intakt: meist stabil

• Teilweise unterbrochen: rotatorisch instabil

• Vollständig unterbrochen: rotatorisch und vertikal instabil


Acetabulumfrakturen sind von Beckenringfrakturen abzugrenzen, da Diagnostik und Therapie deutlich abweichen.


🚑 Typische Konstellationen


Jüngere Patient:innen:

• Hochrasanztrauma, Sturz aus Höhe, Verkehrsunfall

• Häufig Polytrauma und relevante Blutung


Ältere Patient:innen:

• Niedrigenergietrauma bei Osteoporose

• Fragilitätsfrakturen, oft mit übersehener dorsaler Sakrumfraktur

• Bei persistierenden Leisten-, Gesäß- oder tief lumbalen Schmerzen: großzügig CT einsetzen


📊 Klassifikation


AO-Klassifikation:

• Typ A: hinterer Ring intakt, stabil – meist konservativ

• Typ B: partielle dorsale Unterbrechung, rotatorisch instabil – z. B. Open-Book- oder laterale Kompressionsverletzung

• Typ C: vollständige dorsale Unterbrechung, rotatorisch und vertikal instabil – meist operative Stabilisierung


Fragilitätsfrakturen nach Rommens:

• FFP I–II: häufig konservativer Therapieversuch

• FFP III–IV: meist operative Stabilisierung bei dorsaler Instabilität oder fehlender Mobilisierbarkeit


🩸 Schockraum: Blutung kontrollieren


Eine instabile Beckenfraktur kann mehrere Liter retroperitoneal bluten. Ein negatives E-FAST schließt diese Blutung nicht aus.


Bei Hypotonie, Tachykardie, Laktaterhöhung oder Base Deficit:

• ABCDE-Versorgung und Traumateam aktivieren

• Großlumige Zugänge, Kreuzblut, Gerinnung, Blutgasanalyse

• Massivtransfusionsprotokoll nach lokalem Standard

• Tranexamsäure früh erwägen, ideal innerhalb von 3 Stunden

• Kristalloide zurückhaltend einsetzen


🩹 Beckengurt richtig anwenden


Bei Verdacht auf instabile Verletzung oder hämodynamischer Instabilität:

• Beckengurt über den Trochanteren anlegen

• Nicht über Bauch oder Beckenschaufeln positionieren

• Beine bei Bedarf vorsichtig innenrotieren und zusammenfixieren

• Keine wiederholte Beckenfederung: Hämatome können destabilisiert und Blutungen verstärkt werden


Bei anhaltender Instabilität: Beckenzwinge, Fixateur externe, präperitoneales Packing und/oder Angioembolisation – abhängig von Blutungsquelle und lokaler Expertise.


🔎 Untersuchung und Bildgebung


Warnzeichen:

• Perineale, inguinale oder gluteale Hämatome

• Blut aus Urethra, Vagina oder Anus

• Beinlängendifferenz, Beckenschiefstand, neurologische Ausfälle

• Reithosenanästhesie, Blasen- oder Mastdarmstörung


Bei Verdacht auf Harnröhrenverletzung keinen transurethralen Katheter ohne vorherige Abklärung.


CT mit Kontrastmittel ist bei Hochrasanztrauma, Polytrauma und unklaren Schmerzen im Alter besonders wertvoll.


🏥 Weiterbehandlung


Konservativ:

• Ausreichende Analgesie

• Frühfunktionelle, schmerzadaptierte Mobilisation

• Thromboseprophylaxe nach Blutungskontrolle

• Frühzeitige Reevaluation bei Schmerzen oder Mobilisationsproblemen


Operativ bei:

• Instabilen Typ-B- und Typ-C-Verletzungen

• Dislokation oder Symphysensprengung

• Dorsaler Instabilität

• Progredienter Dislokation oder anhaltender Immobilität


⚠️ Wichtige Komplikationen


• Hämorrhagischer Schock

• Urogenitale, rektale, vaskuläre und neurologische Verletzungen

• Thrombose und Lungenembolie

• Infektion, Pseudarthrose, Implantatprobleme

• Chronische Schmerzen sowie Blasen-, Darm- und Sexualfunktionsstörungen


🎯 Take-home-Message


Blutung kontrollieren, Becken früh stabilisieren, dorsale Instabilität erkennen und eine sichere, frühzeitige Mobilisation ermöglichen.

Radiuskopffraktur18 Sep 202600:29:28

🎙️ Radiuskopffraktur: Diagnostik, Begleitverletzungen & frühfunktionelle Therapie


🦴 Einordnung

Die Radiuskopffraktur zählt zu den häufigsten knöchernen Ellenbogenverletzungen. Meist entsteht sie nach Sturz auf die ausgestreckte Hand mit axialer Kraftübertragung über den Radius.


Der Radiuskopf ist wichtig für:

• Pronation und Supination des Unterarms

• Kraftübertragung vom Handgelenk zum Oberarm

• Stabilität des Ellenbogens, besonders gegen Valgusstress


🔎 Klinische Untersuchung: Nicht nur den Ellenbogen prüfen

Typisch sind laterale Ellenbogenschmerzen, Druckschmerz über dem Radiuskopf sowie schmerzhafte Einschränkungen von Pro- und Supination.


Wichtige Punkte:

• pDMS vor und nach Reposition, Schienung sowie Entlassung dokumentieren

• Gesamten Unterarm und Handgelenk untersuchen

• Auf mechanische Blockade achten: Hinweis auf Fragment oder freien Gelenkkörper

• Keine forcierte Stabilitätsprüfung bei akut schmerzhaftem Ellenbogen


⚠️ Essex-Lopresti-Verletzung mitdenken

Die Kombination aus Radiuskopffraktur, Ruptur der Membrana interossea und Instabilität des distalen Radioulnargelenks kann schwerwiegende Folgen haben.


Merksatz: Handgelenksschmerz bei Radiuskopffraktur ist eine Warnung. Bei Verdacht Unterarm und Handgelenk gezielt bildgeben und eine alleinige Radiuskopfresektion vermeiden.


🩻 Bildgebung

• Röntgen Ellenbogen in zwei Ebenen, bei Bedarf Radiuskopf-Zielaufnahme

• Dorsales Fettpolsterzeichen: Verdacht auf intraartikuläre Fraktur

• Radius-Capitulum-Achse in jeder Ebene kontrollieren

• CT bei komplexen Frakturen, Blockade oder OP-Planung

• MRT bei Verdacht auf Band-, Knorpel- oder Membrana-interossea-Verletzung


📊 Mason-Klassifikation

• Typ I: nicht oder minimal disloziert

• Typ II: einfache Fraktur mit relevanter Dislokation

• Typ III: dislozierte Mehrfragmentfraktur

• Typ IV: Radiuskopffraktur plus Ellenbogenluxation


Entscheidend bleiben jedoch Stabilität, Beweglichkeit, Blockade und Begleitverletzungen.


🩹 Therapieprinzipien

Stabile, minimal dislozierte Frakturen werden meist konservativ behandelt:

• Kurzzeitige Ruhigstellung bei Bedarf

• Früh aktive, schmerzadaptierte Mobilisation

• Frühzeitige klinische Verlaufskontrolle und Physiotherapie


Der Ellenbogen wird rasch steif: Immobilisation daher möglichst kurz halten, häufig deutlich unter zwei Wochen.


🔧 Wann operieren?

Typische Indikationen:

• Mechanische Blockade

• Relevante Dislokation mit Funktionsverlust

• Mehrfragmentfraktur

• Luxation oder Instabilität

• Essex-Lopresti-Konstellation und komplexe Begleitverletzungen


Ziel ist der Erhalt oder funktionelle Ersatz des Radiuskopfes. Eine Radiuskopfprothese kommt bei nicht rekonstruierbaren Frakturen und Instabilität infrage. Die alleinige Resektion ist heute eine seltene Ausnahme.


🏃 Nachbehandlung & Belastung

Nach stabiler Versorgung steht die frühe funktionelle Behandlung im Mittelpunkt:

• Abschwellung, Hochlagerung und Wundkontrolle

• Hand, Finger und Schulter sofort bewegen

• Keine Stützbelastung, kein Krafttraining und keine Unterarmgehstützen ohne Freigabe

• Belastungsaufbau abhängig von Heilung, Stabilität und Bildgebung


🚩 Warnzeichen

Dringlich abklären bei:

• zunehmenden Schmerzen oder Schwellung

• neurologischen Ausfällen oder Durchblutungsstörung

• Fieber, Rötung oder Wundsekretion

• neuer Instabilität oder zunehmender Bewegungseinschränkung

• persistierenden Handgelenksschmerzen


✅ Take-home-Message

Radiuskopffrakturen sind häufig Teil komplexer osteoligamentärer Verletzungen. Immer Ellenbogen, Unterarm und Handgelenk untersuchen – und bei stabilen Verletzungen frühzeitig, kontrolliert mobilisieren.

Schädel-Hirn-Trauma: dynamischer Notfall17 Sep 202600:41:05

🚑 Erste Prioritäten: sekundären Hirnschaden verhindern


Der Grundsatz lautet: Keine Hypoxie, keine Hypotonie.

• Sauerstoffversorgung und Ventilation sichern

• Kreislauf früh stabilisieren

• Normoxie, Normokapnie und Normothermie anstreben

• Hypo- und Hyperglykämie vermeiden

• Schmerz, Unruhe, Krampfanfälle und Fieber behandeln


🩺 cABCDE beim SHT


c – Kritische äußere Blutungen kontrollieren, besonders an der stark durchbluteten Kopfhaut. Penetrierende Gegenstände nicht entfernen, sondern stabilisieren.


A – Atemweg sichern, absaugen, Aspirationsrisiko beachten. Bei GCS ≤ 8, fehlenden Schutzreflexen oder respiratorischer Insuffizienz ist meist eine Intubation erforderlich.


B – Hypoxie vermeiden. Prophylaktische Hyperventilation ist nicht angezeigt; Ausnahme sind Zeichen einer drohenden Einklemmung als Überbrückungsmaßnahme.


C – Hypotonie unbedingt vermeiden. Bei schwerem SHT systolischen Blutdruck ausreichend hoch halten und zerebrale Perfusion sichern.


D – Neurologischen Status wiederholt erfassen: GCS-Einzelwerte, Pupillen, Motorik und fokalneurologische Defizite.


E – Ganzkörperuntersuchung, Wärmeerhalt und HWS-Schutz. Kopfverletzung bedeutet nicht automatisch isoliertes Trauma.


📊 Glasgow Coma Scale und Warnzeichen


• Leichtes SHT: GCS 13–15

• Mittelschweres SHT: GCS 9–12

• Schweres SHT: GCS ≤ 8


Wichtig: Nicht nur die Gesamtsumme dokumentieren. Motorische Verschlechterung, neue Pupillendifferenz oder sinkende Wachheit sind hochrelevant.


Alarmzeichen einer möglichen Herniation:

• Einseitig weite, lichtstarre Pupille

• Abnehmendes Bewusstsein

• Pathologische Beuge- oder Streckmuster


🖥️ CT und Diagnostik


Die native kraniale CT ist die zentrale Akutdiagnostik. Niedrige Schwelle zur Bildgebung bei:


• Bewusstseinsstörung oder Amnesie

• Wiederholtem Erbrechen, Krampfanfall oder starken Kopfschmerzen

• Fokalneurologischen Defiziten

• Frakturzeichen, Liquoraustritt oder penetrierender Verletzung

• Antikoagulation oder Thrombozytenaggregationshemmung

• Intoxikation, unklarem Unfallhergang oder Hochenergietrauma


Ein unauffälliges CT ist eine Momentaufnahme und ersetzt keine klinische Überwachung.


🩸 Antikoagulation aktiv erfragen


Besonders relevant sind Phenprocoumon, DOAKs wie Apixaban, Rivaroxaban oder Dabigatran sowie ASS und Clopidogrel. Bei intrakranieller Blutung frühzeitig Neurochirurgie, Intensivmedizin und gegebenenfalls Hämostaseologie einbeziehen. Eine Gerinnungsumkehr ist zeitkritisch.


🏥 Typische Verletzungsmuster


• Epiduralhämatom: bikonvex/linsenförmig, potenziell rasche Verschlechterung

• Subduralhämatom: halbmondförmig, häufig bei älteren oder antikoagulierten Menschen

• Kontusionsblutung: oft frontal oder temporal, kann progredient sein

• Traumatische Subarachnoidalblutung und intrazerebrale Blutung

• Diffuses axonales Trauma: schwere Bewusstseinsstörung, CT anfangs teils unauffällig


🏠 Leichtes SHT: Entlassung und Aufklärung


Eine Entlassung ist nur bei stabiler, sicher beurteilbarer Situation und zuverlässiger häuslicher Beobachtung sinnvoll. Warnzeichen für die sofortige Wiedervorstellung:


• Zunehmende Kopfschmerzen oder wiederholtes Erbrechen

• Schläfrigkeit, Verwirrtheit oder Verhaltensänderung

• Neue Schwäche, Sprach-, Seh- oder Gangstörung

• Krampfanfall oder klarer Flüssigkeitsaustritt aus Nase/Ohr


In den ersten 24–48 Stunden sind körperliche und kognitive Schonung sinnvoll. Danach schrittweise Rückkehr in den Alltag; Risiko- und Kontaktsport erst nach Symptomfreiheit.


✅ Take-home Messages


• Der Verlauf zählt: neurologisch wiederholt untersuchen und dokumentieren.

• GCS ≤ 8: Atemweg in der Regel sichern.

• Keine Hypoxie, keine Hypotonie.

• CT-Indikation großzügig stellen.

• Antikoagulation kann aus einem leichten Trauma einen Hochrisikofall machen.

Akute Wunden und Wundverschluss16 Sep 202600:39:43

🦷 Bissverletzungen: klein kann tief sein


Bisswunden sind immer potenziell kontaminiert. Besonders Katzenbisse wirken oft harmlos, können aber tiefe bakterielle Bisskanäle verursachen. Höchstes Infektionsrisiko: Katzenbiss, Menschenbiss, Hundebiss.


🔍 Strukturierte Ersteinschätzung


Wichtige Anamnese:

• Tierart bzw. Indexperson, Zeitpunkt und Unfallmechanismus

• Fight-Bite? Kleine Wunde über dem Mittelhandköpfchen = chirurgischer Notfall, bis ausgeschlossen

• Impfstatus des Tieres, Beobachtbarkeit, Tollwutrisiko

• Tetanusstatus

• Diabetes mellitus, Immunsuppression, Nieren- oder Lebererkrankung, pAVK, Nikotinkonsum

• Implantate sowie Antikoagulanzien und Thrombozytenaggregationshemmer


🩺 Untersuchung und Dokumentation


Wunde nach vorsichtiger Reinigung genau beurteilen: Tiefe, Unterminierungen, Fremdkörper, Blutung, Schwellung und Infektionszeichen.


An Extremitäten immer pDMS vor und nach Maßnahmen dokumentieren:

• periphere Durchblutung

• Motorik

• Sensibilität


An der Hand gezielt Sehnenfunktion, Gelenkbeweglichkeit, Sensibilität und Durchblutung prüfen. Bei unklarem Wundgrund, Fremdkörper-, Fraktur-, Sehnen- oder Gelenkverdacht: Bildgebung bzw. chirurgische Abklärung.


🚨 Wann sofort chirurgisch vorstellen?


Dringliche Zuweisung bei:

• tiefen, großen oder klaffenden Wunden

• Hand, Gesicht, Fuß oder Genitalien

• möglicher Sehnen-, Gelenk-, Knochen-, Nerven- oder Gefäßbeteiligung

• Infektionszeichen oder systemischer Symptomatik

• Nähe zu Implantaten

• relevanter Immunsuppression oder schlecht eingestelltem Diabetes

• Fight-Bite-Verletzung


Erstversorgung: Blutung komprimieren, steril abdecken, ruhigstellen, hochlagern. Keine tiefen Manipulationen, wenn eine operative Versorgung absehbar ist.


💧 Lokale Wundversorgung


Die wichtigste Infektionsprophylaxe ist die gründliche mechanische Reinigung und Spülung mit steriler 0,9%iger Kochsalzlösung.


Bisswunden werden meist offen behandelt. Ein primärer Wundverschluss ist die Ausnahme – etwa bei ausgewählten frischen Gesichtsverletzungen nach sorgfältiger Reinigung und chirurgischer Beurteilung.


Kontrolle nach 24–48 Stunden, bei Katzenbiss an der Hand möglichst am Folgetag.


💊 Antibiotika


Eine Prophylaxe ist besonders sinnvoll bei Katzen- und Menschenbissen, tiefen Punktionswunden, Hand-/Gesichts-/Fußverletzungen, verzögerter Vorstellung und Risikopatienten.


Häufige orale Erstwahl bei Erwachsenen:

Amoxicillin/Clavulansäure, unter Berücksichtigung von Nierenfunktion, Allergien, Schwangerschaft und lokalen Leitlinien.


Klinisch infizierte, tiefe oder systemische Verläufe benötigen eine therapeutische Antibiotikagabe, chirurgische Mitbeurteilung und gegebenenfalls intravenöse Therapie.


🦠 Besondere infektiologische Risiken


• Katzenbiss: Pasteurella multocida, rasche Verschlechterung möglich

• Hunde-/Katzenbiss bei Asplenie, Immunsuppression oder Alkoholabhängigkeit: an Capnocytophaga und fulminante Sepsis denken

• Menschenbiss: breite Mundflora inklusive Eikenella corrodens

• Relevanter Blutkontakt bei Menschenbiss: HIV-PEP sowie Hepatitis-B-/C-Abklärung zeitkritisch prüfen

• Fledermäuse, Wildtiere, importierte oder auffällige Tiere: sofortige Tollwut-Abklärung; lokale Reinigung mindestens 15 Minuten


🩹 Wundheilung: kurz eingeordnet


Saubere, adaptierte Wunden können primär heilen. Kontaminierte oder defekte Wunden heilen sekundär über Granulationsgewebe und Narbenbildung. Heilungsstörungen fördern unter anderem Hypoxie, Diabetes, Rauchen, Durchblutungsstörungen, Mangelernährung, Druck und Infektion.


🎯 Take-home-Message


Nicht die Größe der Hautöffnung entscheidet, sondern Tiefe, Lokalisation, Kontamination und mögliche Beteiligung kritischer Strukturen. Genau untersuchen, großzügig spülen, pDMS dokumentieren, Tetanus prüfen, früh kontrollieren – und bei Zweifel chirurgisch vorstellen.

Orthopädische Untersuchung: Systematik vor Spezialtest15 Sep 202600:35:57

Eine sorgfältige klinische Untersuchung steuert die weitere Diagnostik und ersetzt Bildgebung nicht, sondern ergänzt sie gezielt.


🔎 Grundprinzip der Untersuchung

- Anamnese: Unfallmechanismus, Schmerzcharakter, Belastungs- und Ruheschmerz, Instabilität, Blockierungen

- Inspektion: Haltung, Achsen, Schwellung, Hämatom, Narben, Muskelatrophie und Gangbild

- Palpation, Beweglichkeit und Funktion prüfen

- Erst danach gezielte Provokations- und Stabilitätstests

- Immer Seitenvergleich, Schmerz beachten und Befunde reproduzierbar dokumentieren


📐 Neutral-Null-Methode

Standardisierte Dokumentation der Gelenkbeweglichkeit in Winkelgraden.


- Ausgangsstellung: aufrechter Stand, Arme locker, Daumen nach vorn

- Bewegungen werden mit drei Werten angegeben, z. B. Knie: 0–0–120/150°

- Bei Kontrakturen steht das Defizit in der Mitte, z. B. 0–20–20°

- Orientierungswerte: Hüfte Flexion/Extension etwa 20–0–140°, Abduktion/Adduktion 50–0–30°


📏 Umfangsmessung

Umfangsdifferenzen können auf Muskelatrophie, Schwellung, Erguss, Hämatom oder Lymphödem hinweisen. Immer an definierten Bezugspunkten und beidseits messen.


🦵 Knie

Wichtige Befunde: Erguss, Achsabweichungen wie Genu valgum/varum, Streckdefizit, Instabilität und Gelenkspaltschmerz.


- VKB: Lachman-Test, vorderer Schubladentest, Pivot-Shift

- HKB: hinterer Schubladentest, Posterior-sag, Gravity-Sign

- Meniskus: Steinmann I/II, McMurray, Apley, Payr

- Patella: tanzende Patella bei Erguss, Apprehension-Test bei Instabilität

- Akut blockiertes oder stark schmerzhaftes Knie nicht forcieren


🦴 Hüfte

Hüftpathologien können in Leiste, Gesäß, lateral am Trochanter oder sogar am Knie schmerzen.


- Vierer-Zeichen: orientierend für Hüfte und Iliosakralgelenk

- Trendelenburg: Absinken des Beckens zur Spielbeinseite

- Duchenne: Rumpfneigung zur Standbeinseite als Kompensation

- Thomas-Handgriff: Hüftbeugekontraktur

- Drehmann-Zeichen: Warnhinweis auf Epiphysiolysis capitis femoris bei Jugendlichen


Bei Kindern mit unklarem Knieschmerz immer auch die Hüfte untersuchen.


💪 Schulter

Aktive und passive Beweglichkeit vergleichen, Rotatorenmanschette, Halswirbelsäule und neurologischen Status mitbeurteilen.


- Painful Arc: Schmerz bei etwa 60–120° Abduktion

- Neer: Hinweis auf subakromiale Schmerzsymptomatik

- Jobe: Supraspinatusfunktion

- Sulcus-Zeichen: inferiore Instabilität/Hyperlaxität

- Apprehension-Test: vordere Schulterinstabilität


🧍 Wirbelsäule

Haltung, Beckenstand, Skoliosezeichen, Muskeltonus, Beweglichkeit und neurologischen Status erfassen.


- Red Flags: Fieber, Gewichtsverlust, Tumoranamnese, Trauma, Blasen-/Mastdarmstörung, Reithosenanästhesie, progrediente Paresen

- Beweglichkeit: Schober-, Ott-Zeichen, Hinterkopf-Wand-Abstand, Thoraxexkursion

- Radikuläre Beschwerden: Lasègue- und Bragard-Test


✋ Hand

- Karpaltunnel-Syndrom: Hoffmann-Tinel-, Phalen- und Flaschenzeichen

- Entzündliche Arthropathie: Schwanenhals- und Knopflochdeformität, Gaenslen-Zeichen

- Tendovaginitis stenosans: schnellender Finger

- De-Quervain-Tendovaginitis: Finkelstein-Zeichen


⚠️ Wichtig für die Praxis

Spezialtests liefern Hinweise, aber keine isolierten Diagnosen. Befunde müssen immer zu Anamnese, Unfallmechanismus, Gesamtuntersuchung und gegebenenfalls Bildgebung passen.


Bei akutem Trauma, deutlicher Instabilität, Blockierung, Durchblutungsstörung, neurologischen Ausfällen oder systemischen Warnzeichen: nicht forcieren, sondern zeitnah weiter abklären.

Interventionelle Pneumologie - Bronchoskopie, Bronchiallavage und bronchoalveoläre Lavage (BAL)14 Sep 202600:29:58

🔎 Bronchoskopie im Überblick

Die Bronchoskopie ist ein diagnostisches und therapeutisches Verfahren zur Beurteilung von Trachea und Bronchien.


Kernanwendungen:

• Sekret absaugen

• Blutungsquellen lokalisieren und behandeln

• Fremdkörper entfernen

• Biopsien gewinnen

• Tumoren und Stenosen beurteilen

• in Spezialfällen Dilatation oder Stentimplantation


🫁 Flexible vs. starre Bronchoskopie

Flexible Bronchoskopie:

• Standard für die meisten diagnostischen Fragestellungen

• transnasal oder transoral möglich

• geeignet für Inspektion, Lavage, Biopsie


Starre Bronchoskopie:

• meist in Allgemeinanästhesie

• wichtig bei zentralen Stenosen, relevanter Hämoptyse, großen Fremdkörpern und interventionellen Eingriffen


⚠️ Vorbereitung und Sicherheit


Vor dem Eingriff wichtig:

• klare Indikation

• Oxygenierung, ggf. Blutgase

• Gerinnung, Thrombozyten, Nierenfunktion

• antithrombotische Medikation

• Allergien, v. a. gegen Lokalanästhetika

• Nüchternheit bei elektiven Eingriffen


Monitoring:

• Pulsoxymetrie

• Blutdruck

• idealerweise EKG

• bei Risikopatient:innen/Kurzsedierung auch Kapnographie sinnvoll


💉 Sedierung und Lokalanästhesie


Häufig verwendet:

• Lidocain zur lokalen Atemwegsanästhesie

• Midazolam und ggf. Fentanyl in vorsichtig titrierter Gabe


Wichtig:

• kumulative Lidocain-Dosis beachten

• auf Zeichen der Lokalanästhetika-Toxizität achten

• Antagonisten bereithalten: Flumazenil, Naloxon

• Atemdepression und Hypotonie mitdenken


🧭 Wichtige Indikationen


• Verdacht auf Bronchialkarzinom

• Probengewinnung bei endobronchialen Läsionen

• Abklärung peripherer Herde mit Zusatzverfahren

• Infektionsdiagnostik bei unklaren Infiltraten

• Sekretretention und Atelektasen

• Hämoptyse

• Fremdkörperaspiration

• interventionelle Therapie zentraler Tumorstenosen

• fiberoptische Intubation beim schwierigen Atemweg


📡 EBUS: Ultraschall von innen


EBUS = endobronchialer Ultraschall


Besonders relevant für:

• mediastinale und hiläre Lymphknoten

• transbronchiale Nadelaspiration

• Diagnostik und Staging von Lungentumoren


Praxispunkt:

Die Probenlogistik ist entscheidend: Zytologie, Histologie, Zellblock, Mikrobiologie und molekulare Diagnostik vorab planen.


🧪 Bronchiallavage


Gewinnt Material aus den größeren, zentralen Atemwegen.


Typische Einsatzgebiete:

• mikrobiologische Diagnostik

• Pneumonieverdacht, besonders bei intubierten Patient:innen


Vorteile:

• technisch einfach

• schnell

• auf Intensivstation praktikabel


Limitation:

• höhere Kontaminationsgefahr

• Befunde immer im klinischen Kontext interpretieren


🌫️ Bronchoalveoläre Lavage (BAL)


Gewinnt Material aus kleinen Atemwegen und Alveolen.


Technik:

• Bronchoskop in Wedge-Position

• Spülung mit steriler Kochsalzlösung in mehreren Aliquots

• vorsichtige Aspiration


Wichtige Indikationen:

• interstitielle Lungenerkrankungen

• Alveolitis

• Sarkoidose

• Hypersensitivitätspneumonitis

• opportunistische Infektionen

• diffuse alveoläre Hämorrhagie


Typische BAL-Hinweise:

• Alveolarmakrophagen sprechen für tiefe Atemwegsprobe

• viele Plattenepithelien sprechen eher für Kontamination


📍 Praktische Merksätze


• Bronchiallavage ≠ BAL

• Bronchiallavage: zentral

• BAL: peripher/alveolär

• Bildgebung vor der Bronchoskopie immer selbst ansehen

• Fragestellung und Probenverarbeitung vor dem Eingriff festlegen


🩺 Nachsorge und Komplikationen


Nach dem Eingriff beachten:

• nichts essen oder trinken bis sicherer Schluckreflex zurück ist

• nach Biopsie an Pneumothorax denken

• geringe Blutbeimengungen möglich, zunehmende Hämoptyse abklären

• nach Sedierung keine aktive Teilnahme am Straßenverkehr


✅ Quintessenz


Bronchoskopie ist kein Einzelakt, sondern ein diagnostischer Prozess. Entscheidend sind:

• gute Vorbereitung

• passende Technik

• gezielte Probengewinnung

• saubere Logistik

• Interpretation immer zusammen mit Klinik und Bildgebung

Melioidose13 Sep 202600:21:03

Melioidose ist eine tropische Umweltinfektion durch Burkholderia pseudomallei, ein gramnegatives, fakultativ intrazelluläres Bakterium. Klinisch relevant vor allem bei Reiserückkehrern, unklarer Sepsis, Tropenexposition und multiplen Abszessen.


🗺️ Epidemiologie & Exposition

Endemische Regionen:

• Südostasien, v. a. Thailand und Malaysia

• Nordaustralien


Typische Exposition:

• Kontakt mit kontaminiertem Boden oder Wasser

• Regenzeit / feuchte Jahreszeiten

• Landwirtschaft, z. B. Reisfelder


Übertragungswege:

• über Mikrotraumen der Haut

• Inhalation

• Aspiration oder Verschlucken kontaminierten Wassers

• Mensch-zu-Mensch-Übertragung selten


⚠️ Risikofaktoren


Besonders gefährdet sind Patientinnen und Patienten mit:

• Diabetes mellitus

• Immunsuppression

• chronischer Nieren-, Leber- oder Lungenerkrankung

• zystischer Fibrose

• malignen Erkrankungen

• langfristiger Glucocorticoid-Therapie


🩺 Klinisches Bild


Die Melioidose ist ein klinisches Chamäleon:

• asymptomatisch bis fulminante Sepsis

• Inkubationszeit meist 1–21 Tage, im Mittel etwa 9 Tage

• akut, chronisch oder als Reaktivierung


Häufige Manifestationen:

• akute pulmonale Infektion / Pneumonie

• Haut- und Weichteilinfektionen

• Abszesse, v. a. in Prostata, Milz, Niere, Leber

• disseminierte Erkrankung mit Sepsis


Selten:

• septische Arthritis

• Osteomyelitis

• ZNS-Infektion


🔎 Wichtige Differenzialdiagnosen


An erster Stelle:

• Tuberkulose


Außerdem:

• ambulant erworbene Pneumonie anderer Genese

• Nokardiose

• Milzbrand

• Typhus

• Malaria


Merksatz:

Chronische Melioidose kann wie Tuberkulose aussehen.


🧪 Diagnostik


Goldstandard:

• Kultur


Geeignete Materialien:

• Blutkulturen

• Sputum / respiratorisches Material

• Urin

• Abszessmaterial

• Proben aus Hautläsionen


Ergänzend:

• PCR möglich

• Serologie unzuverlässig und nur begrenzt hilfreich


Bildgebung:

• Röntgen-Thorax bei pulmonaler Symptomatik

• CT / MRT zum Nachweis okkulter Abszesse


💊 Therapie


Wichtigster Punkt: Die Behandlung ist immer zweiphasig.


1. Initialtherapie intravenös

• meist Ceftazidim i. v.

• bei schwerem Verlauf / septischem Schock eher Meropenem

• Dauer je nach Schweregrad und Organbefall: 2–8 Wochen


2. Orale Eradikationstherapie

• Standard: Cotrimoxazol p. o. für 3–6 Monate

• Alternativen bei Unverträglichkeit/Kontraindikationen:

• Amoxicillin/Clavulansäure

• Doxycyclin


Zusätzlich beachten:

• Dosisanpassung an Nierenfunktion

• Abszessdrainage aktiv mitdenken

• Adhärenz ist entscheidend, um Rekrudeszenz zu vermeiden


📉 Prognose


• Letalität je nach Setting etwa 10–50 %

• besonders ungünstig bei septischen Verläufen

• hohe Rückfallgefahr bei zu kurzer Therapie


🛡️ Prävention


• keine Impfung verfügbar

• Expositionsvermeidung in Endemiegebieten

• Schutzkleidung, Handschuhe, Stiefel bei Kontakt zu Erde/Wasser

• Labor- und Klinikschutzmaßnahmen bei infektiösem Material


Postexpositionsprophylaxe:

• in ausgewählten Situationen erwägen

• meist Cotrimoxazol für 21 Tage

• alternativ Doxycyclin bei Allergie


🧠 Take-home-Messages


• Bei Reiserückkehr aus Südostasien oder Nordaustralien mit Pneumonie, Abszessen oder Sepsis an Melioidose denken

• Diabetes und Immunsuppression sind starke Risikomarker

• Kultur ist entscheidend

• Die Therapie ist lang und zweiphasig

• Chronische Melioidose kann Tuberkulose imitieren

Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie (PCP)12 Sep 202600:27:47

🌍 Erreger und Übertragung

Pneumocystis jirovecii ist ein weltweit vorkommender Schlauchpilz. Die Übertragung erfolgt wahrscheinlich aerogen. Entscheidend für eine manifeste Erkrankung ist jedoch vor allem die Immunsuppression, nicht eine besondere Exposition.


⚠️ Risikogruppen

Besonders wichtig bei:

• fortgeschrittener HIV-Infektion, vor allem bei CD4 < 200/µl

• intensiver Chemotherapie

• Organ- oder Stammzelltransplantation

• hämatologischen Neoplasien

• entzündlich-rheumatologischen Erkrankungen unter Immunsuppression

• längerer hoch dosierter systemischer Glukokortikoidtherapie


Praxispunkt: Bei PCP ohne bekannte HIV-Diagnose gehört ein HIV-Test zur unmittelbaren Abklärung.


👀 Klinik


Typisch ist ein subakuter, schleichender Verlauf über Tage bis Wochen:

• progrediente Dyspnoe

• trockener Husten

• Leistungsknick, Müdigkeit

• subfebrile Temperaturen oder wenig Fieber


Wichtig:

• Auskultation oft erstaunlich unauffällig

• Sauerstoffsättigung in Ruhe kann noch relativ gut sein

• unter leichter Belastung oft frühe Desaturation

• rasche Verschlechterung der Oxygenierung trotz zunächst unspektakulärer Symptome möglich


🧪 Diagnostische Hinweise

Mögliche Befunde:

• Hypoxämie in der Blutgasanalyse

• initial erniedrigtes pCO2 durch Hyperventilation

• erhöhte LDH als unspezifischer Hinweis


🖼️ Bildgebung

Röntgen-Thorax:

• anfangs diskret oder sogar nahezu unauffällig

• später häufig beidseitige diffuse interstitielle bzw. milchglasartige Verschattungen


CT-Thorax:

• deutlich sensitiver

• typisch: beidseitige Milchglastrübungen, oft zentral/perihilär betont

• Pleuraergüsse sind für isolierte PCP eher untypisch


🦠 Erregernachweis

Die definitive Diagnose erfolgt aus respiratorischem Material, bevorzugt aus bronchoalveolärer Lavage (BAL):

• PCR sehr sensitiv

• Mikroskopie ergänzend wichtig


Wichtig: Positive PCR kann v. a. bei nicht HIV-infizierten Immunsupprimierten auch Kolonisation bedeuten. Immer im klinischen Kontext interpretieren.


Induziertes Sputum:

• geringe Sensitivität

• negatives Ergebnis schließt PCP nicht aus


🔍 Differenzialdiagnosen


Mitdenken bei:

• bakterielle oder virale Pneumonien

• Tuberkulose

• CMV-Pneumonitis

• andere Pilzinfektionen

• Medikamententoxizität

• Strahlenpneumonitis

• Lungenödem

• Lymphangiosis carcinomatosa

• pulmonales Kaposi-Sarkom


💊 Therapie

Bei hohem klinischem Verdacht und Hypoxämie: Therapie nicht bis zum Erregernachweis verzögern.


Erstwahl:

Cotrimoxazol hoch dosiert

• 15–20 mg Trimethoprim/kgKG/Tag

• verteilt auf 3–4 Gaben

• meist für 21 Tage

• bei schwerer Erkrankung initial i.v.


Monitoring unter Cotrimoxazol:

• Kalium

• Kreatinin/Nierenfunktion

• Blutbild

• Leberwerte


Häufige Probleme:

• Exanthem

• Leukopenie, Thrombozytopenie

• Hyperkaliämie

• Kreatininanstieg

• Transaminasenerhöhung


💉 Glukokortikoide

Bei mittelschwerer bis schwerer HIV-assoziierter PCP indiziert, z. B. bei:

• pO2 < 70 mmHg unter Raumluft oder

• alveoloarteriellem O2-Gradienten ≥ 35 mmHg


Beginn möglichst innerhalb von 72 Stunden nach Start der PCP-Therapie.


🔄 Alternativen bei Unverträglichkeit

Mögliche Optionen:

• Trimethoprim + Dapson

• Pentamidin i.v.

• Atovaquon

• Clindamycin + Primaquin


Wichtig bei Dapson/Primaquin:

• vorher G6PD-Mangel ausschließen


🏥 Supportive Therapie und Komplikationen

Je nach Schweregrad:

• Sauerstoffgabe

• High-Flow

• NIV

• invasive Beatmung


Wichtige Komplikation:

• Pneumothorax, besonders bei plötzlicher Verschlechterung


🛡️ Prophylaxe

Erstwahl: Cotrimoxazol


Bei HIV:

• Primärprophylaxe in der Regel bei CD4 < 200/µl

• Sekundärprophylaxe nach durchgemachter PCP


Alternativen:

• Dapson

• inhalatives Pentamidin


📌 Take-home

Bei immunsupprimierten Patientinnen und Patienten mit subakuter Dyspnoe, trockenem Husten und Hypoxämie immer an PCP denken. Unauffällige Auskultation oder ein zunächst wenig beeindruckendes Röntgenbild schließen die Diagnose nicht aus. PCP ist Warnsignal für relevante Störungen der zellulären Immunabwehr und verlangt immer die Suche nach deren Ursache.

Aspergillose11 Sep 202600:24:40

Aspergillose ist nicht gleich Aspergillose: Aspergillus kann allergische, kolonialisierende und invasive Krankheitsbilder verursachen. Dringlichkeit, Therapie und Prognose unterscheiden sich deutlich.


🔑 Drei Kernbotschaften

- Aspergillus-Sporen sind ubiquitär; krank werden vor allem Menschen mit Risikokonstellationen.

- Die invasive Aspergillose ist bei Immunsuppression ein medizinischer Notfall.

- Fluconazol ist gegen Aspergillus nicht ausreichend wirksam.


🌬️ Erreger und Exposition

Wichtige Spezies:

- Aspergillus fumigatus

- Aspergillus flavus


Sporen (Konidien) sind überall in der Luft vorhanden, z. B. in Hausstaub, auf Tapeten oder in Blumenerde. Gesunde Menschen erkranken meist nicht.


👥 Risikokonstellationen

Drei klinisch wichtige Gruppen:

- allergische Reaktionslage: Asthma, Mukoviszidose

- strukturelle Lungenschäden: Kavernen, bullöses Emphysem, Zysten

- Immunsuppression: z. B. Malignome, Transplantation, Glukokortikoide, Neutropenie, HIV, Intensivstation


Besonders wichtig:

- febrile Neutropenie + neue pulmonale Infiltrate → invasive Aspergillose mitdenken


🤧 Allergische bronchopulmonale Aspergillose (ABPA)

Typisch bei:

- Asthma

- Mukoviszidose


Hinweise:

- Asthmaanfälle, Husten, zäher Auswurf

- bräunliche Schleimpfropfen

- flüchtige Infiltrate

- zentrale Bronchiektasen

- erhöhtes Gesamt-IgE

- Eosinophilie

- Aspergillus-Sensibilisierung


Therapie:

- Glukokortikoide als Standard

- ggf. Itraconazol oder Voriconazol zusätzlich

- Verlaufskontrolle über Gesamt-IgE


🫁 Aspergillom

Definition:

- Pilzball in einer vorbestehenden Lungenhöhle


Typische Vorerkrankungen:

- Tuberkulosekaverne

- alte Abszesshöhle

- bullöses Emphysem

- andere kavitierende Lungenerkrankungen


Leitsymptom:

- Hämoptysen, teils massiv


Diagnostik:

- Raumforderung in Kavität

- typische Luftsichel

- plus mikrobiologischer oder serologischer Hinweis


Therapie:

- meist chirurgische Entfernung

- perioperativ antimykotische Therapie

- bei asymptomatischen, stabilen Fällen ggf. engmaschige Beobachtung


🚨 Invasive pulmonale Aspergillose

Betrifft vor allem stark immunsupprimierte Patientinnen und Patienten. Der Pilz invadiert Gewebe und Gefäße mit Risiko für Thrombosen, Blutungen, Nekrosen und septische Streuung.


Klinische Hinweise:

- Fieber trotz breiter Antibiotikatherapie

- Husten

- Dyspnoe

- Thoraxschmerz

- gelegentlich Hämoptysen


🧪 Diagnostik

Wichtig ist die Kombination aus:

- Risikoprofil

- Klinik

- Thorax-CT

- Galactomannan

- Sputum oder BAL für Kultur/Mikroskopie

- ggf. Histologie und Kultur aus Biopsie


Bildgebung:

- multiple Noduli

- Halo-Zeichen

- später evtl. Luftsichel


Wichtig:

- normales Röntgen schließt frühe invasive Aspergillose nicht aus

- Antikörpertests sind bei der invasiven Form wenig hilfreich


💊 Therapie

Erstlinie meist:

- Voriconazol


Alternativen je nach Situation:

- liposomales Amphotericin B

- Caspofungin


Zu beachten:

- Drug Monitoring bei Azolen

- Interaktionen prüfen

- Leberwerte, Nierenfunktion und Elektrolyte kontrollieren


Ganz wichtig:

- Fluconazol nicht ausreichend wirksam gegen Aspergillus


🧭 Praktische Stolperfallen

- Aspergillus im Sputum bedeutet nicht automatisch invasive Aspergillose

- negativer Antikörpertest schließt invasive Form nicht aus

- Hämoptysen + Kavität → auch an Aspergillom denken

- persistierendes Fieber unter Antibiotika bei Immunsuppression → früh an Pilze denken


🛡️ Prävention

Relevant besonders bei starker Immunsuppression:

- Schimmelbelastung reduzieren

- Feuchtigkeit und Wasserschäden vermeiden

- Staubexposition bei Bauarbeiten minimieren

- Vorsicht bei Blumenerde, Kompost, feuchten Räumen


📝 Merksatz für den Alltag

- Asthma + hohes IgE + Eosinophilie → ABPA

- Kavität + Luftsichel + Hämoptysen → Aspergillom

- Immunsuppression + Fieber + Noduli/Halo-Zeichen im Thorax-CT → invasive Aspergillose

Asbestose und Mesotheliom10 Sep 202600:22:03

Asbestassoziierte Erkrankungen zeigen oft eine sehr lange Latenzzeit von Jahrzehnten. Deshalb ist die Expositionsanamnese entscheidend – auch bei längst berenteten Patientinnen und Patienten.


Typische frühere Expositionen:

• Bauwesen, Schiffbau, Isolierung

• Bremsbeläge, Hitzeschutzmaterialien

• Indirekte Belastung, z. B. kontaminierte Arbeitskleidung im Haushalt


🫁 Asbestose: Klinik und Diagnostik


Die Asbestose ist eine fibrosierende Pneumokoniose nach Inhalation luftgängiger Asbestfasern. Pathophysiologisch kommt es durch frustrane Phagozytose zu chronischer Entzündung und interstitieller Fibrose.


Typische Symptome:

• trockener Husten

• Belastungsdyspnoe

• progrediente Leistungsminderung


Mögliche Befunde:

• basal inspiratorische Knisterrasselgeräusche

• restriktive Ventilationsstörung

• verminderte Diffusionskapazität


Bildgebung:

• HR-CT aussagekräftiger als Röntgen

• basal/subpleural betonte interstitielle Veränderungen

• häufig pleurale Mitbeteiligung


🩻 Pleuraplaques: Was sie bedeuten


Pleuraplaques sind typische Marker einer stattgehabten Asbestexposition.

Wichtig: Sie bedeuten nicht automatisch eine relevante funktionelle Einschränkung, sondern sind vor allem ein Expositionshinweis.


💊 Therapie der Asbestose


Eine kausale Therapie gibt es nicht. Behandelt wird supportiv und symptomorientiert.


Wichtige Maßnahmen:

• Nikotinkarenz

• Influenza- und Pneumokokken-Impfung

• Atemphysiotherapie und pneumologische Rehabilitation

• Sauerstofflangzeittherapie bei chronischer Hypoxämie

• Behandlung von Komorbiditäten


Glukokortikoide und antifibrotische Therapien sind bei klassischer Asbestose nicht Standard.


⚠️ Malignes Mesotheliom: immer an Asbest denken


Das maligne Pleuramesotheliom ist bis zum Beweis des Gegenteils asbestassoziiert. Auch kurze Expositionen können ausreichen.


Leitsymptome:

• exsudativer, teils blutig tingierter Pleuraerguss

• Dyspnoe

• thorakaler, oft atemabhängiger Schmerz

• trockener Husten

• Gewichtsverlust


Diagnostische Kerngedanken:

• Sonographie zur Ergusserkennung und Punktion

• CT-Thorax für pleurale Raumforderungen/Pleuraverdickungen

• Ergusszytologie oft nicht ausreichend

• Standard zur Sicherung: thorakoskopische Biopsie


🧬 Histologie und Prognose


Histologische Typen:

• epitheloid

• sarkomatoid

• biphasisch


Die Prognose ist meist ungünstig, median oft etwa 1 Jahr, abhängig von Histologie, Stadium und Allgemeinzustand.


💉 Therapie des Pleuramesothelioms


Standard der systemischen Therapie:

• Cisplatin 75 mg/m² Tag 1

• plus Pemetrexed 500 mg/m² Tag 1

• meist alle 3 Wochen


Wichtige Begleitmedikation bei Pemetrexed:

• Folsäure 400–1000 µg täglich

• Vitamin B12 1000 µg i.m. vor Beginn, dann regelmäßig

• Dexamethason 4 mg 2-mal täglich vor, am und nach dem Therapietag


Alternative:

• Carboplatin statt Cisplatin bei eingeschränkter Eignung


Je nach Situation:

• multimodale Therapiekonzepte im Zentrum

• Immuncheckpoint-Inhibitoren, z. B. Nivolumab plus Ipilimumab

• frühzeitige palliative Mitbetreuung


🩹 Symptomkontrolle in der Praxis


Wichtige palliative Maßnahmen:

• wiederholte Ergussentlastung

• Pleurodese oder getunnelter Pleura-Katheter bei Rezidiven

• konsequente Analgesie

• Opioide auch bei refraktärer Dyspnoe


Beispiele:

• Paracetamol 1 g bis 4-mal täglich

• Ibuprofen 400–600 mg bis 3-mal täglich

• retardiertes Morphin 10 mg 2-mal täglich plus Bedarfsmedikation

• immer an Obstipationsprophylaxe denken


📋 Berufskrankheit und Dokumentation


Bei Verdacht auf asbestbedingte Erkrankung besteht ärztliche Anzeigepflicht.

Wichtig für die Dokumentation:

• genaue Tätigkeit

• Expositionsjahre

• bearbeitete Materialien

• Schutzmaßnahmen

• mögliche indirekte Belastungen


Merksatz:

Die Diagnose beginnt oft nicht mit CT oder Biopsie, sondern mit der Anamnese.

Silikose09 Sep 202600:22:55

🔎 Definition

Silikose ist eine Pneumokoniose durch langjährige Inhalation von Quarzstaub (kristallines Siliziumdioxid). Sie ist bis heute eine relevante Berufserkrankung der Lunge.


⚠️ Warum wichtig?

• Oft lange asymptomatisch oder nur unspezifische Beschwerden

• Bildgebung häufig schon früh auffällig

• Keine kausal heilende Therapie

• Daher entscheidend: früh erkennen, Exposition stoppen, Komplikationen mitdenken


👷 Risikoberufe und Exposition

Typisch bei:

• Bergbau, Tunnelbau, Steinbruch

• Stein-, Glas-, Keramik-, Porzellan-, Metallindustrie

• Sandstrahlarbeiten, Oberflächenbearbeitung

• Sandformguss

Wichtig in der Anamnese: gesamte Erwerbsbiografie, Staubexposition, Dauer, Schutzmaßnahmen, Atemschutz, Absaugung


🧬 Pathophysiologie

• Quarzstaub lagert sich in Bronchien und Alveolen ab

• Chronische Entzündung → Vernarbung → Bronchialverengung

• Folge: obstruktive Ventilationsstörung, emphysematöser Umbau

• Alveolarmakrophagen werden durch Quarz geschädigt → Freisetzung von Entzündungsmediatoren → Fibroblastenaktivierung → fibrosierende, hyalinisierende Umbauvorgänge

• Kleine silikotische Knötchen können zu Konglomeraten verschmelzen


😷 Klinik

Frühstadium:

• Oft asymptomatisch

• Sonst unspezifisch: Husten, Belastungsdyspnoe


Spätstadium:

• Zunehmende Dyspnoe

• Reizhusten, graues Sputum

• Erhöhte Infektneigung

• Zeichen des Cor pulmonale bei fortgeschrittener Erkrankung


Besondere Hinweise:

• Caplan-Syndrom = Silikose + rheumatoide Arthritis

• Erhöhte Zahnabrasion/Zahnschmelzdefekte können Expositionshinweis sein


🩻 Diagnostik

Entscheidend:

• Berufs- und Expositionsanamnese

• Bildgebung: Röntgen, CT

• Lungenfunktion

• Bei Bedarf Blutgasanalyse, Spiroergometrie

• Biopsie nur selten nötig


Typische Bildbefunde:

• Multiple kleine Noduli, meist symmetrisch, bevorzugt in den Oberfeldern

• Retikulonoduläre Zeichnungsvermehrung

• Verkalkte Noduli möglich

• Klassisch: Eierschalenhili mit randständigen Lymphknotenverkalkungen

• Komplizierte Silikose: Konglomerattumoren, Emphysem, Bullae


📉 Lungenfunktion

Häufig Mischbild aus:

• Obstruktion

• Restriktion

Für Beschwerden und Prognose oft wichtiger als der reine radiologische Befund


🧠 Differenzialdiagnosen

• Tuberkulose

• Sarkoidose

• Andere Pneumokoniosen

• Interstitielle Lungenerkrankungen

• Maligne Prozesse


🚨 Wichtige Komplikationen

• Siliko-Tuberkulose

• Bronchialkarzinom

• Exazerbationen, bakterielle Infekte

• Respiratorische Insuffizienz

• Cor pulmonale


Bei Gewichtsverlust, Nachtschweiß, Hämoptysen oder neuen radiologischen Veränderungen aktiv an Tuberkulose denken.


💊 Therapie

Keine kausale Therapie.


Wesentliche Maßnahmen:

• Exposition sofort beenden oder konsequent reduzieren

• Arbeitsmedizinische Abklärung, ggf. Tätigkeitswechsel

• Symptomatische Therapie orientiert sich an COPD:

• Bronchodilatatoren

• ggf. inhalative Glukokortikoide bei passender Indikation

• Exazerbationsbehandlung

• Sauerstoff bei Hypoxämie

• ggf. Langzeitsauerstofftherapie/NIV

• Pulmonale Rehabilitation, Atemphysiotherapie, Training

• Inhalationstechnik regelmäßig prüfen

• Impfungen: Influenza, Pneumokokken

• Rauchstopp aktiv unterstützen


🛡️ Prävention

• Staubarme Verfahren

• Nassbearbeitung

• Gute Belüftung und Absaugung

• Geeigneter Atemschutz

• Arbeitsmedizinische Betreuung


📌 Merksätze

• Silikose oft klinisch stumm, radiologisch aber früh sichtbar

• Eierschalenhili sind ein klassischer Befund

• Immer nach beruflicher Quarzstaubexposition fragen

• Komplikationen nie übersehen: Tuberkulose, Cor pulmonale, Bronchialkarzinom

• Früh erkennen = Exposition stoppen = Verlauf bremsen


🏥 Praxisrelevanz

Bei chronischem Husten, Belastungsdyspnoe oder Oberfeldveränderungen im Röntgen immer fragen:

„Gab es beruflich Kontakt zu Quarz-, Stein- oder Gesteinsstaub?“

Lungenerkrankungen durch Inhalation anorganischer Stäube08 Sep 202600:21:43

🫁 Pneumokoniosen

Lungenerkrankungen durch Inhalation anorganischer Stäube oder Fasern sind meist berufsbedingt. Entscheidend ist die gezielte Berufsanamnese.


Kernbotschaften:

• Chronische Staubexposition kann zu Entzündung, Vernarbung und Lungenfibrose führen

• Bei Husten, Belastungsdyspnoe und interstitiellen oder nodulären Lungenveränderungen immer nach dem Beruf fragen

• Frühzeitiges Erkennen und Expositionsstopp können den Verlauf entscheidend beeinflussen

• Viele Therapien sind nur symptomatisch, nicht kausal


🔬 Pathophysiologie


Eingeatmete Staubpartikel gelangen bis in die Alveolen und werden von Alveolarmakrophagen aufgenommen. Persistierende Partikel führen zu:

• chronischer Entzündung

• Freisetzung von Entzündungsmediatoren

• Gewebsumbau, Granulombildung und Fibrose


🩻 Diagnostik


Wichtige Schritte:

• genaue Expositionsanamnese: Material, Tätigkeitsdauer, Staubentwicklung, Lüftung, Atemschutz

• körperliche Untersuchung, Pulsoxymetrie

• Lungenfunktion inkl. Diffusionskapazität

• Bildgebung: Röntgen-Thorax, bei Bedarf HR-CT

• radiologische Standardisierung über die ILO-Klassifikation


Praktische Fragebeispiele:

• Schweißarbeiten? Metallstaub? Schleifstaub? Quarz? Kohle? Fasern?

• Wie viele Jahre Exposition?

• Absaugung oder Atemschutz vorhanden?


🏭 Wichtige Formen


Aluminose

• Exposition: Aluminiumstaub, v. a. Schweißarbeiten

• Symptome: Husten, Belastungsdyspnoe

• Komplikation: bullöses Emphysem, Spontanpneumothorax

• Therapie: Expositionsstopp, Pneumothorax nach Standard behandeln


Anthrakose

• Exposition: Kohlenstaub, Ruß

• Bildgebung: feinnoduläre Verschattungen

• Verlauf: oft mild, Fibrose seltener

• Management: Verlaufskontrolle, symptomorientierte Therapie


Berylliose

• Exposition: Beryllium in Legierungen

• Pathologie: nicht verkäsende Granulome

• Wichtig: kann Sarkoidose klinisch und radiologisch imitieren

• Therapie: Expositionsstopp, bei aktiver Erkrankung oft Glukokortikoide


Hartmetalllunge

• Exposition: Aerosole hochschmelzender Metalle

• Beginn: oft unspezifisch

• Risiko: progrediente schwere Lungenfibrose

• Therapie: Expositionsstopp, fachärztlich ggf. Steroide/Immunsuppression


Siderose

• Exposition: Eisenstaub

• Bildgebung: kleine rundliche Fleckschatten

• Prognose: meist gut, Fibrose selten, oft reversibel nach Expositionsende


💊 Therapieprinzipien


• wichtigste Maßnahme: Exposition beenden oder strikt reduzieren

• Bronchodilatatoren bei obstruktiver Komponente

• inhalative Glukokortikoide nur bei passender Begleitkonstellation

• Sauerstofftherapie bei relevanter Hypoxämie nach Standardindikation

• Atemphysiotherapie und pneumologische Rehabilitation bei Bedarf


🧠 Differenzialdiagnosen


Denken an:

• Sarkoidose

• idiopathische Lungenfibrose

• exogen allergische Alveolitis

• COPD

• Tuberkulose

• maligne Erkrankungen


Besonders wichtig: Berylliose ist ein klassischer Sarkoidose-Mimikry.


📌 Klinik-Merksatz


Chronischer Husten + Belastungsdyspnoe + auffällige Bildgebung = immer auch an den Beruf denken.


⚖️ Sozialmedizinischer Aspekt


Saubere Dokumentation der Expositionsanamnese ist medizinisch und rechtlich relevant. Bei Verdacht auf Berufskrankheit arbeitsmedizinische bzw. fachärztliche Abklärung anstoßen.

Lungenerkrankungen durch Inhalation organischer Stäube07 Sep 202600:21:20

🌬️ Thema der Folge

Atemwegserkrankungen durch organische Stäube werden in der Praxis leicht übersehen. Entscheidend ist oft nicht zuerst die Apparatediagnostik, sondern die Expositionsanamnese: Beruf, Hobbys, Arbeitsplatz, Stoffe in der Luft und zeitlicher Zusammenhang der Beschwerden.


🧭 Zentrale Botschaft

Exposition ist der Schlüssel für:

• Diagnose

• Therapie

• Prognose


Nicht jede Reaktion auf organische Stäube ist allergisch. Möglich sind:

• immunologische Mechanismen

• toxische Reaktionen

• irritative Schädigungen

• chronische strukturelle Lungenschäden


🏭 Typische Expositionen


Organische Stäube finden sich u. a. bei:

• Baumwolle, Flachs, Hanf

• Mehl

• Holz

• Pollen

• Tierepithelien

• Landwirtschaft

• Textilindustrie

• Backgewerbe

• Holzverarbeitung

• Kunststoff- und Schaumstoffherstellung


🧵 Byssinose

Klassisch bei Exposition gegenüber Rohbaumwolle, Rohflachs oder Rohhanf.


Typisch:

• Atemnot, Husten, thorakales Engegefühl

• Krankheitsgefühl, Hitzegefühl

• charakteristischer „Montagsgipfel“ nach expositionsfreiem Wochenende


Wichtig:

• kann von episodischen Beschwerden in eine chronisch obstruktive Erkrankung übergehen

• Expositionsvermeidung ist die wichtigste Maßnahme

• symptomatisch ggf. bronchodilatatorische und inhalative antientzündliche Therapie wie bei Asthma


🌾 Organic Dust Toxic Syndrome (ODTS, „Drescherfieber“)

Toxische Alveolitis nach hochkonzentrierter Staubexposition, v. a. in der Landwirtschaft.


Typisch:

• Beginn 4–12 Stunden nach Exposition

• grippeähnliche Beschwerden

• Fiebergefühl, Schüttelfrost, Myalgien, Husten, Unwohlsein, teils Dyspnoe


Abgrenzung:

• nicht primär allergisch

• grundsätzlich können alle Exponierten betroffen sein

• mehrere Erkrankte nach gleicher Exposition sprechen für ein toxisches Geschehen


Therapie:

• Exposition beenden

• symptomatische Behandlung

• Antibiotika nicht reflexhaft geben

• bei Hypoxämie, Tachypnoe oder unklarer Diagnose weiter abklären


🥖 Berufsbedingtes Asthma

Häufige Auslöser:

• Mehl → Bäckerasthma

• Holzstaub

• Pollen

• Tierepithelien

• Isocyanate in Kunststoff-/Schaumstoffherstellung


Diagnostisch wichtig:

• Besserung an Wochenenden und im Urlaub

• Verschlechterung bei Arbeitsaufnahme

• variable Obstruktion in der Lungenfunktion

• Provokationstest nur in spezialisierten Zentren


Therapie:

• wirksamste Maßnahme: Expositionsvermeidung

• Asthmatherapie nach Leitlinie

• Inhalationstechnik immer prüfen


⚠️ Irritativ-toxische Obstruktion

Nicht jede Obstruktion nach Inhalation ist allergisch.


Hinweise:

• dosisabhängige Reaktion

• oft nach hoher Exposition

• keine Sensibilisierung erforderlich


Klinisch relevant, weil sich Beratung, Prognose und arbeitsmedizinische Bewertung von allergischem Asthma unterscheiden.


🫁 Abgrenzung zur exogen-allergischen Alveolitis

Nur kurz erwähnt, aber wichtig:

• reproduzierbarer Zusammenhang mit Exposition

• Husten, Dyspnoe, Fiebergefühl

• chronisch ggf. progrediente Belastungsdyspnoe und Fibrosierung

• Therapie: strikte Antigenkarenz


🎗️ Malignes Risiko

Langjährige Exposition gegenüber Eichen- und Buchenholzstaub erhöht das Risiko für Adenokarzinome der Nasenhaupthöhle und Nasennebenhöhlen.


Warnzeichen bei exponierten Personen:

• persistierende nasale Obstruktion

• Epistaxis

• Druckgefühl im Gesicht

• einseitige Symptome


➡️ niedrige Schwelle zur HNO-Abklärung


🩺 Praktische Anamnese-Fragen

Hilfreich im Gespräch:

• Womit arbeiten Sie genau?

• Welche Stoffe entstehen dabei in der Luft?

• Wann treten Beschwerden auf – bei der Arbeit, abends, nachts oder am Folgetag?

• Wie ist es am Wochenende oder im Urlaub?

• Haben Kolleg:innen ähnliche Beschwerden?

• Wird Atemschutz getragen?


📌 Take-home-Messages

• Immer nach Beruf und inhalativer Exposition fragen

• Das zeitliche Muster der Beschwerden ist oft diagnostisch wegweisend

• Organische Stäube können allergische, toxische oder irritative Erkrankungen auslösen

• Medikamente lindern Symptome – entscheidend ist meist die Expositionsvermeidung

Exogen-allergische Alveolitis (EAA) / hypersensitive Pneumonitis06 Sep 202600:20:42

📌 Das Wichtigste in 3 Punkten

• Bei unklaren fieberhaften Atemwegsbeschwerden immer nach Expositionen fragen: Beruf, Hobbys, Zuhause

• Wiederkehrende grippale Episoden nach Kontakt mit Vögeln, Heu, Schimmel, Klimaanlagen oder Luftbefeuchtern sind hochverdächtig

• Entscheidend ist die konsequente Expositionskarenz – Glukokortikoide helfen, ersetzen sie aber nicht


🔬 Pathophysiologie

Die EAA ist eine immunologisch vermittelte interstitielle Lungenerkrankung durch inhalierte organische Partikel < 5 µm.

Keine IgE-vermittelte Soforttyp-Allergie, sondern v. a. Typ-III- und Typ-IV-Reaktion. Typisch sind antigenspezifische IgG-Antikörper.


🌾 Typische Auslöser

• Vogelhalterlunge: Vogelproteine

• Farmerlunge: Aktinomyzeten aus feuchtem Heu

• Befeuchterlunge: Pilze/Bakterien aus Klimaanlagen, Luftbefeuchtern, Wasserreservoirs

• Weitere Risiken: Kompost, Holzstaub, Sägemehl, Pilzzucht, Käsewäsche, Isocyanate


🩺 Klinik

Akute Form:

• Beginn meist ca. 4 Stunden nach Exposition

• Fieber, trockener Husten, Dyspnoe

• Schüttelfrost, Myalgien, Abgeschlagenheit möglich

• Oft spontane Besserung innerhalb von 24 Stunden bei Expositionsstopp


Chronische Form:

• Schleichender Verlauf

• Belastungsdyspnoe, trockener Husten, Müdigkeit, Leistungsknick

• Später Gewichtsverlust, Zyanose, interstitielle Fibrose, respiratorische Insuffizienz, Cor pulmonale


🎧 Untersuchung

Typisch: beidseitig basal betontes inspiratorisches Knisterrasseln.


🧪 Diagnostik

Anamnese ist zentral:

• Vögel? Heu? Schimmel? Klimaanlage? Luftbefeuchter? Kompost? Holzstaub? Chemische Exposition?


Labor:

• Leukozytose, CRP und BSG erhöht möglich

• Kann infektiös wirken und zur Fehldiagnose führen


Serologie:

• Präzipitierende IgG-Antikörper stützen die Diagnose

• Allein nicht beweisend, da auch bei asymptomatisch Exponierten möglich


Bildgebung:

• Röntgen in der Akutphase oft unauffällig

• HR-CT sensitiver: disseminierte Milchglasveränderungen, ggf. Fibrosezeichen


Lungenfunktion:

• Meist Restriktion

• Teilweise zusätzlich obstruktive Komponente

• Diffusionsstörung v. a. bei chronischem Verlauf


BAL:

• Akut eher Neutrophilie

• Chronisch Lymphozytose, oft vermehrt CD8-positive Lymphozyten, CD4/CD8 < 1

• Normale BAL macht EAA eher unwahrscheinlich


⚠️ Wichtige Differenzialdiagnosen

• Bakterielle Pneumonie

• Andere infektiöse Lungenerkrankungen

• Andere interstitielle Lungenerkrankungen


💊 Therapie

• Konsequente Expositionskarenz = wichtigste Maßnahme

• Glukokortikoide bei akuter/ausgeprägter Symptomatik

• Orientierung: Prednisolon ca. 0,5–1 mg/kgKG/Tag

• Bei chronischem Verlauf: pneumologische Mitbetreuung, Verlaufskontrollen, ggf. Sauerstofftherapie


🚨 Fallstricke

• Fieber + Leukozytose + CRP ≠ automatisch Infekt

• Positive Präzipitine allein reichen nicht

• Unauffälliges Röntgen schließt EAA nicht aus

• Ohne gezielte Expositionsanamnese wird die Diagnose leicht verpasst


🧠 Merksatz

Wiederkehrende grippale Beschwerden mit Husten und Dyspnoe nach organischer Staubexposition sind verdächtig auf exogen-allergische Alveolitis – nicht automatisch auf Pneumonie.

Interstitielle Lungenparenchymerkrankungen (ILD)05 Sep 202600:30:28

🫁 Thema der Folge

Interstitielle Lungenparenchymerkrankungen (ILD) sind keine einzelne Diagnose, sondern ein Oberbegriff für eine heterogene Gruppe von Erkrankungen des Interstitiums, oft auch der Alveolen und kleinen Atemwege.


⚠️ Klinische Leitsymptome

Progrediente Belastungsdyspnoe und trockener Reizhusten über Wochen bis Monate sind die typische Konstellation.


Wichtige Hinweise:

• oft keine typischen Infektzeichen

• Treppensteigen und Belastbarkeit nehmen schleichend ab

• Spätzeichen: Trommelschlägelfinger, Uhrglasnägel


🩺 Wichtige Untersuchungsbefunde


Typisch bei der Auskultation:

• beidseitiges basales inspiratorisches Knisterrasseln („Klettverschlussrasseln“)


Lungenfunktion:

• meist restriktive Ventilationsstörung

• DLCO oft früh vermindert


Blutgase:

• initial häufig Hypoxämie, v. a. unter Belastung

• später ggf. hyperkapnische respiratorische Insuffizienz


🧭 Ätiologien im Überblick


Idiopathisch:

• idiopathische pulmonale Fibrose (IPF)

• NSIP

• COP

• akute interstitielle Pneumonie

• raucherassoziierte Formen


Sekundär:

• Medikamente: z. B. Bleomycin, Methotrexat, Busulfan, Amiodaron

• inhalative Noxen: Silikose, Asbestose, exogen allergische Alveolitis

• Autoimmunerkrankungen: systemische Sklerose, Lupus, rheumatoide Arthritis, Vaskulitiden

• Infektionen

• differenzialdiagnostisch auch kardiale/nephrologische Ursachen und Malignome


🔍 Diagnostischer Ansatz


Entscheidend ist die strukturierte Anamnese:

• zeitlicher Verlauf

• Medikamente

• Rauchen

• berufliche und häusliche Expositionen

• Vögel, Schimmel, Landwirtschaft, Metalle, Asbest

• Autoimmunzeichen

• Familienanamnese


Bildgebung:

• Röntgen oft nur orientierend

• HRCT ist die zentrale Untersuchung


Typische HRCT-Zeichen:

• retikuläre Muster

• Septumverdickungen

• Traktionsbronchiektasen

• Honigwabenmuster

• UIP-Muster als klassischer Hinweis auf IPF


Weitere Diagnostik:

• Bronchoskopie mit BAL

• ggf. transbronchiale Biopsie, Kryobiopsie oder chirurgische Biopsie

• Goldstandard: multidisziplinäre Beurteilung aus Klinik, Radiologie und ggf. Histologie


🧠 Therapeutisches Grundprinzip


Die wichtigste Frage:

Ist die Erkrankung überwiegend entzündlich und potenziell reversibel – oder fibrosierend und progredient?


Sekundäre ILD:

• Ursache behandeln

• auslösendes Medikament absetzen

• Exposition konsequent beenden

• Grunderkrankung gezielt therapieren


💊 IPF: heutige Therapie


Bei gesicherter IPF stehen antifibrotische Therapien im Vordergrund:

• Pirfenidon

• Nintedanib


Wichtig:

• verlangsamen die Progression

• heilen die Fibrose nicht


Typische Nebenwirkungen:

• Pirfenidon: Übelkeit, Dyspepsie, Photosensibilität, Fatigue, Lebertoxizität

• Nintedanib: Diarrhö, Leberwerterhöhung, Blutungsrisiko


🧪 Entzündliche ILD-Formen


Häufig Behandlung mit:

• Glukokortikoiden

• ggf. Immunsuppressiva wie Azathioprin, Ciclosporin, Tacrolimus


Beispiele:

• NSIP

• kryptogen organisierende Pneumonie (COP)

• Autoimmun-assoziierte ILD, z. B. SSc-ILD


🏃 Unterstützende Maßnahmen


Essenziell im Alltag:

• pulmonale Rehabilitation und Lungensport

• Nikotinkarenz

• Impfungen gegen Influenza, Pneumokokken und SARS-CoV-2

• Sauerstoff-Langzeittherapie bei relevanter Hypoxämie

• frühzeitige Evaluation zur Lungentransplantation bei progredienter Fibrose


🚨 Wichtige Komplikationen


• respiratorische Insuffizienz

• akute Exazerbationen

• pulmonale Hypertonie

• Cor pulmonale

• Differenzialdiagnosen bei plötzlicher Verschlechterung: Lungenembolie, Pneumothorax, Infektion, kardiale Dekompensation


📌 Take-home-Messages


• Trockener Husten + Belastungsdyspnoe + basales Knisterrasseln = ILD mitdenken

• HRCT ist der Schlüssel zur Einordnung

• Nicht jede interstitielle Veränderung ist IPF

• Therapie richtet sich nach Ursache und Muster: entzündlich vs. fibrosierend

Therapeutische Antikoagulation - Klinische Anwendung04 Sep 202600:36:58

🧠 Grundprinzip

Antikoagulanzien hemmen die plasmatische Gerinnung.

Sie lösen bestehende Thromben in der Regel nicht aktiv auf, sondern verhindern:

• Thrombusprogression

• Embolisation

• neue thromboembolische Ereignisse


📌 Wichtige Indikationen

Klassisch:

• Tiefe Venenthrombose (TVT)

• Lungenarterienembolie (LAE)

• Vorhofflimmern

• Mechanischer Herzklappenersatz


Weitere relevante Situationen:

• Intrakardiale Thromben

• Zerebrale Sinus-/Venenthrombosen

• Pfortader- oder Ovarialvenenthrombose

• ECMO, LVAD, Hämodialyse

• Ausgewählte thrombophile Konstellationen


💊 Substanzwahl im Überblick

• Akute stabile TVT/LAE: NMH oder DOAK

• Hämodynamisch instabile LAE / rasch steuerbare Situation: UFH

• Vorhofflimmern: meist DOAK

• Mechanische Herzklappen: VKA

• HIT: keine Heparine, alternative Antikoagulation


🩸 UFH – unfraktioniertes Heparin

Besonders geeignet bei:

• instabilen Patient:innen

• hohem Blutungsrisiko

• periinterventionellen Situationen

• massiver LAE


Typisches Schema:

• Bolus: 80 I.E./kg i.v.

• Perfusor: 18 I.E./kg/h


Monitoring:

• PTT oder Anti-Faktor-Xa

• frühe Kontrolle nach 1–2 Stunden

• nach jeder Dosisanpassung erneut kontrollieren


Wichtig:

• kein Blutabnehmen an der Heparin-Infusionsseite

• Antidot: Protamin

• an HIT denken


💉 NMH – niedermolekulare Heparine

Typische Einsatzgebiete:

• stabile TVT/LAE

• Schwangerschaft


Beispiele:

• Enoxaparin

• Dalteparin

• Tinzaparin

• Certoparin


Praxisrelevant:

• immer gewichtsadaptiert dosieren

• Nierenfunktion beachten

• bei Extremgewichten sorgfältig rechnen


Monitoring:

• nicht routinemäßig nötig

• Anti-Faktor-Xa bei Schwangerschaft, Niereninsuffizienz, Extremgewichten oder unklarer Klinik sinnvoll


Merke:

• Protamin antagonisiert NMH nur teilweise

• HIT bleibt möglich


📈 VKA – Vitamin-K-Antagonisten


Wichtige Vertreter:

• Phenprocoumon

• Warfarin


Typische Indikationen:

• mechanische Herzklappen

• bestimmte Formen von Vorhofflimmern

• Mitralklappenstenose


Besonderheiten:

• verzögerter Wirkeintritt

• initial Bridging mit Heparin nötig

• Steuerung über INR


Ziel-INR:

• meist 2,0–3,0

• bei mechanischen Klappen teils höher


Wichtig:

• viele Interaktionen

• lange Halbwertszeit

• bei schwerer Blutung: Vitamin K i.v. + PPSB


🧾 DOAK – direkte orale Antikoagulanzien


Substanzen:

• Apixaban

• Rivaroxaban

• Edoxaban

• Dabigatran


Vorteile:

• rascher Wirkeintritt

• keine routinemäßige Gerinnungskontrolle

• alltagstauglich bei VHF und VTE


Praxis-Dreiklang:

• richtige Indikation

• richtige Dosis

• richtige Nierenfunktion


Wichtig:

• Nierenfunktion, Leberfunktion, Hb und Interaktionen regelmäßig prüfen

• kurze Halbwertszeit → ausgelassene Dosen sind relevant


Besonderheit bei VTE:

• Apixaban und Rivaroxaban können direkt gestartet werden

• Edoxaban und Dabigatran benötigen initial mindestens 5 Tage parenterale Antikoagulation


⚠️ HIT – heparininduzierte Thrombozytopenie


Denken bei:

• Thrombozytenabfall unter Heparin

• neuen Thrombosen

• typischerweise 5–10 Tage nach Beginn


Sofortmaßnahme:

• alle Heparine stoppen


Alternativen:

• Danaparoid

• Argatroban

• Bivalirudin

• Fondaparinux in ausgewählten Fällen


🤰 Antikoagulation in der Schwangerschaft

Grundregeln:

• DOAK nicht einsetzen

• VKA nur in Ausnahmefällen

• Standard: NMH


Bei TVT/LAE:

• therapeutische NMH-Dosierung

• meist mindestens 3 Monate und bis mindestens 6 Wochen post partum


Sonderfall:

• mechanische Herzklappe in der Schwangerschaft = interdisziplinäre Hochrisikokonstellation


🆘 Blutungen und Antagonisierung

• UFH: Protamin

• NMH: Protamin nur teilweise wirksam

• VKA: Vitamin K, bei schwerer Blutung zusätzlich PPSB

• Dabigatran: Idarucizumab

• Apixaban/Rivaroxaban: Andexanet alfa, alternativ PPSB

• Edoxaban: meist PPSB im Notfall


✅ Take-home-Messages

• Die Indikation bestimmt die Substanz

• Dosisfehler sind häufig – Gewicht und Nierenfunktion prüfen

• HIT immer mitdenken

• Schwangerschaft = Sonderfall, meist NMH

• Blutungsmanagement muss strukturiert und schnell erfolgen

Pulmonale Hypertonie (PH) – erkennen, einordnen, behandeln03 Sep 202600:31:21

📌 Worum es geht

Pulmonale Hypertonie (PH) ist ein erhöhter Druck im Lungenkreislauf und wird oft spät erkannt, weil die Symptome anfangs unspezifisch sind. Entscheidend ist: Nicht jede PH ist eine pulmonalarterielle Hypertonie (PAH) – und genau das bestimmt die Therapie.


🔎 Definition und Hämodynamik

PH liegt vor bei:

• mittlerem pulmonalarteriellem Druck > 20 Millimeter Quecksilbersäule in Ruhe


Goldstandard der Diagnose:

• Rechtsherzkatheter, nicht Echokardiografie allein


Wichtige Parameter:

• PCWP / pulmonaler Kapillarverschlussdruck

• PVR / pulmonaler Gefäßwiderstand


Präkapillär:

• PCWP höchstens 15 Millimeter Quecksilbersäule

• PVR > 2 Wood-Einheiten


Postkapillär:

• PCWP > 15 Millimeter Quecksilbersäule


🧭 Klinisch wichtige Gruppen

1. PAH

• idiopathisch, hereditär, medikamenten- oder toxinassoziiert

• assoziiert z. B. mit systemischer Sklerose, HIV, portaler Hypertension, angeborenen Herzfehlern


2. PH bei Linksherzerkrankungen

• häufigste Gruppe im Alltag

• z. B. HFpEF, HFrEF, Mitral- oder Aortenklappenvitien


3. PH bei Lungenerkrankungen / Hypoxie

• z. B. COPD, interstitielle Lungenerkrankungen, Emphysem, Adipositas-Hypoventilation


4. CTEPH

• chronisch-thromboembolische pulmonale Hypertonie

• besonders wichtig, weil potenziell operativ behandelbar


5. Multifaktorielle / unklare Formen

• z. B. Sarkoidose, hämatologische Erkrankungen, chronische Nierenkrankheit


⚠️ Typische Symptome

• Belastungsdyspnoe

• Leistungsminderung, Müdigkeit

• Schwindel, Belastungssynkopen

• später: Ödeme, Halsvenenstauung, Aszites, Stauungsleber


Warnsignal:

• Synkope bei Belastung


🩺 Diagnostik

Wichtige Bausteine:

• Echokardiografie als zentrales Screening

• EKG, NT-proBNP

• Lungenfunktion inklusive DLCO

• 6-Minuten-Gehtest

• Bildgebung je nach Verdacht


Wichtig für die Praxis:

• Echo schätzt die Wahrscheinlichkeit, ersetzt aber nicht den Rechtsherzkatheter

• Zum Ausschluss einer CTEPH ist die Ventilations-Perfusions-Szintigrafie besonders wichtig


💡 Pathophysiologie

Erhöhter Widerstand im Lungenkreislauf führt zu:

• erhöhter Nachlast des rechten Ventrikels

• zunächst Hypertrophie, später Dilatation

• im Verlauf Cor pulmonale und Rechtsherzinsuffizienz


💊 Therapieprinzipien

Bei den meisten PH-Formen:

• Behandlung der Grunderkrankung steht im Vordergrund


Allgemeine Maßnahmen:

• optimale Therapie von Herz- oder Lungenerkrankung

• Sauerstoff nur bei relevanter Hypoxämie

• Diuretika bei Rechtsherzinsuffizienz und Volumenüberladung

• Impfprophylaxe, körperliche Aktivität im individuell tolerierten Bereich


PAH-spezifische Therapie:

• Endothelin-Rezeptor-Antagonisten

• PDE-5-Hemmer

• Riociguat

• Prostazyklinanaloga / Selexipag


Wichtig:

• spezifische PAH-Medikamente nicht routinemäßig bei PH durch Linksherz- oder Lungenerkrankung

• Calciumkanalblocker nur bei nachgewiesenen Vasoreagibilitäts-Respondern


CTEPH:

• lebenslange Antikoagulation

• Vorstellung im spezialisierten Zentrum

• pulmonale Endarteriektomie als Therapie der Wahl

• Riociguat bei inoperabler oder persistierender CTEPH


🚫 Häufige Fehler

• Dyspnoe bei COPD nur der COPD zuschreiben

• PAH-Therapie ohne Rechtsherzkatheter starten

• V/Q-Szintigrafie bei CTEPH-Verdacht vergessen

• Belastungssynkopen nicht ernst genug nehmen

• Riociguat mit PDE-5-Hemmern oder Nitraten kombinieren


🎯 Take-home-Messages

• PH früh mitdenken bei unklarer Belastungsdyspnoe, Schwindel oder Synkopen

• Häufigste Ursachen: Herz- und Lungenerkrankungen

• Rechtsherzkatheter ist der Goldstandard

• Erst klassifizieren, dann therapieren

• CTEPH nicht übersehen – sie kann potenziell kurativ behandelbar sein

Acute Respiratory Distress Syndrome (ARDS) - erkennen, verstehen und behandel02 Sep 202600:36:35

🫁 Worum geht es?

ARDS = Acute Respiratory Distress Syndrome, also akutes Lungenversagen. Es handelt sich nicht um eine einzelne Erkrankung, sondern um ein Syndrom mit schwerer Oxygenierungsstörung, bilateralen Infiltraten und nicht-kardialem Lungenödem.


📌 Definition nach Berlin

Für die Diagnose wichtig:

• akuter Beginn innerhalb von 1 Woche

• bilaterale Infiltrate in der Bildgebung

• respiratorisches Versagen nicht primär kardial oder durch Volumenüberladung

• Schweregrad über den Horovitz-Quotienten paO2 / FiO2


Einteilung bei PEEP ≥ 5 cmH2O:

• mild: 201–300 mmHg

• moderat: 101–200 mmHg

• schwer: ≤ 100 mmHg


🦠 Häufige Ursachen

Am häufigsten:

• Pneumonie

• extrapulmonale Sepsis


Weitere Auslöser:

• Aspiration

• Thoraxtrauma, Lungenkontusion

• Pankreatitis

• Schock, Polytrauma, Verbrennungen

• Medikamente und Toxine

• Embolien


🔬 Pathophysiologie kurz erklärt

Entzündung schädigt die alveolo-kapilläre Barriere → proteinreiche Flüssigkeit tritt in Interstitium und Alveolen aus. Dazu kommen Surfactant-Verlust, Atelektasen und intrapulmonaler Rechts-links-Shunt. Folge: schwere, oft therapieresistente Hypoxämie. Später häufig auch Hyperkapnie. Auch das rechte Herz kann durch erhöhten pulmonalen Widerstand belastet werden.


👀 Klinik und Diagnostik

Typische Zeichen:

• Dyspnoe, Tachypnoe, erhöhte Atemarbeit

• Unruhe, Tachykardie, Zyanose

• feinblasige Rasselgeräusche, früh teils noch unauffällige Auskultation


Wichtige Diagnostik:

• Blutgasanalyse

• Röntgen-Thorax, ggf. CT

• Echokardiografie zur Abgrenzung vom kardialen Lungenödem

• Auslösende Ursache aktiv suchen


Merke: ARDS ist wahrscheinlich bei typischem Trigger + therapierefraktärer Hypoxämie + bilateralen Infiltraten + fehlender kardialer Erklärung.


🩺 Therapie: das zählt wirklich

Entscheidend ist immer die Behandlung der Ursache:

• Antibiotika / Fokussanierung bei Infektion

• Aspiration, Schock, Toxine oder Organversagen gezielt behandeln


Lungenprotektive Beatmung:

• Tidalvolumen ca. 6 ml/kg ideales Körpergewicht

• Plateaudruck ≤ 30 cmH2O

• Driving Pressure möglichst ≤ 14 cmH2O

• adäquater PEEP

• FiO2 nur so hoch wie nötig

• permissive Hyperkapnie oft akzeptabel


Wichtig: Nicht perfekte Sättigungen erzwingen, wenn dafür schädlich hohe Drücke oder FiO2 nötig wären.


🔄 Lagerung und Volumen

Sehr wirksam:

• Oberkörperhochlagerung

• frühe Bauchlagerung bei moderatem bis schwerem ARDS, oft 16 Stunden täglich


Flüssigkeitsstrategie:

• eher restriktiv, sofern keine Hypoperfusion

• Volumenüberladung vermeiden

• Diuretika wie Furosemid nur gezielt und mit Monitoring


🚑 Eskalation

Bei refraktärer Hypoxämie trotz optimaler Therapie:

• früh an ECMO denken, meist vv-ECMO

• nicht zu spät mit einem ECMO-Zentrum sprechen


⚠️ Was nicht routinemäßig empfohlen wird

• prophylaktische Antibiotika

• Glukokortikoide als generelle ARDS-Therapie

• β2-Mimetika oder Surfactant beim Erwachsenen

• routinemäßige frühe Muskelrelaxierung

• inhalatives NO nur als Rescue-Therapie in Einzelfällen


💡 Take-home

ARDS ist eine intensivmedizinische Notfallsituation. Die wichtigsten Hebel sind:

• Ursache finden und behandeln

• lungenprotektiv beatmen

• Bauchlagerung früh einsetzen

• Volumen klug steuern

• bei refraktären Verläufen rechtzeitig eskalieren


Nicht ein Wundermittel entscheidet, sondern sauberes Management im Detail.

Thoraxdrainage - Klinische Anwendung 01 Sep 202600:24:36

🫁 Grundprinzip

Eine Thoraxdrainage verbindet den Pleuraspalt mit einem externen Drainagesystem, um Luft, Blut oder Flüssigkeit abzuleiten.


Kernziel:

• Wiederherstellung des negativen intrathorakalen Drucks

• Entfernung pathologischer Luft oder Flüssigkeit

• Reexpansion der Lunge


📌 Wichtige Indikationen


Therapeutisch:

• Pneumothorax

• Pleuraerguss

• Hämothorax

• Hämatopneumothorax


Weitere Einsatzgebiete:

• Pleurodese

• postoperative Drainage von Blut/Wundsekret

• Notfall: Spannungspneumothorax als vital bedrohliche Situation


Merke:

Bei klinischem Verdacht auf Spannungspneumothorax nicht auf perfekte Bildgebung warten, sondern sofort dekomprimieren.


⚠️ Kontraindikationen und Rahmen


Relative Kontraindikationen:

• erhöhte Blutungsneigung

• pleurale Adhäsionen, z. B. nach OP oder Entzündung


Wichtig:

• ärztliche Tätigkeit

• sterile Anlage

• klare Indikation

• Monitoring, Material, funktionierendes Drainagesystem

• Bildgebung zur Lagekontrolle möglichst einplanen


🧠 Die 3-Ebenen-Denkweise


Bei Problemen immer systematisch denken:


1. Patient:

• Luft, Flüssigkeit, Blut, Fistel, Infektion, Malexpansion


2. Drainage:

• offen oder abgeknickt?

• diskonnektiert?

• verstopft?

• disloziert?

• Behälter voll?

• Sog vorhanden?


3. Klinik:

• Dyspnoe

• Schmerzen

• Hautemphysem

• Fieber

• verändertes Sekret

• ausbleibende Förderung


💊 Schmerztherapie


Thoraxdrainagen sind schmerzhaft – bei Anlage, im Verlauf und bei Entfernung.


Wichtige Punkte:

• gründliche Lokalanästhesie, häufig mit Lidocain

• Pleura parietalis besonders schmerzempfindlich

• systemische Analgesie je nach Setting, z. B. Metamizol, Opioide titriert

• bei dyspnoischen spontan atmenden Patienten mit Augenmaß sedieren


🔍 Management nach Anlage


Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit:

• fördert die Drainage?

• besteht eine Luftleckage?

• ist das System dicht?

• bessert sich der Patient klinisch?


Bei Beschwerden oder unklarem Verlauf:

• Röntgenkontrolle großzügig einsetzen


Pendeltest:

Atemabhängige Bewegung im System spricht für Druckübertragung. Fehlendes Pendeln ist unspezifisch und muss eingeordnet werden.


🛠️ Typische Probleme


Dyspnoe trotz Drainage:

• Diskonnektion

• fehlender Sog

• voller Behälter

• Okklusion

• Dislokation

• Parenchymverletzung

• Pneumonie

• Reexpansionsödem


Sistierende Sekretion:

• kann normal sein

• alternativ: Okklusion, Diskonnektion, voller Behälter, Dislokation


Luftleckage/Fistel:

• technisches Problem oder bronchopleurale Fistel

• Verlauf und Muster des Luftaustritts beobachten


Nässender Verband:

• Stichkanalblutung

• Infektion

• Leckage

• Dislokation


Verändertes Sekret:

• blutig → Blutung

• eitrig → Pleuraempyem

• milchig → Chylothorax


Hautemphysem:

• Warnzeichen für unzureichende Luftableitung oder Fehlfunktion


🫧 Reexpansionsödem


Wichtiges, oft vergessenes Krankheitsbild:

• nichtkardiogenes Lungenödem nach rascher Reexpansion

• klinisch Dyspnoe und Hypoxie trotz technisch erfolgreicher Drainage

• Therapie: supportiv, ggf. intensivmedizinisch


⛔ Abklemmen der Drainage


Nicht routinemäßig abklemmen.


Besonders wichtig:

• nicht für den Transport abklemmen

• bei bestehender Luftleckage Gefahr eines Spannungspneumothorax


🩺 Wann darf die Drainage entfernt werden?


Orientierungskriterien:

• Patient kreislaufstabil

• Lunge radiologisch expandiert

• keine Luftleckage seit mindestens 6 Stunden

• Sekretmenge < 200 ml/24 h


🧷 Entfernung und Nachsorge


Entfernung:

• strukturiert, zügig, mit Atemkommando

• sterile Abdeckung sofort nach Zug

• Analgesie vorher mitdenken


Nachsorge:

• radiologische Kontrolle am Folgetag

• bei Dyspnoe, Thoraxschmerz, Sättigungsabfall oder Husten früher kontrollieren


✅ Take-home-Messages


• Thoraxdrainagen sind kein reines Technik-, sondern vor allem ein Managementthema.

• Probleme immer über Drainage, Patient und Bildgebung analysieren.

• Vor Entfernung: stabile Klinik, expandierte Lunge, keine Luftleckage, geringe Fördermenge.

• Thoraxdrainage nicht routinemäßig und nicht für den Transport abklemmen.

Pneumothorax und Spannungspneumothorax31 Aug 202600:37:09

Ein Pneumothorax ist Luft im Pleuraspalt mit Verlust des pleuralen Unterdrucks und Kollaps der betroffenen Lunge. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen stabilem Pneumothorax und Spannungspneumothorax.


🚨 Kernbotschaft

Der Spannungspneumothorax ist eine klinische Diagnose.

Bei passender Klinik und Instabilität: sofort entlasten.

Keine Verzögerung durch Röntgen, CT oder „perfekten“ Ultraschall.


🧠 Pathophysiologie

• Normalerweise hält der Unterdruck im Pleuraspalt die Lunge entfaltet

• Beim Pneumothorax geht dieser Unterdruck verloren

• Beim Spannungspneumothorax entsteht ein Ventilmechanismus

• Folge: zunehmender intrathorakaler Druck, Mediastinalverlagerung, verminderter venöser Rückstrom, obstruktiver Schock


👥 Wichtige Risikogruppen

• Junge, schlanke, groß gewachsene Raucher: primärer Spontanpneumothorax

• Patientinnen und Patienten mit COPD, Emphysem, Fibrose, Asthma, Mukoviszidose etc.: sekundärer Spontanpneumothorax

• Nach Trauma, Beatmung, ZVK-/Subklaviapunktion, Pleurapunktion, Lungenbiopsie: erhöhtes Risiko


🔎 Klinik


Typisch:

• plötzlich einsetzender, atemabhängiger Thoraxschmerz

• Dyspnoe

• Tachypnoe, Tachykardie

• abgeschwächtes/fehlendes Atemgeräusch

• verminderte Thoraxexkursion

• hypersonorer Klopfschall


Zusätzlich bei Trauma:

• subkutanes Emphysem

• Rippenfrakturen

• instabile Thoraxwand


Wichtig:

Kein einzelner Untersuchungsbefund schließt einen Pneumothorax sicher aus.


⚠️ Zeichen des Spannungspneumothorax

• akute respiratorische Verschlechterung

• Hypotonie oder Kreislaufinstabilität

• einseitig fehlendes Atemgeräusch

• steigende Beatmungsdrücke unter Beatmung

• Desaturierung

• ggf. Halsvenenstauung


Merke:

Trachealverlagerung ist ein Spätzeichen.


🩺 Diagnostik

Bei stabilen Patientinnen und Patienten:

• Thoraxsonografie: fehlendes Lungengleiten, Lungenpunkt

• Röntgen-Thorax: Pleuralinie, fehlende periphere Gefäßzeichnung

• CT: am sensitivsten, aber nichts für Instabile

• BGA zur Beurteilung von Oxygenierung/Ventilation


Bei instabilen Patientinnen und Patienten:

• Behandlung vor Bildgebung bei klinischem Verdacht auf Spannungspneumothorax


💨 Akuttherapie

• ABCDE-Vorgehen

• Sauerstoff nach klinischer Situation titrieren

• gute Analgesie

• bei Spannungspneumothorax: sofortige Dekompression


Punktionsort für Nadeldekompression:

• bevorzugt 4./5. ICR vordere bis mittlere Axillarlinie im sicheren Dreieck

• oberhalb des Rippenoberrands punktieren

• großlumige, ausreichend lange Kanüle verwenden


Wichtig:

Nadeldekompression ist nicht die definitive Therapie.


🛠️ Definitive Therapie

• meist Thoraxdrainage

• bei Pneumothorax typischerweise 4./5. ICR im sicheren Dreieck

• Drainagefunktion eng überwachen: Dichtigkeit, Knick, Luftleck, klinischer Verlauf

• bildgebende Kontrolle nach Anlage


📋 Therapie je nach Situation


• Kleiner, stabiler primärer Spontanpneumothorax: oft konservativ möglich

• Symptomatischer primärer Spontanpneumothorax: ggf. Aspiration oder Drainage

• Sekundärer Spontanpneumothorax: niedrige Schwelle zur Drainage

• Traumatischer Pneumothorax: häufig Drainagetherapie

• Offener Pneumothorax: Wundverschluss mit Vorsicht, dann Drainage

• Beatmete Patientinnen und Patienten: Pneumothorax meist drainagerelevant


🔁 OP-Indikationen

• Rezidiv

• persistierendes Luftleck

• fehlende Reexpansion

• Bullae/Blebs

• beidseitiger Pneumothorax

• besonderes berufliches Risiko, z. B. Tauchen oder Fliegen


Häufiges Verfahren:

• VATS mit Bullaresektion und Pleurodese


🧭 Entlassung und Beratung

• Rauchstopp ist essenziell zur Rezidivprophylaxe

• nicht fliegen bis zur vollständigen radiologischen Rückbildung

• Tauchen nur nach fachärztlicher Beurteilung, oft kontraindiziert ohne definitive Rezidivprophylaxe


✅ 4 Merksätze

• Luft im Pleuraspalt lässt die Lunge kollabieren

• Sekundärer Spontanpneumothorax ist oft klinisch gefährlicher

• Spannungspneumothorax führt zu Hypoxie und obstruktivem Schock

• Spannungspneumothorax klinisch erkennen und sofort entlasten

Pleurapunktion - Klinische Anwendung 30 Aug 202600:32:20

🫁 Thema der Folge

Pleurapunktion bei Pleuraerguss – praxisnah zu Definition, Indikationen, Kontraindikationen, Vorbereitung, Durchführung, Nachsorge sowie typischen Fallstricken und Komplikationen.


📌 Definition

Diagnostische Pleurapunktion

• Entnahme von ca. 20–50 ml Ergussflüssigkeit

• Ziel: Analyse von Zellzahl, klinischer Chemie, Mikrobiologie, Zytologie


Therapeutische Pleurapunktion

• Entlastung größerer Ergussmengen, meist >500 ml

• Vor allem bei symptomatischen Ergüssen

• Wichtig: Jede therapeutische Punktion nach Möglichkeit auch diagnostisch nutzen


✅ Indikationen

Diagnostisch

• Unklarer Pleuraerguss

• Parapneumonischer Erguss

• Ausschluss oder Nachweis eines Pleuraempyems

• Einseitiger Erguss ohne klare Ursache

• Ergüsse mit soliden Anteilen oder malignitätsverdächtigen Befunden


Therapeutisch

• Dyspnoe oder thorakale Schmerzen durch Erguss

• Große Ergüsse mit mechanischer Atembehinderung

• Rezidivierende maligne Ergüsse

• Beatmungsrelevante Ergüsse auf Intensivstation


Wichtig:

• Spürbare Dyspnoe-Besserung meist erst bei Entlastung >500 ml

• Pleuraempyem ist keine reine Punktions-Indikation → meist Thoraxdrainage erforderlich


⚠️ Wann Zurückhaltung sinnvoll ist

• Beidseitige Ergüsse bei kardialer Dekompensation, wenn klinisch passend und diuretisch rückläufig

• Vorsicht bei trapped lung: technisch erfolgreiche Entlastung, aber oft wenig Symptomgewinn

• Stark septierte, „wabenartige“ Ergüsse: einfache Punktion oft unzureichend


⛔ Kontraindikationen

Praktisch absolut

• Zu kleiner Erguss, sonografisch meist <1 cm

• Keine Einwilligung bei fehlender Dringlichkeit


Relativ

• Thrombozyten <50.000/µl

• Verlängerter Quick/PTT

• Therapeutische Antikoagulation

• Lokale Hautinfektion

• Ausgeprägte Unruhe oder fehlende Kooperation

• Schwierige Anatomie


Antithrombotika im Alltag

• ASS meist keine Pause nötig

• Clopidogrel nach Möglichkeit ca. 5 Tage pausieren

• UFH ca. 4 h Abstand

• LMWH therapeutisch idealerweise 24 h Abstand

• DOAK meist 24–48 h Pause je nach Nierenfunktion, Blutungsrisiko und Standard


🧰 Vorbereitung

• Aufklärung und schriftliche Einwilligung

• Aktuelle Gerinnung und Thrombozyten

• Sonografie praktisch obligat

• Steriles Material vollständig vorbereiten

• Ruhiges Setting, Assistenz, Monitoring

• Sauerstoff bereithalten bei Dyspnoe oder Hypoxämie


🪡 Durchführung – Kerngedanken

• Standardlagerung: sitzend, leicht nach vorne gebeugt

• Punktionsort sonografisch festlegen

• Immer am Oberrand der unteren Rippe punktieren

• Nicht unterhalb des 8. ICR

• Sorgfältige Lokalanästhesie

• Beidhändige, abgestützte Nadelführung zur Vermeidung unkontrollierten Vorschubs

• Therapeutisch max. ca. 1,5 Liter pro Sitzung ablassen


🚨 Abbruchkriterien

• Blut im Ablaufschlauch

• Zunehmende Dyspnoe

• Sättigungsabfall

• Synkope oder vagale Reaktion

• Starke Schmerzen

• Hustenreiz, Hämoptyse

• Aspiration von Luft

• Erreichen von 1,5 Litern


🩺 Nachsorge

• Verband, direkte klinische Kontrolle, idealerweise Sonografie

• Monitoring von SpO2, Herzfrequenz, ggf. Blutdruck

• Röntgen-Thorax nicht routinemäßig nötig

• Bildgebung bei Symptomen oder Komplikationsverdacht


Merksatz:

Tritt innerhalb von 24 Stunden nach Pleurapunktion Dyspnoe auf, gilt bis zum Beweis des Gegenteils eine punktionsbedingte Komplikation.


⚠️ Komplikationen

• Pneumothorax

• Hämatothorax

• Selten Organverletzung mit Hämatoperitoneum

• Reexpansionslungenödem

• Kreislaufreaktionen

• Infektionen

• Sehr selten Anaphylaxie auf Lokalanästhetikum


🎯 Take-home-Messages

• Nicht jeder Erguss muss punktiert werden

• Einseitige Ergüsse sind suspekt

• Sonografie ist unverzichtbar

• Empyem braucht meist Drainage

• Immer diagnostisch mitdenken

• Maximal 1,5 Liter ablassen

• Neue Dyspnoe nach Punktion = Warnsignal

Pleuraerguss29 Aug 202600:33:03

🚑 Thema der Folge


Pleuraerguss = Flüssigkeit im Pleuraspalt zwischen viszeraler und parietaler Pleura. Klinisch häufig und diagnostisch wichtig.


🧠 Grundlagen


Entscheidend ist die Unterscheidung:


• Transsudat: eiweiß- und zellarm, meist durch veränderte Druck- oder Eiweißverhältnisse

• Exsudat: eiweiß- und zellreich, meist durch Entzündung, Tumor oder erhöhte Permeabilität


Typische Ursachen:

• Transsudat: Herzinsuffizienz, Leberzirrhose, nephrotisches Syndrom, Hypoalbuminämie

• Exsudat: Pneumonie, Malignom, Tuberkulose, virale Pleuritis, Lungenembolie


👀 Klinik


Kleine Ergüsse oft asymptomatisch. Häufige Beschwerden bei größeren Ergüssen:


• Dyspnoe

• trockener Husten

• pleuritischer Thoraxschmerz

• Symptome der Grunderkrankung, z. B. Fieber, Ödeme, Aszites, B-Symptomatik


Untersuchungsbefunde:

• verminderter Stimmfremitus

• abgeschwächtes Atemgeräusch

• verminderte Bronchophonie

• basal gedämpfter Klopfschall


🩺 Diagnostik


Sonografie ist Methode der ersten Wahl:

• sensitiver als Röntgen

• bedside verfügbar

• ideal zur Punktionsplanung

• Septierungen/Fibrin sprechen für komplizierten Erguss oder Empyem


Weitere Bildgebung:

• Röntgen: Meniskuszeichen, basale Verschattung

• CT: bei Malignomverdacht, Pleuraauflagerungen, komplexen Befunden


💉 Wann punktieren?


Grundsatz: Jeder erste oder unklare Pleuraerguss sollte diagnostisch punktiert werden, wenn sicher durchführbar.


Wichtig:

• möglichst sonografisch gesteuert

• Punktionsort dorsal/dorsolateral am Oberrand der Rippe

• therapeutisch meist nicht mehr als ca. 1,5 Liter pro Sitzung wegen Reexpansionsödem


🔬 Punktatdiagnostik


Mindestens bestimmen:

• Eiweiß

• LDH

• Glukose

• pH

• Zellzahl und Zelldifferenzierung


Je nach Verdacht zusätzlich:

• Grampräparat/Kultur

• mykobakterielle Diagnostik

• Zytologie


Light-Kriterien für Exsudat:

• Pleuraeiweiß/Serumeiweiß > 0,5

• Pleura-LDH/Serum-LDH > 0,6

• Pleura-LDH > 2/3 des oberen Serum-Normwerts


⚠️ Wichtige Sonderformen


Parapneumonischer Erguss:

• unkompliziert: meist steril, pH > 7,3, Glukose > 60 mg/dl

• kompliziert: pH 7,1–7,2, LDH hoch, Glukose niedrig → meist Drainage nötig


Pleuraempyem:

• eitriges Punktat

• pH meist < 7,1

• immer: Antibiotika + Drainage


Maligner Erguss:

• meist Exsudat

• oft rezidivierend, teils blutig

• negative Zytologie schließt Malignität nicht aus


Hämatothorax:

• blutiger Erguss nach Trauma/Intervention

• Punktat-Hämatokrit > 50 % des peripheren Hämatokrits

• meist Drainage, ggf. operativ


Chylothorax:

• milchig-weißes Punktat

• erhöhte Triglyzeride

• Therapie: Drainage, Reduktion der Chylusproduktion, ggf. OP


💊 Therapieprinzipien


Immer Grunderkrankung behandeln:

• Herzinsuffizienz → Diurese, z. B. Furosemid

• parapneumonischer Erguss/Empyem → Antibiotika, ggf. Drainage

• maligner Erguss → Entlastung, Drainage, Pleurodese

• Chylothorax → Ernährungstherapie, ggf. Octreotid

• Pleuritis → Analgesie und Ursachenbehandlung


🚨 Wann wird es gefährlich?


Akut kritisch bei:

• respiratorischer Einschränkung

• Pleuraempyem

• Hämatothorax mit Blutverlust

• Spannungsgeschehen

• gefährlicher Grunderkrankung wie Lungenembolie oder kardialer Dekompensation


🧾 Merkschema für den Alltag


1. An Pleuraerguss denken bei Dyspnoe, basaler Dämpfung, abgeschwächtem Atemgeräusch

2. Mit Sonografie bestätigen

3. Ursache durch Anamnese, Klinik, Bildgebung und ggf. Punktion klären

4. Punktat systematisch auswerten

5. Grunderkrankung behandeln, bei Bedarf entlasten oder drainieren

Obstruktive Schlafapnoe (OSA) im Kindes- und Jugendalter29 Aug 202600:25:06

🫁 Thema der Folge


Obstruktive Schlafapnoe (OSA) bei Kindern wird oft übersehen – obwohl sie relevante neurokognitive, verhaltensbezogene und kardiovaskuläre Folgen haben kann.


🔍 Was ist OSA im Kindesalter?


OSA = wiederholte partielle oder komplette Verlegung der oberen Atemwege im Schlaf

• obstruktive Apnoe: kompletter Atemflussstopp

• obstruktive Hypopnoe: teilweise Atemflussreduktion


Wichtig: Kinder haben eine geringere funktionelle Residualkapazität – schon kurze Ereignisse können zu deutlichen Sauerstoffabfällen führen.


📈 Häufigkeit und Risikogruppen


Prävalenz: etwa 1–5 %

Häufigkeitsgipfel:

• 1.–8. Lebensjahr: oft adenotonsilläre Hyperplasie

• Jugendalter: häufiger mit Adipositas


Besondere Risikogruppen:

• Trisomie 21

• kraniofaziale Fehlbildungen

• neuromuskuläre Erkrankungen

• Adipositas

• Laryngo-/Tracheomalazie

• Allergien, Reflux, Nikotinexposition


🧠 Klinische Zeichen: oft anders als bei Erwachsenen


Nächtlich:

• Schnarchen

• angestrengte Atmung

• beobachtete Atempausen

• Schwitzen im Schlaf

• abnorme Schlafpositionen

• Mundatmung

• Enuresis nocturna


Tagsüber:

• Hyperaktivität

• Reizbarkeit

• Konzentrationsstörungen

• Lern- und Schulprobleme

• emotionale Auffälligkeiten

• morgendliche Kopfschmerzen

• Tagesschläfrigkeit

• Gedeih- oder Wachstumsstörung


Merke: Hyperaktivität schließt OSA nicht aus – sie kann Ausdruck gestörten Schlafs sein.


⚙️ Pathophysiologie und Folgen


Intermittierende Obstruktion führt zu:

• Hypoxämie und Hyperkapnie

• Arousals und Schlaffragmentierung

• Sympathikusaktivierung

• oxidativem Stress und Entzündung


Mögliche Folgen:

• Entwicklungs- und Verhaltensauffälligkeiten

• Lernstörungen

• arterielle Hypertonie

• ventrikuläre Hypertrophie

• in schweren Fällen Cor pulmonale


🧪 Diagnostik


Entscheidend sind gezielte Anamnese und klinische Untersuchung:

• Schnarcht das Kind regelmäßig?

• Gibt es Atempausen, Schwitzen, Mundatmung?

• Hyperaktivität, Enuresis, Kopfschmerzen, Schulprobleme?


Goldstandard: Polysomnografie (PSG)


Kernbotschaft:

Ein schnarchendes Kind mit mindestens einem zusätzlichen Symptom sollte eine PSG erhalten.


oAHI:

• 5–10/h = moderate OSA

• >10/h = schwere OSA

• schon ab 3/h erhöhtes Risiko für arterielle Hypertonie


💊 Therapie


Ursachenorientiert und stufenweise:


Konservativ bei leichter Symptomatik / habitualem Schnarchen:

• intranasale Steroide, z. B. Mometason

• ggf. Montelukast

• Therapiedauer meist 6–12 Wochen, dann Reevaluation


Wichtig bei Montelukast:

• mögliche neuropsychiatrische Nebenwirkungen

– Albträume

– Unruhe

– Reizbarkeit

– depressive Symptome


Operativ:

• Adenotomie

• Tonsillotomie oder Tonsillektomie

vor allem bei adenotonsillärer Hyperplasie und moderater bis schwerer OSA


Weitere Optionen:

• CPAP oder BiPAP

• Gewichtsreduktion bei Adipositas

• Behandlung von Rhinitis/Allergien

• kieferorthopädische, MKG-chirurgische, logopädische oder myofunktionelle Verfahren


🚨 Praxis-Takeaways


• Schnarchen bei Kindern ist ein Warnsignal.

• Nicht jedes schnarchende Kind hat OSA – aber OSA wird oft nicht mitgedacht.

• Verhaltensauffälligkeit kann schlafmedizinisch bedingt sein.

• Nach OP nicht automatisch von Heilung ausgehen – besonders bei Adipositas oder Syndromen.


✅ Merksatz der Folge


Schnarchen plus mindestens ein weiteres Symptom = Polysomnografie erwägen bzw. indiziert.

Fremdkörperaspiration27 Aug 202600:21:38

👶 Wer ist besonders betroffen?

Vor allem Kinder zwischen 6 Monaten und 5 Jahren, am häufigsten im 2.–3. Lebensjahr.


Risikogruppen bei Erwachsenen:

• höheres Alter

• Dysphagie

• neurologische Erkrankungen

• Sedierung, Alkohol- oder Drogenintoxikation

• Bewusstseinsstörungen

• iatrogene Ereignisse, z. B. zahnärztliche Eingriffe


🥜 Typische Fremdkörper


Bei Kindern:

• Nüsse, besonders Erdnüsse

• kleine Spielzeugteile


Bei Erwachsenen:

• Nahrungsbestandteile

• Zahnprothesen, Zähne

• Tabletten

• zahnärztliche Materialien


🫁 Pathophysiologie


Fremdkörper gelangen etwas häufiger in den rechten Hauptbronchus.


Wichtige Grundlogik:

• Teilverschluss → Ventilmechanismus mit Air Trapping und Überblähung

• Vollverschluss → Atelektase


⚠️ Klinik: woran denken?


Leitsymptom der akuten Aspiration:

• plötzlich einsetzender, anfallsartiger Reizhusten


Weitere Zeichen:

• Stridor

• Dyspnoe

• exspiratorisches Giemen

• seitendifferente Belüftung

• Zyanose bei schwerer Obstruktion


Wichtig: Nach initial heftigem Husten kann sich der Zustand scheinbar rasch bessern, obwohl der Fremdkörper noch intrabronchial liegt.


🕰️ Subakute und chronische Verläufe


Oft tückisch und leicht fehldiagnostiziert, z. B. als Asthma oder rezidivierende Infekte.


Hinweisend sind:

• chronischer Husten

• einseitiges Giemen

• wiederholte Pneumonien

• übelriechender Auswurf

• Fieber

• Hämoptysen


Merke: Immer an Fremdkörper denken, wenn Beschwerden einseitig oder wiederholt gleich lokalisiert sind.


🩺 Diagnostik


Entscheidend sind:

• gezielte Anamnese nach plötzlichem Husten-, Würge- oder Erstickungsereignis

• Fremdanamnese bei Kindern und geriatrischen Patient:innen

• Auskultation mit Blick auf Seitendifferenz


Röntgen:

• oft hilfreich, aber nicht beweisend

• unauffälliges Thoraxröntgen schließt Aspiration nicht aus

• etwa jeder 5. Fall kann radiologisch unauffällig sein


Indirekte Röntgenzeichen:

• Überblähung bei Ventilmechanismus

• Atelektase bei kompletter Obstruktion


🆘 Notfallmanagement


Bei effektivem Husten:

• zum Husten ermutigen


Bei ineffektivem Husten oder schwerer Obstruktion:

• Säuglinge: Rückenschläge + Thoraxkompressionen

• Kinder/Erwachsene: Rückenschläge + Bauchkompressionen

• keine blinde Fingerexploration


Bei Bewusstlosigkeit:

• sofort CPR nach Altersstandard


🔎 Definitive Therapie


Bronchoskopie ist die entscheidende Maßnahme.


Wichtig:

• hoher klinischer Verdacht = Bronchoskopie nicht durch Bildgebung verzögern

• bei Kindern ist die starre Bronchoskopie Standard

• flexible Bronchoskopie v. a. diagnostisch oder bei Erwachsenen in geeigneten Situationen


💊 Periinterventionell


Praktisch relevant:

• Bronchodilatatoren, z. B. Salbutamol, bei bronchialer Reizlage

• Dexamethason bei relevantem Atemwegsödem oder Spasmusrisiko

• Antibiotika nicht routinemäßig prophylaktisch, nur bei Infekt/poststenotischer Pneumonie


⚠️ Komplikationen


• komplette Atemwegsverlegung

• schwere Hypoxie bis Kreislaufstillstand

• Aspirationspneumonie

• Laryngo- oder Bronchospasmus

• Blutung

• Pneumothorax/Pneumomediastinum

• postinterventionelles Larynxödem


📌 Merksätze


• Plötzlicher Hustenanfall nach Essen oder Spielen ist Fremdkörperaspiration, bis das Gegenteil bewiesen ist.

• Ein unauffälliges Röntgenbild schließt die Diagnose nicht aus.

• Einseitiges Giemen oder einseitig abgeschwächtes Atemgeräusch ist verdächtig.

• Chronischer Husten oder rezidivierende einseitige Pneumonien können Ausdruck einer übersehenen Aspiration sein.

• Bei hohem klinischem Verdacht zählt die Bronchoskopie mehr als das perfekte Bild.


🛡️ Prävention


• Nüsse und kleine harte Nahrungsmittel gehören nicht in die Reichweite von Säuglingen und Kleinkindern.

• Herausnehmbaren Zahnersatz vor Narkoseeinleitung konsequent entfernen.


🎯 Take-home-Message


• Akute Fremdkörperaspiration kann innerhalb von Sekunden tödlich sein.

• Chronische Aspiration tarnt sich oft als Asthma oder Infekt.

• Klinischer Verdacht schlägt unauffälliges Röntgen – entscheidend ist die Bronchoskopie.

Pseudokrupp26 Aug 202600:30:24

🔎 Thema der Folge

Pseudokrupp sicher erkennen, Schweregrad einschätzen, gefährliche Differenzialdiagnosen abgrenzen und akut richtig behandeln. Außerdem: angeborene Ursachen von Stridor mit Fokus auf Laryngomalazie und Tracheomalazie.


👶 Was ist Pseudokrupp?

Virale subglottische Entzündung der oberen Atemwege mit Schleimhautödem und Atemwegsenge.


Typisch:

• Alter meist 6 Monate bis 6 Jahre

• Häufig in Herbst und Winter

• Häufige Erreger: v. a. Parainfluenzaviren, auch RSV, Influenza, Adeno-, Entero-, Meta- und Coronaviren


Leitsymptome:

• bellender Husten

• Heiserkeit

• inspiratorischer Stridor

• oft nächtlicher Beginn

• Allgemeinzustand anfangs häufig noch relativ gut


⚠️ Klinische Merkpunkte

• Kinder klingen oft dramatischer, als sie initial gefährdet sind

• Trotzdem kann Pseudokrupp akut bedrohlich werden

• Leiser werdender Stridor bei erschöpftem Kind ist ein Alarmzeichen

• Typisch sind nächtliche Rezidive, oft in der Folgenacht


📊 Schweregrade

Mild:

• Stridor nur bei Belastung oder leise in Ruhe

• kaum Dyspnoe


Moderat:

• deutlicher inspiratorischer Stridor in Ruhe

• Einziehungen, leichte Dyspnoe


Schwer:

• in- und exspiratorischer Stridor

• ausgeprägte Atemarbeit, Tachypnoe

• Erschöpfung, Vigilanzminderung, Zyanose möglich


🩺 Diagnostik


Die Diagnose ist primär klinisch.


Wichtig in der Untersuchung:

• Kind ruhig halten, bei den Eltern lassen

• so viel wie nötig, so wenig wie möglich

• Inspektion, Atemarbeit, Hautfarbe, Vigilanz

• Pulsoxymetrie bei deutlicher Symptomatik


Vermeiden:

• unnötige Racheninspektion

• bei Verdacht auf Epiglottitis keine Manipulation im Rachen


🚨 Wichtige Differenzialdiagnosen


Epiglottitis:

• hohes Fieber

• reduzierter Allgemeinzustand

• Speichelfluss

• Schluckschmerz

• kloßige Sprache

• kein bellender Husten


Weitere DD:

• bakterielle Tracheitis

• Fremdkörperaspiration

• Anaphylaxie

• Verätzung/thermische Schädigung

• Retropharyngeal- oder Peritonsillarabszess

• Asthma/obstruktive Bronchitis

• Pneumonie

• subglottische Stenose


Merksatz:

Bellhusten + Heiserkeit + nächtlicher Beginn + eher gutes Befinden sprechen für Pseudokrupp.

Hohes Fieber + Speichelfluss + fehlender Husten + krankes Kind sprechen dagegen.


💊 Therapie

Basis:

• Ruhe, Reizreduktion

• Kind aufrecht, bei den Eltern

• kühle Luft als unterstützende Maßnahme

• Sauerstoff bei Hypoxämie


Glukokortikoide für alle Schweregrade:

• Dexamethason oral 0,15–0,6 mg/kg einmalig

• alternativ Prednisolon oral oder rektal 1–2 mg/kg einmalig

• Budesonid inhalativ, typischerweise 2 mg, als Option


Bei moderatem bis schwerem Verlauf:

• inhalatives Adrenalin zusätzlich

• schneller Effekt, aber nur 1–2 Stunden Wirkdauer

• immer mit Steroid kombinieren

• Überwachung wegen Rebound, mindestens 2–3 Stunden nach Gabe


🏥 Wann stationär?

• schwerer Verlauf

• moderater Verlauf nach Adrenalin oder Überwachungsbedarf

• Alter unter 6 Monaten

• fehlendes Therapieansprechen

• unsichere Diagnose

• soziale Unsicherheiten


👪 Elternaufklärung

Zentraler Punkt der Folge:

• Folgenacht ist kritisch

• Rezidive sind häufig

• Kind beruhigen, aufrecht halten, kalte Luft zuführen

• Warnzeichen klar benennen: zunehmende Einziehungen, Stridor in Ruhe trotz Therapie, Blässe/Zyanose, Trinkunfähigkeit, Erschöpfung, Schläfrigkeit


🫁 Angeborene Ursachen von Stridor

Laryngomalazie:

• häufigste angeborene Larynxanomalie

• inspiratorischer Stridor seit Wochen/Monaten

• Verstärkung bei Trinken, Schreien, Belastung

• meist spontane Besserung bis ca. 18 Monate


Tracheomalazie:

• dynamischer Kollaps der Trachea

• je nach Lokalisation inspiratorischer oder exspiratorischer Stridor

• oft Besserung in den ersten Lebensjahren


✅ Take-home

Pseudokrupp ist meist mild, aber potenziell gefährlich. Entscheidend sind ruhiges Vorgehen, klinische Einschätzung, Steroide für alle, Adrenalin bei moderat bis schwer und ein wacher Blick für Epiglottitis sowie strukturelle Ursachen von Stridor.

Zystische Fibrose / Mukoviszidose25 Aug 202600:35:40

🧬 Überblick

Mukoviszidose bzw. zystische Fibrose ist eine autosomal-rezessive Multisystemerkrankung durch Defekte im CFTR-Gen.

Kernmechanismus:

Defekter Chloridkanal → zähes Sekret → Obstruktion → Infektion → Entzündung → fortschreitende Organschädigung

Betroffen sind v. a.:

• Lunge

• Pankreas

• Darm

• Leber/Gallenwege

• Schweißdrüsen

• Genitaltrakt


👶 Epidemiologie

Mukoviszidose ist keine reine Kinderkrankheit mehr.

• Zunehmend erwachsene Betroffene

• Mildere Verläufe teils erst im Erwachsenenalter diagnostiziert

• Mediane Lebenserwartung heute etwa 60 Jahre


Je mehr Restfunktion verbleibt, desto milder oft der Verlauf.


🫁 Pathophysiologie & Organbeteiligung

Lunge:

• gestörte mukoziliäre Clearance

• chronische Infektionen und Entzündung

• Bronchiektasen, Emphysem, respiratorische Insuffizienz


Pankreas:

• exokrine Pankreasinsuffizienz

• Maldigestion, Steatorrhö, Gedeihstörung

• später CF-assoziierter Diabetes


Leber/Darm:

• Cholestase, biliäre Fibrose, Zirrhose

• Mekoniumileus beim Neugeborenen

• distales intestinales Obstruktionssyndrom (DIOS)


Genitaltrakt:

• Männer: häufig obstruktive Azoospermie

• Frauen: verminderte Fertilität


Schweiß:

• erhöhter NaCl-Gehalt

• „salzig schmeckendes“ Kind als klassischer Hinweis


🩺 Klinik

Je nach Alter unterschiedlich:

• Neugeborene: Mekoniumileus

• Säuglinge/Kleinkinder: chronischer Husten, obstruktive Bronchitiden, Gedeihstörung, Fettstühle

• Kinder/Jugendliche: Bronchiektasen, Sinusitis, Nasenpolypen, Malnutrition, verzögerte Pubertät

• Erwachsene: produktiver Husten, rezidivierende Infekte, Infertilität, Pankreatitis, CFRD


Typische Erreger:

• früh: Staphylococcus aureus, Haemophilus influenzae

• später: Pseudomonas aeruginosa, Burkholderia cepacia

• mitdenken: ABPA bei Husten, Giemen, Infiltraten, ↑IgE, Eosinophilie


🔍 Diagnostik

Wichtige Praxisregel:

Typische Klinik schlägt negatives Neugeborenenscreening.


Bestätigung:

• Schweißtest mittels Pilocarpin-Iontophorese

• entscheidend ist die Chloridkonzentration

• ≥ 60 mmol/l in 2 unabhängigen Messungen spricht stark für CF

• < 30 mmol/l macht klassische CF eher unwahrscheinlich


Zusätzlich bei unklaren Fällen:

• molekulargenetische Diagnostik

• ggf. nasale Potenzialdifferenz

• intestinale Kurzschlussstrommessung


📋 Basisdiagnostik nach Diagnosestellung

• Wachstum, Gewicht, klinischer Status

• Lungenfunktion

• Sputum/Rachenabstrich

• Entzündungsparameter, Leberwerte

• fettlösliche Vitamine, Eisen, Zink, Selen

• Stuhl-Elastase

• Abdomen-Sonografie

• Thorax-Bildgebung nach Bedarf

• ab 10 Jahren jährlich oraler Glukosetoleranztest


Wichtig:

CFRD-Screening mit oGTT, nicht nur HbA1c.


💊 Therapie

Supportive Basistherapie:

• Inhalation

• Atemphysiotherapie

• Bewegung


Pulmonal:

• hypertonische Kochsalzlösung

• Dornase alfa

• ggf. Bronchodilatator vor Inhalation

• inhalative Antibiotika nach Sekretmobilisation


Antiinfektiv:

• Pseudomonas-Eradikation bei Erstnachweis

• chronische inhalative Suppression bei Kolonisation

• Exazerbationen je nach Erreger, Resistenzlage und Schweregrad oral oder i.v.


Pankreasinsuffizienz:

• Pankreasenzyme zu jeder Mahlzeit und fetthaltigen Snacks

• hochkalorische, eiweißreiche, nicht fettarme Ernährung

• Obergrenze: dauerhaft nicht > 10.000 Lipase-Einheiten/kg/Tag


Zusätzlich:

• Substitution von Vitamin A, D, E, K

• Salzsubstitution bei Bedarf

• Ursodeoxycholsäure bei cholestatischer Leberbeteiligung

• CFRD: Insulintherapie


🧠 Merksätze für den Alltag

• Wiederholte obstruktive Bronchitiden + Gedeihstörung/Fettstühle: an Mukoviszidose denken

• Negatives Screening schließt CF nicht sicher aus

• Zentraler Bestätigungstest: Schweißchlorid

• Pulmonale Beteiligung bestimmt meist die Prognose

• Enzyme zu jeder Mahlzeit, aber Lipase-Obergrenze beachten

• Fettlösliche Vitamine, Salzverluste und CFRD nicht vergessen

• Modulatoren verbessern viel, ersetzen aber nicht automatisch die gesamte Basistherapie

Bronchiektasen24 Aug 202600:24:45

🫁 Krankheitsbild


Bronchiektasen sind irreversible Erweiterungen der großen Bronchien mit struktureller Zerstörung der Bronchialwand. Ursache ist meist ein Teufelskreis aus:

- gestörter mukoziliärer Clearance

- Sekretstau

- wiederkehrenden Infektionen

- chronischer Entzündung

- weiterer Wandzerstörung


Merksatz: Sekretstau → Infektion → Wandzerstörung → noch mehr Sekretretention.


🔎 Ursachen


Angeboren/früh manifest:

- Mukoviszidose

- primäre ziliäre Dyskinesie/Kartagener-Syndrom

- selten Störungen der Alveolardifferenzierung


Erworben/später manifest:

- chronische Infektionen

- COPD

- Tuberkulose

- lokale Abflussbehinderung durch

- Bronchusstenose

- Fremdkörper

- Tumor


Wichtig: Einseitige oder segmentale Bronchiektasen sprechen eher für eine lokale Ursache.


🚨 Klinik


Leitsymptom:

- chronisch produktiver Husten mit viel Auswurf


Typisch:

- morgens „maulvoll“ abhusten

- Verschlechterung nach Lagewechsel

- zähes, gelb-grünliches, purulentes Sputum

- rezidivierende Infektexazerbationen

- subfebrile Temperaturen oder Fieberschübe

- Hämoptysen/Hämoptoe


Auskultation:

- feuchte grobblasige Rasselgeräusche

- bei Obstruktion zusätzlich Giemen und Brummen


🧪 Diagnostik


Wichtige Bausteine:

- Sputummikrobiologie, v. a. bei Exazerbation

- wiederholte Erregerdiagnostik bei chronischer Kolonisation

- besonderes Augenmerk auf Pseudomonas aeruginosa

- Bronchoskopie bei Verdacht auf lokale Ursache, unklarer Hämoptyse oder gezielter Probenentnahme


Merke:

- generalisiert = eher systemische/diffuse Ursache

- einseitig/segmental = eher lokale Ursache


🖥️ Bildgebung


Thoraxröntgen:

- kann Hinweise liefern

- schließt Bronchiektasen nicht aus


Mögliche Zeichen:

- Schienenzeichen/Tram-Linien

- Ringschatten

- zystische Veränderungen

- im Spätstadium Wabenlunge


Goldstandard:

- HR-CT


Typische HR-CT-Befunde:

- Siegelringzeichen

- Bronchialwandverdickung

- zylindrische oder sackförmige Bronchiektasen

- Tram-Linien


💊 Therapie


Grundprinzipien:

- Sekretmobilisation

- Infektkontrolle

- Exazerbationsprophylaxe

- Ursachenbehandlung


Konservative Maßnahmen:

- Bronchialtoilette

- Atemphysiotherapie

- Drainagelagerung, z. B. morgens

- autogene Drainage, PEP-Systeme

- Rauchstopp

- Influenza- und Pneumokokken-Impfung


Antibiotika:

- möglichst gezielt nach Sputum und Resistenzprofil

- häufige Erreger:

- Haemophilus influenzae

- Pseudomonas aeruginosa

- Moraxella catarrhalis

- Streptococcus pneumoniae

- Exazerbationen oft 10–14 Tage behandeln

- bei schwerem Verlauf: stationär, ggf. i.v.-Therapie


Weitere Optionen:

- Makrolid-Langzeittherapie in ausgewählten Fällen

- Bronchodilatatoren bei obstruktiver Komponente

- inhalative Steroide nicht routinemäßig, nur bei Zusatzindikation

- Mukolytika/hypertones NaCl inhalativ im Einzelfall


🩺 Operation


Bei lokalisiertem, einseitigem Befall kann eine Resektion sinnvoll sein, v. a. bei:

- persistierenden Symptomen trotz optimaler Therapie

- wiederholten schweren Infekten

- relevanten Hämoptysen


⚠️ Komplikationen


- rezidivierende bronchopulmonale Infektionen

- obstruktive Ventilationsstörung

- respiratorische Insuffizienz

- Cor pulmonale

- Lungenblutung

- Pleuraempyem

- Lungenabszess


📌 Praxis-Merksätze


- Bronchiektasen nicht als „immer wieder Bronchitis“ abtun.

- Normales Thoraxröntgen schließt Bronchiektasen nicht aus.

- HR-CT ist die entscheidende Bildgebung.

- Bei Hämoptysen nie bagatellisieren.

- Bei lokal begrenztem Befund immer an Obstruktion durch Tumor, Fremdkörper oder Stenose denken.

COPD im klinischen Alltag23 Aug 202600:34:59

📌 Überblick

Chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) = chronische, meist progrediente Atemwegserkrankung mit persistierender, nicht vollständig reversibler Obstruktion.

Leitsymptome:

• Atemnot

• Husten

• Auswurf


Häufige Ursache: inhalative Noxen, v. a. Rauchen. Oft zusätzlich Emphysem und chronische Bronchitis.


🔍 Wann an COPD denken?

Besonders bei:

• älteren Patient:innen

• Raucheranamnese

• chronischem Husten, Auswurf oder Belastungsdyspnoe


Wichtige Risikofaktoren:

• aktives/passives Rauchen

• Feinstaub, Luftverschmutzung

• berufliche Expositionen

• gestörte Lungenentwicklung

• Alpha-1-Antitrypsin-Mangel bei jungen oder atypischen Fällen


🧪 Diagnostik

Entscheidend ist die Spirometrie:

• Nachweis einer persistierenden Obstruktion

• FEV1/FVC nach Bronchodilatation < 0,7 spricht für COPD


Zusätzlich wichtig:

• gezielte Anamnese zu Symptomen, Exazerbationen, Rauchverhalten, Expositionen

• Pulsoxymetrie

• Blutgasanalyse bei Hypoxämie, schwerer Symptomatik oder Verdacht auf Hyperkapnie

• Röntgen-Thorax zum Ausschluss/Darstellen von Begleitbefunden


Differenzialdiagnosen:

• Asthma / Asthma-COPD-Overlap

• Herzinsuffizienz

• Bronchiektasen

• ILD

• Bronchialkarzinom


💨 Dauertherapie

Wichtigste krankheitsmodifizierende Maßnahme:

• konsequente Rauchentwöhnung


Inhalative Therapie:

• Bedarf: SABA oder SAMA

• Dauertherapie: LABA und/oder LAMA

• bei unzureichender Kontrolle oft LABA + LAMA

• ICS selektiv, v. a. bei häufigen Exazerbationen, Eosinophilie oder Asthmaanteil


Merke:

ICS sind nicht Standard für alle COPD-Patient:innen und erhöhen das Pneumonierisiko.


🫁 Nicht medikamentöse Maßnahmen

• Rauchstopp

• Bewegung / körperliches Training

• Atemphysiotherapie

• Patientenschulung

• Ernährungsberatung

• pneumologische Rehabilitation

• Impfungen: Influenza, Pneumokokken, COVID-19


Bei ausgewählten Fällen:

• Roflumilast

• Makrolid-Langzeittherapie

• Lungenvolumenreduktion / Transplantationsabklärung


⚠️ Exazerbation

Definition: akute Verschlechterung der respiratorischen Symptome mit Therapiebedarf.


Typische Zeichen:

• mehr Dyspnoe

• mehr Husten

• mehr oder purulenter Auswurf


Akutdiagnostik:

• Allgemeinzustand, Atemfrequenz, Sättigung, Vigilanz

• Blutgasanalyse bei schwerer Exazerbation

• EKG, Röntgen-Thorax

• differenzialdiagnostisch an Pneumonie, Lungenembolie, Pneumothorax, kardiale Dekompensation denken


🚑 Therapie der Exazerbation

• atemerleichternde Position

• kontrollierte O2-Gabe, Ziel-Sättigung meist 88–92 %

• kurzwirksame Bronchodilatatoren: SABA + SAMA

• systemische Glukokortikoide, z. B. Prednisolon 40 mg für 5 Tage

• Antibiotika bei purulentem Sputum, Infektzeichen oder Beatmungspflicht

• bei schwerer Dyspnoe in Einzelfällen niedrig dosiertes Morphin


🖥️ Beatmung

NIV früh erwägen bei:

• hyperkapnischer respiratorischer Insuffizienz

• Azidose

• Erschöpfung trotz Therapie


NIV reduziert Intubationsrate und verbessert Prognose.

Invasive Beatmung nur bei Versagen oder Unmöglichkeit der NIV – frühzeitig Therapieziel klären.


🧴 Langzeitsauerstofftherapie

Indikation:

• chronische Hypoxämie in stabiler Krankheitsphase


Wichtig:

• Anwendung idealerweise ≥ 16 h/Tag

• nur bei korrekter Indikation prognostisch wirksam


🫶 Langzeitbetreuung & Palliation

Regelmäßig prüfen:

• Inhalationstechnik

• Exazerbationshäufigkeit

• Ernährungsstatus

• Komorbiditäten

• Impfstatus


Palliative Aspekte früh ansprechen bei fortgeschrittener COPD:

• Dyspnoelinderung, auch mit Opioiden

• Angstreduktion

• Patientenverfügung / Therapieziel

• psychosoziale Unterstützung


✅ Kernbotschaften

• COPD denken bei Husten, Auswurf, Dyspnoe

• Diagnose mit Spirometrie sichern

• Rauchstopp ist die wichtigste Therapie

• LABA/LAMA sind Basis der Dauertherapie

• Inhalationstechnik regelmäßig kontrollieren

• Exazerbationen strukturiert und früh behandeln

• bei hyperkapnischer Azidose an NIV denken

Asthma bronchiale bei Kindern und Jugendlichen22 Aug 202600:30:23

🧠 Kernaussage

Asthma im Kindesalter ist häufig, aber klinisch sehr variabel. Nicht jedes pfeifende Kind hat Asthma – und nicht jedes Asthmakind pfeift. Entscheidend im Alltag:

• bronchiale Obstruktion erkennen

• Schwere einschätzen

• früh behandeln

• Kontrolle im Verlauf beurteilen


📌 Definition & Klinik

Asthma = chronisch-entzündliche Atemwegserkrankung mit variabler, meist reversibler Bronchialobstruktion und Hyperreagibilität.


Typische Symptome:

• exspiratorisches Giemen

• Luftnot, Kurzatmigkeit

• verlängertes Exspirium

• trockener Reizhusten, oft nachts/frühmorgens

• thorakale Einziehungen

• infektassoziierte Hustenanfälle, teils bis zum Erbrechen


Wichtig:

• Husten kann Leitsymptom sein

• episodische Verläufe sprechen für Asthma

• Atopie (Ekzem, allergische Rhinitis) stützt die Diagnose


🚬 Risikofaktoren & Trigger

• familiäre Prädisposition

• Tabakrauchexposition

• Allergene

• Infekte

• kalte/trockene Luft

• körperliche Belastung

• Übergewicht

• psychosoziale Belastung

• Medikamente


Praxispunkt: Passivrauchen immer konkret erfragen.


🔍 Diagnostik

Zentral ist die Anamnese:

• nächtlicher Husten?

• Belastungsbeschwerden?

• saisonale Muster?

• Beschwerden auch ohne Infekt?

• wiederholte Episoden?

• Atopie/Familienanamnese?


Lungenfunktion:

• normale Spirometrie in Ruhe schließt Asthma nicht aus

• Reversibilitätstest positiv bei FEV1-Anstieg ≥ 12 % nach Bronchodilatator

• bei Bedarf Provokationstest (Belastung, Methacholin)


Bei kleinen Kindern:

• Diagnose oft klinisch und im Verlauf

• Besserung nach Bronchodilatator spricht dafür

• ggf. ICS-Therapieversuch über 6–8 Wochen


Weitere Bausteine:

• Peak-Flow eher zur Verlaufskontrolle

• Allergiediagnostik

• Eosinophile

• FeNO als Marker für eosinophile Entzündung und Steroidansprechen


⚠️ Warnzeichen im Akutfall

• silent chest

• reduzierte Sauerstoffsättigung

• Tachypnoe, Tachykardie

• zentrale Zyanose

• Unruhe, Schläfrigkeit, Desorientierung

• kann nicht in ganzen Sätzen sprechen


Merke: Wenig Atemgeräusch kann bedrohlicher sein als lautes Giemen.


🩺 Differenzialdiagnosen

• obstruktive Bronchitis

• Fremdkörperaspiration

• Vocal-Cord-Dysfunction

• gastroösophagealer Reflux

• zystische Fibrose

• Atemwegsanomalien

• primäre Ziliendyskinesie

• Immundefekte

• Herzfehler


📊 Asthmakontrolle

Beurteilung der letzten 4 Wochen:

• Tagsymptome?

• Aktivität eingeschränkt?

• nächtliche Beschwerden?

• Bedarfsmedikation/Notfallbehandlung?


Einteilung:

• kontrolliert: kein Kriterium

• teilweise kontrolliert: 1–2 Kriterien

• unkontrolliert: ≥ 3 Kriterien


🚑 Akuttherapie

1. Wahl: inhalatives Salbutamol

• bevorzugt per Dosieraerosol + Spacer oder Vernebler

• Initialphase: wiederholte Gabe alle 20 Minuten in der ersten Stunde


Bei moderat/schwer:

• zusätzlich Ipratropiumbromid

• systemische Glukokortikoide frühzeitig, z. B. Prednisolon 1–2 mg/kg/Tag für 3–5 Tage


Bei schwerer Exazerbation:

• intravenöses Magnesiumsulfat

• ggf. systemische Beta-2-Sympathomimetika

• Überwachung, Sauerstoff, ggf. Atemunterstützung


🏠 Langzeittherapie

Basis: inhalative Glukokortikoide (ICS)


Wichtige Prinzipien:

• richtige Substanz und Dosis

• korrekte Inhalationstechnik

• Mund nach Inhalation spülen

• Wachstum und Verlauf kontrollieren


Bei unzureichender Kontrolle:

• ICS + LABA

• ggf. Montelukast

• ggf. Tiotropium

• bei schwerem Asthma: Biologicals wie Omalizumab, Dupilumab, Mepolizumab, Tezepelumab


Wichtig vor jeder Eskalation:

• Diagnose korrekt?

• Adhärenz ausreichend?

• Inhalationstechnik richtig?

• Trigger weiter aktiv?


💬 Praxistipps

• Spacer aktiv nutzen

• Anwendung immer demonstrieren lassen

• Technikfehler sind häufig

• Sport fördern, nicht verbieten

• Belastungsbeschwerden können auf unzureichende Basistherapie hinweisen


🧷 Besonders relevant

Montelukast:

• mögliche neuropsychiatrische Nebenwirkungen beachten

• Eltern aktiv aufklären

• bei Auffälligkeiten niedrigschwellig absetzen

Asthma bronchiale21 Aug 202600:34:05

🧠 Definition

Asthma bronchiale ist eine chronisch entzündliche Erkrankung der Atemwege mit:

- reversibler bronchialer Obstruktion

- bronchialer Hyperreagibilität


Wichtig: Asthma ist nicht nur Bronchokonstriktion, sondern vor allem Entzündung.


⚠️ Klinik

Typische Symptome:

- Luftnot

- exspiratorisches Giemen, Brummen, pfeifende Atmung

- Brustenge

- trockener Husten


Besonders relevant:

- nächtliche oder frühmorgendliche Beschwerden

- Belastungsdyspnoe

- rezidivierender Reizhusten oder Cough Variant Asthma


Merke: Nächtliche Symptome sprechen fast immer für unzureichende Asthmakontrolle.


🚑 Begriffe für den Alltag

- Exazerbation: akute Verschlechterung über das gewohnte Maß hinaus

- Asthmaanfall: akut einsetzende schwere Exazerbation

- Status asthmaticus: vital bedrohlicher Anfall ohne ausreichendes Ansprechen auf Initialtherapie


Jeder Asthmaanfall ist potenziell lebensbedrohlich.


🔎 Risikofaktoren und Trigger

Endogen:

- genetische Prädisposition

- Übergewicht

- psychosoziale Belastung


Exogen:

- Allergene

- Infektionen

- Tabakrauch, auch Passivrauch

- kalte/trockene Luft

- körperliche Belastung

- berufliche Noxen

- Medikamente, z. B. ASS, Betablocker


🧩 Wichtige Phänotypen

- allergisches Asthma: oft Beginn im Kindesalter, spezifisches IgE nachweisbar

- nicht allergisches Asthma: häufiger im Erwachsenenalter

- eosinophiles Asthma: relevant für ICS-Ansprechen und Biologika

- anstrengungsinduzierte Bronchokonstriktion

- Analgetika-Asthma / AERD: Samter-Trias

- refluxassoziiertes Asthma

- berufsbedingtes Asthma


🩺 Diagnostik

Zentral sind:

- gute Anamnese

- Spirometrie

- Bronchospasmolysetest

- Allergiediagnostik


Reversibilität spricht für Asthma:

- FEV1-Anstieg um mindestens 12 Prozent und mindestens 200 ml nach Bronchodilatation


Ergänzend je nach Fall:

- Methacholin-Provokation

- Peak-Flow-Verlauf

- Differenzialblutbild mit Eosinophilen

- FeNO


Wichtig bei vermeintlicher Therapieresistenz:

- Inhalationstechnik prüfen

- Adhärenz prüfen

- Trigger und Komorbiditäten prüfen

- Diagnose hinterfragen


📊 Asthmakontrolle

Beurteilt werden:

- Tagessymptome

- nächtliches Erwachen

- Aktivitätseinschränkung

- Bedarf an Reliever-Medikation


Ziel: gute Kontrolle mit der niedrigsten wirksamen Therapiedosis.


💊 Therapie

Grundprinzip:

- Bedarfsmedikation

- antientzündliche Dauertherapie


Basis:

- inhalative Glukokortikoide (ICS)


Häufige Konzepte:

- ICS plus LABA

- bevorzugt ICS plus Formoterol als Bedarfs- und Erhaltungstherapie

- SMART: Single Maintenance And Reliever Therapy


Wichtige Punkte:

- LABA nie als Monotherapie bei Asthma

- nach ICS Mund ausspülen

- Montelukast nur gezielt, neuropsychiatrische UAW beachten

- Biologika bei schwerem allergischem oder eosinophilem Asthma früh mitdenken


🚨 Akuttherapie bei Exazerbation

Erstmaßnahmen:

- aufrechte Position

- Sauerstoff bei Hypoxämie

- rasche inhalative Bronchodilatation, v. a. Salbutamol

- früh systemische Glukokortikoide

- bei schwerem Verlauf zusätzlich Ipratropium, ggf. Magnesium i. v.


Alarmzeichen:

- nur einzelne Worte möglich

- Erschöpfung

- Silent Chest

- Verwirrtheit

- Hyperkapnie

- Bewusstseinsstörung


Dann: notfallmäßige Klinikeinweisung.


👥 Langfristig wichtig

- Triggerreduktion

- Komorbiditäten mitbehandeln

- Patientenschulung

- schriftlicher Notfallplan

- Peak-Flow-Selbstkontrolle

- regelmäßige Bewegung bei kontrolliertem Asthma


🧷 Die 3 Kernbotschaften

- Asthma ist eine chronisch entzündliche Atemwegserkrankung.

- ICS sind die Basis der Langzeittherapie.

- Ein schwerer Asthmaanfall ist ein Notfall.

Nosokomiale Pneumonie (HAP/VAP)20 Aug 202600:33:07

🦠 Häufige Erreger

Typisch sind meist bakterielle, oft monomikrobielle Infektionen:

• gramnegative Stäbchen: E. coli, Klebsiellen, Enterobacter spp., Pseudomonas aeruginosa

• Staphylococcus aureus


Bei Risikofaktoren für multiresistente Erreger:

• MRSA

• multiresistente Enterobacterales

• Pseudomonas

• seltener Acinetobacter baumannii, Stenotrophomonas maltophilia


⚠️ Wichtige Risikofaktoren

Allgemein:

• hohes Alter, Multimorbidität

• chronische Lungenerkrankungen, neurologische Erkrankungen

• langer Klinikaufenthalt

• invasive Beatmung, Reintubation

• vorausgegangene Antibiotikatherapie

• Dysphagie, Bewusstseinsstörung, schwacher Hustenreflex

• Rückenlage/Flachlagerung

• thorakoabdominelle Operationen


Für MRE/Pseudomonas besonders wichtig:

• Antibiotika >24 h in den letzten 30 Tagen

• Erkrankungsbeginn ab Tag 5 nach Aufnahme

• septischer Schock, ARDS, Hämodialyse

• bekannte Kolonisation mit MRE/MRSA/Pseudomonas

• Behandlung in Hochprävalenzländern

• strukturelle Lungenerkrankung, z. B. schwere COPD, Bronchiektasen


Merke:

• vorausgegangene Antibiotikatherapie

• invasive Beatmung


🩺 Klinik und Diagnose


Typische Hinweise:

• Fieber

• Leukozytose oder Leukopenie

• purulentes Sekret

• Dyspnoe, Husten

• Hypoxämie, steigender O2-Bedarf

• Delir, Kreislaufinstabilität, septisches Bild


Arbeitsdiagnose HAP:

• neues, persistierendes oder progredientes Infiltrat im Röntgen-Thorax

plus

• mindestens 2 klinische Kriterien, z. B. Fieber, pathologische Leukozytenzahl, purulentes Sekret


🚨 Sofortmaßnahmen im Alltag

Immer zuerst:

• Vitalparameter

• Oxygenierung/Blutgasanalyse

• Sepsis-Screening

• Organfunktion mitdenken


Bei Sepsisverdacht:

• Blutkulturen

• Laktat

• rascher Antibiotikabeginn

• Volumentherapie je nach Situation

• engmaschiges Monitoring


🧪 Diagnostik


Bildgebung:

• Röntgen-Thorax primär

• CT-Thorax bei unklarem Befund oder therapierefraktärem Verlauf

• Sonografie auf Intensivstation hilfreich


Labor:

• Blutbild

• CRP, Prokalzitonin

• Kreatinin, Bilirubin, Thrombozyten

• Blutgasanalyse, Laktat


Mikrobiologie möglichst vor Antibiotika:

• Blutkulturen

• Sputum bzw. tracheobronchiales Aspirat

• BAL in speziellen Situationen


Gezielte Zusatzdiagnostik:

• PCR auf SARS-CoV-2, Influenza, RSV bei Verdacht

• Legionellen-Antigen im Urin

• Galactomannan aus BAL bei Aspergillose-Risiko


💊 Therapieprinzipien

• kalkulierte antiinfektive Therapie so früh wie möglich

• bei septischem Schock: erste Gabe innerhalb von 1 Stunde

• initial meist intravenös

• Beta-Laktame bei Schwerkranken oft als verlängerte Infusion sinnvoll

• erste Dosis bei Niereninsuffizienz nicht zu niedrig wählen


Initiale Therapie richtet sich nach 2 Fragen:

• Liegt ein septischer Schock vor?

• Gibt es Risikofaktoren für MRE oder Pseudomonas?


Ohne Risikofaktoren oft Monotherapie möglich.

Mit Risikofaktoren antipseudomonale Therapie.

Bei MRSA-Verdacht zusätzlich Vancomycin oder Linezolid.


⏱️ Dauer und Reevaluation

Regeldauer:

• meist 7–8 Tage bei gutem Ansprechen


Nach 48–72 Stunden zwingend reevaluieren:

• klinischer Verlauf

• Oxygenierung/Beatmung

• Entzündungswerte

• Organfunktion

• mikrobiologische Befunde


Dann:

• deeskalieren, wenn Erreger bekannt

• stoppen oder verkürzen, wenn HAP unwahrscheinlich


Antibiotic Stewardship ist zentral.


🛡️ Prävention

Basismaßnahmen:

• Händedesinfektion

• sauberes Gerätehandling

• Schulung und Surveillance


Bei nicht beatmeten Patient:innen:

• gute Mundhygiene

• Dysphagie-Screening

• Aspirationsprophylaxe

• frühe Mobilisation

• PPI/Sedativa nur bei klarer Indikation


Bei beatmeten Patient:innen:

• Beatmung vermeiden, wenn möglich

• frühes Weaning

• Oberkörperhochlagerung 30–45°

• konsequente Mundhygiene

• Cuff-Druck 20–30 cmH2O

• unnötige Diskonnektionen vermeiden

• ggf. subglottische Absaugung

Chlamydien-Infektionen19 Aug 202600:26:17

🦠 Überblick

Chlamydien sind gramnegative, obligat intrazelluläre Bakterien. Relevant für Klinik und Prüfung:

• Augen, Urogenitaltrakt und Atemwege betroffen

• oft asymptomatisch

• mögliche Komplikationen trotz milder Verläufe

• β-Laktame wirken nicht zuverlässig


🔬 Mikrobiologie


Charakteristischer Entwicklungszyklus:

• Elementarkörperchen = infektiöse, extrazelluläre Form

• Retikularkörperchen = intrazelluläre, metabolisch aktive Vermehrungsform

• Vermehrung in Einschlusskörperchen


Merke:

• infektiös = Elementarkörperchen

• proliferativ = Retikularkörperchen

• Anzucht schwierig wegen intrazellulärer Lebensweise


💊 Therapie-Grundsatz


Bevorzugt:

• Doxycyclin

Alternativen:

• Makrolide, z. B. Azithromycin, Clarithromycin

• Fluorchinolone in ausgewählten Situationen, z. B. Levofloxacin, Moxifloxacin


Nicht erste Wahl:

• β-Laktam-Antibiotika


📚 Wichtige Erreger


• Chlamydia trachomatis

• Chlamydia pneumoniae

• Chlamydia psittaci


👁️ Chlamydia trachomatis: Serovare


• A–C: Trachom

• D–K: urogenitale Infektionen, okulogenitales Paratrachom

• L1–L3: Lymphogranuloma venereum


🫁 Atemwegsinfektionen


Chlamydia pneumoniae:

• atypische Atemwegsinfektionen

• Pharyngitis, Sinusitis, Bronchitis, atypische Pneumonie

• oft trockener Husten, schleichender Verlauf


Chlamydia psittaci:

• Psittakose / Ornithose

• Übertragung über Vogelkot oder Federstaub

• wichtiger Hinweis: Vogelkontakt

• Mensch-zu-Mensch-Übertragung meist keine Rolle


Typische Psittakose-Befunde:

• Fieber, Abgeschlagenheit, trockener Reizhusten

• atypische Pneumonie

• mögliche Hepatosplenomegalie

• selten ZNS- oder kardiale Komplikationen


🚻 Urogenitale Chlamydieninfektion


Meist durch C. trachomatis D–K, häufige bakterielle STI.


Typisch:

• oft asymptomatisch

• Männer: Urethritis, Dysurie, Ausfluss, Epididymitis, Prostatitis

• Frauen: Zervizitis, Fluor, Kontaktblutungen, Dysurie, Unterbauchschmerzen

• aufsteigend: Endometritis, Salpingitis, Adnexitis, PID


Mögliche Folgen:

• chronische Schmerzen

• Adhäsionen

• Fertilitätsstörungen

• extrauterine Schwangerschaft


🧪 Diagnostik


Goldstandard:

• PCR auf Chlamydien-DNA


Geeignetes Material:

• Abstrich entzündeter Areale

• Erststrahlurin, nicht Mittelstrahlurin


Serologie:

• bei akuter urogenitaler Infektion meist nicht führend


📋 Therapieschemata


Unkomplizierte Urethritis / Zervizitis / asymptomatische Infektion:

• Doxycyclin 100 mg 2x täglich für 7 Tage

Alternative:

• Azithromycin 1 g einmalig


Epididymitis:

• Doxycyclin 100 mg 2x täglich für 14 Tage


Lymphogranuloma venereum:

• Doxycyclin 100 mg 2x täglich für 21 Tage


Psittakose:

• Doxycyclin, meist 100 mg 2x täglich für 10–21 Tage


🤝 Partnerbehandlung


Zentral bei sexuell übertragenen Infektionen:

• Partner der letzten 2 Monate informieren, testen, meist mitbehandeln

• keine sexuellen Kontakte bis Therapieende

• viele vermeintliche Therapieversager sind Reinfektionen


⚠️ Wichtige Komplikationen


• reaktive Arthritis

• Fitz-Hugh-Curtis-Syndrom: Perihepatitis mit rechtsseitigen Oberbauchschmerzen

• PID

• Neonatalinfektion nach perinataler Übertragung


🤰 Schwangerschaft & Neugeborene


In Schwangerschaft und Stillzeit:

• Azithromycin bevorzugt

• Doxycyclin nicht Mittel der ersten Wahl


Wichtig:

• asymptomatische Mutter schließt Risiko fürs Kind nicht aus

• möglich beim Neugeborenen: Konjunktivitis, Otitis media, interstitielle Pneumonie


🌍 Okuläre Infektionen


• Trachom: C. trachomatis A–C, global wichtige Ursache für Erblindung

• Paratrachom: D–K, oft assoziiert mit genitaler Infektion


🛡️ Praxis-Merksätze


• Chlamydien = intrazellulär → Doxycyclin/Makrolide, nicht β-Laktame

• PCR aus Erststrahlurin ist Standard

• asymptomatisch schließt Infektion nicht aus

• atypische Pneumonie + Vogelkontakt = an Psittakose denken

• Partnerbehandlung ist Teil der Therapie

Legionellose18 Aug 202600:19:33

🦠 Erreger & Übertragung


Legionellose wird meist durch Legionella pneumophila verursacht, ein gramnegatives, obligat aerobes, fakultativ intrazelluläres Stäbchenbakterium.


Wichtige Punkte:

• „Nasskeim“: Vermehrung v. a. in Warm- und Kondenswasser

• Typische Quellen: Duschen, Hotels, Krankenhäuser, Pflegeheime, Klimaanlagen, Kühlwerke, Whirlpools

• Wachstum besonders bei 20 bis 50 Grad Celsius

• Abtötung typischerweise bei 60 bis 70 Grad Celsius

• Übertragung durch Inhalation kontaminierter Aerosole, nicht typischerweise durch Trinken

• Keine relevante Mensch-zu-Mensch-Übertragung → in der Regel keine spezielle Isolierung nötig


👥 Risikogruppen


Besonders gefährdet:

• ältere Menschen

• Raucherinnen und Raucher

• chronisch Kranke

• immunsupprimierte Patientinnen und Patienten


🌡️ Klinische Formen


Pontiac-Fieber

• leichte Verlaufsform ohne Pneumonie

• Inkubationszeit meist 1 bis 3 Tage

• grippeähnlich mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit

• oft klinisch kaum von viralem Infekt zu unterscheiden


Legionärskrankheit

• schwere Form mit atypischer Pneumonie

• Inkubationszeit meist 2 bis 10 Tage

• häufig: Fieber, reduzierter Allgemeinzustand, trockener Husten

• wichtige extrapulmonale Hinweise: Diarrhö, Hyponatriämie, Verwirrtheit

• Hyponatriämie oft im Rahmen eines SIADH


🔎 Wann an Legionellen denken?


Besonders bei:

• atypischer Pneumonie

• trockenem Husten und hohem Fieber

• Diarrhö und/oder Hyponatriämie

• älteren oder immunsupprimierten Patientinnen und Patienten

• Exposition zu Wasseranlagen, Hotelaufenthalt, Pflegeeinrichtung, Krankenhaus


🧪 Diagnostik


Im Alltag zentral:

• Legionellen-Antigen im Urin: schnell, praktisch, früh anfordern

• PCR aus Sputum: direkter Erregernachweis

• Kultur aus Sputum: Ergebnis meist nach 4 bis 7 Tagen, wichtig für Sicherung und Epidemiologie

• Serologie: für die Akutsituation meist wenig hilfreich


Praxis-Tipp:

• wenn möglich Proben vor Antibiotikagabe abnehmen

• Therapie bei relevantem Verdacht dennoch nicht verzögern


💊 Therapie


Jede Legionellen-Pneumonie sollte früh antibiotisch behandelt werden.


Erste Wahl:

• Levofloxacin 500 Milligramm 1-mal täglich

• bei schweren Verläufen teils 500 Milligramm 2-mal täglich

• Nierenfunktion beachten, ggf. Dosisanpassung

• oft initial intravenös, später oral


Alternativen:

• Clarithromycin 500 Milligramm 2-mal täglich

• auch Azithromycin ist möglich


Therapiedauer:

• meist 5 bis 10 Tage

• bei Immunsuppression bis zu 21 Tage


Wichtige Nebenwirkungs- und Interaktionspunkte:

• Levofloxacin: QT-Zeit-Verlängerung, Tendinopathien, ZNS-Nebenwirkungen

• Clarithromycin: QT-Zeit-Verlängerung, relevante Arzneimittelinteraktionen


Merksatz:

• Bei atypischer Pneumonie Legionellen immer mit abdecken.


🏥 Supportive Therapie


Je nach Schweregrad:

• Sauerstoff bei Hypoxämie

• Flüssigkeitstherapie mit Bedacht

• Kreislaufstabilisierung

• Fiebersenkung

• intensivmedizinische Überwachung bei schwerem Verlauf

• Hyponatriämie klinisch ernst nehmen


🚿 Prävention & Hygiene


Bei kontaminierten Wasserstellen:

• Nutzung sofort stoppen

• nur Wasser ohne erhöhte Legionellenkonzentration verwenden

• thermische oder chemische Desinfektion

• thermische Desinfektion: gesamtes Leitungssystem für mindestens 3 Minuten auf mehr als 71 Grad Celsius

• endständige Filter in Risikobereichen möglich


📋 Meldepflicht


• Erregernachweis ist namentlich meldepflichtig

• bei Verdacht oder Nachweis früh Hygieneteam und ggf. Gesundheitsamt einbeziehen


🧠 Take-home-Message


Legionellen mitdenken bei:

Wasserexposition + atypischer Pneumonie + trockenem Husten + Diarrhö + Hyponatriämie


Kurzformel:

Wasser – Aerosol – atypische Pneumonie – Diarrhö – Hyponatriämie – Urin-Antigen – Levofloxacin

Ambulant erworbene Pneumonie (CAP)17 Aug 202600:33:28

📌 Definition und Abgrenzung

CAP = Infektion des Lungenparenchyms, außerhalb des Krankenhauses erworben, auch in Pflegeeinrichtungen möglich.


Wichtige Abgrenzung:

• nosokomiale Pneumonie

• Pneumonie bei schwerer Immunsuppression


Diese Unterscheidung beeinflusst Erregerspektrum und kalkulierte Therapie entscheidend.


🦠 Erreger und Pathophysiologie

Häufigster Mechanismus: Mikroaspiration in die tiefen Atemwege.

Typische Erreger:

• Streptococcus pneumoniae

• Haemophilus influenzae

• Staphylococcus aureus

• Enterobakterien

• atypische Erreger: Mycoplasma, Chlamydophila, Legionellen, Coxiella

• respiratorische Viren: Influenza, RSV u. a.


👥 Risikofaktoren

Besonders gefährdet:

• ältere Menschen

• multimorbide oder funktionell eingeschränkte Personen

• Menschen mit geschwächten pulmonalen Schutzmechanismen


Wichtige Risikofaktoren:

• Rauchen, Alkohol, Mangelernährung

• schlechte Mundhygiene

• COPD, Asthma, zystische Fibrose

• Herz-, Nieren-, Lebererkrankungen, Diabetes

• neurologische Erkrankungen, Dysphagie, Bewusstseinsstörungen

• PPI, Antipsychotika, Glukokortikoide

• unzureichender Impfschutz


⚠️ Multiresistente Erreger

Bei klassischer CAP insgesamt selten.

Risikofaktoren:

• kürzlicher Krankenhausaufenthalt

• Dialyse

• Pflegeheim

• kürzliche Antibiotikatherapie

• chronische Lungenerkrankung

• Immunsuppression

• bekannte Besiedlung/Infektion mit MRE


Wichtig: nicht reflexhaft zu breit therapieren – Antibiotic Stewardship beachten.


🩺 Klinik und Diagnostik

Typische Symptome:

• Husten

• Fieber

• Dyspnoe

• Thoraxschmerz

• Allgemeinsymptome, Schwäche, Verwirrtheit


Bei älteren Menschen oft atypisch:

• Delir, Sturz, reduzierte Nahrungsaufnahme, Leistungsabfall


Diagnosesicherung:

Klinik plus neues Infiltrat in der Thoraxbildgebung, meist Röntgen-Thorax.


Differenzialdiagnosen:

• kardiales Lungenödem

• Lungenembolie

• interstitielle Lungenerkrankung

• Malignom

• alveoläre Hämorrhagie

• Atelektase


🧪 Basis- und Erregerdiagnostik

Bei stationären/schweren Verläufen:

• Blutbild, CRP, PCT

• Elektrolyte, Nieren- und Leberwerte

• BGA bei respiratorischer Beeinträchtigung

• Lactat bei Sepsisverdacht


⏱️ Antibiotika nicht unnötig verzögern:

• stationär möglichst innerhalb von 8 Stunden

• bei Sepsis/septischem Schock innerhalb von 1 Stunde


📊 Schweregradeinschätzung

CRB-65:

• C: Confusion

• R: Atemfrequenz ≥ 30/min

• B: RR systolisch < 90 oder diastolisch ≤ 60 mmHg

• 65: Alter ≥ 65 Jahre


Aber: Score ersetzt nie den klinischen Gesamteindruck.

Auch Hypoxämie, Pleuraerguss, instabile Komorbiditäten oder soziale Faktoren können stationäre Aufnahme erfordern.


💊 Therapie

Grundprinzipien:

• frühzeitige empirische Antibiotikatherapie

• später Deeskalation nach Erregernachweis

• früh an Oralisierung denken


Typische Dauer:

• leichte/mittelschwere CAP: meist 5 Tage

• schwere CAP: meist 7 Tage

• immer mindestens 2 Tage über klinische Stabilisierung hinaus


Leichte CAP:

• Amoxicillin als Leitsubstanz

Alternativen je nach Situation:

• Doxycyclin

• Clarithromycin

• Azithromycin


Mittelschwere CAP:

• Ampicillin/Sulbactam i.v.

• Amoxicillin/Clavulansäure i.v.

• Cefuroxim, Ceftriaxon, Cefotaxim

• ggf. Makrolid bei Verdacht auf atypische Erreger


Schwere CAP:

• z. B. Piperacillin/Tazobactam + Makrolid

• oder Ceftriaxon + Makrolid


🫁 Supportive Maßnahmen

Wesentlich sind auch:

• Sauerstofftherapie

• Flüssigkeit mit Augenmaß

• Sepsistherapie nach Standard

• Antipyrese, Analgesie

• Thromboseprophylaxe

• frühe Mobilisation

• Atemtherapie

• adäquate Ernährung


Bei fehlender Besserung prüfen:

• stimmt die Diagnose?

• richtige Substanz, Dosis, Applikation?

• Pleuraerguss/Empyem?

• neuer Erreger?

• unerkannte Immunsuppression?

• nicht-infektiöse Mimics?


🎯 Take-home-Messages

• CAP = Klinik plus neues Infiltrat

• CRB-65 hilft, ersetzt aber nicht die klinische Beurteilung

• die ersten 72 Stunden sind entscheidend

• Antibiotikatherapie früh starten

• Therapiedauer meist 5 bzw. 7 Tage

• bei Nichtansprechen zuerst Diagnose und Komplikationen hinterfragen

Pneumonie16 Aug 202600:37:48

📌 Kernaussagen

• Pneumonie = akute Infektion des Lungenparenchyms

• Diagnose gesichert erst durch neues Infiltrat in der Bildgebung

• Zentrale Einteilung: CAP, HAP oder Pneumonie bei schwerer Immunsuppression

• Gerade ältere Menschen zeigen oft atypische Symptome

• Frühe Schweregradeinschätzung und rascher Therapiebeginn sind entscheidend


🧭 Klinische Einteilung

• CAP: ambulant erworben bei immunkompetenten Personen

• HAP: im Krankenhaus erworben

• Immunsuppression: breiter denken, auch opportunistische Erreger wie Pilze, Pneumocystis jirovecii, CMV oder Mykobakterien


Warum wichtig?

Diese Einteilung bestimmt Erregerspektrum und kalkulierte antimikrobielle Therapie.


🦠 Ursachen und Risikofaktoren

Häufige Erreger:

• Bakterien

• Viren

Seltener:

• Pilze

• Parasiten


Wichtige Risikofaktoren:

• hohes Alter

• Multimorbidität

• COPD, Rauchen

• Dysphagie, neurologische Erkrankungen

• Sedierung, Aspiration

• Immunsuppression


😷 Klinik

Typische Symptome:

• Husten, oft mit Auswurf

• Dyspnoe

• Fieber

• pleuritische Thoraxschmerzen

• Abgeschlagenheit


Bei älteren Menschen oft unspezifisch:

• Delir

• Sturz

• Schwäche

• Appetitlosigkeit

• funktioneller Abbau

• Diarrhö


Merke: Tachypnoe ist ein wichtiges Frühzeichen, besonders im hohen Alter.


🔎 Diagnostik

Klinischer Verdacht:

• Anamnese + Untersuchung

• konsequente Vitalparameter: RR, HF, AF, Temperatur, SpO₂, mentaler Status


Diagnosesicherung:

• Röntgen-Thorax als Standard

• Sonografie hilfreich bei Pleuraerguss, Empyem, Verlauf

• CT nur bei unklarem Befund, Komplikationen oder wichtiger Differenzialdiagnose


Wichtig:

Radiologische Muster helfen, beweisen aber keinen Erreger.


🧪 Mikrobiologie und Labor

Gezielt statt routinemäßig breit:

• Blutkulturen vor Antibiotikagabe, wenn möglich

• Sputum/respiratorische Proben für Gramfärbung, Kultur, Antibiogramm

• PCR auf virale oder schwer anzüchtbare Erreger

• Urin-Antigentests z. B. Legionellen, Pneumokokken


Basislabor:

• Blutbild

• CRP

• Nierenwerte, Elektrolyte

• ggf. Leberwerte, Laktat

• Blutgasanalyse bei Dyspnoe, Hypoxämie, schwerem Verlauf


⚠️ Differenzialdiagnosen

Immer mitdenken:

• kardiales Lungenödem

• COPD-Exazerbation

• Lungenembolie

• interstitielle Lungenerkrankung

• Lungenkarzinom


💊 Therapie

Grundprinzipien:

• früh Schweregrad einschätzen

• kalkulierte antimikrobielle Therapie starten

• nach Erregernachweis fokussieren/deeskalieren

• bei Sepsis oder Schock keine unnötige Verzögerung


Supportive Maßnahmen:

• Sauerstoff bei Hypoxämie

• Flüssigkeit mit Augenmaß

• Analgesie/Antipyrese

• Frühmobilisierung

• ggf. NIV, High-Flow oder invasive Beatmung

• Thromboseprophylaxe bei stationären immobilen Patient:innen


⏱ Verlaufskontrolle

Re-Evaluation nach 48–72 Stunden:

• Besserung von Dyspnoe, Sauerstoffbedarf, Fieber?

• Kreislauf stabil?

• Labortrend passend?


Wenn kein Ansprechen:

• Diagnose prüfen

• Resistenz/falscher Erreger?

• Pleuraerguss, Empyem, Abszess?

• Obstruktion, Tumor, Embolie, Ödem als Alternative?


🚨 Komplikationen

• respiratorische Insuffizienz

• Sepsis, septischer Schock

• Pleuraerguss, Pleuraempyem

• Lungenabszess

• ARDS

• Delir, Nierenversagen, kardiale Komplikationen


🛡 Prävention

• Impfungen: Pneumokokken, Influenza, RSV je nach Zielgruppe

• Rauchstopp

• gute Mundhygiene

• Dysphagie erkennen und behandeln

• Aspirationsprophylaxe

• Medikamente regelmäßig kritisch prüfen


🧠 Merkschema für den Alltag

1. Ist es wirklich eine Pneumonie?

2. Wie krank ist der Mensch vor mir?

3. CAP, HAP oder Immunsuppression?

4. Welche Proben brauche ich jetzt?

5. Welche kalkulierte Therapie passt?

6. Wann prüfe ich das Ansprechen?

SARS-CoV-2 & COVID-1915 Aug 202600:35:13

🌍 Basics

COVID-19 = Erkrankung

SARS-CoV-2 = Erreger


- Behülltes RNA-Virus aus der Familie der Coronaviren

- Gegen Standardhygiene und Händedesinfektion gut empfindlich

- Relevanz weiter hoch, v. a. für vulnerable Gruppen


⚠️ Wer ist besonders gefährdet?

Erhöhtes Risiko für schwere Verläufe bei:

- höherem Alter, besonders ab etwa 60 Jahren

- Immunsuppression, Organtransplantation

- aktiver Chemotherapie

- multiplen Komorbiditäten

- chronischen Herz-, Lungen-, Leber- oder Nierenerkrankungen

- Adipositas, Diabetes mellitus


💨 Übertragung und Infektiosität


Hauptübertragung über respiratorische Partikel:

- Tröpfchen

- Aerosole


Besonders riskant:

- Intubation

- NIV

- Bronchoskopie

- Absaugen der Atemwege


Wichtig:

- Ansteckung schon vor Symptombeginn möglich

- höchste Infektiosität meist 1–2 Tage um Symptombeginn

- bei Immunsuppression oder schwerem Verlauf länger infektiös


🧬 Pathophysiologie


- Spike-Protein bindet an ACE2, Eintritt u. a. über TMPRSS2

- Frühphase: virale Replikation → antivirale Therapie relevant

- Spätphase bei schweren Verläufen: Hyperinflammation, endotheliale Dysfunktion, Gerinnungsaktivierung → immunmodulatorische Therapie relevant


Merksatz:

Früh antiviral, später antiinflammatorisch/immunmodulatorisch.


🩺 Klinik


Häufige Symptome:

- Fieber

- Husten, Schnupfen, Halsschmerzen

- Kopf- und Gliederschmerzen

- Fatigue

- Anosmie/Dysgeusie

- Dyspnoe

- gastrointestinale Beschwerden


Warnzeichen für schweren Verlauf:

- Atemfrequenz > 25–30/min

- SpO2 < 92 % unter Raumluft

- neu aufgetretene Luftnot

- Hypotonie

- Vigilanzminderung

- rasche Verschlechterung


Praxispunkt:

Früh Pulsoxymetrie durchführen – auch bei zunächst unauffälligem Eindruck.


🔬 Diagnostik


Goldstandard:

- PCR für Akutdiagnostik


Antigentest:

- schnell verfügbar

- aber weniger sensitiv


Wichtige Fallstricke:

- negativer Antigentest schließt Infektion nicht sicher aus

- negativer Rachenabstrich schließt bei Pneumonie/ARDS COVID-19 nicht aus

- bei spätem Verlauf ggf. Material aus den unteren Atemwegen untersuchen


Zusätzlich bei schwerem Verlauf:

- Blutbild, CRP, Nieren- und Leberwerte

- Gerinnung, D-Dimere

- Blutgasanalyse

- ggf. Troponin

- Bildgebung: Röntgen, CT, Lungensonografie


💊 Therapie


Frühe Phase, Hochrisikopatienten:

- Nirmatrelvir/Ritonavir (Paxlovid)

- Alternative: Remdesivir


Ganz wichtig:

Ohne Interaktionscheck kein Paxlovid.

Ritonavir verursacht zahlreiche relevante Arzneimittelinteraktionen.


Milder Verlauf ohne Risikofaktoren:

- symptomatische Therapie

- keine routinemäßigen Antibiotika

- keine systemischen Glukokortikoide ohne Hypoxämie


Bei Sauerstoffbedarf:

- Dexamethason 6 mg 1x täglich für bis zu 10 Tage


Bei schwerem inflammatorischem Verlauf:

- zusätzlich Tocilizumab erwägen


Weitere Bausteine:

- Sauerstofftherapie, High-Flow, NIV, ggf. Intubation

- Bauchlagerung auch bei wachen Patientinnen und Patienten sinnvoll

- stationär Thromboseprophylaxe mitdenken


🧑‍🤝‍🧑 Besondere Gruppen


Besondere Aufmerksamkeit bei:

- Schwangeren

- immunsupprimierten Patientinnen und Patienten

- transplantierten Personen

- Kindern und jungen Erwachsenen trotz meist milderer Verläufe


🛡️ Prävention


Wichtigste Präventionsmaßnahme:

- Impfung schützt v. a. vor schwerem Verlauf, Hospitalisierung und Tod


Zusätzlich relevant:

- Masken

- Lüftung

- Händedesinfektion

- Isolationsmaßnahmen im klinischen Setting


🧠 Long-COVID / Post-COVID


Mögliche Beschwerden über Wochen bis Monate:

- Fatigue

- Belastungsintoleranz

- Dyspnoe

- Husten

- Konzentrationsstörungen

- Schlafstörungen

- Thoraxschmerz

- Palpitationen

- Geruchs-/Geschmacksstörungen

- psychische Symptome


Praxis:

- ernst nehmen

- organische Differenzialdiagnosen aktiv ausschließen

- symptomorientierte, interdisziplinäre Nachsorge


✅ 5 Take-home-Points


- Früh Sauerstoffsättigung messen

- Risikopatienten sofort erkennen

- Antivirale Therapie früh prüfen

- Dexamethason nur bei Sauerstoffbedarf

- Long-COVID mitdenken und Beschwerden ernst nehmen

Influenz im Klinik- und Praxisalltag14 Aug 202600:27:19

📌 Warum relevant?

Influenza ist keine „Erkältung“, sondern eine potenziell schwere systemische Viruserkrankung. Entscheidend sind:

- frühes Erkennen

- Komplikationen rechtzeitig erfassen

- antivirale Therapie nicht verpassen


🔍 Influenza vs. grippaler Infekt

Typisch für Influenza:

- plötzlicher Beginn innerhalb weniger Stunden

- hohes Fieber, Schüttelfrost

- starkes Krankheitsgefühl

- Kopf- und Gliederschmerzen

- trockener Husten, Halsschmerzen


Merke: „Morgens noch fit, nachmittags komplett krank“ spricht in der Saison stark für Influenza.


🧬 Erreger und Virologie

- Meist Influenza A, außerdem Influenza B

- Influenza A verursacht die meisten Epidemien

- Orthomyxoviren = segmentierte RNA-Viren

- Subtypen bei Influenza A nach Hämagglutinin (H) und Neuraminidase (N), z. B. H1N1, H3N2


🌍 Epidemiologie und Übertragung

- Saison in Mitteleuropa meist Oktober bis März/April

- Übertragung v. a. durch Tröpfchen, zusätzlich Schmierinfektion

- infektiös ab ca. 24 Stunden vor Symptombeginn bis 4–5 Tage danach

- Kinder sind wichtige Überträger


🫁 Pathophysiologie

- Virus befällt das respiratorische Flimmerepithel

- Schädigung der mukoziliären Clearance

- starke Immunantwort mit systemischer Symptomatik

- bakterielle Superinfektionen werden begünstigt


🤒 Klinik

- Inkubationszeit: wenige Stunden bis 2 Tage

- Krankheitsdauer meist 5–7 Tage

- Erschöpfung oft länger anhaltend


Typische Symptome:

- abruptes hohes Fieber

- Myalgien, Cephalgien

- trockener Husten

- massives Krankheitsgefühl

- teils Schweißausbrüche, selten GI-Symptome


🧪 Diagnostik

Klinik in der Saison oft richtungsweisend.


Erregernachweis besonders sinnvoll bei:

- schweren Verläufen

- Risikopatienten

- stationärer Aufnahme

- Ausbruchssituationen

- therapeutischer Konsequenz


Goldstandard:

- Influenza-RT-PCR aus Nasen- oder Rachenabstrich

- Nasenabstrich meist sensitiver


Schnelltests:

- hohe Spezifität

- geringere Sensitivität

- negativer Test schließt Influenza nicht sicher aus


🩸 Laborhinweis

Bei unkomplizierter Influenza oft:

- Leukozyten normal

- CRP nur leicht erhöht oder normal


Alarmzeichen für bakterielle Superinfektion:

- deutlich erhöhte Entzündungswerte

- produktiver Husten

- eitriges Sputum

- erneuter Fieberanstieg nach kurzer Besserung


💊 Therapie

Unkomplizierte Verläufe:

- Flüssigkeit

- Schonung

- Antipyrese/Analgesie

- ggf. Antitussivum bei trockenem Reizhusten


Antiviral:

- Neuraminidasehemmer: Oseltamivir, Zanamivir

- wirksam gegen Influenza A und B

- idealer Beginn innerhalb von 48 Stunden


Oseltamivir:

- Standard bei Erwachsenen: 75 mg 2× täglich für 5 Tage

- Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz

- häufig Übelkeit/Erbrechen


Zanamivir:

- inhalativ

- Vorsicht bei Asthma/COPD wegen Bronchospasmusrisiko


🏥 Schwere Verläufe und Komplikationen

Mögliche Komplikationen:

- primäre Influenza-Pneumonie

- sekundäre bakterielle Pneumonie

- Exazerbation von Asthma/COPD

- Myokarditis, Enzephalitis, Myositis/Rhabdomyolyse

- Otitis bei Kindern


Typische bakterielle Erreger:

- Pneumokokken

- Staphylococcus aureus

- Haemophilus influenzae


🛡️ Hygiene und Isolation

Stationär:

- Isolation meist 7 Tage ab Symptombeginn

- Händedesinfektion essenziell

- Schutzkittel, Handschuhe, Mund-Nasen-Schutz, ggf. Schutzbrille


💉 Prävention

Wichtigste Maßnahme:

- jährliche Impfung im Herbst


Besonders empfohlen für:

- Menschen > 60 Jahre

- Schwangere

- chronisch Kranke

- Immunsupprimierte

- Bewohner von Pflegeeinrichtungen

- medizinisches Personal


Zusätzlich möglich:

- antivirale Prophylaxe, z. B. Oseltamivir 75 mg 1× täglich nach Exposition


🧠 Take-home-Messages

- Influenza beginnt abrupt und macht oft ein ausgeprägt schweres Krankheitsgefühl.

- Normale oder nur leicht erhöhte Entzündungswerte passen gut zu unkomplizierter Influenza.

- Hohe Entzündungswerte oder eitriges Sputum sprechen eher für Superinfektion.

- Antivirale Therapie: früh beginnen, ideal < 48 Stunden.

- Impfung bleibt die wichtigste Präventionsmaßnahme.

Akute Bronchitis13 Aug 202600:23:28

📌 Definition und Bedeutung

Akute Bronchitis ist eine akute Infektion der unteren Atemwege, vor allem der mittleren und größeren Bronchien. In der Regel ist sie viral bedingt, selbstlimitierend und benötigt bei unkompliziertem Verlauf kein Antibiotikum.


🦠 Erreger

Meist viral, besonders häufig Rhinoviren.

Seltener bakteriell, zum Beispiel:

• Mycoplasma pneumoniae

• Chlamydia pneumoniae

• Bordetella pertussis


🤧 Typische Klinik

Leitsymptom ist Husten:

• zunächst oft trocken

• später häufig produktiv mit zähem, eher spärlichem Auswurf


Begleitend oft:

• Schnupfen, Halsschmerzen

• Kopf- und Gliederschmerzen

• leichtes Fieber

• retrosternale oder hustenassoziierte Thoraxschmerzen


Bei Bronchialobstruktion zusätzlich:

• exspiratorisches Giemen

• Pfeifen

• verlängerte Exspiration

• Brustenge


🩺 Diagnose

Die Diagnose ist meist klinisch durch Anamnese und körperliche Untersuchung.


Typische Auskultation:

• verschärftes Atemgeräusch

• seitengleiche grob- bis mittelblasige Rasselgeräusche


Das spricht eher gegen eine unkomplizierte Bronchitis und eher für Pneumonie:

• einseitig lokalisierte Befunde

• feinblasige Rasselgeräusche basal

• fokale Klopfschalldämpfung

• bronchiales Atmen


🚩 Wann weiter abklären?

Weiterführende Diagnostik bei:

• Dyspnoe

• Zyanose

• hohem Fieber

• reduziertem Allgemeinzustand

• persistierender oder progredienter Symptomatik

• höherem Alter, Gebrechlichkeit, Immunsuppression

• relevanten Vorerkrankungen wie COPD, Asthma, Herzinsuffizienz


Sinnvoll je nach Situation:

• Pulsoxymetrie

• Blutgasanalyse

• Labor

• Röntgen-Thorax

• PCR oder Abstrich bei Pertussis-, Influenza- oder COVID-Verdacht mit Konsequenz


🔍 Wichtige Differenzialdiagnosen

• Bronchopneumonie

• COPD-Exazerbation

• Asthma-Exazerbation

• Pertussis


Pertussis mitdenken bei:

• lang anhaltendem Husten

• stakkatoartigen Hustenattacken

• inspiratorischem Ziehen

• Erbrechen nach Hustenanfällen


💊 Therapie

Im Vordergrund steht die symptomatische Behandlung:

• ausreichend trinken

• körperliche Schonung

• bei Bedarf Paracetamol oder Ibuprofen

• kurzfristig abschwellendes Nasenspray bei verlegter Nasenatmung


Salbutamol nur bei tatsächlicher Bronchialobstruktion, nicht routinemäßig.


Antitussiva nur zurückhaltend:

• wenn überhaupt, nur nachts

• nur bei quälendem trockenem Reizhusten


Mukolytika und Expektoranzien sind nicht Standard bei unkomplizierter akuter Bronchitis.


🚫 Antibiotika

Kernaussage: Keine Antibiotika bei unkomplizierter akuter Bronchitis.


Antibiotika nur bei:

• dringendem Verdacht auf bakterielle Genese

• bakterieller Sekundärinfektion

• Pertussisverdacht oder -nachweis


Wenn Antibiotika erwogen werden, immer prüfen:

Ist es wirklich noch Bronchitis oder eher schon Pneumonie?


📣 Patientengespräch und Verlauf

Wichtig für die Aufklärung:

• Der Allgemeinzustand bessert sich oft nach zwei bis fünf Tagen.

• Der Husten kann mehrere Wochen anhalten.

• Längerer Husten allein ist kein Beweis für bakterielle Komplikation.


Sicherheitsnetz mitgeben:

erneute Vorstellung bei

• zunehmender Luftnot

• hohem oder anhaltendem Fieber

• Thoraxschmerzen

• Hämoptysen

• Verwirrtheit

• deutlicher Schwäche

• fehlender Besserung


✅ Take-home-Messages

• Akute Bronchitis ist meist viral.

• Die Diagnose ist in der Regel klinisch.

• Keine Routine für Labor, Röntgen oder Antibiotika.

• Symptomatische Therapie reicht meist aus.

• Warnzeichen und vulnerable Patientengruppen konsequent erkennen.

Atemwegsinfektion in der Praxis: häufig, meist viral, meist selbstlimitierend12 Aug 202600:24:10

🦠 Epidemiologie & Ätiologie

• Besonders häufig in der kalten Jahreszeit

• Kinder: bis zu 8 Infekte/Jahr, Erwachsene: etwa 2–4/Jahr

• Meist viral: Rhinoviren, RSV, Coronaviren, Parainfluenzaviren, Adenoviren

• Übertragung über Tröpfchen- und Schmierinfektion

• Prävention: Händehygiene, Abstand, ggf. Masken


⏱️ Typischer Verlauf

• Inkubationszeit meist 1–7 Tage

• Symptomdauer oft etwa 1 Woche

• Husten kann länger persistieren, ohne komplizierten Verlauf

• Typische Symptome: Halsschmerzen, Rhinitis, Husten, Heiserkeit, ggf. Ohrenschmerzen

• Unkompliziert meist ohne deutlich reduzierten Allgemeinzustand


🩺 Diagnostisches Vorgehen

Anamnese und körperliche Untersuchung reichen meist aus.


Wichtige Anamnese:

• Beginn, Dauer, Verlauf

• Fieber, Hustencharakter, Dyspnoe

• bisherige Selbstmedikation

• Vorerkrankungen und Risikofaktoren

• Infektionen im Umfeld


Fokussierte Untersuchung:

• Gesamteindruck und Allgemeinzustand

• Temperatur, ggf. Puls, Blutdruck, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung

• Racheninspektion

• zervikale Lymphknoten

• Lungenauskultation

• ggf. Sinus-Perkussion und Otoskopie


⚠️ Warnzeichen

• deutlich reduzierter Allgemeinzustand

• hohes oder anhaltendes Fieber

• Dyspnoe, Tachypnoe

• auffälliger Auskultationsbefund

• starker produktiver Husten

• Brustschmerzen, Verwirrtheit, Trinkunfähigkeit

• Verdacht auf Peritonsillarabszess:

starke einseitige Halsschmerzen, kloßige Sprache, Trismus, Speichelfluss, asymmetrischer Oropharynx


🧠 Wichtige Differenzialdiagnosen

• Influenza: plötzlicher Beginn, hohes Fieber, Myalgien, starkes Krankheitsgefühl

• COVID-19: unspezifisch möglich, Dyspnoe als Warnsignal, ggf. Anosmie/Dysgeusie

• Akute Bronchitis

• Pneumonie

• COPD-Exazerbation

• Pertussis

• Sinusitis

• Tonsillitis / Streptokokken-Angina

• infektiöse Mononukleose

• allergische Rhinitis


🔬 Wann ist Zusatzdiagnostik sinnvoll?

Nicht routinemäßig, sondern bei:

• schwerem oder protrahiertem Verlauf

• Verdacht auf bakterielle Genese

• spezifischer Verdachtsdiagnose

• Risikogruppen


Mögliche Diagnostik:

• Abstriche / Schnelltests bei Influenza, COVID-19, RSV, Streptokokken, Pertussis

• CRP, ggf. Procalcitonin

• Röntgen-Thorax bei Pneumonieverdacht


💊 Therapie

Im Vordergrund stehen:

• Aufklärung und Beruhigung

• körperliche Schonung

• Rauchverzicht

• ausreichende Flüssigkeitszufuhr

• Inhalation mit Kochsalz, Nasendusche, Luftbefeuchtung

• symptomatische Medikation:

Ibuprofen, Paracetamol, kurzfristig abschwellendes Nasenspray


Wichtig:

• Xylometazolin nur kurzzeitig, idealerweise max. 5–7 Tage

• Honig nicht im 1. Lebensjahr

• Hustenmittel: Evidenz begrenzt

• ätherische Öle bei Kindern und hyperreagiblen Atemwegen mit Vorsicht


🚫 Antibiotika

• Bei unkomplizierten oberen Atemwegsinfektionen in aller Regel nicht indiziert

• Kein Nutzen bei viraler Genese

• Risiken: Nebenwirkungen, Resistenzentwicklung, falsche Erwartungshaltung

• Delayed Prescribing kann in Einzelfällen sinnvoll sein


📌 Merksätze für die Praxis

• Die meisten akuten Atemwegsinfektionen sind viral

• Anamnese + fokussierte Untersuchung reichen meistens aus

• Warnzeichen konsequent suchen

• Antibiotika nicht reflexhaft verordnen

• Symptomlinderung, Aufklärung und Sicherheitsnetz sind zentral


🔁 Wiedervorstellung empfohlen bei

Atemnot, hohem oder anhaltendem Fieber, Verschlechterung des Allgemeinzustands, Brustschmerzen, zunehmendem produktivem Husten, Verwirrtheit, Trinkunfähigkeit oder Abszesszeichen.

Lungenfunktionsuntersuchung11 Aug 202600:31:31

🫁 Lungenfunktionsuntersuchung: der klinische Fahrplan


📌 Worum geht es?

Die Lungenfunktionsdiagnostik beantwortet 3 Kernfragen:

• Ventilation: Wird die Lunge normal belüftet?

• Mechanik: Gibt es Obstruktion, erhöhten Widerstand oder verminderte Dehnbarkeit?

• Diffusion: Funktioniert der Gasaustausch über die alveolokapilläre Membran?


🔍 Die wichtigsten Verfahren

• Spirometrie: Standard, schnell, günstig, stark mitarbeitsabhängig

• Ganzkörperplethysmografie: misst zusätzliche Volumina und Atemwegswiderstand

• Diffusionsmessung (DLCO): beurteilt den Gasaustausch


⚠️ Vor jeder Interpretation

Erst die Qualität prüfen:

• maximale Inspiration?

• ausreichend forciert und lange ausgeatmet?

• Husten in der ersten Sekunde?

• dichter Mundschluss?

• gute Mitarbeit?


📏 Wichtige Lungenvolumina

• TLC: totale Lungenkapazität nach maximaler Einatmung

• VC: mobilisierbares Volumen zwischen max. Ein- und Ausatmung

• RV: Residualvolumen nach maximaler Ausatmung

• FRC: funktionelle Residualkapazität = RV + exspiratorisches Reservevolumen


Merke:

• Restriktion = Lunge insgesamt kleiner → TLC erniedrigt

• Obstruktion = erschwerte Ausatmung, Luftfalle → RV/FRC oft erhöht


🌬️ Spirometrie: die Schlüsselwerte

• FEV1: forciertes exspiratorisches Volumen in 1 Sekunde

• FVC: forcierte Vitalkapazität

• Tiffeneau-Index = FEV1/FVC

• PEF: Peak Expiratory Flow

• MEF-Werte: Hinweis auf kleine Atemwege, aber variabler


Wichtigster Wert bei Obstruktion:

• erniedrigter Tiffeneau-Index = spricht für Obstruktion


🧭 Praktische Befundinterpretation

1. Technik verwertbar?

2. Tiffeneau-Index erniedrigt?

3. Vitalkapazität erniedrigt?

4. Wie stark ist FEV1 reduziert?

5. Passen Kurvenform und Klinik zusammen?


🚫 Obstruktion vs. Restriktion

Obstruktion:

• FEV1 erniedrigt

• Tiffeneau-Index erniedrigt

• VC normal oder erniedrigt

• RV oft erhöht

• TLC normal oder erhöht

• typische konkave exspiratorische Fluss-Volumen-Kurve („scooping“)


Restriktion:

• VC erniedrigt

• FEV1 normal oder erniedrigt

• Tiffeneau-Index meist normal

• TLC erniedrigt = Bestätigung

• Spirometrie allein kann Restriktion nur vermuten


Achtung:

• niedrige FVC allein beweist keine Restriktion

• Pseudorestriktion bei Air Trapping möglich


🏠 Ganzkörperplethysmografie

Misst zusätzlich:

• RV

• TLC

• FRC

• intrathorakales Gasvolumen

• Atemwegswiderstand


Besonders hilfreich bei:

• unklarer Spirometrie

• Verdacht auf Emphysem

• Bestätigung einer Restriktion

• Nachweis von Air Trapping/Überblähung


💊 Reversibilitätstest

Nach Bronchodilatation spricht für reversible Obstruktion:

• FEV1-Anstieg um mindestens 200 ml

• und mindestens 12 %


Typisch für:

• Asthma bronchiale


Wichtig:

• negativer Test schließt Asthma nicht sicher aus

• Medikamentenpause vor Test beachten


🧪 Methacholin-Provokation

Nachweis bronchialer Hyperreagibilität:

• FEV1-Abfall ≥ 20 % spricht dafür


Aber:

• potenziell riskant

• nur mit klarer Indikation, Erfahrung und Notfallausrüstung


🩸 Diffusionskapazität

DLCO beurteilt den Transfer von Gas aus den Alveolen ins Blut.


Nützlich bei:

• interstitiellen Lungenerkrankungen

• Emphysem

• unklarer Belastungsdyspnoe

• unklarer Hypoxämie


Interpretation:

• DLCO + KCO erniedrigt → echte Diffusionsstörung, z. B. Fibrose oder Emphysem

• DLCO erniedrigt, KCO normal → eher verminderte Austauschfläche/Verteilungsstörung


Störfaktoren:

• Anämie

• Rauchen/Nikotinkonsum


🩺 Typische Muster

• Asthma: variable, reversible Obstruktion

• COPD: persistierende Obstruktion, oft Überblähung, ggf. DLCO erniedrigt

• Lungenfibrose: Restriktion + erniedrigte DLCO

• Emphysem: Obstruktion + Überblähung + erniedrigte DLCO


✅ Kernbotschaften

• Tiffeneau-Index ist der Schlüsselwert für Obstruktion

• niedrige Vitalkapazität allein beweist keine Restriktion

• Restriktion wird über erniedrigte TLC bestätigt

• Obstruktion führt oft zu Air Trapping und erhöhtem RV

• DLCO immer im klinischen Kontext interpretieren

Befundung eines Röntgen-Thorax10 Aug 202600:30:53

🏥 Thema der Folge

Röntgen-Thorax im klinischen Alltag: häufige Indikationen, systematische Befundung und typische Fallstricke.


🩺 Wann ist der Röntgen-Thorax wichtig?

Typische Einsatzgebiete:

• Verdacht auf Pneumonie

• Verlaufskontrolle bei kardiopulmonaler Stauung / Herzinsuffizienz

• präoperatives Screening

• Kontrolle von Schläuchen, Kathetern und Drainagen


🔑 Grundprinzip: Bild nie ohne Klinik


Ein Röntgenbild allein stellt fast nie die Diagnose.

Wichtig ist die Zusammenschau aus:

• Anamnese

• körperlicher Untersuchung

• klinischem Kontext

• Bildbefund


Eine Verschattung ist zunächst nur eine Verschattung – die Differenzialdiagnose ergibt sich erst mit der Klinik.


📐 Technische Basics


Wichtige Grundlagen:

• PA-Aufnahme: Herzgröße realistischer

• AP-Aufnahme: Herz erscheint oft artifiziell größer

• dichtere Strukturen = heller = Verschattung

• luftreiche Strukturen = dunkler = Aufhellung


Seitenzuordnung:

• Bildbetrachtung wie Patient gegenüberstehend

• immer Patientenseite benennen, nicht Bildseite


🧭 Befundschema: erst Qualität, dann von außen nach innen


Merkwort für die Qualitätsprüfung: SIRI

• Patient: richtige Person, Datum, Voraufnahmen?

• Strahlengang: PA oder AP?

• Inklusion: alles drauf, inklusive Randwinkel?

• Rotation: Claviculaköpfchen symmetrisch?

• Inspiration: ausreichend tief eingeatmet?


Zusätzlich prüfen:

• Belichtung / Penetration

• Artefakte wie Hautfalten, Haare, Knöpfe, Mamillen


🫁 Wichtige Befundstationen


Von außen nach innen:

• Weichteile

• Skelett

• Zwerchfell

• Oberbauch

• Pleura

• Atemwege

• Lungenparenchym

• Hilus

• Mediastinum

• Herz


🧠 Nützliche Konzepte


Silhouettenphänomen:

• rechter Herzrand aufgehoben → Prozess im rechten Mittellappen

• linke Zwerchfellkontur aufgehoben → eher linker Unterlappen


Pathologien immer beschreiben nach:

• Lokalisation

• Größe

• Anzahl

• fokal oder diffus

• Aufhellung oder Verschattung

• Begrenzung

• Form

• Muster: alveolär, interstitiell, homogen


🩻 Fremdmaterial aktiv mitbefunden


Worauf achten?

• Magensonde: Spitze sicher im Magen

• Endotrachealtubus: ca. 5 ± 2 cm oberhalb der Karina

• ZVK: Spitze im unteren Drittel der V. cava superior / kavoatrialer Übergang

• Thoraxdrainage: Seitenlöcher intrathorakal, Komplikationen mitprüfen

• Schrittmacher / ICD: Lage der Sonden, Dislokation, Bruch


⚠️ Typische Stolperfallen


• flache Inspiration täuscht basale Verschattungen vor

• Hautfalte simuliert Pneumothorax

• Mamille simuliert Rundherd

• AP-Aufnahme simuliert Kardiomegalie

• Rotation verfälscht Hilus und Mediastinum

• auffälliger Hauptbefund lenkt von Nebenbefunden ab


💡 Klinisch relevante Muster


Pneumonie:

• alveoläre, oft unscharfe Verschattung

• evtl. Bronchopneumogramm


Atelektase:

• Verschattung plus Volumenverlustzeichen

• Verziehung von Fissuren, Hilus oder Mediastinum


Lungenödem / Stauung:

• vermehrte Gefäßzeichnung

• kraniale Umverteilung

• interstitielle oder alveoläre Ödemzeichen

• Pleuraergüsse

• evtl. vergrößerte Herzsilhouette


📝 Take-home-Messages


• Qualität zuerst

• immer gleiches Schema

• Befunde präzise beschreiben, nicht vorschnell diagnostizieren

• Fremdmaterial nie vergessen

• Röntgen-Thorax immer zusammen mit der Klinik interpretieren

Pulsoxymetrie und Blutgasanalyse (BGA)09 Aug 202600:42:32

🔎 Thema der Folge


Pulsoxymetrie und Blutgasanalyse (BGA) als Basiswerkzeuge in Akut-, Intensiv- und Notfallmedizin:

schnell messen, richtig einordnen, Fehler erkennen, klinisch handeln.


🫁 Physiologische Grundlagen


• Nur ca. 2 % des Sauerstoffs sind frei gelöst, ca. 98 % an Hämoglobin gebunden

• Normale Sättigung bedeutet nicht automatisch normalen Sauerstoffgehalt

• Sauerstofftransport hängt wesentlich auch vom Hämoglobin ab

• CO₂ wird überwiegend als Bicarbonat transportiert und ist zentral für den Säure-Basen-Haushalt


Wichtige Merke:

• SpO₂ / SaO₂ ≠ PaO₂

• PaO₂ allein beschreibt nicht den gesamten O₂-Transport

• Klinik immer zusammen mit Hb, Sättigung, pH und CO₂ bewerten


📈 Sauerstoffbindungskurve


Die O₂-Bindungskurve ist S-förmig:

• im oberen Bereich: große PaO₂-Änderungen → kleine Sättigungsänderungen

• im steilen Bereich: kleine PaO₂-Abfälle → deutlicher Sättigungsabfall


Verschiebungen:

• Linksverschiebung: höhere O₂-Affinität, schlechtere Gewebeabgabe

Ursachen: Alkalose, Hypokapnie, Hypothermie, CO-Hb, MetHb

• Rechtsverschiebung: leichtere O₂-Abgabe

Ursachen: Azidose, Hyperkapnie, Fieber


⚠️ Sonderfall:

Bei CO-Vergiftung kann das Pulsoxymeter scheinbar normale Werte anzeigen.


📟 Pulsoxymetrie


Stärken:

• nicht invasiv

• schnell verfügbar

• kontinuierliches Monitoring von SpO₂ und Puls


Typische Einsatzbereiche:

• Dyspnoe

• perioperatives Monitoring

• COPD-Exazerbation

• Sedierung / Opioidgabe

• Notfall- und Intensivmedizin


Grenzen und Fehlerquellen:

• schlechte Perfusion, Schock, Hypothermie

• Bewegungsartefakte, Tremor

• Nagellack, Kunstnägel, Umgebungslicht

• Dys-Hämoglobine

• misst kein CO₂, keinen pH, kein Laktat, kein Bicarbonat


Wichtiger Praxispunkt:

Unter O₂-Gabe kann Hypoventilation mit CO₂-Anstieg trotz noch normaler SpO₂ übersehen werden.


🎯 Zielwerte für Sauerstoff


• Erwachsene meist: ca. 92–96 %

• bei Hyperkapnierisiko, v. a. COPD: häufig 88–92 %


Merke:

Sauerstoff ist ein Medikament — gezielt geben, titrieren, kontrollieren.


🩸 Blutgasanalyse


Formen:

• arteriell: Goldstandard für Oxygenierung und Ventilation

• venös: gut für pH, HCO₃⁻, Laktat, metabolische Einschätzung

• kapillär: begrenzt nützlich, für Oxygenierung weniger zuverlässig


Wichtiger Fehler:

Venöse pO₂- und Sättigungswerte nie mit arteriellen Normwerten vergleichen.


🧪 Präanalytik der BGA


Häufige Fehlerquellen:

• Luftblasen → pO₂ falsch hoch, pCO₂ falsch niedrig

• verzögerte Analyse → pH und pO₂ sinken, pCO₂ und Laktat steigen

• unzureichendes Mischen → Gerinnsel

• Hämolyse möglich


Wenn Werte nicht plausibel sind: zuerst Präanalytik prüfen.


🧭 Systematische BGA-Interpretation


Immer in derselben Reihenfolge:

1. pH

2. pCO₂

3. HCO₃⁻ / Base Excess

4. Kompensation

5. Oxygenierung

6. Laktat, Elektrolyte, Glukose, Hb


Typische Muster:

• respiratorische Azidose: pH ↓, pCO₂ ↑

• respiratorische Alkalose: pH ↑, pCO₂ ↓

• metabolische Azidose: HCO₃⁻ ↓, BE negativer

• metabolische Alkalose: HCO₃⁻ ↑, BE ↑


Gemischte Störungen sind häufig und werden nur durch systematisches Vorgehen erkannt.


🚨 Klinische Kernpunkte


• SpO₂ allein reicht nicht zur Beurteilung der Ventilation

• bei Sedierung/Opioiden früh an Hyperkapnie denken

• Laktat > 2 mmol/l relevant, ab 4 mmol/l besonders alarmierend

• BGA immer im Kontext der aktuellen Sauerstoffgabe interpretieren

• Hyperoxie vermeiden


✅ Take-home-Messages


• Pulsoxymetrie = schnell, nicht invasiv, gut fürs Monitoring, aber begrenzt

• BGA = invasiver, dafür deutlich informationsreicher

• Nie Einzelwerte isoliert bewerten

• Immer Klinik + SpO₂ + pH + pCO₂ + HCO₃⁻ + Laktat + Hb zusammen denken

• Besonders bei COPD mit Hyperkapnierisiko: Zielbereich oft 88–92 %

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