🦴 Beckenringfrakturen: Stabilität und Blutung im Fokus
Bei jeder relevanten Beckenverletzung zwei Fragen parallel beantworten:
• Ist der Beckenring mechanisch stabil?
• Besteht eine relevante Blutung mit hämodynamischer Instabilität?
Entscheidend für die Stabilität ist der hintere Beckenring.
🧠 Anatomie und Instabilität
Der Beckenring besteht dorsal aus Sakrum, Iliosakralgelenken und kräftigen Bandstrukturen, ventral aus Schambeinen und Symphyse.
• Hinterer Ring intakt: meist stabil
• Teilweise unterbrochen: rotatorisch instabil
• Vollständig unterbrochen: rotatorisch und vertikal instabil
Acetabulumfrakturen sind von Beckenringfrakturen abzugrenzen, da Diagnostik und Therapie deutlich abweichen.
🚑 Typische Konstellationen
Jüngere Patient:innen:
• Hochrasanztrauma, Sturz aus Höhe, Verkehrsunfall
• Häufig Polytrauma und relevante Blutung
Ältere Patient:innen:
• Niedrigenergietrauma bei Osteoporose
• Fragilitätsfrakturen, oft mit übersehener dorsaler Sakrumfraktur
• Bei persistierenden Leisten-, Gesäß- oder tief lumbalen Schmerzen: großzügig CT einsetzen
📊 Klassifikation
AO-Klassifikation:
• Typ A: hinterer Ring intakt, stabil – meist konservativ
• Typ B: partielle dorsale Unterbrechung, rotatorisch instabil – z. B. Open-Book- oder laterale Kompressionsverletzung
• Typ C: vollständige dorsale Unterbrechung, rotatorisch und vertikal instabil – meist operative Stabilisierung
Fragilitätsfrakturen nach Rommens:
• FFP I–II: häufig konservativer Therapieversuch
• FFP III–IV: meist operative Stabilisierung bei dorsaler Instabilität oder fehlender Mobilisierbarkeit
🩸 Schockraum: Blutung kontrollieren
Eine instabile Beckenfraktur kann mehrere Liter retroperitoneal bluten. Ein negatives E-FAST schließt diese Blutung nicht aus.
Bei Hypotonie, Tachykardie, Laktaterhöhung oder Base Deficit:
• ABCDE-Versorgung und Traumateam aktivieren
• Großlumige Zugänge, Kreuzblut, Gerinnung, Blutgasanalyse
• Massivtransfusionsprotokoll nach lokalem Standard
• Tranexamsäure früh erwägen, ideal innerhalb von 3 Stunden
• Kristalloide zurückhaltend einsetzen
🩹 Beckengurt richtig anwenden
Bei Verdacht auf instabile Verletzung oder hämodynamischer Instabilität:
• Beckengurt über den Trochanteren anlegen
• Nicht über Bauch oder Beckenschaufeln positionieren
• Beine bei Bedarf vorsichtig innenrotieren und zusammenfixieren
• Keine wiederholte Beckenfederung: Hämatome können destabilisiert und Blutungen verstärkt werden
Bei anhaltender Instabilität: Beckenzwinge, Fixateur externe, präperitoneales Packing und/oder Angioembolisation – abhängig von Blutungsquelle und lokaler Expertise.
🔎 Untersuchung und Bildgebung
Warnzeichen:
• Perineale, inguinale oder gluteale Hämatome
• Blut aus Urethra, Vagina oder Anus
• Beinlängendifferenz, Beckenschiefstand, neurologische Ausfälle
• Reithosenanästhesie, Blasen- oder Mastdarmstörung
Bei Verdacht auf Harnröhrenverletzung keinen transurethralen Katheter ohne vorherige Abklärung.
CT mit Kontrastmittel ist bei Hochrasanztrauma, Polytrauma und unklaren Schmerzen im Alter besonders wertvoll.
🏥 Weiterbehandlung
Konservativ:
• Ausreichende Analgesie
• Frühfunktionelle, schmerzadaptierte Mobilisation
• Thromboseprophylaxe nach Blutungskontrolle
• Frühzeitige Reevaluation bei Schmerzen oder Mobilisationsproblemen
Operativ bei:
• Instabilen Typ-B- und Typ-C-Verletzungen
• Dislokation oder Symphysensprengung
• Dorsaler Instabilität
• Progredienter Dislokation oder anhaltender Immobilität
⚠️ Wichtige Komplikationen
• Hämorrhagischer Schock
• Urogenitale, rektale, vaskuläre und neurologische Verletzungen
• Thrombose und Lungenembolie
• Infektion, Pseudarthrose, Implantatprobleme
• Chronische Schmerzen sowie Blasen-, Darm- und Sexualfunktionsstörungen
🎯 Take-home-Message
Blutung kontrollieren, Becken früh stabilisieren, dorsale Instabilität erkennen und eine sichere, frühzeitige Mobilisation ermöglichen.