Interessante GĂ€ste, die ihre topaktuellen Informationen und ihr profundes Hintergrundwissen zu internationalen Sicherheitsfragen mit uns teilen.
Im Atlantic Talk kommen Menschen zu Wort, die sich beruflich mit den VerĂ€nderungen von Sicherheitslagen befassen, die Nuancen aufspĂŒren; Experten, die diplomatische oder militĂ€rische Verschiebungen bewerten und die ihre Analyse dann in politische Handlungsoptionen umsetzen.
Drohnen, die ihr Ziel selbst finden, Abwehrsysteme, die anfliegende Drohnen fast ohne menschliches Zutun vom Himmel holen oder Software, die schneller Ziele vorschlĂ€gt, als ein Mensch sie prĂŒfen kann. Das ist lĂ€ngst keine Science-Fiction mehr, sondern real in den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten. Gleichzeitig ringen Staaten darum, wie viel Entscheidung Maschinen haben sollen.
In dieser Folge des Atlantic Talk Podcasts ist Dr. Frank Sauer von der UniversitĂ€t der Bundeswehr MĂŒnchen zu Gast und erklĂ€rt, was heute schon im Einsatz ist: KI-Systeme, die Sensordaten aus Satelliten, Drohnen, Kameras und Radar zusammenfĂŒhren und daraus Ziele generieren. âUnd dadurch hat man diese enormen Zielmengen, die man in kurzer Zeit abarbeitet und dadurch eben eine Beschleunigung von dem, was man im Allgemeinen die Kill Chain nennt.â
Sauer macht deutlich, dass der Begriff âKĂŒnstliche Intelligenzâ zu unscharf ist. Entscheidend seien konkrete Funktionen wie Sensordatenfusion und Objekterkennung â Technologien, die auch in Smartphones stecken. Das zeigt eine Besonderheit dieser Technologie-Entwicklung: Im Gegensatz zu vielen Entwicklungen in der Vergangenheit war hier die primĂ€re Nutzung zivil, und seit ein paar Jahren âhecheln eigentlich die MilitĂ€rs der zivilen Innovation hinterherâ.
Auch Deutschland rĂŒstet um, hat erstmals Kamikaze-Drohnen bestellt und tauscht Gefechtsfelddaten mit der Ukraine. âWas so eine Loitering Munition ausmacht, ist, dass der Operator sich mit dem Waffensystem vorher darauf verstĂ€ndigt hat, was das Ziel istâ, erklĂ€rt Sauer. Diese Waffen seien gerade fĂŒr den Fall entwickelt worden, dass elektronische KampffĂŒhrung den Funkkontakt zum menschlichen Bediener unterbrechen kann.
Die Zeit der langen deutschen Debatten ĂŒber bewaffnete Drohnen sei zu seinem Bedauern angesichts der gegenwĂ€rtigen Sicherheitslage vorbei, so Sauer. Dennoch: KI macht Fehler, und im Krieg können diese Fehler Leben kosten. Die menschliche Freigabe sei dabei keine Garantie fĂŒr Kontrolle. âDer Human in the Loop war im Grunde schon lĂ€nger ein Zombieâ. Er plĂ€diert stattdessen fĂŒr Meaningful Human Control: Menschen mĂŒssen Verantwortung ĂŒbernehmen, Kriegsvölkerrecht anwenden und tatsĂ€chlich urteilen können. Doch auch dieses Konzept stöĂt an Grenzen, wenn der Wettlauf um Geschwindigkeit immer weitergeht.
âDie Zukunft ist da, nur nicht gleichmĂ€Ăig verteiltâ â Im GesprĂ€ch mit Host Dario Weilandt ĂŒber die Entwicklungen der nĂ€chsten Jahre gibt Frank Sauer zu bedenken, dass er heute wesentlich mehr fĂŒr wahrscheinlich hĂ€lt als vor ein paar Jahren: Humanoide KI wird es geben. Ebenso viele unbemannte Flugkörper, die miteinander kommunizieren. Kampfpanzer werden eher eine Art Mutterschiff fĂŒr Drohnen sein. Die Welt werde sehr ârumpeligâ werden. Und es werde wohl erst dann echte RĂŒstungskontrolle geben, wenn ein Vorfall âdie Welt heimgesucht hatâ. Deshalb sei es wichtig, sich âmit Eindringtiefeâ mit diesem Thema zu beschĂ€ftigen.
(72) Frieden schaffen mit Atomwaffen? Mit Agnieszka Brugger MdB (Bâ90/GrĂŒne)
âAtomwaffen sind der gröĂte Irrsinn, den diese Menschheit erfunden hatâ, sagt Agnieszka Brugger, eine europĂ€ische Atomwaffe hĂ€lt sie fĂŒr eine schlechte Idee. Aber die deutsche Beteiligung an der französischen NuklearĂŒbung »Poker« und die daraus entstehende engere Zusammenarbeit zwischen Frankreich und GroĂbritannien findet sie richtig. Die sei vor allem eine politische StĂ€rkung der europĂ€ischen Abschreckung und ErgĂ€nzung des US-Schutzschirms und demonstriere Geschlossenheit.
Die stellvertretende Vorsitzende der GrĂŒnen-Bundestagsfraktion sagt im Atlantic Talk Podcast, diese Geschlossenheit könne mehr Sicherheit bringen, wenngleich Frankreich Finanzierung, Entwicklung und Entscheidungsgewalt in nationaler Hand behalte. Das sei der viel bessere Weg als eine deutsche, skandinavische oder gesamteuropĂ€ische Nuklearwaffe anzustreben, denn das wĂŒrde den Nichtverbreitungsvertrag weiter schwĂ€chen und andere Staaten zur Nachahmung ermuntern: »Man muss ĂŒberlegen, wie man seinen Schutz vergröĂern kann, ohne auf der anderen Seite eine groĂe Spirale der Verbreitung auszulösen«.
Weil New START und andere VertrĂ€ge nicht mehr gelten und damit Obergrenzen, Inspektionen, Datenaustausch und funktionierende KommunikationskanĂ€le fehlen, sei die Welt jetzt ohnehin »extrem viel gefĂ€hrlicher«. Deshalb greife der Vergleich der Gegenwart mit dem Kalten Krieg zu kurz, denn damals habe man ja erkannt, dass Risiken durch VertrĂ€ge und Dialog eingeht werden mĂŒssen.
Im GesprĂ€ch mit Podcast-Host Dario Weilandt spricht Agnieszka Brugger auch darĂŒber, wie sich ihrer Meinung nach nukleares WettrĂŒsten kontrollieren lieĂe und die Welt zu funktionierender RĂŒstungskontrolle zurĂŒckkehren könnte. Sie hofft am Ende von den politischen Verantwortlichen der Welt, »dass angesichts der brutalen RealitĂ€t irgendwann dann doch wieder die Einsicht kommt, dass man hier im Sinne der gesamten Menschheit sich an einen Tisch setzen muss«.
Sie selbst und ihre Partei, die ihre Wurzeln in der Friedensbewegung hat, sei weiterhin »eine Partei, die sich fĂŒr Frieden, Menschenrechte und Sicherheit einsetzt«. Das bedeute in der gegenwĂ€rtigen RealitĂ€t die Verteidigung der europĂ€ischen Friedensordnung mit Waffenlieferungen an die Ukraine, dem Ausbau militĂ€rischer FĂ€higkeiten und der nuklearen Teilhabe. Diese Erkenntnis sei bitter. Trotz allem halte sie am idealistischen AbrĂŒstungsziel fest, das hoffentlich kommt, ohne dass die Welt eine nukleare Katastrophe erlebt.
(Aufgezeichnet am 24.08.2026)
(71) Schneller beschaffen, geheim halten, kontrollieren â geht das gleichzeitig? Mit Thomas Röwekamp (CDU)
Deutschland beschleunigt die AufrĂŒstung â aber kann das Parlament noch wirksam kontrollieren? Eine SchlĂŒsselrolle spielt dabei der Verteidigungsausschuss des Bundestages, der eine besondere Stellung hat. âSie macht sich auf jeden Fall darin bemerkbar, dass wir uns in jeder Sitzung unseres Ausschusses auch mit der verteidigungspolitischen Lage beschĂ€ftigenâ, sagt Thomas Röwekamp MdB (CDU), seit 2025 Ausschussvorsitzender.
Der Verteidigungsausschuss kann sich als einziger selbst zu einem Untersuchungsausschuss erklĂ€ren. Er ĂŒberwacht, âob die VerteidigungsfĂ€higkeit Deutschlands und unsere FĂ€higkeitsbeitrĂ€ge zur VerteidigungsfĂ€higkeit der NATO sichergestellt sindâ. FĂ€higkeitslĂŒcken sollen gar nicht erst entstehen oder mĂŒssen schnell geschlossen werden. Der Verteidigungsausschuss kontrolliert Beschaffungen, ihren Zeit- und Kostenrahmen.
GrĂŒndlich prĂŒfen, ohne unnötig zu bremsen, das sei âkein Dilemma, was man nicht lösen kannâ, zeigt sich Röwekamp ĂŒberzeugt. Verbesserungsbedarf sieht er dennoch: Zwischen der Beratung von MilitĂ€rstrategie und FĂ€higkeitsprofil der Bundeswehr und der konkreten Vergabe von Beschaffungen fehle die strategische Steuerung, die sich an den tatsĂ€chlichen Bedarfen orientiert.
Moderator Dario Weilandt spricht mit dem Bundestagsabgeordneten ĂŒber ganz konkrete âBaustellenâ: die Reformagenda fĂŒr den Umbau der Neubeschaffung (mit âwesentlichenâ und ârichtigen VerĂ€nderungenâ), das gestoppte Projekt FCAS (und welche Lehren man daraus ziehen kann) und die nicht ĂŒberall gelingende Instandhaltung des militĂ€rischen GerĂ€ts (bei der Röwekamp vorhandene FĂ€higkeiten der Bundeswehr betont).
Und es geht um Geheimnisse: Vieles wird im Verteidigungsausschuss nicht nur hinter verschlossenen TĂŒren besprochen, sondern unterliegt auch der Geheimhaltung. Wie kann die gelingen, wenn bei solchen Sitzungen mitunter hundert Personen anwesend sind oder wenn insbesondere die AfD-Fraktion mit kleinen Anfragen wiederholt versucht, an sicherheitsrelevante Informationen zu kommen? Röwekamp sagt: âWir klassifizieren sehr genauâ.
Im Atlantic Talk Podcast geht es auch um die Frage, wie das nötige Vertrauen in staatliche Institutionen (wieder) entstehen kann, wenn zugleich viele sicherheitspolitische Informationen geheim gehalten werden. Röwekamp sagt: âIndem man eine offene Kommunikation ĂŒber die Sachverhalte pflegt und fĂŒhrt, die offen sindâ.
(Aufgezeichnet am 12.06.2026)
(70) Der Umbau der Bundeswehr bis 2039 hat begonnen â mit Generaloberstabsarzt Dr. Nicole Schilling
âWir mĂŒssen uns tatsĂ€chlich darauf vorbereiten, dass wir unsere StreitkrĂ€fte so ausbilden mĂŒssen, dass sie einen Einsatz und das heiĂt eben auch in einem Krieg gegen einen militĂ€risch gleichstarken Gegner auch bestehen könnenâ, sagt Nicole Schilling. Die Lage sei hochkomplex mit einer Gleichzeitigkeit militĂ€rischer Konflikte und einer Dynamik, wie es sie seit Jahrzehnten nicht gab. Die Reaktion der Bundeswehr: Sie hat sich erstmals in ihrer Geschichte eine MilitĂ€rstrategie gegeben. Die deutsche Armee soll in den nĂ€chsten Jahren zur âkonventionell stĂ€rksten Streitkraft Europasâ werden. Was bedeutet das konkret fĂŒr die Bundeswehr organisatorisch, fĂŒr die Menschen, die dienen sollen â aktiv oder in der Reserve â und die Gesellschaft?Â
DarĂŒber spricht Host Dario Weilandt in dieser Folge des Atlantic Talk Podcasts mit der Stellvertreterin des Generalinspekteurs der Bundeswehr im Bundesverteidigungsministerium, Generaloberstabsarzt Dr. Nicole Schilling.Â
Statt in Kontingenten mĂŒsse man die Bundeswehr jetzt wieder als Ganzes denken; im Prinzip Ă€hnlich wie im Kalten Krieg. Man kann also innerhalb der Bundeswehr einerseits auf bestehende Konzepte zurĂŒckgreifen, aber einiges werde auch neu organisiert und das unter Zeitdruck.
Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, in denen es in der Bundeswehr durchaus Probleme bei der Beschaffung gab, laufe es âauf allen Ebenen gut anâ, so Schilling, beispielsweise in der Logistik, beim Luftverteidigungssystem Aero 3 und: 2025 war das einstellungsstĂ€rkste Jahr seit dem Aussetzen der Wehrpflicht 2011. Projekte wĂŒrden heute ganz anders aufgesetzt: Entwicklung, Erprobung, Nutzung und Schulung wĂŒrden viel mehr parallel stattfinden, in engem Dialog auch zwischen Truppe und Industrie. Das Innovationszentrum Erding werde entsprechend aufgestellt.Â
In dieser Podcast-Episode geht es auch um die Ănderungen in der Planung von Operationen in Bezug auf KI, um die Panzerbrigade 45 an der NATO-Ostflanke in Litauen, das Zusammentragen von AufklĂ€rungsergebnissen mit den NATO-Partnern, DrohnenabwehrfĂ€higkeiten und den Host-Nation-Support, den Deutschland gewĂ€hrleisten muss. Denn im Falle eines Falles wĂŒrde Deutschland zur Drehscheibe, Material und Truppen der NATO wĂŒrden sich durch Deutschland bewegen.Â
Dabei werde die âneue Reserveâ eine besondere Rolle spielen. Nicole Schilling erlĂ€utert, wie diese kĂŒnftig Aufgaben bekommt, die die aktive Truppe nicht (mehr) ĂŒbernimmt. Anders gesagt: Die aktive Truppe ist dann auf die Reserve auch angewiesen. âEin ganz neues Denken, was wir so, glaube ich, tatsĂ€chlich noch nie hattenâ, so Schilling. Sie erlĂ€utert, wie dazu die Aus- und Weiterbildung der Reservisten neugestaltet wird.Â
Sind die Menschen in Deutschland â und damit eine Gesellschaft, die seit Jahrzehnten im Frieden lebt â bereit fĂŒr eine glaubwĂŒrdige Verteidigung? Nicole Schilling sagt, sie sei fest davon ĂŒberzeugt, ebenso wie davon, dass die Bundeswehr auf demokratisch festen FĂŒĂen stehe, die robust genug sind gegenĂŒber undemokratischen Tendenzen. FĂŒr Truppe und Bevölkerung findet sie eins besonders wichtig: Handlungssicherheit.
Herbst 2029. In der Ukraine herrscht seit drei Jahren Waffenstillstand. In Deutschland gestaltet sich nach der Bundestagswahl die Bildung einer neuen Regierung schwierig. Frankreich ist unter PrĂ€sident Jordan Bardella aus der integrierten Kommando-Struktur der NATO ausgetreten. JD Vance ist PrĂ€sident der USA und macht deutlich: EuropĂ€ische Sicherheit ist allein Sache der EuropĂ€er. In dieser Situation gibt es wĂ€hrend einer Ăbung auffĂ€llige russische Truppenbewegungen, die verstörend wirken. Der Generalinspekteur lĂ€utet die Alarmglocken âŠ
Der Atlantic Talk Podcast startet diesmal mit einem fiktiven Worst-Case-Szenario, das Dr. Jana Puglierin fĂŒr ihr neues Buch âWer verteidigt Europa?â entwickelt hat. Die Leiterin des Berliner BĂŒros des European Council on Foreign Relations ist bei Dario Weilandt zu Gast und spricht mit ihm darĂŒber, wie realistisch ein russischer Angriff auf Europa in den nĂ€chsten Jahren ist. Immerhin gibt es nachrichtendienstliche Hinweise, dass so ein Angriff vorbereitet wird. Puglierin sagt, es gebe in Europa eine Art Konsens, dass die europĂ€ischen Staaten in den nĂ€chsten fĂŒnf Jahren am verwundbarsten seien.
Sie verweist auf die FĂ€higkeiten Russlands, den Einfluss von âGelegenheitsfensternâ und erlĂ€utert die Intentionen Russlands: imperiale Kontrolle, die Umgestaltung der europĂ€ischen Sicherheitsordnung mit RĂŒckabwicklung der NATO-Osterweiterung und eine neue Weltordnung mit anderen Regeln. Welche hybriden und militĂ€rischen Mittel Russland dafĂŒr tatsĂ€chlich wĂ€hlt, das sei nicht so klar.
Unterdessen stellen die USA die EuropĂ€er als Konkurrenten dar oder gar als strategische Gegner und unterstĂŒtzen europĂ€ische RechtsauĂen-Parteien. Droht den EuropĂ€ern eine ideologische Informations-Doppelfront? Welche realistischen Optionen gibt es trotzdem fĂŒr Europa, die USA langfristig zu binden oder die nötigen FĂ€higkeiten zu entwickeln, sich eigenstĂ€ndig zu verteidigen?
Im GesprĂ€ch ĂŒber diese Fragen kommen Moderator Dario Weilandt und Jana Puglierin auch auf die Verzahnung von konventioneller (europĂ€ischer) und nuklearer (vor allem US-amerikanischer) Abschreckung zu sprechen. Sie sprechen auch darĂŒber, inwieweit mehr europĂ€ische taktische Atomwaffen nötig und sinnvoll sind.
Puglierin betont, dass die europĂ€ischen Staaten strategische SchlĂŒsselkapazitĂ€ten gemeinsam aufbauen sollten, weil solche Kooperationen zu einer langfristigen Bindung zwischen den Staaten fĂŒhren. Ob die EuropĂ€er diese Einigkeit und EigenstĂ€ndigkeit hinbekommen sei eine Schicksalsfrage. Vorauseilend zu sagen, âwir schaffen es eh nichtâ, sei hingegen keine Option.
Buch: Jana Puglierin (2026): Wer verteidigt Europa? Die neuen Kriegsgefahren und was wir tun mĂŒssen, um uns zu schĂŒtzen. Rowohlt, ISBN: 978â3â498â00799â7, https://www.rowohlt.de/buch/jana-puglierin-wer-verteidigt-europa-9783498007997
Studie: Greenpeace (2025): Wann ist genug genug? KrĂ€ftevergleich NATO â Russland. https://www.greenpeace.de/frieden/kraeftevergleich-nato-russland
Report: University of St. Gallen & Hertie School Centre for International Security (2026): Mind the Deterrence Gap: Assessing Europeâs Nuclear Options, https://securityconference.org/assets/02_Dokumente/01_Publikationen/2026/ENSG/Mind_the_Deterrence_Gap%E2%80%93Report_of_the_ENSG.pdf
Podcast: Machtwechsel: Der Kanzler im Interview (18.02.2026), https://machtwechsel.podigee.io/236-machtwechsel-im-interview-mit-bundeskanzler-friedrich-merz
Podcast: Mark Leonardâs World in 30 Minutes: Munich Security Conference Special with Elbridge Colby (13.02.2026), https://ecfr.eu/podcasts/episode/munich-security-conference-special-with-elbridge-colby/
(68) Psychologische Dimensionen hybrider KriegsfĂŒhrung und demokratische Widerstandskraft. Mit Marina Weisband
Deutschland befindet sich im Krieg, einem hybriden Krieg. Neben Spionage und Cyberangriffen ist vor allem die Bevölkerung das Angriffsziel. âDie öffentliche Meinung wird tatsĂ€chlich gezielt und sehr, sehr strukturiert angegriffen, und zwar seit etwa 2015. Und das ist natĂŒrlich mit das GefĂ€hrlichste, was man machen kann, wenn das Ziel eine Demokratie ist, wenn also die öffentliche Meinung schlieĂlich zu policy wird.â
Im Atlantic Talk Podcast analysiert Marina Weisband die Mechanismen russischer Einflussnahme und zeigt am Beispiel des gesellschaftlichen Zusammenhalts der Ukrainerinnen und Ukrainer Wege zur StÀrkung demokratischer Widerstandskraft auf. Sie beschreibt, welche Methoden, die sie seit der Annexion der Krim genau beobachtet hat, heute auch in Deutschland angewendet werden. In der Ukraine verbreiteten Bot-Armeen gezielt Desinformation, posteten manipulierte Fotos und pushten die Nazi-ErzÀhlung. Seit 2015 seien viele dieser Bots, die vorher vermeintliche Ukrainer waren, vermeintliche Deutsche geworden.
Der Mechanismus dahinter ist simpel aber fatal: Von Sozialen Medien sickern Desinformationen auch in die groĂen Medien. ErzĂ€hlungen beispielsweise ĂŒber nie wirklich geschehene sexuelle BelĂ€stigungen durch Migranten seien gezielt gestreut worden. âDann haben echte Journalisten das aufgegriffen. Dann haben echte Menschen sich Sorgen gemacht. Und dann kam es zu Talkshows rund um das Thema.â
Weisband erlĂ€utert im GesprĂ€ch mit Moderator Dario Weilandt, wie leicht die mediale Ăffentlichkeit zu beeinflussen sei. Besonders fatal sei das Zusammenspiel von Medienlogiken und ihrer Mitschuld, einer Politik, die ohne Emotion und Vision kommuniziert, und gezielten Angriffen aus dem Ausland, die diese Schwachstellen ausnutzen.
Der SchlĂŒssel zur ukrainischen Widerstandskraft liege in einem fundamentalen Wandel wĂ€hrend der Maidan-Bewegung: âEs entstand dort etwas, das ich der Ukraine nie zugetraut hĂ€tte aus der Geschichte heraus, nĂ€mlich ein GefĂŒhl von Selbstwirksamkeit, ein GefĂŒhl von: Das ist unser Platz.â Diese Ownership wirke: âWenn ich Ownership ĂŒber eine Gesellschaft habe, dann verteidige ich die Gesellschaft. Dann fĂŒhle ich mich mehr in Kontrolle. Je mehr ich mich in Kontrolle fĂŒhle, desto ruhiger bin ich, desto reflektierter kann ich gucken.â
Genau davon brauche es mehr in Deutschland: mehr Zusammenhalt, mehr Selbstwirksamkeit. Dazu sei BĂŒrgerbeteiligung wichtig. Die Politik insgesamt und insbesondere auch die EuropĂ€ische Union brauche eine emotionale ErzĂ€hlung fĂŒr ihre positive Macht: âDie EU ist das, was zwischen dem absoluten Monopol steht â Digital-Feudalismus, auf den wir gerade mit groĂen Schritten zusteuern â und Demokratien.â
(67) Sprechen ĂŒber Sicherheit: ehrlich, klar, im Dialog. Mit KT zu Guttenberg
Karl-Theodor zu Guttenberg nennt als Vorbild das Land auf Platz 1 des World Happiness Index: Finnland. Dort, wo die Menschen besonders glĂŒcklich sind, gibt es hohes Vertrauen in die Regierung und öffentliche Institutionen, weil dort Politik Lage und Entscheidungen nicht nur erklĂ€rt, sondern auch zuhört, transparent und ehrlich kommuniziert. Das gelinge dort auch bei sicherheitspolitischen Themen gut, wĂ€hrend Finnland gleichzeitig eines der am meisten bedrohten LĂ€nder Europas sei.
Als Karl-Theodor zu Guttenberg 2009 Verteidigungsminister wurde, bestimmten vor allem abstrakte Bedrohungen und AuslandseinsĂ€tze die sicherheitspolitische Agenda. Ăber die RealitĂ€t des Afghanistan-Einsatzes beispielsweise habe damals ein âDeckmantel des Schweigensâ gelegen. â Er habe versucht, offen und ohne Euphemismen darĂŒber zu kommunizieren. Das sei auch fĂŒr die heutige Situation der richtige Weg.
WĂ€hrend seiner Amtszeit setzte er die Wehrpflicht aus â eine damals richtige Entscheidung, wie er sagt. Heute habe sich die Lage aber grundlegend verĂ€ndert: Russland fĂŒhre nicht nur Krieg in der Ukraine, sondern bedrohe ganz Europa und das NATO-BĂŒndnisgebiet mit fast tĂ€glichen Cyberangriffen, Sabotageakten und DrohnenĂŒberflĂŒgen. âIch gehe schon so weit, dass ich sage: Wir befinden uns â Europa â bereits in einem Krieg.â Ăber die Konsequenzen daraus mĂŒsse offener gesprochen werden â ohne Angst vor Reaktionen in der Debatte.
Die Dringlichkeit sicherheitspolitischer Entscheidungen mĂŒsse in einer realitĂ€tsbezogenen Kommunikation oft wiederholt werden, das gehe auch ohne âTonalitĂ€t des SĂ€belrasselnsâ. Inder Narrative wie âNie wieder Kriegâ und âFrieden schaffen ohne Waffenâ seien tief in der Gesellschaft verankerte WĂŒnsche, blieben historisch betrachtet aber fast immer eine Utopie. Er findet: âFrieden schaffen, ohne Waffen einzusetzen, aber sie gleichzeitig zu haben, um zu vermeiden, dass die andere Seite, die auch ĂŒber sie verfĂŒgt, sie selbst einsetztâ, das mĂŒsse das Ziel sein und auch so formuliert werden, auch wenn es âein Halbsatz mehrâ sei.
Im GesprĂ€ch mit Atlantic Talk-Moderator Dario Weilandt plĂ€diert zu Guttenberg fĂŒr eine Streitkultur mit mehr Substanz, Respekt und ernsthaftem Zuhören â sowohl in der Ăffentlichkeit als auch im familiĂ€ren und gesellschaftlichen Umfeld. Am Ende dieser Podcast-Folge verrĂ€t âKTâ zu Guttenberg, wie er sich selbst nennt, seine drei GrundsĂ€tze fĂŒr ein Kommunikationskonzept fĂŒr deutsche Sicherheitspolitik.
(66) Freiheit schĂ€tzen, Freiheit schĂŒtzen â eine gemeinsame Aufgabe fĂŒr die abschreckungsfĂ€hige Gesellschaft
âEs muss uns gelingen, aus dieser latenten Angst Selbstbewusstsein zu machen, dass diese Gesellschaft mit anderen zusammen in der Lage ist, einen solchen Krieg zu verhindernâ, sagt Sigmar Gabriel, âund zwar dadurch, dass wir uns so stark machen, dass keiner auf die Idee kommt, mit einem Krieg anzufangen.â
Der SPD-Politiker und frĂŒhere Stellvertreter der Bundeskanzlerin erklĂ€rt auch, was dazu seiner Meinung nach vor allem nötig ist: âDie wichtigste Voraussetzung dafĂŒr, einen potenziellen Angreifer aus Russland abschrecken zu können, ist, dass eine Gesellschaft sich ihrer Lage bewusst ist. Erstens, dass es etwas zu verteidigen gibt, nĂ€mlich dass wir in einer der wirklich liberalsten und freiheitlichsten Gesellschaften auf dem Planeten hier leben, und dass [diese Freiheit] zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren ernsthaft bedroht ist.â
Im Atlantic Talk Podcast spricht Gastgeber Oliver Weilandt mit Sigmar Gabriel darĂŒber, vor welchen sicherheitspolitischen Aufgaben nicht nur der Staat Deutschland steht, sondern welche Verantwortung die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger der Bundesrepublik haben. Denn die Kehrseite der Freiheit sei die Verantwortung. Dass der Krieg in der Ukraine âwas mit uns zu tun hat und dass Russland eigentlich den Westen bekĂ€mpft und nicht nur die Ukraine â das glaube ich nicht, dass das schon angekommen istâ, so die EinschĂ€tzung des frĂŒheren AuĂenministers und heutigen Vorsitzenden der Atlantik-BrĂŒcke.
Er sieht die Wehrpflicht als eine gute Möglichkeit fĂŒr eine wirkliche tiefgreifende gesellschaftliche Debatte, denn wenn praktisch in jedem Haushalt darĂŒber gesprochen werden muss, âob man zur Bundeswehr geht oder nicht und was das eigentlich bedeutetâ, dann könne eine Gesellschaft âin der Diskussion auch den Konflikt irgendwann auflösen oder auch mit Mehrheit entscheidenâ.
Damit die Gesellschaft die gegenĂŒber der Vergangenheit fundamental verĂ€nderte Bedrohung auch versteht und diskutiert, ist Sigmar Gabriel auch fĂŒr eine deutliche Sprache: Es gehe eben um mehr als VerteidigungsfĂ€higkeit. âVerteidigungsbereit zeigt, ich kann mein Territorium verteidigen. AbschreckungsfĂ€hig ist: âVersuchâs erst gar nicht, das landet bei dir!â Dazu sind wir in der Lageâ.
In dieser Folge des Atlantic Talk Podcasts geht es auch darum, wie die EuropĂ€erinnen und EuropĂ€er gemeinsam in der sich verĂ€ndernden Welt agieren sollten. Oliver Weilandt und Sigmar Gabriel sprechen ĂŒber die gleichzeitig stattfindenden Einigungs- und Spaltungstendenzen innerhalb Europas. Wie sollte sich die EU in der sich verschiebenden globalen Ordnung positionieren, wie zum Beispiel mit den BRICS-Staaten umgehen? Eine Forderung Deutschlands nach einem stĂ€ndigen Sitz im UN-Sicherheitsrat sieht Gabriel als so kontrĂ€r zur Auffassung des globalen SĂŒdens, dass er sich âwundere, dass sie immer noch vertreten wirdâ.
Der SPD-Politiker ist sich sicher, es werde rund zehn Jahre brauchen, die Bundeswehr wieder so auszurĂŒsten, dass sie eine abschreckungsfĂ€hige Territorialarmee ist. Und das bedeute auch, dass Deutschland und Europa die Amerikaner lĂ€nger brauchen, als gewĂŒnscht. Zugleich macht Gabriel deutlich, wie essentiell die Bereitschaft Deutschlands im europĂ€ischen wie transatlantischen Kontext ist, nach einem Waffenstillstand die Ukraine gegen einen möglichen erneuten Ăberfall Russlands abzusichern. Wenn Deutschland dann âneinâ sagen wĂŒrde, âdann können wir einpackenâ.
Im Grunde geht es in dieser Folge auf ganz unterschiedlichen Ebenen um Werte: Die Freiheit, aus der sich eine Verantwortung fĂŒr die deutsche und europĂ€ische Gesellschaft fĂŒr ihre Verteidigung ergibt, aber eben auch die Grundlagen, die Staaten miteinander verbinden und beispielsweise ĂŒber viele Jahrzehnte das transatlantische VerhĂ€ltnis zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika geprĂ€gt haben.
Gabriel beruft sich auf Churchill, wenn er sagt, dass es Freundschaften zwischen Staaten eigentlich nicht gibt, wohl aber gemeinsame Interessen. Das Wertefundament mit den USA werde möglicherweise âverdammt dĂŒnnâ. Wenn es um gemeinsame Interessen geht, dann könnten Deutschland und die EU weiter mit den USA zusammenarbeiten. DarĂŒber hinaus gelte es aber auch jetzt schon, eine ganze Reihe anderer internationaler Partner zu finden.
Auch in den transatlantischen Beziehungen habe es immer wieder RĂŒckschlĂ€ge gegeben. Trotzdem hĂ€tten sie sich am Ende immer zum Besseren weiterentwickelt. âEs gibtâ, sagt Sigmar Gabriel, âkeinen Grund zur Annahme, dass sozusagen jetzt das Ende der Geschichte erreicht sei.â
(65) Indien zwischen Kaschmir-Krisen und Aufstieg zur drittgröĂten Volkswirtschaft
In der Region Jammu und Kaschmir im Norden Indiens schwelt seit Jahrzehnten der Kaschmir-Konflikt. Wegen der regelmĂ€Ăigen GewaltausbrĂŒche zwischen Indien und Pakistan und weil beide Staaten Atomwaffen besitzen, gilt Kaschmir als eine der gefĂ€hrlichsten Regionen der Welt. Die letzte Eskalation Anfang Mai 2025 wurde ausgelöst durch einen Terroranschlag bei Pahalgam. Indien reagierte mit der âOperation Sindoorâ, mit gezielten MilitĂ€rschlĂ€gen auf mutmaĂliche Terrorcamps in Pakistan, was wiederum zu Gegenangriffen Pakistans fĂŒhrte. Es kam zu schweren KĂ€mpfen an der Grenze und zu gegenseitigen Anschuldigungen und Sanktionen. Inzwischen gibt es eine Waffenruhe, doch es herrscht weiter eine diplomatische Eiszeit.
In dieser Folge des Atlantic Talk Podcasts schauen Moderator Dario Weilandt und sein Gast Dr. Tobias Scholz (Stiftung Wissenschaft und Politik, zugeschaltet aus Indien) mit etwas Abstand auf diesen Kurzkrieg. WĂ€hrend Indien versucht, den indischen Teil Kaschmirs zu einer wirtschaftlich attraktiven Region zu machen, stellen sich islamistische Gruppen aus Pakistan dagegen, erlĂ€utert Dr. Scholz. FĂŒr den jĂŒngsten Terroranschlag mache Indien jedoch nicht nur diese Terrorgruppen verantwortlich, sondern auch Pakistan direkt. So drohe aus einem Konflikt zwischen Indien und den Terrorgruppen ein bilateraler Konflikt zwischen Indien und Pakistan zu entstehen.
Dazu trĂ€gt auch bei, dass Indien den Indus-Wasservertrag ausgesetzt hat, der seit 1960 die Wasserverteilung der fĂŒr Pakistan wichtigen Lebensader regelt. Wenn Indien das Wasser selbst nutzen wĂŒrde, könnte das aus Sicht Pakistans eine rote Linie ĂŒberschreiten. Das sei âeine schlechte Entscheidung Indiens aus globaler Perspektiveâ, urteilt Dr. Scholz. Denn durch das Aussetzen dieses internationalen Vertrags erscheine Indien, das eigentlich in einer Opferrolle ist, nun als aggressiver Akteur.
Wie gefĂ€hrlich ist eine solche Situation in Anbetracht der Tatsache, dass Indien und Pakistan nicht nur ĂŒber Nuklearwaffen verfĂŒgen, sondern darĂŒber hinaus auch China einen Teil der Kaschmir-Region beansprucht und ebenfalls Nuklearmacht ist? Dr. Scholz sieht keine direkte Gefahr fĂŒr den Einsatz von Nuklearwaffen, denn daran lasse derzeit keiner der drei Staaten ein Interesse erkennen. Die Gefahr gehe eher davon aus, dass durch nicht-staatliche Terrorgruppen bilaterale Konflikte mit der Zeit soweit eskalieren, dass dann eine nukleare Schwelle erreicht werden könnte. Vom ânuklearen SĂ€belrasseln Pakistansâ lasse sich jedoch weder die Regierung noch die Bevölkerung Indiens verunsichern.
Im letzten Teil richtet der Atlantic Talk Podcast den Blick auf Indiens wachsende Rolle in der Welt. Dr. Scholz betont, schon jetzt sei Indien ein Akteur, der FachkrĂ€fte in alle Welt sendet. Wirtschaftlich hat Indien Japan bereits nach einigen Indizes ĂŒberholt und könnte wohl in zwei bis drei Jahren zur drittgröĂten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen. Gleichzeitig hat das Land immer noch rund 800 Millionen Einwohner, die von akuter Armut betroffen sind. Wie positioniert sich das Land auĂenpolitisch und was bedeutet das fĂŒr die Beziehungen im Konfliktfeld zwischen den USA und China? Darum geht es ebenso wie um die erneuten Verhandlungen zwischen der EU und Indien ĂŒber ein Freihandelsabkommen sowie Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaften. Dr. Tobias Scholz sieht ein Momentum dafĂŒr, dass die Verhandlungen diesmal gelingen könnten.
(64) Europas VerteidigungsfĂ€higkeit: RealitĂ€t, HĂŒrden, Perspektiven