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Explorez tous les épisodes du podcast Was liest du gerade?
Plongez dans la liste complète des épisodes de Was liest du gerade?. Chaque épisode est catalogué accompagné de descriptions détaillées, ce qui facilite la recherche et l'exploration de sujets spécifiques. Suivez tous les épisodes de votre podcast préféré et ne manquez aucun contenu pertinent.
| Titre | Date | Durée | |
|---|---|---|---|
| Sex mit Künstlicher Intelligenz | 24 Aug 2024 | 00:41:05 | |
Wir sprechen über Alexander Schimmelbuschs neuen Roman „Karma“, der
einen Blick in die Zukunft wagt. Wie sieht Deutschland im Jahr 2033 aus?
Was wird die Künstliche Intelligenz mit uns machen? Und vor allem: Wie
steht es in wenigen Jahren um die Liebe und den Sex?
Auch Martina Hefters neuer Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir?“
handelt von der Liebe im digitalen Zeitalter. Die Heldin des Romans
treibt in ihrer Leipziger Wohnung nachts ein aufregendes Spiel mit
Love-Scammern. Also mit Männern, die einsamen Frauen auf Instagram Liebe
versprechen, um ihnen am Ende ihr Geld abzuknöpfen. Doch hier hält die
Erzählerin souverän alle Fäden in der Hand, während ihr schwer kranker
Partner im Nebenzimmer an seinem Roman arbeitet.
Unser Klassiker ist Robert Musils erster Roman „Die Verwirrungen des
Zöglings Törless“ aus dem Jahr 1906. Er bietet nicht nur erstklassigen
Lesegenuss, sondern auch reichlich Stoff, um über den spektakulären
Untergang der Welt des 19. Jahrhunderts, sowie über die Entdeckung
sexueller und seelischer Abgründe zu diskutieren.
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| Vier Bücher, um die US-Wahlen zu verstehen | 10 Aug 2024 | 00:56:29 | |
Selten war ein Wahlkampf derart turbulent – vom Attentat auf Donald
Trump bis zu Joe Bidens Verzicht und der Einwechslung von Kamala Harris
als Kandidatin der Demokraten. Wohin treibt Amerika? Es gibt viele
Bücher, die versuchen, ein Land im Aufruhr zu erklären. Für ein "Was
liest du gerade?"-Spezial sprechen Maja Beckers und Alexander Cammann
über vier Sachbücher, die sich wirklich lohnen.
Da ist das neue Buch von Daniel Ziblatt und Steven Levitsky,
Politikwissenschaftler in Harvard und Autoren des Weltbestsellers Wie
Demokratien sterben. Sie glauben, die amerikanische Demokratie stehe am
Abgrund, weil Mehrheiten sich nicht mehr durchsetzen können. In ihrem
neuen Buch Die Tyrannei der Minderheit erklären sie, warum das
amerikanische Wahlsystem geradezu darauf ausgelegt ist, dass eine
reaktionäre Minderheit sich durchsetzt und warum deshalb diese reiche
Demokratie besonders anfällig ist für den Autoritarismus.
Jemand, der davon profitiert, ist J. D. Vance, Trumps Kandidat für die
Vizepräsidentschaft. In der Rubrik Der erste Satz diskutieren unsere
Hosts über ein Zitat aus seinem gefeierten Buch Hillbilly-Elegie von
2016. Was meint Vance damit, wenn er den weißen Armen im Rust Belt eine
geradezu spirituelle Kultur des Scheiterns attestiert?
Wachsende Zeltstädte, Sucht und Obdachlosigkeit – die oft extreme Armut
in den USA ist ein zentrales Thema vieler Wahlkampfdebatten. Matthew
Desmond ist Soziologe in Princeton und Pulitzer-Preisträger. In seinem
Buch Armut. Eine amerikanische Katastrophe versucht er zu verstehen,
warum Armut in den USA ein derart gravierendes und dauerhaftes Problem
ist. Und er kommt zu einigen überraschenden Schlüssen, die mit den
üblichen Erklärungen von rechts (Migration) und links (Neoliberalismus)
nichts zu tun haben.
Und warum spielen individuelle Rechte, von Schwangerschaftsabbrüchen bis
Black Lives Matter, in den amerikanischen Diskussionen immer so eine
große Rolle? Aufschlussreich ist da ein Blick in vier Essays von Judith
Shklar, die unter dem Titel Der Liberalismus der Rechte zum Klassiker
geworden sind. Die 1992 verstorbene und seit einigen Jahren
wiederentdeckte Theoretikerin findet, dass genau dieser Fokus auf
persönliche Rechte typisch ist für den besonderen amerikanischen
Liberalismus.
Sie erreichen das Team von Was liest du gerade? unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Steven Levitsky, Daniel Ziblatt: "Die Tyrannei der Minderheit. Warum die
amerikanische Demokratie am Abgrund steht und was wir daraus lernen
können", übersetzt von Klaus-Dieter Schmidt, DVA, 352 Seiten, 26 Euro
Matthew Desmond: "Armut. Eine amerikanische Katastrophe", übersetzt von
Jürgen Neubauer, Rowohlt, 304 Seiten, 20 Euro
JD Vance: "Hillbilly-Elegie", übersetzt von Gregor Hens, Ullstein, 304
Seiten, 18 Euro
Judith Shklar: "Der Liberalismus der Rechte", übersetzt von Dirk Höfer,
Hannes Bajohr (Hg.), Matthes & Seitz, 203 Seiten, 16 Euro
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| Verborgene Leidenschaft, missbrauchte Chorknaben und ein Sklave, der sich selbst befreit | 06 Apr 2024 | 00:38:09 | |
Dieses Mal geht es um einen tollen neuen Trend: Klassiker der
Weltliteratur werden noch einmal neu geschrieben, aber jetzt viel
moderner und zeitgemäßer. Wir sprechen über Percival Everetts Remake
von Mark Twains Huckleberry Finn. In der neuen Fassung des Romans ist es
der Sklave James, der die alte Geschichte von Rassismus und brutaler
Unterdrückung aus seiner Sicht erzählt. Bei Everett ist der Sklave kein
dummer, pseudokindlich sprechender Schwarzer mehr wie bei Twain, sondern
ein gebildeter Schwarzer, der die Weißen schlau an der Nase herumführt,
indem er den Dummen nur spielt.
Außerdem tauchen wir in dem Debüt der Österreicherin Julia Jost, Wo der
spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht, noch einmal
ein in das schöne Kärnten in seiner alten Pracht und Scheußlichkeit,
samt unverbesserlichen Alt-Nazis, neurechten Populisten, schlagenden
Vätern und missbrauchten Messdienern.
Unser Zitat der Woche stammt aus Inga Machels Debütroman Auf den
Gleisen, einem berührenden Erinnerungsbuch über einen jungen Mann, der
seinen an Depressionen leidenden Vater verloren hat.
Unser Klassiker ist die Neuübersetzung von Julien Greens Roman Treibgut,
einem vor über neunzig Jahren zum ersten Mal erschienenen Paris-Roman,
der unnachahmlich die Abgründe unerfüllter Liebe auslotet.
Sie erreichen das Team von Was liest du gerade? unter: buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Percival Everetts: James, Hanser, 336 Seiten, 26 Euro
Jette Jost: Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf
fletscht, Suhrkamp, 231 Seiten, 24 Euro
Inga Machels: Auf den Gleisen, Rowohlt, 160 Seiten, 22 Euro
Julien Green: Treibgut, Hanser, 400 Seiten, 28 Euro
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| Der perfekte Faschist | 23 Mar 2024 | 00:48:32 | |
Eine Jüdin heiratet einen Top-Faschisten und Mussolini ist Trauzeuge?
Klingt wie ein Roman und ist doch wahr. Die amerikanische Historikerin
Victoria de Grazia erzählt in "Der perfekte Faschist" die Geschichte
eines italienisch-jüdisch-amerikanischen Glamourpaares in Mailand und
Rom der 1920er-Jahre. Wer verstehen will, wie der Faschismus die
italienische Gesellschaft bis in die bürgerlichen Kreise erobert hat,
wie Italien in den Krisen und Kriegen Anfang des 20. Jahrhunderts
tickte, der lese diesen brillanten Pageturner. Der Soziologe Jens
Beckert will erklären, warum es mit dem Stopp des Klimawandels nicht so
einfach klappt. "Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den
Klimawandel zu scheitern droht" ist eine Bestandsaufnahme der heißen
gesellschaftlichen Debatten momentan – aber erfahren wir auch etwas
Neues darin?
In der Rubrik „Der erste Satz“ gackern wir mit einem unterschätzten
Tier, es ist ja bald Ostern: Sally Coulthard präsentiert in "Am Anfang
war das Huhn" unterhaltsam alles, was wir über diese Vögel, die Eier und
alles andere zwischen Kultur, Natur, Mythologie und Biologie heute
wissen – das Huhn ist wirklich ein rasend interessantes Tier!
Und unser Klassiker kommt diesmal aus Amerika: Der berühmte
Schriftsteller Mark Twain lebte 1891/92 für ein paar Monate in Berlin –
und was er da als Reisender Lustiges und Befremdliches erlebt hat, nicht
zuletzt auf dem wie heute heftig umkämpften Wohnungsmarkt, das hat er in
fünf sehr komischen, hochaktuellen Reisereportagen den Amerikanern
damals berichtet. Frohe Ostern, gutes Hören und Lesen!
Sie erreichen das Team von "Was liest du gerade?" Unter buecher@zeit.de
Literaturangaben:
Sally Coulthard: "Am Anfang war das Huhn", übersetzt von Andrea
Kunzmann, Harper Collins, 304 S., 24 Euro
Jens Beckert: "Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel
zu scheitern droht", Suhrkamp, 238 S., 28 Euro
Victoria de Gracia: "Der perfekte Faschist", Wagenbach, 512 S., 38 Euro
Mark Twain: "Wie man in Berlin eine Wohnung mietet", Bebra Verlag, 80
S., 10 Euro
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| Ein letztes Mal Weltliteratur von Gabriel García Márquez | 09 Mar 2024 | 00:49:49 | |
In der neuen Folge von „Was liest du gerade“ sprechen Iris Radisch und
Adam Soboczynski über ein echtes Weltereignis: Der große Gabriel García
Márquez ist zwar bald zehn Jahre tot, aber er hat einen fertigen Roman
nachgelassen: „Wir sehen uns im August“, der jetzt zeitgleich in vielen
Sprachen erscheint. Es geht, wie immer beim legendären „Gabo“ um Sex, um
Treue, um Träume von einem anderen, wilderen Leben. Immer am 16. August
fährt Ana Magdalena Bach auf eine kleine Karibikinsel, um Gladiolen auf
das Grab ihrer Mutter zu legen. Danach vergnügt sie sich im Hotel Jahr
um Jahr und Kapitel für Kapitel reichlich deftig mit allen möglichen
Herren. Ansonsten ist sie eine brave Ehefrau. „Garbo“ wollte den Roman
nicht mehr veröffentlichen, hielt ihn für schlecht. Seine Söhne sahen
das anders. Die Meinungen gehen auseinander: Ist das letzte Buch des
Weltstars nun eine peinlich machohafte Altherrenfantasie? Oder ein
herrlich melancholisches Porträt der sexuellen Sehnsüchte älterer
Frauen?
Außerdem geht es um den vermutlich interessantesten Roman dieser Saison:
Timon Karl Kaleytas „Heilung“, ein mit allen Wassern der Ironie, der
Gegenwartskritik und der literarischen Parodie gewaschener Roman eines
jungen Autors, der das Zeug hat zum deutschsprachigen Michel Houellebecq
zu werden.
Der Klassiker ist diesmal Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“, ein
erstaunlich schwüler Versuch das Freudsche Unbewusste zum ersten Mal für
die Literatur zu entdecken.
Sie erreichen das Team von "Was liest du gerade?" unter: buecher@zeit.de
Literaturangaben:
Gabriel García Márquez: Wir sehen uns im August, übers. von Dagmar
Ploetz, Kiepenheuer & Witsch, 144 Seiten, 23 Euro
Timon Karl Kaleyta: Heilung, Piper, 208 Seiten, 22 Euro
Iris Wolff: Lichtungen, Klett-Cotta, 256 Seiten, 24 Euro
Arthur Schnitzler: Traumnovelle, Reclam, 125 Seiten, 3,60 Euro
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| Früher ging's auch ohne Patriarchat | 24 Feb 2024 | 00:44:48 | |
Von wegen Speer und Mammutjagd: Die schwedische
Wissenschaftsjournalistin Karin Bojs hat ein Buch über Frauen in der
Frühgeschichte geschrieben. Und es ging damals weiblicher zu, als wir
heute denken. Mit Netzen gingen Frauen auf die Jagd, und vielleicht
betete man sogar zu einer Göttin. Frauen waren auch damals oft die
stärkere Hälfte, ebenso wie ihre vergessenen Erforscherinnen – wie das
unterhaltsame Buch "Mütter Europas" zeigt. Ein dramatisches Kapitel der
deutschen Geschichte präsentiert in seinem spannenden Buch "Marseille
1940" der Journalist Uwe Wittstock: Nachdem die deutsche Wehrmacht im
Zweiten Weltkrieg Frankreich besiegt hatte, mussten zahlreiche
Emigranten in Frankreich plötzlich fliehen, darunter etwa Heinrich Mann,
Hannah Arendt, Lion Feuchtwanger. Sie versuchten, unter
lebensbedrohlichen Umständen nach Amerika zu kommen. Der Autor erzählt
von ergreifenden Schicksalen und von der Geheimmission des
amerikanischen Journalisten Varian Fry, der für die Flüchtlinge in
Marseille Pässe und Auswege organisierte.
In der Rubrik "Der erste Satz" geht es diesmal um ein verrücktes,
schreckliches Phänomen: die frei zugänglichen Schusswaffen in Amerika –
und ihre alltäglichen Opfer. Der Schriftsteller Paul Auster hat über
diesen Wahnsinn einen ergreifenden, die Hintergründe erklärenden Essay
geschrieben, ergänzt um Fotos zahlreicher Tatorte.
Der aktuelle Klassiker hat hingegen Verständnis für eines der ältesten
Laster der Welt: Das Buch "Betrunkenes Betragen" hat schon 1968 gezeigt,
dass es beim Alkohol in vielen Kulturen nur auf das Vorbild ankommt –
wenn alles richtig läuft, dann klappt der wilde Rausch auch ohne
schlimme Enthemmung.
Sie erreichen das Team von "Was liest du gerade?" unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Paul Auster: Bloodbath Nation, Rowohlt, 192 S., 26 Euro
Karin Bojs: Mütter Europas, C.H. Beck, 252 S., 26 Euro
Uwe Wittstock: Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur, 351 S.,
26 Euro
Craig MacAndrew / Robert B. Edgerton: Betrunkenes Betragen, Galiani, 304
S., 24 Euro
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| Murakamis Märchen für Erwachsene | 10 Feb 2024 | 00:48:30 | |
In der neuen Folge des Buchpodcasts "Was liest du gerade?" sprechen Iris
Radisch und Adam Soboczynski über den neuen Roman des japanischen Autors
Haruki Murakami "Die Stadt und ihre ungewisse Mauer". Wie immer bei
Murakami geht es um eine geheimnisvolle Parallelwelt zu unserer
nüchternen Welt, in der wir brav zur Arbeit gehen, Essen kochen und früh
ins Bett steigen, um am nächsten Morgen wieder exakt das Gleiche zu
machen. Die einsamen Nerds von Murakami kommen, wie von Zauberhand, in
eine geheime Stadt, in der man keinen Schatten mehr hat und auch sonst
alles völlig störungsfrei und geordnet zugeht, fast wie im wirklichen
Leben. Sind Murakamis Märchenwelten für Erwachsene wirklich überzeugend?
Was ist die Magie seines Erzählens?
Das Zitat des Monats kommt diesmal von der südkoreanischen Autorin Han
Kang. In der "Griechischstunde" geht es um eine Frau, die alles im Leben
verloren hat, ihr Kind, ihren Mann und sogar ihre Sprache. Doch findet
sie neuen Lebenssinn in der Liebe zum alten Griechisch und ihrem
Griechischlehrer.
Außerdem geht es um den politischen Essay von Sofi Oksanen "Putins Krieg
gegen die Frauen", in dem die finnisch-estnische Autorin an den Westen
appelliert, die von der russischen Armee ausgeübte sexuelle Gewalt
ernster zu nehmen. Massenvergewaltigungen seien eine systematisch
eingesetzte Kriegswaffe, der weibliche Körper seit jeher ein
Schlachtfeld russischer Kriegsführung.
Der Klassiker ist die Erzählung "In der Strafkolonie" von Franz Kafka –
eine visionäre Parabel auf unser zerstörerisches Maschinenzeitalter oder
eine abgründige Parodie judaischer Mystik? In jedem Fall ein
faszinierendes Meisterwerk.
Literaturangaben:
Haruki Murakami: "Die Stadt und ihre ungewisse Mauer", Dumont, 640
Seiten, 34 Euro
Sofi Oksanen: "Putins Krieg gegen die Frauen", Kiepenheuer & Witsch, 336
Seiten, 24 Euro
Han Kang: "Griechischstunde", Aufbau, 204 Seiten, 23 Euro
Franz Kafka: "In der Strafkolonie", Wagenbach, 128 Seiten, 8,90 Euro
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| Alle Macht den Boomern! | 27 Jan 2024 | 01:01:52 | |
Noch stellen sie den Kanzler, aber was haben die Babyboomer heute
wirklich noch zu sagen? Maja Beckers und Alexander Cammann diskutieren
über das neue Buch des Soziologen Heinz Bude, „Abschied von den
Boomern“, und darüber, warum Generationendebatten vor allem in
Deutschland so ein Dauerbrenner sind. Außerdem geht es um Andrea
Elliotts Pulitzer Preis-gekrönte 700-Seiten-Reportage „Kind im Schatten“
über ein amerikanisches Leben in Armut und Diskriminierung. Dafür
begleitete die New York Times-Reporterin ein Mädchen in Brooklyn über 8
Jahre, zwischen Drogen, Gewalt und Obdachlosenunterkunft.
Die Rubrik "Der erste Satz" gilt diesmal einem kleinen, aber effektiven
Freund: dem Ausrufezeichen! Die Literaturwissenschaftlerin Florence
Hazrat hat sich das wahrscheinlich emotionalste Satzzeichen und seine
verblüffende Geschichte genauer angesehen. Aus ihrem Buch "Das
Ausrufezeichen" kommt diesmal das Zitat.
Der aktuelle Klassiker ist diesmal eine Essaysammlung von Jean Améry:
"Der neue Antisemitismus". Amérys rund 50 Jahre alte Texte über die
blinden Flecken der Linken, wenn es um Israel und den Nahostkonflikt
geht, sind leider erschreckend aktuell.
Literaturangaben:
Florence Hazrat: Das Ausrufezeichen. Eine rebellische Geschichte,
HarperCollins, 224 Seiten, 20 Euro
Heinz Bude: Abschied von den Boomern, Hanser, 144 Seiten, 22 Euro
Andrea Elliott: Kind im Schatten. Armut, Überleben und Hoffnung in New
York City, Ullstein, 27,99 Euro
Jean Améry: Der neue Antisemitismus, 128 Seiten, 18 Euro
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| Kabarettistinnen-Schlendrian trifft auf US-Eliteuni | 13 Jan 2024 | 00:48:48 | |
In der neuen Folge des Podcasts "Was liest du gerade?" diskutieren Iris
Radisch und Adam Soboczynski über den wilden Erstling der israelischen
Bestsellerautorin Zeruya Shalev "Nicht ich", der jetzt mit 30-jähriger
Verspätung auf Deutsch erscheint. Das Buch ist eine Achterbahnfahrt im
Inneren einer jungen Frau, die ihre Familie verlässt. Am Ende weiß man
nicht mehr, was wahr und was falsch, wo oben und wo unten ist. Ihr Kind
wird angeblich von Soldaten in unterirdische Gänge verschleppt, die
junge Frau selbst ist zwischen Ex-Mann, Liebhaber, Vater und
Ex-Liebhaber ständig hin- und hergerissen. Liebes- und Familienneurosen
vermischen sich mit dem bedrohlichen politischen Alltag. Oder war alles
ganz anders? Fest steht nur: Der Roman enthält bereits alle Motive und
Themen der großartigen Autorin in einer noch rohen, radikalen Urfassung.
Ähnlich radikal, aber bedeutend heiterer ist der autobiografische
Reisebericht "Iowa" von Stefanie Sargnagel, die ein paar Monate an einer
amerikanischen Provinzuniversität unterrichtet hat und davon mit viel
Humor und Selbstironie zu erzählen weiß. Hier trifft der
Kabarettistinnen-Schlendrian alteuropäischer Prägung auf den smarten
Campusgeist einer US-Eliteuni – mit einem sehr lesenswerten Ergebnis.
Unser Klassiker sind die "Duineser Elegien" von Rainer Maria Rilke, die
es jetzt zum ersten Mal in einer Fassung mit allen Vorstufen zu lesen
gibt. Hier geht es gleich um alles, das Leben, den Tod, die Einsamkeit
des Menschen im Kosmos. Allein der Anfang des Zyklus geht Lyrikfans
unter die Haut: "Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen?"
Das Team von "Was liest du gerade?" erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Zeruya Shalev: Nicht ich, Piper, 208 Seiten, 24 Euro
Stefanie Sargnagel: Iowa, Rowohlt, 304 Seiten, 22 Euro
Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien und zugehörige Gedichte 1912 bis
1922. Hrsg. v. Christoph König; Wallstein, 494 Seiten, 39 Euro
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| Warum ist Brianna Wiest so erfolgreich? | 30 Dec 2023 | 00:52:19 | |
Es war eines der meistdiskutierten Themen 2023, ob in den Fällen Till
Lindemann oder Julian Reichelt: Welche Rolle spielt Macht beim Sex? Wo
liegen die Grenzen zum Übergriff? Die französische Philosophin Manon
Garcia analysiert in ihrem Buch "Das Gespräch der Geschlechter", was
einvernehmlicher Sex eigentlich ist. Warum sie glaubt, dass weder "Nein
heißt Nein" noch "Ja heißt Ja" der Sache gerecht werden, darüber
sprechen wir in unserer Rubrik "Der erste Satz".
Außerdem haben wir uns den Megaerfolg "101 Essays, die Dein Leben
verändern werden" vorgenommen. Seit über 20 Monaten steht Brianna Wiests
Lebenshilfe-Buch kontinuierlich in den Bestsellerlisten und pünktlich zu
Jahresende wieder ganz weit oben. Ist das der Ratgeber aller Ratgeber?
Was steckt hinter diesem überraschenden Erfolg?
Unser Sachbuch des Jahres und ebenfalls eine Überraschung ist Ewald
Fries preisgekrönte Familienforschung "Ein Hof und elf Geschwister" über
den dramatischen Wandel des Landlebens in Westdeutschland seit den
1950er-Jahren – eine bislang vergessene Geschichte, die viele betrifft.
Und eine, die auch Städter dieses Jahr unbedingt lesen wollten. Wir
sprechen darüber, warum dieses Buch so wichtig ist.
Und schließlich drehte sich im zurückliegenden Jahr sehr viel um
Künstliche Intelligenz: Joseph Weizenbaum war ein früher Warner vor
ihren Irrtümern und Gefahren – höchste Zeit, seinen Klassiker "Die Macht
der Computer und die Ohnmacht der Vernunft" von 1977 wieder zu lesen.
Literaturangaben:
Manon Garcia: Das Gespräch der Geschlechter. Eine Philosophie der
Zustimmung, Suhrkamp, 332 Seiten, 30 Euro
Brianna Wiest: 101 Essays, die Dein Leben verändern werden, Piper, 432
Seiten, 22 Euro
Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister. Der stille Abschied vom
bäuerlichen Leben in Deutschland, C. H. Beck, 191 Seiten, 23 Euro
Joseph Weizenbaum: Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft,
Suhrkamp, 369 Seiten, 2023 (1978)
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| Merkwürdige Vermutungen über die deutsche Seele | 16 Dec 2023 | 00:51:06 | |
In unserem Buchpodcast „Was liest Du gerade“ sprechen Iris Radisch und
Adam Soboczynski dieses Mal über die Erinnerungen von Durs Grünbein an
seine Großmutter und deren Leben in Dresden vor und während des Zweiten
Weltkriegs. Hat der Dichter hier den richtigen Ton getroffen? Oder
schwelgt er allzu ungebrochen in den Bildern des noch unzerstörten
Dresden? Verführt ihn das Erzählen aus der biederen
Großmutterperspektive nicht zu allerhand merkwürdigen Vermutungen über
die deutsche Seele zu Zeiten der NS-Diktatur?
Und wie steht es mit den Erinnerungen, die Thomas Hettche in seinem
neuen Roman „Sinkende Sterne“ an seine Kindheit im Schweizer Kanton
Wallis hat? Hier erbt sein gleichnamiger Erzähler das Ferienhaus der
verstorbenen Eltern. Doch als er es in Besitz nehmen will, geschehen
seltsame Dinge. Das Wallis wird durch eine Naturkatastrophe von der
Außenwelt abgeschnitten und auch politisch will es in die gute alte Zeit
zurück. Kommt Thomas Hettche, der sich in seinem Roman vom woken
Zeitgeist schwer genervt zeigt, diese konservative Wendung vielleicht
ganz gelegen?
Unser Zitat des Monats stammt aus dem aktuellen Roman „Ein neuer Name“
vom diesjährigen norwegischen Literaturpreisträger Jon Fosse. Und unser
Klassiker des Monats ist „Hunger“ von Knud Hamsun, der erste radikal
moderne Roman überhaupt, in dem man ganz in die Innenwelt eines
verrückten Hungerkünstlers eintaucht.
Literaturangaben:
Durs Grünbein: Der Komet, Suhrkamp, 262 Seiten, 35 Euro
Thomas Hettche: Sinkende Sterne, Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 25
Euro
Jon Fosse: Ein neuer Name, Rowohlt, 256 Seiten, 30 Euro
Knud Hamsun: Hunger, Penguin, 256 Seiten, 25 Euro
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| Vier fantastische Sachbücher zum Fest | 02 Dec 2023 | 00:57:32 | |
Bald ist es wieder so weit, alle suchen nach den passenden Geschenken zu
Weihnachten. Bücher gehören unbedingt dazu! In dieser Folge stellen Maja
Beckers und Alexander Cammann vier Sachbücher vor, mit denen sie bei der
Bescherung garantiert richtig liegen.
Für Naturfreunde: Jennifer Ackerman präsentiert in „Die geheime Welt der
Vögel“ Neues und Verblüffendes über diese Tiere, wie sie lieben,
arbeiten und erstaunlich gut lügen.
Für politisch Interessierte: Jörn Leonhard zeigt in seinem hochaktuellen
Buch „Über Kriege und wie man sie beendet“, wie kompliziert der Weg zum
Frieden meistens ist – von Karthago bis Kiew.
Für Freigeister und Ästheten: Niklas Maak und Leanne Shapton steigen ins
Auto und fahren in „Eine Frau und ein Mann“ die Strecken nach, auf denen
berühmte Paare in legendären Filmen unterwegs waren. Auch optisch ein
fantastischer Trip!
Und für alle Bahngeplagten: Wolfgang Schivelbuschs Klassiker „Die
Geschichte der Eisenbahnreise“ erzählt von einer der größten
technischen, kulturellen und mentalen Revolutionen der
Menschheitsgeschichte, von Schiene, Zugabteil und Reisenden in der 3.
Klasse.
Literaturangaben:
Jennifer Ackerman: Die geheime Welt der Vögel, Ullstein, 528 Seiten,
26,99 Euro
Jörn Leonhard: Über Kriege und wie man sie beendet, CH Beck, 208 Seiten,
18 Euro
Niklas Maak / Leanne Shapton: Eine Frau und ein Mann, Hanser, 224
Seiten, 26 Euro
Wolfgang Schivelbusch: Die Geschichte der Eisenbahnreise, Wagenbach, 256
Seiten, 16 Euro
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| Gin am rauschenden Meer und Esel auf der Hausweide | 29 Jul 2024 | 00:16:04 | |
In unserer August-Folge von Was liest du gerade? geht es um
Sommerbücher, die der Seele guttun. Wir blicken mit Anna Katharina
Fröhlichs Sommernovelle Die Yacht aufs rauschende Meer. Die in Italien
lebende Autorin entführt uns nach Sizilien in eine Welt des edlen
Müßiggangs. Geld spielt keine Rolle, alle tragen weiße Leinenkleider,
trinken Gin, ergehen sich in gebildeter Kulturkritik und glühenden
Leidenschaften. Natürlich endet alles in einem dramatischen Finale, in
dem diese herrlich sorglose Parallelwelt grandios in sich zusammenfällt.
Aber bis dahin schwelgen wir in geschmackvoller süditalienischer
Oberklassenherrlichkeit und einer verschwenderischen Wortpracht.
Ganz anders, aber auch sommerleicht geht es im Tagebuch der Dichterin
Sarah Kirsch zu. In Berlin dreht sich im historischen Sommer 1990 alles
um die Wiedervereinigung. Die Dichterin sitzt währenddessen in ihrem
Landhaus in Schleswig-Holstein und trinkt erst einmal "Koffie", füttert
die Katzen und bringt den Esel auf die Hausweide. Die Politik ist Sarah
Kirsch lästig, die Akteure in Berlin kommen ihr wichtigtuerisch und
eitel vor. Sie bevorzugt ein mönchisches Leben in der Natur und
hinterlässt uns ein hinreißendes Plädoyer für ein beschauliches
Sommeridyll auf dem Land.
Sie erreichen das Team von Was liest du gerade? unter: buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Anna Katharina Fröhlich: "Die Yacht; Eine Sommernovelle", Friedenauer
Presse, Berlin 2024, 164 S., 20,– Euro
Sarah Kirsch: "Der Sommer fängt doch so an! Tagebuch 1990", Steidl
Verlag, Göttingen 2023, 221 S., 24,– Euro
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| Provokante erotische Fantasien | 18 Nov 2023 | 00:53:45 | |
Alle sagen: Die britische Schriftstellerin Zadie Smith hat einen großen
historischen Roman geschrieben, der auf eine Weise aktuell,
anspielungsreich und anspruchsvoll ist, dass man ihn kaum noch aus der
Hand legen kann. Aber stimmt das wirklich? Iris Radisch und Adam
Soboczynski diskutieren über den neuen Roman "Betrug" der weltberühmten
Londoner Autorin.
Und: Die französische Autorin Anne Serre schwelgt in ihrem provokanten
Roman "Die Gouvernanten" in geheimnisvollen erotischen Fantasien. Drei
junge Frauen geben sich in einer Villa und in einem verwunschenen Park
rätselhaften Ausschweifungen hin, vergewaltigen männliche Besucher und
verführen die ihnen anvertrauten Kinder. Ist das alles nur erlesene
literarische Fantasie? Ein Fest des weiblichen Begehrens? Oder wird hier
sexuelle Gewalt verharmlost, weil sie literarisch anspruchsvoll
beschrieben wird und ausnahmsweise von jungen Frauen ausgeht?
Das Team erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
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| Warum jetzt noch mal Britney Spears? | 04 Nov 2023 | 01:01:55 | |
Sie hat mal wieder einen Nummer-eins-Hit gelandet. Britney Spears'
Memoiren "The Woman in Me" erschienen gleichzeitig in 17 Ländern und
steigen in Deutschland auf Platz eins der Sachbuch-Bestsellerliste ein.
Was macht dieses Buch der Sängerin unter all den Star-Memoiren so
besonders? Und wie kann man das Britney-Phänomen erklären? Heldin oder
Trash-Queen – oder einfach ein Opfer des Systems? Außerdem sprechen Maja
Beckers und Alexander Cammann über ein Buch des Historikers Frank
Trentmann: "Aufbruch des Gewissens" erzählt deutsche Geschichte seit
1942 und will den Wandel der Moral hierzulande erklären, vom Holocaust
zur Flüchtlingskrise 2015. Ob Familie oder Öffentlichkeit, Außen- oder
Umweltpolitik – sind wir wirklich überall die "Moralweltweister"?
In der Rubrik "Der erste Satz" geht es um den Essay "Alles und nichts
sagen. Vom Zustand der Debatte in der Digitalmoderne" der
Schriftstellerin Eva Menasse und die Frage, warum heute der
Meinungskampf im Internet und anderswo so irre tobt. Der besprochene
Klassiker dieser Folge ist "Die ersten Israelis. Die Anfänge des
jüdischen Staates" des Journalisten und Historikers Tom Segev. Das Buch
über die Gründungsgeschichte Israels kann aktuell helfen, die besondere
Komplexität des Nahostkonflikts zu verstehen.
Literaturangaben:
Eva Menasse: "Alles und nichts sagen. Vom Zustand der Debatte in der
Digitalmoderne", Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, 22 Euro
Frank Trentmann: "Aufbruch des Gewissens. Eine Geschichte der Deutschen
von 1942 bis heute", S. Fischer, 1.036 Seiten, 48 Euro
Britney Spears: "The Woman in Me. Meine Geschichte", Penguin, 288
Seiten, 25 Euro
Tom Segev: "Die ersten Israelis. Die Anfänge des jüdischen Staates",
Pantheon Verlag, 416 Seiten, 18 Euro
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| Verrücktes Aussteiger-Elternhaus meets Dorfjugend | 21 Oct 2023 | 00:41:54 | |
In den Kinos läuft gerade der Film Reise in die Wüste von Margarethe von
Trotta an, der vom tragischen Scheitern der großen Liebe zwischen Max
Frisch und Ingeborg Bachmann erzählt. Unser Satz des Monats im
Buchpodcast Was liest du gerade? stammt aus dem Buch, das Ingeborg
Bachmanns Bruder Heinz Bachmann über seine Schwester geschrieben hat. Er
heißt ganz lapidar: "Das Scheitern der Beziehung überraschte mich nicht
und hat mit der Ungleichheit der Beteiligten zu tun."
Außerdem diskutieren Iris Radisch und Adam Sobczynski über den neuen
Roman Das Haus von Monika Maron. Die scharfzüngige Autorin schreibt
dieses Mal über eine Alters-WG auf einem brandenburgischen Landgut.
Lauter akademische Luxusrentner aus Westberlin auf einem Haufen, kann
das literarisch gut gehen?
Eine WG anderer Art beschreibt Jan Peter Bremer in seinem
autobiografischen Roman Nach Hause kommen. Hier geht es um die
Künstlerkolonie im Wendland – jenes verlorene Zonenrandgebiet an der
Elbe, das schon in den 1970er-Jahren zu einem Aussteigerort für
Westberliner Stadtflüchtlinge wurde. Der Autor wuchs hier auf, zerrissen
zwischen seinem verrückten Aussteiger-Elternhaus und der Dorfjugend, mit
der er zurechtkommen musste.
Unser Klassiker des Monats ist Georg Büchners Lenz, auch eine Art
Aussteiger und ein Künstler, der es bedauert, nicht auf dem Kopf gehen
zu können.
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| Eine neuer Blick auf die USA – und aufs "kommunistische Manifest" | 17 Oct 2023 | 00:59:05 | |
Es ist die Überraschung dieses Sachbuchherbstes: Ausgerechnet der
renommierte Osteuropa-Historiker Karl Schlögel, hat mit American Matrix
ein 800-Seiten-Buch über Amerika geschrieben. Was hat das 20.
Jahrhundert zu einer amerikanischen Epoche gemacht? Schlögel wirft einen
ganz neuen Blick auf dieses so oft beschriebene Land und dessen
einzigartige Faszinationskraft – zwischen Highways und Wolkenkratzern,
Staudämmen und Motels, Grand Canyon, Los Angeles und Henry Fords
Autofabriken findet er jene Energie, die aus der Durchdringung eines
schier endlosen Raumes entstanden ist – und davon, was es trotz mancher
Parallelen von den Weiten Russlands unterscheidet.
Außerdem sprechen Maja Beckers und Alexander Cammann über Das Buch der
Phobien und Manien der britischen Autorin Kate Summerscale, eine Reise
durch die erstaunlichen Abgründe der menschlichen Seelenlandschaften –
von A wie Ablutophobie bis Z wie Zoophobie. Was steckt hinter
Höhenangst, dem Ekel vor Spinnen oder der Furcht des Apple-Gründers
Steve Jobs vor Knöpfen?
In der Rubrik Der erste Satz geht es um das Buch Gruppe und Graus von
Martin Hecht und die Frage, warum Gruppen heute so nervig sind.
Der besprochene "Klassiker" dieser Folge ist das Manifest der
kommunistischen Partei. Wenn alle wieder über Klassen reden, wie aktuell
ist dann die legendäre Kampfschrift von Karl Marx und Friedrich Engels?
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| Ein Künstler kehrt zurück ins Nazireich | 17 Oct 2023 | 00:46:28 | |
Seit Jahren warten alle ungeduldig auf den neuen Roman von Daniel
Kehlmann. Wir fragen uns: Kann der berühmte Autor mit seinem neuen Roman
über den deutschen Filmregisseur G. W. Pabst an seinen Welterfolg Die
Vermessung der Welt anknüpfen? Das neue Buch heißt Lichtspiel und ist
wieder ein Fall von virtuos aufbereiteter Doku-Fiktion. Dieses Mal geht
es um G. W. Pabst, einen berühmten Filmregisseur der Weimarer Republik,
der nach 1933 erst in die USA zieht, dann aber ins Nazireich
zurückkehrt. Kehlmann stellt die spannende Frage: Wie verändert sich ein
großer Künstler und seine Kunst, wenn er unter politisch amoralischen
Bedingungen arbeiten muss?
Außerdem streiten sich Adam Soboczynksi und Iris Radisch in Was liest du
gerade? über den neuen Roman der Suhrkamp-Autorin Marion Poschmann. Kann
man heute in einem modernen Frauenroman ernsthaft noch mit uralten
Mythologien der Weiblichkeit daherkommen? Und endet der Roman Chor der
Erinnyen, der genau das versucht, deswegen nicht in verblasenem Kitsch?
Das Zitat des Monats kommt in dieser ersten Podcastfolge aus dem neuen
Buch des Pariser Autors Emmanuel Carrère, der eine mitreißende Reportage
über die Prozesse nach den grausamen Pariser Attentaten des Jahres 2015
geschrieben hat.
Am Schluss begeistert sich das Kritikerteam einhellig über einen
Klassiker. Stefan Zweigs großes Epochenbuch Die Welt von gestern führt
uns vor Augen, wie zerbrechlich unsere Zivilisation ist und wie leicht
Kultur und Wohlstand von heute auf morgen genauso gut einfach
verschwinden können.
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| Was ist nur mit den Ossis los? | 13 Jul 2024 | 00:57:55 | |
Es ist ein Dauerbrenner in den öffentlichen Debatten: die schwierige
Situation in Ostdeutschland. Daher schauen Maja Beckers (West) und
Alexander Cammann (Ost) diesmal in der Sachbuchausgabe von Was liest Du
gerade? auf interessante Bücher von Ostdeutschen über den Osten. Der
Soziologe Steffen Mau plädiert für Realismus: In seinem Bestseller
Ungleich vereint erklärt er, weshalb der Osten auch in Zukunft sich vom
Westen unterscheiden wird und wie eine kluge Politik darauf reagieren
sollte. Die Tagesthemen-Moderatorin Jessy Wellmer, wie Mau in der DDR
geboren, erzählt in Die neue Entfremdung aus ihrer Kindheit in
Mecklenburg, von Freunden und Familie und deren Träumen und
Schwierigkeiten nach der Wiedervereinigung und von der
gesellschaftlichen Gefahr durch Klischees und bequeme Mythen.
Der erste Satz stammt diesmal aus einem besonderen Buch: Annett
Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann haben sich mehrfach getroffen,
diskutiert und gestritten und das alles in einen Gesprächsband Drei
ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat
verwandelt. Sie debattieren über Alltag und Aufwachsen in der DDR,
Feminismus, Familie und Kapitalismus, Utopien und Alternativen.
Als Klassiker empfehlen unsere Hosts diesmal Die Ostdeutschen. Kunde von
einem verlorenen Land: Der Soziologe Wolfgang Engler hat sich darin
bereits 1999 auf die Suche nach der speziellen Mentalität gemacht, die
in der DDR entstanden ist, und mit diesem Buch die Ost-West-Debatten
stark geprägt. Sind seine Thesen heute noch aktuell?
Ob Heimatkunde oder Entdeckungstrip: Der Osten bleibt also aufregend!
Sie erreichen das Team von Was liest du gerade? unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Steffen Mau: Ungleich vereint. Warum der Osten anders bleibt, Suhrkamp,
168 Seiten, 18,– €
Jessy Wellmer: Die neue Entfremdung. Warum Ost- und Westdeutschland
auseinanderdriften und was wir dagegen tun können, Kiepenheuer & Witsch,
256 Seiten, 24,– €
Annett Gröschner, Peggy Mädler, Wenke Seemann: Drei ostdeutsche Frauen
betrinken sich und gründen den idealen Staat, Hanser, 320 Seiten, 22,– €
Wolfgang Engler: Die Ostdeutschen. Kunde von einem verlorenen Land,
Aufbau, 352 Seiten, 12,– €
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| Eine Liebe aus Klagenfurt und eine in Ost-Berlin | 29 Jun 2024 | 00:40:53 | |
An diesem Wochenende wird der legendäre Ingeborg-Bachmann-Preis in
Klagenfurt verliehen. Seit Tagen streitet die Jury vor Publikum und
Fernsehkameras über literarische Texte vor den Augen der
Schriftstellerinnen und Schriftstellern. In dieser Folge von Was liest
du gerade? sprechen Iris Radisch und Adam Soboczynski daher über ein
neues Buch aus dem Nachlass von Ingeborg Bachmann mit dem Namen Senza
Casa. Von der österreichischen Schriftstellerin (1926–1973), zu deren
Ehren der Preis in ihrer Geburtsstadt verliehen wird, können im Juli
bislang unbekannte autobiografische Skizzen und Notizen aus Neapel,
Ischia und Klagenfurt entdeckt werden. Wir erfahren von einer
unerfüllten Liebe, vom Leid des Schreibens – aber immer ist sie voller
Lebenshunger, der ansteckend ist.
Jenny Erpenbeck wurde vor Kurzem mit ihrem Roman Kairos den
International Booker Prize verliehen. Wir sprechen über dieses große
Werk, das uns in die letzten Jahre der DDR entführt: Es spielt im
weinseligen und amourösen Intellektuellenmilieu Ost-Berlins. Wie wird in
diesem Roman der Westen gesehen? Wie die Stasi? Und warum ist die
Liebesgeschichte der jungen Protagonistin zu einem alten
Schriftstellerfreund so böse, toxisch und sadistisch?
Im Roman von Jenny Erpenbeck taucht auch der Schriftsteller Heiner
Müller auf. Unser Klassiker ist diesmal eine Erzählung von Müller aus
dem Jahr 1956: Das Eiserne Kreuz.
Der "Erste Satz" kommt diesmal aus dem ungewöhnlichen und lustigen Krimi
Die Frau mit den vier Armen von Jakob Nolte.
Sie erreichen das Team von Was liest du gerade? unter: buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Ingeborg Bachmann: Senza Casa, Suhrkamp, 336 Seiten, 42 Euro
Jenny Erpenbeck: Kairos, Penguin, 384 Seiten, 24 Euro
Jakob Nolte: Die Frau mit den vier Armen, Suhrkamp, 235 Seiten, 20 Euro
Heiner Müller: Werke 2. Die Prosa, Suhrkamp, herausgegeben von Frank
Hörnigk, 210 Seiten, 30 Euro
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| Sommer, Sonne, Sachbücher | 15 Jun 2024 | 00:54:01 | |
Ob am Strand, im Garten oder auf dem Balkon: Die Ferien können mit guter
Sachbuchlektüre noch schöner werden. Dafür haben Maja Beckers und
Alexander Cammann diesmal vier unterhaltsame und anregende Tipps parat.
Der Bestsellerautor Manfred Lütz hat in seinem neuen Buch einen ganz
besonderen Ort im Visier: Rom. In Der Sinn des Lebens erzählt er von der
Ewigen Stadt und ihren legendären Kunstwerken, den Bauwerken, Bildern
und Skulpturen, von der Antike bis heute. Lütz erklärt in Anekdoten und
Analysen die nie nachlassende Faszinationskraft der Stadt mit ihrer
besonderen Schönheit. Immer wieder hat sie die größten Künstler zu
Meisterwerken angestachelt, von Michelangelo, Raffael bis Caravaggio –
und sie zieht die Menschen aus aller Welt bis heute magisch an.
Besessen von Kunst war auch einer der erstaunlichsten Täter der
Kriminalgeschichte: Stéphane Breitwieser stahl in den 1990er-Jahren mit
seiner Lebensgefährtin Kunstwerke aus 200 Museen im Wert von einer
Milliarde Euro und hortete sie bei sich zu Hause. Michael Finkel hat den
spannenden Fall dieses Mannes rekonstruiert.
"Der erste Satz" stammt diesmal aus einem zur Reisezeit passenden Buch:
Marion Löhndorf erzählt vom Leben im Hotel, über die legendären Häuser
von Kalifornien bis Europa sowie ihre berühmten Gäste – und die
besondere Aura, die ein Hotel von der Airbnb-Wohnung immer noch
unterscheidet.
Als Klassikerin empfehlen unsere Hosts diesmal Anne Fadiman und ihr 1998
erschienenes Buch Ex Libris. Aus dem Leben einer Bibliomanin. Höchst
unterhaltsam schildert die amerikanische Autorin, was es im Alltag
bedeutet, eine leidenschaftliche Buchliebhaberin zu sein – viele
süchtige Leserinnen und Leser dürften sich bei ihr wiedererkennen.
In diesem Sinne, einen schönen Urlaub!
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| Hellwach sein ist auch keine Lösung | 01 Jun 2024 | 00:44:35 | |
In dieser Folge von Was liest du gerade? sprechen Iris Radisch und Adam
Soboczynski über die Fortsetzung der aktuellen Morgenstern-Serie von
Karl Ove Knausgård. Im neuen Band Das dritte Königreich steht noch immer
ein unbekannter Stern am Himmel, und es häufen sich magische und
unerklärliche Ereignisse. Die Mystery-Handlung des aktuellen Bandes
lässt viel Raum für die originellen philosophischen und theologischen
Reflexionen, für die der norwegische Starautor bekannt ist.
Außerdem sprechen sie über die aktuelle Neuerscheinung von Saša Stanišić
Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die
Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne. Das neue Buch des erfolgreichen,
aus Bosnien stammenden deutschsprachigen Schriftstellers ist ein
Erzählungsband, der humorvoll das Fremdsein junger Einwanderer in
Deutschland reflektiert, aber auch nachdenklich von der Einsamkeit alter
Frauen oder einer seltsamen Fantasiereise nach Helgoland erzählt. Die
Tonlage ist stets heiter und pointensatt. Das liest sich munter und
frisch. Oder kann es auch schon mal nerven?
In der neuen Reihe des Hanser Berlin Verlages, in dem aktuell die
existenziellen Themen des Lebens von prominenten Autoren und Autorinnen
essayistisch bearbeitet werden, hat Theresia Enzensberger einen
interessanten Essay über den Schlaf veröffentlicht. Woran liegt es, dass
immer mehr Menschen so schlecht schlafen? Warum hat der Schlaf so einen
miesen Ruf? Wäre es nicht besser, wenn man nicht ständig hellwach seien
müsste? Die Schriftstellerin führt anschaulich durch ein vermintes
Themenfeld und bekennt: Sie selbst kann auch nicht gut schlafen.
Willkommen im Club.
Passend zum Schlaf-Essay fragt der Klassiker diesmal nach den
unkontrollierten Nachtseiten der Existenz. In Heinrich von Kleists
Novelle Die Marquise von O … wird eine junge Witwe während einer
Ohnmacht von einem Unbekannten geschwängert und sucht anschließend in
schöner Unschuld per Zeitungsannonce nach dem Vater ihres ungeborenen
Kindes.
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Literaturangaben:
Karl Ove Knausgård: Das dritte Königreich, aus dem Norwegischen von Paul
Berf, Luchterhand Verlag, 656 Seiten, 28 Euro
Theresia Enzensberger: Schlafen, Hanser Berlin, Berlin 2024, 112 Seiten,
20 Euro
Saša Stanišić: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf
dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne. Erzählungen,
Luchterhand, 256 Seiten, 24 Euro
Heinrich von Kleist: Die Marquise von O …, Reclam, 88 Seiten, 3,50 Euro
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| Goethe, der Judenfeind? | 18 May 2024 | 01:05:47 | |
Über dieses heikle Thema sei zu lang geschwiegen worden, sagt der
US-amerikanische Germanist und Goetheforscher Daniel Wilson: "Goethe und
die Juden". So heißt sein neues Buch, in dem er sich das Verhältnis des
Dichters zu Jüdinnen und Juden ganz genau ansieht. Wilson durchkämmt
sein Werk, aber schaut sich auch an, wie Goethe privat sprach, wie er
sich politisch verhielt oder als Theaterdirektor in Weimar – mit sehr
unterschiedlichen Ergebnissen: zwischen Feindschaft und Faszination.
Außerdem diskutieren Maja Beckers und Alexander Cammann diesmal über ein
hochaktuelles und ebenso streitbares Buch: "Die vulnerable Gesellschaft"
von Frauke Rostalski. Die Juristin beklagt eine neue Verletzlichkeit und
die juristischen Folgen. Sind wir wirklich zu weich? Geht das Gesetz zu
weit und macht selbst Opfer unfrei?
"Der erste Satz" kommt diesmal aus einem Buch, das höchst unterhaltsam
Illusionen platzen lässt: In "Mythos Nationalgericht" erklärt der
italienische Historiker Alberto Grandi, was wirklich hinter Pizza,
Carbonara und italienischem Olivenöl steckt.
Und kurz vor der Europawahl empfehlen unsere Hosts diesmal den Klassiker
"Der entführte Westen", ein Essay von Milan Kundera aus dem Jahr 1983.
Darin beklagt Kundera eine Entführung, wie er es nennt, von Mitteleuropa
in den Osten, obwohl Staaten wie Polen, Tschechien oder Ungarn
eigentlich tief sitzende westliche Traditionen hätten.
Sie erreichen das Team von "Was liest du gerade?" unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
W. Daniel Wilson: Goethe und die Juden. Zwischen Feindschaft und
Faszination, C.H. Beck, 351 Seiten, 29,90 Euro
Frauke Rostalski: Die vulnerable Gesellschaft. Die neue Verletzlichkeit
als Herausforderung für die Freiheit, C.H. Beck, 189 Seiten, 16 Euro
Alberto Grandi: Mythos Nationalgericht. Die erfundenen Traditionen der
italienischen Küche, aus dem Italienischen von Andrea Kunstmann, Harper
Collins, 256 Seiten, 22 Euro
Milan Kundera: Der entführte Westen. Die Tragödie Mitteleuropas, aus dem
Französischen von Uli Aumüller, Kampa, 96 S., 20 Euro
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| Eine Liebe, die den Schmerz besiegt | 04 May 2024 | 00:49:29 | |
In dieser Folge sprechen wir über das aufsehenerregende Buch „Knife“ von
Salman Rushdie. Im August 2022 hat der weltberühmte Schriftsteller einen
Anschlag nur knapp überlebt und jetzt ein großes Buch über den
körperlichen Schmerz und die Liebe zu seiner Frau, seiner Familie und
seinen Freunden veröffentlicht. Er versucht zu erklären, weshalb
religiöse Fanatiker es auf ihn abgesehen haben und was es bedeutet, im
Leben eine zweite Chance zu erhalten.
Wir diskutieren über einen besonders düsteren und hochkarätigen Autor
Amerikas, über George Saunders. In seinem Erzählungsband „Tag der
Befreiung“ werden Menschen versklavt und programmiert, sie haben nicht
den Mut sich gegen eine Diktatur zu erheben, sie schlagen sich
gegenseitig halbtot. Freiheit gibt es keine mehr, oder ist das Schreiben
vielleicht der letzte Akt von Unabhängigkeit? Und überhaupt: Was ist so
faszinierend an diesen Erzählungen, die so bedrückende Botschaften
transportieren?
Die Dänin Madame Nielsen erzählt in ihrem Buch „Mein Leben unter den
Großen“ herrlich unterhaltsam, wie sie zuerst zum Schriftsteller, und
dann zur Schriftstellerin wurde. Sie wurde auch deshalb zur großen
Autorin, weil sie andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller traf,
die ihr mal großherzig, mal arrogant entgegentraten. Ein Sittengemälde
des Literaturbetriebs.
Unser Klassiker ist ein wenig bekanntes Meisterwerk von Anna Seghers,
die Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“: Wie konnten aus harmlosen
Schulkameradinnen nur glühende Nationalsozialistinnen werden?
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Literaturangaben:
Salman Rushdie: Knife, Penguin, 256 Seiten, 25 Euro
George Saunders: Tag der Befreiung, Luchterhand, 320 Seiten, 25 Euro
Madame Nielsen: Mein Leben unter den Großen, Kiepenheuer & Witsch, 224
Seiten, 24 Euro
Anna Seghers: Der Ausflug der toten Mädchen. Erzählungen, Aufbau
Taschenbuch, 151 Seiten, 11 Euro
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| Schäubles Memoiren und Susan Sontags Frauen | 20 Apr 2024 | 00:54:14 | |
Ein Politikerleben voll shakespearehafter Dramen steht auf Platz eins
der "Spiegel"-Bestsellerliste: Wolfgang Schäuble war ein Nachkriegskind,
verhandelte 1989 die deutsche Wiedervereinigung, überlebte ein Attentat
und war fortan der erste Spitzenpolitiker im Rollstuhl. In dieser Folge
von "Was liest du gerade?" sprechen Maja Beckers und Alexander Cammann
über Schäubles kurz vor seinem Tod fertiggestellte Autobiografie
"Erinnerungen" und über die Frage: Wozu eigentlich Politikermemoiren?
Können sie überhaupt richtig gut sein?
Außerdem geht es um Bernd Brunners Buch "Unterwegs ins Morgenland", eine
faszinierende Sammlung mit Geschichten von Pilgern, Wissenschaftlern und
Abenteurern, die sich seit dem Mittelalter aufmachten ins Heilige Land,
ins historische Palästina. Wie stellte man sich in Europa, aber nicht
nur dort, das Heilige Land vor und wie war es wirklich? Was ist das für
ein Märchenlandgefühl, das die Reisenden hier befiel, und wie wichtig
war die Idee des Heiligen Landes für Christen, Juden und Muslime?
Der Klassiker diesmal: Mit "Über Frauen" ist gerade eine verblüffende
Essaysammlung von Susan Sontag über diverse Aspekte des Frauseins
erschienen. Erstmals erschienen in den 1970er-Jahren, geht es um
Schönheit, um weibliches Altern, um die falsche Verehrung für Leni
Riefenstahl – in jedem Fall fruchtbar für aktuelle Debatten von
Karrierefeminismus bis Schönheits-OPs und Ageism.
"Der erste Satz" stammt diesmal aus dem Buch "Zugemüllt" des Philosophen
Oliver Schlaudt. Er ist zu den dreckigsten Orten Deutschlands gereist –
vom Chemiewerk bis zum Abwasserkanal – und hat dort das seltsam paradoxe
Verhältnis beobachtet, das unsere Gegenwart zur Sauberkeit hat.
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Literaturangaben:
Oliver Schlaudt: Zugemüllt. Eine müllphilosophische Deutschlandreise, C.
H. Beck, 364 Seiten, 22 Euro
Wolfgang Schäuble: Erinnerungen. Mein Leben in der Politik, Klett-Cotta,
656 Seiten, 38 Euro
Bernd Brunner: Unterwegs ins Morgenland. Was Pilger, Reisende und
Abenteurer erwarteten und was sie fanden, Kiepenheuer & Witsch, 320
Seiten, 28 Euro
Susan Sontag: Über Frauen. Übersetzt aus dem Englischen von Kathrin
Razum, Hanser, 208 Seiten, 23 Euro
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| Geld beruhigt auch nicht immer | 07 Sep 2024 | 00:45:51 | |
Der Sommer geht zu Ende, es beginnt der Herbst mit vielen neuen
Sachbüchern, die Diskussionen auslösen werden. In Amerika hat das Samuel
Moyn schon geschafft: Mit seinem Buch Der Liberalismus gegen sich selbst
greift der Ideenhistoriker berühmte Klassiker des liberalen Denkens nach
1945 an, von Hannah Arendt, Isaiah Berlin bis hin zu Karl Popper und
Judith Shklar. Alle seien sie mitschuldig am Aufstieg Trumps und der
heutigen Schwäche der westlichen Demokratie – denn der Liberalismus
dieser Denker sei einseitig gewesen. Hat Moyn recht mit seiner Attacke?
Die Welt der Superreichen ist vor den Blicken der Normalverdiener
meistens gut geschützt. Der Journalistin Julia Friedrichs gelingt jetzt
ein Blick an Bord der Luxusjachten und hinter die Mauern und Hecken um
all die großen Villen: Ihre Recherche schaut auf Statistiken ebenso wie
auf ganz normalen superreichen Lebensalltag, auf das gute oder schlechte
Gewissen, das auf immensen Reichtum folgt. Die Privilegien kommen ebenso
vor wie die Sinnkrisen dieser Elite, während die Autorin nach Antworten
sucht, wie eine Gesellschaft, die gerecht sein will, obszöne
Ungleichheit in den Griff bekommen kann.
Der "Erste Satz" stammt diesmal aus dem Buch von Barbara Bleisch, Mitte
des Lebens: Darin geht es um die schon so oft beklagte Midlife-Crisis –
aber diesmal ganz anders als sonst. Denn die Philosophin Bleisch erklärt
auf originelle Art, weshalb diese "besten Jahre" eigentlich ziemlich
lässig sein können und auch noch überraschend viele neue Chancen bieten.
Als Klassikerin empfehlen unsere Hosts diesmal Hannah Arendt mit zwei
neu entdeckten Texten, die in dem Band Über Palästina erschienen sind.
Sie zeigen die weltberühmte Denkerin von einer wenig bekannten Seite:
als politisch hellwache Zeitgenossin, die sich schon in den 1940er- und
1950er-Jahren Gedanken über Lösungen im Nahostkonflikt machte. Und diese
Gedanken sind leider immer noch hochaktuell.
Sie erreichen das Team von Was liest du gerade? unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Barbara Bleisch: Mitte des Lebens. Eine Philosophie der besten Jahre,
Hanser, 272 Seiten, 25 Euro
Samuel Moyn: Der Liberalismus gegen sich selbst. Intellektuelle im
Kalten Krieg und die Entstehung der Gegenwart, übersetzt von Christine
Pries, Suhrkamp, 303 Seiten, 30 Euro
Julia Friedrichs: Crazy Rich. Die geheime Welt der Superreichen, Berlin
Verlag, 384 Seiten, 24 Euro
Hannah Arendt: Über Palästina, übersetzt von Mieke Hiegemann, Piper, 272
Seiten, 22 Euro
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| Kampf und Glamour | 21 Sep 2024 | 00:50:32 | |
In der neuen Folge unseres Buchpodcasts Was liest du gerade? lassen Iris
Radisch und Adam Soboczynski sich von der deutsch-indischen Autorin
Mithu Sanyal auf eine Zeitreise ins London um 1906 mitnehmen. In ihrem
neuen Roman Antchristie begegnen wir den Helden der indischen
Befreiungsbewegung und erleben die Debatten mit Mahatma Gandhi. Sollen
sich die Inder vom Joch des britischen Kolonialismus mit oder ohne
Gewalt befreien? Und was ist anders, wenn man die Weltgeschichte
konsequent aus indischer Perspektive betrachtet? Eine wichtige Frage ist
auch: Schafft es Mithu Sanyal, ihren schon aus Identitti bekannten Sinn
für scharfen Witz und Humor in die wortreichen Auseinandersetzungen über
den britischen Kolonialismus hineinzuschmuggeln?
David Wagners Roman Verkin fußt auf einer wahren Begebenheit: Er handelt
von der Lebensgeschichte einer türkischen Armenierin und dem Schicksal
ihrer Familie, die dem Völkermord 1915/16 ausgesetzt war. Verkins Vater
gelingt es, als Unternehmer in der türkischen Gesellschaft aufzusteigen,
auch mit fragwürdigen Mitteln. Die Tochter, heute Ende siebzig, führt
ein illustres Jetset-Leben, das sie immer wieder in die höchsten Kreise
und die Popkultur führt. Wagner besucht seine Protagonistin immer wieder
in Istanbul. Und ist auch mit einer dunklen Seite Verkins konfrontiert:
Wie passt es, dass sie sich für Erdoğans AKP engagiert?
Unser Klassiker ist diesmal eine sensationelle Neuentdeckung: Völlig
überraschend sind fünf neue und bedeutende Briefe von Heinrich von
Kleist (1777–1811) aufgefunden worden. Wir können ihn erstmals als
unmittelbaren Beobachter einer Schlacht erleben – und als einen Agenten
in Aktion mit einer politischen Mission. Kleist gehörte einem Kreis von
Napoleon-Gegnern an, die sich konspirativ einem Befreiungsprojekt
verschrieben haben: Die Deutschen sollten sich vereinen und Napoleon in
einem nationalen Volksaufstand niederringen. Als das Vorhaben scheitert,
ist Kleist am Boden zerstört. Die Briefe zeigen, wie sich der große
Dichter des Zerbrochenen Krugs und der Marquise von O… auch politisch
ins Abseits manövrierte.
Unser Zitat des Monats kommt aus Parade, dem neuen Buch der
kanadisch-britischen Autorin Rachel Cusk, in dem es um die nur schwer zu
erreichende Vereinbarkeit von Mutterschaft und weiblichem Künstlertum
geht.
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| Wieder unterwegs mit Hape Kerkeling | 05 Oct 2024 | 00:44:29 | |
Er ist wieder mal ganz oben auf der Bestsellerliste, bei uns liefert er
den Ersten Satz: Diesmal hat Hape Kerkeling mit Gebt mir etwas Zeit ein
Buch über sich und seine Vorfahren geschrieben – mit auch politisch
überraschenden Ergebnissen. Man kann aus seiner Recherche lernen, wie
vielfältig Deutschland in Sachen Herkunft seit Jahrhunderten ist.
Erfindet sich da ein Entertainer etwa neu?
Die prominente Aktivistin und Bestsellerautorin Naomi Klein begibt sich
in ihrem Buch Doppelgänger auf die Spur einer merkwürdigen Geschichte,
die sehr viel mit ihr persönlich zu tun hat: Immer wieder wird sie im
Internet mit der bekannten Feministin Naomi Wolf verwechselt, die sich
von einer linken Ikone in eine rechte Verschwörungstheoretikerin
verwandelt hat. Was sagt diese Verwandlung über das Amerika von heute,
kurz vor den Präsidentschaftswahlen? Wie konnte so etwas überhaupt in
dieser Gesellschaft passieren? Und wie selbstkritisch müssen Linke wie
Naomi Klein mit ihren eigenen Illusionen umgehen, wenn es um die
Verteidigung von Demokratie und Öffentlichkeit geht?
Verlust – das ist vielleicht das zentrale Gefühl unserer Gegenwart.
Jeder kennt es, und ausgerechnet jetzt wirkt es als Krisenverstärker in
den westlichen Gesellschaften. Der Soziologe Andreas Reckwitz erklärt in
seinem bahnbrechenden Buch Verlust erstmals, weshalb diese Krisen von
heute mit Verlust zusammenhängen und warum Fortschritt nicht mehr so
wichtig ist. Wie können wir als Gesellschaft lernen, mit Verlusten
umzugehen, um die Zukunft zu meistern? Merke: Keine Angst mehr vor
Verlust!
Als Klassiker empfehlen unsere Hosts diesmal Walden von Henry David
Thoreau: 1845 zog sich der amerikanische Autor in eine Blockhütte
zurück, wo er zwei Jahre in der Einsamkeit des Waldes lebte. Über diese
existenzielle Erfahrung schrieb er ein berühmtes Buch, das die Natur,
Freiraum und menschliches Dasein, Amerikas Geist und die Grenzen der
Zivilisation verknüpfte. Hilft uns diese Lektüre heute wieder?
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Literaturangaben:
Hape Kerkeling: Gebt mir etwas Zeit. Meine Chronik der Ereignisse,
Piper, 368 Seiten, 24 Euro
Naomi Klein: Doppelgänger. Eine Analyse unserer gestörten Gegenwart.
Übersetzt von Peter Robert und Rita Seuß, S. Fischer, 496 S., 29 Euro
Andreas Reckwitz: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne, Suhrkamp, 463
Seiten, 32 Euro
Henry David Thoreau: Walden oder Leben in den Wäldern. Diverse
Übersetzungen und Ausgaben auf Deutsch
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| Die Berlin-Paris-Connection (live von Buchmesse) | 22 Oct 2024 | 00:33:25 | |
In der neuen Folge unseres Buchpodcasts "Was liest du gerade?" sprechen
Iris Radisch und Adam Soboczynski über Zurückgebliebene und Aussortierte
der Zeitläufe in Berlin und in Paris. Im neuen Roman "Unser Ole" von
Katja Lange-Müller geht es um zwei alte Frauen – eine aus dem Westen,
eine aus dem Osten –, die zusammen in einem heruntergekommenen Dorfhaus
im Speckgürtel Berlins in einer Zweck-WG leben. Doch plötzlich liegt
eine der beiden tot auf dem Treppenabsatz, und der seelisch kranke Enkel
ist auch verschwunden. Fast ein Krimi, aber auch ein Seelendrama, das
ungeschminkt und heiter vom Überleben der Kriegskindergeneration in
Deutschland erzählt.
Auch im Roman "Memory Lane" des französischen Literaturnobelpreisträgers
Patrick Modiano geht es um Übriggebliebene und Lebenskünstler. In diesem
Fall um ein Pariser Freundesgrüppchen, das sich nach dem Zweiten
Weltkrieg im verblichenen Glanz früherer Tage sonnt, bis diese
Scheinexistenz zusammenkracht und die Freunde sich in alle Winde
verstreuen.
Unser Klassiker verbreitet Mut: Bertolt Brechts "Unwürdige Greisin"
zeigt uns, wie man im Alter noch einmal ganz neu anfangen kann.
Und unser Zitat des Monats stammt dieses Mal von der frisch gekürten
Literaturnobelpreisträgerin Han Kang, die sich auf beeindruckende Weise
den dunklen Seiten der koreanischen Geschichte zuwendet.
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| Was genau ist mit Thomas Gottschalk los? | 03 Nov 2024 | 01:25:38 | |
Die Sachbuch-Folge von "Was liest Du gerade?" diesmal etwas anders als
sonst: Thea Dorn ist am Mikro als Gast-Host dabei, die Essayistin,
Schriftstellerin und Moderatorin des "Literarischen Quartetts" im ZDF.
Den "Ersten Satz" liefert Svenja Flaßpöhler in ihrem Essay "Streiten":
Warum ist Streit so wichtig, privat und gesellschaftlich – und was
unterscheidet ihn von der Diskussion, der Debatte, dem
Miteinanderreden?
Heftigen Streit ausgelöst hat aktuell die Entertainerlegende Thomas
Gottschalk mit seinem Buch "Ungefiltert": Er zieht darin mächtig vom
Leder gegen den Zeitgeist, gegen Influencer, den öffentlich-rechtlichen
Rundfunk und gegen alles, was ihm sonst momentan nicht passt. Erleben
wir das persönliche Drama eines 74-Jährigen oder lohnt sich die
Diskussion über einige von Gottschalks Thesen?
Die Journalistin und Historikerin Anne Applebaum hat neulich in
Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen. Jetzt
schreibt sie in ihrem Buch "Die Achse der Autokraten", wie gefährlich
die neuen Allianzen zwischen China, Russland, Iran und diversen anderen
diktatorisch regierten Ländern für die Demokratien weltweit sind.
Wenige Tage vor den Schicksalswahlen in Amerika schauen wir auf eine
Klassikerin, die uns dieses faszinierende Land mit seinen politischen
Dramen erklärt: Hannah Arendts Buch "Über die Revolution" von 1963. Sie
erklärt darin, wie der Amerikanischen Revolution im 18. Jahrhundert die
"Gründung der Freiheit" gelang. Wäre Hannah Arendt heute auch noch so
optimistisch?
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unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Svenja Flaßpöhler: Streiten, Hanser Berlin, 128 Seiten, 20 Euro
Thomas Gottschalk: Ungefiltert. Bekenntnisse von einem, der den Mund
nicht halten kann, Penguin, 320 Seiten, 24 Euro
Anne Applebaum: Die Achse der Autokraten. Korruption, Kontrolle,
Propaganda: Wie Diktatoren sich gegenseitig an der Macht halten, aus dem
Englischen von Jürgen Neubauer, Penguin, 208 Seiten, 26 Euro
Hannah Arendt: Über die Revolution, Piper, 544 Seiten, 16 Euro
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| Zauberberg an der Ostsee | 16 Nov 2024 | 00:56:28 | |
In der neuen Folge unseres Buch-Podcast „Was liest du gerade?“ sprechen
Iris Radisch und Adam Soboczynski über die fantastische Aktualität eines
der bedeutendsten Romane der deutschen Literatur: „Der Zauberberg“ von
Thomas Mann erschien vor genau 100 Jahren und lässt uns in die Debatten
einer großen europäischen Umbruchszeit eintauchen, aus denen wir viel
für unsere Gegenwart lernen können.
Im neuen Roman „Man kann auch in die Höhe fallen“ von Joachim Meyerhoff
geht es auch um eine Krise: in diesem Fall um die Lebens- und
Schreibkrise des berühmten deutschen Schauspielers und Autors, aus der
er während eines langen Kuraufenthalts bei seiner vor Lebensenergie nur
so sprühenden 86-jährigen Mutter an der Ostsee wieder herausfindet –
indem er ungemein unterhaltsam von ihr erzählt.
Auch in dem autobiographischen Roman „Vilhelms Zimmer“ von Tove
Ditlevsen geht es um die Lebenskrise einer berühmten Autorin, die nicht
weiterleben kann, nachdem sie von ihrem vierten Ehemann, dem
Chefredakteur einer Kopenhagener Zeitung, verlassen wurde. Anrührend und
mit dem mitreißenden Humor der Verzweifelten erzählt die spät
wiederentdeckte dänische Schriftstellerin von ihrer gescheiterten Ehe
und ihren vergeblichen Versuchen, das Leben durch eine skurrile
Heiratsannonce noch einmal neu zu starten.
Unser Zitat des Monats stammt dieses Mal aus dem neuen Buch „Das
Schattengetuschel“ von Botho Strauß, der am 2. Dezember 80 Jahre alt
wird.
Sie erreichen das Team von "Was liest du gerade?" unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Thomas Mann: Der Zauberberg, Fischer Taschenbuch Verlag, 1120 Seiten, 22
Euro
Joachim Meyerhoff: Man kann auch in die Höhe fallen, Kiepenheuer und
Witsch Verlag, 368 Seiten, 26 Euro
Tove Ditlevsen: Vilhelms Zimmer, Aufbau Verlag, 206 Seiten, 22 Euro
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| Kennen wir Angela Merkel wirklich? | 30 Nov 2024 | 01:06:40 | |
Diese Woche sind Angela Merkels lang erwartete Memoiren unter dem Titel
Freiheit erschienen. 700 Seiten, übersetzt in mehr als 30 Sprachen, nach
zwei Tagen waren sie allein in Deutschland 80.000-mal verkauft. Und in
Washington präsentiert die Ex-Kanzlerin ihr Buch mit Barack Obama.
Grund genug für ein brandaktuelles Sachbuch-Spezial von Was liest du
gerade?, ganz anders als sonst: Alles dreht sich diesmal um Merkels
Buch, und zu Gast am Mikro ist Heinz Bude, der Soziologe und
Generationen-Experte.
Merkels Memoiren standen sofort im Zentrum der Debatten, momentan wird
heftig darüber diskutiert, was ihre politischen Fehler und Irrtümer
waren und wie Merkel darüber heute schreibt. In diesem Podcast versuchen
wir stattdessen einen anderen, analytischen Blick: Was steckt hinter dem
Merkel-Hype und dem Merkel-Bashing? Was will die Ex-Kanzlerin mit ihrem
Buch? Wie typisch oder untypisch ist sie für ihre Generation, wie
wichtig ist ihre DDR-Herkunft? Versteht man sie nach der Lektüre besser,
die erste Kanzlerin, eine Frau aus Ostdeutschland, die dann 16 Jahre
lang regierte und Weltpolitik managte? Wir wollen ergründen, wie sie das
geschafft hat und was das über die Deutschen sagt – und wie Angela
Merkel ihre Geschichte heute für uns erzählt.
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| Vom Alltag in der Schwerelosigkeit | 14 Dec 2024 | 00:44:01 | |
In der neuen Folge unseres Buchpodcasts "Was liest du gerade?" sprechen
Iris Radisch und Adam Soboczynski über Samantha Harveys himmlischen
Roman "Umlaufbahnen". Die diesjährige Gewinnerin des wichtigsten
britischen Literaturpreises, des Man Booker Prize, erzählt von einer
Weltraumstation, auf der sechs Astronauten und Kosmonauten um die Erde
fliegen. Wie sieht ihr Alltag im All aus? Von welchen Hoffnungen,
welchen Sehnsüchten zehren diese Frauen und Männer in der
Schwerelosigkeit? Wir lernen: Dieser kleine Planet namens Erde ist nicht
nur verdammt verletzlich, er ist ungeheuer schön.
In Lucy Frickes Bestsellerroman "Das Fest" wird Jakob 50 Jahre alt und
steckt in der schlimmsten Midlife-Crisis: keine Beziehung, kein Kind,
kein Haus. Und der Regisseur ist nicht einmal beruflich sonderlich
erfolgreich. Sein Geburtstag wird trotzdem zu einer Feier des Lebens.
Unser Klassiker ist diesmal Simone de Beauvoirs "Die Mandarins von
Paris". Sie entführt uns in die Intellektuellenszene Frankreichs am Ende
des Zweiten Weltkriegs. Welche Hoffnungen haben die jungen Literaten und
Künstlerinnen? Was denken sie über Amerika? Taugt die Sowjetunion als
Vorbild? Und: Wie wird geliebt?
Unser Zitat des Monats stammt dieses Mal von den Schriftstellern Martin
Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre. In ihrem neuen Gesprächsband
"Kein Grund, gleich so rumzuschreien" unterhalten sie sich über Hotels,
Küchen und schlechten Service, aber auch über existenzielle Fragen des
Lebens.
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| Droht uns ein neues 1933? | 28 Dec 2024 | 00:53:56 | |
Die letzte Sachbuchfolge von "Was liest Du gerade?" 2024 wird diesmal
wieder mit einem Gasthost präsentiert: Nora Bossong ist am Mikro dabei,
die in diesem Jahr ihren Roman "Reichskanzlerplatz" veröffentlichte und
auch schon Sachbücher geschrieben hat. Nebenbei klären wir die Frage,
welche Lektüre sie als Schriftstellerin auf die einsame Insel mitnehmen
würde – ziemlich wilde Lektüre, so viel sei schon verraten.
Den ersten Satz liefert diesmal Tobias Haberl mit seinem Buch "Unter
Heiden": Der Journalist erzählt in persönlichen Erlebnissen und
Reflexionen von seiner Glaubenssuche und vom Unverständnis, auf das er
heute trifft, wenn er sich als Katholik outet.
Steht heute wieder der Faschismus vor der Tür? Diese Frage wird momentan
oft und heftig diskutiert, weil die Demokratie kriselt und die AfD immer
stärker wird. Zur Klärung taucht Jens Bisky in seinem Buch "Die
Entscheidung" in die Endphase der Weimarer Republik ein und erzählt
minutiös von deren Untergang – aber was kann man überhaupt aus dieser
Geschichte für heute lernen?
Auf nach Paris! Eine faszinierende Zeitreise dorthin unternimmt László
Földényi in seinem Buch "Der lange Schatten der Guillotine": Er flaniert
durch die Metropole im 19. Jahrhundert, schaut auf alte Artikel, Bilder
und Fotografien, um zu erklären, wie sich an diesem Ort seit der
Französischen Revolution unser modernes, nervöses Bewusstsein
entwickelte.
Auch die Klassikerin stammt diesmal aus Ungarn: Die 2019 verstorbene
Ágnes Heller war eine der wichtigsten philosophischen Stimmen ihrer
Zeit. In ihrem Buch "Von der Utopie zur Dystopie" dreht sich alles um
die Ängste und die Hoffnungen, mit denen die Menschen seit der Antike
auf die Zukunft schauen – und warum die Furcht heute bessere Romane
produziert.
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Literaturangaben:
Tobias Haberl: Unter Heiden, btb, 288 Seiten, 22 Euro
Jens Bisky: Die Entscheidung. Deutschland 1929 bis 1933, Rowohlt Berlin,
640 Seiten, 34 Euro
László Földényi: Der lange Schatten der Guillotine. Lebensbilder aus dem
Paris des neunzehnten Jahrhunderts, Matthes & Seitz, 302 Seiten, 28 Euro
Ágnes Heller: Von der Utopie zur Dystopie. Was können wir uns wünschen?
Edition Konturen, 95 Seiten, 19,80 Euro
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| Große Wohnungen, kleine Gefühle | 11 Jan 2025 | 00:44:15 | |
In der neuen Folge unseres Buch-Podcasts "Was liest du gerade?" sprechen
Iris Radisch und Adam Soboczynski über aktuelle Neuerscheinungen des
neuen Jahres. Julia Schoch hat ihre autofiktionale Trilogie "Biographie
einer Frau" abgeschlossen, in der sie dem Wandel der Liebe in
verschiedenen Lebensabschnitten nachgeht. Trifft es zu, dass wir im Lauf
unseres Lebens immer größere Wohnungen, aber immer kleinere Gefühle
haben? Heute geht es um den letzten Band "Wild nach einem wilden Traum",
in dem die Autorin von einer lange zurückliegenden "love affair" mit
einem katalanischen Schriftsteller erzählt. Die Liebe, bekennt sie,
steht in ihrem Leben immer für etwas Früheres, Älteres, das verloren
gegangen ist. Ist sie am Ende vielleicht vor allem Einbildung, also
Literatur?
In dem großen Roman "Sehr geehrte Frau Ministerin" von Ursula Krechel
ist die Liebe von Einsamkeit und hellsichtiger Desillusion abgelöst
worden. Hier werden vier Frauenleben erzählt und kunstvoll miteinander
verlinkt: das Leben einer älteren Fachverkäuferin für Reformhausartikel
mit ihrem erwachsenen Sohn, das einer Lateinlehrerin mit ihrem Faible
für Agrippina, der Mutter des römischen Imperators Nero, und das einer
Justizministerin, die beinahe das Schicksal von Agrippina erleidet.
Ursula Krechel erzählt von rätselhaften Mutter-Sohn-Beziehungen, von
Alter, Krankheit und Gewalt gegen Frauen. "Die Frau", heißt es
lakonisch, "ist lästig in der Geschichte, sie muss verschwinden. Am
besten, sie räumt sich selber aus dem Weg, sodass kein Schatten von ihr
auf die Geschichte fällt und die Männergeschichte unaufhaltsam ihren
Lauf nimmt."
Unser Klassiker ist die kleine Rede "Lübeck als geistige Lebensform" aus
dem Jahr 1926, in der Thomas Mann, der vor 150 Jahren geboren wurde,
sich zu seinen Wurzeln bekannt hat. Lübeck hat dem Jubilar beim
Schreiben stets als Kompass gedient. Vom Lübecker Bürger ist er zum
Weltbürger geworden, der mit norddeutscher Nüchternheit und Humor zu
einem europäischen Humanismus fand.
Unser Zitat des Monats stammt dieses Mal aus dem neuen Roman
Wackelkontakt von Wolf Haas.
Das Team von "Was liest du gerade?" erreichen Sie
unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Julia Schoch: Wild nach einem wilden Traum, dtv, 176 Seiten, 23 Euro
Ursula Krechel: Sehr geehrte Frau Ministerin, Klett-Cotta, 368 Seiten,
26 Euro
Thomas Mann: Lübeck als geistige Lebensform, erschienen in Essays III,
1926 bis 1933 als Teil der Gesamtausgabe im S. Fischer Verlag
Wolf Haas: Wackelkontakt, Hanser, 240 Seiten, 25 Euro
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| Hilft jetzt nur noch Alkohol? | 25 Jan 2025 | 00:50:33 | |
Dry January: So beginnt für viele Menschen das neue Jahr. Also beginnen
wir 2025 mit Alkohol oder, genauer gesagt, ohne ihn. In der ersten
Sachbuchfolge von "Was liest du gerade?" in diesem Jahr ist Maja Beckers
wieder als Host dabei und wir diskutieren über das neue Buch des
Bestsellerautors Bas Kast: "Warum ich keinen Alkohol mehr trinke". Er
will uns erklären, wie gefährlich ein Leben selbst mit nur geringen
Mengen Wein oder Bier ist und warum wir daher lieber komplett abstinent
leben sollten. Kann er damit überzeugen?
Außerdem stellen wir das Buch von Caroline Darian vor: Unter dem Titel
"Und ich werde dich nie wieder Papa nennen" schreibt die Tochter von
Gisèle Pelicot über die entsetzliche Geschichte ihres Vaters, dessen
Verbrechen jüngst im Prozess von Avignon dank des Opfers, dank ihrer
Mutter geahndet werden konnten.
Den ersten Satz liefert diesmal Robert Habeck mit seinem Buch "Den Bach
rauf", in dem der Kanzlerkandidat der Grünen seine grundsätzliche
politische Sicht der krisenhaften Lage den Wählern vermitteln will.
Und die furchtbaren Bilder vom brennenden Los Angeles vor Augen erinnern
wir an einen Klassiker, der wie kein anderer diese Stadt mit ihren
krassen Widersprüchen erforscht hat: Der kalifornische Stadtsoziologe
Mike Davis hat in "City of Quartz" bereits 1990 Glanz und vor allem
Elend dieses sehr speziellen amerikanischen Traums kritisiert und immer
wieder vor Gewalt und Katastrophen gewarnt.
Das Team von "Was liest du gerade?" erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Robert Habeck: "Den Bach rauf. Eine Kursbestimmung", Kiepenheuer &
Witsch, 141 S., 18 Euro
Bas Kast: "Warum ich keinen Alkohol mehr trinke. Eine Entscheidungshilfe
auf Basis neuester wissenschaftlicher Studien", S. Fischer, 109 S., 20
Euro
Caroline Darian: "Und ich werde dich nie wieder Papa nennen",
Kiepenheuer & Witsch, 224 Seiten, 22 Euro
Mike Davis: "City of Quartz. Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles",
Assoziation A, 422 Seiten, 24 Euro
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| Die Sprache der Liebe | 08 Feb 2025 | 00:55:25 | |
Wann war das noch mal, als man über Sex sprach wie Ingenieure über den
Bau einer Brücke? In der neuen Folge unseres Buch-Podcasts „Was liest du
gerade?“ diskutieren Iris Radisch und Adam Soboczynski über das neue
Buch von Michael Köhlmeier, „Die Verdorbenen“. Darin geht es um die
Liebe in den wüsten Siebzigerjahren, als man sich von allen
Liebeskonventionen befreien wollte und nicht wusste, wie das geht. Die
langweilige, „warmbackene“ Liebe der Eltern war kein Vorbild mehr. Man
wollte lieber gefährlich, radikal und unbedingt sein. Die Anleitung zum
Lieben kam aus Filmen und Büchern. Auf die Frage, was es ist, das man im
Leben auf alle Fälle wenigstens einmal tun möchte, hatte man dann
manchmal nur die schlimmste aller möglichen Antworten.
Außerdem geht es um den gefeierten neuen Roman „Verzauberte
Vorbestimmung“ von Jonas Lüscher. Nach seiner schweren Covid-Erkrankung,
die der Autor nur mithilfe hoch technisierter Apparatemedizin überlebte,
hat er ein wildes Buch über das Verhältnis von Mensch und Maschine
geschrieben. Es geht auf den Spuren des Schriftstellers Peter Weiss nach
Südfrankreich und Böhmen, aber auch nach Ägypten und in eine von Cyborgs
bevölkerte Zukunft. Eindrückliche Todesbilder und düstere Träume von
einer menschenleeren, durchtechnisierten Maschinenwelt begleiten diese
Reise. Am Ende ist es auch hier die Liebe, die alles retten darf.
Unser Zitat der Woche kommt aus dem Roman „Monique bricht aus“ von
Édouard Louis (aus dem Französischen von Sonja Finck), in dem der
französische Autor von der Befreiung seiner Mutter aus einer
gewaltvollen Liebesbeziehung zu einem alkoholabhängigen Pariser
Hausmeister berichtet. Unser Klassiker ist passend zu dem Roman von
Jonas Lüscher: Peter Weiss' Novelle „Der Schatten des Körpers des
Kutschers“. Der 1960 zum ersten Mal erschienene Miniroman ist in seinem
überwältigenden, hyperpräzisen Beschreibungsrausch womöglich ein Vorbild
für den Stil von Jonas Lüscher. Aber auch sonst ist er ein mitreißendes
kleines Werk deutscher Nachkriegsliteratur, dessen mächtige
Innovationskraft bis heute anhält.
Das Team von "Was liest du gerade?" erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Michael Köhlmeier: „Die Verdorbenen“, Hanser Verlag, 160 S., 23 Euro
Jonas Lüscher: „Verzauberte Vorbestimmung“, Carl Hanser Verlag, 352 S.,
26 Euro
Édouard Louis: „Monique bricht aus“, S. Fischer Verlag, 160 S., 22 Euro
Peter Weiss: „Der Schatten des Körpers des Kutschers“, Suhrkamp Verlag,
100 S., 15 Euro
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| Extrem rechts, extrem erfolgreich | 22 Feb 2025 | 00:41:22 | |
Leider atemberaubende Zeiten: Kurz vor der Bundestagswahl schauen Maja
Beckers und Alexander Cammann in der Sachbuchfolge von "Was liest du
gerade?" nach rechts außen. Volker Weiß seziert in seinem Buch "Das
Deutsche Demokratische Reich" minutiös die Ideologie der AfD und der
neuen Rechten. Der Historiker beschreibt, wie dort Begriffe umgedeutet
werden und man nicht trotz, sondern wegen Widersprüchlichkeiten
erfolgreich ist.
Dramatisch aktuell ist der Klassiker aus dem Jahr 1930: Thomas Manns
"Deutsche Ansprache", die er kurz nach der Reichstagswahl hielt, bei der
die NSDAP sehr stark hinzugewann. Der Schriftsteller hielt daraufhin ein
vehementes Plädoyer für die Demokratie, gegen die Extreme. Hören wir ihm
heute besser zu als damals?
Außerdem: Lange war er der reichste Mann der Welt, jetzt hat er mit
seinen Memoiren begonnen, drei Bände sollen es werden: Microsoft-Gründer
Bill Gates erzählt in "Source Code" die Geschichte seiner Kindheit und
Jugend im Amerika der 1960er-Jahre und davon, wie ein hochbegabter Junge
in den 1970ern zum Pionier des Computerzeitalters wurde. Nur eine
weitere Klischeevariante vom heute ausgeträumten American Dream – oder
steckt doch mehr in dieser Story eines Multimilliardärs?
Der erste Satz stammt diesmal von Elke Heidenreich, die mit ihrem Buch
"Altern" seit Monaten ganz oben auf der Bestsellerliste rangiert, mit
über 700.000 verkauften Exemplaren – sagenhaft!
Die Literaturangaben zur Folge finden Sie hier.
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| Die sogenannte Wirklichkeit | 08 Mar 2025 | 00:47:19 | |
Was geschieht, wenn lang Verdrängtes wieder an die Oberfläche kommt? In
dem beeindruckenden Roman "Wiederholung" der Norwegerin Vigdis Hjorth
wird die "sogenannte Wirklichkeit" zerbrechlich, als ein unterdrücktes
Familiengeheimnis wieder zutage kommt. Außerdem sprechen Iris Radisch
und Adam Soboczynski über eine sensationelle Neuentdeckung aus Amerika:
Zach Williams Storys "Es werden schöne Tage kommen", übersetzt von
Clemens Setz und Bettina Arbarbanell, passt perfekt zur aktuellen Lage.
Auf nichts ist mehr Verlass, alles wird in jeder Sekunde neu verhandelt.
Das Unheimliche lauert hinter jeder Tür.
Unser Klassiker sind dieses Mal drei Briefe von Sigmund Freud und Rainer
Maria Rilke, die in der Zeitschrift "Sinn und Form" veröffentlicht
wurden. Sie lesen sich wie ein abgebrochenes Therapiegespräch zwischen
einem großen Dichter und seinem Arzt mitten im Ersten Weltkrieg.
Unser Zitat des Monats kommt aus dem Roman "Striker" von Helene
Hegemann.
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| Endlich wird es Frühling! | 22 Mar 2025 | 00:41:36 | |
In Trumps Amerika herrschen jetzt die Tech-Milliardäre: Grund genug für
Maja Beckers und Alexander Cammann, in der neuen Sachbuchfolge von „Was
liest du gerade?“ über einen Satz von Douglas Rushkoff zu diskutieren.
Der Medientheoretiker aus New York kritisiert in seinem Buch „Survival
of the Richest“ die antidemokratische Gedankenwelt dieser Superreichen.
Herta Lueger war eine legendäre Münchner Nachtclub-Betreiberin und
Domina. Jetzt erzählt die 78-Jährige in „Bardame gesucht – Zimmer
vorhanden“ zusammen mit ihrer Tochter Patricia ihr Leben zwischen
Emanzipation, Kriminalisierung, Drogen, Mord und Halbwelt, von guten und
üblen Freiern, mit Mädchen, die anschaffen, zwischen Glamour und
Abgründen. Wie überzeugend ist dieses etwas andere bundesdeutsche
Sittengemälde?
Eine kleine Vorsilbe beherrscht unsere gesellschaftlichen Debatten:
„post“. Ob Postdemokratie oder Postmoderne, postfaktisch oder
postfeministisch – immer wieder taucht sie auf. Der Philosoph Dieter
Thomä hat jetzt ein erhellendes Buch über diese vier Buchstaben
geschrieben, das uns von ihrer Allgegenwart endlich befreien will.
Passend zur Jahreszeit führt uns der Klassiker diesmal in die Natur: Die
Amerikanerin Susan Fenimore Cooper hat im 19. Jahrhundert ein
hinreißendes Tagebuch über das Leben auf dem Land im Wechsel der
Jahreszeiten geschrieben, über Pflanzen und Tiere, Klima und
Landschaften. Dieser Klassiker des Nature Writing macht Lust auf
Frühling!
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| Schneller Sex | 05 Apr 2025 | 00:57:23 | |
Wir sprechen über den vielleicht schönsten Liebesroman des Frühjahrs.
Roland Schimmelpfennigs "Sie wartet, aber sie weiß nicht, auf wen"
orientiert sich an Arthur Schnitzlers Drama "Reigen". Schimmelpfennig
erzählt in kurzen Episoden von den aktuellen Abgründen unserer
Sehnsüchte, unseres Begehrens, des schnellen und traurigen Liebesakts.
Es treten auf: Soldaten, Angestellte, Reinigungskräfte. In ein
prachtvolles und doch düsteres Fantasiereich entführt uns Christian
Kracht in seinem viel diskutierten neuen Roman "Air" – die Figuren
werden aus ihrem Alltag auf einen anderen Planeten, in einen Traum oder
ins Jenseits katapultiert. Geht es hier um das Ende der Welt? Wenn ja,
dürfte unser Klassiker Vorbild für diese Vision gewesen sein: Lord
Byrons berühmtes Gedicht "Finsternis".
Unser Zitat des Monats kommt von der Gewinnerin des Preises der
Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik, Kristine Bilkau. Ihr
Roman "Halbinsel" handelt vom Klimawandel und der Beziehung einer Mutter
zu ihrer Tochter.
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| Wir und die Außerirdischen | 19 Apr 2025 | 00:52:29 | |
Ostern ist Hasenzeit: Passend dazu hat die britische
Außenpolitikexpertin Chloe Dalton ein zauberhaftes Buch über ein
spezielles Tier geschrieben, über das Maja Beckers und Alexander Cammann
in der neuen Sachbuchfolge von "Was liest du gerade?" sprechen. "Hase
und ich" erzählt von ihrer Begegnung mit einem verlassenen Hasenjungen,
das sie auf dem Land zu sich nach Hause nimmt und aufzieht, obwohl sie
erst einmal gar keine Ahnung davon hat. Der Hase verändert ihr Leben
komplett, ebenso ihre Sicht auf die Natur.
Momentan wird die Welt von Donald Trump gerade komplett umgekrempelt.
Was das für Deutschland heißt, analysiert Herfried Münkler in seinem
Buch "Macht im Umbruch": Wenn Europa jetzt stärker werden muss, so muss
Deutschland als Wirtschaftsmacht auch stärker führen wollen. Die Rubrik
"Der erste Satz" dreht sich um ein Mode-Buch: Der Philosoph Emanuele
Coccia und der Ex-Gucci-Designer Alessandro Michele erklären, was hinter
Mode heute in unserer Gesellschaft geistig und künstlerisch steckt.
Über den Mars und Außerirdische wird ja gerade wieder viel spekuliert.
Daher stellen wir einen Klassiker von 1957 vor: Der französische Denker
Roland Barthes, hat schon damals in seinen legendären Mythen des
Alltags" einen Essay über "Marsmenschen" geschrieben – der verblüffend
aktuell ist.
Das Team von "Was liest du gerade?" erreichen Sie unter buecher@zeit.de
Literaturangaben:
Emanuele Coccia/Alessandro Michele: "Das Leben der Formen. Eine
Philosophie der Wiederverzauberung." Aus dem Italienischen von Thomas
Stauder, 256 Seiten, Hanser, 28 Euro
Chloe Dalton: "Hase und ich. Die Geschichte einer außergewöhnlichen
Begegnung." Übersetzt von Claudia Amor, 299 Seiten, Klett-Cotta, 22 Euro
Herfried Münkler: "Macht im Umbruch. Deutschlands Rolle in Europa und
die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts." 431 Seiten, Rowohlt Berlin,
30 Euro
Roland Barthes: Marsmenschen, in: "Mythen des Alltags." Aus dem
Französischen von Horst Brühmann, 325 Seiten, Suhrkamp, 12 Euro
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| Ein weiblicher Houellebecq | 03 May 2025 | 00:49:34 | |
In dieser Folge von "Was liest du gerade?" geht es um zwei der
wichtigsten Gegenwartsautorinnen unserer Zeit: die Französin Annie
Ernaux und die Amerikanerin Rachel Kushner, die in der kommenden Woche
mit ihrem neuen Roman durch Deutschland tourt. Beide haben Neuland in
der Literatur betreten. Annie Ernaux führt in ihrem neuen Buch "Ich
komme nicht aus der Dunkelheit raus" auf schonungslose Weise Protokoll
über den Verfall und das Sterben ihrer Mutter, die an Alzheimer erkrankt
war.
Und Rachel Kushner lässt in ihrem Roman "See der Schöpfung" eine
abgebrühte amerikanische Undercoveragentin davon erzählen, wie sie in
Südfrankreich eine Gemeinschaft von radikalen Öko-Aussteigern und
Zivilisationskritikern infiltriert und zu Straftaten anstiftet. Einen
lustigen Gastauftritt hat der Schriftsteller Michel Houellebecq, dessen
Ton Rachel Kushner erfrischend zu parodieren versteht.
Unser monatlicher Klassiker ist der Roman "Der Meister und Margarita"
von Michail Bulgakow. Wer die kongeniale Verfilmung des Romans von
Michael Lockshin gesehen hat, die gerade in deutschen Kinos läuft,
sollte auch das fantastische Feuerwerk der russischen Literatur nicht
verpassen, das von der Kollision eines genialen Künstlers mit der
sowjetischen Staatsmacht erzählt.
Unser Zitat des Monats stammt aus der aktuellen Neuübersetzung von Scott
Fitzgeralds legendärem Roman "Der große Gatsby" von Bernhard Robben.
Das Team von "Was liest du gerade?" erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Annie Ernaux: Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus. Aus dem
Französischen von Sonja Finck, 106 Seiten, Suhrkamp, 22 Euro
Michail Bulgakow: Meister und Margarita. Aus dem Russischen von
Alexander Nitzberg, 608 Seiten, dtv, 15 Euro
Rachel Kushner: See der Schöpfung. Aus dem Englischen von Bettina
Abarbanell, 480 Seiten, Rowohlt, 26 Euro
Scott Fitzgerald: Der große Gatsby. Aus dem Englischen von Bernhard
Robben, 352 Seiten, Penguin, 30 Euro
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| Wohnst du noch, oder liest du schon? | 17 May 2025 | 01:01:13 | |
Der erste Satz stammt diesmal von der Autorin und Filmregisseurin Doris
Dörrie, die ein Buch über das Wohnen und ihr Leben geschrieben hat. Maja
Beckers und Alexander Cammann stellen es in der neuen Sachbuchfolge von
Was liest du gerade? vor. Doris Dörrie erzählt davon, wie sich die
Einstellung zum Wohnen seit ihrer Kindheit verändert und was unsere
Wohnträume über uns aussagen. Doris Dörrie feiert am 26. Mai ihren 70.
Geburtstag – wir gratulieren!
Ein erschütterndes, bisher fast unbekanntes Kapitel aus der Geschichte
des Nationalsozialismus hat die polnische Autorin Karolina Sulej in
ihrem sensationellen Buch „Persönliche Dinge“ erstmals aufgearbeitet:
welche Rolle Kleidung und Mode in den KZ spielte, wie sie der
Entmenschlichung der Häftlinge diente und ihnen andererseits manchmal
bei der Bewahrung ihrer Individualität half.
David A. Graham, Reporter bei „The Atlantic“, rekonstruiert in seiner
spannenden Recherche die Ideen und Pläne hinter der Trump-Regierung:
Minutiös wurde in den vergangenen Jahren im Think Tank „The Heritage
Foundation“ all das vorbereitet, womit der Präsident jetzt Amerika
komplett umbauen will.
Neugierig haben nicht nur Katholiken in aller Welt in den vergangenen
Wochen nach Rom gestarrt. Erst starb Papst Franziskus, dann gab es das
geheimnisvolle Konklave, bei dem überraschend der erste Amerikaner auf
dem Heiligen Stuhl landete: Leo XIV. Was es mit dem Amt des Papstes seit
2000 Jahren auf sich hat, erklärt ein 1996 erschienener, jetzt wieder
aktueller Klassiker, Horst Fuhrmanns Geschichte der Päpste.
Das Team von "Was liest du gerade?" erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
Doris Dörrie: Wohnen. 128 Seiten, Hanser Berlin, 20 Euro
Karolina Sulej: Persönliche Dinge. Was Kleidung aus NS-Lagern uns heute
erzählen kann. Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann, 432 Seiten,
Chr. Links, 26 Euro
David A. Graham: Der Masterplan der Trump-Regierung. Aus dem Englischen
von Stephanie Singh, 192 Seiten, S. Fischer, 18 Euro (erscheint am 28.
Mai)
Horst Fuhrmann: Die Päpste. 330 Seiten, C.H. Beck, 19,95 Euro
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| Berliner und anderes Liebeslieben | 31 May 2025 | 00:54:23 | |
Eine sehr junge literaturinteressierte Frau, die am Gardasee lebt,
verliebt sich auf der Frankfurter Buchmesse in einen sehr viel älteren,
fabelhaft reichen und gebildeten Grandseigneur, der zufällig auch noch
einer der bedeutendsten italienischen Verleger ist. Soweit alles ganz
normal, doch folgt daraus eine 30 Jahre dauernde Liaison zwischen der
deutschen Autorin Anna Katharina Fröhlich und dem Verleger des Adelphi
Verlages Roberto Calasso, deren Bedingungen von Anfang an unverrückbar
waren. Der inzwischen verstorbene Roberto Calasso blieb zeit seines
Lebens gut italienisch verheiratet, obwohl seine Mätresse ihm im Lauf
der Jahre einen Sohn und eine Tochter schenkte. Wir besprechen in
unserem Buchpodcast dieses turbulente und mit viel Sinn für Stil und
Humor geschriebene Erinnerungsbuch an eine aufregende Liebe. Außerdem
geht es um eine sehr interessante Ausgrabung. Im Nachlass des
Historikers Sebastian Haffner hat sich ein bezaubernder kleiner
Paris-Roman aus den frühen 1930er-Jahren gefunden. Darin lebt man mit
einer jungen deutschen Bohème noch einmal ein paar sorglose Tage und
Nächte im alten Paris der Zwischenkriegszeit, obwohl man spürt, dass die
Uhr tickt und man bereits auf einem Pulverfass tanzt.
Unser Klassiker ist in dieser Podcast-Folge der Berliner Großstadtroman
Fabian von Erich Kästner, der Kästners Unbehagen am wilden Berliner
Liebesleben der späten 1920er-Jahre wunderbar aufs Korn nimmt.
Unser Zitat des Monats kommt aus dem neuesten Berlin-Roman von Nell Zink
Sister Europe, in dem die Autorin sich über den Berliner
Literaturbetrieb lustig macht.
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| Sommer, Sonne, Sachbücher | 14 Jun 2025 | 01:05:51 | |
Alle Jahre wieder die Frage: Was ist das richtige Buch für den Strand?
Das gilt auch für "Was liest Du gerade?". Maja Beckers und Alexander
Cammann präsentieren diesmal in der Sachbuchfolge vier Sommerbücher,
über die man wunderbar debattieren kann.
In der Rubrik "Der erste Satz" geht es diesmal um Glamour: Ute Cohen
erklärt, wer oder was alles glamourös sein kann und ob wir in verdammt
unglamourösen Zeiten leben.
Eine neue Sicht auf Thomas Mann bietet Tilmann Lahme in seiner Biografie
des Literaturnobelpreisträgers, pünktlich zu dessen 150. Geburtstag. Sie
wurde in den vergangenen Wochen bereits gefeiert und intensiv
diskutiert: Spiegelt sich in Manns Leben und Werk dessen Homosexualität
noch stärker als bisher bekannt wider?
Ob Musik oder Film, Madonna oder Taylor Swift: Seit den späten
1990er-Jahren sind Frauen in der Popkultur häufig zu globalen Stars
geworden. Für die Journalistin Sophie Gilbert ist dieser Siegeszug aber
kein Anlass zur Freude: Denn hinter solch vermeintlichem Empowerment
steckt in Wahrheit vor allem Sexismus und eine globale pornografische
Kultur. Was ist dran an dieser These?
Der Klassiker stammt diesmal aus dem Jahr 2017 und ist ein etwas anderes
Reisebuch: Rainer Wieland hat in einem prächtigen Band viele Texte
berühmter Deutschland-Touristen aus 2.000 Jahren versammelt: Von Caesar
bis Virginia Woolf, von Mary Shelley bis Andy Warhol erzählen diese
Reisenden davon, wie sie ein ihnen fremdes Land erlebt haben – oft klug
beobachtet, oft saukomisch. Mit diesen Lektüren werden Sie den Sommer
jedenfalls gut überstehen!
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Literaturangaben:
Ute Cohen: Glamour. Über das Wagnis, sich kunstvoll zu inszenieren. 184
Seiten, zu Klampen, 22 Euro
Tilmann Lahme: Thomas Mann. Ein Leben. 592 Seiten, dtv, 28 Euro
Sophie Gilbert: Girl vs. Girl. Wie Popkultur Frauen gegeneinander
aufbringt. A. d. Englischen übersetzt von Britta Fietzke, 336 Seiten,
Piper, 17,99 Euro
Rainer Wieland: Das Buch der Deutschland-Reisen. Von den alten Römern
bis zu den Weltenbummlern unserer Zeit. 512 Seiten, Propyläen,
antiquarisch erhältlich
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| Trost in finsteren Zeiten | 28 Jun 2025 | 00:48:19 | |
Wir sprechen in dieser Ausgabe von "Was liest Du gerade?" über zwei
literarische Entdeckungen, die uns wunderbar durch den Sommer bringen:
über Stig Dagermans poetisches Buch "Trost" und Ré Soupaults
Reisebericht "Kaffee mit Croissant". Stig Dagerman (1923–1954) gilt
heute als einer der wichtigsten schwedischen Schriftsteller des 20.
Jahrhunderts. Mit seinen eindringlichen, international gefeierten
Romanen "Die Schlange" (1945) und "Die Insel der Verdammten" (1946)
hatte er mit Anfang zwanzig den Schrecken des Krieges eingefangen. Trotz
dieses frühen Erfolgs litt Dagerman fortwährend unter schweren
Depressionen und Schreibkrisen. Mit nur 31 Jahren setzte er seinem Leben
durch Suizid ein Ende. Umso erstaunlicher ist sein jetzt ins Deutsche
übersetzter, funkelnder, lebensfroher Essay "Trost", in dem er erkundet,
was uns am Leben hält – gerade dann, wenn man nicht an Gott glaubt und
metaphysisch obdachlos ist.
Die in Deutschland geborene und aufgewachsene Ré Soupault (1901–1996)
war ein Multitalent: Sie war Bauhaus-Künstlerin, Fotografin,
Journalistin, Zeichnerin, Modemacherin – und wirkte seit Ende der
Zwanzigerjahre in Paris in avantgardistischen Kreisen. Wenige Jahre nach
dem Zweiten Weltkrieg unternahm sie mit einem Vélosolex, einem
motorbetriebenen Fahrrad, alleine eine Reise durch Südfrankreich und
führte dabei auf losen Blättern ein Tagebuch. Es ist nun unter dem Titel
"Kaffee mit Croissant in Avignon" erschienen. Soupault schreibt über
Reisebekanntschaften, erkundet Landschaften, verlassene Schlösser und
den Neubeginn des Tourismus. Es ist ein herrliches Buch über ein Europa
im Umbruch und im Neubeginn. Wenige Monate später setzt sie ihre Reise
fort – und gelangt nach Deutschland, ihr Heimatland, und führt abermals
Tagebuch, das unter dem Titel "Überall Verwüstung. Abends Kino"
erschienen ist.
In unserem Klassiker beschäftigen wir uns mit dem französischen
Schriftsteller Philippe Jaccottet. In seinem sehr persönlichen Buch
"Bonjour, Monsieur Courbet" erkundet Jaccottet, der am 30. Juni 100
Jahre alt geworden wäre, die Kunst der Moderne. Und unser "Zitat des
Monats" stammt aus dem neuen Roman von Katharina Hagena, "Flusslinien".
Das Team von "Was liest du gerade?" erreichen Sie unter buecher@zeit.de.
Literaturangaben:
- Stig Dagerman: "Trost". Mit einem Nachwort von Felicitas Hoppe. Aus
dem Schwedischen von Paul Berf. S. Fischer Verlag, 64 S.
- Ré Soupault: "Kaffee mit Croissant in Avignon: Reisetagebuch". Verlag
Das Wunderhorn, 160 S.
- Philippe Jaccottet: "Bonjour, Monsieur Courbet: Künstler, Freunde,
kunterbunt". Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Edl und
Wolfgang Matz. Wallstein Verlag, 197 S.
- Katharina Hagena: "Flusslinien". Kiepenheuer & Witsch Verlag, 400 S.
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| So feministisch war die Steinzeit | 26 Jul 2025 | 00:57:10 | |
Sprachkritik steht am Anfang der neuen Sachbuchfolge von "Was liest du
gerade?": Maja Beckers und Alexander Cammann diskutieren in der Rubrik
"Der erste Satz" über den Essay "Irgendwie total spannend" von Wolfgang
Kemp, der scharfsinnig die Floskeln unserer Gegenwart aufspießt – und
jawohl, besonders Podcasts hat er im Visier.
Zum ersten Mal hat gerade ein Comic den Deutschen Sachbuchpreis
gewonnen: Die längst legendäre feministische Zeichnerin Ulli Lust
erzählt in "Die Frau als Mensch" die wahre weibliche Frühgeschichte der
Menschheit, gegen alle patriarchalen Legenden – eine aufregende visuelle
Entdeckungsreise, wie immer bei dieser Künstlerin mit autobiografischen
Anteilen.
Der indische Schriftsteller Amitav Ghosh hat ein Buch über die finstere
Macht des Opiums geschrieben: "Rauch und Asche" handelt von der globalen
Wirtschaftsgeschichte dieser Droge und davon, wie vor allem
Großbritannien und die USA im 19. Jahrhundert an ihr verdienten, während
sie Asien das große Elend brachte. Leid und Reichtum, bis heute
nachwirkend.
Der Klassiker reist diesmal mit Magellan um die Welt: Antonio Pigafetta
war von 1519 bis 1522 bei dessen erster Weltumseglung dabei. Sein
Reisebericht erzählt von den Qualen der Seeleute und von deren
Abenteuern und Entdeckungen – sowie vom oft tödlichen Aufeinanderprallen
der Kulturen.
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Literaturangaben:
- Wolfgang Kemp: "Irgendwie so total spannend. Unser schöner neuer
Sprachgebrauch". 144 Seiten, zuKlampen! Verlag, 18 Euro
- Ulli Lust: "Die Frau als Mensch. Am Anfang der Geschichte". 256
Seiten, Reprodukt, 29 Euro
- Amitav Ghosh: "Rauch und Asche. Die geheime Geschichte des Opiums".
432 Seiten, Matthes & Seitz, 28 Euro
- Antonio Pigafetta: "An Bord mit Magellan. Bericht über die erste
Reise rund um die Welt 1519–1522". Übersetzt von Christian Jostmann,
221 Seiten, C. H. Beck, 22 Euro
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| Heute mal Klatsch und Tratsch | 09 Aug 2025 | 00:57:48 | |
Im 21. Jahrhundert ist es wieder zum Schicksal von Millionen Menschen
weltweit geworden: Flucht, Emigration, Exil. In der neuen Sachbuchfolge
von "Was liest du gerade?" sprechen Maja Beckers und Alexander Cammann
in der Rubrik "Der erste Satz" über ein Zitat von Ursula Krechel. Die
Schriftstellerin erhält in diesem Jahr die wichtigste deutsche
Literaturauszeichnung, den Büchnerpreis – und sie hat gerade einen Essay
über ihr Lebensthema veröffentlicht: "Vom Herzasthma des Exils".
Klatsch und Tratsch fasziniert alle: oft geliebt, manchmal erlitten. Die
amerikanische Journalistin Kelsey McKinney hat darüber mit "Normal
Gossip" lange einen erfolgreichen Podcast betrieben – jetzt schreibt sie
ein Buch zu diesem Thema: "Gossip" will erklären, warum wir überhaupt
tratschen, weshalb sie selbst es seit ihrer Jugend so gerne tut und was
es für die gesellschaftlichen Machtverhältnisse bedeutet, Gerüchte zu
verbreiten.
Wie kommt man einigermaßen durch diese finsteren Zeiten? Möglichst cool
bleiben, findet Helmut Lethen. "Stoische Gangarten" nennt der berühmte
Literaturwissenschaftler sein neues Buch. Er ist mittlerweile 86 Jahre
alt und erzählt, wie er nach einer Gehirnblutung noch einmal über sein
Leben und seine Thesen nachdenkt – und gleich wieder dicke Romane liest.
Der Klassiker wurde diesmal von Hans Pleschinski übersetzt und
herausgegeben: Aus den Erinnerungen ihrer Kammerfrau Henriette Campan
erfahren wir präzise anschaulich, wie Marie Antoinette, die 1793
hingerichtete französische Königin, am Hof von Versailles lebte – ein
farbiges Sittengemälde aus der Zeit der Französischen Revolution.
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Literaturangaben:
- Ursula Krechel: "Vom Herzasthma des Exils". 176 Seiten, Klett-Cotta,
18 Euro
- Kelsey McKinney: "Gossip". Übersetzt von Katharina Herzberger. 336
Seiten, dtv, 18 Euro
- Helmut Lethen: "Stoische Gangarten. Versuche der Lebensführung". 224
Seiten, Rowohlt Berlin, 24 Euro
- "Das kurze und verschwenderische Glück der Königin Marie Antoinette.
Die Aufzeichnungen ihrer Kammerfrau Henriette Campan", hrsg. und
übersetzt von Hans Pleschinski. 345 Seiten, C.H. Beck, 26 Euro
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| Wie viele Krankheiten hätten Sie denn gern? | 23 Aug 2025 | 00:44:43 | |
Wir sprechen in dieser Ausgabe von „Was liest Du gerade?“ über den neuen
Roman von Daniela Dröscher. Nach dem großen Erfolg ihres 2022
erschienenen Romans Lügen über meine Mutter hat sie nun den Roman Junge
Frau mit Katze veröffentlicht. Die Literaturwissenschaftlerin Ela
bereitet sich darin auf ihre Promotionsprüfung vor und ihr Körper spielt
völlig verrückt. Sie leidet mit einem Mal an rätselhaften Symptomen und
rätselhaften Diagnosen. Ärzte vermuten eine Katzenhaarallergie, ein
Herzflimmern, eine Textilfarbenunverträglichkeit, eine
Schilddrüsenunterfunktion und einiges mehr. Oder sind ihre Krankheiten
psychosomatisch? In jedem Fall geht es ihr erst besser, als sie eine
folgenreiche Entscheidung in ihrem Leben trifft.
In Raphaela Edelbauers Roman Die echtere Wirklichkeit planen fünf
„philosophische Terroristen“ einen Anschlag auf die Wiener Universität.
Aus ihrer Sicht ist die Wissenschaft dafür verantwortlich, dass wir
keinen Sinn mehr für die Wahrheit haben. Postmoderne Theorien hätten
dafür gesorgt, dass wir Fake News konsumieren, dass wir desorientiert
vor uns hin leben, und dass Trump und Orbán Wahlen gewinnen können. Die
zumeist jungen Terroristen sind nur halb gut organisiert – aber sie
schreiten dennoch zur Tat. Die echtere Wirklichkeit der 35-jährigen
Schriftstellerin ist ein wilder Roman über die Verschwörungstheorien
unserer Zeit und über die Sehnsucht, sie mit Gewalt zu bekämpfen.
In unserem Klassiker beschäftigen wir uns mit einem Werk von Leo Perutz
(1882-1957) – dem großen Unbekannten der österreichischen Literatur. Wer
seinen Roman Der schwedische Reiter noch nicht gelesen hat, sollte dies
dringend nachholen. Perutz entführt uns in das frühe 18. Jahrhundert,
das von Gewalt und von Gespenstern geprägt ist. Hier tauschen zwei
Männer ihre Identität: Ein Dieb wird zum Aristokraten, und ein
Aristokrat zum Dieb. Und erst, indem sie nicht mehr das sind, was sie
waren, finden sie in ihrem Leben einen Sinn – und die große Liebe.
Und unser "Zitat des Monats" stammt aus dem Roman Besessenheit der
französischen Nobelpreisträgerin Annie Ernaux.
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Literaturangaben:
- Daniela Dröscher: Junge Frau mit Katze. Roman. Kiepenheuer & Witsch.
320 S., 24 Euro.
- Raphaela Edelbauer: Die echtere Wirklichkeit. Roman. Klett-Cotta.
448 S., 28 Euro.
- Leo Perutz: Der schwedische Reiter. Roman. Dtv. 256 S., 13 Euro.
- Annie Ernaux: Die Besessenheit. Suhrkamp Verlag. Aus dem
Französischen übersetzt von Sonja Finck. 66 Seiten, 20 Euro
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