Stimmen der Politik – Reden, die etwas bewegen
Hier sprechen die Akteure selbst: Wir dokumentieren politische Vorträge, öffentliche Reden und analytische Beiträge von relevanten Persönlichkeiten. Ein Podcast für alle, die tiefer hören wollen als nur bis zur Schlagzeile.
Découvrez des podcasts liées à SWISSVOX Hinter den Kulissen der Macht. Explorez des podcasts avec des thèmes, sujets, et formats similaires. Ces similarités sont calculées grâce à des données tangibles, pas d'extrapolations !
SVP-Kantonsrat und Jurist Hermann Lei spricht im Interview über die gescheiterte Nachhaltigkeitsinitiative, die seiner Einschätzung nach konsequente Nichtumsetzung der Masseneinwanderungsinitiative und was er als schleichende Erosion des Vertrauens in den Schweizer Rechtsstaat betrachtet. Ein Gespräch, das wenig Raum für Diplomatie lässt.
Ein Mann der Kontinuität
Hermann Lei gehört zu jenen SVP-Politikern, die ihre politische Sozialisation offen benennen: aufgewachsen in einem bürgerlichen Haushalt, geprägt von einem Vater, der in der FDP Schul- und Gemeindeämter bekleidete, später Regierungsrat wurde. «Er und ich, wir haben ungefähr die gleiche Haltung», sagt Lei. Diese Haltung sei heute, nach dem Linksrutsch der FDP, ungefähr das, was man als SVP-Gedankengut bezeichne.
Lei sitzt seit Jahren im Kantonsrat, arbeitet als Jurist und ist nach eigener Aussage einer derjenigen, die früh vor den Folgen einer unkontrollierten Einwanderung gewarnt hätten – damals noch primär mit kulturellen Argumenten, heute zunehmend mit Verweis auf Raumplanung, Wohnkosten und Infrastruktur.
Die Nachhaltigkeitsinitiative: enttäuscht, aber nicht überrascht
Die Nachhaltigkeitsinitiative, über die die Schweiz zuletzt abgestimmt hat, ist für Lei gescheitert – trotz des richtigen Anliegens, wie er findet. In seinem Kanton habe die Initiative 55 Prozent Zustimmung erhalten, was ihn gefreut habe. Das gesamtschweizerische Ergebnis hingegen enttäusche ihn, auch wenn er sagt, er sei nicht überrascht.
Lei macht für das Nein mehrere Faktoren verantwortlich: gezielt eingesetztes Angstmarketing («die Alten werden nicht mehr gepflegt»), massive Finanzmittel der Gegnerschaft – Economiesuisse soll rund 5 Millionen Franken investiert haben – sowie, spekulativ, den Einsatz von Bots und Fake-Profilen in sozialen Netzwerken. «Das ist natürlich eine Verschwörungstheorie», räumt er selbst ein, «aber die waren bis jetzt immer recht.»
Besonders auffällig findet Lei das Abstimmungsverhalten städtischer Bevölkerungen, die seiner Einschätzung nach am stärksten unter den Wohnkosten leiden, dennoch aber mehrheitlich Nein gestimmt hätten. «Wie die Kartoffeln – die Augen gehen erst auf, wenn man voll im Dreck ist.»
Verfassungsbruch als politisches Dauerthema
Was Lei sichtlich mehr beschäftigt als die jüngste Abstimmungsniederlage, ist die Masseneinwanderungsinitiative von 2014. Diese sei «zu null Prozent» umgesetzt worden – ein Verfassungsbruch, «der seinesgleichen sucht». Die Ausführungsgesetzgebung habe lediglich einen weitgehend wirkungslosen Inländervorrang gebracht. Leis damalige Position: Weder Zustimmung noch Ablehnung, sondern Boykott – die Vorlage hätte man der Urne fernbleiben lassen sollen.
Ähnliches gelte für die Ausschaffungsinitiative, die durch Gerichtsentscheide konterkariert werde. Als eigentlichen Erfolg, der auch tatsächlich umgesetzt worden sei, nennt er einzig die Minarettinitiative. «Das ist der einzige Punkt, den wir gewonnen haben – und der auch so umgesetzt wurde.»
Die Frage, ob solche Entwicklungen das Vertrauen in die direkte Demokratie beschädigten, beantwortet Lei ohne Zögern: «Ja, eindeutig.» Wer den Institutionen nachhaltig schaden wolle, müsse genau so vorgehen: abstimmen lassen und das Ergebnis dann ignorieren.
Allein gegen alle – die Arithmetik der SVP
Mit rund 27 bis 30 Prozent Wähleranteil ist die SVP zwar seit über zwei Jahrzehnten die stärkste Partei der Schweiz. Politische Mehrheiten für ihre Kernanliegen – Begrenzung der Zuwanderung, Distanz zur EU, innere Sicherheit – habe sie trotzdem nie erreicht. Lei benennt die Koalition der Gegner: alle übrigen Parteien, Gewerkschaften, Verbände, staatlich finanzierte NGOs und ein Bundesrat, der seiner Einschätzung nach «jegliche Hemmungen verloren hat» und aktiv in die Meinungsbildung eingreife.
«Es müsste 50 Prozent sein, wenn alle anderen dagegen sind» – das sei die schlichte Realität des Mehrheitsprinzips.
Lei rechnet dennoch mit einem Stimmenzuwachs nach der jüngsten Niederlage. Viele Wählerinnen und Wähler, die mit Ja gestimmt hätten und nun enttäuscht seien, würden erkennen, dass nur die SVP ihr Anliegen ernstnehme. Er plädiere dafür, rasch mit einer neuen Volksinitiative zu beginnen – «in fünf Jahren spätestens muss die da sein».
Sozialpolitik, Armeeausgaben und das Prinzip der Staatsabhängigkeit
Auf die Frage, warum der Ukraine in kurzer Zeit Milliardenhilfe bereitgestellt werde, während die Finanzierung der 13. AHV-Rente jahrelang diskutiert worden sei, reagiert Lei mit Unverständnis. Er habe die 13. AHV abgelehnt, aus grundsätzlicher Skepsis gegenüber einem weiteren Ausbau des Sozialstaats: «Jeder, der vom Staat abhängig ist, wird so einer.» Dass die Bevölkerung dennoch Ja gestimmt habe, sei aber nachvollziehbar – ein Protest gegen eine als ungerecht empfundene Mittelvergabe.
Zur Frage der Landesverteidigung hält Lei fest, dass hybride Kriegsführung mit Zöllen, Cyberangriffen und Propaganda zwar Realität sei – «das war aber immer schon so». Am Ende aber müssten Leute dastehen, «die mit einem Gewehr in der Hand sagen: bis hierhin und nicht weiter».
Schweizer Unabhängigkeit: eine Frage des Willens
Die Schweiz sei heute von der EU umgeben «wie im Zweiten Weltkrieg von den nationalsozialistischen Staaten» – ein Vergleich, der zeigt, mit welcher Schärfe Lei die Brüsseler Integrationspolitik wahrnimmt. Er ist überzeugt, dass die Schweiz ihre Unabhängigkeit vollständig bewahren könnte, wenn der politische Wille vorhanden wäre.
Die Bilateralen III, die er als «Unterwerfungsverträge» bezeichnet, seien das Gegenteil davon. «Staatssäulen der Schweiz stehen zur Disposition.» Kompromisse in diesen Kernfragen lehnt er kategorisch ab.
Einordnung
Das Gespräch mit Hermann Lei illustriert eine politische Diagnose, die innerhalb der SVP weit verbreitet ist: Die direkte Demokratie funktioniert zwar formal, wird aber durch unvollständige Umsetzungen, institutionelle Gegenmacht und gezielte Desinformation in ihrer Wirkung ausgehöhlt. Diese Wahrnehmung ist nicht ohne Grundlage – die Masseneinwanderungsinitiative ist ein dokumentierter Fall von verfassungsrechtlicher Spannung zwischen Volksauftrag und parlamentarischer Umsetzung.
Ob Leis düstere Prognosen eintreffen – mehr Kriminalität, mehr Beton, mehr soziale Verdrängung –, wird sich zeigen. Was er mit einiger Wahrscheinlichkeit richtig einschätzt: Das Thema Zuwanderung und Kapazitätsgrenzen ist mit diesem Abstimmungsresultat nicht vom Tisch. Es kehrt wieder.
Nico Stino ist Journalist und Gründer von Swissvox, dem unabhängigen Schweizer Medienportal auf Substack.
This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit swissvox.substack.com/subscribe
Weyand-Abgang
jeudi 11 juin 2026 • Durée 07:33
von Nico Stino
Sabine Weyand räumt ihren Posten. Zum 1. Juni verlässt die langjährige Leiterin der Generaldirektion Handel die Brüsseler Schaltzentrale – nach 32 Jahren im EU-Dienst. Offiziell heisst das «Umstrukturierung von Führungspositionen». In Wirklichkeit handelt es sich um einen weiteren gezielten Rausschmiss einer Person, die das Undenkbare gewagt hatte: einen abweichenden Standpunkt zu vertreten.
Weyand gilt als eine der erfahrensten Handelsdiplomatinnen der EU. Sie verhandelte den Brexit, die WTO-Reform, Mercosur und zahlreiche bilaterale Abkommen. Was ihr zum Verhängnis wurde, war ausgerechnet jenes Handelsabkommen, das sie nicht verhandelt hatte: der sogenannte EU-Unterwerfungsdeal von Turnberry, Schottland.
Turnberry: Kapitulation ohne Verhandlung
Der Inhalt des Abkommens liest sich wie ein Diktat. 750 Milliarden für US-Fracking-Gas, 600 Milliarden für US-Investitionen, eine Billion für US-Militärmaterial – dazu ein Einheitszoll von 15 Prozent auf EU-Exporte gegenüber null Gegenseitigkeit. Die Vorgabe aus dem Kabinett von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: bedingungslose Annahme. Kein Ausspielen eigener Karten. Keine Verhandlungsstrategie. Unterwerfung als Doktrin.
Dass Sabine Weyand von dieser Linie wenig hielt, war ihr anzusehen. Auf Fotos aus der Unterzeichnungsphase fehlt ihr Lächeln vollständig. Und sie machte auch keinen Hehl daraus, dass sie das Abkommen für unwürdig hielt. Das reichte.
Ex-Kommissar Thierry Breton, der von der Leyens Führungsstil schon länger offen kritisiert, formulierte es klar: «Sie hatte sich geweigert, den Daumen zu heben für dieses unwürdige Abkommen. Das Ende ihres Mandats wurde diese Woche bekannt gegeben.» Und er fügte an, dass Trumps nachträgliche einseitige Erhöhung der Autozölle um 25 Prozent bestätigt habe, worauf sich die EU eingelassen hatte – nämlich auf Demütigung.
Muster mit System
Der Fall Weyand steht nicht allein. Vor ihr mussten Frans Timmermans, Margrethe Vestager, Johannes Schmid und schliesslich Thierry Breton selbst die Bühne räumen – allesamt Kommissare mit eigenem Denkvermögen und der Bereitschaft, Widerspruch zu formulieren. Bretons Bewerbung für eine zweite Amtszeit soll von der Leyen aktiv hintertrieben haben, bis Paris die Nominierung zurückzog.
This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit
Tito Tettamanti
jeudi 25 décembre 2025 • Durée 14:54
Der 95-jährige Tessiner Unternehmer Tito Tettamanti auf ein ereignisreiches Leben als Investor und politischer Beobachter zurück. Er definiert sich selbst als pragmatischen Konservativen und kritisiert den aktuellen kulturellen Verfall sowie den Verlust bürgerlicher Werte im Westen. Tettamanti analysiert die geopolitische Lage, spricht sich gegen eine Annäherung der Schweiz an die EU aus und betont die Bedeutung nationaler Souveränität.
This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit swissvox.substack.com/subscribe
Die Schweiz zu stressig!
mardi 23 décembre 2025 • Durée 02:32
Die Schweiz ist einfach zu stressig :-) #zürich #schweiz
This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit swissvox.substack.com/subscribe
Schweiz am Abgrund
lundi 15 septembre 2025 • Durée 12:28
Die Schweiz, einst das Symbol für Stabilität, Neutralität und unantastbares Bankgeheimnis, scheint auf dem Weg in den wirtschaftlichen Abstieg zu sein. Seit dem "Verschenken" des Bankgeheimnisses an die USA vor über einem Jahrzehnt hat der Finanzplatz Zürich nur noch bergabwärts geführt. Der jüngste Schlag: UBS-CEO Sergio Ermotti hat ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen mit Vertretern der Trump-Administration geführt, was Spekulationen über eine Verlegung des Konzern-Hauptsitzes in die USA anheizt. Die Schweizer Politik hat es in wenigen Jahren geschafft, was Jahrzehnte der Stärke zunichtemachen: Die Auslöschung aller Großbanken von der Bildfläche. Ein kritischer Blick auf diese Katastrophe zeigt, wie Kurzsichtigkeit und Unterwerfung unter internationale Druck den Kern der schweizerischen Wirtschaft zerstört.
This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit swissvox.substack.com/subscribe
Mobile Heime, zerplatzte Träume!
jeudi 14 août 2025 • Durée 08:13
Wenn das Zuhause vier Räder hat: Die stille Wohnungsnot in der Schweiz
Während die Mieten explodieren und Tausende Wohnungen fehlen, wird für immer mehr Menschen in der Schweiz der Camper zur Dauerlösung. Eine Notlösung mit Ablaufdatum.
Hallo zusammen,
stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf, blicken aus dem Fenster und sehen ein atemberaubendes Bergpanorama. Klingt wie ein Traum, oder? Für eine wachsende Zahl von Menschen in der Schweiz ist das die tägliche Realität. Aber nicht, weil sie im Urlaub sind. Sondern weil ihr Zuhause ein Camper ist.
Die angespannte Lage auf dem Schweizer Wohnungsmarkt ist kein Geheimnis mehr. Aber das Ausmass der Krise wird oft erst sichtbar, wenn man genauer hinsieht – auf die Campingplätze, die sich langsam füllen, nicht nur mit Touristen, sondern mit Menschen, die schlichtweg keine bezahlbare Wohnung mehr finden.
Die nackten Zahlen einer Krise
Die Situation ist dramatisch. Experten sind sich einig: Bis 2026 werden in der Schweiz über 50'000 Wohnungen fehlen. Schon heute ist der Markt leer gefegt. In Städten wie Zürich oder Genf ist es fast unmöglich, eine bezahlbare Wohnung zu finden.
Warum ist das so?
* Geringe Bautätigkeit: Es wird einfach nicht genug gebaut, um mit der wachsenden Bevölkerung Schritt zu halten.
* Bürokratie und Kosten: Langwierige Bewilligungsverfahren, hohe Baukosten und strenge Vorschriften bremsen neue Projekte aus.
* Hohe Nachfrage: Die Schweiz ist ein attraktives Land zum Leben und Arbeiten, was die Nachfrage und damit die Preise in die Höhe treibt.
Die logische Konsequenz: Die Mietpreise explodieren. Für viele ist der Traum von den eigenen vier Wänden – ob gemietet oder gekauft – in weite Ferne gerückt.
Die Flucht auf vier Räder
Was also tun, wenn das Einkommen nicht mehr für die Miete reicht? Für einige lautet die Antwort: Vanlife. Was auf Instagram oft als romantisches Abenteuer dargestellt wird, ist für viele in der Schweiz eine knallharte Notwendigkeit.
This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit
NATO hat Verprechen gebrochen!
samedi 2 août 2025 • Durée 17:44
Alessandro Orsini, außerordentlicher Professor für Soziologie im Fachbereich Politikwissenschaft der Lewis-Universität, eröffnete seinen Vortrag beim Festival „Il Libro Possibile“ mit dem Hinweis, dass er zum zweiten Mal in Folge eingeladen worden sei, wofür er sich beim Bürgermeister, dem Kulturdezernenten und der Bevölkerung bedankte. Der zentrale Punkt seines Vortrags war die Frage, ob die NATO im Jahr neunzehnhundertneunzig Michail Gorbatschow versprochen habe, sich nicht nach Osten auszudehnen – eine Frage, die laut Alessandro Orsini von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der heutigen geopolitischen Situation sei, insbesondere im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine.
Er betonte, dass sich die Welt am Rande eines dritten Weltkriegs befinde, möglicherweise sogar eines nuklearen Kriegs, und verwies dabei auf das kürzlich von Macron und Starmer unterzeichnete Northwood-Abkommen. Dieses Abkommen sieht vor, dass Großbritannien und Frankreich Russland mit Atomwaffen angreifen würden, sollte Russland ein europäisches Land mit Atomwaffen angreifen. Dabei sei zu bedenken, dass Russland über mehr als viertausendfünfhundert nukleare Sprengköpfe verfüge, während Frankreich zweihundertneunzig und Großbritannien zweihundertfünfundzwanzig besitze – eine massive Asymmetrie, die im Fall eines Nuklearkriegs zur schnellen Vernichtung Europas führen würde. Diese Entwicklungen belegten, wie ernst die aktuelle geopolitische Lage sei, und zeigten, dass die politischen Führer ernsthaft mit der Möglichkeit eines nuklearen Konflikts rechnen.
Alessandro Orsini erinnerte daran, dass Wladimir Putin bereits im September zweitausendzweiundzwanzig während der Schlacht um Cherson ernsthaft erwogen habe, Atomwaffen gegen die Ukraine einzusetzen. Diese Gefahr sei damals nur durch ein inoffizielles Abkommen zwischen Russland und den Vereinigten Staaten abgewendet worden. Die Ukraine konnte später am elften November desselben Jahres einen Teil Chersons zurückerobern, während der andere Teil weiterhin unter russischer Kontrolle blieb.
Diese Beispiele dienten ihm als Einführung, um aufzuzeigen, weshalb es entscheidend sei, die Wahrheit über das angebliche Versprechen der NATO an Gorbatschow herauszufinden. Die Propagandaversionen klaffen dabei weit auseinander: Putin behaupte, die NATO habe das Versprechen gegeben, sich nicht nach Osten auszudehnen, habe dieses jedoch gebrochen, was zum Krieg in der Ukraine geführt habe. Die NATO hingegen bestreite, ein solches Versprechen je gegeben zu haben, und wirft Putin vor, diese Behauptung zur Rechtfertigung der Invasion der Ukraine erfunden zu haben.
This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit
Pepe Escobar – Warum Thailand und Kambodscha im Krieg sind
mercredi 30 juillet 2025 • Durée 15:47
Es herrscht ein Nebel des Krieges. Ein erfahrener thailändischer Analyst sorgt sich über die Überschneidung so vieler scheinbar unsinniger Elemente: „Dieser Krieg hat etwas sehr Seltsames an sich. Es scheint, als würde jemand beide Seiten zur Eskalation drängen.
Bisher dominierte die Eskalation die Szene. Trotz des „Trumpschen Zollsturms“ (T3) hat er sich nun als „Friedensstifter“ neu erfunden und prahlt mit seiner „Einigung“ über die „Kunst des Waffenstillstands“.
Doch an diesem Montag fungiert Malaysia – derzeit das führende ASEAN-Land – de facto als Vermittler. Premierminister Anwar Ibrahim ist Gastgeber der Waffenstillstandsgespräche in Putrajaya. Außenminister Mohamed Hasan bestätigte bereits: „Dies ist eine Angelegenheit der ASEAN, und als Vorsitzender sollten wir die Verhandlungen führen.“
Letztlich übernahm Malaysia sogar die Führung. Premierminister Anwar Ibrahim persönlich brach einen Waffenstillstand zwischen den Kriegsparteien.
Und das führt uns zu der unvermeidlichen Frage: Welches toxische Zusammentreffen von Faktoren hat im Herzen Südostasiens zu einem heißen Krieg geführt?
Alles begann mit einer Familienfehde – wie eine hochrangige thailändische Geheimdienstquelle berichtete – zwischen dem thailändischen Shinawatra-Clan und dem kambodschanischen Hun Sen-Clan. Thaksin Shinawatra aus Chiang Mai im Norden Thailands, ein milliardenschwerer ehemaliger Premierminister, der kürzlich von König Maha Vajiralongkorn begnadigt wurde, ist der ewige starke Mann der thailändischen Politik. Eine seiner Töchter, Paetongtarn, ist die derzeitige Premierministerin Thailands.
Hun Sen, ein ehemaliger Soldat der Roten Khmer – er desertierte 1977 –, der zwei Amtszeiten lang Premierminister war (1985–1993 und 1998–2023) und derzeit Präsident des Senats ist, ist Kambodschas ewiger starker Mann.
Die Clans Shinawatra und Hun Sen standen sich einst sehr nahe, doch in jüngster Zeit kam es zu einem „unüberbrückbaren“ Zerwürfnis. Dies ist teilweise auf den neuen Ehemann von Yingluck zurückzuführen, Thaksins Tochter – übrigens ebenfalls ein ehemaliger Premierminister –, der im Touristenparadies Phuket ein großes Casino eröffnen will, ein Projekt, das in direktem Zusammenhang mit der Lockerung der thailändischen Glücksspielgesetze steht.
This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit
Causa Lauener, F35 und UBS!
lundi 21 juillet 2025 • Durée 25:49
Willkommen zu einer neuen Ausgabe von Swissaster News, dem Podcast von Swissvox, der die Schweiz unter die Lupe nimmt – und zwar dort, wo es wehtut. Wir graben tief, decken auf und hinterfragen, was in den Schlagzeilen oft untergeht. Heute richten wir den Fokus auf einen Fall, der die Schweizer Politik erschüttert hat: die Einstellung des Strafverfahrens gegen Peter Lauener, den ehemaligen Kommunikationschef von Alt-Bundesrat Alain Berset, in der sogenannten „Corona-Leaks-Affäre“. Ist dies das Ende eines Skandals – oder der Beweis für ein System, das Fehler der Mächtigen vertuscht?
Doch das ist nicht alles. Wir tauchen ein in die Welt der Schweizer Desaster: von fragwürdigen Justizentscheidungen über politische Fehltritte bis hin zu wirtschaftlichen Stolpersteinen. Heute sprechen wir über die Entschädigung von über 100.000 Franken an Lauener – bezahlt aus Steuergeldern –, über die Parallelen zu ähnlichen Fällen in Europa und über die Frage, ob die Schweiz ihre Souveränität an die EU abgibt. Dazu: ein Blick auf die jüngsten Pannen in der Schweizer Infrastruktur und die Debatte um die Sicherheit unserer Daten in einer digitalen Welt.
Swissaster News hält die Schweiz wach – mit Fakten, Analysen und einem kritischen Blick auf die Themen, die uns alle angehen. Schnallt euch an, es wird unbequem!
This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit swissvox.substack.com/subscribe
Trump's Wirtschaftsblase
vendredi 18 juillet 2025 • Durée 29:15
In seinem Vortrag beginnt Paul Krugman mit einem ironischen Verweis auf die dramatische Geschwindigkeit politischer Veränderungen in den USA unter der Trump-Administration. Ursprünglich hatte Krugman erwartet, über Handelspolitik und Zölle zu sprechen, doch die aktuelle Lage zwingt ihn, sich mit einem umfassenden Gesetzesvorhaben auseinanderzusetzen – dem sogenannten „One Big Beautiful Bill Act“. Krugman betont, dass dies tatsächlich der offizielle Titel des Gesetzes sei, was bereits viel über den politischen Stil des damaligen Präsidenten aussage. Der Begriff „beautiful“ werde von Trump inflationär und wahllos für alles verwendet, was er befürworte, und das Parlament habe diesen Ausdruck in den offiziellen Sprachgebrauch übernommen, was für Krugman einem Abgleiten in autoritäre Symbolik gleicht – eine Art „Washington als Pyongyang am Potomac“.
Krugman entwickelt eine zusammenhängende Erklärung für die aktuelle Politik: Alles, was seit Barack Obamas Amtsantritt im Jahr 2009 als Fortschritt galt, solle nun gezielt zerstört werden. Dies beginne mit dem Gesundheitssystem. Die unter Obama eingeführte Reform, auch bekannt als Obamacare, habe durch den Ausbau von Medicaid Millionen Menschen Zugang zu medizinischer Versorgung verschafft. Obwohl dieses System komplex und verbesserungswürdig sei, habe es reale Leben gerettet – insbesondere durch die Absicherung bei Vorerkrankungen. Nun drohten massive Kürzungen, vor allem bei Medicaid, jedoch nicht durch direkte Abschaffung, sondern durch administrative Hürden, die besonders bildungsferne und internetlose Bevölkerungsgruppen ausgrenzen würden. Für Krugman ist diese Vorgehensweise nicht zufällig, sondern Ausdruck gezielter Grausamkeit. Er verweist auf das Zitat von Adam Serwer: „The cruelty is the point.“
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Energiewende. In den USA sei es in den letzten Jahren gelungen, Wind- und Solarenergie marktfähig zu machen. Trotz – oder gerade wegen – dieses Erfolgs wolle das neue Gesetz nun sämtliche Förderungen streichen und sogar Sondersteuern auf erneuerbare Energien einführen. Ziel sei es, die saubere Energie gezielt zu sabotieren, obwohl die Technologie bereit sei, den Übergang zu vollziehen.
Krugman spricht außerdem über die Bedrohung für die US-Wissenschaft. Die Stärke der US-Wirtschaft sei historisch eng mit der wissenschaftlichen Forschung und den führenden Universitäten verbunden gewesen, etwa Stanford, MIT oder die Harvard Medical School. Diese Kooperationen hätten ganze Branchen wie Biotechnologie oder IT hervorgebracht. Nun solle die staatliche Forschungsförderung um rund 50 % gekürzt werden, während gleichzeitig Wissenschaftsfeindlichkeit im Regierungsapparat selbst grassiere. Die Ernennung von Robert F. Kennedy Jr. zum Gesundheitsminister sei hierfür symptomatisch: Kennedy lehne nicht nur Impfungen ab, sondern auch die Keimtheorie der Krankheit insgesamt – eine Haltung, die Krugman als gefährlich und absurd bezeichnet.
This is a public episode. If you'd like to discuss this with other subscribers or get access to bonus episodes, visit
Was bleibt, ist ein Kommissarstableau, das auf Gefolgschaft ausgerichtet ist. Kein institutionelles Gegengewicht, keine deliberative Expertenstruktur mehr – sondern ein Apparat, der auf Subordination getrimmt wurde. Der Politikwissenschaftler und EU-Parlamentarier Martin Sonneborn, der diesen Vorgang in einem vielbeachteten Video-Statement kommentierte, bringt es auf den Punkt: «Es war nie von der Leyen, die die EU verteidigt. Es ist die EU, die sich gegen von der Leyen verteidigen muss.»
Was auf dem Spiel steht
Mit Weyand verlässt nicht nur eine Person die Brüsseler Institutionen. Es geht eine Generation. Eine Beamtengeneration, die dem Ideal der fachlich fundierten, interessengeleiteten Entscheidungsfindung verpflichtet war – nicht soldatischem Kadavergehorsam. Ihr Abgang markiert das Ende einer europäischen Organisationskultur, die Kompetenz höher stellte als Konformität.
Das European University Institute in Florenz, wohin Weyand nun als «Beraterin für europäische strategische Partnerschaften» versetzt wird, ist gut dotiert und weit weg von jedem realen Einfluss. Eine goldene Verbannung – das klassische Instrument zur lautlosen Ausschaltung unbequemer Stimmen.
Für die Schweiz, die mit der EU über ein Rahmenabkommen und zahlreiche Sektorabkommen verhandelt, sind solche Entwicklungen keine abstrakten Brüsseler Interna. Wer auf der anderen Seite des Tisches sitzt – und mit welchem Mandat –, ist für Bern von unmittelbarer Relevanz. Eine EU-Kommission, die eigene Fachleute wegdrängt und Verhandlungen durch politische Vorgabe ersetzt, ist kein verlässlicher Partner. Sie ist ein Risiko.
Sie verkaufen ihre Möbel, kündigen ihre Wohnung und ziehen in einen Camper. Das spart zwar die hohen Mietkosten, bringt aber ganz neue Herausforderungen mit sich:
* Wo parken? Die grösste Hürde. Die meisten Campingplätze in der Schweiz verbieten das dauerhafte Wohnen. Nur eine Handvoll macht eine Ausnahme, und diese Plätze sind heiss begehrt.
* Rechtliche Grauzone: Den Wohnsitz offiziell im Camper anzumelden, ist kompliziert und oft unmöglich. Das führt zu Problemen mit Behörden, Versicherungen und der Post.
* Harter Alltag: Kein fliessendes Wasser, Gasflaschen schleppen im Winter, wenig Platz und kaum Privatsphäre. Das Leben im Camper ist alles andere als glamourös, besonders wenn es nicht freiwillig ist.
Trotz allem erzählen viele "Dauercamper" von einem neuen Gefühl der Freiheit und einem reduzierten, bewussteren Leben. Es ist eine Ambivalenz, die nachdenklich macht: Ist das die Zukunft des Wohnens? Eine erzwungene Genügsamkeit?
Gibt es einen Ausweg?
Die Politik ist alarmiert, aber die Mühlen mahlen langsam. Es wird über schnellere Bauverfahren, die Förderung von Genossenschaften und alternative Wohnformen wie Tiny Houses diskutiert.
Doch bis diese Lösungen greifen, bleibt die Lage angespannt. Die Geschichte der Menschen im Camper ist mehr als nur eine Randnotiz. Sie ist ein Weckruf. Sie zeigt, wie dringend die Schweiz neue und mutige Antworten auf eine der grundlegendsten sozialen Fragen unserer Zeit finden muss: das Recht auf ein bezahlbares Zuhause.
Was denken Sie darüber? Ist das Leben im Camper eine legitime Alternative oder ein Zeichen gesellschaftlichen Versagens? Hinterlassen Sie gerne einen Kommentar.
Alessandro Orsini machte deutlich, dass die Sozialwissenschaften und historisch-soziale Methoden geeignet seien, diese Kontroverse zu klären, und dass es erfreulicherweise ausreichend historisches Quellenmaterial gebe, um die Wahrheit zu ermitteln. Ziel seines Vortrags sei es, die relevanten historischen Dokumente zu präsentieren, sodass jede und jeder im Publikum sich ein eigenes, von Propaganda und Emotionen unbeeinflusstes Urteil bilden könne. Der behandelte Themenkomplex entspreche dem fünften Kapitel seines Buchs Casa Bianca Italia. La corruzione dell’informazione di uno stato satellite.
Er begann mit dem ersten historischen Fixpunkt: Am neunten November neunzehnhundertneunundachtzig fiel die Berliner Mauer, woraufhin Washington und Moskau in einen Dialog über die Wiedervereinigung Deutschlands traten. Die Vereinigten Staaten forderten von Gorbatschow den Abzug von sechshunderttausend sowjetischen Soldaten aus der DDR. Am neunten Februar neunzehnhundertneunzig kam es im Kreml zu einem Treffen zwischen Gorbatschow und James Baker, dem damaligen US-Außenminister unter Präsident Bush senior. Bei diesem Treffen versprach James Baker, die NATO werde sich keinen einzigen Zentimeter östlich ihrer damaligen Position ausdehnen – also nicht über die innerdeutsche Grenze hinweg in das Gebiet der DDR. Dieses Versprechen sei in der Originalformulierung besonders deutlich: „Die NATO wird sich keinen einzigen Zentimeter östlich ihrer gegenwärtigen Position ausdehnen.“
Alessandro Orsini unterstrich, dass es von entscheidender Bedeutung sei, die vollständige Formulierung zu kennen. Die NATO befand sich zum damaligen Zeitpunkt nur in der Bundesrepublik Deutschland, und die Sowjets hatten solche Angst vor einer NATO-Ausdehnung, dass sie selbst einen Vorstoß in das Gebiet der ehemaligen DDR als unannehmbar ansahen. Gorbatschow habe explizit gesagt, eine Expansion der NATO auch nur einen Zentimeter nach Osten sei für die Sowjetunion völlig inakzeptabel.
Am zehnten Februar neunzehnhundertneunzig, also am darauffolgenden Tag, informierte der deutsche Bundeskanzler – von James Baker instruiert – Gorbatschow telefonisch und wiederholte dabei die gleichen Zusicherungen. Auch der westdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher telefonierte am selben Tag mit seinem sowjetischen Amtskollegen Eduard Schewardnadse und bestätigte ebenfalls die gleiche Haltung.
Die Vereinigten Staaten erhielten durch diese Versprechen nicht die Zustimmung zur Wiedervereinigung selbst, sondern lediglich die Zustimmung, Verhandlungen über eine mögliche friedliche Wiedervereinigung aufzunehmen. Alessandro Orsini kündigte an, anhand freigegebener und öffentlicher Dokumente zu zeigen, dass Gorbatschow und die russische Führung von jenem neunten Februar bis zur Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrags am zwölften September neunzehnhundertneunzig sowohl öffentlich als auch hinter verschlossenen Türen immer wieder betonten, dass eine NATO-Osterweiterung für Russland inakzeptabel sei.
Doch es kam zu einem Bruch. Nachdem James Baker das Ja Gorbatschows erhalten hatte und stolz nach Washington zurückkehrte, wurde er von Präsident Bush zurückgepfiffen. Bush wies ihn an, nie wieder diese Formel zu benutzen, da die Vereinigten Staaten bereits die Aufnahme Polens in die NATO planten – ein Schritt, der später unter Präsident Clinton im Jahr neunzehnhundertneunundneunzig realisiert wurde. Baker schrieb daraufhin an die NATO-Partner und erklärte, dass diese Formulierung nie wieder verwendet werden dürfe. Doch er unterließ es, Gorbatschow darüber zu informieren. Stattdessen begannen die Vereinigten Staaten und die NATO, eine Strategie der Täuschung anzuwenden, um Gorbatschow zur Zustimmung zur Wiedervereinigung Deutschlands zu bewegen.
Am vierundzwanzigsten Februar neunzehnhundertneunzig traf sich Bush mit dem deutschen Kanzler Kohl in Camp David und kündigte dort eine Linie an, die sich später bis hin zur Präsidentschaft Bidens als durchgängig verfolgen lasse.
Natürlich, hier ist die korrigierte Zusammenfassung des zuvor bearbeiteten Abschnitts, jetzt korrekt mit dem Namen Alessandro Orsini:
Alessandro Orsini erinnert an das Gespräch zwischen Bush und Kohl am vierundzwanzigsten Februar neunzehnhundertneunzig in Camp David, bei dem Bush betonte, dass Russland keinerlei Ansprüche in Bezug auf die NATO stellen dürfe, da es den Kalten Krieg verloren habe und seine Niederlage akzeptieren müsse. Dieses Denken, so Orsini, ziehe sich über Jahrzehnte durch und finde sich auch im Verhalten von Stoltenberg und Biden im Jahr zweitausendzweiundzwanzig wieder. Am siebten September zweitausenddreiundzwanzig erklärte Stoltenberg vor dem Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten des Europäischen Parlaments, dass die tiefere Ursache des Ukrainekriegs in der NATO-Erweiterung liege. Putin habe vor der Invasion versucht, eine Einigung zu erzielen, um diese zu verhindern, doch die NATO habe sich bewusst geweigert, mit Russland zu verhandeln. Stoltenberg habe dies offen zugegeben und sich sogar damit gebrüstet, die Ukraine dem Risiko einer russischen Invasion ausgesetzt zu haben, um nicht mit Putin über NATO-Grenzen zu verhandeln.
Alessandro Orsini erinnert an den dritten März zweitausendzweiundzwanzig, als er in einer Fernsehsendung dieselbe Analyse präsentierte und dafür massiv diffamiert und beleidigt wurde. Dies erklärt er mit der Abhängigkeit Italiens von den Vereinigten Staaten und mit einem Klima, in dem selbst Universitätsprofessoren unter Druck gesetzt und bedroht werden, wenn sie historische Wahrheiten aussprechen, die der amerikanischen Linie widersprechen. Er kehrt dann zum historischen Bericht zurück und erklärt, dass Gorbatschow nach dem Treffen in Camp David zunehmend misstrauisch wurde, weil ihm die schriftlichen Garantien, die Baker suggeriert hatte, nie übermittelt wurden. Am zweiundzwanzigsten Mai neunzehnhundertneunzig erklärte Gorbatschow in einem Interview mit der Times, dass eine NATO-Osterweiterung für die Sowjetunion untragbar sei. Er betonte auch, dass der Aufbau eines neuen Europas nicht unter NATO-Führung stattfinden dürfe. Dieses Interview belege, dass der russische Widerstand gegen die NATO-Erweiterung öffentlich bekannt war.
Drei Tage später sagte Gorbatschow auch zu Mitterrand, dass eine NATO-Osterweiterung für Russland inakzeptabel sei. Gleichzeitig schrieb der amerikanische Botschafter in Moskau in einem Brief an das Weiße Haus, dass es zahlreiche Anzeichen für eine Krise gebe und Gorbatschow sehr empfänglich für finanzielle Angebote sei, um den wirtschaftlichen Verfall seines Landes zu bremsen. In den folgenden Wochen wuchs die Enttäuschung Gorbatschows über das Ausbleiben schriftlicher Zusicherungen. Innerhalb der NATO entstand eine gewisse Spannung: Bush betrachtete die deutsche Wiedervereinigung vor allem als Mittel zur NATO-Erweiterung, während Kohl und sein Außenminister Genscher die Wiedervereinigung als existenziell für Deutschland ansahen. Auch aus wahltaktischen Gründen war Kohl an einem schnellen Erfolg interessiert.
In der Nacht vom elften September neunzehnhundertneunzig, kurz vor der Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrags, drohte Gorbatschow, die Unterschrift zu verweigern, weil die Vereinigten Staaten keine klare Zusage zur NATO-Nichterweiterung machen wollten. Kohl und Genscher waren erbost, auch weil der Golfkrieg nach der Invasion Kuwaits durch Saddam Hussein die Aufmerksamkeit von Bush absorbierte. In dieser kritischen Nacht informierte Schewardnadse Genscher, dass die Sowjets bereit seien, die Verhandlungen platzen zu lassen. Um dies zu verhindern, einigte man sich auf ein Addendum zum Vertrag, das ein entscheidendes Wort im dritten Absatz des Artikels fünf des Vertrags klarstellen sollte.
Dieser Artikel besagt unmissverständlich, dass keine nicht-deutschen Soldaten und keine Nuklearwaffen von West- nach Ostdeutschland verlegt werden dürfen. Das Wort „NATO“ wird im Vertrag bewusst vermieden. Dennoch störte sich Bush daran, da diese Formulierung faktisch die Teilung Deutschlands in eine NATO- und eine Nicht-NATO-Zone festschrieb. Das Addendum sollte deshalb klären, wie der Begriff „stationieren“ zu verstehen sei: Die Entscheidung liege jeweils beim deutschen Staat unter Berücksichtigung der Sicherheitsinteressen Russlands. Damit blieb die Formulierung bewusst vage. Ziel von Bush war es, sich eine spätere Truppenverlegung bis nach Polen offen zu halten.
Alessandro Orsini fasst zusammen, dass die historische Dokumentation klar belege, dass die NATO den Russen eine Nicht-Erweiterung zugesagt habe. Er wirft die Frage auf, warum Gorbatschow den Vertrag trotzdem ohne schriftliche Garantie unterschrieb, und gibt darauf eine deutliche Antwort: Geld. Bush und Kohl hätten ab Februar neunzehnhundertneunzig eine Strategie entwickelt, um Gorbatschow durch finanzielle Anreize zum Einlenken zu bewegen. Dies sei durch Robert Gates belegt, der damals stellvertretender Nationaler Sicherheitsberater im Weißen Haus war und später Verteidigungsminister unter Bush junior und Obama wurde. Gates erklärte offen, dass die Sowjets „herausgekauft“ wurden, also bestochen. Gorbatschow habe in seiner finanziellen Notlage eingewilligt, obwohl der eigentliche Vertrag in Artikel fünf, Absatz drei eindeutig und ohne Spielraum sei – anders als das Addendum, das gezielt auf Mehrdeutigkeit setze, um spätere Manöver der NATO zu ermöglichen.
Alessandro Orsini schildert abschließend die letzten Etappen der Verhandlungen zwischen Gorbatschow, Kohl und Bush, bei denen es im Kern um massive finanzielle Forderungen der Sowjetunion ging. Gorbatschow verlangte sechsunddreißig Milliarden D-Mark, eine exorbitante Summe, auf die Kohl zunächst nur mit sechs Milliarden D-Mark eingehen wollte. Schließlich einigte man sich auf zwölf Milliarden D-Mark zuzüglich drei Milliarden D-Mark als zinsloses Darlehen. Aus Gründen der Kürze könne er im Vortrag nicht alle Details darlegen, im Buch selbst seien jedoch zahlreiche ergänzende Informationen zu finden.
Alessandro Orsini zieht daraus eine eindeutige Schlussfolgerung: Die Versprechen, die der NATO gegeben wurden, insbesondere das Versprechen, sich nicht nach Osten auszudehnen, wurden nicht eingehalten. Stattdessen habe die NATO nahezu ganz Europa in ihren Einflussbereich integriert – mit Ausnahme von Belarus. Die Ukraine sei inzwischen de facto Mitglied der NATO geworden, was sich unter anderem an der Anwendung von Artikel fünf auf ukrainischem Territorium zeige. Die NATO habe, so Alessandro Orsini, versucht, „den großen Coup“ zu landen, habe dabei aber ein gewaltiges Risiko eingegangen. Während die italienische Öffentlichkeit darüber kaum informiert gewesen sei, werde in den Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten offen diskutiert, dass eine Aufnahme der Ukraine in die NATO zu einem Krieg mit Russland führen könne. Viele Politiker und Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten hätten seit Langem gewarnt, dass ein solcher Schritt katastrophale Folgen haben werde.
In Alessandro Orsinis Analyse war es ein zynisches Spiel auf dem Rücken der ukrainischen Bevölkerung, das die NATO gespielt habe – ein gefährliches Spiel, für das letztlich die Ukraine mit ihrer Zerstörung bezahlt habe. Als der Krieg ausbrach, habe Alessandro Orsini sofort gefordert, ihn unverzüglich durch diplomatische Verhandlungen mit Russland zu beenden, da andernfalls die Ukraine vollständig zerstört werde. Damals sei ihm vorgeworfen worden, diese Position aus der Annahme heraus zu vertreten, Russland sei zu schwach und müsse durch Verhandlungen vor einer demütigenden Niederlage bewahrt werden. Tatsächlich, so Alessandro Orsini, habe er aber schon zu Beginn gewusst, dass Russland die militärische Stärke besitze, die Ukraine zu vernichten, wenn der Westen versuche, es auf dem Schlachtfeld zu besiegen.
Genau dies sei dann geschehen. Die Gegenoffensive der Ukraine, die am fünften Juni zweitausenddreiundzwanzig begann, sei von NATO-Staaten, darunter auch Italien, mit dem erklärten Ziel unterstützt worden, Russland auf dem Schlachtfeld zu besiegen, tausende russische Soldaten zu töten und Russland zur bedingungslosen Kapitulation zu zwingen. Sowohl die Regierung Draghi als auch die Regierung Meloni hätten sich an dieser Strategie beteiligt. Heute aber, so Alessandro Orsini, habe in Italien niemand mehr den Mut, öffentlich einzugestehen, dass diese Strategie gescheitert sei. In den großen Medien und im Fernsehen werde darüber geschwiegen. Doch die Bevölkerung habe die Realität erkannt: Eine Erhebung des Meinungsforschungsinstituts CENSIS vom sechsten Dezember zweitausendvierundzwanzig zeige, dass sechsundsechzig Komma drei Prozent der Italiener die Verantwortung für den Ukrainekrieg beim Westen, der NATO und insbesondere bei den Vereinigten Staaten sehen. Dies sei ein Zeichen dafür, dass das italienische Volk nicht so leicht von der Propaganda des Weißen Hauses manipuliert werde, wie oft behauptet werde.
Alessandro Orsini führt diese Situation auf die geopolitische Stellung Italiens zurück. In seiner Interpretation sei Italien ein Satellitenstaat der Vereinigten Staaten, das heißt ein Land, dessen Außenpolitik zu hundert Prozent von einer fremden Macht – der US-Regierung – kontrolliert werde. Dies gelte für die italienische Politik im Nahen Osten, in Gaza, in der Ukraine und grundsätzlich weltweit. Als Satellitenstaat sei Italien gezwungen, Rechenschaft über alles abzulegen, was es öffentlich äußert. Wenn die historischen Quellen also eine bestimmte Wahrheit belegen, diese aber dem Weißen Haus missfällt, dann würden jene Wissenschaftler, die diese Wahrheit öffentlich aussprechen, diffamiert, verleumdet und durch gezielte Kampagnen sowohl menschlich als auch beruflich systematisch zerstört. Dennoch, so Alessandro Orsini zum Abschluss, gebe es glücklicherweise noch einige, die Widerstand leisten.
Er bedankt sich zum Schluss bei allen Anwesenden dafür, dass sie trotz des Regens zur Veranstaltung gekommen sind.
Das neue Unternehmen droht, die enormen Gewinne, die Hun Sen mit seinen Casinos in Poi Pet an der thailändischen Grenze erzielt, erheblich zu schmälern.
Die Situation wird durch den seit langem andauernden, ungelösten Grenzstreit noch komplizierter, der nun – raten Sie mal – durch Pipelineistan neu entfacht wird: Es dreht sich alles um die Öl- und Gasförderung.
Die heutige thailändisch-kambodschanische Grenze verläuft größtenteils entlang der Wasserscheide des Dangrek-Gebirges. Hun Sen ist begierig darauf, selbst kleine Landstriche auf der thailändischen Seite der Wasserscheide zu erobern und nutzt dafür alte Khmer-Tempel als Vorwand. Das gesamte Gebiet war einst Teil des mächtigen Khmer-Reiches.
Hun Sens Ziel ist es, einen Präzedenzfall für die Änderung der Küstengrenze zu schaffen. Dies hätte offensichtlich Auswirkungen auf die Seegrenzen im Golf von Thailand und die Kontrolle über Öl- und Gasfelder. Derzeit besitzen mehrere westliche Unternehmen – darunter Chevron – Bohrrechte auf der thailändischen Seite der Seegrenze, weshalb der Westen Thailand „unterstützt“.
Und hier kommt China ins Spiel. Peking unterhält bedeutende Handelsbeziehungen mit Thailand, deren Umsatz sich auf 135 Milliarden Dollar beläuft. Diese Zahl verblasst im Vergleich zu den 12 Milliarden Dollar, die der Handel zwischen China und Kambodscha ausmacht. Zudem sind die chinesischen und thailändischen Streitkräfte eng miteinander verbunden. Obwohl China massiv in die Modernisierung Kambodschas investiert – unter anderem in ein riesiges Wirtschaftszentrum vor den Toren Phnom Penhs –, wird Peking Hun Sens (mittlerweile kontraproduktives) Wagnis nicht unterstützen.
Nun kommen wir zum heikelsten Teil der Gleichung. Thaksin wurde im Wesentlichen von den engsten Beratern des Königs auf die thailändische politische Bühne zurückgebracht, mit dem Ziel, die liberale „Bedrohung“ in Schach zu halten. Doch nun scheint Thaksin alles vermasselt zu haben. Und aus royalistischen Kreisen gibt es Stimmen, die von einem äußerst verärgerten König sprechen, der die Kambodscha-Frage als persönlichen Affront auffasst.
Innerhalb des thailändischen Militärs – einem äußerst komplexen Umfeld – gibt es mehrere Fraktionen. Die Kommandeure, die derzeit die Lage an der Grenze kontrollieren, sind als „die Männer des Königs“ bekannt.
Na und? Beobachter der unbeständigen thailändischen Politik betonen schon lange, dass das Königreich erneut ein empfindliches Gleichgewicht gefunden hat und es in vielerlei Hinsicht erfolgreich geschafft hat, sowohl die USA als auch China auf seine Seite zu ziehen.
Es besteht daher die große Wahrscheinlichkeit, dass die thailändische Armee tiefer in Kambodscha vordringt und die irredentistischen Forderungen der glühendsten Nationalisten unterstützt. Gleichzeitig könnte sich dies als einmalige Gelegenheit erweisen, die durch den französisch-siamesischen Vertrag von 1907 festgelegten Kolonialgrenzen zu korrigieren.
Erschwerend kommt hinzu, dass diese Schritte mit den Interessen der Kompradoreneliten Bangkoks korrespondieren, die eine stärkere Kooperation mit den Ländern des Globalen Südens verachten – und sich dazu bestechen lassen, diese zu verhindern.
Ja, das ist auch Teil des Krieges gegen BRICS
Nun zum Gesamtbild. Sowohl Thailand als auch Kambodscha, zentrale Knotenpunkte der zehn ASEAN-Mitglieder, sind eng mit China verbunden – geografisch wie geoökonomisch. Daher gilt die klassische imperiale Strategie des Teilens und Herrschens – auf die Spitze getrieben und dem höchsten Imperativ untergeordnet, wie Mackinder und Mahan lehren, in moderner Interpretation: die Randgebiete rund um das kontinentale Kernland in Brand zu setzen.
Dies ist die aktuelle Stoßrichtung des Chaos-Imperiums auf Steroiden. Und wir haben noch nichts gesehen. Und vergessen wir nicht: Thailand ist auch ein Partner der BRICS. Chaos destabilisiert ASEAN und BRICS gleichzeitig.
Und jetzt klebt Blut auf den Gleisen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Schlüsselprojekt der Neuen Seidenstraße ist die 6.000 Kilometer lange Hochgeschwindigkeitsstrecke, die Kunming, die Hauptstadt von Yunnan, mit Südostasien bis nach Singapur verbinden soll.
Der Abschnitt Kunming-Vientiane (Laos) ist bereits mit großem Erfolg in Betrieb. Die thailändische Verlängerung nach Nong Khai – bislang von grassierender Korruption geplagt – könnte bis 2030 endlich fertiggestellt sein. Ein weiterer Zweig zwischen Vietnam und Kambodscha wird Ho-Chi-Minh-Stadt und Phnom Penh mit Bangkok verbinden.
Der Krieg brach direkt an der thailändisch-kambodschanischen Grenze aus. Das Szenario des „ Desperation Row “ ist immer dasselbe: Die ASEAN-Verbindungskorridore werden von innen gesprengt, ein Zollkrieg und ein potenzieller regionaler Konflikt sind die Folge.
Globalsouth.co liefert wertvolle Analysen und listet sogar die vom Imperium des Chaos propagierten „Highways to Hell“ auf. Hier ist eine (nicht abschließende) Liste von Beispielen für das „Teile-und-herrsche“-Prinzip im Zusammenhang mit China, dem Iran und Russland – das, was ich das „Primakow-Dreieck neu betrachtet“ (RIC) nenne.
Wir beginnen mit Gaza – und Palästina, an der Frontlinie des Krieges gegen die Achse des Widerstands.
Hinzu kommen der fortschreitende Zerfall Syriens durch rehabilitierte salafistische Dschihadisten, der Plan zur Zerstückelung des Libanon, Sultan Erdogans fortwährender Doppel- und Dreifachdeal und vor allem der unmittelbar bevorstehende Angriff der zionistischen Achse auf den Iran.
Russland wird sich jenseits des nunmehr zusammenbrechenden Stellvertreterkriegs in der Ukraine unerbittlich neuen Fronten stellen müssen: dem neuen Eisernen Vorhang in der Ostsee mit dem Traum, diese in einen „NATO-See“ zu verwandeln; dem Terrorismus im Schwarzen Meer – der größten Obsession des MI6; der Instrumentalisierung Moldawiens und Plänen für einen Angriff auf Transnistrien; der Infiltration aufstrebender Dschihadisten in Zentralasien durch den MI6; und dem Mafiaspiel Aserbaidschans unter der Führung von Alijew.
Ali Akbar Velayati, Berater von Ayatollah Khamenei, warnt, dass der US-Vorschlag, die Kontrolle über den strategischen Sangesur-Korridor zu übernehmen, ein geopolitisches Wagnis „der USA, Israels, der NATO und panturkistischer Bewegungen“ sei, um „die Achse des Widerstands zu schwächen, die Verbindungen des Iran zum Kaukasus abzubrechen und eine Landblockade gegen den Iran und Russland in der südlichen Region zu verhängen.“
Wenn wir uns durch Süd-, Ost- und Südostasien bewegen, sehen wir, wie zeitweise Chaos in die Beziehungen zwischen Indien und Pakistan (beide sind Mitglieder der SCO) eindringt; wir sehen alle erdenklichen Versuche, offizieller und anderer Art, das Südchinesische Meer zu destabilisieren – und drängen sogar Taiwan zu einer letzten Provokation Chinas; wir sehen erneute Provokationen zwischen China und Japan wegen der Diaoyu/Senkaku-Inseln; und wir sehen Versuche, einen regionalen Krieg zwischen Thailand und Kambodscha zu entfachen, begleitet von möglichen Farbrevolutionen – ein Muster, das man bereits in Myanmar beobachten kann.
Dabei wird die afrikanische Front – von Somalia über die Allianz der Sahelstaaten bis hin zur Demokratischen Republik Kongo (BRICS-Partner) und Nigeria – noch gar nicht berücksichtigt. In Südamerika ist Brasilien das offensichtliche Ziel, insbesondere nach dem Erfolg des BRICS-Gipfels in Rio. Brasilia, das in Washington als schwaches Glied der BRICS-Staaten gilt, ist nun einem unerbittlichen kommerziellen und geoökonomischen Angriff von Trump 2.0 ausgesetzt.
Chinas tadellos höfliches Außenministerium brachte die Stimmung in der südlichen Hemisphäre zumindest auf den Punkt: „Die Vereinigten Staaten haben in den Augen der Nationen ihre Legitimität verloren, die Welt anzuführen. Sie sind moralisch nicht länger dazu befugt, über Werte oder Frieden zu sprechen und gleichzeitig den Völkermord im Gazastreifen zu unterstützen.“
Das bedeutet, dass praktisch niemand in ganz Asien bereit ist, eine Ukraine 2.0 zu werden und sich den Plänen von CIA, MI6 und NATO für einen Krieg gegen China unterzuordnen. Genau das wird die malaysische ASEAN-Präsidentschaft heute in Bangkok und Phnom Penh kommunizieren. Der jährliche ASEAN-Gipfel findet im kommenden Oktober in Malaysia statt.
Was sollten die BRICS-Staaten kurzfristig tun, solange die Lage angespannt ist? Sie sollten diskret und geschickt vorgehen und dabei einen langfristigen Fokus haben, beispielsweise indem sie der „Zentralität“ der ASEAN Priorität einräumen. Letztlich könnten sich die USA als Dreh- und Angelpunkt erweisen, da die wahren Machtzentren der westlichen Teile-und-herrsche-Bewegung weiterhin Tel Aviv und London sind.
Im weiteren Verlauf hebt Krugman erneut die Bedeutung von Medicaid hervor. Er betont, dass trotz der bekannten Mängel des US-Gesundheitssystems, der Ausbau von Medicaid eine bedeutende Verbesserung gebracht habe. Das geplante Gesetz könne über 16 Millionen Menschen den Zugang zu Gesundheitsversorgung kosten. Viele weitere müssten mit höheren Kosten rechnen. Krugman erinnert daran, dass vor Obamacare Menschen mit Vorerkrankungen faktisch keine Chance auf Versicherung hatten – ein Zustand, zu dem man nun offenbar zurückkehren wolle.
Er schließt den ersten Teil seines Beitrags mit einer gesellschaftspolitischen Reflexion. Die USA hätten in den letzten Jahrzehnten bedeutende Fortschritte in Sachen Toleranz gemacht – sei es bei der Akzeptanz von Mischehen oder der Gleichstellung homosexueller Paare. All diese Entwicklungen seien nun unter massivem Beschuss. Ein Klima unverhohlener Bigotterie kehre zurück, das zuvor zumindest tabuisiert war. Krugman sieht darin eine systematische Demontage all dessen, was die Vereinigten Staaten zu einer besseren Gesellschaft gemacht habe.
Ein konkretes Beispiel für diese rückschrittliche Politik sei die Einführung von Arbeitsanforderungen für den Erhalt von Medicaid. Krugman stellt klar, dass dies ein Scheinproblem sei: Die überwiegende Mehrheit der Medicaid-Empfänger*innen könne gar nicht arbeiten – aufgrund von Alter, Krankheit, Pflegeverpflichtungen oder weil sie ohnehin schon arbeiteten. Die Vorstellung des faulen, arbeitsfähigen Sozialhilfeempfängers sei ein politischer Mythos – ähnlich der „Welfare Queen“ der 1980er Jahre. Krugman verweist auf seine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Thema Wohlfahrtsstaat, um zu betonen, dass es keinen empirischen Zweifel daran gebe, dass solche Maßnahmen weder notwendig noch gerechtfertigt seien.
Paul Krugman führt seinen Vortrag fort, indem er auf die praktischen Konsequenzen von Arbeitspflichten für Medicaid-Empfänger*innen eingeht. Krugman stellt klar, dass diese Maßnahmen nicht zu höherer Erwerbstätigkeit führen, sondern lediglich dazu, dass viele Menschen ihren Versicherungsschutz verlieren, weil sie an bürokratischen Hürden scheitern. Dieses Muster sei aus der jüngeren Vergangenheit – etwa aus dem Bundesstaat Georgia – bestens bekannt. Dennoch werde diese nachweislich ineffektive Politik nun landesweit zum zentralen Element der Sozialpolitik gemacht.
Auch in der Energiepolitik sieht Krugman eine gefährliche Rückabwicklung. Der technologische Fortschritt habe mit Wind- und Solarenergie eine Möglichkeit geschaffen, die Emissionen drastisch zu reduzieren, ohne den Lebensstandard zu beeinträchtigen. Ein sanftes Subventionssystem hätte genügt, um den Übergang zu erneuerbaren Energien zu vollziehen. Doch seit dem 20. Januar, dem Tag der Amtsübernahme, werde diese Entwicklung aktiv sabotiert.
Krugman blickt zudem auf den wissenschaftlichen und akademischen Sektor, den er als Fundament des amerikanischen Erfolgsmodells beschreibt. Die Vereinigten Staaten seien einst nicht die führende Wissenschaftsnation gewesen – in den 1930er Jahren sei dies eindeutig Deutschland gewesen. Erst durch die Offenheit für internationale Talente, großzügige staatliche Förderung und ein konkurrenzloses Universitätssystem habe sich die USA an die Spitze gearbeitet. Krugman weist darauf hin, dass viele Spitzenfakultäten stark von Einwanderung profitieren. Doch genau diese Offenheit sei nun gefährdet. Internationale Konferenzen würden bereits verlegt oder abgesagt, weil Forscher*innen nicht mehr sicher sein könnten, einreisen zu dürfen – oder gar willkürlich festgehalten zu werden, wenn sie sich kritisch über Donald Trump geäußert hätten. Damit werde das wissenschaftliche Rückgrat des Landes mutwillig zerschlagen.
Krugman berichtet zudem von einer neuen Initiative der Regierung, die sich anschicke, Menschen die Staatsbürgerschaft zu entziehen. Dies betreffe etwa Verwandte von ihm, die zwar US-Bürger seien, aber durch ihre hispanischen Wurzeln und das Sprechen von Spanisch im öffentlichen Raum zur Zielscheibe von Immigration Enforcement würden. Sie trügen nun Passkarten bei sich, um sich ausweisen zu können – mit der realen Gefahr, dass dies im Ernstfall nicht akzeptiert werde. Die USA bewegten sich auf einen Zustand zu, der mit demokratischen Werten nicht vereinbar sei.
Wirtschaftlich konstatiert Krugman zwei große Erschütterungen. Langfristig sei die Zerstörung der wissenschaftlichen Infrastruktur das größte Risiko für die amerikanische Ökonomie. Kurzfristig seien es vor allem die Zölle, die für Turbulenzen sorgten. Während bei Trumps Amtsantritt der durchschnittliche Zollsatz unter 3 % lag, liege er nun bei rund 17 %. Damit erreiche das Land wieder ein Niveau wie nach dem Smoot-Hawley-Tarif von 1930, der häufig mit der Großen Depression in Verbindung gebracht wird. Doch Krugman hebt hervor, dass es diesmal kein schleichender Prozess sei – die USA seien von nahezu Freihandel in kürzester Zeit in einen Zustand massiver Protektionismus gestürzt. In einer Welt, in der Handel heute dreimal so bedeutend sei wie 1930, sei dies ein Schock von historischer Dimension. Besonders fatal sei dabei nicht nur die Höhe der Zölle, sondern deren völlige Unberechenbarkeit. Unternehmer*innen könnten nicht mehr planen, wenn sich die Handelspolitik im Wochentakt ändere.
Krugman erzählt exemplarisch von zwei großen Zollankündigungen im April – am 2. und am 9. April –, die völlig unterschiedliche Waren betrafen, obwohl das durchschnittliche Zollniveau gleich blieb. Der Grund dafür sei, dass zwei Mitglieder des Wirtschaftsteams in Abwesenheit von Peter Navarro ins Oval Office gingen, Trump zur Kursänderung überredeten und diesen per Truth Social veröffentlichen ließen. Für Krugman ist das ein Beleg dafür, dass die wirtschaftspolitischen Entscheidungen der „größten Nation der Welt“ inzwischen willkürlich und chaotisch gefällt werden.
Noch gravierender als die Zölle seien laut Krugman die ökonomischen Folgen großflächiger Abschiebungen. Diese träfen keineswegs die gesamte Wirtschaft gleichmäßig, sondern genau jene Sektoren, die auf die Arbeitskraft von Migrantinnen angewiesen seien: Landwirtschaft, Baugewerbe, Fleischverarbeitung. Die Vorstellung, dass Migrantinnen Arbeitsplätze von US-Amerikaner*innen wegnähmen, hält Krugman für empirisch widerlegt. Vielmehr nähmen beide Gruppen unterschiedliche Aufgaben wahr. Wenn nun Hunderttausende oder Millionen abgeschoben würden, bedeute das nicht nur menschliches Leid, sondern auch spürbare Preissteigerungen und sinkenden Lebensstandard – schlimmer noch als durch die Zölle.
Krugman warnt davor, vorschnell wirtschaftliche Katastrophen zu prognostizieren, nur weil man mit einer Regierung nicht einverstanden sei. Die Geschichte lehre, dass Krisen sich oft länger hinzögen als erwartet – und dann plötzlich eskalierten. Er zitiert seinen früheren Lehrer Rudiger Dornbusch mit dem berühmten Satz: „The crisis takes longer to happen than you can possibly imagine, and then it happens faster than you can possibly imagine.“ Auch Paul Samuelson kommt zur Sprache, der einst sagte: „The stock market has predicted nine of the last five recessions.“ Krugman mahnt daher zur Vorsicht bei kurzfristigen Prognosen, erkennt aber zugleich die Gefahr eines langfristigen Niedergangs.
Besorgt beobachtet Krugman auch die internationalen Reaktionen: Während eines Besuchs in Brasilien hörte er dort von Anlegern, dass sich die USA zunehmend wie ein Schwellenland verhielten. Die Kombination aus steigenden Zinsen und fallendem Dollar – in der US-Geschichte ein absolutes Novum – deute auf einen Vertrauensverlust der internationalen Investoren hin.
Doch Krugman endet diesen Abschnitt mit einem Hoffnungsschimmer. Er habe befürchtet, dass die Bevölkerung den autoritären Kurs über lange Zeit stillschweigend akzeptieren könnte. Doch das Gegenteil sei der Fall. Die Umfragewerte zum „One Big Beautiful Bill“ seien katastrophal, und die Demokraten hätten bei Sonderwahlen im Schnitt 15 Prozentpunkte besser abgeschnitten als 2024. Auch die Massenproteste – etwa am „No King’s Day“, an dem Krugman selbst teilnahm – zeigten, dass ein wachsames und widerständiges Amerika existiere.
Er glaubt, dass selbst bei einem Durchkommen des Gesetzes die Kürzungen im Sozialbereich nicht von Dauer sein würden. Die gesellschaftliche Gegenwehr werde letztlich dafür sorgen, dass ein Mindestmaß an Anstand wiederhergestellt werde – auch wenn es dauern und große Anstrengungen erfordern werde. Skeptisch bleibt Krugman allerdings, ob Wissenschaft, Bildung und das internationale Ansehen der USA jemals vollständig wiederhergestellt werden können.
Paul Krugman äußert in diesem Abschnitt eine vorsichtige Hoffnung, dass sich in der amerikanischen Gesellschaft mehr Anstand und Widerstand zeige, als er vor einigen Monaten noch vermutet hätte. Trotz der politischen Turbulenzen sieht Krugman Zeichen einer moralischen Gegenbewegung. Er zitiert das Stück Death of a Salesman mit dem Satz „Attention must be paid“, um zu betonen, dass man den aktuellen Entwicklungen Aufmerksamkeit schenken müsse – auch wenn sie beunruhigend sind.
Auf die Frage, ob Trumps Wirtschaftspolitik eine Depression auslösen könne, antwortet Krugman differenziert: Zölle allein führten nicht zwingend zu einer Rezession. Selbst Großbritannien habe in den 1950er Jahren 25 % Zoll gehabt und dennoch niedrige Arbeitslosigkeit verzeichnet. Gefährlich sei jedoch die politische Unberechenbarkeit – nicht die konkreten Maßnahmen, sondern die Unsicherheit, die Investitionen hemme.
Mit Blick auf New York City sieht Krugman das Hauptproblem nicht in Kriminalität oder Migration, sondern in der Wohnungsfrage. Die Stadt sei trotz rechter Rhetorik lebendig, vielfältig, sicherer als je zuvor – aber unerschwinglich. Krugman fordert mehr Wohnungsbau, auch im Luxussegment, da dies indirekt auch bezahlbaren Wohnraum freisetze. Als Vorbild nennt er überraschend Tokio, wo trotz hoher Bevölkerungsdichte bezahlbares Wohnen möglich sei.
Auf die Frage, welcher Präsident die klügste Wirtschaftspolitik betrieben habe, verweist Krugman auf Franklin D. Roosevelt, der das Land durch die Große Depression führte. Trotz Fehlern sei es gelungen, die Wirtschaft zu stärken und soziale Ungleichheit zu verringern. Auch Joe Biden verdiene Anerkennung: Die wirtschaftliche Erholung nach der Pandemie sei im internationalen Vergleich außergewöhnlich stark gewesen. Es sei gelungen, die Inflation zu bekämpfen, ohne Massenarbeitslosigkeit zu erzeugen – ein Ergebnis, das viele Ökonomen nicht erwartet hätten.
Krugman bekennt sich ausdrücklich zur sozialdemokratischen Idee: Eine im Wesentlichen marktwirtschaftliche Ordnung mit sozialen Sicherungssystemen und Regulierung. Er lobt europäische Länder wie Dänemark und die Niederlande, die trotz geringfügig niedrigerem BIP pro Kopf Lebensstandards bieten, die er als vorbildlich betrachtet. Längere Lebenserwartung, funktionierende soziale Netze und Innovationskraft – etwa bei Halbleitertechnologie (ASML aus den Niederlanden) oder Medikamenten (Dänemark) – zeigten, dass soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit kein Widerspruch sein müssten.
Zur US-Staatsverschuldung erklärt Krugman, dass es keine ökonomische Krise gebe. Die aktuelle Schuldenquote sei vergleichbar mit der Lage nach dem Zweiten Weltkrieg. Großbritannien habe damals sogar eine Schuldenquote von 250 % bewältigt. Das eigentliche Problem sei politisch: Die USA hätten im internationalen Vergleich extrem niedrige Steuern. Würde man nur das Niveau der anderen Industrieländer erreichen, ließe sich die Verschuldung problemlos kontrollieren. Auch Reformen im Gesundheitswesen – etwa das Eindämmen der überteuerten Medicare-Programme – könnten helfen. Der Widerstand mächtiger Interessengruppen verhindere jedoch die nötigen Veränderungen.
In Bezug auf die Zukunft der Sozialversicherung (Social Security) erklärt Krugman, dass es sich zwar technisch um ein umlagefinanziertes System handele, dies aber politisch als Fonds getarnt sei. Die Finanzierung über Lohnnebenkosten (FICA) sei buchhalterisch, aber nicht zwingend notwendig. Die USA hätten die Mittel, die Leistungen zu sichern. Sollte nichts unternommen werden, würden die Leistungen in rund einem Jahrzehnt um etwa 25 % gekürzt – doch Krugman glaubt nicht, dass die Politik dies zulassen wird. Für viele Amerikaner sei Social Security die einzige Altersvorsorge – ein Umstand, der politisch nicht ignoriert werden könne.
Abschließend streift Krugman das Thema Überwachungstechnologie. Er räumt ein, dass er sich mit der Thematik nicht tiefgehend befasst habe, erwähnt aber seine Faszination für die TV-Serie Person of Interest, in der ein fiktives Überwachungssystem zum zentralen Element wird. Seine Erfahrungen als Geschworener in New Jersey hätten ihm einen Einblick in reale polizeiliche Überwachung und Entscheidungsprozesse gegeben – wenn auch auf einem weitaus banaleren Niveau als in der Fiktion.
Paul Krugman schließt sein Gespräch mit einer Reihe persönlicher, gesellschaftlicher und wirtschaftspolitischer Reflexionen ab. Auf die Frage zur Allgegenwart von Überwachung antwortet Krugman nüchtern: Wer glaubt, privat zu sein, irrt. Von Tankstellen bis Beerdigungsinstituten – nahezu jeder öffentliche Raum werde von Kameras überwacht. Selbst vermeintlich diskrete Drogengeschäfte in der Nacht seien meist dokumentiert. Diese Realität sei längst Teil des Alltags.
Krugman zeigt sich tief besorgt über die Kürzungen bei der Forschungsförderung in den USA. Besonders die Naturwissenschaften seien durch die drastische Finanzierungslücke gefährdet, da deren Arbeit besonders teuer sei. Besonders alarmierend findet Krugman, dass nicht nur neue Projekte verhindert, sondern auch laufende Fördermittel gestrichen würden – was rechtlich einem Vertragsbruch gleichkäme. Die Konsequenzen für den wissenschaftlichen Fortschritt seien gravierend.
Zum Thema Wechselkurs erklärt Krugman, dass ein schwächerer US-Dollar tendenziell die Exporte fördert und Importe verteuert, was wiederum inflationstreibend wirkt. Anders als von einigen Ökonomen erwartet, habe der Dollar im Zuge von Trumps Zollpolitik nicht aufgewertet, sondern abgewertet, was die Preissteigerung zusätzlich verstärke.
Eine besonders persönliche Frage lautet, in welchen Punkten Krugman von der Mehrheitsmeinung führender Ökonomen abweiche. Er beschreibt sich selbst als weitgehend orthodox, auch wenn seine zugespitzten Texte oft wie Provokationen wirkten, aber in Wirklichkeit „Econ 101“ in einfacher Sprache seien. Lediglich bei der Staatsverschuldung habe er lange eine gelassenere Haltung vertreten als viele Kollegen – eine Haltung, die sich inzwischen relativiert habe, angesichts der politischen Instabilität. Viele seiner früheren, unorthodoxen Positionen – etwa zur japanischen Deflation oder zur Finanzkrise – seien mit der Zeit Mainstream geworden. Schon 1998 habe er gemeinsam mit Ökonomen wie Ben Bernanke auf Parallelen zwischen Japan und einem möglichen US-Szenario hingewiesen.
Zur Frage nach einem möglichen Übergang zu einem Single-Payer-Gesundheitssystem in den USA führt Krugman das Beispiel Taiwans an, dessen System von seinem verstorbenen Kollegen Uwe Reinhardt und dessen Frau May Chung entworfen wurde – ein weitgehend staatlich finanziertes Modell, vergleichbar mit „Medicare for All“. Dennoch hält Krugman einen solchen Wandel in den USA für politisch kaum durchsetzbar. Zu viele Menschen hätten private Krankenversicherungen über ihren Arbeitgeber und seien mit dem Status quo zufrieden. Zudem verfüge die Versicherungsindustrie über enorme politische Macht. Dennoch weist Krugman darauf hin, dass bereits jetzt über die Hälfte der US-Gesundheitsausgaben vom Staat getragen werde – vor allem durch Medicare und Medicaid. Die USA seien also einem Single-Payer-System näher, als es den Anschein habe.
Auf die Frage nach Geld- und Finanzpolitik für das laufende und kommende Jahr betont Krugman, dass es derzeit keinen wirtschaftlichen Grund gebe, hohe Budgetdefizite zu fahren. Solche Defizite seien sinnvoll bei Kriegen, schweren Finanzkrisen oder Pandemien – aktuell jedoch nicht. Dennoch werde die Fiskalpolitik „katastrophal“ betrieben. Hinsichtlich der Zinspolitik der US-Notenbank zeigt Krugman Verständnis für die vorsichtige Haltung von Jerome Powell: Angesichts der großen Unsicherheit sei es klug, abzuwarten. Niemand wisse, wie sich die Weltwirtschaft bis 2026 entwickeln werde – daher sei „paralysierte Vorsicht“ vielleicht die angemessene Reaktion.
Zur Frage, ob eine Rückverlagerung der Produktion in die USA („Onshoring“) einen wirtschaftlichen Aufschwung bringe, entgegnet Krugman mit einem Faktencheck: Der Anteil der Industrie an Beschäftigung und BIP sei seit den 1970er Jahren stark gesunken – von 25 % auf etwa 10 %. Dies liege nicht primär an Importen, sondern an enormer Produktivitätssteigerung. Auch Länder mit riesigen Exportüberschüssen wie Deutschland hätten heute viel weniger Industriearbeitsplätze als früher. Die Situation gleiche der in der Landwirtschaft: Auch dort produziere die USA enorme Mengen mit sehr wenigen Arbeitskräften. Eine Rückverlagerung der Produktion werde daran wenig ändern.
Auf die Frage, ob Krugman staatlichen Daten noch vertraue, antwortet er: „Ja – noch.“ Er sehe jedoch bereits erste Anzeichen politischer Einflussnahme. So würden Datenquellen etwa zu Kryptoenergieverbrauch bereits vom Energieministerium abgeschaltet. Krugman verweist auf Kolleg:innen, die sich darauf vorbereiten, unabhängige Datensysteme aufzubauen, um Manipulationen erkennen zu können. Die Gefahr einer Entwicklung wie in Argentinien unter den Kirchners, wo amtliche Daten völlig unglaubwürdig wurden, sei real.
Zum Abschluss erhält Krugman eine augenzwinkernde Frage: Ob Harry Seldon – der fiktive mathematische Historiker aus Isaac Asimovs Foundation-Romanen – Donald Trump für den „Mule“ halten würde, also für die unvorhersehbare Figur, die ein ganzes System stört. Krugman verneint, erklärt aber, dass ihn Asimovs Idee der mathematischen Gesellschaftsanalyse stark geprägt habe. Als Jugendlicher habe er davon geträumt, einer dieser analytischen Zukunftsdenker zu werden – Ökonomie sei der Realität am nächsten kommende Ersatz dafür gewesen. Die aktuelle Verfilmung der Foundation-Reihe lehne er jedoch ab – sie habe nichts mit Asimovs intellektueller Tiefe zu tun. Krugman beendet das Gespräch mit der ernüchternden Erkenntnis, dass das Grundproblem aller Voraussagen in der Unvorhersehbarkeit liege: „Ich weiß nicht, was in zwei Monaten passiert – geschweige denn in 200 Jahren.“