Explorez tous les épisodes du podcast Hör-Lyrik
| Titre | Date | Durée | |
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| Kurt Tucholsky: Krieg dem Kriege | 26 févr. 2022 | 00:04:30 | |
Krieg dem Kriege Sie lagen vier Jahre im Schützengraben. Und keiner, der ihnen die Wahrheit sagt. Brüder! Brüder! Schließt die Reihn! | |||
| Erich Kästner: Kennst du das Land? | 13 févr. 2022 | 00:02:39 | |
Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn? Dort wachsen unterm Schlips Gefreitenknöpfe. Wenn dort ein Vorgesetzter etwas will Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen Kennst Du das Land? Es könnte glücklich sein. Selbst Geist und Güte gibt's dort dann und wann! Dort reift die Freiheit nicht. Dort bleibt sie grün. | |||
| Goethe: Harfenspieler | 31 janv. 2022 | 00:00:54 | |
Harfenspieler
Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß. Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte. Ihr führt ins Leben uns hinein, Ihr lasst den Armen schuldig werden, Dann überlasst ihr in der Pein: Denn alle Schuld rächt sich auf Erden. | |||
| Rilke: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort... | 09 janv. 2022 | 00:01:19 | |
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus: Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort. Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, sie wissen alles, was wird und war; kein Berg ist ihnen mehr wunderbar; ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott. Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern. Die Dinge singen hör ich so gern. Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm. Ihr bringt mir alle die Dinge um. | |||
| Rilke: Da stieg ein Baum... (Sonette an Orpheus, I.1) | 03 janv. 2022 | 00:01:43 | |
Da stieg ein Baum. O reine Übersteigung! Gelesen von Benjamin Lucas (C) 2021 | |||
| Hölderlin: Die Liebe | 22 déc. 2021 | 00:02:16 | |
Die Liebe Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr die Euern all, O ihr Dankbaren, sie, euere Dichter schmäht, Gott vergeb' es, doch ehret Nur die Seele der Liebenden. Denn o saget, wo lebt menschliches Leben sonst, Da die knechtische jetzt alles, die Sorge, zwingt? Darum wandelt der Gott auch Sorglos über dem Haupt uns längst. Doch, wie immer das Jahr kalt und gesanglos ist Zur beschiedenen Zeit, aber aus weißem Feld Grüne Halme doch sprossen, Oft ein einsamer Vogel singt, Wenn sich mählich der Wald dehnet, der Strom sich regt, Schon die mildere Luft leise von Mittag weht Zur erlesenen Stunde, So ein Zeichen der schönern Zeit, Die wir glauben, erwächst einziggenügsam noch, Einzig edel und fromm über dem ehernen, Wilden Boden die Liebe, Gottes Tochter, von ihm allein. Sei gesegnet, o sei, himmlische Pflanze, mir Mit Gesange gepflegt, wenn des ätherischen Nektars Kräfte dich nähren, Und der schöpfrische Strahl dich reift. Wachs und werde zum Wald! eine beseeltere, Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden Sei die Sprache des Landes, Ihre Seele der Laut des Volks! Friedrich Hölderlin | |||
| Goethe: Weihnachten | 21 déc. 2021 | 00:01:02 | |
Weihnachten. Bäume leuchtend, Bäume blendend, Ueberall das Süße spendend, In dem Glanze sich bewegend, Solch ein Fest ist uns bescheret, Mancher Gaben Schmuck verehret; Staunend schaun wir auf und nieder, Hin und her und immer wieder. Aber, Fürst, wenn Dir’s begegnet Und ein Abend so Dich segnet, Daß als Lichter, daß als Flammen Vor Dir glänzten allzusammen Alles was Du ausgerichtet, Alle die sich Dir verpflichtet: Mit erhöhten Geistesblicken Fühltest herrliches Entzücken. Johann Wolfgang von Goethe | |||
| Hölderlin: Winter | 20 déc. 2021 | 00:01:05 | |
Winter Wenn sich das Laub auf Ebnen weit verloren, So fällt das Weiß herunter auf die Tale, Doch glänzend ist der Tag vom hohen Sonnenstrahle, Es glänzt das Fest den Städten aus den Toren. Es ist die Ruhe der Natur, des Feldes Schweigen Ist wie des Menschen Geistigkeit, und höher zeigen Die Unterschiede sich, daß sich zu hohem Bilde Sich zeiget die Natur, statt mit des Frühlings Milde. Höldelrin | |||
| Goethe: Lass nur die Sorge sein | 19 déc. 2021 | 00:00:22 | |
Laß nur die Sorge sein, Das gibt sich alles schon; Und fällt der Himmel ein, Kommt doch eine Lerche davon. (C) Benjamin Lucas | |||
| Hölderlin: Der Winter | 18 déc. 2021 | 00:00:54 | |
Der Winter Und rings das Feld mit den Gebirgen schweiget, So glänzt das Blau des Himmels an den Tagen, Die wie Gestirn in heitrer Höhe ragen. Der Wechsel und die Pracht ist minder umgebreitet, Dort, wo ein Strom hinab mit Eile gleitet, Der Ruhe Geist ist aber in den Stunden Der prächtigen Natur mit Tiefigkeit verbunden. Friedrich Hölderlin | |||
| Stefan George: Nun lass mich rufen... | 17 déc. 2021 | 00:01:26 | |
Nun lass mich rufen über die verschneiten Du kamst beim prunk des blumigen geschmeides · Dein wort erklang mir bei des laubes dorren So hat das schimmern eines augenpaares | |||
| Wilhelm Busch: Niemals | 16 déc. 2021 | 00:00:38 | |
Niemals
Wonach du sehnlich ausgeschaut, Es wurde dir beschieden. Du triumphierst und jubelst laut: Jetzt hab ich endlich Frieden! Ach, Freundchen, rede nicht so wild. Bezähme deine Zunge. Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, Kriegt augenblicklich Junge. | |||
| Rilke: O Leben Leben, wunderliche Zeit | 14 déc. 2021 | 00:01:09 | |
O Leben Leben, wunderliche Zeit | |||
| Rilke: Manchen ist sie wie Wein | 13 déc. 2021 | 00:02:12 | |
Manchen ist sie wie Wein, der das Glänzen des Glases Vielen erneut sie das heimliche Hören und steigert ja nur das Tor, den Bogen, den plötzlich bekränzten, stark sind und sicher. Wo sie das sind, was sie meinten, Denn auch jene, nichts als sich Sehnenden leisten, | |||
| Stefan George: Da waren Trümmer nicht... | 12 déc. 2021 | 00:01:06 | |
Da waren trümmer nicht noch scherben Von tausend blüten war ein quillen (C) Benjamin Lucas | |||
| Rilke: Zum Einschlafen zu sagen | 11 déc. 2021 | 00:01:46 | |
Ich möchte jemanden einsingen, (C) Benjamin Lucas. | |||
| Rilke: An Sidonie Nádherný von Borutin. 1907. Aus Oberneuland. | 10 déc. 2021 | 00:01:23 | |
Wenn so ein Weihnachten herankam und zögerte und plötzlich da war, so nah vor dem Herzen, wie ein Berg an dem man nicht hinaufsehn kann, – welches Erleben erlebten wir da nicht? Welche Erwartung blieb außerhalb, welche Freude wurde uneröffnet zurückgelegt; und wieviel Schicksal war aufgelöst in alledem, wieviel von Traurigkeit und Tod tranken wir mit einem Tropfen Enttäuschung, der süß war wie alles andere und doch so anders in seiner Süße –. Ich merke nun, wie sehr es in der Arbeit wiederkommen will, dieses Alles-in-Allem-sein, das die Kindheit war. | |||
| Rilke: Brief an die Mutter. 1916. Aus München. | 09 déc. 2021 | 00:04:49 | |
Als ich Dir vor einem Jahr, von Wien aus, meinen Weihnachtsbrief sandte, da dachte ich unwillkürlich, die nächsten Weihnachten würde, müßte die Welt wieder im Heilen sein. Sie ist es nicht, und wenn das Bewußtsein ihres unaufhörlichen Wund- und Geschlagenseins über jedem Tag liegt, über jeder Nacht, wie sehr erst erfüllt und erschwert es das Erlebnis gerade dieses, des Heiligen Abends, des Abends, an dem zu Erden das Heil geboren wurde, das mißkannte, mißhandelte, geopferte Heil der Welt. Voriges Jahr gab es keinen in der Victorgasse, und ich weiß nicht, ob ich heuer den Glanz eines Christbaumes ertrüge, ja ob nicht das mindeste Geschenk zum Gewicht würde in meiner Hand. Es ist so viel Schwere in der Luft, daß sie in jeden Gegenstand schlägt, den man zu fassen und zu halten genötigt ist –, und das Scheinen und Flackern jedes Lichts, weit entfernt ein Schimmer zu sein, nimmt die Bedeutung der namenlosen Unsicherheit an, in der wir leben. Wer hat das Herz, eine Feier aus sich aufzubringen, wer wird die Kraft haben zum Weihnachtslied anzusetzen? Wer wird knieen dürfen und nichts als feierlich sein? Neben dem Feiern ist in jedem das stumpfe Trauern, und die Stimme, die das Weihnachtslied zu heben hat, hat an der Klage vorbeizugehen. Und das Knieen, das Erhebung bedeutet, ist dasselbe Knieen, das Unterwerfung ausdrückt unter den Druck eines den ganzen Raum ausfüllenden Schicksals. Und doch, liebe Mama, indem uns noch einmal zugemutet wird, in so schwer verhängter Welt das heilige Fest hinzunehmen, wird die Probe an uns gerichtet ob wir über uns hinaus zu feiern verstehen. Denn nicht uns feiern wir in diesem heilhaft geborenen Kind, sondern die Kräfte des höheren Geistes. Auch nicht seine Wendung zu uns, denn wir haben sie verschmäht und verleugnet und haben ihn nicht zur Einkehr zugelassen. Den Geist selbst, seine lautere Verwandlung in ein sichtbares Kind, seine Einsamkeit und Unschuld, sein Bei-uns-in-Gefahrsein beten wir an und begehen es im erhobenen Gemüt. Wir haben nichts gemein mit diesem göttlichen Kinde, als daß wirs grade noch wahrnehmen, wie die Könige und die erstaunten Hirten den Stern wahrnehmen, der über seiner Ankunft in den Himmeln ging. Dieses Kind in seiner unübertrefflichen Armut ist für uns die äußerste Stelle der Welt, das Ende unseres Augenlichts, das Fernste unseres Herzens: darum ist es so klein, ist ein Kind aus Entfernung, und wächst uns nicht auf als am Kreuze, das mitten in unserem Herzen steht. Und doch vielleicht befestigt der Zwang ein solches Fest in solcher Zeit zu feiern (das Fest der Unschuld mitten in einer Welt verstricktester Verschuldung) vielleicht bestärkt diese Not in uns den Entschluß, nie das Unsere zu preisen, sondern an den Weiten unseres Wesens uns zu heiligen. Und so sehr ich mich unfähig fühle, Weihnachten in meiner Stube anzurichten, saß ich in der Mitternachtsmette oben an der Orgel, ich stimmte gleichwohl den stärksten Psalm an und priese die unerschöpfliche Weihnacht. (C) 2021 Benjamin Lucas. | |||
| Rilke: Brief an die Mutter. 1922. Aus Muzot. | 08 déc. 2021 | 00:02:13 | |
Es ist heute der Abend vom Wunder zu reden, angesichts des Wunders der heiligen Krippe <…>! – So laß uns, liebe Mama, auch heute, wie seit Jahrzehnten, wie in meiner kleinsten Kindheit, staunend und freudig vor diesem heiligen Geheimnis vereinigt sein: wie sehr der gute Papa das Geschenkzimmer vorzubereiten wußte, so daß das Kinderherz hoch aufschlug beim Aufspringen der Flügeltür und meinte, wie von einer Welle der Erfüllung überwältigt zu sein. Aber wie viel gewaltiger noch, je mehr dieses eine kindliche Herz wächst und zunimmt, wie ungeheuer überlegen auch noch in ihm, dem erwachsensten Herzen, bleibt diese verschwenderische jede seiner Erwartungen überfüllende Welle, wenn sie nun nichtmehr aus dem heimlich ausgestatteten, plötzlich eröffneten Zimmer, nicht mehr vom übervollen Gabentisch, sondern von der kleinsten unscheinbarsten Stelle herüberschlägt, an der wir das Weihnachtslicht anzünden. Die Erscheinung des lieblichen Wunders durfte kleiner, geringer werden, weil wir dahingekommen sind, über dem mindesten Zeichen seiner Gegenwart, den ganzen Glanz in uns, in unserem festlichen, geordneten Gemüt wahrzunehmen. Die Bescherung hat draußen nur ein Tischchen für sich, aber die lange Tafel der Erfüllungen steht nun in unserem Herzen, umgeben von einem Glanz, der auch noch die Erinnerung an den schönsten Christbaum der Kindheit übertrifft. Rainer Maria Rilke. (C) 2021 Benjamin Lucas | |||
| Goethe: Der Schatzgräber | 07 déc. 2021 | 00:02:31 | |
Der Schatzgräber. Arm am Beutel, krank am Herzen, Holde Augen sah ich blinken | |||
| Hölderlin: Sokrates und Alcibiades | 06 déc. 2021 | 00:00:52 | |
»Warum huldigest du, heiliger Sokrates, «Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste, | |||
| Hölderlin: Menschenbeifall | 05 déc. 2021 | 00:01:12 | |
Menschenbeifall Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll, Ach! Der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt, | |||
| Hölderlin: Hälfte des Lebens | 04 déc. 2021 | 00:01:17 | |
Hälfte des Lebens | |||
| Rilke: An Clara Rilke. 1906. Aus Capri. | 03 déc. 2021 | 00:10:16 | |
Erinnerst Du?… unsere beiden verhaltenen Weihnachtsabende? (den in der rue de l'Abbé de l'Epée, den im römischen Studio al Ponte, die beide ja so viel weniger gültig waren, weil keiner von uns bei Ruth an der Stelle sein konnte, wo alles von selbst zu Weihnachten wird, wenn die Stunde kommt) - wie sehr haben wir damals schon gefühlt, daß wir unsere Arbeit so tief mit uns vermischen müssen, daß ihre Werktage aus sich heraus zu Festen führen, zu unseren eigentlichen Festen. Alles andere ist ja nur ein Stundenplan, wie wir ihn in der Schule gehabt haben; lauter, lauter Festgesetztes und die leeren Stellen für den Sonntag und für Weihnachten und Ostern. Leere Stellen, die man mit etwas anfüllt, was zu dem Anderen, Ausgemachten in Widerspruch steht; und so ein bißchen als Ferien, haben wir alle jene Gezeiten immer noch aufgenommen, die mit dem Kalender heraufkamen, uns zerstreuend an ihnen und das Ende immer gerne hinausschiebend, obwohl wir doch schon ein Vorgefühl hatten jener aus dem eigenen Herzen stammenden Feste, die kein Widerspruch sind zu den Wochen, die sie unmerklich herbeiführen, und keine Zerstreuung und kein Hinzögern unbestimmter Tage. Nur einmal vielleicht, seit wir zusammen sind, fiel beides in dieselbe Zeit. Du weißt wann. Am zwölften hab ich jenes unbeschreiblich Weihnachtliche so stark wieder durchlebt, das damals unser einsames Haus erfüllte und nicht aufhörte, darin zuzunehmen, so daß man hätte glauben mögen, es müsse schon weit darüber hinausreichen in die kalten Tage hinein, in die langen Adventnächte; es müsse sichtbar sein selbst für die, die ferne vorüberfahren, und alles verändert haben, so daß Menschen von weit herüberkommen und schauen. Aber niemand kam, und was da stand, war nichts als ein kleines Haus, mit einem riesigen dichten Dach überhäuft, das den Menschen alltäglich schien, von dem die Engel aber vielleicht wußten, daß es die richtigen Maße habe, die, mit denen der große Raum, der es umgab, von ihnen durchmessen wird. Es war wie der kleinste Teil jenes unendlichen Maßstabes, die Maßeinheit, die immer wieder kommt und mit der man bis ans Ende reichen kann, ohne etwas anderes hinzuzufügen als immer wieder dasselbe. Du weißt?… was mir in meiner frühen Kindheit Weihnachten war; selbst noch dann, als die Militärschule mir ein wunderloses, hartes, unbegreiflich boshaftes Leben so glaubhaft vortäuschte, daß mir keine andere neben jener unverschuldeten Wirklichkeit möglich schien; selbst dann noch war Weihnachten wirklich und war das, was mit einer Erfüllung herankam, die über alle Wünsche hinausging, und wenn es über die äußersten letzten nie noch gewünschten hinaus war, dann begann es erst recht, dann faltete es, das bisher gegangen war, Flügel aus und flog, flog, bis es nicht mehr zu sehen war und man nur noch die Richtung wußte, in dem großen fließenden Licht. Und alles das hatte noch immer, immer noch Macht über mich. Und in jedem dieser Jahre, wenn ich für uns oder für Ruth ein Weihnachten aufbaute, so verachtete ich ein wenig mein Gebautes, weil es so weit hinter jenem Wunder zurückblieb, von dem ich wußte, daß es in meiner Phantasie nicht willkürlich und hemmungslos gewachsen war: so groß, so unbeschreiblich war es schon immer gewesen. Und nun saß ich am zwölften lange und dachte; dachte an die ganze tiefe Gnadenzeit, die damals durch unsere Herzen ging. Fühlte den Vorabend wieder im Wohnzimmer; den Morgen, den frühen erst, bei der Kerze, in dem das Neue anstieg, wie eine Überschwemmung Angst verbreitend und Schrecken; dann den späteren Morgen im Winterlicht mit seiner völlig neuen Ordnung, mit seiner Ungeduld, seiner bis ans Äußerste angespannten Erwartung, die an den kleinen, momentanen und greifbaren Erfüllungen zu immer stärkerer Spannung wuchs; dann dieser ganze steile Vormittag, als ob man einen Berg rasch, viel zu rasch hinanmüßte, und endlich in all dem Ungewissen, nicht Vorstellbaren, nicht Möglichen: etwas Wirkliches, eine Wirklichkeit, die in unerhörter Weise mit dem Wunde | |||
| Rilke: An die Mutter. Vor Weihnachten 1923. Aus Muzot. | 02 déc. 2021 | 00:04:48 | |
Meine liebe gute Mama, unsere herzliche Sechs-Uhr-Tradition hat lauter frohe und treue Eigenschaften: aber ist es nicht eine der schönsten, die sie uns zugutekommen läßt, daß wir uns nicht allein, jedes Jahr, die alte Weihnachtsfreude schenken, gegenseitig, sondern, daß dieser zwischen uns vertrauliche Gebrauch auch noch die Weihnachts-Vor-Freude aufleben und dauern läßt, die vor der geschlossenen Tür verhaltene, die immer von so starker herzklopfender Bedeutung war! Denn indem jeder von uns, infolge der Entfernung, die unsere Briefe zu überwinden haben, genötigt wird, indem er schreibt, sich einige Tage vor dem Fest schon seine ganze heimliche Gegenwart vorzustellen, ja aus ihr heraus, das zu fühlen, was den Anderen: Dir! - die Sechsuhrstunde betonen und erfüllen soll, ist er unversehens in der großen reichen Vor-Freude drin und spricht mitten aus ihr. Von nirgends her ist ja die Freude erkennbar und ergreifbar als von der Vor-Freude aus. Also, meine liebe Mama, da bin ich, in ihr, in dieser wohlbekannten Vorfreude, die Freude sein wird, wenn Du dieses liest und mich, im Innern dieser Zeilen, in Deine Arme schließest. Aber laß mich noch eine Weile bei der Vorfreude bleiben. Die habt Ihr mich ja, Du und Papa, in einer unvergleichlichen Weise, gelehrt, mittels der Vorbereitungen und Überraschungen, die bei uns zu diesem Fest gehörten. Was schlug mir das Herz, vom Geburtstag an, über den St. Nikolaus-Tag auf Weihnachten zu, und wie steigerte sich diese seine Erregtheit immer noch mehr, am 21ten, am 22ten, am 23ten, bis am seltsam ausgesparten Nachmittag des 24ten, in seinem nicht mehr zu steigernden Sturm jene Wind-Stille eintrat, die im Menschlichen mit dem Zuviel beginnt, und in deren reine Atemlosigkeit dann die Glocken, die Glockenspiele eindrangen, die dem Aufspringen der Türen zuvorflogen durch die Dämmerung des unvergleichlichen Wintertags. Vielleicht bin ich deshalb, meine liebe Mama, ein solcher Rühmer der Freude geworden (sie dem Glück, auch noch dem, was die Menschen ein großes Glück nennen, unbedenklich vorziehend), weil Ihr mich zu so großer Vorfreude erzogen habt und an diesem einen Tag, in dem so viel Erfüllung geheimnisvoll zusammenkam, meinem Herzen zumutetet, in der Leistung der Vorfreude, ein Maß der Freude anzunehmen, das völlig unaussprechlich war. Die Freude selbst war es dann ja auch: unaussprechlich. Vielleicht schlug in sie etwas Verwirrung hinein, etwas Taumel fiel über sie her, etwas selige Müdigkeit beschlug sie... so daß man in ihr nicht mehr so klar, nicht mehr so rein leistend war, nicht mehr so unbeschränkt aktiv wie in dem engelhaften Wehen der Vor-Freude. Dort ging man, man stieg -, hier, in der Freude, war man über einen äußersten Rand gehalten und meinte nicht anders zeitweise, als zu fallen, weich und tief zu fallen. Denn, wer weiß, vielleicht ist das Leben so unendlich diskret, daß die Freude schon Einbildung ist: vielleicht ist ja das ganze Irdische, in seiner letzten Zusammenfassung, in der auch noch der größeste Schmerz, als eine Einzelheit, untergeht, nichts als eine einzige Vor-Freude - und die Freude, die uns hier überträfe, wartet anderswo. | |||
| Rilke: Vor Weihnachten 1914 | 01 déc. 2021 | 00:06:57 | |
Rainer Maria Rilke. Vor Weihnachten 1914 1 Da kommst du nun, du altes zahmes Fest, und willst, an mein einstiges Herz gepreßt, getröstet sein. Ich soll dir sagen: du bist immer noch die Seligkeit von einst und ich bin wieder dunkles Kind und tu die stillen Augen auf, in die du scheinst. Gewiß, gewiß. Doch damals, da ichs war, und du mich schön erschrecktest, wenn die Türen aufsprangen – und dein wunderbar nicht länger zu verhaltendes Verführen sich stürzte über mich wie die Gefahr reißender Freuden: damals selbst, empfand ich damals dich? Um jeden Gegenstand nach dem ich griff, war Schein von deinem Scheine, doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand ein neues Ding, das bange, fast gemeine# Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak. O wie doch alles, eh ich es berührte, so rein und leicht in meinem Anschaun lag. Und wenn es auch zum Eigentum verführte, noch war es keins. Noch haftete ihm nicht mein Handeln an; mein Mißverstehn; mein Wollen es solle etwas sein, was es nicht war. Noch war es klar und klärte mein Gesicht. Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen, noch war es nicht das Ding, das widerspricht. Da stand ich zögernd vor dem wundervollen Un-Eigentum ..... 2 (………Oh, daß ich nun vor dir so stünde, Welt, so stünde, ohne Ende anschauender. Und heb ich je die Hände so lege nichts hinein; denn ich verlier. Doch laß durch mich wie durch die Luft den Flug der Vögel gehen. Laß mich, wie aus Schatten und Wind gemischt, dem schwebenden Bezug kühl fühlbar sein. Die Dinge, die wir hatten, (oh sieh sie an, wie sie uns nachschaun) nie erholen sie sich ganz. Nie nimmt sie wieder der reine Raum. Die Schwere unsrer Glieder, was an uns Abschied ist, kommt über sie.) 3 Auch dieses Fest laß los, mein Herz. Wo sind Beweise, daß es dir gehört? Wie Wind aufsteht und etwas biegt und etwas drängt, so fängt in dir ein Fühlen an und geht wohin? drängt was? biegt was? Und drüber übersteht, unfühlbar, Welt. Was willst du feiern, wenn die Festlichkeit der Engel dir entweicht? Was willst du fühlen? Ach, dein Fühlen reicht vom Weinenden zum Nicht-mehr-Weinenden. Doch drüber sind, unfühlbar, Himmel leicht von zahllos Engeln. Dir unfühlbar. Du kennst nur den Nicht-Schmerz. Die Sekunde Ruh zwischen zwei Schmerzen. Kennst den kleinen Schlaf im Lager der ermüdeten Geschicke. Oh wie dich, Herz, vom ersten Augenblicke das Übermaß des Daseins übertraf. Du fühltest auf. Da türmte sich vor dir zu Fühlendes: ein Ding, zwei Dinge, vier bereite Dinge. Schönes Lächeln stand in einem Antlitz. Wie erkannt sah eine Blume zu dir auf. Da flog ein Vogel durch dich hin wie durch die Luft. Und war dein Blick zu voll, so kam ein Duft, und war es Dufts genug, so bog ein Ton sich dir ans Ohr … Schon wähltest du und winktest: dieses nicht. Und dein Besitz ward sichtbar am Verzicht. Bang wie ein Sohn ging manches von dir fort und sah sich lange um, und sieht von dort, wo du nicht fühlst, noch immer her. O daß du immer wieder wehren mußt: genug, statt: mehr! zu rufen, statt Bezug in dich zu reißen, wie der Abgrund Bäche? Schwächliches Herz. Was soll ein Herz aus Schwäche? Heißt Herz-sein nicht Bewältigung? Daß aus dem Tier-Kreis mir mit einem Sprung der Steinbock auf mein Herzgebirge spränge. Geht nicht durch mich der Sterne Schwung? Umfaß ich nicht das weltische Gedränge? Was bin ich hier? Was war ich jung? Gelesen von Benjamin Lucas. | |||
| Trailer | 30 nov. 2021 | 00:01:20 | |
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott, | |||