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London, 30. Juli 1966. Wembley-Stadion, WM-Finale, England gegen Deutschland. Geoff Hurst schießt, der Ball knallt an die Latte, springt runter — und wieder raus. War er drin? Kein Mensch kann es sagen. Der Schiedsrichter läuft zu seinem Linienrichter. Die beiden haben nicht einmal eine gemeinsame Sprache. Eine Geste, ein Nicken. Tor. England wird Weltmeister. Sechzig Jahre später weiß es immer noch niemand sicher.
Würde derselbe Ball heute fallen — bei der laufenden WM 2026 —, wäre alles in unter einer Sekunde geklärt. Sieben Hochgeschwindigkeitskameras pro Tor, fünfhundert Bilder pro Sekunde, fünf Millimeter Genauigkeit. Kein Zweifel, keine Diskussion, kein Rätsel. Aber auch keine Legende.
In dieser Folge nehme ich die FIFA WM 2026 zum Anlass, um zu zeigen, wie tief KI schon im Fußball steckt — und was das mit dem Spiel macht. Wir gehen Schicht für Schicht: von der Torlinientechnik über den Videobeweis und das halbautomatische Abseits bis zum Spielball Trionda mit eingebautem Sensor und den 3D-gescannten Spielern dieser WM. Über hundertfünfzig Millionen Datenpunkte pro Spiel, Expected Goals, und mein eigenes kleines Experiment — einen selbstgebauten WM-Predictor, den ihr ausprobieren könnt (Link unten).
Dann wird es unsichtbar: Scouting per Algorithmus, bei dem Brighton einen Spieler für vier Millionen kauft und für hundertfünfzehn Millionen weiterverkauft. KI-gestützte Verletzungsvorhersage — und warum ein renommierter Sportmediziner das als "Wahrsagerei" bezeichnet. Die FIFA, die allen 48 Teams ein eigenes "Football Language Model" in die Hand drückt. Und Google DeepMind, dessen System bessere Eckbälle plant als die eigenen Analysten von Liverpool — in neunzig Prozent der Fälle.
Und dann die Frage, die am Ende viel größer ist als der Fußball: Was passiert mit einem Spiel, in dem es keine Fehler mehr gibt? In dem der Trainer einwechselt, weil die Maschine es sagt? In dem eine perfekte Torlinientechnik Maradonas "Hand Gottes" einfach annulliert hätte — und damit eine der größten Legenden des Sports gleich mit?
Byung-Chul Han sagt: Ohne das Gebrochene verkümmert das Schöne zum Glatten. Wir glätten den Fußball. Und mit den Brüchen nehmen wir ihm das, woraus überhaupt erst Drama entsteht. Aber es ist leicht, den Charme des Fehlers zu romantisieren, wenn man nicht der ist, der durch den Fehler verloren hat.
Am Ende kehren wir nach Wembley zurück. Zwei alte Männer, die sich bis heute widersprechen. Und eine Legende, die nicht trotz ihrer Ungeklärtheit eine Legende wurde — sondern genau deshalb.
Kontakt zu Paul Schmidt: Auf Instagram paulexplainsai oder unter www.one48.de